Der Glaube an die Allmacht, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes ist ein zentraler wie fundamentaler Teil des islamischen Bekenntnisses. Die stets größere Gerechtigkeit Gottes zu bejahen und auf sie zu vertrauen entspricht der gläubigen Grundhaltung eines jeden Muslims. Was könnte aber der Islam z.B. einer trauernden Frau überhaupt noch versprechen, wenn ihre Frömmigkeit quasi mit dem Tod der 4 jährigen Tochter durch die Flutkatastrophe 2009 in Istanbul bestraft wurde?
Dieses Ereignis ist beispielhaft für viele andere Situationen, in denen Gottes Gerechtigkeit hinterfragt werden könnte.
In diesem Kontext ist es unerlässlich, den Ursprung des Leids zu suchen: Bei Gott oder beim Menschen selber? Um die letztgenannte Frage beantworten zu können, müsste vorher geklärt werden, ob der Mensch frei handeln kann, d.h. aus eigener Kraft, Verantwortung und eigenem Willen oder ob all seine Taten letztendlich auf Gott zurückzuführen ist. Herrscht eine Handlungsfreiheit des Menschen, so sollte auch der Mensch für Böses verantwortlich sein. Doch was wenn man Böses erfährt ohne es verdient zu haben? Wie ist unverschuldetes Leid mit der Barmherzigkeit Gottes zu vereinbaren?
Ist der Mensch jedoch in seinem Handeln von Gott bestimmt, müsste dann nicht jede leidvolle Widerfahrnis und jedes existierende Übel ebenfalls göttlichen Ursprungs sein? Doch so würde die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes in Frage gestellt werden.
Während in der christlichen Tradition die Fragen nach dem Verhältnis von der Gerechtigkeit Gottes und der Freiheit des Menschen vielfältig diskutiert werden und dabei ein besonderes Augenmerk auf die Frage nach offenbar unverschuldetem Leid, das dem Menschen widerfährt, gerichtet ist, misst der Islam dieser Themenstellung kaum Bedeutung bei. Die islamische Theologie hat die Frage nach dem Leid stets im größeren Fragenzusammenhang der Allmacht und Gerechtigkeit Gottes und des freien Willens des Menschen verortet. Diese Problematik zu ergründen, soll Gegenstand dieser der vorliegenden Arbeit sein.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hauptteil
1. Allgemeines
2. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch im Islam
3. Das Böse
4. Geduld
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Theodizeefrage im islamischen Kontext, insbesondere die Vereinbarkeit von menschlichem Leid mit der Allmacht, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes. Ziel ist es, die Rolle des freien Willens und der menschlichen Verantwortung in Bezug auf das Übel zu beleuchten und den Umgang mit Leiden als Prüfung im Glauben zu analysieren.
- Die Theodizeefrage als philosophisch-theologisches Spannungsfeld
- Gottesbild und menschliche Existenz als Diener und Stellvertreter
- Die Ursprünge des Bösen und das Verständnis von Verantwortung
- Leid als göttliche Prüfung und der Wert der Geduld
- Die Perspektive auf das Jenseits als Ausgleich für das irdische Dasein
Auszug aus dem Buch
Die Beziehung zwischen Gott und Mensch im Islam
Unbestreitbar gilt der entschiedene Monotheismus als das herausragende Merkmal des Korans. Immer wieder wird betont, dass Gott (allah) Einer ist. Vor aller Rede über den Menschen wird Gott erwähnt. So stehen auch Aussagen über menschliches Handeln im Kontext der Betonung der Einheit, Gerechtigkeit und Allmacht Gottes. Gott leitet den Menschen und sein Handeln. So herrscht eine scheinbar unlösbare Spannung zwischen der von Gott bestimmten menschlichen Handlung und der dem Menschen doch zukommenden Freiheit und Verantwortlichkeit. Der Koran betont, dass ohne die Annahme eines frei handelnden Menschen, die Gebote Gottes sinnlos sind.
Zwei zentrale Begriffe zur Bezeichnung des Menschen werden im Koran verwendet: Stellvertreter (halifa) und Diener (abd). Das Letztgenannte wird oftmals als Synonym für „Mensch“ gebraucht und hat auch seinen Grund: Wenn Gott der Herr (rabb) der Menschen ist, dann ist der Mensch der Diener Gottes, von dem Ergebung (islam) in seinem Willen gefordert wird. Es ist eine höchste Auszeichnung für den Menschen als Diener Gottes bezeichnet zu werden. Ebenso auch die Bezeichnung als Stellvertreter: Im Koran wird mehrmals erwähnt, dass Gott die gesamte Schöpfung in den Dienst des Menschen gestellt hat. So nimmt der Mensch innerhalb der Schöpfung eine hervorgehobene Position ein.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung thematisiert anhand eines konkreten Katastrophenfalls die Unvereinbarkeit von unverschuldetem Leid mit einem gerechten Gottesbild und führt in die wissenschaftliche Fragestellung ein.
1. Allgemeines: Dieses Kapitel definiert die Theodizee als Widerspruchsproblem zwischen einem allmächtigen Gott und der Existenz von Übel und verweist auf die Lösungsansätze von Leibniz.
2. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch im Islam: Hier wird der islamische Monotheismus und die Rolle des Menschen als Diener und Stellvertreter Gottes analysiert, um die Spannung zwischen göttlicher Bestimmung und menschlicher Freiheit aufzuzeigen.
3. Das Böse: Dieses Kapitel verortet das Böse in der menschlichen Verantwortung und den Unglauben, während Leid als Prüfung durch Gott interpretiert wird.
4. Geduld: Die Untersuchung des geduldigen Leidertragens anhand der Theodizeelegende von Mose verdeutlicht die Notwendigkeit des Vertrauens auf Gottes unergründlichen Plan.
Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass Leid im Islam als Bewährungsprobe und Chance zur Reue dient, wobei die Spannung zwischen Gottes Macht und menschlicher Verantwortung bestehen bleibt.
Schlüsselwörter
Theodizee, Islam, Leid, Gerechtigkeit Gottes, Allmacht, freier Wille, Koran, Prüfung, Geduld, Glaube, Unglaube, Stellvertreter, Diener, Religion, Jenseits.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Theodizeefrage, also der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leids in der Welt, speziell aus der Perspektive der islamischen Theologie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen das islamische Gottesbild, die Verantwortung des Menschen für sein Handeln, das Verständnis des Bösen und der Begriff der Prüfung durch Leid.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Ergründung der islamischen Position zu der Frage, wie unverschuldetes Leid mit der Allmacht und Barmherzigkeit Gottes vereinbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse theologischer und philosophischer Quellen, insbesondere der Koranexegese und fachwissenschaftlicher Literatur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden das allgemeine Theodizee-Problem, das koranische Menschenbild, die Entstehung des Bösen und das Konzept der Geduld im Leid als Glaubensprüfung erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Theodizee, Islam, Leid, freier Wille, Gottes Gerechtigkeit und Glaube.
Was ist die „Theodizeelegende“ im Kontext der Arbeit?
Es handelt sich um die im Koran (Sure 18) erzählte Geschichte von Mose und einem weisen Diener Gottes, die zeigt, dass Gottes Handeln für Menschen oft unverständlich, aber weise ist.
Welche Rolle spielt der freie Wille laut der Arbeit?
Der freie Wille ist grundlegend, da der Mensch für seine Entscheidung zwischen Glaube und Unglaube sowie für sein Handeln zur Rechenschaft gezogen wird.
Wie unterscheidet sich der Umgang mit Leid im Islam von der christlichen Tradition?
Während die christliche Tradition stark auf das unverschuldete Leid blickt, integriert der Islam das Leid fest in den Gesamtzusammenhang von göttlicher Macht, Prüfung und jenseitigem Lohn.
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- Ferda Cav (Author), 2009, Theodizeefrage im Islam, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148152