INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung. 2
II. Entstehungs- und Editionshintergrund der ausgewählten Gedichte 4
III. Die Sternenreuse - ein frühes Gedicht 5
1. Form, Aufbau, Inhalt 5
2. Bilder, Motive, Klänge 6
3. Interpretationsansätze 8
IV. Ophelia - ein spätes Gedicht 12
1. Form, Aufbau, Inhalt 12
2. Bilder, Motive, Klänge 13
3. Interpretationsansätze 16
V. Vergleichende Interpretation 18
VI. Literaturverzeichnis. 21
VII. Anhang. 23
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I. Einleitung
„Naturlyrik oder poltitische Lyrik? Die Kritik hat sich schwer getan, Huchels Werk zwischen den Polen, die mit diesen Begriffen umschrieben sind, anzusiedeln.“ - so Axel Vieregg in der Vorbemerkung zu seiner Analyse der Lyrik Peter Huchels. 1 Während ein Blick auf die Biographie Huchels zeigt, dass er zumindest als Mensch politisch nicht geschwiegen hat - geriet er doch als Chefredakteur der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ immer wieder mit dem SED-Regime aneinander, weil seine Arbeit nicht mehr der sozialistischen Kulturpolitik entsprach 2 - siedelt er sich als Lyriker selbst eher im Bereich der Naturlyrik an:
„Es war nur natürlich, daß sich in mir ein großer Vorrat an ländlichen Bildern, Vokabeln, Begriffen und Metaphern sammelte, ein Vorrat, von dem ich heute noch zehre. […] Später […] wollte ich mich gewaltsam von diesen Naturmetaphern trennen, es gelang nur schlecht, selbst in der Konfrontation mit der Gesellschaft, mit Hunger, Unterdrückung und Krieg, stets blieb in den jeweiligen Versuchen ein Metaphernrest zurück, ja, dieser Rest, ich mußte es mir eingestehen, war der
3 eigentliche Urgrund des Schaffens.“
Was hat es mit diesem dichterischen Selbstbekenntnis auf sich? Inwiefern ist Huchel Naturlyriker und wo liegen die Grenzen seiner Naturlyrik? Die folgende Arbeit möchte diesen Fragen auf den Grund gehen und Aspekte der Naturlyrik im Werk Peter Huchels aufzeigen. Dies soll auf der Grundlage einer Gedichtinterpretation geschehen.
Im Zitat deutet Huchel selbst auf einen Wandel hinsichtlich seines lyrischen Umgangs mit Natur hin. Um diesen zu zeigen, sollen deshalb zwei Gedichte Gegenstand der Untersuchung sein, die jeweils unterschiedlichen Schaffensperioden entstammen: Die Sternenreuse (1927/28) und Ophelia (1965). Neben der zeitlichen Dimension galt als weiteres Auswahlkriterium das sich in beiden Gedichten findende Bild der Reuse, das jeweils ganz unterschiedlich umgesetzt wird.
Die Gedichte werden - nach einer kurzen Einordnung in ihren Entstehungs- und Editionshintergrund - zunächst für sich sprachlich analysiert und interpretiert. Am Schluss der Arbeit soll in einer vergleichenden Interpretation untersucht werden, welche Funktion Natur in der Lyrik Peter Huchels einnimmt, ob oder inwiefern sich der Umgang mit Natur im Verlauf seines Werkes verändert und was seine Lyrik letztlich als moderne Naturlyrik rechtfertigt.
1 Vieregg, Axel: Die Lyrik Peter Huchels. Zeichensprache und Privatmythologie, Berlin 1976, S.7.
2 Vgl. Nijssen, Hub: Der heimliche König. Peter Huchel, Der heimliche König. Leben und Werk von Peter Huchel, Diss. Nijmegen 1995, S.321.
3 Peter Huchel in seiner Rede vom 26.5.1974 in Hamburg anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der deutschen Freimaurer an ihn; zitiert nach: Huchel, Peter: Der Preisträger dankt. In: Vieregg, Axel (Hg.): Peter Huchel, Frankfurt 1986, S.16/17.
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Die Analyse der Gedichte basiert weitestgehend auf eigenständiger Interpretation unter Einbezug der direkt zu den Gedichten gefundenen Forschungsbeiträge, die jedoch nicht sehr zahlreich sind. So äußerte sich zum Gedicht Die Sternereuse neben Ohl (1986) 4 und Niehuss (1995) vor allem Siemes (1996), der in seiner Dissertation eine ausführliche Interpretation vorlegt. Ebenso detailliert äußert sich Siemes (1996) zu Ophelia, zu der auch Raddatz (1973), Hinck (1982) und Kaiser (1991) einen kurzen Beitrag leisten. Außerdem nimmt Würffel (1985) in seiner Untersuchung des Ophelia-Motivs auch auf Huchels Ophelia Bezug.
Grundsätzlich jedoch fokussiert die Forschung eher allgemeine Tendenzen und Merkmale der Lyrik Perter Huchels wie das schon oben zitierte Werk von Vieregg (1976). Auffällig ist, dass die Beiträge sich in der Gesamtbetrachtung insgesamt auf kürzere Abhandlungen, Stellungnahmen und persönliche Würdigungen Huchels reduzieren, die meist aus gegebenem Anlass erschienen. So erfuhr die Huchel-Forschung einen ersten Aufschwung in Zusammenhang mit der Affäre um die Chefredaktion von „Sinn und Form“ in den sechziger Jahren. Eine Reihe weiterer Publikationen findet sich daraufhin kurz nach seinem Tod Mitte der achtziger Jahre. Das lyrische Werk Peter Huchels ist zwar nicht umfangreich - zwischen 1924 und 1979 hat er nur vier Gedichtbände produziert - jedoch umspannt es zeitlich beinahe sein gesamtes Leben, das in ein ereignisreiches und dynamisches Jahrhundert fällt. Sein dichterisches Schaffen gestaltet sich dementsprechend äußerst facettenreich. Es lässt sich durch die Analyse einzelner Gedichte - wie sie im Rahmen einer Hausarbeit nur erfolgen kann - nicht vollständig beleuchten. Diese Arbeit legt Wert auf eine möglichst genaue Untersuchung der Gedichte und kann und will daher nur einzelne Aspekte der Naturlyrik Peter Huchels aufzeigen.
Auch ein Vergleich Huchels mit anderen Dichtern wird in dieser Arbeit nicht erfolgen, obschon er - sowohl was die Zeitgenossen Huchels 5 als auch seine literarischen Vorgänger 6 betrifft - sicherlich erkenntnisreich wäre.
4 Ausführliche Angaben zur benutzten Literatur finden sich unter Kapitel VI, Literatur.
5 Huchel stand dem Dichterkreis um die Zeitschrift „Die Kolonne“ nahe, zu der u.a. Loerke und Lehmann gehörten; vor diesem Hintergrund gab es eine Debatte zwischen Lehmann und Huchel. Vgl. hierzu Nolte, Jost: Lyrische Fälle. Lehmann contra Huchel. In: Vieregg, Axel (Hg.): Peter Huchel, Frankfurt 1986, S.39-46.
6 Huchel werden lyrische Bezugnahmen auf Hölderlin nachgewiesen; vgl. Kaiser, Gerhard: Geschichte der deutschen Lyrik von Heine bis zur Gegenwart. Ein Grundriß in Interpretationen. Zweiter Teil, Frankfurt 1991, S.686-689.
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II. Entstehungs- und Editionshintergrund der ausgewählten Gedichte
Das Gedicht Die Sternenreuse zählt noch zum Frühwerk Huchels, wenngleich es nicht mehr in die Anfangsphase seines dichterischen Schaffens fällt. Es erschien erstmals 1947 in der Zeitschrift „Ost und West“ 7 , ist jedoch bereits 1927/28 in Frankreich entstanden. 8 Zu dieser Zeit hielt der Student Huchel sich mit der nun festen Absicht, Dichter zu werden und sein Studium aufzugeben, in Paris und Südfrankreich mit Jobs über Wasser und traf mit unterschiedlichen Künstlern zusammen. 9 Vierzig Jahre später (1967) - Huchel hat nun bereits eine bewegte Vergangenheit als Dichter und Chefredakteur von „Sinn und Form“ hinter sich - wählt Otto F. Best, der damalige Cheflektor im Piper-Verlag, Die Sternenreuse als Titel einer neu herausgegebenen Gedichtsammlung 10 , die eine Auswahl des lyrischen Frühwerks Huchels (Gedichte 1925-1947) beinhaltet. Die Zusammenstellung und Bezeichnung des Gedichtbandes geschieht im Einverständnis mit dem Dichter. 11 Die Sternenreuse liegt in verschiedenen Fassungen vor, welche sich jeweils vor allem hinsichtlich ihrer strophischen Gliederung unterscheiden. Während in der zuerst veröffentlichten Fassung noch eine strophische Fünfgliederung zugrunde liegt, findet sich in der letzten Fassung ein dreistrophiger Aufbau. Was die Wortwahl betrifft, so unterscheidet sich die erste von der letzten Fassung in nur einem Wort: Statt Atem (V.6) stand ursprünglich Seele 12 . Der hier zitierte Text folgt der spätesten Druckfassung von 1967 13 .
Das Gedicht Ophelia erscheint in Huchels letztem Gedichtband „Gezählte Tage“ 14 und gehört damit zum späteren Werk Huchels. Erstmalig veröffentlich jedoch wurde es bereits 1966 in „Das Wort“, der Literaturbeilage zur Zeitschrift „Du - Atlantis“ 15 . Siemes hat das genaue Entstehungsdatum und -ereignis des Gedichtes herausgefunden. 16 Es ist auf den 30. März 1965 datiert und nimmt damit Bezug auf eine
7 Ost und West. Beiträge zu kulturellen und politischen Fragen der Zeit 1947-1949. Hg. von Alfred Kantorowicz. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1947-1949. 5 Bde, Königstein 1979, Heft 1, S.80.
8 Vgl. die Nachbemerkung zur Gedichtausgabe „Die Sternenreuse“: Huchel, Peter: Die Sternenreuse. Gedichte 1925-1947, München 1967, S.94.
9 Vgl. Nijssen, 1995, S.60ff.
10 Vgl. Ebd. S.187.
11 Vgl. Siemes, Christof: Das Testament gestürzter Tannen. Das lyrische Werk Peter Huchels, Freiburg 1996, S.30.
12 Vgl. Ebd. S.38/39.
13 Zitiert nach Huchel, 1967, S.59.
14 Huchel, Peter: Gezählte Tage. Gedichte, Frankfurt 1972, S.
15 Du-Atlantis 26, Heft 2 (1966), S.898. Zitiert nach: Siemes, 1996, S.157.
16 Ebd. S.157.
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Zeitungsnotiz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1965 17 . Diese berichtet über einen Fluchtversuch an der Berliner Mauer. Das Ereignis hat Huchel spontan zu einem Gedicht angeregt: „Manches Gedicht braucht nur zwei bis drei Minuten, dann ist es fertig, z.B. die ‘Ophelia’.“ 18
III. Die Sternenreuse - ein frühes Gedicht
1. Form, Aufbau, Inhalt
Das Gedicht Die Sternenreuse besteht aus drei Strophen, von denen die erste und zweite Strophe jeweils acht, die dritte Strophe vier Verse enthält. Jedoch ergeben sich die ersten beiden Strophen in ihrer Länge nur aus der räumlichen Anordnung der Verse. Denn immer je vier Verse sind durchgehend durch Kreuzreim miteinander verbunden, so dass - geht man vom Reimschema aus - das Gedicht eigentlich aus fünf vierzeiligen Einheiten besteht. Ein solcher Aufbau trägt die Züge des einfachen, traditionellen Volksliedes. Dies bestätigt auch das zugrunde liegende Versmaß: Ein vierhebiger Jambus mit alternierend männlicher und weiblicher Kadenz. Die rhythmische Regelmäßigkeit wird nur an zwei Stellen durchbrochen: In Vers 14 unterbricht das Prädikat flimmerten die jambische Gleichmäßigkeit durch einen Daktylus. Durch die Tonbeugung in Vers 19 wird das Zeitadverb damals akzentuiert. Damals weist auf das Vergangenheitstempus hin, in dem das Gedicht gehalten ist. In zeitlicher Abgrenzung zur im Gedicht durchgängigen Vergangenheitsform steht nur der erste Vers im Präsens, die Frage des lyrischen Ichs an den Mond: Daß du noch schwebst, uralter Mond? (V.1).
Diese Frage ist zugleich Ausdruck der Verwunderung und des Staunens darüber, dass der Mond, der schon damals da war, noch immer am Himmel steht. Sein Anblick löst beim lyrischen Ich die Erinnerung an eine vergangene Zeit der Erfüllung und Naturnähe aus, die Thema des Gedichts ist.
Das lyrische Ich erinnert sich in der ersten Strophe an einen Zeitraum, als es nahe an einem Fluß gewohnt (V.3) hat und nur vom Gesang des Wassers umgeben war, der sich in verschiedenen Klangfarben (scholl, V.5 / tönend sprang, V.7 / schäumend schoß und niederrauschte, V.8) dem lauschenden und schöpfenden Individuum offenbart hat.
17 „Schüsse an der Sektorengrenze“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. März 1965, S.3. Zitiert nach Siemes, 1996, S.157.
18 Huchel, Peter: Gesammelte Werke in zwei Bänden. Band I: Die Gedichte Hrsg. von Axel Vieregg, Frankfurt am Main 1984, S.391.
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Arbeit zitieren:
Katharina Tiemeyer, 2004, "Natur magst du austreiben mit der Heugabel..." - Aspekte der Naturlyrik Peter Huchels aufgezeigt an den Gedichten "Die Sternennreuse" und "Ophelia", München, GRIN Verlag GmbH
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