wobei sich Rasse- und Sexual-Stereotypen in der kolonialistischen Imagination überschneiden und ihre Kombination eine typische Spannung zwischen Anziehung und Ablehnung bedingt. Auch in Kleists „Verlobung in St. Domingo“ und Liepes „Die Spinne“ begegnet uns dieses Stereotyp von Anziehung und Ablehnung, basierend auf europäischen Rassevorstellungen. Diese Rassevorstellungen gründen nach James Blaut auf der Überzeugung, „that European civilization […] has had some unique historical advantage, some special quality of race or culture or environment or mind or spirit, which gives this human community a permanent superiority over all other communities […]” 4 - ein Phänomen, das daher passenderweise den Begriff ‚Eurozentrismus’ erhält. Von entscheidender Bedeutung dabei ist, dass europäischen Ländern die Fähigkeit zur ‚independent invention“ zuerkannt wird, während nichteuropäische Länder neue Entwicklungen, Fortschritte etc. nur per ‚Diffusion’ aus Europa erhalten. Die Welt wird in den Augen der Anhänger dieser Modellvorstellung aufgeteilt in ein innovatives Zentrum sowie periphere, rückständige Randgebiete der Welt. Beide Gebiete erhalten unterschiedliche Zuschreibungen - ‚Zivilisation’ einerseits sowie ‚Barbarismus’ und ‚Wildheit ’ andererseits.
Sowohl Zantops als auch Blauts Theorien basieren auf den Kolonialdiskursen des 18. bis beginnenden 20. Jahrhunderts, so dass sich die Frage stellt, inwiefern diese diskursiven Elemente in den Erzählungen Kleists und Liepes ausgestaltet werden.
1.) Zunächst werde ich Ihnen darlegen, dass die eurozentrische Rassenhierarchie in Kleists Text unterlaufen wird. In Liepes Roman hat sie hingegen Bestand hat, obwohl sie uns auf europäischem Gebiet begegnet.
Wie sehen werden, sind die Hautfarbe in der Kleistschen Erzählung und das damit verknüpfte inhärente Bild der Rassenhierarchie von entscheidender Bedeutung für den Handlungsgang. Die Schnittstelle zwischen den Kulturen wird bereits in der Exposition der kleistschen Erzählung zu einer Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei ausgebaut. Die Protagonisten finden sich in einem interkulturellen Konflikt in Übersee „[…] als die Schwarzen die Weißen ermordeten“ und dabei unter anderem von Congo Hoango angeführt werden, „ein[em] fürchterliche[n] alte[n] Neger“, der trotz der Wohltaten seines weißen Herren nicht vor Grausamkeiten gegen die französische Besatzung zurückschreckt (S. 160 f.). 5 Der erste Satz der Erzählung ist dabei weniger als eine verzerrte Wiedergabe von Tatsachen zu werten, sondern sollte eher als zeitgenössisches Zitat aus dem „kollektiven Gedächtnis der Europäer“ verstanden werden, das
4 Blaut, James M.: The Colonizer’s Model of the World. Geographical Diffusionism and Eurocentric History,
New York/London 1993, S.1.
5 Die Textpassagen aus Kleists Werk werden unter Seitenangabe nach folgender Ausgabe zitiert: Kleist, Heinrich
von: Sämtliche Werke und Briefe. Herausgegeben von Helmut Sembdner, Band 2, München 2001.
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den Schock der Niederlage westlicher Zivilisationen verarbeiten musste. 6 Präsentiert wird immerhin der erste erfolgreiche Versuch der indigenen Bevölkerung, sich von den weißen Kolonialherren zu befreien. Der Erzähler nennt als Motiv für diesen antikolonialen Krieg die „unmenschliche Rachsucht“ der Schwarzen (S.161), was wohl ebenfalls mit dem zeitgenössischen Diskurs übereinstimmen dürfte. Demzufolge erscheint die haitianische Einwohnerschaft zunächst nicht nur als rachsüchtig, gewalttätig und wild und ungezähmt, sondern auch als besonders hinterlistig, da einer der Anführer - Congo Hoango - sich eine besondere Täuschung zueigen macht: Er lässt weiße und kreolische Flüchtlinge „mit Unterstützungen und Gefälligkeiten bis zu seiner Wiederkehr [hinhalten]“ (S. 161), um möglichst alle Weißen umzubringen. Diese äußerst negativ besetzte Schilderung der indigen Bevölkerung wird vom Erzähler des Textes eher zustimmend aufgegriffen, von der Text- und Handlungsebene eher relativierend, wie wir im Folgenden sehen werden.
So erscheint der weiße Protagonist Gustav von Ried in dieser Erzählung schwach und manipulierbar, was allerdings nicht durch eine Charakterschwäche begründet wird, sondern mit der Orientierungsnot des Fremden. So versucht er, sich an der Hautfarbe zu orientieren und ist dabei sehr auf die Farbskala des Rassengegensatzes fixiert. Bereits bei seinem Eintreffen an Congo Hoangos Haus streckt er die Hand nach Babekan aus und fragt sie, ob sie eine Negerin sei (S.162). Diesen Umstand kann Gustav natürlich nicht mit seinen Händen greifen, da er nicht einfach ertasten kann, wo sich der Körper Babekans auf der Farbskala von schwarz bis weiß befindet. So entsteht für Gustav, eine „epistemologische Ungewißheit, die sich nicht stoppen lässt und schließlich zur Katastrophe führt.“ 7 Dass die Orientierung an schwarz oder weiß für Gustav sehr wichtig ist und er insgesamt in einer eurozentrischen Sichtweise verhaftet ist, lässt sich an einigen Textbelegen ausführen. Dementsprechend räumt Gustav zwar ein, dass das allgemeine Herrschaftsverhältnis der Weißen über die Schwarzen der Grund für den Hass der Schwarzen sei (S.170), doch erscheinen seine Aussagen durch den Kontext fragwürdig: Gustav führt im Folgenden aus, dass die Misshandlungen der Weißen zwar „tadelnswürdig“ seien, aber nur von „einigen“ ausgingen. Andererseits sieht er aber in jedem Schwarzen von vornherein eine Bedrohung und gibt somit zu erkennen, dass er eine Vorherrschaft der Weißen begrüßt. Dies wird durch seine Äußerung untermauert, dass „keine Tyrannei, die die
6 Weigel, Sigrid: Bilder des kulturellen Gedächtnisses. Beiträge zur Gegenwartsliteratur, Dülmen-Hiddingsel
1994, S.204.
7 Dunker, Axel: Kontrapunktische Lektüren. Koloniale Strukturen in der deutschsprachigen Literatur des 19.
Jahrhunderts, München 2008, S.37.
3
Weißen je verübt, einen Verrat, so niederträchtig und abscheulich, rechtfertigen könnte.“ (S. 170 f.). 8
Eine besondere Problematik ergibt sich aufgrund dieser inhärenten Rassenhierarchie für Toni, da ihre Hautfarbe „ins Gelbliche“ geht (S.161). Toni wird dem Leser damit nicht nur auf verbaler Ebene ausdrücklich als Mestizin (S.161), also einem ‚Mischling’, angekündigt, sondern erhält auch Attribute, die ihre Position zwischen zwei Kulturen von Beginn an unterstreichen. Zwar kleidet sie sich „nach Landesart“ (S.162), verhält sich impulsiv (S.163) und hat schwarze, also ganz und gar nicht europäische Augen (S.172), kann durch ihren Liebreiz aber die europäischen Männer für sich gewinnen. So urteilt daher auch Gustav, „er hätte, bis auf die Farbe, die ihm anstößig war, schwören mögen, daß er nie etwas Schöneres gesehen“ (S.172). Er fühlt sich daher im Verlauf der gesamten Erzählung hin- und hergerissen zwischen „Begierde und Angst“ (S.173), da er Toni aufgrund ihrer Hautfarbe gleichzeitig vertraut und misstraut.
Schließlich wird Gustav zum Schluss die Unfähigkeit, im Menschen anderer Hautfarbe den Menschen wahrzunehmen zum Verhängnis. Die Erzählung lässt keinen Zweifel daran, dass es Tonis „anstößige Hautfarbe“ (S.172) und Gustavs ausschließliche Orientierung an der Hautfarbe ist, die Gustavs tödlichen Irrtum auslöst: Tonis Hautfarbe ist für ihn Anzeichen ihrer Zugehörigkeit zur Welt der Schwarzen, so dass er am Ende die Todesstrafe vollstreckt, die Babekan und Congo Hoango für die „letzte Liebkosung“ (S.161) ausgesprochen haben. Indem Gustav seinem Schwarz-Weiß-Denken ausgeliefert ist, schlägt jeder Versuch fehl, sich in dem komplizierten Gemisch der Rassen und Positionen zu orientieren. Er vertraut daher, wo er misstrauisch sein müsste und misstraut, wo er hätte Vertrauen haben müssen. In Gustavs Figur führt Kleist so ein Bild europäischen Rasse-Denkens vor, das sich selbst widerlegt. In Liepes Roman „Die Spinne“ scheint das eurozentrische Denkmodell auf den ersten Blick nicht anwendbar zu sein, da es um eine Begegnung zwischen Deutschen (Preußen) und Polen geht. Das blautsche Modell wird hier aber auf genau dieses Grenzgebiet übertragen: Die Polen werden als minderwertige Rasse beschrieben, die gefährlich, „laut und rauh“ (S.4) 9 erscheinen, nicht aus eigener Kraft Innovationen erzeugen können und sich insgesamt durch Irrationalität und Spontaneität auszeichnen. Dies betrifft sowohl die ungebildeten und ‚faulen’ Bauern als auch die einigermaßen gebildeten Katholiken, die umso fanatischer agieren. Den katholischen Polen werden also charakteristische Attribute zugeschrieben, die eigentlich für nicht-europäische Völker gelten. Dies geschieht zum einen, um Polen als peripheres Gebiet zu
8 Zum ‚weißen’ Blick Gustavs und des Erzählers siehe auch: Gönczy, Gabriella: Der Weg der Schwarzen in die
weiße Welt. Zum Kolonialdiskurs in Kleists Die Verlobung in St. Domingo, in: Lange, Tanja u.a. (Hg.): Litera-tur und Kultur in Grenzräumen, Frankfurt a. M. 2002, S.35-48, insbesondere S. 41 ff.
9 Die Seitenangaben beziehen sich auf Liepe 1902, vgl. Anmerkung 1.
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Arbeit zitieren:
Bachelor of Arts Britta Wehen, 2009, Kolonialdiskurs bei Kleist und Liepe, München, GRIN Verlag GmbH
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