Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 4
II. Der Gewaltbegriff 5
III. Grundformen der Gewalt
3.1 Das Gewaltdreieck nach Galtung 6
3.2 Personelle Gewalt 7
3.3 Strukturelle Gewalt 7
3.4 Kulturelle Gewalt 8
IV. Theorien zur Entwicklung von Gewalt
4.1 Pflegestress 9
4.2 Intergenerative Gewalt 9
4.3 Geschlechtsspezifische Gewalt 9
V. Entstehung von Gewalt in der häuslichen Pflege
5.1 Risikoquellen beim Pflegebedürftigen 10
5.2 Risikoquellen für die Pflegeperson 12
5.3 Risikoquellen der Pflegesituation 13
VI. Assessment
6.1 Begriffsbestimmung 14
6.2 Gewalt-Assessment nach R.D. Hirsch 14
6.2.1 Ebene 1 - Verdacht 15
6.2.2 Ebene 2 - Bestätigung 17
6.2.3 Ebene 3 - Differenzierte Abklärung 18
VII. Intervention
7.1 Prinzipien einer erfolgreichen Intervention 18
7.1.1 Selbstbestimmung des Betroffenen 19
7.1.2 Angemessene Maßnahme 19
7.1.3 Interfamiliärer Zusammenhalt 19
7.1.4 Ambulante vor stationärer Pflege 19
7.1.5 Vermeidung von Schuldgefühlen 20
7.2 Interventions- und Präventionsmaßnahmen 20
7.2.1 Beratung 20
7.2.2 Schulung 20
7.2.3 Leistungen der Pflegekasse 21
7.2.4 Weitere entlastende Leistungen 21
VIII. Zusammenfassung 22
IX. Literaturverzeichnis 24
I. Einleitung
"Die Gewalt lebt davon, dass sie von anständigen Leuten nicht für möglich
gehalten wird." 1
Die Hoffnung, dass sich die Gewaltbereitschaft des Menschen als ein urtümliches Phänomen durch evolutionäre oder zivilisatorische Entwicklungen im Laufe der Zeit verflüchtigen würde, verbleibt ein Wunschgedanke. Zwar findet offene Gewalt im Alltag kaum mehr statt, dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gewalt immer noch vorhanden ist - subtiler und vor der Öffentlichkeit verstecktinsbesondere im häuslichen Umfeld.
Der öffentliche Aufschrei, wenn diese nunmehr verborgene Gewalt Kinder oder Frauen trifft, ist laut - die Motivation der Politik zum Handeln, wenn auch oftmals populistisch, 2 ist groß. Was aber, wenn ein älterer, vielleicht sogar pflegebedürftiger Mitmensch zum Opfer der Gewalt wird? In wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen der alte Mensch als Belastungs- und Kostenfaktor des sozialen und gesellschaftlichen Lebens verstanden wird, erscheint es zunehmend schwer auf die Viktimisierung dieser Bevölkerungsgruppe - also die Probleme die alte Menschen haben und weniger auf die, die sie (anscheinend) verursachen - hinzuweisen. 3 Als ein Problem muss dabei die Gewalt gegen ältere Menschen im Rahmen der häuslichen Pflege angesehen werden. Auf Grund der bisherigen Außerachtlassung dieses gesellschaftlichen Problems ist das Daten- und Faktenmaterial spärlich und die Dunkelziffer entsprechend
hoch 4 . Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen für das internationale öffentliche Gesundheitswesen, deuten darauf hin, dass zwischen 4% und 6% der alten Menschen in ihrem eigenen Zuhause Formen von Misshandlungen und damit
Gewalt zu erleiden haben. 5 Überträgt man diese Zahlen auf die etwa 1,54 6
1 Jean-Paul Sartre, französischer Schriftsteller und Philosoph
2 Professor Dr. Dr. Michael Bock, Gutachten zum sog. Gewaltschutzgesetz
3 Marc Coester, Bestandsaufnahme und Ergebnisse des Workshops, S. 32
4 Rolf Dieter Hirsch, Gewalt gegen alte Menschen, S. 1
5 Weltgesundheitsorganisation Europa, Weltbericht Gewalt und Gesundheit, S. 22
6 Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik 2007, S. 4
4
Millionen Pflegebedürftigen, die derzeit zu Hause gepflegt werden, entspricht dies ca. 60.000 - 90.000 Menschen, die in ihrem Wohnumfeld Übergriffen, Vernachlässigung, Ausbeutung und in Einzelfällen sogar Tötung ausgesetzt sind -Zahlen, die sich durch die demographische Entwicklung zukünftig weiter erhöhen und damit zu einer Verschärfung der Situation beitragen werden. Diese Arbeit soll sich jedoch weder mit vermeintlichen Schuldzuweisungen beschäftigen, nachdem die Rollen von Opfer und Täter stündlich wechseln können, 7 noch einen Generalverdacht gegenüber Pflegepersonen erheben. Vordergründig sollen im Rahmen dieser Arbeit die Ursachen und die Entwicklung von Gewalt in der häuslichen Pflege dargestellt werden, damit Anzeichen für drohende oder bereits geschehene Gewalthandlungen durch den Pflegeberater erkannt werden können und dieser geeignete Hilfemaßnahmen für Pflegeperson und Pflegebedürftigen einzuleiten vermag.
II. Der Gewaltbegriff
Eine wissenschaftliche Definition von Gewalt ist schwierig. Zum einen handelt es sich bei Gewalt um ein sehr komplexes Phänomen mit vielen subjektiven Facetten, zum anderen wandelt sich die grundlegende Auffassung einer Gesellschaft zur Gewalt im Laufe der Zeit stetig. 8 Im heutigen Sprachgebrauch ist der Begriff Gewalt überwiegend negativ behaftet (vgl. Gewalttat, Gewaltverbrechen, Gewaltverherrlichung oder auch Vergewaltigung) und wird als schädigende Einwirkung auf andere verstanden.
Verschiedene Berufsgruppen sind zu eigenen Definitionen des Gewaltbegriffes gelangt, was zu einem unüberschaubaren Sammelsurium an Gewaltdefinitionen
führte. 9 Während zum Beispiel Juristen in strafrechtlichen Angelegenheiten unter dem Begriff Gewalt ausschließlich körperlichen Zwang verstehen, 10 dehnt die
7 Ulrike Hempel, ärzteblatt.de, Häusliche Gewalt erkennen und verhindern: "Pflege heißt Krise"
8 http://de.wikipedia.org/wiki/Gewalt
9 Rolf Dieter Hirsch, Gewalt in der Pflege, S. 3
10 Urteil des Bundesverfassungsgericht vom 10.01.1995, AZ AZ 1 BvR 718/89
5
WHO, die Definition weiter aus, so dass auch nicht körperliche Schäden des
Opfers miteinbezogen werden. 11
Das internationale Netzwerk für die Prävention von physischer Gewalt gegenüber älteren Menschen (INPEA) strebte im Rahmen der sog. Toronto-Kundmachung 2002 eine weltweit einheitliche Definition für "elder abuse" (dt. Missbrauch von Älteren) an. Nach Auffassung des Autors beschreibt diese Begriffsbestimmung den Gewaltbegriff am treffendsten. Diese lautet wie folgt: Der Missbrauch älterer Menschen ist eine einzelne oder wiederholte Handlung oder das Unterlassen einer angemessenen Handlung, die in jeder Beziehung vorkommen kann, wo erwartetes Vertrauen einer älteren Person verletzt oder tief enttäuscht wird. Dieser Missbrauch oder diese Misshandlung kann vielerlei Gestalt annehmen: sie kann physischer, psychologisch/emotionaler, sexueller, finanzieller Art sein oder einfach nur eine beabsichtigte oder unbeabsichtigte
Vernachlässigung darstellen. 12
III. Grundformen der Gewalt
3.1 Das Gewaltdreieck nach Galtung
Gewalt mit all seinen Facetten lässt sich am einfachsten anhand des Gewaltdreiecks von Johan Galtung, einem Friedensforscher und Soziologen aus Norwegen, begreiflich machen. Demnach gliedert sich das Phänomen Gewalt in drei Hauptebenen: personelle, strukturelle und kulturelle Gewalt. Die drei Formen der Gewalt sind dabei voneinander abhängig, stützen sich gegenseitig und treten regelmäßig gemeinsam auf. Grundsätzlich kann Gewalt in jeder der Hauptebenen ausbrechen und sich dann auf die anderen übertragen. Wenn allerdings kulturelle Gewalt tief in der Gesellschaft verankert ist und strukturelle Gewalt institutionalisiert wird, erhöht sich die Gefahr, dass sich die personelle Gewalt
verfestigt. 13
11 Weltgesundheitsorganisation Europa, Weltbericht Gewalt und Gesundheit, S. 6
12 http://www.inpea.net/images/TorontoDeclaration_English.pdf
13 http://www.whywar.at/gewalt_dreieck
6
3.2 Personelle Gewalt
Unter personeller oder auch direkter Gewalt versteht man das vorsätzliche destruktive Handeln aber auch Unterlassen durch einen Täter oder eine Tätergruppe. Sie bildet als traditionelle Vorstellung von Gewalt eine Ecke des Gewaltdreiecks. Als konkrete Handlung ist die direkte Gewalt als Ereignis objektiv wahrnehmbar. Beispiele für direkte Gewalt:
Anschreien, Androhen von Gewalt, Schlagen oder mangelhafte Ernährung/ Flüssigkeitszufuhr
3.3 Strukturelle Gewalt
Im Gegensatz zur direkten Gewalt gibt es bei der indirekten oder auch strukturellen Gewalt keinen Akteur, der die Folgen der Gewalt beabsichtigt. 14 Sie ist nach Galtung die "vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse". Als strukturelle Gewalt kann daher eine Vielzahl an Faktoren verstanden werden, die offene Gewalt erst ermöglichen oder zu deren
Legitimation dienen 15 . Bezogen auf die Pflege ist damit also auf die Rahmenbedingungen abzustellen, die den persönlichen Lebensraum
einschränken. Gerne wird deshalb in der Fachliteratur in diesem Zusammenhang
14 Johan Galtung, Frieden mit friedlichen Mitteln, S. 17
15 R.D. Hirsch, Gewalt in der Pflege, S. 10
7
Arbeit zitieren:
Dipl. Verwaltungswirt Robert Hirsch, 2009, Der Pflegeberater und Gewalt in der häuslichen Pflege, München, GRIN Verlag GmbH
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