Inhaltsverzeichnis
S e i t e
1. Einleitung 3
2. Gründe zur Entstehung von Gesellenorganisationen 5
3. Konfliktlinien: Gesellen vs. Meister 7
3.1. Lebens- und Arbeitsbedingungen der Gesellen 7
3.2. Forderungen der Gesellen 8
3.3. Mittel des „Arbeitskampfes“ zur Durchsetzung der Forderungen 11
3.3.1. Verruf 11
3.3.2. Streik 12
4. Gemeinsame Interessen von Zunft und Gesellen 14
4.1. Die Zunft als Vorbild 14
4.1.1. Ideale 14
4.1.2. Organisationsstruktur 16
4.1.2.1. Gesellenschaft 16
4.1.2.2. Bruderschaft 18
4.2. Die selbständige Arbeitsvermittlung der Gesellen 21
4.3. Die Gesellen als zukünftige Zunftmeister 22
5. Fazit 22
Literaturverzeichnis
2
. Einleitung
„Die Gesellenschaften wurden nicht nur nach dem Vorbild der Zünfte organisiert, sie blieben diesen auch stets eng verbunden.“ 1
Mit diesem Zitat ist eine der Positionen benannt, die sich mit dem Verhältnis von Gesellenvereinigungen und Zünften beschäftigt. Bereits seit dem 14. Jahrhundert verbanden sich Gesellen in lokalen Vereinigungen von 10 bis 50 Mitgliedern, wobei regionale Schwerpunkte bis in das 15. Jahrhundert am Oberrhein und in den Hansestädten lagen. 2 In größeren Städten konnten sich neben den Zünften auch die Gesellenvereinigungen leichter etablieren, da es hier zahlenmäßig größere und vor allem viele verschiedene Gewerbe gab.
Solche Zusammenschlüsse von Meistern einerseits und Gesellen andererseits sprechen immer für zweierlei Tatsachen: zum einen schließen sich Personen aus Gründen der Geselligkeit zusammen, um soziale Kontakte zu schließen und ähnliche Interessen auszuleben. Zum anderen spricht eine solche Vereinigung auch immer dafür, dass unterschiedliche Vereinigungen auch unterschiedliche Ziele verfolgen und somit in Spannungen zueinander geraten können, wobei diese Konflikte in differenter Ausprägung eskalieren können.
In diesem Spannungsfeld zweier verschiedener personeller Zusammenschlüsse, den Zünften einerseits und den Gesellenvereinigungen andererseits, sowie ihren Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten, aber auch möglichem Konfliktpotential, ist diese Arbeit angesiedelt.
Ohne auf detaillierte Definitionsversuche einzugehen, wird „Zunft“ dabei als eine Vereinigung von Handwerkern desselben Gewerbes verstanden, die sich aufgrund gemeinsamer sozialer und wirtschaftlicher Interessen zusammenfanden. 3 Der zeitliche Fokus liegt auf dem 14.-16. Jahrhundert und reicht somit bereits in die Frühe Neuzeit hinein. Dennoch können aus einigen dieser späteren Quellen Erkenntnisse gezogen werden, die Rückschlüsse auf das späte Mittelalter zulassen.
Die Erforschung der mittelalterlichten Zunftgeschichte wurde in den letzten Jahrzehnten sehr umfassend betrieben. 4 Bei der Betrachtung der Zünfte stehen jedoch meist die Zunftordnungen sowie die Wahrung der gemeinsamen Interessen, mitunter auch Zunftzwang und Konkurrenzvermeidung, also meist wirtschaftliche Aspekte im
1 Kluge, Arnd: Die Zünfte, Stuttgart 2007, S.203.
2 Kluge 2007, S.199 und Bräuer, Helmut: Gesellenstreiks in Sachsen im Zeitalter der
frühbürgerlichen Revolution, in: Jahrbuch für Regionalgeschichte 14, 1987, S.183.
3 Auf unterschiedliche Akzentuierungen von Zunftdefinitionen kann im Rahmen dieser Arbeit
ebenso wenig eingegangen werden, wie auf die Entstehungsgeschichte der Zünfte.
4 Arnd Kluge brachte 2007 dazu ein sehr umfangreiches und detailliertes Werk heraus, siehe
Anmerkung 1.
3
Vordergrund. Oftmals geht es auch um politische Dimensionen, wenn der Versuch der politischen Einflussnahme und die Auseinandersetzungen mit dem städtischen Rat um Mitbestimmungsrechte in der Stadt betrachtet werden. Weitaus weniger umfangreich ist die Untersuchung speziell der
Gesellenvereinigungen, die nahezu zeitgleich mit der zünftischen Organisation entstanden. Die Analysen konzentrieren sich hierbei meist ähnlich wie bei den Studien zu den Zünften allgemein auf ökonomische und (arbeits-)politische Bereiche, so dass Gesellenvereinigungen in jüngerer Zeit in Zusammenhang mit der frühbürgerlichen Revolution und in Bezug auf Konflikte zwischen Gesellen und dem städtischen Rat beachtet werden. 5 Weiterhin wird ein Bild gezeichnet, das die Gesellenvereinigungen und ihre Streitigkeiten mit den Zunftmeistern als Vorreiter des modernen Arbeitskampfes erscheinen lässt. Insgesamt werden somit die Konfliktfelder sowie der Kampf um die Herrschaft in der mittelalterlichen Stadt sehr stark betont. 6 Dieser Umstand könnte in der teils schwierigen Quellenlage begründet sein. Erhalten sind insbesondere Protokolle der städtischen Räte, in denen Streitigkeiten zwischen Gesellen und Meistern oder Gesellen und der städtischen bzw. landesherrlichen Obrigkeit verhandelt wurden, so dass es nur folgerichtig ist, dass die Konfliktlinien besser erforscht sind. Daneben existieren Briefwechsel verschiedener
Gesellenvereinigungen im Streikfall, durch welche der Arbeitskampf ebenfalls gut rekonstruiert werden kann. Weiterhin wurden bislang Ordnungen und Satzungen der Gesellenvereinigungen untersucht, allerdings verstärkt mit dem Blick auf die unterschiedlichen Ausprägungen ihrer Organisationsformen und weniger mit Blick auf Gemeinsamkeiten zur übergeordneten Zunft.
In dieser Arbeit soll es daher insbesondere darum gehen, in welchem Verhältnis Zünfte und Gesellenvereinigungen zueinander standen, inwiefern sie sich „erbittert“ bekämpften oder gegenseitig beeinflussten und unterstützten. Sollte man die Gesellen als unerschrockene und tapfere Kämpfer für mehr Mitbestimmungsrechte betrachten oder ergibt sich bei genauerer Betrachtung ein eher nüchternes Bild? Zur Klärung des Verhältnisses von Zunft und Gesellenvereinigung werden in dieser Arbeit zunächst die Konfliktfelder dargestellt. Dazu werden kurz die Arbeits- und Lebensbedingungen der Gesellen umrissen, aus denen einige zentrale, zeitlich sowie
5 Knut Schulz untersuchte als Erster explizit die Beteiligung der Gesellen an den
innerstädtischen Auseinandersetzungen: Schulz, Knut: Handwerksgesellen und Lohnarbeiter.
Untersuchungen zu oberrheinischen und oberdeutschen Stadtgeschichte des 14. bis 17.
Jahrhunderts, Sigmaringen 1985. Auseinandersetzungen der Gesellen mit dem städtischen Rat
werden in dieser Arbeit allerdings nicht näher betrachtet. Das Hauptaugenmerk liegt auf
Konflikten mit der Zunft, an denen der Rat aber durchaus beteiligt sein konnte, wenn
beispielsweise eine Stellungnahme von diesem verlangt wurde.
6 So z.B. Bräuer 1987, S.183-199. Die Betonung der Konfliktlinien setzt sich auch in neueren
Studien fort, in denen Zünfte als ein „Labor der Arbeitsvertragsregelungen“ beschrieben
werden, siehe hierzu Kluge 2007, S.167.
4
überregional wiederkehrende, Forderungen der Gesellen abgeleitet werden. Die Forderungen seitens der Gesellen sind jedoch kaum explizit niedergeschrieben, da die Quellenlage, wie bereits erwähnt, meist nur Einblick in die Verhandlungsseite des Arbeitskampfes bietet. Motive und Auslöser des Gesellenkampfes konnten darüber hinaus stark variieren, wie beispielsweise örtliche Begebenheiten, zeitliche Dauer, das politische Umfeld sowie Einzelinteressen, so dass sich kaum ein einheitliches Bild des „Arbeitskampfes“ zeichnen lässt.
In dieser Arbeit sollen daher primär grundsätzliche Spannungsfelder und Konfliktherde zwischen Gesellen und Meistern bzw. der Zunft ausgemacht werden, um sie anschließend möglichen Gemeinsamkeiten mit der Zunft gegenüberzustellen: Hatten Gesellen und Meister in der Stärkung des Handwerks nicht prinzipiell dieselben Interessen? Ähnelten sich die Strukturen ihrer Vereinigung nicht so sehr, dass sich beide Organisationen gegenseitig stärkten? Hierzu wird ein kurzer Einblick in die Organisationsstruktur der Gesellenvereinigungen gegeben, um daraus abzuleiten, inwiefern die Gesellenvereinigungen nicht nur Nahrung für Auseinandersetzungen mit den Meistern boten, sondern sie eventuell sogar entlasteten bzw. stärkten. Im Rahmen dieser Arbeit können viele Punkte dabei nicht erschöpfend betrachtet werden, es geht vielmehr darum, ausgehend von generellen Strukturen das Verhältnis zwischen Zunft und Gesellenverbänden zu charakterisieren.
. Gründe zur Entstehung von Gesellenorganisationen
Einen ersten Ansatzpunkt dafür, ob Gesellenvereinigungen als Kampf gegen die Meister oder als unterstützendes Element der Zunft anzusehen sind, liefert die Diskussion um die Entstehungsursachen der Vereinigungen, die an dieser Stelle kurz skizziert werden soll.
Georg Schanz’ Auffassung wurde als „Abschließungsthese“ bekannt, d. h. dass seiner Meinung nach einige Städte übervölkert waren und die Meister die Zunft begrenzten, um auf das Überangebot an Arbeitskräften zu reagieren. Schanz betont daneben allerdings auch die soziale Entlastung der Meister, da nun einige soziale Absicherungen sowie die Ausbildung zum Kriegsdienst durch die
Gesellenvereinigungen übernommen wurden. Er kommt daher zu dem Schluss, dass die frühen Gesellenvereinigungen nicht explizit gegen die Meister bzw. die Zunft gerichtet seien, sondern dass sie sogar zum Teil von den Meistern selbst zur Vereinheitlichung des Zunftwesens gegründet worden seien 7 , was auf eine deutliche Übereinstimmung der Interessen von Gesellen und Meistern hindeutet.
7 Schanz, Georg: Zur Geschichte der deutschen Gesellenvereine im Mittelalter. Mit 55 bisher
unveröffentlichten Documenten aus der Zeit des 14.-17. Jahrhunderts, unveränderter Neudruck
der Ausgabe Leipzig 1876, Glashütten im Taunus 1973, S. 10 f. sowie S. 69 ff.
5
Georg Fischer vertrat die Ansicht, Gesellenvereinigungen seien Familienverbände, um verheiratete Gesellen und ihre Familien zu unterstützen. 8 Auch wenn inzwischen belegt worden ist, dass Gesellen oftmals gerade nicht verheiratet waren (vgl. Kapitel 3.1 dieser Arbeit), betont diese Sichtweise stark den Aspekt der sozialen Absicherung. Dies wiederum war ebenfalls ein stark betontes Ziel der Zünfte, so dass eine zusätzliche Absicherung der Gesellen eine Entlastung für die Handwerkerzunft dargestellt hätte und somit ebenfalls eine Gemeinsamkeit beider Vereinigungen darstellen würde.
Wilfried Reininghaus erklärte die Entstehung mit ökonomischen und sozialen Veränderungen der Gesellschaft: Im 14. und 15. Jahrhundert gingen die Städtegründungen stark zurück und die Bevölkerungszahlen stagnierten, so dass die Gesellen flexibel auf den Arbeitsmarkt reagieren und mehrmals die Städte wechseln mussten - je nachdem wo sie größere Chancen auf einen Arbeitsplatz hatten. 9 Nach dieser Auffassung wären Gesellenorganisationen nicht als „Gegen-Organisation“ zur Zunft zu verstehen, sondern als Mittel, um den Arbeitskräftetausch zu organisieren und somit das Handwerk insgesamt am Leben zu halten bzw. zu fördern (siehe hierzu auch Kapitel 4.2 dieser Arbeit), dies würde also definitiv einem gemeinsamen Interesse von Meistern und Gesellen entsprechen. Andererseits hob Reininghaus die Konfrontation zwischen Meistern und Gesellen hervor und betonte, dass sich durch die Stagnierung der Bevölkerungszahlen auch günstige konjunkturelle Bedingungen ergeben konnten, und es einen Mangel an Arbeitskräften gab. Diesen Umstand versuchten die Gesellen laut Reininghaus für sich zu nutzen und organisierten daher Streiks und Boykotte - für eine bessere Organisation dieser Aktionen waren sie dabei auf die Gesellenorganisationen angewiesen. 10
Helmut Bräuer sieht den Grund für die „Anhäufung entsprechenden gesellschaftlichen Sprengstoffes“ hauptsächlich darin, dass die Zunft die Warenherstellung in Übereinstimmung mit dem Marktbedarf garantieren wollte, was die Gesellen am stärksten traf, da die Zunft mit Schutzreaktionen zur Produktionssteigerung oderverminderung reagierte und dies mit dem Bedarf an Arbeitskräften korrelierte. 11 Generell geht er davon aus, dass sich meist aus einem bestehenden Konflikt zwischen Meistern und Gesellen Differenzen ergaben und sich Gesellenorganisationen bildeten, um den Differenzen zu begegnen. 12 Während Reininghaus und Bräuer damit
8 siehe hierzu Kluge 2007, S.200.
9 Reininghaus, Wilfried: Die Entstehung der Gesellengilden im Spätmittelalter
(Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 71), Wiesbaden 1981, S. 35 ff.;
Bräuer, Helmut: Gesellen im sächsischen Zunfthandwerk des 15. und 16. Jahrhunderts,
Weimar 1989, S.108f.
10 Reininghaus 1981, S.60 f.; Kluge 2007, S.201.
11 Bräuer 1989, S.110 f .
12 Bräuer 1989, S.114.
6
insgesamt die Konfliktlinien als Entstehungsursachen nennen, sieht Knut Schulz die Motive der Gesellenbewegung weniger in der einfachen Auseinandersetzung um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen, sondern vielmehr in der Bemühung, von Beginn an eine „[großräumige] Organisation“ und eine „[eigenständigen] Existenz“ zu errichten 13 , was sowohl die Aspekte der Kooperation als auch der Konfrontation einbezieht.
Durch die Diskussion der Entstehungsursachen kann also kein eindeutiges Ergebnis gezogen werden. Daher sollen die bereits implizit angesprochenen Konfliktfelder und Gemeinsamkeiten zwischen Meistern und Gesellen im Folgenden näher betrachtet werden.
. Konfliktlinien: Gesellen vs. Meister .1. Lebens- und Arbeitsbedingungen der Gesellen
Der Gesellenstatus ergab sich dadurch, dass Handwerker nach der Lehre zunächst eine abhängige Beschäftigung annahmen, um möglichst gute Verdienstmöglichkeiten zu wahren und Kapital anzusparen. Dass dies überhaupt notwendig wurde, lässt sich nur mit der Etablierung der Zünfte erklären: Je zünftiger das Handwerkswesen organisiert wurde, desto mehr Qualifikationsstufen wurden ausgebildet und desto mehr Hürden galt es zu überwinden, um in der Hierarchie ganz nach oben zu gelangen und die Meisterwürde zu erhalten. Damit verbunden waren sowohl finanzielle Aufwendungen als auch gemeindliche Verpflichtungen, wie Bürgerrechtsgebühren oder die Anschaffung einer militärischen Ausrüstung, so dass viele Handwerker nicht sofort die Meisterschaft anstrebten, sondern mit einer abhängigen Beschäftigung als Geselle zunächst die finanziellen Mittel dafür ansparen wollten. 14 Aus diesem Abhängigkeitsstatus der Gesellen ergaben sich mitunter allerdings problematische Lebens- und/oder Arbeitsbedingungen. Zunächst musste der Geselle eine ein- oder zweiwöchige Probezeit überstehen und wurde dann für einen befristeten Zeitraum eingestellt und konnte im Gegensatz zum Lehrling jederzeit entlassen werden. 15 Zwar gab es eine bestimmte Kündigungsfrist von einigen Wochen und auch der Geselle konnte das Arbeitsverhältnis seinerseits kündigen, doch mussten sie in diesem Fall die Stadt verlassen, um die verschiedenen Meister einer Zunft nicht gegeneinander ausspielen zu können. Diese Sperrfrist und das Kündigungsrecht der Meister wirkten sich für die Gesellen natürlich direkt negativ aus: Ein Wechsel der Stadt ging mit der mühsamen Suche einer neuen Beschäftigungsmöglichkeit einher und machte der Meister selbst bei schlechter Auftragslage von seinem
13 Schulz 1985, S. 59 f.
14 Kluge 2007, S.165.
15 Ebd., S.167.
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Arbeit zitieren:
Bachelor of Arts Britta Wehen, 2009, Gesellenvereinigungen und Zünfte, München, GRIN Verlag GmbH
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