Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Distinktion durch Konsum: Bildungsbürger vs. Angestellte 5
2.1. Begriffliche Vorüberlegungen 5
2.2. Der Bildungsbürger als „richtiger“ Konsument 6
2.3. Bürgerliche Konsumkritik als Ausdruck des Antiamerikanismus’ 8
2.4. Bürgerliche Konsumkritik als Mittel der Abgrenzung gegenüber
Angestellten 9
3. Kinokultur in Bewegung - Die Zusammensetzung des Kinopublikums 10
3.1. Theater der „kleinen Leute“ 10
3.2. Proletarisierung des Kinos? 12
3.3. (Bildungs-)Bürgerliche Kinogänger 13
4. Verteidigung der Hochkultur: Die Kinodebatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts
4.1. Gefahren des Kinos aus bildungsbürgerlicher Sicht 16
4.2. Zensur als Mittel zur Bekämpfung des neuen Mediums 20
4.3. Die Debatte setzt sich fort: Alfred Döblin, Siegfried Kracauer,
Thomas Mann und ihre Meinung zum neuen Medium Film 21
5. Fazit 25
Literaturverzeichnis
Selbst ändigkeitserklärung
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1. Einleitung
„Statt Arbeit - action; statt verhaltener Gefühle - expressiver Ausdruck. Die bürgerliche Kultur huldigte der Vernunft und dem Wort; das Kino dagegen war assoziativ und bildlich.“ 1
Aus diesem Zitat wird bereits deutlich, dass sich bürgerliche Kultur und Kino 2 in dessen Anfangszeiten scheinbar unversöhnlich gegenüberstanden. In den Jahren, in denen sich der Kinofilm zu etablieren begann, entbrannte eine teils hitzige Debatte über die „Gefahren“ des Kinos. Vor allem das Bildungsbürgertum sah, wie auch aus dem einleitenden Zitat zu ersehen ist, in dem neuen Medium einen Verfall der Kultur, den es zu verhindern galt: Amerikanisierung und Massenkultur wurden zu
Schreckgespenstern, die die kulturelle Vorrangstellung des Bildungsbürgertums gefährdeten.
Die Kinodebatte korrelierte dabei mit unterschiedlichen Vorstellungen von Bildung und dem „richtigen“ Konsum, gegenüber standen sich hauptsächlich das Bildungsbürgertum einerseits, das die für sich beanspruchte Hochkultur verteidigen wollte, und die Angestellten andererseits, die dem Reiz der modernen Unterhaltung erlagen. Damit ist die Geschichte des frühen Kinofilms und die Auseinandersetzung um dieses neue Medium auch eine Geschichte von Klassengegensätzen und Klassenkämpfen, der Konsum bewirkte einen Distinktionseffekt.
Die Geschichte des Kinos begann im Jahr 1895, als die Brüder Lumière im Pariser Gand Café ein Gerät vorstellten, mit dem Filme aufgenommen, projiziert und kopiert werden konnten: der Kinematograph. In den ersten Jahren verbreitete sich diese Erfindung über die ganze Welt, doch kann von „Kino“ im heutigen Sinn noch nicht gesprochen werden. Zunächst zogen Schausteller mit Wanderkinematographen umher und zeigten ihr Kurzfilmprogramm vornehmlich auf Jahrmärkten oder in Varietés. Erst 1908 wurden in ehemaligen Ladenlokalen feste Abspielstätten der Kinematographen
1 Jelavich, Peter: „Darf ich mich hier amüsieren?“ Bürgertum und Film, in: Hettling, Manfred/ Hoffmann, Stefan-Ludwig (Hg.): Der bürgerliche Wertehimmel. Innenansichten des 19. Jahrhunderts, Göttingen 2000, S.283-303; hier S. 302.
2 Die Bezeichnung Kino stand zeitgenössisch für das Gerät zur Aufnahme, Projektion und Kopierung von Filmen. Im heutigen Sprachgebrauch ist die Bezeichnung übergegangen auf die Abspielstätte, siehe hierzu Loiperdinger, Martin: Das frühe Kino der Kaiserzeit. Wilhelm II. und die „Flegeljahre“ des Films, in: Jung, Uli (Hg.): Der deutsche Film. Aspekte seiner Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Trier 1993, S.21-50; S. 22 f. In dieser Arbeit wird mit dem Begriff Kino das Phänomen eines neuen Mediums um die Jahrhundertwende bezeichnet, das zu einer bedeutenden neuen Form der Freizeit- und Konsumgestaltung führte.
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eingerichtet, die oftmals einem „kleinen Verschlag“ glichen. 3 Im Laufe von nur vier Jahren setzte der Kinematograph zu einem Siegeszug an, in dessen Lauf bereits die ersten monumentalen Lichtspielhäuser errichtet wurden, die sich deutlich vom Jahrmarkt-Charakter distanzierten. Während die Zahl der Kinos um 1910 bei etwa 456 Kinos in 29 deutschen Städten lag, waren es drei Jahre später bereits 2.371. 4 Parallel zu diesem „Siegeszug“ mehrten sich in den Jahren 1907 bis zum Ersten Weltkrieg auch warnende Stimmen aus dem Bürgertum - daher wird der Fokus dieser Arbeit auch auf diesem Zeitraum der sogenannten Kinodebatte liegen. Hinsichtlich der Struktur des Kinopublikums in dieser Zeitspanne gibt es bedauerlicherweise keine zuverlässigen empirischen Daten, lediglich Emilie Altenloh legte 1913 eine Dissertation vor, die auf einer Umfrage unter Mannheimer Kinobesuchern beruhte. Während solche frühen Arbeiten eher der Meinung waren, dass der Film zunächst ein Arbeitermedium war und sich erst ab 1910 auch an bürgerliche Kinogänger wandte, wird dies von der neueren Forschung in Frage gestellt und eine Orientierung des frühen Films an der Mittelschicht angenommen 5 , dabei wird jedoch nicht genauer zwischen den Klassen (Bildungs-)Bürgertum und Angestellte differenziert. Die Kinodebatte um 1910 wurde hingegen in mehreren Forschungen betrachtet, teils als Auseinandersetzung zwischen Literatur und Kino 6 , jedoch weniger als Abgrenzungsversuch zwischen zwei existierenden Klassen. Daher werden in dieser Arbeit schwerpunktmäßig kultursoziologische Aspekte betrachtet: Inwiefern zeigten sich in den Auseinandersetzungen um das neue Medium Kino zu Beginn des 20. Jahrhunderts unterschiedliche Auffassungen zum Thema Konsum, die auf eine Distinktion der Klassen (Bildungs-)Bürgertum vs. Angestellte hindeuten? Trug die Kinodebatte dazu bei, die Klassenmarkierungen deutlich voneinander zu unterscheiden oder löste sie Klassenschranken/Klassengrenzen und damit auch die Klassengesellschaft auf?
Um diese Fragen zu klären, wird in dieser Arbeit zunächst der Konsum von Bildungsbürgern und Angestellten allgemein betrachtet, eine zentrale Rolle spielt dabei das Selbstverständnis der Bildungsbürger als die „richtigen“ Konsumenten. Im Anschluss wird die Problematik beleuchtet, dass sich die Kritik des Bildungsbürgertums
3 Schliepmann, Hans: Lichtspieltheater. Eine Sammlung ausgeführter Kino-Häuser in Groß-Berlin, Berlin 1914, S. 8.
4 Jelavich 2000, S. 287.
5 So beispielsweise in Müller, Corinna: Frühe deutsche Kinematographie. Formale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen 1907-1912, Stuttgart 1994.
6 Siehe beispielsweise Kaes, Anton (Hg.): Kino-Debatte. Texte zum Verhältnis von Literatur und Film 1909-1929, München 1978.
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an den Kinematographentheatern aus einer spezifischen Zusammensetzung (und einer größer werdenden Zahl bildungsbürgerlicher Kinogänger) des Kinopublikums ergabman hatte Angst, auf die Stufe der Angestellten abzurutschen und den Status als gehobene Klasse zu verlieren, den man für sich selbst beanspruchte. Aus dieser Angst entwickelte sich die Kinodebatte, in der das Bildungsbürgertum angebliche Gefahren des Kinos propagierte und teils vehement vor dem Kino warnte. Diese Kinodebatte wird anhand unterschiedlicher Quellen unter dem Aspekt untersucht, mit welchen Strategien das Bildungsbürgertum sich von der „falschen“ Konsumtionstechnik abgrenzte, als prominente Vertreter werden Alfred Döblin, Siegfried Kracauer und Thomas Mann herangezogen. Die Arbeit schließt mit einem kurzen Ausblick über die weitere Entwicklung bis zu den 1920er Jahren.
2. Distinktion durch Konsum: Bildungsbürger vs. Angestellte
2.1 Begriffliche Vorüberlegungen
Wer zu welcher Klasse gehörte, hing vorwiegend von ökonomischen Aspekten ab. Unter dem Begriff „Klasse“ ist daher auch eine Zusammenfassung von „Menschen in ähnlicher sozioökonomischer Lage [zu verstehen], mit der aufgrund ähnlicher Lebenserfahrungen ähnliche Persönlichkeitsmerkmale (psychische Dispositionen, Einstellungen und Wertorientierungen, Bedürfnisse und Interessen, Mentalitäten und Lebensstile) sowie ähnliche Lebenschancen und Risiken verbunden sind.“ 7
In der vorliegenden Arbeit werden das Bürgertum sowie die Angestellten dezidiert betrachtet, so dass auch hierfür eine kurze Begriffsbestimmung notwendig ist. Hinsichtlich des Bürgertums ist dabei zwischen Großbürgertum, Bildungsbürgertum, Besitzbürgertum und Kleinbürgertum zu unterscheiden. Das Großbürgertum etablierte sich neben dem Adel an der Spitze der Gesellschaft und gehörte zu den wirtschaftlich bewegenden Kräften. Im Fokus dieser Arbeit steht das Bildungsbürgertum, für das eine akademische Ausbildung konstitutiv war, die Hauptvertreter waren daher die höheren Beamten, Geistliche und freie Berufe, wie Anwälte, Ärzte oder Apotheker. Wie keine andere Klasse beanspruchte das Bildungsbürgertum die neuhumanistische Bildung für sich und nutzte den Bildungsbegriff als kulturelles Unterscheidungsmerkmal. Das Bildungsziel dieser Klasse war „die harmonische Entwicklung aller geistigen Anlagen
7 Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Bilanz zur Vereinigung, 4. überarb. und aktualisierte Aufl., Wiesbaden 2006, S.94. Diese Definition lässt sich auch auf das Konzept „Schicht“ anwenden, so dass in dieser Arbeit beide Begriffe synonym verwendet werden.
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und körperlichen Fähigkeiten, das Endprodukt der allseits gebildete Bürger.“ 8 Besonderes Gewicht hatten dabei sprachliche Korrektheit sowie das Lesen, so dass insgesamt von einem Primat des Wortes auf Seiten des Bildungsbürgertums gesprochen werden kann.
Im Vergleich zu anderen Klassen umfasste das Bildungsbürgertum allerdings nur eine relativ kleine Zahl und verlor aufgrund gesellschaftlicher Umwälzungen im wilhelminischen Kaiserreich zunehmend an Bedeutung - in Konkurrenz standen der Bildungsanspruch des Bildungsbürgertums und der Besitz des Wirtschaftsbürgertums, das erheblich von der Industrialisierung profitierte. 9 Die akademische Elite sah sich fortan in ihrem gesellschaftlichen Führungsanspruch gefährdet und hatte gleichzeitig mit einer Bildungsinflation zu kämpfen, da der Wert von Bildung und Kultur gesamtgesellschaftlich nach wie vor akzeptiert war und von vielen angestrebt wurde. Zu trennen ist diese Klasse von den ärmeren Kleinbürgern, die üblicherweise auch als „Mittelstand“ bezeichnet wurde. Mit den Angestellten manifestierte sich um die Jahrhundertwende eine neue Gruppe im Schichtgefüge, die 1907 bereits 10,7% aller Erwerbstätigen ausmachte. 10 Angehörige dieses „neuen Mittelstandes“ waren bestrebt, ihren Kindern durch Bildung den Aufstieg ins Bürgertum zu ermöglichen und stellten somit eine ernstzunehmende Gefahr für das Bildungsbürgertum dar, das ein Aufweichen der bürgerlichen Ideale fürchtete.
2.2 Der Bildungsbürger als ‚richtiger’ Konsument Für die Abgrenzungsprozesse zwischen verschiedenen Klassen bzw.
Gesellschaftsschichten, ist unter anderem der Stil der Lebensführung entscheidend, „über den Konsum und die Signifikanz und Symbolik bestimmter Konsumgüter [wird] eine erfolgreicher und zurechnungssicherer Distinktionseffekt erzielt […].“ 11 Unter Konsum versteht man dabei die Einkommensverwendung für bestimmte Güter oder Dienstleistungen mit dem Ziel, bestimmte Bedürfnisse des Verbrauchers zu befriedigen. 12 Nicht immer geht es um die konkrete Benutzung von Objekten und nicht
8 Schulz, Andreas: Lebenswelt und Kultur des Bürgertums im 19. und 20. Jahrhunderts (Enzyklopädie deutscher Geschichte 75), München 2005, S. 19.
9 Müller 1994, S.201.
10 Geißler 2006, S.30.
11 Hellmann, Kai-Uwe: Vorüberlegungen zur Funktion der Distinktion für den Konsum, in: Rehberg, Karl-Siegbert (Hg.): Soziale Ungleichheit, kulturelle Unterschiede. Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München, Teil 1, Frankfurt am Main 2006, S.395-406; hier S. 395.
12 Eine detaillierte Definition von „Konsum“ entwickelte in Bezug auf die moderne Gesellschaft Hellmann 2006, S. 396.
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immer sind diese Bedürfnisse für das physische Wohlbefinden einer Person notwendig, sondern können auch mit einem Distinktionsbedarf einhergehen - die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse wird somit mit bestimmten Bedeutungen aufgeladen und bezweckt eine Abgrenzung. „Niveau, Art und Qualität des Konsums stellen Determinanten des sozialen Prestiges und Status dar und bilden eine wesentliche Grundlage für die Konstituierung und Demonstration von Lebensstilen.“ 13 Diese Begriffsdefinition lässt sich auf das Bildungsbürgertum zu Beginn des 20. Jahrhunderts anwenden, da soziale Klasse und spezielle Konsummuster oftmals aneinander gebunden sind: Das verfügbare Einkommen hängt unter anderem von der jeweiligen Klasse ab und bestimmt gleichzeitig die Konsummöglichkeiten, die den Rahmen für den Lebensstil bilden. 14 Das Bürgertum war in Bezug auf die ihm gegebenen Konsummöglichkeiten davon überzeugt „im Unterschied zu anderen Gesellschaftsschichten genau zu wissen, was man wie angemessen konsumiert […].“ 15 Somit verachtete das Bürgertum konsumtive Praktiken, die in seinen Augen nicht angemessen waren. Die bürgerliche Lebensführung sollte sich durch eine souveräne Moralität und rationale Lebensführung auszeichnen, wertgeschätzt wurde ein zurückhaltender Konsum, der zweckgebunden, rational fundiert und ideologisch unterfüttert sein sollte. Die ideologische Unterfütterung bestand hauptsächlich darin, dass insbesondere der elitär gebildete Teil des Bürgertums den Konsum zur Vervollkommnung der inneren Bildung nutzen sollte, was mit dem neuhumanistischen Bildungsideal des Bildungsbürgertums korrelierte. 16
13 Noll, Heinz-Herbert/ Weick, Stefan: Strukturen des privaten Verbrauchs in Deutschland. Ungleichheiten und temporärer Wandel, in: Rehberg, Karl-Siegbert (Hg.): Soziale Ungleichheit, kulturelle Unterschiede. Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München, Teil 1, Frankfurt am Main 2006, S. 407-423; hier S. 407. Während Klassenmodelle zunächst nach objektiven sozialstrukturellen Merkmalen fragen, ordnen Lebensstilmodelle zunächst die kulturelle Vielfalt: Wertorientierungen, Einstellungen, Verhaltensweisen etc. Dennoch korrelieren beide Modelle, siehe Anmerkung 4.
14 Spree, Reinhard: Knappheit und differentieller Konsum während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts in Deutschland, in: Siegenthaler, Hansjörg (Hg.): Ressourcenverknappung als Problem der Wirtschaftsgeschichte, Berlin 1990, S.171-221; hier S. 178.
15 Budde, Gunilla: Bürgertum und Konsum - Von der repräsentativen Bescheidenheit zu den „feinen Unterschieden“, in: Haupt, Heinz-Gerhard/ Torp, Claudius (Hg.): Die Konsumgesellschaft in Deutschland 1890-1990. Ein Handbuch, Frankfurt am Main 2009, S. 131-144; S. 131 f.
16 Budde 2009, S. 133, S. 137; Reckwitz, Andreas: Das Subjekt des Konsums in der Kultur der Moderne. Der kulturelle Wandel der Konsumtion, in: Rehberg, Karl-Siegbert (Hg.): Soziale Ungleichheit, kulturelle Unterschiede. Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen
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Durch die bereits skizzierten gesellschaftlichen Umwälzungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts (vgl. Kapitel 2.1) sah sich das Bildungsbürgertum zunehmend nicht mehr nur als akademische Elite, sondern vielmehr als „kulturelle Elite […], die sich als die Gemeinschaft der Kulturträger verstand“. 17 Durch den gesamtgesellschaftlichen Bedeutungsverlust, den das Bildungsbürgertum erlitt, blieb einzig der kulturelle Sektor, um die soziale Vorrangstellung unter Beweis zu stellen.
„Im zeitlichen Zenit dieser sozialhierarchischen Wertekollision und Bildungskrise strebten das >>technische<< Medium Kinematographie und das Kino auf, das sich als kulturelle Erscheinung mit seinen Preiskämpfen und Reklamefeldzügen wie die perfekte Ausgeburt des Materialismus und Industriezeitalters gebärdete und sich als ideale Abgrenzungsfolie anbot.“ 18
So verstanden war das Bildungsbürgertum nahezu gezwungen, gegen das Kino vorzugehen, da es sinnbildlich für viele Aspekte stand, gegen die sich das Bildungsbürgertum vehement zu behaupten suchte. Der Konsum war damit zu einem der großen Übel geworden, das die Wertvorstellungen des Bürgertums im 19. und 20. Jahrhundert bedrohte. Zu den Hauptgegnern, gegen die sich die bürgerliche Konsumkritik richtete, erwuchsen die „amerikanisierte Massenkultur“ 19 sowie die aufstrebende Mittelschicht, repräsentiert insbesondere durch die Angestellten. Das Bildungsbürgertum definierte für sich selbst die Rolle des kulturellen Vorreiters - es galt, „den Verlust der Kontrolle der etablierten Volkserzieher und des Bürgertums über die geistige Nahrung der >>Massen<< aufzuhalten, die nun selber auf dem Kulturmarkt wählten.“ 20
2.3 Bürgerliche Konsumkritik als Ausdruck des Antiamerikanismus’ Der „falsche“ Konsum, der aus Sicht des Bildungsbürgertums von den mittleren und unteren Gesellschaftsschichten betrieben wurde, war eng verknüpft mit einer Angst vor der einsetzten Massenkultur, die „zum Synonym für schleichenden Machtverlust und kulturelle Entfremdung“ 21 wurde. Das Bildungsbürgertum befürchtete, dass
Gesellschaft für Soziologie in München, Teil 1, Frankfurt am Main 2006, S. 424-436; hier S. 428.
17 Müller 1994, S. 203.
18 Ebd., S.205.
19 Budde 2009, S. 132.
20 Maase, Kaspar: Massenmedien und Konsumgesellschaft, in: Haupt, Heinz-Gerhard/ Torp, Claudius (Hg.): Die Konsumgesellschaft in Deutschland 1890-1990. Ein Handbuch, Frankfurt am Main 2009, S. 62-78; hier s. 71.
21 Schulz 2005, S.35.
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Bachelor of Arts Britta Wehen, 2009, Bürgertum und Kino zu Beginn des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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