Über die Kriegskunst
Gliederung
Kriegskunst Seite 2
Die Operative Idee Seite 2
Feldherr und Vorbild Seite 6
Epilog Seite 9
Bild - und Literaturnachweis Seite 10
Kriegskunst
Bis in die Gegenwart wird darüber gestritten, ob aus den Erfahrungen der Militär- und
Kriegsgeschichte zeitlose Theorien entwickelt werden können. Bis heute halten sich Auffassungen,
dass die Kriegführung zwar eine Kunst sei, die aber weder gelehrt noch gelernt werden könne, sondern
angeboren sein müsse. Nach Cyrill Falls kann die Kriegskunst sehr wohl studiert und erlernt werden,
indem man sich mit ihren Theorien beschäftigt 1 Clausewitz bekennt in der Einführung zu seinem
Werk Vom Kriege 2 , dass seine Auffassungen vom Kriege die Frucht eines vielseitigen
Nachdenkens über die Theorie und Praxis ist. So wird die Theorie nicht abseits der Tatsachen
entwickelt , sondern von ihnen abgeleitet: Der Vorgang, in dessen Verlauf militärische Theorien
anhand der Analyse von Feldzügen entstehen, unterscheidet sich durchaus nicht von der Entwicklung
der Theorien auf den Gebieten anderer Künste und Wissenschaften. Augenscheinlich wird dies in den
Werken des Phidias, Raffaels oder Michelangelos, denen zuweilen die Theorie des Goldenen
Schnitts zugrunde lag, diese aber in ihren Ausdrucksformen nicht einengte 3
So hat auch die Kriegführung ihre Theorien. Das grundsätzliche Missverständnis liegt bis heute darin,
dass die Theorie Fragen der Praxis durch allgemeine Hinweise zu beantworten versucht. Jede
denkbare und erkenntnisleitende Theorie verzichtet nämlich a priori darauf, der Praxis ein starres
Gesetz des Handelns vorzuschreiben. Clausewitz interpretiert dieses Phänomen von Theorie und
Praxis , von Ziel und Mittel und der Beziehung von Politik und Militär durch eine Analogie aus dem
Bereich der Sprache und des Denkens in dem berühmt gewordenen Satz, dass der Krieg seine eigene
Grammatik , aber nicht seine eigene Logik 4 habe. Rezepte für das jeweilige Handeln konnten deshalb
von Clausewitz nicht erwartet werden 5
Die operative Idee
Das Kardinalproblem aller Feldherrn zu allen Zeiten bestand zunächst in der Methode, den Gegner
niederzuwerfen , zu besieJHQRGHUZLHLP QFLHQ5pJLPHPLWVHLQHQNRVWVSLHOLJHQÄXQHUVHW OLFKHQ
stehenden Heeren, den Gegner nicht in einer risikoreichen offenen Feldschlacht zu schlagen, sondern
LKP ÄJROGHQH U FNHQ XP E XJ XEDXHQ 6 Die Existenz der Armee war ein Garant der Dynastie.
Hasard und Vabanque waren daher inadäquate Mittel der Kriegführung, die leicht zum Untergang
1 Cyrill Falls, The Art of War, London 1961, 19
2 Carl von Clausewitz, Vom Kriege, hrsg. von Werner Hahlweg, Bonn 1980, 1, 1, 1, S. 191 ff
3 In der antiken Architektur, der italienischen Renaissance kam da und dort der Goldene Schnitt in
Anwendung Von einer allgemeinen Herrschaft des Goldenen Schnitts kann keine Rede. Johannes
Jahn , Wörterbuch der Kunst, Stuttgart 1966, 250
4 Clausewitz, 3, 7, 6B, 991
5 Franz Herre, Moltke. Der Mann und sein Jahrhundert, Stuttgart 1984, 347
6 Wolfgang Petter. Zur Kriegskunst im Zeitalter Friedrichs des Großen, in: Europa im Zeitalter Friedrichs des
Gro ßen. Wirtschaft, Gesellschaft, Kriege. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes hrsg. von
Bernhard R Kroener, München 1989, S 245-268
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leidvoll bewiesen haben.
Die Idee der Vernichtungsschlacht bedeutete für die Dynastie ein hohes Risiko. Als Friedrich II. vor Prag am 6. Mai 1757 ein Beispiel einer Vernichtungsschlacht lieferte, waren alle Generale des Königs QLFKW HLQYHUVWDQGHQ JHZHVHQ ÄHV ZROOWH GHQ /HXWHQ QLFKW LQ GHn Kopf, dass Krieg führen Schlagen XQG 9HUQLFKWHQ GHV )HLQGHV LVW³ 8 &ODXVHZLW] VDK JOHLFKZRKO LQ GLHVHU 2SHUDWLRQ GDV ÄJHLVWLJH³ 'LOHPPDGHU=HLWÄ0DQNDQQWHEHLJURHQ0DVVHQNHLQHQDQGHUHQ*HEUDXFKGHU7UXSSHQDOVGDVV man sie in einer Schlachtordnung aufstellte, die das Heer zu einem Ganzen machte, und mit diesem Ganzen nun gegen das feindliche Ganze anrannte 9 ³ 'LH ÄVFKLHIH 6FKODFKWRUGQXQJ³ YRQ )ULHGULFK mehrmals genial verwirklicht, überwand diese Geistesarmut. Doch der Stein der Weisen zu ihrer Überwindung lag nicht allein im Genius Friedrich II. von Preußen; vielmehr ist die Kriegführung abhängig von der ihr zugrundeliegenden Geisteshaltung, z.B. dem Prinzip der politischen und persönlichen Freiheit ± und den in ihr eingeschlossenen Wirkungskräften. Odysseus hatte, wie uns Homer berichtet, das Volk des Priamos durch die List mit dem Trojanischen Pferd überwunden, in dessen hohlem Bauch die besten Krieger versteckt waren. Ein Plan, geboren aus der Not von zehn erfolglosen Belagerungsjahren, verbunden mit Risiko und Wagnis. Hätte das trojanische Volk gleich Laokoon die List durchschaut, wäre dies das Ende und die endgültige Niederlage der Griechen gewesen.
Risiko und Wagnis standen auch Pate, als Manstein 1940 die Idee hatte, den «Schlieffenplan» von 1914 nicht zu wiederholen, sondern durch den doppelten Sperrgürtel von Ardennen und Maas hin durchzubrechen; in der Durchführung seines Planes hatte die deutsche Führung die operative Überraschung auf ihrer Seite 10 . Doch dieses Risiko war kalkuliert. Die Aufklärung hatte eindeutige Hinweise erbracht, dass diese Abschnitte schwach besetzt waren, da dort der Durchbruch für unmöglich gehalten wurde. Darüber hinaus: Manstein spielte nicht Hasard, da die Gefechtsübungen Guderians mit seinen Panzerverbänden in der Eifel und im Hunsrück den Nachweis erbracht hatten, dass Panzer auf schwammigen Waldwegen und in schwierigem Gelände operieren konnten. Schon in der Antike gibt es zahlreiche militärgeschichtliche Beispiele, deren Konstellationen mit Ereignissen der Neueren und Neusten Geschichte ± wenn auch in modifizierter Form ± durchaus vergleichbar sind.
Als das Perserreich mit der Welt der Griechen zusammenprallte, war dies von vornherein ein ungleicher Kampf. Die Perserkönige hatten den Vorteil der Kräfteüberlegenheit auf dem Meer wie auf dem Land und dazu den Vorteil, ungehindert auf den äußeren Linien zu operieren und damit das Gesetz des Handelns den Griechen aufzwingen zu können. Die allen Belangen unterlegenen Hellenen hatten daneben noch ein besonderes Problem zu lösen. Es galt, die griechische Freiheit durch Bündnisarmeen zu sichern, deren Stadtstaaten oft in unterschiedlichen Interessenkonflikten zerstritten waren. Der Gegensatz zwischen Athen und Sparta, zwischen Sparta und Theben sowie Athen und Makedonien zieht sich bis zu Alexander dem Großen hin, der die Verschmelzung des Okzidents mit dem Orient anstrebte.
Die politische Freiheit der Griechen hatte geistige Freiheit und Kreativität zur Bedingung. Dafür steht GHU3HULNOHV]XJHVFKULHEHQH6DW]Ä'HQQDXFKGLes ist unsere Art, dort am freiesten zu wagen, wo wir am besten durchdacht haben 11 ³:DVKLHUVLFKWEDUZLUGLVWGLHDXFKKHXWHZLUNHQGH.RPSOHPHQWDULWlW von lebendigem Geist als Gestalter und Umgestalter.
Als der Großkönig Dareios die blühenden Städte Ioniens an der Gegenküste Griechenlands niedergeworfen hatte, landete sein Feldherr Datis an der attischen Küste. Athen hatte angesichts der drohenden Gefahr und der Überlegenheit der Perser sein Schicksal Militades, dem Sohn des von dem Tyrannen Hippias ermordeten, dreifachen Olympiasiegers Kimon anvertraut. Zunächst traf Militades eine überraschende Entscheidung: Trotz der persischen Überlegenheit verließ er die schützenden Mauern der Stadt, um die Entscheidung in offener Feldschlacht zu suchen. Wir kennen nicht seine
7 Vgl. Hitlers Briefe und Notizen. Sein Weltbild in handschriftlichen Dokumenten, hrsg. von Werner Maser, Nachdr. der 2. Ausg. 1973, Düsseldorf 1988, Anm. 148
8 Petter (wie Anm. 6), S. 251
9 zit. ebd.
10 Günther Roth, Der Feldzugplan «Fall Gelb» für die deutsche Offensive im Westen 1940, in: Operatives Denken bei Clausewitz, Moltke, Schlieffen und Manstein, hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Freiburg 1989 (= Operatives Denken und Handeln in deutschen Streitkräften, 1), S. 43-59
11 Vgl. Thukydides, 1, 140-142, 65, 6
Überlegungen im Einzelnen, doch bezog Militades die Unterstützung Spartas und anderer Stadtstaaten in seinen Plan ein, um eine rasche Entscheidung herbeizuführen. Herodot, der älteste griechische Geschichtsschreiber, der in der Schlacht selbst mitkämpfte, hat in seinem Werk » Perserkriege« die Schlacht geschildert
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. Als Militades das persische Heer in der Ebene vor Marathon (490 v. Chr.) sichtete, machte er halt und wartete. Doch die Spartaner kamen nicht. So verging die Nacht und der nächste Tag. Dann griff Datis plötzlich an. Hatten ihm seine Kundschafter das Herannahen des Spartanerkönigs Kleomenes gemeldet und wollte er eine Entscheidung vor der Vereinigung beider Heere herbeigeführt haben? Herodot berichtet, wie Militades im Angesicht des persischen Angriffs seine Schwert- und Lanzenträger emporriß und sie gegen die persische Phalanx und Reiterei im Sturmlauf anrennen ließ. Sein Zentrum scheiterte an der persischen Reiterei, doch die Flügel drangen vor, warfen die Perser zurück. Als sie zur Mitte schwenkten und den Kern der Perser in die Zange nahmen, war die Schlacht entschieden. Eine der ersten überlieferten Umfassungsschlachten war nach dem Prinzip geschlagen, das eigene Zentrum eindrücken zu lassen, um mit den von vornherein verstärkten Flügeln vorzudringen und sodann das Zentrum zu umklammern und einzuschließen. Diese operative Idee wurde zum Modell und Mythos zugleich.
Der Sieg Athens bei Marathon hatte die griechische Freiheit für zehn Jahre gesichert. Der neue Großkönig Xerxes wollte 480 v. Chr. mit einem noch größeren Heer das nachholen, was Dareios nicht gelungen war. Wieder setzte Athen seine ganzen Hoffnungen auf einen einzigen Mann, diesmal auf Themistokles 13 . Es hätte nahegelegen, den erfolgreichen Plan des Militades zu kopieren und ihn mit Unterstützung durch die Spartaner rechtzeitig durchzuführen. Doch der eben zum Ersten Strategen Gewählte schlug einen derart radikalen Plan vor, dass er in Athen und noch stärker in Sparta auf Skepsis und Ablehnung stieß. Themistokles sah eine Siegeschance nur zu See, was die vollständige Umrüstung Athens von einer Land- zu einer Seemacht bedeutete.
Zwischen Themistokles und dem Spartanerkönig Eurybiades gab es in der Folgezeit heftige Konflikte um die richtige Strategie. Die Künstler der offenen Feldschlacht, die Spartaner, waren der Überzeugung, dass die Entscheidung am Isthmos von Korinth oder am Engpass des Thermopylen ± dort verlief die einzige Verbindungsstraße zwischen Nord- und Mittelgriechenland ± fallen werde. Plötzlich jedoch stimmten die Spartaner dem Plan von Themistokles zu. Natürlich sahen auch die beiden Spartanerkönige Eurybiades und Leonidas, dass die Perser überall landen und die Thermopylen umgehen konnten. Mit der Zustimmung zur Entscheidung auf See aber gaben sie zunächst ihre ganze militärische Tradition und ihre Gewissheit auf, das Schwert Griechenlands, der Prostates, und der Garant der griechischen Freiheit zu sein.
Als Xerxes an den Thermopylen angekommen war und die Umsegelung des Passes durch seine Flotte abgewartet hatte, gab er das Zeichen zum Sturm. Die Perser rannten 48 Stunden ohne Erfolg gegen die Spartaner und deren Hilfsvölker an. Der Versuch , Euböa zu umschiffen, um Leonidas im Rücken anzugreifen, war durch einen Sturm gescheitert. Da kam Xerxes ein Verräter zu Hilfe, der die persische Leibgarde über das Ötagebirge auf einem geheimen Pfad in den Rücken der Spartaner führte. Als Leonidas die tödliche Gefahr erkannte, musste Themistokles unter allen Umständen verständigt werden, um an dem Engpass der Thermopylen in Richtung auf Salamis und Athen noch hindurch zukommen. Auf der letzten der hundert Trieren stand Themistokles und schaute zu den Thermopylen hinüber. Dort hatte Leonidas seinen Kriegern, bevor die Perser die Straße abgeschnitten hatten, den Rückzug befohlen. Er und dreihundert seiner Spartaner sowie einige thebanische Freiwillige wollten bleiben. Als die Rückführung geglückt war, sah Leonidas zu seiner Überraschung, dass 700 Thespier zurückgeblieben waren. Sie baten ihn, mit ihm sterben zu dürfen. Der Kampf der Spartiaten, Thebaner und Thespier war unter strategischen und operativen Gesichtspunkten sinnlos geworden. Herodot, der auch diese Schlacht schildert, gibt keinen Hinweise auf die Motive, freiwillig in hoffnungsloser Lage den Kampf bis zum bitteren Ende zu führen. Die Worte von schrecklicher Lapidarität, die auf dem steinernen Löwen stehen, die die ganze Welt kennt und die bis heute zu Herzen gehen, lauten: «Wanderer, kommst Du nach Sparta, verkünde dorten, Du habest uns hier
12 Herodot, Historien, Bd 2, Buch 4, hrsg. von Josef Feix, München 1965, S. 833-857
13 siehe hierzu Hermann Bengston, Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis in die römische Kaiserzeit, 4. durchges. und erg. Aufl., München 1969 (= Handbuch der Altertumswissenschaft, Abteilung 3, Teil 4), S. 166-177; ferner Manfred Beike, Kriegsflotten und Seekriege der Antike, Berlin (Ost) 1987 (= Kleine Militärgeschichte. Kriege), S. 59ff
Arbeit zitieren:
Harry Horstmann, 2008, Über die Kriegskunst, München, GRIN Verlag GmbH
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