INHALTSVERZEICHNIS
I. EINLEITUNG 2
II. HAUPTTEIL 4
1. Leben 4
1.1. Kindheit und Jugend zwischen Mariensee und Göttingen 4
1.2. Hölty und der Göttinger Hain 5
2. Werk 7
2.1. Das dichterische Erbe Höltys 7
2.2. „Die Maynacht“ (1774) - eine Interpretation 10
2.2.1. Höltys „Die Maynacht“ (1774) im Vergleich mit
Klopstocks „Die Sommernacht“(1766) 13
2.2.2.Vom hohen Ton zur belebten Einfachheit:
H öltys Weiterentwicklung der Klopstocksprache 14
III. SCHLUSS 15
IV. LITERATURVERZEICHNIS 17
1
I. Einleitung
Wirft man heute einen Blick auf die Lyrik des Sturm und Drang, so bleibt dieser zunächst an Goethes Erlebnislyrik, Herders Volksliedsammlung oder Bürgers Anfängen der deutschen Kunstballade haften. Schaut er etwas genauer hin, fällt dem Betrachter vielleicht noch eine kleine studentische Gruppe junger Literaten aus Norddeutschland ins Auge, die zu Beginn der 70er Jahre des 18. Jahrhunderts mit ihren poetischen Bemühungen in ihrer Universitätsstadt eine Weile für Furore gesorgt hat. Gemeint ist der 1772 gegründete Dichterbund „Göttinger Hain“, dessen Mitglieder heute weitestgehend in Vergessenheit geraten sind - betrachtet man diesen Kreis ob seiner kultischen Bundespraxis 1 doch eher mit spöttischer Distanz… Die Dichter des Göttinger Hains gelten oft als poetische Dilettanten, da sie mehr nachahmend 2 tätig waren als daß sie eine eigenständige Dichtung hervorgebracht hätten. In der Forschung sind die Namen und Werke dieser Dichter in den Schatten ihrer berühmten Zeitgenossen zurückgetreten. In diesem Schatten und als Bundesmitglied in dem Schatten, der vom Negativbild des Bundes herrührt, steht Ludwig Christoph Heinrich Hölty. Schon früh, im Alter von 26 Jahren, formulierte dieser Dichter des Göttinger Hains den Selbstanspruch: „[…] Ich will kein Dichter sein, wenn ich kein großer Dichter werden kann. Wenn ich nichts hervorbringen kann, was die Unsterblichkeit an der Stirne trägt, […] so soll keine Silbe von mir gedruckt werden. Ein mittelmäßiger Dichter ist ein Unding!“ 3 Ein „großer Dichter“ ist er wohl nicht geworden, zumindest nicht, was seine gegenwärtige Popularität betrifft. Doch ist er deshalb bloß ein „mittelmäßiger Dichter“, einer der poetischen Wichtigtuer und Dilettanten des Göttinger Kreises, sprich k e i n Dichter des Sturm und Drang?
Setzt man als Maßstab die Quantität der Forschungsberichte, die über sein Leben und Werk vorliegen, mag man schnell zu einer solchen Annahme kommen. Erst seit 1998 liegt mit der Werkausgabe Walter Hettches erstmals eine philologisch korrekte kritische Ausgabe der Gedichte und historischen Zeugnisse Höltys vor. Hölty selbst hat es aufgrund seines frühen Todes nicht mehr zu einer Ausgabe seiner Gedichte geschafft. Aus seinem Nachlaß haben dann zwei seiner Bundesbrüder, Johann Heinrich Voß und Friedrich Leopold zu Stolberg, 1783 und, in überarbeiteter Auflage, 1804 die erste Sammlung seiner Gedichte herausgegeben. Allerdings haben die Herausgeber stark in das Werk Höltys
1 Vgl. Voß´ Schilderung des Gründungsmomentes des Göttinger Hains im Brief an Brückner vom 20. September 1772: Der Göttinger Hain, hrsg. v. Alfred Kelletat, Stuttgart 1967, S. 349.
2 Vgl. 1.1.
3 Hölty in einem Brief an seinen Freund und Bundesbruder Johann Heinrich Voß im April 1774, vgl.: Gesammelte Werke und Briefe. Kritische Studienausgabe. Hg. v. Walter Hettche, Göttingen 1998, S.346.
2
eingegriffen und es nach ihrem Dafürhalten verändert. Der Versuch einer ersten historischkritischen Ausgabe wurde 1914-1918 erstmals von Wilhelm Michael gestartet, allerdings gilt diese Sammlung heute als unvollständig und philologisch nicht korrekt. Gleiches gilt für die Ausgabe Uwe Bergers von 1966.
Die Forschungsliteratur zum Göttinger Hain fällt insgesamt recht mager aus. So erschien als einziges eigenständiges Werk über Hölty 1964 die Dissertation von Oberlin-Kaiser, das älteste Werk, das ich für diese Arbeit verwendet habe. In den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts hat es dann einige Aufsätze und kürzere Kapitel in Literaturgeschichten und Herausgeberschriften über Hölty gegeben (siehe Literaturverzeichnis). Das aktuellste und ausführlichste Werk über den Göttinger Hain mit einem eigenständigen Kapitel über Hölty wurde jüngst von Hans-Georg Kemper verfaßt und ist 2002 erschienen. Völlig unbeachtet also scheint Höltys dichterisches Schaffen nicht zu sein. Wenngleich
seine Gedichte für den einen schon an der Grenze zum „Kitsch“ stehen 4 , hat es auch immer wieder Stimmen - selbst namhafter Dichter - gegeben, die Hölty mit seinem kleinen Werk begeistern und inspirieren konnte. So widmete beispielsweise Eduard Mörike ihm 1836 ein Gedicht mit dem Titel: „An eine Lieblingsblume meines Gartens, in
deren Stamm ich Höltys Namen schnitt.“ 5
Wer nun also war dieser Mensch, dem Mörike einen solchen Tribut zollte und der heute so sehr in Vergessenheit geraten zu sein scheint? Ist er tatsächlich zu Recht im Nebel des Göttinger Hains verblasst? Oder ist er nur ein wenig in Vergessenheit geraten und durchaus ein ernstzunehmender Poet seiner Zeit? Diese Fragen will ich im Folgenden untersuchen. Dabei werde ich zunächst einen Blick auf das kurze Leben Höltys und seine Position im Göttinger Hain werfen. Im zweiten Teil der Arbeit werde ich dann sein Werk näher in Augenschein nehmen und es anhand der Analyse eines Gedichtes auf seine Kunstfertigkeit und Authentizität hin untersuchen. Hölty gilt seit jeher als starker Nachahmer Friedrich Gottlieb Klopstocks. Daher habe ich für die Analyse sein Gedicht „Die Maynacht“ aus dem Jahre 1774 gewählt, das einen direkten Bezug auf die von Klopstock 1766 entstandene Ode „Die Sommernacht“ nimmt. Durch einen kurzen Vergleich der beiden Werke soll dann festgestellt werden, ob Hölty über die Imitation hinausgeht und einen eigenständigen Ton anschlägt. Im Schlussteil werde ich dann auf der Basis dieser Untersuchungen mein Ergebnis formulieren.
4 Vgl. Promies, Wolfgang: Hölty aus dem Hain. In: Christa und Peter Bürger und Jochen Schulte-Sasse (Hg.): Aufklärung und literarische Öffentlichkeit, Frankfurt a. M., 1980, S.253.
5 Mörike, Eduard: Gedichte, München 1954.
3
I. Hauptteil
3. Leben
3.1. Kindheit und Jugend zwischen Mariensee und Göttingen
Ludwig Heinrich Christoph Hölty wuchs - wie so viele Literaten und Dichter seiner Zeitals ältester Sohn einer evangelischen Pfarrersfamilie in Mariensee, nahe bei Hannover, auf. Schon früh kam er mit Krankheit und Tod in Berührung. Der Pfarrer Philipp Ernst Hölty und seine Frau Elisabeth Juliana hatten fünf Kinder in die Welt gesetzt, von denen drei schon in frühem Kindesalter starben. Als Ludwig Christoph Heinrich acht Jahre alt war, erkrankte die Mutter schwer an Tuberkulose und verstarb kurz darauf. Auch ihren ältesten Sohn quälte schon seit längerer Zeit eine Krankheit, die nach ihrem Tod zum Ausbruch kam. Der junge Hölty erkrankte schwer an den Pocken. Zwar überlebte er diese Krankheit, doch war er durch die vielen zurückbleibenden Narben für zwei Jahre fast erblindet undeinst ein hübsches, anmutiges Kind - für sein weiteres Leben entstellt. Nicht nur äußerlich haben die Schicksalsschläge der Jahre 1756/57 an Hölty ihre Spuren hinterlassen. Nach seiner Krankheit zog sich das Kind immer mehr zurück, galt als Einzelgänger, pflegte kaum Kontakte zu Spielgefährten und anderen Menschen. Dieser Charakterzug haftete ihm sein ganzes weiteres Leben an. Darüber hinaus pflegte er sein äußeres Erscheinungsbild
nicht sonderlich, woran sogar seine Freunde Anstoß nahmen. 6
Die Erziehung des jungen Hölty mag zu seiner Introvertiertheit ebenfalls einen Beitrag geleistet haben. Bis zu seinem 17. Lebensjahr hat der Pfarrer seinem Sohn Privatunterricht erteilt. Er lehrte ihn neben theologischen Grundbegriffen vor allem die alten Sprachen, um seinen Ältesten auf das Studium der Theologie vorzubereiten. Ab 1765 besuchte Hölty die Lateinschule in Celle. Dort lernte er vor allem die deutsche, englische und antike Literatur kennen und lieben. Ostern 1769 immatrikulierte er sich für das Fach Theologie in Göttingen. Zwar hatte er Zeit seines Lebens den Ruf eines äußerst begabten und fleißigen Schülers bzw. Studenten - er beherrschte sieben Fremdsprachen! - doch galt er nicht nur als ‘Bücherwurm’. Vielmehr zog er sich stundenlang allein in die Natur zurück und gab sich seinen Tagträumen hin. Diese richteten sich vor allem auf eine Person: Anna Juliane Hagemann, von ihm mit dem Namen „Laura“ bezeichnet. 7 Sie war die Frau des Amtmannes von Mariensee und nur wenige Jahre älter als Hölty. Aufgrund seiner Gestalt und seiner gesellschaftlichen Zurückgezogenheit mag er sich Zeit seines Lebens schwer
6 „[…]Die Leidenschaft seinen Geist zu beschäftigen, machte ihn gegen des Körpers Pflege etwas gleichgültig […].“, Voß in der Vorrede zur zweiten Auflage der von ihm herausgegebenen Gedichtausgabe Höltys, vgl. Hettche, Walter, a.a.O., S.440.
7 Die Namensgebung erfolgt in Anlehnung an Petrarca, vgl. dazu 2.1.
4
Arbeit zitieren:
Katharina Tiemeyer, 2003, Johann Christoph Heinrich Hölty - poetischer Dilettantismus oder vergessene Begabung?, München, GRIN Verlag GmbH
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