INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung 2
1. Thematische Einführung 2
2. Textüberlieferung und Forschungsüberblick 3
II. Hauptteil 5
1. Exkurs: Zur mittelalterlichen Brieftradition 5
1.1. Begrifflichkeit und Tradition 5
1.2. Die Kriterien der Ars dictandi. 6
2. Historisch-biographischer Entstehungskontext der Briefe. 8
3. Die Briefe Heinrichs von Nördlingen an Margaretha Ebner 9
3.1. Brief IV - Exemplarische Analyse. 9
3.2. Brief XXXVII - Exemplarische Analyse. 12
3.3. Die analysierten Briefe im Kontext der Sammlung 13
3.4. Diskussion und Ergebnis 15
III. Resümee 17
IV. Literatur. 20
1
I. Einleitung
1. Thematische Einführung
Die Briefe des Weltpriesters Heinrich von Nördlingen an die mystisch begabte Dominikanerin Margaretha Ebner gelten als „[...] die älteste persönlich gehaltene Briefsammlung in deutscher Sprache“. 1 Sie entstanden in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und stehen damit an der Schwelle zur Tradition einer volkssprachlichen privaten Briefkultur. Zuvor war die briefliche Kommunikation des Mittelalters lateinisch und beschränkte sich vorwiegend auf den geschäftlich-juristischen Bereich. Eine Ausnahme bildeten die Liebesbriefe, die jedoch meist fiktiv sind, einen hohen Kunstcharakter aufweisen und daher kaum Ausdruck authentischer persönlicher Gefühle sind. 2
Die ersten deutschen Prosabriefe entstanden im Kontext spätmittelalterlicher Mystik. 3 Die enge und vertraute Beziehung zwischen Beichtvater und Mystikerin gaben den Briefen einen starken persönlichen Charakter, so dass sie fast schon den Anschein von Modernität erwecken. 4 Neben der Korrespondenz Heinrichs von Nördlingen sind in diesem Zusammenhang auch die Briefe Heinrich Seuses an Elsbeth Stagel zu erwähnen, die zeitlich betrachtet sogar älter sind. Allerdings wird ihnen der Briefcharakter nahezu abgesprochen: „Da Seuses Schreiben eher briefliche Predigten und Traktate sind, kann diese Korrespondenz [i.e. diejenige von Nördlingens] als der früheste deutsche Briefwechsel bezeichnet werden.“ 5 Damit kommt den Briefen Heinrichs von Nördlingen eine besondere Bedeutung hinsichtlich der deutschen Privatbriefkultur im Mittelalter zu. Die mittelalterliche Briefkommunikation unterscheidet sich eklatant von der modernen Briefpraxis; sie wies schon früh formale Gewohnheiten auf und unterlag seit dem Hochmittelalter den Kriterien der im 11. Jahrhundert neu aufgekommenen Ars dictaminis, der Briefstellerlehre, die für die gesamte lateinische Brieftradition des Mittelalters maßgeblich wurde. 6
1 Schultz, Richard: Heinrich von Nördlingen. Seine Zeit, sein Leben und seine Stellung innerhalb der deutschen
Mystik, in: Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte e.V., 10 (1976), S.151.
2 Vgl. Stoudt, Debra Lynn: The Vernacular Letters of Heinrich von Nördlingen and Heinrich Seuse, Diss.
University of North Carolina at Chapel Hill, 1986, S.67.
3 Weitlauff, Manfred: Art. „Heinrich von Nördlingen“, in: Ruh, Kurt u.a.(Hg.): Die deutsche Literatur des
Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd.3, Berlin/ New York 1981, Sp.848.
4 Stoudt, Vernacular letters, S.55.
5 Muschg, Walter: Die Mystik in der Schweiz 1200-1500, Leipzig 1935, S.292.
6 Vgl. Schmale, Franz-Joseph: Art. „Brief, Briefliteratur, Briefsammlungen“, in: Lexikon des Mittelalters, Bd.1,
München/ Zürich 1980, Sp.652ff. Siehe auch Kap.1.2 dieser Arbeit.
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Zur Entstehungszeit der Briefe von Nördlingens haben diese Regeln noch immer Gültigkeit, 7 da die lateinische Brieftradition - vor allem in öffentlichen Bereichen - nach wie vor gilt. 8 Es stellt sich also die Frage, inwieweit sie noch Einfluss auf diese ersten volkssprachlichen Mystikerbriefe nimmt, beziehungsweise worin gerade das Neue und Eigenständige dieser Briefe liegt, die zu den bemerkenswertesten Errungenschaften der deutschen Mystik des Mittelalters gezählt werden. 9 Im Weiteren kann gefragt werden, weshalb diese Errungenschaften ausgerechnet im Bereich spätmittelalterlicher Mystik gemacht wurden.
Anhand einer exemplarischen Analyse ausgewählter Briefe - eine Berücksichtigung aller 56 erhaltenen Briefe würde den Rahmen einer Hausarbeit deutlich sprengen - hinsichtlich Gehalt, Struktur, Sprache und Stil soll in dieser Arbeit jenen Fragen auf den Grund gegangen werden. Bei der Auswahl der Briefe (Brief IV und XXXVII) wurden einerseits ihre unterschiedliche Entstehungszeit, andererseits ihre strukturellen Differenzen als Kriterien zugrunde gelegt.
Um die Briefe einordnen zu können und Kontinuitäten und Veränderungen aufzuzeigen, soll zunächst ein kurzer Exkurs zur mittelalterlichen Brieftradition, insbesondere zu Geschichte und Merkmalen der Ars dictaminis, erfolgen. Daran anschließend soll eine Skizze des historischen und biographischen Entstehungskontextes der Briefe ihre im Vordergrund der Arbeit stehende Analyse vorbereiten.
2. Textüberlieferung und Forschungsüberblick
Überliefert sind 56 Briefe Heinrichs von Nördlingen an Margaretha Ebner. Im Original sind sie jedoch nicht mehr erhalten. Die uns heute vorliegenden Texte gehen zurück auf eine Handschrift des Britischen Museums aus dem 16. Jahrhundert. 10 Als einzige und vollständige Edition dieser Handschrift liegt die 1882 erschienene Ausgabe von Philipp Strauch vor. 11 Diese weist eine Sammlung von 58 Briefen Heinrichs von Nördlingen auf, von denen neben den Briefen an Margaretha zwei jeweils an eine Mitschwester von ihr
7 Vgl. Christensen, Kirsten M.: The Conciliatory Rhetoric of Mysticism in Correspondence, in Wolfthal, Diane
(Hg.): Peace and Negotiation. Strategies for Coexistence in the Middle Ages and the Renaissance, Turnhout 2000,
S.134.
8 Vgl. Steinhausen, Georg: Geschichte des deutschen Briefes, Berlin 1889, S.28.
9 Siehe Stoudt, Vernacular letters, S.55.
10 Diese Handschrift Add. 11430 gilt jedoch als unvollständig. Sie enthält außerdem eine Abschrift der
„Offenbarungen“ Margaretha Ebners, die auf die Medinger Handschrift von 1352 zurückzuführen ist, die Briefe
Margarethas jedoch nicht enthält. Vgl. Schultz, Heinrich von Nördlingen, S.151. sowie Weitlauff, Heinrich von
Nördlingen, Sp.845.
11 Strauch, Philipp: Margaretha Ebner und Heinrich von Nördlingen. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen
Mystik, 1882 (Nachdruck Amsterdam 1966).
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gerichtet sind. Darüber hinaus ergänzt Strauch die Sammlung durch acht weitere Briefe verschiedener Gottesfreunde an Margaretha Ebner. 12
Ein Blick auf die Forschungsliteratur zeigt, dass im Bereich der deutschen Mystikerbriefe generell und insbesondere hinsichtlich der Briefe Heinrichs von Nördlingen bisher nur wenige Publikationen erschienen sind.
So gibt es bisher keine vollständige Untersuchung der Briefsammlung von Nördlingens. 13 Es liegen derzeit lediglich einzelne Aufsätze über Heinrich von Nördlingen vor, die jedoch eher historisch-biographische Aussagen hinsichtlich seiner Beziehung zu Margaretha Ebner beziehungsweise hinsichtlich seines geistlichen Wirkens machen. 14 Seine Briefe fungieren dabei vor allem als historische Quellen. Eine intensivere Würdigung als Texte erfahren die Briefe - abgesehen von den die Texte einleitenden Untersuchungen in der Ausgabe von Strauch - nur in der Dissertation von Stoudt, in der die Autorin nachzuweisen versucht, inwiefern die Briefe Seuses von der Ars predicandi und diejenigen von Nördlingens von der Ars dictandi beeinflusst sind. 15 Ein neuerer Aufsatz von Christensen streift den Zusammenhang der Briefe Nördlingens mit der Ars dictandi, beruft sich dabei jedoch grundlegend auf Stoudt. 16 Die letztgenannten Publikationen werden an entsprechender Stelle in dieser Untersuchung entsprechende Berücksichtigung finden. 17 Mit der mittelalterlichen Brieftradition im allgemeinen Sinne hat sich vor allem Murphy auseinandergesetzt. 18 Was den Beginn der volkssprachlichen Brieftradition betrifft, liegt nur die schon recht alte Untersuchung von Steinhausen vor. 19
12 Zum Begriff „Gottesfreunde“: Walz, Angelus: Gottesfreunde um Margarete Ebner, in: Historisches Jahrbuch 72
(1953), S.253-265. Zum Begriff „Gottesfreunde“. Siehe auch Kapitel 2 dieser Arbeit.
13 Jedoch ist eine solche derzeit in Bearbeitung: Dissertation von P. Urban Federer, Universität Freiburg/ Schweiz:
„Mystische Erfahrung im literarischen Dialog. Die Briefe Heinrichs von Nördlingen an Margaretha Ebner“.
14 So u.a. Schultz, Heinrich von Nördlingen, 1976 sowie Weitlauff, Heinrich von Nördlingen, 1981.Weitere
Publikationen siehe Literaturverzeichnis.
15 Stoudt, Vernacular letters, S.86f.
16 Christensen, Conciliatory Rhetoric, 2000.
17 Siehe Kapitel 3.3 und 3.4 dieser Arbeit.
18 Murphy, James J.: „The Principles of Letter Writing“, in: Ders. (Hg.): Three Medieval Rhetorical Arts, Berkeley
1971, S.5-25. Ders.: Rhetoric in the Middle Ages: A History of Rhetorical Theory from St. Augustine to the
Renaissance, Berkeley 1974, S.194-268. Ders.: Latin Rhetoric and Education in the Middle Ages and Renaissance,
Hampshire 2005, S.1-26.
19 Steinhausen, Deutscher Brief, 1889.
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II. Hauptteil
1. Exkurs: Zur mittelalterlichen Brieftradition
1.1. Begrifflichkeit und Tradition
Briefe sind im Mittelalter sowie die Herkunft der Schriftlichkeit generell zunächst ein Erbe der Spätantike, was das Vorherrschen der lateinischen Sprache erklärt. 20 Die unterschiedlichen lateinischen Bezeichnungen des Mittelalters für „Brief“ deuten auf verschiedene Arten beziehungsweise Definitionen hin. So ist der Terminus litterae allgemeiner auch für andere Schriftstücke, insbesondere offizielle Dokumente und Urkunden verwendet worden, während epistola speziell einen Brief, jedoch vorwiegend im Sinne einer literarischen Gattung bezeichnete. Somit unterschied man bereits früh Briefe, die einen praktischen, meist notariellen, Zweck erfüllten und solche, die eher Kunstcharakter hatten. Allerdings nähern sich die Begriffe hinsichtlich ihrer Bedeutung zunehmend einander an. 21
Zunächst kannte das Mittelalter keinen besonderen Briefstil, sondern orientierte sich an den allgemeinen Regeln der antiken Rhetorik 22 , jedoch gab es bereits in merowingischer und karolingischer Zeit sogenannte formulae, Sammlungen verschiedener Briefmuster für unterschiedliche Anlässe und vertragsähnliche Personenverhältnisse, in die nur die entsprechenden Namen jeweils eingetragen werden mussten. 23 Diese formulae reichten im Hochmittelalter nicht mehr aus: „The increased number of documents and official letters required by the government and the Church gave rise to the necessity to formulate rules and theories regarding letter-writing.” 24 So entwickelte sich seit dem ausgehenden 11. Jahrhundert die Ars dictaminis oder Ars dictandi. Sie gehört neben der Ars poetrie und der Ars predicandi und zu den „Three New Rhetorical Genres of the High Middle Age“ 25 , die seit Beginn des 12. Jh. zunehmend von der ursprünglich antiken Rhetorik gelöst und verselbständigt haben. Unter dictamen versteht man im Mittelalter zunächst allgemein jede Art von Texten, im Zusammenhang mit dem Terminus der Ars dictaminis jedoch verengt sich die Bedeutung: Die Ars dictaminis ist die Bezeichnung für mittelalterliche Theorien über das Abfassen von Prosabriefen, die Ende
20 Schmale, Brief, Sp.663.
21 Stoudt, Vernacular letters, S.58f.
22 Schmale, Brief, Sp.652. Siehe Murphy, Kap.V, Ars dictaminis. The Art of Letter-Writing, in: Rhetoric/ Middle
Ages, S.194-268. Der Autor zeigt hier ausführlich die Verbindung von antiker Rhetorik und mittelalterlicher
Briefstellerlehre auf.
23 Ebd., S.199ff.
24 Stoudt, Vernacular letters, S.58.
25 Murphy, Latin Rhetoric, S.13. Siehe auch: Ders.: Rhetoric/ Middle Ages, S.194ff.
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Arbeit zitieren:
Katharina Tiemeyer, 2006, Mystische Korrespondenz zwischen Tradition und Innovation, München, GRIN Verlag GmbH
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