1. Spinozas Philosophische Theologie
Spinozas Philosophie postuliert, unter der metaphysischen Begründung, daß Gott das oberste Prinzip aller Wirklichkeit ist, den Schluß von der Idee auf die Wirklichkeit. Von diesem metaphysisch begründeten Schluß her, erstellt es dann, unter Umgehung sinnlicher Anschauung und Empirie, positive Aussagen bezüglich der Wirklichkeit. Und es erstellt, womit es gänzlich im Gegensatz zum Kritizismus steht, auf diesem Schluß positive metaphysische Aussagen. Auf diesem Postulat stellt Spinoza also seine gesamten metaphysischen Behauptungen auf, ohne zu fragen, ob die menschliche Vernunft zu solch einem Postulat und folglich zu den auf ihr bauenden Behauptungen überhaupt berechtigt ist. Damit gilt das Spinozanische Denken dem Kantischen Kritizismus als im höchsten Maße dogmatisches Denken. Die Wahrheit menschlicher Erkenntnis wird bei Spinoza durch eine dogmatische Voraussetzung gesichert, nämlich durch die in Gott wurzelnde Strukturgleichheit der Verknüpfung der Ideen untereinander mit der Verknüpfung der Gegenstände untereinander, nicht durch eine kritische Prüfung der Bedingungen der Möglichkeit, der Gesetzmäßigkeiten, der Gültigkeit, der Grenzen menschlicher Erkenntnis vom Erkenntnissubjekt her. Doch woher nimmt Spinoza die Gewißheit jener Voraussetzung seines philosophischen Denkens? Entnimmt er sie nicht doch wieder der Erfahrung? Einer Erfahrung nämlich, die im Licht Augustinischen Denkens steht? Spinoza versteht den Menschen in seiner Sehnsucht nach dem Glück als aus sich selbst heraus hingewendet auf Gott. In seiner Suche nach dem Glück wird der Mensch in den vergänglichen Dingen der Welt enttäuscht und er gelangt zu der Einsicht, daß Gott allein diese Sehnsucht nach Glückserfüllung
befriedigen kann 1 : „[…] Abgesehen davon, daß diese Lehre das Gemüt ganz friedlich
stimmt, hat sie also auch noch den Nutzen, uns zu lehren, worin unser höchstes Glück oder
unsere Glückseligkeit besteht, nämlich allein in der Erkenntnis Gottes […]“ 2
Nun wird verständlich, warum Spinoza in seinem Hauptwerk unmittelbar mit dem Höchsten und Absoluten beginnt und von hier aus alles Weitere mit logischer Notwendigkeit deduziert. Nur ein unvollständiges Wissen kann irren: „Falschheit besteht in dem Mangel an Erkenntnis,
den inadäquate, also verstümmelte und verworrene Ideen in sich schließen.“ 3 Wenn aber das
Denken die Wirklichkeit vollständig begreift, indem es alles aus seinem Seinsgrund her _______________________________________
1 deutlich ist die Parallele zu AUGUSTINUS: De doctrina christiana I, cap. 3-4 mit ihrer „uti“-„frui“-Konzeption; diese gipfelt in AUGUSTINUS: De doctrina christiana I, cap. 5: „Der Gegenstand des Genusses ist […] ein und dieselbe Dreieinigkeit, eine einzigartige, höchste Sache, die allen denen gemeinsam ist, die sie genießen.“
2 SPINOZA: Ethik II, prop. 49, schol.
3 S PINOZA: Ethik II, prop. 35
2
versteht, dann kann es nicht mehr fehlgehen. Die logische Grund-Folge-Ordnung eines solchen Denkens wird daher mit der realen Ursache-Wirkung-Ordnung identisch. Man erfaßt die Wirklichkeit in ihrem Ansichsein. Diesem Ziel dient auch die Konstruktion eines rigorosen Systems mit Hilfe des mos geometricus; durch diese geometrische Methode wird, nachdem einmal zu Anfang die erforderlichen Definitionen und Axiome aufgestellt sind, jeder einzelne Lehrsatz als notwendige Folge aus vorangegangenen bewiesen und gegebenenfalls durch Anmerkungen und Zusätze ergänzt bzw. erweitert. Wolfgang Bartuschat faßt in seinem Vorwort zur Meiner-Ausgabe von Spinozas „Ethik“ das Ansinnen, das Spinoza mit dem mos geometricus verfolgt, treffend zusammen: „[…] Der an der Euklidischen Geometrie orientierten Darstellungsform haben sich viele philosophischen Autoren der Zeit bedient; Spinoza hat es nur in besonders radikaler Weise getan. Er hat sie gewiß nicht nur als eine der Sache äußerliche Darstellungsform verstanden, die einen bloß didaktischen Gesichtspunkt verfolgt und den Leser zu einem Nachvollzug nötigen soll, der ihm kein Ausweichen in ihm liebgewordene Vormeinungen und Vorurteile erlaubt. Er hat damit demonstrieren wollen, daß das, was er in Form von Lehrsätzen folgert, genau das ist, was aus der Natur Gottes folgt, und das lateinisch ‹‹sequi›› deshalb in der doppelten Bedeutung von
logischem ‹‹folgern›› und sachlichem ‹‹folgen›› gebraucht […]“ 1
Im ersten Buch seines Werkes „Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt“, das sich mit der Konzeption einer allgemeinen Metaphysik beschäftigt, findet man nun Spinozas Definitionen seiner metaphysischen Grundbegriffe. Es sind dies drei: Substanz, Attribut, Modus.
1.1 Substanz
Spinozas Verständnis von der Bedeutung des Begriffs „Substanz“ stellt eine konsequente
Radikalisierung der Cartesianischen Substanzdefinition 2 dar: „Unter Substanz verstehe ich
das, was in sich selbst ist und durch sich selbst begriffen wird, das heißt, das, dessen Begriff _______________________________________
1 B ARTUSCHAT: Einleitung zur Meiner-Ausgabe von Spinozas Ethik, XIII-XIV
2 Zur Radikalisierung des Cartesianischen Substanzbegriffs äußert POWELL: Spinozas Gottesbegriff, 26: „[…] Bis auf Spinoza war es üblich, neben einer unendlichen Substanz oder Gott eine Vielheit von endlichen Substanzen anzunehmen. Da aber die endlichen Substanzen in irgend einer [sic!] Weise von Gott abhängen sollten, mussten sie […] ihre eigentlichen Substanzcharakter verlieren, also zu Quasi-Substanzen werden. Der Gedanke, dass die endlichen Dinge in keinem Sinne Substanzen sind, und dass nur das Absolute Substanz sein kann, lag nahe, um so näher, als Descartes schon alle Dinge auf nur zwei endlichen Substanzen (oder Substanzarten) bezogen und sogar diese zwei sachlich verneint hatte, indem er sagte: substantia quae nulla plane re indigeat, unica tantum potest intelligi, nempe Deus … Atque ideo nomen substantiae non convenit Deo et illis (substantiis) univoce [die dazugehörige Fußnote im Original lautet :DESCARTES: Principia Philosophiae I, 51; Anm. d. Verf.].“ Folgt man der Definition DESCARTES, so kommt der Substanzbegriff im eigentlichen Sinne strenggenommen nur einem einzigen Seienden, nämlich dem absolut Seienden
3
nicht des Begriffs eines anderen Dinges bedarf, von dem her er gebildet werden müßte“. 1 Eine
Substanz ist, nach Spinoza, somit absolut für sich allein, ohne Beziehung auf irgend etwas anderes Denkbares. Sie ist in strengem Sinne causa sui, also Ursache ihrer selbst; ihre
Wesenheit schließt Existenz ein. 2 Somit kann die Natur von Substanz nicht anders begriffen werden, als nur existierend. 3 Es gehört also zum Wesen der Substanz, zu existieren, und zwar als unendlich 4 und unteilbar 5 und unveränderlich. 6 _______________________________________
(Gott) allein zu; jedoch spricht Descartes den Substanzbegriff in seinen „Prinzipien“, wenn man das „non convenit […] univoce“ positiv liest, - trotz aller „sachlichen Verneinung“, wie es POWELL ausdrückt - zugleich in analoger Weise den endlichen Dingen, unter der Form von res cogitans und res extensa, zu. Diese analoge Anwendung des Substanzbegriffs auf Mehrere, weil neben Gott auch auf Endliches, ist für Spinoza, wie sich im Folgenden zeigen wird, in keiner Weise tolerierbar, wenn man mit dem Cartesanischen Substanzbegriff wirklich Ernst machen will.
1 SPINOZA: Ethik I, def. 3
2 hierzu POWELL: Spinozas Gottesbegriff, 29: „[…] das, dessen Begriff den Begriff keines anderen Dinges braucht , kann keine Ursache haben, die ausser ihm steht, weil die Ursache in diesem Falle notwendig mitbegriffen sein würde, denn ‹‹effectus cognitio a cognitione causae dependet et eandem involvit [diese Stelle im Original bezieht sich auf SPINOZA: Ethik I, ax. 4.; Anm. d. Verf.].›› Da nun Substanz keine äussere Ursache haben kann, muß sie ‹‹causa sui››, selbstexistierend sein. Also, [öffnende Anführungszeichen fehlen im Original; Anm. d. Verf.]ad naturam substantiae pertinet existere [diese Stelle im Original bezieht sich auf SPINOZA: Ethik I, prop. 7; Anm. d. Verf.]. ›› […]“
3 vgl. SPINOZA: Ethik I, def. 1
der Beweis zu dieser Behauptung findet sich kurzgefaßt bei POWELL: Spinozas Gottesbegriff, 29-30: „[…] Die Idee der Existenz nämlich gehöre zum klaren und deutlichen Begriff der Substanz (id, quod in se est), folglich existiere sie notwendigerweise in objektiver Wirklichkeit. Der Gedanke, dass die Substanz nicht existiere, würde ein Widerspruch sein. Oder (um den Wortlaut zu variieren), wir können das Wesen irgend eines Gegenstandes ausser der Substanz erfassen, ohne die Existenz desselben zu denken; die Existenz ist daher nicht ein Bestandteil seines Inhalts; die Substanz dagegen, ihrer Definition nach, können wir uns nicht vorstellen, ohne dass wir die Existenz in das Wesen derselben hinein denken. Gemäss seiner Lehre von klaren und deutlichen Ideen also ist die Existenz der Substanz in der Substanz selbst, ‹‹extra intellectum›› und nicht bloss in unserer Vorstellung. ‹‹Si autem homines ad naturam substantiae attenderent, minime de veritate 7. Prop. dubitarent; imo haec Prop. omnibus axioma esset, et inter notiones communes numeraretur. Nam per substantiam intelligerent id, quod in se est et per se concipitur ... Si quis ergo diceret, se claram et distinctam, hoc est veram ideam substantiae habere et nihilo minus dubitare, num talis substantia existat, idem hercle esset, ac si diceret, se veram habere ideam, et nihilominus dubitare num falsa sit ...[POWELL bezieht sich auf SPINOZA: Ethik I, prop. 8, schol. 2; Anm. d.Verf.]›› Auf diese Weise also wird die Selbstexistenz der Substanz bewiesen […]“
4 hierzu schreibt POWELL: Spinozas Gottesbegriff, 30: „[…]Aus der Selbstexistenz folgt für Spinoza auch die Unendlichkeit der Substanz. Da der Begriff der Substanz die absolute Setzung der Existenz darstellt, und keine Verneinung oder Beschränkung derselben einschliesst, ist die Substanz notwendigerweise unendlich [vgl. SPINOZA: Ethik I, prop.8, schol. 1:„Weil endlich sein der Sache nach eine partielle Verneinung ist und unendlich sein die unbedingte Bejahung der Existenz irgendeiner Natur, folgt allein schon aus Lehrsatz 7, daß jede Substanz unendlich sein muß“; Anm. d. Verf.]. Weil das Wort Existenz also eben Existenz bedeutet und keineswegs Nichtexistenz, wird das Existierende (die Substanz) als absolut unbegrenzt gesetzt […]“
5 SPINOZA: Ethik I, prop. 13: „Eine unbedingt unendliche Substanz ist unteilbar.“
6 hierzu schreibt POWELL: Spinozas Gottesbegriff, 34: „[…] Zu den formalen Bestimmungen des Spinozischen Substanzbegriffes gehört auch die der Unveränderlichkeit. Diese folgt als eine unvermeidliche Konsequenz aus der ganzen Denkweise Spinozas. Er ist bestrebt, das Absolute als einen Inbegriff von logischen Beziehungen aufzufassen. Die logischen Beziehungen sind aber nicht zeitlich, und in diesem Sinne etwa ‹‹ewig›› zu nennen, d.h. sie müssen nach den Bedingungen unseres Denkens als notwendig und unaufhebbar, und somit keinem Wechsel unterworfen, betrachtet werden. Die Substanz muß also für Spinoza unveränderlich sein und damit auch ihre Attribute, die Nichts Anderes sind als verschiedene Ausdrücke ihres Wesens [vgl. SPINOZA: Ethik I, prop. 20, cor. 2: „Gott , d.h. alle Attribute Gottes [sind] unveränderlich“; Anm. d. Verf.] […]“
4
Die Substanz ist absolut ewig 1 , absolut unbestimmt und absolut unendlich. Hierbei darf die
Ewigkeit der Substanz selbstverständlich nicht als Zeitbegriff aufgefaßt werden; die Zeit gehört bei Spinoza der untersten Erkenntnisstufe an, welche ihrerseits die einzige Ursache von
Falschheit ist. 2 Für das Unbestimmtsein der Substanz ist der Satz Spinozas entscheidend:
„Omnis determinatio est negatio“, damit will Spinoza zum Ausdruck bringen, daß jede Bestimmung immer zugleich auch eine - zumindest teilweise - Verneinung ist. Weil die Substanz nun aber auch unendlich ist, kann eine Substanz nicht die andere beschränken, auch
sie nicht hervorbringen. Daraus ergibt sich, daß es nur eine einzige Substanz geben kann. 3 Die Substanz, das unendliche, allgemeine Sein, geht logisch ihren Besonderheiten vorher 4 ,
da diese ohne sie nicht denkbar sind. Die bisherigen Bestimmungen sind bloß formale und verraten keineswegs den sachlichen Inhalt des Gegenstandes. Erst aus den materialen Bestimmungen des Absoluten durch die unendlich vielen Attribute (unter ihnen Ausdehnung und Denken) werden die materialen Bestimmungen des Spinozanischen Gottesbegriffes gegeben. Der Substanz kommen nur formale Eigenschaften zu wie die Unendlichkeit,
Einzigkeit, Ewigkeit, Absolutheit, Vollkommenheit 5 , Selbstgegründetheit
_______________________________________
1 hierzu schreibt POWELL: Spinozas Gottesbegriff, 30: „[…]Da nun der Begriff der Selbstexistenz oder der ‹‹causa sui›› keine Bedingung des Vergehens einschliesst, sondern das absolute Dasein setzt, so ist die fernere Bestimmung der Ewigkeit eine für Spinozas Denkweise so naheliegende Konsequenz, dass er behauptet, er verstehe unter Ewigkeit nicht anderes, als gerade diese Selbstexistenz. ‹‹Per aeternitatem intelligo ipsam existentiam, quatenus ex sola rei aeternae definitione necessario sequi concipitur [POWELL bezieht sich auf SPINOZA: Ethik I, def. 8; Anm. d. Verf.] [schließende Anführungszeichen fehlen im Original; Anm. d. Verf.][…]“
2 zur Problematik der transzendentalen Erkenntniselemente vgl. SPINOZA: Ethik II, prop. 40, schol. 1; vgl. SPINOZA: Ethik II, prop. 41: „Die Erkenntnis der ersten Gattung ist die einzige Ursache von Falschheit […]“
3 auf eine andere Weise wird die Einzigkeit der Substanz gefolgert bei POWELL: Spinozas Gottesbegriff, 33: „[…] Ist die Substanz ‹‹absolut›› unendlich, darf ihr kein Attribut abgesprochen werden, so würde eine hypothetische zweite Substanz keine Attribute haben, die nicht schon der unendlichen Substanz zukommen, und es würde dementsprechend mehrere Substanzen desselben Attributes geben. Es giebt [sic!] also nur eine Substanz [vgl. SPINOZA: Ethik I, prop. 14: „Außer Gott kann es keine Substanz geben und keine begriffen werden“; Anm. d. Verf.] […]“
4 S PINOZA: Ethik I, prop. 1: „Eine Substanz geht der Natur nach ihren Affektionen voran.“
5 zur Vollkommenheit der Substanz schreibt POWELL: Spinozas Gottesbegriff, 34-35: „[…] Eine weitere Bestimmung der Substanz ist ihre Vollkommenheit. Dieser geläufige Begriff bedeutet bei Spinoza zunächst nichts Anderes als Realität; Per realitatem et perfectionem idem intelligo [POWELL bezieht sich auf SPINOZA: Ethik II, def. 6; Anm. d. Verf.]. Ens perfectissimum also fällt mit ens realissimum zusammen, welches bei Spinoza, indem er einen scholastischen Gedanken weiterbildet, zu einem Wesen wird, dem unendlich viele reale Attribute beigelegt werden. ‹‹Wenn das Wesen unendlich ist, […] so müssen auch seine Attribute unendlich (viel) sein: und gerade das ist es; was wir ein vollkommenes Wesen nennen [die Stelle im Original bezieht sich auf SPINOZA: Korte Verhandeling Deel I, Cap. II, 11-12; Anm. d. Verf.].›› Da aber die Realität eines Gegenstandes nach Spinoza im Verhältnis zu dem Umfang desselben zunimmt, und da jede Bestimmung des Inhalts eine Beschränkung des Umfanges herbeiführt (omnis determinatio est negatio), so folgt als eine unvermeidliche Konsequenz die Gleichsetzung der beiden Begriffe, um die es hier sich handelt, mit der Unbestimmtheit: ens realissimum = ens perfectissimum = ens absolute indeterminatum […]“
5
und Unteilbarkeit. In einem gewissen formalen Sinn sieht Spinoza ihr Wesen in ihrer Macht, was bei ihm primär Macht zur Selbstbehauptung und Selbsterhaltung besagt und somit das Wesen von Sein ausmacht.
Versteht man aber unter Wesen den inhaltlich erkennbaren Soseinsgehalt, so wird das Wesen der Substanz durch ihre Attribute ausgedrückt. In Weiterführung von Descartes definiert
Spinoza ein Attribut als „[…] deren Essenz ausmachend […]“. 1 Die Substanz ist damit das ens realissimum, das realste Sein 2 .
Die Spinozanische Substanz trägt alle Prädikate, die in der abendländischen Tradition Gott zugeschrieben werden, und Spinoza vollzieht auch die Identifikation von Gott und Substanz: „Unter Gott verstehe ich ein unbedingt unendliches Seiendes, d.h. eine Substanz, die aus unendlich vielen Attributen besteht, von denen jedes eine ewige und unendliche Essenz
ausdrückt.“ 3
Alles andere bedarf zu seinem Sein und zu seiner adäquaten Erkenntnis der göttlichen Substanz als seinem Grund und seiner Ursache und existiert nur in ihr. Die Substanz ist also nicht nur die Ursache ihrer selbst, sondern auch die Ursache alles Wirklichen, und zwar
zuletzt die alleinige Ursache. Sie wird dementsprechend die absolute erste Ursache 4 von allen
anderen Dingen genannt. Andererseits folgt alles mit logischer Notwendigkeit, so daß Gott
notwendig die wirkende Ursache 6 alles anderen ist. Gott selbst ist demzufolge einerseits zwar eine freie Ursache 5 , da er selbst keine Nötigung von außen durch eine andere Entität erfahren
kann. Er ist aber andererseits nur in dem Sinne frei, daß er keiner äußeren Einwirkung unterliegt, d.h. er selbst unterliegt der Tatsache, daß er aufgrund eigener Wesensnotwendigkeit wirkt. In allen diesen Beziehungen Gottes zum von ihm Abhängigen ist
Gott eine innewohnende Ursache. 7
Das Prinzip aller Dinge, der Urgrund derselben, ihre immanente Ursache, ihre ihnen
_______________________________________
1 SPINOZA: Ethik I, def. 4
2 Der Ausdruck „real“ versteht hier zunächst im Sinne der realitas objectiva; „das realste Sein“ ist also gleichbedeutend mit dem Ausdruck „das Sein mit dem höchsten vorgestellten Sachgehalt“. Aus ihm ergibt sich in einem zweiten Schritt auch die Bedeutung „mit dem höchsten existierenden Sachgehalt“.
3 S PINOZA: Ethik, I, def. 6
4 SPINOZA: Ethik I, prop. 16, cor 3: „[…] Gott [ist] in unbedingter Weise erste Ursache […]“
5 SPINOZA: Ethik I, prop. 17, cor. 2: „[…] allein Gott [ist] eine freie Ursache […]“
6 SPINOZA: Ethik I, prop. 16, cor. 1: „[…] Gott [ist] die bewirkende Ursache aller Dinge […]“; zur Verdeutlichung der Wirkursache im Sinne der philosophischen Effizienzursache empfiehlt sich zusätzlich das lateinische Originalzitat: „[…] Deum omnium rerum […] esse causam efficientam [Heraushebung durch d. Verf.] […]“
7 SPINOZA: Ethik I, prop. 18: „Gott ist die immanente […] Ursache aller Dinge“; hier empfiehlt sich zur Verdeutlichung das lateinische Originaltzitat: „Deus est omnium rerum causa immanens [Heraushebung durch d. Verf.] […]“
6
innewohnende Einheit, die nicht die Summe der Teile, sondern etwas Ursprünglicheres ist, das allein wahrhaft Seiende, Ewige, die ganze Substanz ist Gott oder die schaffende Natur. Gott ist das Absolute, dasjenige, dessen Wesen die Existenz einschließt, das, was nur als existierend gedacht werden kann, der Grund seiner selbst, „causa sui“: „Unter Ursache seiner selbst verstehe ich das, dessen Essenz Existenz einschließt, anders formuliert das, dessen
Natur nur als existierend begriffen werden kann.“ 1 Während Descartes zwar Gott schon als
absolute Substanz bestimmte, daneben aber doch Geist und Körper als abhängige Substanzen angesehen hat, gibt es für Spinoza nur eine einzige, allen Dingen zugrundeliegende Substanz,
Gott oder die Natur. Gott ist die einzige Substanz 2 , und Gott existiert als das „ens absolute infinitum“ 3 notwendig 4 , seine Existenz ist eins mit seinem Wesen. 5 Er ist die aus unendlichen Attributen, die alle sein Wesen ausdrücken, bestehende Substanz 6 , er enthält alles und alles ist in ihm, von ihm abhängig. 7 Gott ist die immanente Ursache der Dinge, er verbleibt mit seinem Wesen in ihnen. 8 Nichts gibt es außerhalb Gottes. Gott ist die schaffende Natur, die „Natura naturans“, sofern er freie Ursache von allem ist. 9
Spinozas Begriff der Substanz ist nicht selten mit dem Seinsbegriff des Eleatismus verglichen
worden. 10 Vergleichen heißt, nach Gemeinsamkeiten und nach Unterschieden zu suchen, die
zwischen zwei oder mehreren Dingen bestehen. Der Unterschied zwischen dem eleatischen Sein und der spinozanischen Substanz besteht darin, daß die eleatischen Denker das wahrhafte Sein als das vollkommen In-sich-Ruhende denken, während Spinoza die Substanz nicht nur als causa sui, sondern auch als Ursache aller Dinge faßt. Da keine Ursache ohne Wirkung sein und gedacht werden kann, ist Gott Wirkendes. Aus seiner unendlichen Natur muß auf
unendliche Weise unendlich vieles folgen. 11
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1 SPINOZA: Ethik I, def. 1
2 SPINOZA: Ethik I, prop. 14: „Außer Gott kann es keine Substanz geben und keine begriffen werden.“
3 SPINOZA: Ethik I, prop. 14, dem.: „Da Gott ein unbedingt unendliches Seiendes ist […]“
4 SPINOZA: Ethik I, prop. 11: „Gott, anders formuliert eine Substanz […] existiert notwendigerweise.“
5 SPINOZA: Ethik I, prop. 20: „Gottes Existenz und seine Essenz sind ein und dasselbe.“
6 SPINOZA: Ethik I, prop. 11: „[…] eine Substanz, die aus unendlich vielen Attributen besteht, von denen jedes eine ewige und unendliche Essenz ausdrückt […]“
7 SPINOZA: Ethik I, prop. 15: „Was auch immer ist, ist in Gott, und nichts kann ohne Gott sein oder begriffen werden.“
8 SPINOZA: Ethik I, prop. 18: „Gott ist die immanente, nicht aber die übergehende Ursache aller Dinge.“
9 SPINOZA: Ethik I, prop. 29, schol.: „[…] unter „Natura naturans“ [haben wir] zu verstehen […], was in sich selbst ist und durch sich selbst begriffen wird, also solche Attribute von Substanz, die eine ewige und unendliche Essenz ausdrücken, d.h. Gott, insofern er als freie Ursache angesehen wird […]“
10 Zu diesem Gedanken vgl. SEIDEL: Spinoza zur Einführung, 40 f.
11 SPINOZA: Ethik I, prop. 16: „Aus der Notwendigkeit der göttlichen Natur muß unendlich vieles auf unendlich viele Weisen folgen […]“
7
1.2 Attribut
Was aber ist das Attribut? Es wird bestimmt als „[…] das, was der Verstand an einer Substanz
als deren Essenz ausmachend erkennt“. 1 Die Attribute sind die aufeinander nicht
rückführbaren und daher in ihrer jeweiligen Art unendlichen Grundqualitäten der
Wirklichkeit. 2 Die göttliche Substanz legt sich in unendlich viele Attribute aus, was ihre
Vollkommenheit ausmacht. Für die Menschen sind jedoch nur zwei Attribute erkennbar, Denken und Ausdehnung. Beide sind ihrer Art nach absolut und stellen zwei völlig heterogene und beziehungslose Aspekte oder Seiten derselben, identischen Wirklichkeit dar.
Sie sind beide intelligibel, unveränderlich und unteilbar 3 , weshalb auch die Ausdehnung Gott zugeschrieben werden kann. 4 Daß mit dieser Lehre Gott als räumlich gedacht wird, war und
bleibt ein anstößigster und schwerverständlicher Gedanke Spinozas. Er verteidigt ihn vor allem mit dem Hinweis darauf, daß die ausgedehnte Substanz nicht als teilbar im Sinne eines
körperlichen Dinges, eines Modus der Ausdehnung gedacht werden darf. 5 Somit ist die Ausdehnung nur in unserer Vorstellung teilbar, nicht aber als Attribut Gottes. 6 Die Grundweisen des Denkens sind Verstand und Wille 7 , die der Ausdehnung Bewegung
_______________________________________
1 SPINOZA: Ethik I, def. 4
2 SPINOZA: Ethik I, prop. 10: „Jedes Attribut ein und derselben Substanz muß durch sich selbst begriffen werden.“
3 hierzu muß beachtet werden, was SPINOZA in seinem Beweis der Ewigkeit der Attribute folgert. SPINOZA: Ethik I, prop. 19,dem.: „[…] Sodann ist unter Gottes Attributen das zu verstehen, was eine Essenz der göttlichen Substanz ausdrückt, d.h. was zu Substanz gehört; genau das, sage ich, müssen die Attribute selbst in sich schließen […]“
4 SPINOZA: Ethik II, prop. 2: „ Ausdehnung ist ein Attribut Gottes, anders formuliert, Gott ist ein ausgedehntes Ding.“
5 diesem Thema widmet sich ausführlich SPINOZA: Ethik I, prop. 15, schol.
6 SPINOZA: Ethik I, prop. 15, dem.: „Außer Gott gibt es […] kein Ding, das in sich selbst ist und durch sich selbst begriffen wird. Modi andererseits können ohne die Substanz weder sein noch begriffen werden; sie können deshalb nur in der göttlichen Natur sein und allein durch diese begriffen werden […]“
Hieraus folgt, daß eine Eigenschaft, wie eben z.B. Ausdehnung, eines Modus oder weiteren Modifikation (selbst wenn sich auch diese im weiteren Verlauf immer noch nicht als die letzte Stufe der Natura naturata darstellen sollten) nur in der Eigenschaft Gottes, also hier im Attribut der Ausdehnung, begriffen werden kann; somit ist eine der Ausdehnung zugesprochene Teilbarkeit nur ein Produkt unserer Vorstellungskraft oder Imagination, da sie in der wirklichen Wirklichkeit Gottes nicht existiert. Dies gilt dann für alle weiteren Modifikationen wie der Einbezug von SPINOZA: Ethik I, prop.22 nahelegt: „Was auch immer aus irgendeinem Attribut Gottes folgt; insofern es von einer Modifikation modifizert ist, die durch dieses Attribut notwendigerweise existiert und unendlich ist, muß ebenfalls notwendigerweise existieren und unendlich sein.“ Übertragen auf die Räumlichkeit heißt dies: es muß unteilbar sein
7 SPINOZA: Ethik I, prop. 31, dem.: „Unter Verstand verstehen wir nämlich nicht unbedingtes Denken, sondern lediglich einen gewissen Modus des Denkens […]“
SPINOZA: Ethik I, prop. 32, dem.: „Der Wille ist, wie der Verstand, nur ein gewisser Modus des Denkens […]“
8
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Oliver Härtl, 2004, Der Spinozismus: Leugnung der personalen Bestimmungen des Absoluten, München, GRIN Verlag GmbH
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