Klang Erzählungen - Silence is Sexy / Stille als positive Gestalt … - 31. März 2007 - Frank Lachmann - Seite 2 -
1.Einführung
Es ist unmöglich, nicht zu kommunizieren, lautet sinngemäß Paul Watzlawicks sogenanntes „metakommunikatives Axiom“. Übertragen auf Sound Studies bzw. „Akustische Kommunikation“, wäre also auf tonaler (akustischer) Ebene die entsprechende Form der Nicht-Kommunikation - die Stille - eben auch eine Form der Kommunikation, nur offenbar eine bisher selten untersuchte. In der vorliegenden Arbeit soll nun auf drei unterschiedliche Arten versucht werden, jeweils eine neue bzw. originellere Herangehensweise an dieses Phänomen, an diese besondere Form der akustischen Kommunikation, zu wagen. Die Arbeit ist inhaltlich eher als Sammlung von Texten und Textarten konzipiert, soll in ihrer Gesamtheit also weder rein wissenschaftlich noch ausschließlich essayistisch funktionieren, sondern vielmehr einen Eindruck, ein Gefühl, eine Empfindung vermitteln darüber, was ihr Anliegen ist.
Der erste Teil („Betrachtungen“) beschäftigt sich zunächst kurz mit den eventuell bereits bekannten Sichtweisen auf die Stille - Physik bzw. Akustik, Bedeutungsebenen und Beispiele werden hier angeführt. Im zweiten Abschnitt („Essays“) hingegen erfolgt eine freiere Beschäftigung mit dem Thema, in Form dreier Aufsätze über Stille im weitesten Sinn: in der Musik, in der Wahrnehmung und im Gespräch. Der letzte Abschnitt („Ideen“) schließlich schlägt einige neue, konstruktivere und möglicherweise unübliche Möglichkeiten vor, mit Stille umzugehen, mit Stille zu arbeiten oder Stille wahrzunehmen.
2. Betrachtungen
a. Stille Akustik (~ klassisch)
Schall ist, physikalisch, eine sich ausbreitende Welle. Die Akustik als Teilfach der Physik definiert ein Geräusch gemeinhin als sich wellenförmig ausbreitenden wahrgenommenen Druck- oder Dichteunterschied eines Materials innerhalb eines elastischen Mediums - das Nichtgeräusch, die Stille also, als das Nichtvorhandensein eines solchen Druckunterschieds, als das Nichtvorhandensein einer Schwingung, oder als die Nichtwahrnehmung einer eventuell vorhandenen Schwingung, aber auf akustisch wahrgenommener Ebene besteht hier kein Bedeutungsunterschied. Da jede noch so kleine Auslenkung zumindest theoretisch bereits ein Geräusch erzeugt, ist vollkommene Bewegungslosigkeit Voraussetzung für Stille. Das Material muß sich in Ruhe befinden, eine Amplitude darf nicht vorhanden sein.
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Diemenschliche Hörschwelle ist jedoch frequenzabhängig. Sie liegt bei einer Frequenz von 2kHz bei 0dB, etwas höher bei anderen, tieferen und höheren, Frequenzen. Ein Schalldruck, der unter dieser Hörschwelle liegt, wird nicht als Geräusch wahrgenommen. Ein bestimmter existierender Schalldruck kann also als subjektiv still bezeichnet werden, wenn sich sein Schalldruckpegel noch unter dieser Hörschwelle befindet, in physikalischer Hinsicht liegt aber keine Stille vor.
All diese Begriffsdefinitionen haben gemein, daß sie den Begriff Stille negativ definieren: um Stille zu erreichen, wird vom Geräusch (von der Schwingung, von der Bewegung, von der Lautstärke, ..) etwas entfernt. Der Grundzustand ist dabei das Geräusch. Auch Wikipedia ordnet den Begriff eher vage ein, als „empfundene Lautlosigkeit“ und „Abwesenheit jeglichen Geräuschs“. Auch im Alltag wird dies deutlich: HiFi-Verstärker benutzen eine Negativskala, ausgehend von der Maximalverstärkung, um die Lautstärke (besser: die Verringerung der eingesetzten Verstärkung) zu regulieren. Eine positiv formulierte Definition von Stille scheint, vor allem in technischer Hinsicht, aber auch bereits auf semantischer Ebene, eher ungewöhnlich zu sein. b. Stille Bedeutungen (~ relativ & absolut)
Auch im sogenannten „schalltoten Raum“ (der eigentlich lediglich ein reflexionsarmer Raum ist, also Schallwellen fast vollständig absorbiert und dessen Nachhallzeit gegen Null tendiert) ist die Empfindung selten die der vollkommenen Stille. Statt dessen berichten Personen hier oft von einer eher unangenehmen Verstärkung der eigenen Körpergeräusche - Herzschlag, Blutkreislauf, Zentrales Nervensystem werden wahrgenommen, weil sie auf einmal hörbar gemacht werden. Nicht zuletzt von John Cage wird folgendes berichtet: .. but the crux of the issue is that Cage heard two sounds in that presumably ‘silent room’ - one, high, his ‘nervous system in operation’ [tinnitis], the other, low, his ‘blood in circulation’ [heartbeat]. I informed the students that from this discovery, Cage correctly proclaimed that there is no such thing as ‘silence’ within the range of the normal human hearing. (Cross 2006, 2)
Eine absolute Stille scheint also unerreichbar, zumal jene - in all ihrer Radikalität, und wahrscheinlich genau deswegen - in der Natur auch nicht vorkommt: Absolute Stille gibt es nicht. Denn bei purer Schallosigkeit käme die Bewegung zum Erliegen und damit letztendlich Leben. (Stäbler 1992)
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Esbietet sich also vielmehr an, statt dessen von einer relativen Stille zu sprechen, womit nicht die individuelle Stille-Erfahrung gemeint sein soll, die von Person zu Person unterschiedlich ausfällt, sondern jene, die von Situation zu Situation sinngemäß und angepaßt verwendet wird. Die empfundene Lautstärke bei einer Pause in einem Musikstück beispielsweise, in einer Melodie, kann, auf diese Musik bezogen, durchaus als still bezeichnet werden, auch wenn währenddessen noch Umgebungsgeräusche wahrnehmbar sind. Eine bestimmte spannende Szene in einem Horrorfilm vielleicht, in einem Kino mit wahrnehmbar rumpelnder Klimaanlage angesehen, wird bezüglich der Akustik von den meisten Zuschauern in diesem Moment als still wahrgenommen werden, weil der Bezugsraum der beiden Geräusche bzw. Nichtgeräusche jeweils ein anderer ist. Als Arbeitsdefinition für Stille könnte unter diesem Aspekt also beispielsweise die relative und auf den jeweiligen Kontext bezogene Nicht- oder Minimalwahrnehmung von Geräusch formuliert werden.
Im übertragenen Sinn existiert der Begriff Stille nicht nur in der Musik. Bestimmte Farben können die Wirkung von Stille oder Ruhe transportieren (auch hier: je nach Kontext und Kulturkreis meist Schwarz oder Weiß, selten aber auch andere Farben); Personen können einen stillen oder ruhigen Charakter haben; Gebäude und Umgebunden können bereits ohne aktive Bezugsgeräusche still wirken allein aufgrund ihrer baulichen Gegebenheiten (das „stille Fleckchen im Grünen“, usw.). All diese Bedeutungsebenen haben jedoch gemein, daß mit ihnen nie eine absolute/radikale Form der Stille gemeint ist, sondern immer nur eine relative/kontextbezogene.
Auch in der Informationstheorie wird einem Signal mit konstanter Stille der gleiche Entropiewert zugeordnet wie einem durchgehend gleichförmigen Geräusch: die Informationsdichte (der Informationsgehalt) der beiden Signale unterscheidet sich nicht. Erst bei einer Änderung eines Signals, von Stille zum Geräusch oder in die entgegengesetzte Richtung, entsteht „Information“.
Die Stille existiert durch das Geräusch - und umgekehrt (vgl. dazu Abschnitt 4.c).
Klang Erzählungen - Silence is Sexy / Stille als positive Gestalt … - 31. März 2007 - Frank Lachmann - Seite 5 - c. StilleBeispiele (~ alltäglich)
Stille ist im Alltag auf unterschiedliche Arten präsent, die oft nicht nur durch Abwesenheit von Geräusch, sondern durch eine inhärente Bedeutung in Zusammenhang mit Stilleterminologisch, kulturell, musikalisch, … - interessant werden. Viele dieser unterschiedlichen Erscheinungsformen von Stille oder Ruhe werden, wie ja auch die Stille als Phänomen selbst, nicht mehr eindeutig als Artefakt 1 wahrgenommen, sondern gelten innerhalb ihrer jeweiligen Disziplin als eine unter vielen Alltäglichkeiten, Hilfsmitteln, Ärgernissen, Symptomen oder Merkwürdigkeiten.
Offensichtlich wird dies bereits in der Architektur bzw. dem Bauwesen. Lärmdämmung ist hier eine elementare Anforderung an Neubauten, sowohl in grundlegend bautechnischer Hinsicht als auch im innenarchitektonischen Detail vom Fensterrahmen bis hin zur Auslegware: erreicht werden soll Stille, oder doch wenigstens eine Annäherung daran, im Idealfall eine akustische Abschottung nach innen (keine Umgebungsgeräusche sollen in die Wohnung gelangen) und nach außen (laut sein dürfen, wenn man laut sein möchte, ohne die Nachbarn zu stören). Das Bedürfnis nach Ruhe - besser: das Bedürfnis nach der Möglichkeit zur Ruhe - wird hier, allein schon aus gesundheitlichen Gründen 2 , nur noch selten hinterfragt, sondern als ganz selbstverständlich angenommen. Dies geschieht sinngemäß auch im größeren Maßstab (Lärmschutzwände an Straßen mit hoher Verkehrsdichte) und natürlich im kleinen (Ohrenstöpsel zur individuellen Abschottung von akustischer Beeinflussung).
Im weniger konkreten Sinn als im Kampf gegen den Lärm ist Stille auch eine maßgebliche Eigenschaft im geistlichen Bereich, hier vor allem in Form der Besinnung und der inneren Ruhe. Menschen in Ausübung ihrer Religion, in Gottesdiensten und Andachten oder persönlichen Gebeten, verstummen, um sich konzentrieren zu können und sich nicht gegenseitig oder selbst abzulenken. Auch eine sogenannte Schweigeminute - in Gedenken an einen Verstorbenen - erfordert Besinnung und verträgt sich offensichtlich nicht mit Geräuschen, sondern will mit Stille assoziiert und in Stille ausgeübt werden. Der sogenannte „Seelenfrieden“ als Euphemismus für den Tod weiterhin übermittelt schon begrifflich die in ihm wohnende Stille (liegt doch der Ursprung des begrifflichen Gegenteils zur Stille, dem „Lärm“, im französischen „alarme“, das wiederum „zu den Waffen“ (à l’arme) und somit erwartungsgemäß das Gegenteil ebenjenes Friedens, der Stille und der ewigen Ruhe, ausdrückt).
1 Der Begriff „Artefakt“ möge hier nicht im klassischen Sinn „gegenständliches, menschengeschaffenes Werk“,
sondern eher als „explizites Phänomen“ verstanden werden.
2 vgl. http://www.tag-gegen-laerm.de/
Arbeit zitieren:
Frank Lachmann, 2007, Silence is sexy, München, GRIN Verlag GmbH
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