Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
Inhaltsverzeichnis
1 VORWORT UND „FAHRPLAN“ DIESER ARBEIT 7
2 EINLEITUNG: DEUTSCH UND DEUTSCH ALS FREM DSPRACHE VOR
UND NACH 1945. 13
2.1 STELLUNG DES DEUTSCHEN UND SEIN STATUS ALS FREMDSPRACHE. 13
2.2 DAF AN SCHULEN. 14
2.3 ANTEIL AUSLÄNDISCHER STUDENTEN 15
2.4 FLÜCHTLINGE, VERTRIEBENE, GASTARBEITER. 15
3 WIEDERAUFBAU DER AUSWÄRTIGEN KULTUR- UND SPRACHPOLITIK
NACH DEM KRIEG 17
3.1 KULTUR UND ZURÜCKHALTUNG STATT POLITISCHES GEWICHT. 18
3.2 ROLLE DER SPRACHE. 20
3.3 ORGANISATION. 23
3.3.1 Goethe-Institut. 25
3.3.2 Universitäten 27
3.4 ZERSPLITTERUNG. 28
3.5 OST-WEST-GEGENSATZ UND ÖFFNUNG NACH OSTEN. 29
4 DAS FACH DEUTSCH ALS FREMDSPRACHE NACH DEM KRIEG. 34
4.1 DAF VOR 1945. 34
4.2 DAF NACH DEM KRIEG. NEUBEGINN UND KONSTITUIERUNG DES FACHES 35
4.3 DAF-ENTWICKLUNG IN DER DDR 40
5 ENTWICKLUNG DER LEHRMETHODIK. 46
5.1 LEHRMETHODEN 46
5.1.1 Grammatik-Übersetzungs-Methode 48
5.1.2 Direkte Methode 51
5.1.3 Georg Lappers „Singendes Lernen“ 54
3
Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
5.2 KURZE BEMERKUNG ZUM LERNORT 58
6 WEITERENTWICKLUNG DER DAF-LEHRWERKE NACH DEM KRIEG IN
OST UND WEST. 60
6.1 WALTER WEBERS DEUTSCH FÜR AUSLÄNDER UND SCHULZ/SUNDERMEYERS
DEUTSCHE SPRACHLEHRE FÜR AUSLÄNDER 61
6.2 KLEE/GERKENS GESPROCHENES DEUTSCH 63
6.3 HERMANN KESSLERS DEUTSCH LERNEN - LEICHT GEMACHT 64
6.4 SCHULZ/GRIESBACHS DEUTSCHE SPRACHLEHRE FÜR AUSLÄNDER 66
6.5 DAS HERDER-LEHRWERK DEUTSCH. EIN LEHRBUCH FÜR AUSLÄNDER. 69
7 PROBLEMATIK VON LEHRWERKSBEURTEILUNGEN UND
ANALYSERASTERN. 73
7.1 THEORIE VERSUS PRAXIS 73
7.2 VOREINGENOMMENHEIT. 74
7.3 ZEITVERSCHIEBUNG. 75
7.4 DIE FAKTOREN „SCHÜLER“ UND „LEHRER“ 76
8 ANALYSE DER LEHRWERKE. 80
8.1 GENERELLES 80
8.2 STRUKTUR 82
8.2.1 Aufbau des Lehrwerks. 82
8.2.2 Zusatzmaterialien 83
8.2.2.1 Lehrerhinweise 84
8.2.2.2 Wörterverzeichnisse. 85
8.2.2.3 Medien. 86
8.2.3 Aufbau der Lektionen 87
8.2.4 Gestaltung/Layout/Visualisierung 88
8.3 INHALT 90
8.3.1 Themen 90
8.3.2 Textsorten. 91
8.4 LINGUISTISCHE KRITERIEN 93
8.4.1 Aussprache. 93
4
Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
8.4.2 Sprache 94
8.4.3 Grammatik 95
8.5 METHODE/DIDAKTISCHE KONZEPTION 97
8.5.1 Übungen 98
8.5.2 Die vier Fertigkeiten. 99
8.5.2.1 Hören. 100
8.5.2.2 Sprechen. 100
8.5.2.3 Lesen. 102
8.5.2.4 Schreiben. 103
8.5.3 Didaktik der Grammatik 103
8.5.4 Wortschatz. 105
8.6 GESAMTEINDRUCK. 108
9 DAS DEUTSCHLANDBILD DER LEHRWERKE 110
9.1 VORÜBERLEGUNGEN 110
9.2 PERSONEN 112
9.2.1 Namen. 112
9.2.2 Nationalität und Sprache. 114
9.2.3 Alter 114
9.2.4 Geschlecht 115
9.2.5 Tätigkeit. 116
9.2.6 Freizeit, Hobbies, Interessen. 117
9.2.7 Wohnen 118
9.2.8 Besitz. 119
9.2.9 Essen und Trinken 120
9.2.10 Gesundheit, Körperpflege. 121
9.3 ANDERE LANDESKUNDLICHE INFORMATIONEN. 122
9.3.1 bei Kessler. 122
9.3.2 und Schulz/Griesbach 124
9.4 AFFIRMATIVE DARSTELLUNG. 125
9.5 TYPISIERUNG. 126
9.6 HINWEISE AUF NATIONALSOZIALISMUS BEI KESSLER 130
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
10 AUSBLICK: WIE GEHT ES WEITER MIT 133
10.1 DER STELLUNG DES DEUTSCHEN, DER AUSWÄRTIGEN KULTUR- UND
SPRACHPOLITIK 133
10.2 DEM FACH DEUTSCH ALS FREMDSPRACHE. 134
10.3 DER METHODENENTWICKLUNG. 136
10.4 DER LEHRWERKSENTWICKLUNG/LEHRWERKSANALYSE. 138
10.5 DEM DEUTSCHLANDBILD IN DEN DAF-LEHRWERKEN. 140
11 ZUSAMMENFASSUNG, SCHLUß 142
12 LITERATURVERZEICHNIS 145
12.1 LEHRWERKE. 145
12.2 SEKUNDÄRLITERATUR 146
13 ANHANG. 157
13.1 AUSZÜGE AUS GEORG LAPPERS LEHRHEFT WINTER UND WEIHNACHT. GLAUBE UND
HOFFNUNG VON 1931. 157
13.2 AUSZÜGE AUS GEORG LAPPERS UNTERRICHTSMATERIAL ICH LERNE SINGEND
DEUTSCH , DAS VERMUTLICH AM GOETHE-INSTITUT VERWENDET WURDE. 157
13.3 HERRMANN KESSLERS LEHR- UND ANSCHAUUNGSBILDER. 157
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
1 Vorwort und „Fahrplan“ dieser Arbeit
Diese Arbeit versteht sich als ein Glied in einer Reihe von Diplomarbeiten, die verschiedene Abschnitte der neueren DaF-Geschichte behandelt. Damit trete ich die Nachfolge von Saskia Albert (1998) an, die in ihrer Diplomarbeit die erste universitäre Lehrwerksgeneration für Deutsch als Fremdsprache von Walter Weber während des Zweiten Weltkrieges untersucht. Um der Kontinuität der Darstellung willen, werde ich mich öfter auf diese Arbeit beziehen. Webers Lehrwerk wurde 1943 von Hermann Kessler neu bearbeitet. Das ist der Punkt, an dem meine Arbeit zeitlich ansetzt. Mein Untersuchungszeitraum erstreckt sich ungefähr bis Ende der 60er Jahre, als die erste Institutionalisierung und Konsolidierung des Faches DaF weitgehend a bgeschlossen war und der Lehrwerksmarkt mit dem Einzug der audiolingualen/audiovisuellen Methode zu explodieren begann.
Das erste Lehrwerk, Kesslers Deutsch lernen - leicht gemacht! fällt zeitlich gesehen eigentlich noch in die Zeit während des Krieges. Dies dient aber der Veranschaulichung des Übergangs von Kriegs- zu Nachkriegszeit. Neben Schulz/Griesbachs Deutscher Sprachlehre für Ausländer, dem ersten wirklich neuen Nachkriegslehrwerk für DaF, war noch vorgesehen, das Buch Deutsch. Ein Lehrbuch für Ausländer aus der DDR zu untersuchen. Da es mir aber trotz vielfacher Versuche nicht gelungen ist, eine Erstauflage dieses Lehrwerks aufzutreiben, mußte ich leider darauf verzichten. Ich habe trotzdem in meiner Arbeit die DDR ausführlich berücksichtigt und hoffe, der Leser 1 kann sich auch ohne eine umfassende Analyse ein Bild von der Entstehung des Lehrwerks machen. Statt des DDR-Lehrwerks habe ich allerdings anderes, nicht weniger wichtiges Lehrmaterial gefunden, das heute völlig in Vergessenheit geraten ist und in meinem „Lehrwerks-Weltbild“ für den einen oder anderen überraschenden Aha-Effekt gesorgt hat. In keiner moderneren Abhandlung über Lehrwerksgeschichte wird es erwähnt, obwohl es gerade bei der Entwicklung des Schulz/Griesbach eine wichtige Schlüsselrolle spielte. Die Rede ist von Georg Lappers Methode „Singendes Lernen“, die in Auszügen im Anhang beigefügt ist.
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
Die Entstehung der ersten DaF-Lehrwerke nach dem Krieg darzustellen, hat sich als wesentlich komplexer erwiesen als ursprünglich angenommen. Daher auch der Umfang der Arbeit. Ich wollte allerdings versuchen, dieses vielschichtige Bild aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, und dem Leser nicht nur zeigen, wie die ersten DaF-Lehrwerke nach dem Krieg aussehen, sondern auch darstellen, unter welchen Umständen sie entstanden sind und warum sie ausgerechnet so aussehen, wie sie uns heute vorliegen.
In der Einleitung will ich kurz umreißen, wie es sich mit dem Status des Deutschen und des Deutschen als Fremdsprache während des Krieges und in der Nachkriegszeit verhielt. Durch die gebotene Kürze eines Überblicks mußte ich ein paar wenige Schwerpunkte setzen und kann daher zwangsläufig nur ein grobes Bild zeichnen, das aber trotzdem einer ersten Einführung Genüge leisten dürfte. Die wohl umfassendste Bestandsaufnahme zur Stellung der deutschen Sprache stammt von Ammon (1991), der sowohl viele Daten zusammengetragen als auch die bisherigen Bestandsaufnahmen kritisch bewertet hat.
Kapitel 3 behandelt speziell den Wiederaufbau der auswärtigen Kultur- und Sprachpolitik in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg.
Fremdsprachenunterricht ist jederzeit ein politisches Ereignis; er baut ebenso viele Brücken für das gegenseitige Verständnis sprachverschiedener Menschen, Gruppen und Völker, wie er Barrieren zwischen diesen errichten kann. [...] Er ist Mittel und Gegenstand der Politik und er zeitigt [sic!] seinerseits politische Auswirkungen. 2
Schließlich liefert ja die Politik die institutionellen und finanziellen Voraussetzungen für den Sprachunterricht, gibt aber auch das Programm vor, nach dem sich der Sprachunterricht zu richten hat. Auf dieses Programm, aber auch auf die Organisation der auswärtigen Kulturpolitik und den Konkurrenzkampf zwischen der BRD und der DDR werde ich näher eingehen.
Die Entstehung der ersten DaF-Lehrwerke nach dem Krieg hängt natürlich eng mit der Entwicklung des Faches Deutsch als Fremdsprache zusammen. Zunächst gab es so ein Fach
1 Wenn in dieser Arbeit von Lesern, Schülern, Lehrern usw. die Rede ist, dann meine ich natürlich auch alle Leserinnen, Schülerinnen, Lehrerinnen usw.
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
lediglich unter dem Aspekt des Sprachunterrichts und es dauerte viele Jahre, bis es sich zu der vielschichtigen Disziplin entwickelte, die „Deutsch als Fremdsprache“ heute ist. Um die Anfänge und die erste Etablierung des Faches geht es in Kapitel 4.
Um die Konzeption der analysierten Lehrwerke besser verstehen und einordnen zu können, ist in Kapitel 5 ein kurzer Überblick über die Hauptströmungen der Lehrmethodik nötig, die zu ihrer Entstehungszeit aktuell waren. Wichtig ist hier weniger ihr theoretischer Inhalt als vielmehr die Rolle, die diese Methoden in der Fremdsprachendidaktik und im Bildungswesen gespielt haben. Auf die Methode Lapper, oder „Singendes Lernen“, will ich etwas genauer eingehen, da sie in keinem moderneren Buch über Lehrmethoden erwähnt wird. Das ist auch kein Wunder, denn sie dürfte wohl selbst für die damalige Zeit ziemlich kurios gewesen sein. Dennoch war es diese Methode, die bei der Entstehung des Schulz/Griesbach eine entscheidende Rolle spielen sollte. Die Deutsche Sprachlehre für Ausländer ist meiner Ansicht nach auch deshalb zum „Buhmann“ der DaF-Lehrwerke geworden, weil die eigentlichen Umstände ihrer Entstehung in der Literatur nicht ausreichend berücksichtigt werden. Durch die Darstellung dieser Umstände möchte ich dazu beitragen, dieses zu Unrecht entstandene Negativbild etwas gerade zu rücken.
Kapitel 6 beschäftigt sich mit den maßgeblichen Lehrwerken des Beobachtungszeitraums. Ich beschränke mich hierbei auf Erwachsenenlehrwerke für Anfänger. Natürlich gab es auch Unterrichtsmaterial für Fortgeschrittene, aber Anfängerlehrwerke spielen die wichtigste Rolle im Fremdsprachenerwerb. Fast kein Deutschlerner kommt um sie herum; der Großteil der DaF-Lerner kommt über das Anfangsstadium gar nicht hinaus. 3 Wörterbücher, Grammatiken, Übungssammlungen, Lesebücher, sowie ausländische Produktionen werden in dieser Arbeit auch nicht behandelt. Es gab sicherlich viele davon.
In fast jeder Art von Fremdsprachenunterricht kommt dem Lehrwerk eine zentrale Stellung zu. Schließlich müssen die Vorgaben, die hinsichtlich bestimmter Methoden, Lernziele, Übungsformen usw. gemacht werden, in adäquates Lehrmaterial umgesetzt werden. 4 Die Analyse von solchem Lehrmaterial bildet den eigentlichen Kern meiner Arbeit.
2 Christ (1981), S. 230ff.
3 Glück (1994), S. 238.
4 Vgl. auch Wolf (1978), S. 2; Richards/Rodgers (1995), S. 24f.
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
Krumm (1994, S. 24) zitiert eine Studie von Lothar Quetz 5 , wonach in manchen Klassen bis zu 82% des Unterrichts mit dem Lehrbuch bestritten werden. Es gab auch Versuche, den Anteil des Lehrwerks im Unterricht zu reduzieren. So versucht z.B. die Freinet-Pädagogik, das Lehrwerk durch Bausteine und abgegrenzte Unterrichtseinheiten zu ersetzen, aus denen sich die Schüler den Lernstoff selbst auswählen und somit ihren eigenen Lernplan erstellen können. 6
Ganz kann schulischer Fremdsprachenunterricht allerdings kaum auf Lehrwerke verzichten. Der Zwang, den Lernstoff zwischen verschiedenen Klassen vergleichbar zu halten [...], der durch Lehrpläne und Prüfungen ausgeübte Zwang, im Unterricht bestimmte Probleme zu behandeln, aber auch Bedürfnisse der Schüler, Lernstoff bei Krankheit nachzulernen, organisatorische Probleme im Umgang mit Arbeitsblättern und Karteikästen lassen Lehrer wie Schüler häufig wieder zum Lehrbuch greifen. So ist wohl unvermeidlich, daß Versuche, Deutschunterricht ohne Lehrbuch durchzuführen, doch immer wieder zu schriftlich dokumentierten Materialien und Kurskonzepten führen. 7
Jeder Lehrer ist heute mit einer schier unüberschaubaren Masse an Lehr- und Übungsmaterial konfrontiert und muß bei der Wahl des einen oder anderen Lehrwerks entscheiden können, welche Stärken und Schwächen es hat, und ob es sich überhaupt für die jeweilige Unterrichtssituation eignet. Die Bedeutung dieser Fähigkeit für die Unterrichtspraxis kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. 8
Bevor ich weiter fortfahre, möchte ich einige oft verwechselte Begriffe klären. Diese haben zwar alle mit der Untersuchung von Lehrwerken zu tun, setzen aber jeweils unterschiedliche Schwerpunkte: Die Analyse eines Lehrwerks ist eine möglichst wertneutrale Bestandsaufnahme dessen, was ein Lehrwerk faktisch enthält oder nicht enthält. Die Kritik eines bestimmten Lehrwerks, also das Herausstellen dessen, was man gut bzw. schlecht findet, kommt später und muß auf einer solchen gründlichen Analyse des Lehrwerks beruhen. 9 Auch Heuer/Müller/Schrey (1970, S. 1), die zu den Vorreitern der Lehrwerkanalyse gehören, stellen
5 Quetz, Lothar (1976): Untersuchungen zum Einfluß eines Lehrbuches auf die kommunikative Struktur des Englischunterrichts. In: Zielsprache Englisch, Heft 1, S. 20-28. Untersucht wurde der Englischunterricht in der Erwachsenenbildung.
6 Dietrich (1979); Krumm (1994), S. 27.
7 Krumm (1994), S. 27.
8 Latour (1989), S. 75.
9 Vgl. auch Latour (1989), S. 76.
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
heraus, „daß Lehrwerkkritik nur dann sinnvoll ist, wenn sie von einer tragfähigen Grundlage aus erfolgt und wenn sie zu objektiven Befunden führen kann“. Unter der Begutachtung eines Lehrwerks verstehe ich die abschließende Abwägung der Pros und Kontras aus Analyse und Kritik vor der Frage, ob das Lehrwerk in einer konkreten Unterrichtssituation zum Einsatz gebracht werden könnte oder nicht.
In dieser Arbeit vergleiche ich die beiden Lehrwerke Deutsch lernen - leicht gemacht! von Hermann Kessler und Deutsche Sprachlehre für Ausländer von Schulz/Griesbach. Da diese beiden Lehrwerke hinsichtlich ihrer Entstehungszeit und ihrer Konzeption sehr unterschiedlich sind, kann ein solcher Vergleich Probleme mit sich bringen, die in Kapitel 7 behandelt werden.
In Kapitel 8 geht es um die Analyse der beiden Lehrwerke. Ich habe zunächst aus vielen Arbeiten und Vorschlägen zur Lehrwerksanalyse ein großes Raster erstellt, das die Grundlage zu den Analysen in dieser Arbeit bildet. 10 Das Problem dabei war, daß eine sehr lange Kriterienliste entstand, die zunächst einmal vereinfacht, geändert oder umformuliert werden mußte. Mit dem so entstandenen, trotzdem ziemlich umfangreichen Kriterienraster hoffe ich, die Grundlage für eine möglichst neutrale Analyse geschaffen zu haben. Viele Lehrwerkanalysen machen den Fehler, an älteren Lehrwerken kein gutes Haar zu lassen, um die neueren, an denen die Kritiker der älteren nicht selten selbst mitgearbeitet haben, in um so besserem Licht erscheinen zu lassen. Dies wollte ich bewußt unterlassen.
Aufgrund der unterschiedlichen Konzeption der untersuchten Lehrwerke, ließen sich gleiche Fragenstellungen oft nicht auf beide Lehrwerke gleichzeitig anwenden, so daß ich die Fragen etwas flexibel handhaben mußte. Als grobe Richtschnur für die Analyse haben sie sich jedoch als sehr praktisch erwiesen. Ich habe bei der Analyse immer ein möglichst wertfreies Bild der Lehrwerke zum Ziel gehabt. Dies beinhaltet im wesentlichen die Erfassung dessen, was das Lehrwerk enthält und - ebenso wichtig - was es nicht enthält und durch den Lehrer ergänzt werden müßte. Ich hoffe, dieses neutrale Bild ist mir gelungen. Sollte die eine oder andere
10 Als Quellen habe ich die Beiträge von Ammer, Kast, Funk, Götze, Mebus, Müller, Krumm und Sturm in Kast/Neuner (1994) herangezogen, sowie auch Engel u.a. (1978), Heyd (1991), Krumm/Stickel/Wierlacher (1980) und Heuer/Müller/Schrey (1970).
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
Wendung doch wie eine Wertung aussehen, so sei sie als Feststellung zu interpretieren und nicht als Urteil.
Kapitel 9 behandelt schließlich, nach einigen V orüberlegungen, das Deutschlandbild der Lehrwerke. Eine umfassende Untersuchung aller Aspekte des Deutschlandbildes der Lehrwerke würde allein schon eine Diplomarbeit, wenn nicht sogar eine Doktorarbeit füllen.
Ich konzentriere mich deshalb in erster Linie auf die Lehrwerkspersonen, werde aber auch auf andere landeskundliche Aspekte eingehen. Was die thematische Gliederung angeht, so habe ich mich aufgrund ihrer Übersichtlichkeit für die Themenliste des Zertifikats Deutsch als Fremdsprache entschieden. Bei den Fragen des Analyserasters orientiere ich mich an Ammer (1988) und Dengel (1997).
Zum Schluß möchte ich noch all denjenigen Personen danken, die mir beim Fertigstellen der Arbeit mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben:
- Herrn Griesbach, der mir in vielen persönlichen Gesprächen und E-Mails wertvolle Informationen über Georg Lapper und die Anfangsphase des Goethe-Instituts gegeben hat. Ebenso bin ich den ehemaligen Mitarbeitern des Goethe-Instituts Herrn Gawronski und Herrn George zu Dank verpflichtet.
- Herrn Gerber von der Universität Potsdam für die Informationen zum Herder-Lehrwerk Deutsch. Ein Lehrbuch für Erwachsene.
- Herrn Kelz, der mir viele Informationen und Tips zur Recherche über Kessler gegeben hat.
- Frau Lenzen vom Stam-Verlag, die mir aufgrund ihrer jahrelangen Bekanntschaft und Zusammenarbeit mit Hermann Kessler unbezahlbare Informationen zu seiner Person und seinem Werk liefern konnte.
- Herrn Prof. Glück für die Betreuung dieser Arbeit.
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
2 Einleitung: Deutsch und Deutsch als Fremdsprache vor und nach
1945
Als führende Fremdsprache oder gar als Verkehrssprache gilt das Deutsche anders als vor 1945 nirgends mehr. [...] Hier haben die Hitler’sche Katastrophenpolitik, die ihr folgende Vertreibung der Deutschen und der Sturz Deutschlands in vorübergehende Machtlosigkeit schwere, wohl nicht mehr revidierbare Folgen gehabt. 11
2.1 Stellung des Deutschen und sein Status als Fremdsprache
Deutschland hatte im Vergleich zu anderen Ländern eine relativ kurze, wenig erfolgreiche koloniale Vergangenheit und ist daher außerhalb Europas nirgends Amts- oder Verkehrssprache geworden. Zudem hatte Deutschland beide Weltkriege verloren. Eine Weltsprache wie Englisch oder Französisch konnte Deutsch also gar nicht werden, zumal man in Deutschland nach 1945 ohnehin kaum noch Hoffnung hatte, daß die deutsche Sprache als politische Größe jemals wieder auf die Beine kommen würde. Zumindest war klar, daß es nicht sehr leicht sein würde, den enormen Rückschritt, den das Deutsche durch den Krieg machen mußte, wieder einzuholen. Obwohl in Europa die meisten Menschen Deutsch als Muttersprache sprechen 12 , hat das Deutsche einen wesentlich geringeren Status als Englisch und Französisch. Als Amts- oder Arbeitssprache in weltweit arbeitenden Organisationen wurde Deutsch nur wenig anerkannt. 13 Der Bericht der Bundesregierung „Die Situation der deutschen Sprache in der Welt“ von 1967 (S. 8) 14 schreibt dazu:
Deutsch war weder eine historische Verhandlungssprache (selbst der Friedensvertrag von 1871 ist nur auf Französisch abgefaßt), noch ist es eine moderne Konferenzsprache. Verhandlungssprachen in den Vereinten Nationen sind
11 Witte (1987), S. 160.
12 Laut Huneke/Steinig (1997, S. 32f.) sprechen 92 Mio. Menschen in West- und Osteuropa Deutsch als Muttersprache. Somit ist das Deutsche nach Russisch (mit 115 Millionen Sprechern) und weit vor Französisch und Englisch die meistgesprochene Sprache in Europa.
13 Ammon (1989), S. 233ff.; Huneke/Steinig (1997), S. 30f.
14 Im folgenden zit. als Bericht 1967.
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
Englisch, Französisch, Chinesisch, Russisch und Spanisch. Die NATO erkennt nur Englisch und Französisch als Amtssprachen an. Im Europarat ist es nicht anders. Amtssprache ist Deutsch nur in der EWG, obwohl auch dort Französisch als „Arbeitssprache“ führend ist.
Angesichts der weiten Verbreitung und der langsam wiedererwachenden Nachfrage nach Deutsch, wurde die junge Bundesregierung bezüglich der deutschen Sprache zuversichtlicher und seit der Regierungserklärung des Bundeskanzlers Erhard 1965 werden allmählich einsetzende Bemühungen deutlich, Deutsch nicht nur in der Sprachlehre, sondern auch in internationaler Verwendung (als Wissenschaftssprache oder Verhandlungs- und Vertragssprache in internationalen Gremien) zur Geltung zu bringen. Diese Bestrebungen waren allerdings nicht sonderlich erfolgreich. Noch 1967 wurde darauf hingewiesen, „daß die Bundesregierung in ihren Bemühungen, Deutsch vermehrt als Arbeitssprache in internationalen Organisationen einzuführen, nicht auf die Unterstützung ihrer militärischen Verbündeten rechnen kann, zumindest nicht der angelsächsischen Länder“ 15 .
Während in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutschsprachige Länder in vielen Wissenschaften führend waren, wurde das Deutsche nach 1945 zunehmend bedeutungsloser für die Wissenschaft. Deutschkenntnisse sind natürlich auch heute noch für jeden ausländischen Wissenschaftler eine Selbstverständlichkeit, wenn er in Deutschland leben und arbeiten will. Aber der Bedarf im Ausland an Deutsch als Fachsprache beschränkt sich im Großen und Ganzen auf die Fächer Musik, Philosophie, Archäologie und Theologie. 16
2.2 DaF an Schulen
Deutsch als Fremdsprache war vor dem Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern ein verbreitetes Schulpflichtfach an höheren Schulen. Auch diese Stellung ging ihm nach dem Krieg verloren. Es ist so gut wie nirgends mehr meistgelernte Fremdsprache oder als erste Fremdsprache obligatorisch und wird, von praktisch fehlendem Deutschunterricht z.B. in Italien bis hin zu relativ stark etablierter Stellung wie in den Niederlanden und Osteuropa, ziemlich uneinheitlich unterrichtet. Nach 1945 nahm das Englische fast überall die Spitzenposition als Fremdsprache
15 Ammon (1989), S. 233ff.
16 Huneke/Steinig (1997), S. 31; Sturm (1987), S. 17.
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
ein. In den Ländern des Warschauer Pakts wurde Russisch als erste Fremdsprache gelernt. Gerade hier war jedoch auch das Deutsche als Fremdsprache, vor allem aufgrund der geographischen Nähe und der Existenz zweier deutscher Staaten unterschiedlicher Blockzugehörigkeit, sehr populär 17 . So kam Deutsch ungefähr gleich mit dem Spanischen an dritter oder vierter Stelle der als Fremdsprache gelernten Sprachen auf der Welt hinter Englisch und Französisch. 18
2.3 Anteil ausländischer Studenten
Nicht zuletzt wegen der bereits angesprochenen Spitzenstellung Deutschlands in vielen Bereichen der Wissenschaft war der Ausländeranteil an deutschen Universitäten vor dem Zweiten Weltkrieg sehr hoch. 1890 stand Deutschland an der Spitze der studentischen Gastländer. Prozentsätze wie der von 1911/12 - 10,7% aller Studenten kamen damals aus dem Ausland - wurden seitdem nie wieder erreicht. 19
Während dieses Zeitraums konnte man zumindest bei den Europäern gute Deutschkenntnisse voraussetzen. In den meisten Gymnasien gab es Deutschunterricht, in Rußland wurden sogar manchmal naturwissenschaftliche Fächer auf Deutsch unterrichtet. Adlige und reiche bürgerliche Familien stellten sich häufig einen deutschen Hauslehrer ein. 20 Während der 20er Jahre stagnierte die Zahl der ausländischen Studenten und fiel bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten derartig katastrophal, daß sie im Sommersemester 1935 mit 3940 Studenten ihren bisher tiefsten Stand erreichte. 21
2.4 Flüchtlinge, Vertriebene, Gastarbeiter
Doch waren es nicht nur ausländische Studenten, die Deutsch konnten oder als Fremdsprache lernten bzw. lernen mußten. In noch höherem Maße als der erste Weltkrieg, war der Zweite
17 Seit ca. 1987 kam die Möglichkeit, nach Deutschland auszusiedeln, als zusätzliche Motivation dazu. Durch den Zusammenbruch im Osten und die Wiedervereinigung bekam das Deutsche im Osten großen Zulauf. An der generellen Stellung änderte sich aber nicht viel. Vgl. dazu Ammon (1991), S. 432; Glück (1994), S. 219; Sturm (1987), S. 17.
18 Ammon (1991), S. 431f.; Ammon (1993), S. 12; Nelde (1975), S. 40f.; Stark (2000), S. 25.
19 Eggers/Palzer (1980), S. 103.
20 Eggers (1990), S. 84; Eggers/Palzer (1980), S. 104f.
21 Albert (1998), S. 11f.; Eggers/Palzer (1980), S. 105f.; Laitenberger (1976), S. 267f. Laitenberger (1976, S. 269) gibt dabei zu bedenken, daß ein Rückgang der ausländischen Studierenden von den Nationalsozialisten insofern gern in Kauf genommen wurde, als er auch eine große Zahl jüdischer Studenten betraf.
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
Weltkrieg gezeichnet von Flucht, Vertreibung, Deportationen und Zwangsarbeit. Selbst nach dem Krieg ging es für Millionen von Menschen mit den Zwangswanderungen weiter. 22 1944 gab es in allein in Deutschland fast acht Millionen ausländische Zwangsarbeiter aus insgesamt 26 Ländern. Besonders hoch war ihre wirtschaftliche Bedeutung z.B. in der Landwirtschaft oder im Bergbau, wo ihr Anteil 1944 bei 46% bzw. 36% lag. In anderen Branchen waren es sogar noch mehr; selbst für die Wehrmacht wurden Ausländer zwangsrekrutiert. 23
1950 wurde in West- und Ostdeutschland eine Volkszählung durchgeführt, nach der insgesamt knapp 12,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in den beiden deutschen Staaten lebten. Weitere 500000 lebten in Österreich und anderswo. Damit stand Deutschland in den frühen 50er Jahren europaweit an zweiter Stelle nach Frankreich, nahm jedoch bald den ersten Rang ein, als die große Zuwanderungswelle nach Europa kam. Im politischen Leben der BRD spielten die Vertriebenen lange Zeit eine große Rolle, in der DDR wurde ihre „Integration“ Anfang der 50er Jahre für abgeschlossen erklärt und das Thema aus der öffentlichen Diskussion getilgt. 24 Die Ausländer in Deutschland waren in vielen Fällen ein unterprivilegierter Personenkreis, die sich mit meist wenig geschätzten Beschäftigungen begnügen mußten. Das hat sich zum Teil bis heute nicht geändert. 25
22 Bade (2000), S. 284f.
23 Bade (2000), S. 287ff.; vgl. auch Glück/Sauer (1990), S. 94ff.
24 Bade (2000), S. 297ff.; vgl. auch Glück/Sauer (1990), S. 94ff.
25 Blei (1996), S. 264f.
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
3 Wiederaufbau der auswärtigen Kultur- und Sprachpolitik nach
dem Krieg
Nach dem Krieg war Deutschland total zerstört und außenpolitisch fast vollständig isoliert. Zum ersten Mal seit 1814 war das gesamte Territorium Deutschlands von fremden Mächten auf unbestimmte Zeit besetzt. 26 Die Macht und die Regierungsbefugnis über Deutschland lag bei den alliierten Militärgouverneuren. Deutschlands politische Rolle war zunächst auf die eines Befehlsempfängers reduziert. 27 Den Wendepunkt zur Eigenverantwortung Deutschlands bildete die Frankfurter Konferenz von 1948. Ein Jahr später, im September 1949, trat der erste deutsche Nachkriegsstaat ins Leben. Trotzdem engten die Besatzungsmächte bis 1955 die Souveränität nach außen und nach innen stark ein und behielten sich selbst danach noch Vorbehaltsrechte. 28 Für Alter (2000, S. 79) war die Nachkriegszeit „mit ihren vielfältigen Improvisationszwängen und Einschränkungen“ erst Anfang der 60er Jahre überwunden.
Die auswärtige Kulturpolitik war während des Zweiten Weltkriegs mehr oder weniger zu einer Propagandaveranstaltung verkommen, deren erklärtes Ziel die Sympathiewerbung für ein totalitäres Regime war. 29 Natürlich ist die auswärtige Kulturpolitik eines Landes immer stark von den anderen politischen Umständen der Zeit abhängig. In Deutschland haben z.B. Regierungswechsel oder die Entwicklung des Ost-West-Konflikts das kulturpolitische Programm zum Teil sogar erheblich verändert 30 . Nach dem Krieg (und teilweise noch heute) war jedoch vor allem ein Gedanke maßgeblich für das Selbstverständnis der Bundesrepublik und ihr Vorgehen in der auswärtigen Kulturpolitik: die deutsche Kriegsschuld und -niederlage.
Es ist klar, daß in vielen Ländern nur zu verständliche Vorbehalte gegen Deutschland bestanden. Angesichts der politischen Isolierung Deutschlands gehörte es zu den Hauptzielen
26 Christ/Hüllen (1995), S. 566.
27 Benz (1998a), o.S.
28 Benz (1998b), o.S.; Schneider (2000), S. 43.
29 Laitenberger (2000), S. 47.
30 Ammon (1989), S. 229.
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
der Ära Adenauer, die bundesdeutsche Souveränität, die Gleichberechtigung auf internationaler Ebene und die Handlungsfreiheit in den Außenbeziehungen zu erreichen. 31
3.1 Kultur und Zurückhaltung statt politisches Gewicht
Da Deutschland über so gut wie gar kein politisches Gewicht mehr verfügte, wurde im Gegensatz dazu großer Wert auf das gelegt, was den Krieg unversehrt überstanden hatte: die deutsche Kultur und die klassische Bildung. 32
Doch hat die deutsche Sprache das Jahr 1945 als Bildungssprache überlebt. [...] Deutsch ist neben dem Englischen und Französischen die dritte „klassische“ Bildungssprache. 33
Die kulturellen Beziehungen sollten das Deutschlandbild im Ausland verbessern helfen und neues Vertrauen aufbauen. Dadurch sollte die auswärtige Kulturpolitik von Anfang an die Bündnis- und die Wirtschaftspolitik als „dritte Säule“ unterstützen. Auch für Hansgerd Schulte, den ehemaligen Präsidenten des DAAD, war die Verlagerung auf den kulturellen Bereich „der zunächst einzig gangbare Weg, um Deutschland wieder zu e inem Gesprächspartner zu machen“ 34 . Außerdem sollte die auswärtige Kulturpolitik ganz allgemein die Tagespolitik in Krisenzeiten stabilisieren helfen. 35
Die Betrachtung von Kultur und Kulturkunde geschah in strenger Abgrenzung zu derjenigen der Weimarer Republik und des Dritten Reiches. In der Weimarer Zeit, als der Schock über die Niederlage im Ersten Weltkrieg noch tief saß und das Selbstverständnis der Deutschen zutiefst erschüttert war, verstand man Kulturkunde nämlich als Kontrastfolie, um den Wert der eigenen Kultur als höher herauszustellen als den anderer Kulturen. Die Zeit des Nationalsozialismus hatte schließlich gezeigt, wohin eine solche Kulturbetrachtung führen konnte. 36 In der Abgrenzung von der nationalsozialistischen Kulturpolitik wollte man die deutsche Kultur als Teil der europäischen Kultur und der Weltkultur darstellen und den Austauschcharakter der
31 Alter (2000), S. 79; Schneider (2000), S. 43.
32 Ammon (1989), S. 239.
33 Bericht 1967, S. 8.
34 Schulte (1976), S. 19.
35 Schneider (2000), S. 44ff.
36 Hüllen (1981), S. 27.
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Kulturbeziehungen hervorheben. Inhaltlich überwog der Rückgriff auf das klassische Bildungsgut. 37
Der Bericht zur Situation der deutschen Sprache in der Welt von 1967 (S. 8) hebt ausdrücklich hervor, daß für eine „‘Deutschtumspolitik’ früherer Zeit“ kein Raum mehr sein kann. Das bedeutet aber nicht, daß die „Pflege des deutschen Volkstums“ nicht auch weiterhin ein wichtiges Ziel der auswärtigen Kultur- und Sprachpolitik war. Sie hatte nur einen wesentlich geringeren Stellenwert als zuvor. In diesem Zusammenhang spielten diejenigen Deutschen eine große Rolle, die vor und während des Krieges ins Ausland ausgewandert waren. Von ihnen erhoffte sich die Bundesregierung, das Bild vom „anderen Deutschland“ zu erhalten und so den Wiederaufbau des Vertrauens zu unterstützen. Was die Menschen deutscher Herkunft im Ausland angeht, so darf man allerdings nicht nur diejenigen berücksichtigen, die mehr oder weniger freiwillig ins Ausland ausgewichen sind; man muß auch jene sehen, die millionenfach in „neuen Lebensraum“ zwangsumgesiedelt wurden. Das Ende des Krieges bedeutete nur für wenige das Ende der Misere. Viele „Umsiedler“ versuchten zurückzuwandern oder wurden weiter verschleppt. Deutsche Soldaten waren in 20 Staaten, v.a. in den USA, Großbritannien und der Sowjetunion als Kriegsgefangene inhaftiert. Teilweise wurden sie sogar zu Wiederaufbauarbeiten untereinander ausgetauscht. 38
An die Stelle nationaler Leitbilder traten nunmehr Ideale von Toleranz und Kooperation, die durch sprachliche Verständigung und gegenseitige Kenntnis der Lebensbedingungen und politischen Motive gefördert werden sollten. Dabei hat gewiß auch der Wunsch eine Rolle gespielt, auf einem politisch nicht mißdeutbaren Weg die Isolation Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg zu überwinden. 39
Eine weitere Maxime der 50er Jahre lautete „Zurückhaltung“. Man wollte zwar systematische, aber auf keinen Fall aufdringliche Werbung für Deutschland u nd die deutsche Sprache machen. 40
Im Vordergrund dieser Politik stand [...] eine vorsichtige Selbstdarstellung der deutschen Kultur; es galt, die guten Seiten Deutschlands zu zeigen und das
37 Schneider (2000), S. 45.
38 Bade (2000), S. 296ff.; Schneider (2000), S. 45. Vgl. auch Glück/Sauer (1990), S. 94ff.
39 Hüllen (1981), S. 28.
40 Schneider (2000), S. 63.
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Vertrauen anderer Völker zurückzugewinnen. [...] Bei allem war das Prinzip bestimmend, nur auf ausdrücklichen Wunsch anderer Staaten tätig zu werden und sich niemandem aufzudrängen. 41
3.2 Rolle der Sprache
Gemäß der eben erwähnten Ideale von Toleranz und Kooperation waren die Gründerjahre von dem Gedanken beseelt, „über den Unterricht in lebenden Fremdsprachen einen Beitrag zur Völkerverständigung und zum Entstehen eines allgemein-europäischen Bewußtseins zu leisten“ 42 . Dieses Ziel war ganz im Sinne des Alliierten Kontrollrats, dem im zerstörten und zerstückelten Deutschland der Neuaufbau des Bildungswesens unterlag. In einem Erlaß vom 25. Juni 1947 43 maß er dem Fremdsprachenunterricht die Aufgabe zu, Verständnis und Achtung für andere Völker zu erwecken. Als Voraussetzung oder Bedingungsfaktor für dieses Völkerverständnis galt also die Kenntnis von Fremdsprachen.
Der Bundestagsbericht von 1985 betont, daß die Sprachenpolitik der BRD nach dem Krieg, dem Erlaß entsprechend, schon immer eine hervorragende Rolle in der Kulturpolitik gespielt habe:
Bis Mitte der sechziger Jahre stand dabei der Gedanke im Mittelpunkt, daß ein vertieftes Verständnis für die deutsche Kultur und ihren Beitrag zur Zivilisation Kenntnisse der deutschen Sprache im Ausland voraussetzt. Durch Sprachförderung sollte der Zugang zur deutschen Kultur erleichtert und über die kulturellen Werte Deutschlands das verlorengegangene Vertrauen bei anderen Völkern wiedergewonnen werden. 44
Ammon (1989, S. 232f.) sieht die Schwerpunktsetzung ein bißchen anders: Obwohl seit Beginn der auswärtigen Kulturpolitik gleichzeitig auch Sprachförderung betrieben wurde, besaß diese bis Anfang der 60er Jahre einen relativ niedrigen Stellenwert. Noch 1957 wurde in einer Debatte über die auswärtige Kulturpolitik die Rolle der Sprache gar nicht erwähnt. Sprachpolitik galt damals weitgehend als „Bestandteil der auswärtigen Kulturpolitik, in der Themen wie Wissenschaftskontakte mit dem Ausland, deutsche Auslandsschulen, kulturelle
41 Auswärtiges Amt (1986): Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt. Bericht der Bundesregierung. 2. Aufl. Bonn (1. Aufl. 1985), S. 9; Im folgenden zit. als Bericht 1985.
42 Hüllen (1981), S. 28.
43 Vgl. Christ/Liebe (1978), S. 87.
44 Bericht 1985, S. 11f.
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Außenrepräsentation der BRD, Vermittlung eines ‘realistischen’ Deutschlandbildes oder abwehrende Reaktionen und Vorbeugemaßnahmen gegen die kulturellen Außenaktivitäten der DDR im Vordergrund standen.“ 45 Wenn auch die Tradition der auswärtigen Kulturpolitik Deutschlands bis in die wilhelminische Zeit zurückreichte, so wurde doch im Bundestag auch darüber diskutiert, ob man die Verbreitung der deutschen Sprache weiterhin fördern oder sich mehr auf Übersetzungen verlegen solle. Ein interessanter Punkt sei hier noch erwähnt, daß man sich nämlich im Bundestag über den Nutzen deutscher Sprachkenntnisse für ausländische Lerner eher nur am Rande Gedanken machte. 46
Schneider (2000, S. 48) meint, man könne in den Anfangsjahren der Bundesrepublik eigentlich nicht von Sprachpolitik oder Sprachverbreitungspolitik sprechen, weil es gar keine expliziten Konzepte zur Förderung der deutschen Sprache gab. Auch in der DDR wurde beobachtet, „daß die kulturellen Auslandsaktivitäten der BRD relativ konzeptionslos und sporadisch durchgeführt und daher oft in ihrer Effektivität beeinträchtigt wurden. [...] Die [bis zum Regierungsantritt Willi Brandts im Jahre 1969] praktizierte kulturelle Selbstdarstellung der BRD im Ausland unter vorzugsweiser Ausnutzung traditioneller Mittel bei ungenügender Beachtung spezifischer Zielgruppen räumte der auswärtigen Kulturpolitik der BRD [...] nur eine begrenzte Wirksamkeit ein“ 47 . Die Bundesrepublik betrieb zwar spätestens seit den 60er Jahren eine verhältnismäßig kontinuierliche und immer aufwendiger werdende Sprachpolitik, aber erst 1966 kommt es „zu einer differenzierten Konzeption auswärtiger Sprachverbreitungspolitik, die damit zumindest konzeptionell auch zu einem relativ selbständigen Teil auswärtiger Kulturpolitik wird“ 48 .
1967 erreichte die Auseinandersetzung um die auswärtige Sprachpolitik einen Höhepunkt. Mit dem Bericht über „Die Situation der deutschen Sprache in der Welt“ äußerte sich die Bundesregierung erstmals umfassend zu ihrer Sprachpolitik. Auf der Basis einer Analyse der internationalen Stellung des Deutschen, sollte dieser Bericht einige Überlegungen zum Ausbau der Sprachförderung liefern und dadurch helfen, politische Entscheidungen über die Gestaltung
45 Ammon (1989), S. 232.
46 Ammon (1989), S. 235.
47 Hirschler/Neumann (1986), S. 60.
48 Ammon (1989), S. 231, 237.
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der Sprachverbreitung treffen zu können. Dabei sollte besonders gezeigt werden, wo Schwierigkeiten liegen, bei wem besondere Aufnahmebereitschaft herrscht und welche Erfahrungen man mit neuen Medien, wie z.B. dem Sprachlabor gemacht hatte. Außerdem diente der Bericht weiteren Planungen zur Sprachverbreitungspolitik, wie z.B. der 1970 vom Bundestag bestellten Enquete-Kommission „Auswärtige Kulturpolitik“, als Grundlage. Ammon (1989, S. 243) sieht als einen Hauptmangel des Berichts den unzureichenden Vergleich mit „konkurrierenden“ Sprachen.
Der Mangel an Vergleichsdaten dürfte, in Verbindung mit Wunschdenken, maßgeblich zu einer teilweisen Überschätzung der internationalen Stellung der deutschen Sprache und der politischen Einwirkungsmöglichkeiten darauf beigetragen haben.
Trotzdem gibt der Bericht einen hinreichenden Überblick über die bis dahin praktizierten Mittel der Sprachverbreitung sowie eine Liste von Vorschlägen, wie die deutsche Sprache weiterhin gefördert werden könne. 49
Entsprechend der oben erwähnten Schwerpunktverlagerung auf die deutsche Kultur, ist es ein Hauptziel im Bericht, die Stellung des Deutschen als Weltbildungssprache zu erhalten. Allerdings wird bereits deutlich, daß die Möglichkeit zur Verbreitung der deutschen Sprache von Erfolgen auf anderen Gebieten abhängig sei, vor allem im Bereich der Wissenschaften. 50
Ihre weitere Stellung als Sprache der Wissenschaft und Technik wird aber in Zukunft von dem Grad der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wissenschaft und Technik wesentlich mitbestimmt. [...] Heute wird die Wahl des Deutschen nicht nur von zeitbedingten Sympathie- und Antipathiegefühlen bestimmt, sondern auch von der Frage der Zweckmäßigkeit als Wissenschafts- und Schulsprache. Hieraus folgt, daß die Förderung der deutschen Sprache mit der Förderung der deutschen Wissenschaft und Forschung beginnen sollte. 51
49 Ammon (1989), S. 240ff.; Bericht 1985, S. 12; Schneider (2000), S. 48ff.
50 Ammon (1989), S. 239; Schneider (2000), S. 50.
51 Bericht 1967, S. 8.
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3.3 Organisation
Die auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik wurde in bewußter Abkehr von der Organisationsstruktur der NS-Zeit geregelt. Man knüpfte vielmehr an Strukturen der Weimarer Republik an, indem man die Entscheidungsprozesse weitgehend dezentralisierte und möglichst viele Aufgaben an nichtstaatliche Institutionen auf Bundes- und Länderebene delegierte. 52
Für die allgemeine politische Abstimmung in Fragen der auswärtigen Kulturpolitik sind insbesondere die Ministerpräsidentenkonferenz und die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) zuständig. 53
Die Ständige Konferenz der Kultusminister (KMK) wurde bereits 1948, also noch vor Gründung der Bundesrepublik, ins Leben gerufen. Hier sollten wichtige Fragen der Bildungspolitik - auch der auswärtigen Kulturpolitik - erörtert werden. Im Herbst 1949 wurde in der Verbindungsstelle des Bundeskanzleramtes zur Alliierten Hohen Kommission ein Kulturreferat geschaffen. Das Auswärtige Amt wurde erst im März 1951 gegründet. Da dieser Zeitpunkt relativ spät war, hatte das Bundesinnenministerium inzwischen ein paar kulturpolitische Aufgaben übernommen. 54 1951 erfolgte die Gründung des Auslandsschulausschusses der KMK, der die Zusammenarbeit von Bund und Ländern koordinieren sollte. Ein Jahr später gründete die KMK den Pädagogischen Austauschdienst (PAD) als Referat beim DAAD. Seit 1955 ist der PAD selbständige Arbeitsgruppe der KMK. 55
Aber nicht nur staatliche Behörden waren mit Aufgaben der auswärtigen Kulturpolitik betraut, sondern auch sogenannte „Mittlerorganisationen“. Düwell (2000, S. 107) nennt diese Organisationen scherzhaft „Quangos“ („quasi non-governmental organizations“) und spielt damit auf die „prekäre Autonomie“ dieser Institutionen an: Einerseits sind sie nichtstaatlich, rechtlich unabhängig und genießen mehr oder weniger großen Gestaltungsfreiraum, andererseits sind sie finanziell vom Auswärtigen Amt abhängig, was sie wiederum kontrollierbar macht. Viele dieser
52 Schneider (2000), S. 50.
53 Schneider (2000), S. 52.
54 Christ/Hüllen (1995), S. 567; Schneider (2000), S. 51.
55 Schneider (2000), S. 52f.
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Institutionen wurden bereits vor dem Krieg gegründet 56 . Das zeigt nicht zuletzt, daß man in den „goldenen“ 20ern kulturpolitisch gesehen schon ziemlich eifrig war. 57
Ziel all dieser Einrichtungen, seien sie nun staatlich oder nichtstaatlich, war es, die politische und moralische Isolation Deutschlands zu überwinden und wieder mit der Welt in Kontakt zu treten. Die Isolation war ja nicht unerheblich. Das Land war, was Information von außen anging, schon viele Jahre lang fast vollständig von der Welt abgeschnitten gewesen und die geistige Neugier auf ausländische, insbesondere westliche Literatur, Kunst und Wissenschaft war entsprechend groß. 58
Mit dem Wunsch, „der heranwachsenden Generation den Blick über die Grenzen zu ermöglichen und einem unerwünschten, engstirnigen Provinzialismus [...] entgegenzuwirken“ 59 , stand Deutschland durchaus nicht alleine da. Die rasche Neugründung solcher Organisationen bald nach der Gründung der BRD geschah oft auf Drängen aus dem Ausland, da sie schon vorher sehr gute und für die auswärtige Kulturpolitik wertvolle Arbeit geleistet hatten. Die Initiative zur Neugründung des DAAD ging z.B. schon 1947 von der britischen Besatzungsmacht aus. Laut Sir Robert Birley, einem einflußreichen Berater der Militärregierung in Deutschland, hatte Deutschland auf dem Gebiet des akademischen Austausches sogar einen beträchtlichen Erfahrungsvorsprung:
Germany, in fact, had much more experience of Academic Exchange than we had. No one could have been more pleased than we were when the Deutscher Akademischer Austauschdienst was revived. 60
Die Vereinigten Staaten waren zunächst nicht so wohlwollend. Sie forderten nach Kriegsende eher die endgültige Auflösung bestehender Organisationsstrukturen, wie z.B. der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (später umbenannt in Max-Planck-Gesellschaft). 61
56 IfA 1917, AvH 1925, DAAD 1924/1931, Goethe-Institut 1932.
57 Eggers (1990), S. 86; Eggers/Palzer (1980), S. 108.
58 Düwell (2000), S. 108; Schneider (2000), S. 61.
59 Alter (2000), S. 58.
60 Auszug aus einem Brief Robert Birleys anläßlich des 50-jährigen Jubiläums des DAAD. Zit. aus: DAAD (1976), S. 47.
61 Albert (1998), S. 11f.; Alter (2000), S. 55ff.
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Diese Arbeit kann nicht auf all die Institutionen eingehen, die im Kontext der auswärtigen Kulturpolitik gegründet wurden. Einen guten und relativ aktuellen Überblick über die wichtigsten Behörden und Mittlerorganisationen geben Glück/Schmöe (o.J.), Schneider (2000) sowie die Sondernummer 1993 der Zeitschrift Fremdsprache Deutsch. Da sie für die später behandelten Lehrwerke von Bedeutung sind, beschränken sich die folgenden Ausführungen auf das Goethe-Institut und, etwas kürzer, auf die Universitäten.
3.3.1 Goethe-Institut
Schon 1925 wurde in München die „Deutsche Akademie“ gegründet. 1932, dem 100. Todesjahr Goethes, wurde sie umbenannt in „Goethe-Institut zur Fortbildung ausländischer Deutschlehrer“. Wie alle anderen Institutionen auch, wurde das Goethe-Institut nach Kriegsende zunächst von den Alliierten aufgelöst. Die Neugründung, diesmal als private Einrichtung, erfolgte aber schon 1951 unter dem Namen „Goethe-Institut e.V. zur Fortbildung ausländischer Deutschlehrer“. Franz Thierfelder, der Generalsekretär des Instituts für Auslandsbeziehungen in Stuttgart, spielte bei dieser Wiedergründung eine große Rolle, indem er eine rückzahlbare Starthilfe von 30000 Mark erwirkte. Ein Jahr später wurde das Goethe-Institut als „Goethe-Institut zur Pflege der deutschen Sprache im Ausland“ als gemeinnütziger Verein anerkannt. 62
Die Schilderungen Heinz Griesbachs (o.J., o.S.) machen die notdürftigen Umstände und den Improvisationszwang deutlich, der in den Anfangsjahren nach Gründung der BRD nahezu überall geherrscht haben dürfte:
Der Name „Goethe-Institut zur Pflege der deutschen Sprache im Ausland“ klang zwar sehr vertrauenerweckend, aber außer einem Rundstempel, der einen soliden und erfolgversprechenden Eindruck zu geben versuchte, und der Idee war zu dieser Zeit noch nichts vorhanden, nicht einmal ein „Briefkopf“.
Obwohl das Goethe-Institut rasch anwuchs, bestand es zunächst nur aus drei Personen.
Das Goethe-Institut war der Geschäftsführer Herr Helmut Brückmann und Frau Dr. Dora Schulz, die beide in München in der Herzog Rudolf Straße 6 in zwei
62 Faber (1990), S. 10; Griesbach (o.J.), o.S.; Schneider (2000), S. 54.
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unglaublich primitiven „Geschäftsräumen“ residierten, unterstützt von Frau Utz, einer Halbtags-Bürokraft.
Die Bundesregierung hatte im Ausland zahlreiche Kulturinstitute gegründet, die jedoch während des Krieges konfisziert worden waren. Da man nach dem Krieg möglichst schnell möglichst viele Auslandskontakte knüpfen wollte, war es eine wichtige Aufgabe der Anfangsjahre, diese deutschen Kulturinstitute wieder einzurichten und neue aufzubauen. 1953 nahm in Athen die erste Auslandszweigstelle des Goethe-Instituts ihre Arbeit auf. Parallel dazu richtete die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes Kulturinstitute ein, das erste 1955 in Rom. Ab Anfang der 60er Jahre wurden jedoch diese vom Auswärtigen Amt eingerichteten Kulturinstitute nach und nach der Obhut des Goethe-Instituts übertragen, was ihm die Stellung als einem der bedeutendsten Träger der Sprachförderung neben den Auslandsschulen und den DAAD-Dozenturen einbrachte. 1969 gab es in 60 Ländern der Welt 112 Kulturinstitute der BRD, deren wichtigste Aufgabe die Erteilung von Sprachunterricht an Ausländer war. 1967 nahmen im Jahr durchschnittlich 65000 Erwachsene an Sprachkursen im Ausland teil. 63
Auch die Nachfrage aus dem Ausland nach deutschen Sprachkursen in Deutschland war bald nach der Gründung des Goethe-Instituts unerwartet groß. Deshalb wurde 1953 in Reichenhall eine Inlandsunterrichtsstätte eingerichtet, der sich bald weitere Gründungen anschlossen. 1959 gab es in der Bundesrepublik und in Berlin (West) 15 Institute, 1967 waren es bereits 21. Die Teilnehmerzahlen im Inland stiegen von 1953 (mit 122 Teilnehmern) über 1967 (mit 6000 Teilnehmern) bis 1981 (mit 21.863 Teilnehmern) stetig an. 64
Im Herbst 1952 startete in Seeshaupt am Starnberger See ein Lehrerausbildungskurs, an dem immerhin ca. 20 Interessenten für ein Auslandslektorat teilnahmen. Der Informationsaustausch mit Lehrkräften der Hochschulen wurde auch gepflegt. Ab 1962 führte das Goethe-Institut mit diesen gemeinsame Tagungen durch, bei denen Themen wie Lehrangebote, Sprachprüfungen usw. diskutiert wurden. Insofern spielte das Goethe-Institut auch eine entscheidende Rolle bei der Neubegründung von DaF im Hochschulbereich. 65
63 Bericht 1985, S. 9; Schneider (2000), S. 54f. Der Bericht 1967 (S. 14) nennt für 1967 117 Institute. Das hieße, daß in den folgenden zwei Jahren 5 Institute wieder geschlossen worden wären.
64 Ammon (1991), S. 465f.; Bericht 1967, S. 14.
65 Eggers (1990), S. 90f.; Griesbach (o.J.), o.S.
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
Schließlich ging auch die Entwicklung einiger der bedeutendsten DaF-Lehrwerke von Mitarbeitern des Goethe-Instituts aus. Die für diese Arbeit relevanten Lehrwerke sind Gesprochenes Deutsch von Klee/Gerken und die Deutsche Sprachlehre für Ausländer von Schulz/Griesbach. Später wurden am Goethe-Institut Braun/Nieder/Schmöes Deutsch als Fremdsprache und Deutsch aktiv von Neuner/Scherling/Schmidt und Wilms entwickelt. Informationen von Herrn Griesbach zufolge, war Hermann Kessler bis zu dem Zeitpunkt, als er seinen eigenen Verlag gründete, ebenfalls Mitarbeiter der Deutschen Akademie bzw. des Goethe-Instituts gewesen.
3.3.2 Universitäten
Die Hochschulen waren natürlich der Schauplatz für den akademischen Austausch mit dem Ausland. Das machte sie, neben den Auslandsschulen und den Kulturinstituten, zu einem weiteren Hauptträger von DaF in Deutschland.
Die Idee des akademischen Austausches mit der Welt schien nach Kriegsende „auf unabsehbare Zeit in das Reich der Utopie gerückt“ 66 zu sein. Deshalb gingen die deutschen Hochschulen, als die britische Besatzungsmacht die Neugründung des DAAD anregte, nur allzu gern auf den Vorschlag der britischen Besatzungsmacht ein, den DAAD neu zu gründen. Die schnelle Konsolidierung des Westdeutschlands, das „Wirtschaftswunder“ und der steigende finanzielle Spielraum sorgten für eine schnelle Intensivierung der Austauscharbeit und schon bald übertraf der Umfang des akademischen Austausches den der 20er und 30er Jahre bei weitem. 67
Von 1951 bis 1955 war der DAAD sowohl für die Austauschbeziehungen deutscher Hochschulen mit dem Ausland als auch für den internationalen Lehrer-, Schüler- und Au-pair-Austausch verantwortlich; der Lehrer- und Schüleraustausch wurde dann allerdings der KMK unterstellt. Seit 1964 schloß der DAAD Abkommen über den Austausch von Wissenschaftlern. 68
66 Alter (2000), S. 55.
67 Albert (1998), S. 12f.; Alter (2000), S. 55ff.
68 Alter (2000), S. 69; Schneider (2000), S. 56.
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Wie und durch welche Organisationen der Austausch auch letztlich zustande kommt, spielt für den Sprachunterricht eigentlich keine Rolle. Man muß zwar unterscheiden zwischen einem regelrechten Germanistikstudium und eher praktisch ausgerichteten Sprachkursen, die der Ergänzung eines Studiums in anderen Fächern dienen, aber es versteht sich von selbst, daß der Großteil der nach Deutschland gekommenen Austauschstudenten oder -dozenten an den Universitäten Deutschunterricht hatten. 69
3.4 Zersplitterung
Die erwähnte Dezentralisierung und Delegierung kulturpolitischer Aufgaben auf viele nichtstaatliche Träger brachte erhebliche Organisationsprobleme mit sich, die in folgendem Abschnitt kurz angesprochen werden sollen.
Da die Gründung des Auswärtigen Amts relativ spät erfolgte, hatte das Bundesinnenministerium inzwischen ein paar kulturpolitische Aufgaben übernommen. Weil diese aber eigentlich in die Zuständigkeit des AA fielen, kam es zu einer komplizierten Überlagerung der Zuständigkeiten von Auswärtigem Amt und Innenministerium, die eine reibungslose Kulturarbeit erschwerten. Auch das Presse- und Informationsamt nahm Aufgaben der auswärtigen Kulturpolitik wahr, das Bundeswirtschaftsministerium vergab Stipendien, das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit erfüllte kulturpolitische Aufgaben auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe, das Ministerium für Familien- und Jugendfragen beteiligte sich an der Förderung des internationalen Jugendaustausches. Da das Schulreferat des Auswärtigen Amtes mit der organisatorischen und pädagogischen Betreuung der Auslandsschulen allmählich überlastet war, wurde 1968 zu seiner Entlastung die Zentralstelle für Auslandsschulwesen (ZfA) als Abteilung des Bundesverwaltungsamtes gegründet. Während aber das Bundesverwaltungsamt dem Innenministerium unterstellt ist, untersteht die ZfA dem Auswärtigen Amt. 70
Eine gerade wegen der großen Anzahl staatlicher und nichtstaatlicher Stellen so wichtige Koordination ihrer unterschiedlichen Aufgaben war so gut wie nicht vorhanden. Daher wurden
69 Ammon (1991), S. 456.
70 Bericht 1985, S. 10; Schneider (2000), S. 51f.
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verschiedene Lösungsvorschläge gemacht, die sich an stärkerer Zentralisierung oder Zusammenfassung der Institutionen nach dem Vorbild Frankreichs oder des British Council orientierten. Bei der Machtübergabe an die Nationalsozialisten hatte es schon einmal Pläne zur Zusammenfassung aller kulturpolitischen Aktivitäten in einer Institution gegeben. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Lösungsvorschläge 1959 von der KMK abgelehnt wurden. Erst Anfang der 70er Jahre übernahm der Staat wieder ein bißchen mehr Kontrolle über die Aktivitäten der Mittlerorganisationen, indem er ihre Rolle in der auswärtigen Kulturpolitik festlegte. Der Staat sollte in Zukunft für die Planung und Koordinierung, die Mittlerorganisationen für die Durchführung verantwortlich sein. 71
3.5 Ost-West-Gegensatz und Öffnung nach Osten
Die Auseinanderentwicklung der Ost- und Westzone war spätestens seit 1947/48 deutlich erkennbar und nach der Gründung der DDR im Oktober 1949 lag Deutschland an der Nahtstelle zwischen völlig entgegengesetzten Gesellschafts- und Machtsystemen. Als 1955 die Bundesrepublik einerseits und die DDR andererseits in die sich feindlich gegenüberstehenden Militärblöcke NATO und Warschauer Pakt integriert wurden, schien die Trennung zwischen Ost und West ein für allemal besiegelt zu sein. 72 An eine Auflösung des Konflikts war bis auf weiteres nicht zu denken.
Die geopolitisch „heiße“ Lage des deutschen Sprachraums räumte natürlich dem Deutschen im Rahmen der Bündnis- und Kulturpolitik eine wichtige Stelle ein. Außerdem bemerkte man schon Ende der 50er Jahre ein steigendes Interesse des Ostblocks an der deutschen Sprache. Daß das Verhältnis der beiden deutschen Staaten auch im Bereich der auswärtigen Kulturpolitik alles andere als harmonisch war, braucht kaum noch erwähnt zu werden. 73
Primäres Ziel der Sprach- und Kulturpolitik der DDR war es zunächst, im In- und Ausland die „sozialistischen Bruderländer solidarisch zu unterstützen“ und jungen Nationalstaaten bei der Heranbildung ihrer nationalen Intelligenz zu helfen. Später ging es dann um eine weltweite
71 Hirschler/Neumann (1986), S. 60f.; Schneider (2000), S. 58f.; Schulte (1976), S. 20.
72 Bundeszentrale für politische Bildung (1998), o.S.
73 Ammon (1989), S. 233; Beyermann (1985), S. 380.
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Anerkennung der DDR und eine systemstabilisierende und -propagierende Außenpolitik. 74 Noch 1985 schreibt die Bundesregierung in ihrem Bericht, die DDR wolle mit ihrer Sprachpolitik Sympathie für sich und den marxistisch-leninistischen Sozialismus gewinnen. Der Sprachunterricht galt der Selbstdarstellung der DDR als „sozialistischen“, „fortschrittlichen“ und „friedliebenden“ Staat. Von dieser Art der Selbstdarstellung wollte sich die BRD zwar bewußt abgrenzen, ihr ging es aber trotzdem darum, gerade in blockfreien Staaten „nicht nur deutschlandpolitische Präsenz zu zeigen, sondern auch dem kulturellen Einfluß der UdSSR und ihrer Verbündeten, insbesondere der DDR, entgegenzuwirken“. 75
Im Grunde genommen versuchte jede Seite, die jeweils andere anzuschwärzen, und in der Literatur gibt es zahlreiche Hinweise auf ein ausgesprochen feindseliges Konkurrenzdenken. So schreibt z.B. die Bundesregierung in ihrem Bericht von 1967 (S. 9) über die Sprachpolitik in Ostdeutschland:
Die Behörden im anderen Teil Deutschlands haben Sprachförderung und Forschung politisiert und sind bemüht, im Ausland als einzige, fortschrittliche Erben deutschen Geistes und deutscher Sprachwissenschaften zu erscheinen. Eine Zusammenarbeit der Institute und Sprachwissenschaftler in beiden Teilen Deutschlands scheitert in der Regel an politischen Auflagen.
Es wird auch aus einem Brief zitiert, den das Ostberliner Institut für deutsche Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften am 14. April 1967 dem Institut für deutsche Sprache in Mannheim geschickt hat. Darin geht es um die „ideologischen Unterschiede“ zwischen einer östlichen und einer westlichen Variante des Deutschen:
Von wem aber die sprachliche Entfremdung ausgeht, von der DDR, die die Dinge beim wahren Namen nennt, oder von Westdeutschland, wo die herrschende Klasse die Sprache mißbraucht, um ihre bösen Gedanken zu verbergen, ist nicht schwer zu entscheiden. [...] Das ganze Problem ist indessen - wie alle Fragen der Einheit der Nation - nicht von der bloßen staatlichen Spaltung abhängig, sondern vielmehr vom Klassengegensatz, von den „zwei Nationen innerhalb der Nation“ (Lenin). 76
74 Blei (1994), S. 291.
75 Bericht 1985, S. 25; Schneider (2000), S. 47.
76 Bericht 1967, S. 9.
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Zwar ist dieser Brief sicherlich auch zum Zweck der Anti-DDR-Propaganda „handverlesen“, aber es wird jedenfalls deutlich, daß die Gegnerschaft nicht so schnell zu überwinden sein würde.
Dem Bericht sind noch viele weitere Belege für das Konkurrenzdenken gegenüber Ostdeutschland zu entnehmen. Die Aktivitäten der DDR wurden aufmerksam und mit Mißtrauen beobachtet. Meldungen wie die folgenden sollten - sicherlich nicht ohne eine gehörige Portion Panikmache - Westdeutschland zu Gegenmaßnahmen auffordern:
Auf dem Gebiet der Gegenwartssprache wirkt die ostdeutsche Arbeitsstelle „Strukturelle Grammatik“ besonders stark im Ausland und pflegt enge Verbindungen nicht nur mit den Ostblockstaaten, sondern vor allem auch mit den USA und Frankreich. Vor Gründung des Mannheimer Instituts für deutsche Sprache war allein das Berliner Institut [...] für das Ausland repräsentativ, wie aus ausländischen Verlautbarungen deutlich hervorgeht. Das Ostberliner Institut ist personell und materiell sehr großzügig ausgestattet [...]. Das Mannheimer Institut ist im Vergleich dazu sehr bescheiden [...] und hat es schwer, sich neben dem Ostberliner Institut durchzusetzen. [...] Das Herder-Institut ist bemüht, dem Übergewicht der rund 120 Goethe-Institute in den Ländern außerhalb des Ostblocks entgegenzuwirken. [...] Aus den osteuropäischen Ländern ist bekannt, daß die SBZ nur gründlich geschulte Kräfte ins Ausland entsendet. [...] Die SBZ scheut keine Mittel, um mit brauchbaren Fach- und Sachbüchern, die im Ausland mehr als Propaganda-Literatur gefragt sind, ihre Position besonders in den Entwicklungsländern zu verstärken. 77
Der Bericht Düwells (2000, S. 114f.) liest sich wie die Schilderung eines zähen Ringens um jeden Meter des kulturpolitischen Bodens:
Tatsächlich gelang es Ostberlin zwischen 1959 und 1972, neben dem akademischen Austausch mit den „sozialistischen Bruderländern“ auch Austauschbeziehungen mit einer Reihe von Entwicklungsländern aufzunehmen. [...] Das Herder-Institut an der Karl-Marx-Universität hat dabei in größerer Zahl Vorbereitungskurse für ein Studium von Ausländern in der DDR organisiert [...]. Dies hat in der Phase des Kalten Kriegs [...] zu verstärkten Anstrengungen der Bundesrepublik Deutschland geführt, den akademischen Austausch im allgemeinen und mit der Dritten Welt im besonderen zu intensivieren.
77 Bericht 1967, S. 9f.
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Schulte (1976, S. 25) nennt die DDR das „scheinbar effizientere, aber wenig glaubwürdige zentralistisch oder totalitär gelenkte“ System. All diese Äußerungen spiegeln die „für die damalige Zeit typische Befangenheit im Ost-West-Gegensatz“ 78 wider.
In den 50er und 60er Jahren beanspruchte die Bundesrepublik die alleinige Vertretung auf kulturellem Gebiet. Bei der Selbstdarstellung nach außen wurde auf die Propagierung der kulturellen Einheit Deutschlands Wert gelegt, wogegen sich die DDR den Berichten zufolge sträubte. 79
Während wir uns bemühen, das kulturell Verbindende zwischen den beiden Staaten in Deutschland zu erhalten, [...] möchte sich die DDR-Regierung von uns kulturell „abgrenzen“, ihrer Bevölkerung objektive Informationen über die Bundesrepublik Deutschland verwehren und die kulturelle Zusammenarbeit mit uns verhindern. 80
In der DDR selbst wird das gleiche Problem natürlich anders herum interpretiert:
Hinzu kommt, daß solche Vorstellungen von einem „einheitlichen deutschen Sprach- und Kulturraum“ von jenen Politikern der BRD genährt werden, die die irreale Theorie von den „besonderen innerdeutschen Beziehungen“ vertreten und damit die Herstellung normaler völkerrechtlicher Beziehungen zwischen zwei souveränen Staaten verzögern möchten. 81
Die strikte Abgrenzung von der DDR wurde schon 1955 Teil einer klaren politischen Linie. In der sogenannten Hallstein-Doktrin erklärte die Bundesregierung, daß sie mit keinem Staat Beziehungen aufnehmen werde, der seinerseits Beziehungen zur DDR unterhält. Diese Umstände brachten es mit sich, daß in der auswärtigen Sprach- und Kulturarbeit der 50er und 60er Jahre die Länder Mittel- und Osteuropas und die UdSSR fast gar nicht berücksichtigt wurden. Der Hauptanteil entfiel auf die Verbündeten in Westeuropa und Nordamerika. 82
78 Ammon (1989), S. 234.
79 Schneider (2000), S. 46.
80 Steltzer, Hans Georg (1971): Die Rolle der Auslandsschulen in der Auswärtigen Kulturpolitik. In: Der deutsche Lehrer im Ausland 11, S. 294. Zit. nach Ammon (1988), S. 23.
81 Herrde, Dietrich (1971): Landeskunde als integrierter Bestandteil des Fremdsprachenunterrichts. In: Deutsch als Fremdsprache 6, S. 322. Zit. nach Ammer (1988), S. 40.
82 Meyers (1992); Schneider (2000), S. 56ff.
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Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für DaF nach dem 2. Weltkrieg
1959 vereinbarte die Bundesregierung als „ersten vorsichtigen Ausgleich für die bis dahin einseitige Orientierung des Austausches nach Westen“ 83 einen Studenten- und Wissenschaftleraustausch mit der Sowjetunion. Die Annäherung an den Osten blieb aber zunächst „vorsichtig“. Von den bis 1969 geschlossenen 28 Kulturabkommen gab es nur eines mit dem sozialistischen Jugoslawien sowie befristete Austauschvereinbarungen mit der UdSSR (1959) und Rumänien (1969). Nach und nach, spätestens nach Abschluß des deutschsowjetischen Vertrages im Jahre 1970, wurden die Grundsätze der Hallstein-Doktrin aufgegeben und es erfolgte ein politischer Entspannungsprozeß zwischen kapitalistischen und sozialistischen Ländern. Dies schuf günstigere Voraussetzungen für ein friedlicheres Zusammenleben der beiden Gesellschaftssysteme, was wiederum die Bedeutung des internationalen Kulturaustausches erhöhte. 84 Die DDR-Wissenschaftler Hirschler und Neumann (1986, S. 59) schreiben dazu:
Die 1969 an die Regierung gekommene sozialliberale Koalition der BRD zeichnete sich gegenüber vorangegangenen Regierungen durch größere Flexibilität und erhöhte Anpassungsfähigkeit aus.
Bedeutsam ist, daß sich die kulturelle Öffnung nach Osten viel früher vollzogen hatte als die politische, ja daß die kulturelle Öffnung die politische überhaupt erst ermöglicht hatte. Der Wissenschafts- und Kulturaustausch konnte hier Brücken zwischen den verfeindeten Blöcken schaffen, als politisch schon fast alle abgebrochen waren. 85
Nicht zum erstenmal bahnte also der bilaterale wissenschaftliche und kulturelle Austausch der Politik den Weg auf einem schwierigen Terrain. [...] Zu einem Zeitpunkt, an dem der „Kalte Krieg“ zwischen Ost und West kaum noch kälter werden konnte [...]. 86
83 Alter (2000), S. 74.
84 Hirschler/Neumann (1986), S. 59; Meyers (1992); Schneider (2000), S. 59f.
85 Beyermann (1985), S. 380.
86 Alter (2000), S. 81.
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Arbeit zitieren:
Stefan Deinzer, 2001, Die Entstehung der ersten Erwachsenenlehrwerke für Deutsch als Fremdsprache nach dem Zweiten Weltkrieg unter besonderer Berücksichtigung ihres Deutschlandbildes, München, GRIN Verlag GmbH
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