Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 1
1. Varieties of Capitalism 2
1.1. State-guided Capitalism 3
1.2. Oligarchic Capitalism 4
1.3. Big-Firm Capitalism 4
1.4. Entrepreunerial Capitalism 5
2. Das System der Vereinigten Staaten von Amerika 6
2.1. Die Rolle des Staates 6
2.2. Das amerikanische Unternehmertum 7
2.2.1. Die Entwicklung des amerikanischen Unternehmertums 8
2.2.2. Kennzeichen amerikanischen Unternehmertums 9
2.3. Der wirtschaftliche Abstieg der USA 11
2.3.1. Kurze Geschichte der amerikanischen Wirtschaft 11
2.3.2. Hegemonic Stability Theory 13
2.4 Der Abstieg ein Zwischenfazit 15
3. Das System der Volksrepublik China 16
3.1. Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit 16
3.2. Der chinesische state-guided capitalism 18
3.3 Sonderwirtschaftszonen und Foreign Direct Investment 19
3.3.1. Guanxi 20
3.4. Möglichkeiten unternehmerischer Tätigkeit in der VR China 20
3.5. Schutz geistigen Eigentums 22
3.6. Zusammenspiel von Kapitalismus und Kommunismus, Chinas
Schattenseiten 23
4. Fazit 25
Literaturverzeichnis 29
0
0. Einleitung
Ä9DWHUODQGVORVH *HVHOOHQ³ 1 hatte John Kerry, Präsidentschaftsbewerber der Demokratischen Partei, im Wahlkampf 2004 verschiedenen amerikanischen Unternehmern zugerufen, die ihre Produkte nicht mehr in der Heimat USA, sondern in den neuen Boomstaaten wie China, Indien oder in Osteuropa fertigen lassen wollten. Nun sind die USA ja nicht als Hort irgendeiner überzogenen Sozialromantik bekannt ± wenngleich die Demokraten dieses Prinzip noch besser bedienen, als die Republikaner. Und so ist diese Aussage auch nicht mehr als Zeugnis strotzenden Selbstbewusstseins der Wirtschaftssupermacht USA zu erkennen. Sie ist vielmehr Ausdruck einer tiefen Verunsicherung über die momentane Entwicklung an den internationalen Märkten. Es braucht auch nicht allein die Diskussion um die derzeitige Dollarschwäche oder die Hypothekenkrise amerikanischer Banken um eine grundlegende Schwächung der US-Wirtschaft auszumachen. Experten aller Nationen attestieren den USA einen schleichenden, aber immer besser erkennbaren Verlust ihrer bisherigen Stärke: den der Ökonomie. Während die USA an wirtschaftlicher Strahlkraft verlieren ± das Prinzip des Nullsummenspiels in der Weltwirtschaft scheint aufzugehen ± gewinnen andere Staaten überproportional hinzu. Chinas Wirtschaftswachstum lag in den letzten Jahren immer um 8% und es hätte gar noch höher ausfallen können, bediente sich die Chinesische Regierung keiner Regulierungsmaßnahmen, die verhindern sollen, dass die Wirtschaft überhitzt oder gar zusammenbricht. Eines lässt sich am letztgenannten Punkt sofort erkennen: Chinas Führung bestimmt und plant trotz marktwirtschaftlicher Ausrichtung die Ökonomie. Die Chinesen betreiben damit eine vollkommen andere Art der Wirtschaftspolitik als es die Amerikaner tun. Fraglich ist dabei, ob eines dieser Prinzipien erfolgreicher als das andere ist. Schon Deng Xiaoping hatte zu den verschiedenen 0|JOLFKNHLWHQGHU|NRQRPLVFKHQ2UJDQLVDWLRQJHPHLQWÄ(VVSLHOWNHine Rolle, ob die Katze schwarz oder weiß ist, solange sie Mäuse fängt, ist sie bereits eine gute .DW]H³ ,P )ROJHQGHQ VROO DOVR GHU )UDJH DXI GHQ *UXQG JHJDQJHQ ZHUGHQ RE sich eine grundsätzliche Hierarchie in den Formen der Wirtschaftssysteme
1 Steingart, G. (2007)a: Weltkrieg um Wolstand, in: Der Spiegel, Nr.37, 11.09.2006, S. 55.
1
ausmachen lässt. Andererseits gilt es zu klären, ob und inwiefern sich der Abstieg der USA und der Aufstieg Chinas bedingen.
Es werden zu diesem Zweck die Wirtschaftssysteme der beiden Nationen eingehend dargestellt und in ihren Besonderheiten erläutert. Spezielles Augenmerk wird auf darauf liegen, wie sich in den verschiedenen Volkswirtschaften Unternehmertum organisieren lässt. Eine kleine
Wirtschaftsgeschichte soll diesbezüglich zusammenhängendes Verstehen der Ökonomien ermöglichen. Es wird außerdem zu fragen sein, ob die Hegemonic Stability Theory Erklärungsansätze für den Paradigmenwechsel in der Weltwirtschaft bereit hält. Ist der Abstieg der USA in diesem Sinne als notwendige Reaktion auf ihre jahrzehntelange Dominanz zu verstehen? Und ist China dabei, diese Lücke zu füllen?
Am Beginn der Untersuchung soll indes die Frage stehen, welche Varietäten von kapitalistischen Wirtschaftssystemen es überhaupt gibt. An diese Einführung werden sich die Betrachtungen zu den beiden Ländern anschließen.
1. Varieties of Capitalism
Die Möglichkeiten, nach denen eine kapitalistische Wirtschaftsordnung organisiert werden kann, sind mannigfaltig. Das System der USA unterscheidet sich dabei ebenso substanziell von dem Chinas wie auch von dem Deutschlands oder Frankreichs. Die möglichen Varianten sollen an dieser Stelle einführend erläutert werden.
Baumol differenziert zwischen vier verschiedenen Systemen, die in sich weiter differenziert werden und die sich von Fall zu Fall auch überschneiden können. Die vier Typen sind der state-guided capitalism, der oligarchic capitalism, der big-firm capitalism und der entrepreneurial capitalism. 2 Als grundlegende Gemeinsamkeit dieser vier lässt sich zumindest in Teilen private ownership of property ausmachen. Unterschiede bestehen in den Mechanismen des Wachstums, der Innovation und dem Unternehmertum. Ein weiterer Ansatz zur Unterscheidung von Marktsystemen stammt von Hall/Soskice und
2 Vgl. Baumol, W.J., et al (2007). Good Capitalism, Bad Capitalism, and the economics of Growth
and Prosperity. New Heaven, 60-92.
2
unterscheidet liberal market economies einerseits und coordinated market economies andererseits. 3 Ersteres meint hierbei, dass Firmen ihre Aktivitäten innerhalb eines kompetetiven Marktes koordinieren. Die coordinated market economy geht davon aus, dass das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage ein Resultat strategischer Interaktion zwischen Firmen und anderen Akteuren ist. 4
1.1 State-guided Capitalism
Ausgangspunkt des state-guided capitalism ist, dass Regierungen entscheiden, welche Industrien, gar welche Firmen wachsen sollen. Was nach stark überhöhter staatlicher Einflussnahme klingt, kann dennoch als Art des Kapitalismus anerkannt werden, da hier eine kapitalistische Markt-Preis-Regulation vorgenommen wird. Der Unterschied zur Planwirtschaft liegt Baumol zufolge GDULQ GDVV ³LQ FHQWUDOO\ SODQQHG HFRQRPLHV WKH VWDWH QRW RQO\ SLFNV ZLQQHUV LW also owns the means of production, sets all prices and wages, often cares little about what consumers may want, and thus provides essentially no incentive for LQQRYDWLRQWKDWEHQHILWVWKHLQGLYLGXDO´ 5 De facto wollen die politischen Führer selbst Wohlstand aus der prosperierenden Industrie ziehen und argumentieren mit der Position, nach der nur mit zentraler Planung effizient agiert werden kann. China ist ein Paradebeispiel für den state-guided capitalism. Das lässt sich u.a. an der Situation vom staatlichen Bankenbesitz zeigen: Während China ganze vier Staatsbanken besitzt, ist das Bankensystem der USA vollkommen liberalisiert. Zu den Regulierungsmaßnahmen des state-guided capitalism gehört es, dass Firmen, ja ganze Branchen Steuergeschenke, exklusive Lizenzen oder Regierungsaufträge erhalten. Es werden Zölle erhoben, um die eigenen Firmen zu schützen und anderen den Marktzutritt zu verwehren. Unternehmen können somit ]X ÄQDWLRQDO FKDPSLRQV³ ZHUGHQ $QGHUHUVHLWV ZLUG GHU 0DUNWHLQWULWW IUHPGHU Firmen zumeist nur dann zugelassen, wenn sie eine Kooperation mit ansässigen Firmen eingehen, wenn sie also sog. Joint Ventures gründen. Durch diese kommt es in der Regel zu Technologietransfers, die dem heimischen Konzern langwierige
3 Vgl. Hall, P.A./ Soskice, D. (2001): An Introduction to varieties of Capitalism. Varieties of
Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage, Oxford, S.8.
4 Vgl. Ebd., S. 1-68.
5 Baumol, S. 64.
3
und kostenintensive Forschungsarbeit abnehmen. Der Vorteil für ausländische Investoren liegt darin, dass in Ländern mit state-guided capitalism in der Regel Niedriglöhne gezahlt werden, wodurch die Kosten der Produktion minimiert werden können. Allerdings ist dieser Zustand nicht von Dauer: Ä$IWHUSicking the low-KDQJLQJIUXLWWKHGLIILFXOWLHVRIKDUYHVWLQJJURZPXFKJUHDWHU³ 6 Ferner glauben Experten, dass es eine stete Gefahr von Korruption ± nicht nur - in den staatsgelenkten Betrieben gibt ± in China ist diese tatsächlich auch zu beobachten. Außerdem ist es mit großen Schwierigkeiten verbunden, die bevorzugten Firmen von der Patronage wieder zu lösen.
1.2 Oligarchic Capitalism
Der Oligarchic Capitalism ist hauptsächlich in den Staaten der ehemaligen Sowjet Union, in Lateinamerika, dem Mittlerer Osten und in Afrika verbreitet. Hier ist eine extreme Ungleichverteilung der Güter zu beobachten. Es herrscht überdies eine ausufernde Korruption vor. Weder das System Chinas noch das der USA entspricht dem des Oligarchic Capitalism. Insofern ist diese Variante für den weiteren Verlauf dieser Arbeit zu vernachlässigen.
1.3 Big-Firm Capitalism
Im Big-Firm Capitalism wird das ökonomische System von großen Firmen dominiert, die von ihren Aktionären kontrolliert werden. Dieses Prinzip ist sowohl in den USA wie auch in Europa verbreitet. Die großen Firmen werden von der Regierung gefördert, was mit der Annahme zu tun hat, dass sich nur solche Riesen LP JOREDOHQ :HWWEHZHUE EHKDXSWHQ N|QQHQ %DXPRO VWHOOW IHVW GDVV Ä%LJ-firm FDSLWDOLVPLVROLJRSROLVWLF³ 7 , was soviel heißt, dass sich wenige Firmen den Markt teilen und teilweise sogar Preise festsetzen können, wie zum Beispiel in der Verkehrsflugzeugindustrie. Allerdings geht dadurch der Anreiz zur Innovation verloren, weil auch mit technologisch überholten Produkten Gewinne erzielt werden können. Will der Staat dergleichen vermeiden, kann er hier ein Kartellrecht etablieren, welches Preisabsprachen ahndet und bestraft. Trotz dieses scheinbaren Nachteils des Big-Firm Capitalism sind große Firmen unersetzlich für
6 Baumol, S. 70.
4
Ökonomien, weil nur sie das Kapital für umfangreiche Forschung und Entwicklung haben. Außerdem sind nur sie es, die effizient in Massenproduktion gehen können.
.XU]XP Ä%LJ-firm capitalism at its best generates sufficiently large cash flows to finance internally the continuing, incremental improvements in products and services that are staples of any modern economy. At its worst, big-firm FDSLWDOLVPFDQEHVFOHURWLFUHOXFWDQWWRLQQRYDWHDQGUHVLVWDQWWRFKDQJH´ 8
1.4 Entrepreneurial Capitalism
Den unternehmerischen Kapitalismus kennzeichnet vor allem das Gros an Marktteilnehmern, die durch ihren jeweils nur geringen Marktanteil zur ständigen Innovation und Weiterentwicklung ihrer Produkte angehalten sind. ³6PDOOHU younger firms produce substantially more innovations per employee than larger, PRUH HVWDEOLVKHG ILUPV´ 9 Bei dieser Form des Kapitalismus ist der höchste ,QQRYDWLRQVJUDG ]X NRQVWDWLHUHQ 1LFKW VHOWHQ NRPPW HV ]X VRJ ÄEUHDNWKURXJK LQQRYDWLRQV³ZLHHVGDV)OXJ]HXJGDV$XWRXQGDXFKGHU7HOHJUDSKZDUHQ'LHVe radikalen Innovationen dienen entweder als Grundlage gänzlich neuer Industrien (Elektrizität) oder als Ausgangspunkt neuer Wirtschaftszweige (Automobil-Zulieferbetriebe). Die Patronage des Staates fehlt hierbei idealerweise gänzlich. Jede Unternehmung ist für das eigene Wachstum selbst verantwortlich. $XGUHWVFK PHLQW ³(QWUHSUHQHXUVKLS PDNHV DQ LPSRUWDQW FRQWULEXWLRQ WR economic growth by providing a conduit for the spillover of knowledge that might RWKHUZLVHKDYHUHPDLQHGXQFRPPHUFLDOL]HG³ 10 Chinas System wird zuweilen als neue Form von semi-state guided entrepreneurship gehandelt.
7 Baumol, S. 80.
8 Ebd., S. 85.
9 Basiert auf Acs and Audretsch (1990) in Baumol, S. 87.
10 Basiert auf Audretsch et al. (2006) in Baumol, S. 86.
5
2. Das System der Vereinigten Staaten von Amerika
Der Hauptzweck des ökonomischen Systems der USA ist es, den Nutzen der Konsumenten zu steigern und den Wohlstand zu erhöhen. Die Verteilung dessen ist, anders als in vielen Staaten Europas, von sekundärer Natur. Grundsätzlich ist in den USA von einer kompetitiven Marktwirtschaft die Rede, die den Aspekt des Wettbewerbs in den Vordergrund stellt. Wenn Wettbewerb behindert wird oder ganz fehlt, steuert die Wettbewerbspolitik dagegen. Dominiert wird die Wirtschaft, Gilpin 11 zufolge, von großen oligopolistischen Firmen. Das Management ist bei diesen Formen der Unternehmung vom Eigentum getrennt, muss also nicht mit Privatbesitz haften. Die Rolle des Staates in Bezug auf die Wirtschaft ist durch zwei Phasen gekennzeichnet. Während in den 30er Jahren von Roosevelt noch mehr soziale Verantwortung (New Deal) und ein System staatlicher Wohlfahrt gefordert worden war und auch die Wirtschaftstheorien von John M. Keynes in die amerikanische Politik Einzug hielten, um für Vollbeschäftigung zu sorgen, gab es in den 80ern unter Ronald Reagan eine Kehrtwendung. Jetzt sollten die natürlichen Marktmechanismen selber ein Marktversagen verhindern - weniger die staatlichen Interventionen. Dennoch hat die Politik der USA verschiedene Möglichkeiten, die Wirtschaft zu regulieren.
2.1 Die Rolle des Staates
Der Staat sorgt für ein neutrales Umfeld für die Wirtschaft. Seine Hauptaufgabe LVWGLHÄUHJXODWLon of the economy, provision of public goods and elimination of PDUNHW IDLOXUHV³ 12 ; letzter Punkt soll über antitrust-policy erreicht werden. Marktfehler, die einen staatlichen Eingriff legitimieren sind z.B. Monopole, negative Externalitäten und unzureichende Konsumenteninformationen. Bundesstaaten können unabhängig vom Bund eigene
Wirtschaftsprogramme ankurbeln. Die Steuerpolitik liegt bei der Legislative und der Exekutive; die Geldpolitik seit der Reagan-Ära beinahe ausschließlich bei der Federal Reserve (Fed).
11 Vgl. Gilpin, R. (2001). Global Political Economy. Understanding the International Economic
Order. Princeton, Princeton University Press, S. 151.
12 Ebd., S. 153.
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Alexander Reck, Thomas Rosenwald, 2008, Ökonomischer Abstieg der USA und Aufstieg Chinas, München, GRIN Verlag GmbH
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