Einleitung
Schulisches Lernen lässt sich schon lange nicht mehr auf Frontalunterricht und Auswendiglernen beschränken. Eine Vielzahl von didaktischen Konzepten wurde in den vergangenen Jahren entwickelt und diese teilweise auch wieder verworfen. Mit dem Konzept der Handlungsorientierung, das in dieser Arbeit präsentiert wird, stelle ich eine sehr aktuelle Didaktik vor. Dabei geht es darum, Schule nicht nur als Ort des Lernens, sondern auch der Erfahrungen zu verstehen.
In einem ersten Teil stelle ich die Theorie des handlungsorientierten Unterrichts dar. Dabei sollen sowohl der Bedarf einer solchen Didaktik aber vor allem die Möglichkeiten für den Unterricht dargestellt werden.
Im zweiten Teil der Arbeit präsentiere ich eine praktische Unterrichtseinheit, die von mir in einem Universitätsseminar durchgeführt wurde. Hier geht es um die Anwendung des Konzeptes Handlungsorientierung in einem Rollenspiel. Neben der Darstellung werden von mir auch konkrete Erfahrungen in der Anwendung wiedergegeben.
Teil I -Theorie-
1.Notwendigkeit von Handlungsorientierung
Nach Gerhard Wöll bedarf es einer didaktischen Konzeption des Erfahrungslernens, welche speziell auf die institutionellen Rahmenbedingungen schulischen Lernens zugeschnitten ist. Seiner Meinung nach „…müssen Schule und Unterricht auch als Orte reflektierten Handelns und bewusster Erfahrungen begriffen und damit Lernchancen in Handlungszusammenhängen
eröffnet werden…“ 1 Seine Didaktik hierzu nennt Wöll „Handlungsorientierung“. Ziel ist es, zu dem ansonsten primär methodisch-systhematisch orientierten Lernen und Lehren ein didaktisches Komplement des handelnden Lernens hinzuzufügen. Dabei geht es Wöll nicht um die Veränderung von schulischen Rahmenbedingungen wie beispielsweise der Abschaffung von Fächer- und Stundeneinteilungen. Vielmehr sieht er die Möglichkeit der Einbettung des Konzeptes in die bestehenden Möglichkeiten und Beschränkungen der aktuellen schulischen Organisationsformen. Die zentrale Forderung Wölls besteht darin, dass
1 Wöll 2004, S. 4 Seite 1 von 17
„…Schule und Unterricht vor allem auch ein Praxisfeld für unmittelbare Erfahrungen
repräsentieren…“ 2 muss. Dies soll erreicht werden, indem Unterricht nicht nur Einsichten, die Veränderung von Einstellungen sowie die Entwicklung intellektueller Fähigkeiten fördern soll, sondern dass Einsichten und Einstellungen der Schülerinnen und Schüler durch konkrete persönliche Erfahrungen mit der Wirklichkeit entwickelt werden. Nach Wöll kann ein Zuwachs an Erfahrung jedoch nur durch handelndes Lernen, also durch die aktive Einflussnahme auf die Lebensumwelt, entstehen.
Der Begriff des handelnden Lernens wird in den weiteren Ausführungen noch zu klären sein. Zunächst möchte ich jedoch der Frage nachgehen, warum das Erlernen und Erfahren der Einflussnahme auf die Lebensumwelt von Schülerinnen und Schülern für Wöll eine zentrale Aufgabe von Unterricht und Schule darstellt.
2. Gesellschaftlicher Kontext
Um dieser Frage nachzugehen, bedarf es einem Blick auf die aktuelle gesellschaftliche Situation in Deutschland. Gerhard Wöll proklamiert einen steigenden Wahrnehmungsverlust von Wirklichkeit bei jungen Menschen. Als Ursache hierfür sieht er die zunehmende Medialisierung vor allem durch Fernseh- und Internetmedien sowie eine Verinselung von Lebensräumen. Beide Aussagen werden im Folgenden geklärt.
Fernsehen und Internet lösen bei übermäßiger Inanspruchnahme einen Kontaktverlust des Menschen zu seiner reellen Lebensumwelt aus. Unter Umwelt muss zum Einen die soziale und gesellschaftliche Umwelt, zum Anderen die Natur und in ihr stattfindende biologische und produktionsbedingte Prozesse verstanden werden. Fernseh- und Internetmedien schaffen eine virtuelle Umwelt, in der das Subjekt eine Eigentätigkeit im Sinne von aktiver Einflussnahme auf die konkrete Wirklichkeit weitgehend verliert. Hierdurch entstehen zwei Probleme, die jedoch eng miteinander verknüpft sind.
Erstens. Durch den hohen Grad an Realitätsverlust fehlt es dem Subjekt an geeigneten Interpretationsrahmen, die eine kritische Auseinadersetzung mit den Medieninhalten ermöglichen würden. Solche Rahmen können jedoch nur durch eine aktive Verbindung des Subjekts mit seiner reellen Lebensumwelt entstehen, welche die Basis für den Vergleich der Medieninhalte mit der Realität bildet.
2 Wöll, 2004, S. 7 Seite 2 von 17
Zweitens. Medien produzieren vorgefertigte Identitäten, meist in Form von Stereotypen. Bei einem fehlenden Wirklichkeitsinterpretationsrahmen entsteht zunehmend eine fehlende eigene Identitätsbildung bei jungen Menschen. Präziser ausgedrückt können Medien Selbstverständigungsprozesse in Form von Selbstreflexion von Subjekten vermindern oder verändern.
Insofern sind beide Probleme dadurch miteinander verbunden, indem das erste Problem einen außengerichteten und das zweite einen selbstgerichteten Einfluss gewinnt. Einen ähnlichen Effekt löst nach Wöll die Verinselung und Ausweitung der Lebensräume aus. Darunter versteht er nicht direkt in Verbindung stehende Lebensräume und Orte, die sich durch ein sich um das Individuum bildendes „…Netzwerk von Verpflichtungen, Fahrplänen,
Wegzeiten, Öffnungszeiten und Absprachen.“ 3 zusammenfügen. So bringt dies laut Wöll für Heranwachsende „…zunächst einen Zugewinn an Autonomie. Und zwar insofern, als sie sich in der Regel früh weitgehend selbständig für bestimmte Angebote der verschiedenen
Spezialräume entscheiden und persönliche Inselrouten zusammenstellen können.“ 4 Allerdings birgt diese Situation auch Risiken für Heranwachsende. Wöll spricht von einer
„…’Bastelbiographie’…“ 5 , deren erfolgreiche Meisterung ohne entsprechende
Handlungskompetenzen kaum zu bewältigen ist. Ein Verlust an Kontakt zur Wirklichkeit steht jedoch seiner Meinung nach der Ausprägung geeigneter Kompetenzen entgegen.
3. Die Forderung
Aufgrund dieser Erkenntnisse fordert Gerhard Wöll, dieses Problem müsse „…von der Schule als Herausforderung begriffen werden, vielfältige Handlungs- und Erfahrungsprozesse zu initiieren und mit Umweltaspekten zu verknüpfen.“, um so jungen Menschen die Kompetenz zu verleihen, die „…Chancen und Gefahren der Biographie selbst interpretieren, biographisch bedeutsame und weniger relevante, auf vielfältige Kontexte bezogene
Entscheidungen eigenverantwortlich treffen und deren Konsequenzen tragen.“ 6 zu können. Auf der Grundlage dessen, stellt Wöll seine Bedingungen an einen handlungsorientierten Unterricht auf. So fordert er, dass lebensweltliche Erfahrungsdefizite der Lernenden wie auch subjektiv-biographisch relevante Fragen als Ausgangslage einer Didaktik der
3 Wöll, 2004, S. 9
4 Ebd., S. 9
5 Ebd., S. 11
6 Ebd., S. 10 Seite 3 von 17
Handlungsorientierung verstanden werden müssen. Diese können nach Wöll durch Handlungen in Zusammenhängen zentraler gesellschaftlicher und globaler Probleme erfahren werden.
Um Wölls Forderungen nachvollziehbar darzustellen, bedarf es im Folgenden der Herleitung seines Handlungsverständnisses. Dazu muss zunächst geklärt werden, inwiefern Erfahren und Handeln in Verbindung stehen beziehungsweise sich unterscheiden. Des Weiteren wird der Handlungsbegriff Wölls genauer zu betrachten sein.
4. Erfahren und Handeln
Nach Gerhard Wöll stehen Erfahrungslernen und handelndes Lernen in einer Verbindung miteinander, wobei für eine Didaktik der Handlungsorientierung die Kategorie der Erfahrung, die John Dewey in seinen Werken beschrieben hat, lediglich eine grundlegende Funktion übernimmt. Denn nach Wöll fehlt es der Theorie Deweys an einem spezifischen Handlungsbegriff, der aber für eine Anwendung auf Lernende und die weitere Entwicklung von Unterrichts- und Lehrkonzepten unabdingbar ist. Dennoch dienen zwei von Dewey entwickelte Aspekte des Erfahrungslernens als Ausgangsbasis für Wölls Theorie einer Handlungsorientierung nämlich in der Form, als dass handelndes Lernen immer einer Einbindung von bereits gemachten Erfahrungen der Lernenden bedarf. Um hier Klarheit zu schaffen, wird im Folgenden zuerst die Konzeption Deweys vorgestellt, um darauf aufbauend von Wölls Verständnis zu berichten. Unter dem Prinzip der Kontinuität von Erfahrung versteht Dewey die Beeinflussung und Modifikation neuer Erfahrungen durch bereits gemachte. Genauer gesagt „…stehen gegenwärtige Erfahrungen immer in Beziehung zu bereits gemachten, vorgängigen Erfahrungen, die gleichsam die Interpretationsfolie für die Ermittlung des Sinns und der
Bedeutung des Neuen liefern.“ 7 Auf Unterricht bezogen bedeutet dies, dass als Ausgangssituation Fragen- und Problemstellungen gewählt werden, die einen direkten Bezug zur Lebens- und Erfahrungswelt von Lernenden aufweisen. Denn Dewey wie auch Wöll sehen durch das Prinzip der Kontinuität von Erfahrung die Möglichkeit einer Weiterentwicklung und Professionalisierung von Erfahrungsbezügen der Lernenden. Für den Unterricht gilt demnach, dass Frage- und Problemstellungen nicht künstlich konstruiert sein
7 Wöll, 2004, S. 52 Seite 4 von 17
Arbeit zitieren:
Till Eckermann, 2009, Handlungsorientierung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Till Eckermann hat einen neuen Text hochgeladen
Anstösse Politik. Politischer Unterricht an berufsbildenden Schulen. S...
Berufliche Schulen
Didaktik des Unterrichts mit blinden und hochgradig sehbehinderten Sch...
Fachdidaktik
Ursula Hofer, Markus Lang, Friederike Beyer
Didaktisches Handeln in der Erwachsenenbildung
Didaktik aus konstruktivistisc...
Horst Siebert
Bilingualer Unterricht an beruflichen Schulen
Ausgewählte Methoden
Ulrike Eistert, Matthias Fünffinger, Annie Francoise Lanbei, Ralf Ueberschaar, Katalin Szabone Virág
0 Kommentare