Verwandtschaft und Großelternschaft - 2 -
Verwandtschaft und Großelternschaft. 4
1. Evolutionäre Perspektive. 4
1.1 Darwins irrtümliche Annahmen über altruistisches Verhalten. 4
1.2 Ansichten der modernen Soziobiologie. 6
1.2.1 Ziele der Soziobiologie. 6
1.2.2 Das Prinzip der Verwandtenselektion. 6
1.2.3 Folge des Prinzips der Verwandtenselektion: direkte und indirekte Fitness. 8
1.2.4 Problem: Wer hilft wem bei Promiskuität? 8
1.2.5 Problem: Vernachlässigung von Stiefkindern. 9
1.2.6 Beispiel für die Zweckrationalität der Verwandtschaft:
Darwinistische Algorithmen. 10
1.3 Fazit und Reflexion. 11
2. Großelternschaft 12
2. 1 Historischer und sozio-demografischer Hintergrund. 12
2.2 Die Großeltern-Enkelkind-Beziehung 13
2.2.1 Intergenerationale Kontakte 13
2.2.2 Funktionen der Großeltern 14
2.2.3 Großeltern-Enkel-Beziehungsstile 18
2.2.4 Kulturelle Besonderheiten. 19
2.3 Förderliche Rahmenbedingungen für die Großeltern-Enkelkind-Beziehung. 19
2.3.1 Eltern als Vermittler 19
2.3.2 Erreichbarkeit der Großeltern 20
Verwandtschaft und Großelternschaft - 3 -
2.3.3 Körperliche und geistige Fitness der Großeltern. 20
2.3.4 Entwicklungsphase der Enkelkinder 20
2.3.5 Geschlecht 21
2.4 Der großelterliche Einfluss auf die Entwicklung des Kindes. 22
2.5 Auswirkungen der Betreuungstätigkeit auf die Großeltern 23
2.6 Urgroßeltern-Enkelkind-Beziehung 23
2.7 Fazit 24
3. Geschwisterbeziehungen 25
3.1 Forschungsstand 25
3.2 Kulturelle Variabilität und übergreifende Merkmale von
Geschwisterbeziehungen 25
3.3 Prosoziale Entwicklungsaufgaben für Geschwister. 27
3.4 Nähe in Geschwisterbeziehungen. 28
3.4.1 Messung von Nähe und Intimität 28
3.4.2 Variablen, die Nähe beeinflussen. 28
3.4.3 Nähe und Intimität im Lebenslauf. 29
3.5 Rivalität in Geschwisterbeziehungen 31
3.5.1 Variablen, die Rivalität in Beziehungen bedingen. 31
3.5.2 Rivalität im Lebenslauf 31
3.6 Fazit 32
Literatur 33
Verwandtschaft und Großelternschaft - 4 - Verwandtschaftund Großelternschaft
Die vorliegende schriftliche Ausarbeitung zu dem Referat Verwandtschaft und Großelternschaft beschäftigt sich zunächst mit der Evolutionsbiologie beziehungsweise Soziobiologie als Beispiel einer theoretischen Annäherung an das Thema Verwandtschaft und im Anschluss mit Forschungsergebnissen zur Großelternschaft sowie zur Gestaltung von Geschwisterbeziehungen. Demnach liegt der Ausarbeitung eine Gliederung zugrunde, die sich vom Allgemeinen zum Besonderen entwickelt in dem Sinne, dass Großeltern und Geschwisterbeziehungen als Subsysteme von Verwandtschaft betrachtet werden. Die einzelnen Kapitel der Ausarbeitung sind nach bestimmten inhaltlichen Aspekten beziehungsweise Fragestellungen gegliedert, um die breite Vielfalt an
Forschungsergebnissen entsprechend zu reduzieren: Zentrale Fragen sind zum Beispiel, wie sich Beziehungen zwischen Großeltern und Enkeln beziehungsweise zwischen Geschwistern über den Lebenslauf hinweg entwickeln, welche Funktion diese haben (zum Beispiel im Hinblick auf bestimmte Entwicklungsaufgaben) und eine Darstellung der jeweils in der Forschung ins Zentrum gerückten Aspekte, zum Beispiel Nähe und Rivalität in Geschwisterbeziehungen. Ferner wird eine Unterscheidung zwischen bestimmten „Arten“ von Großeltern vorgenommen.
Die Ausarbeitung verfolgt das Ziel, einen Überblick über die wichtigsten Forschungsfragen zu geben sowie eine beispielhafte Vertiefung einer theoretischen Perspektive, nämlich der der Soziobiologie. Die Soziobiologie beschäftigt sich zum Beispiel mit der Frage, wie altruistisches Verhalten zwischen Verwandten entsteht und welchem evolutionären Zweck dieses Verhalten dient.
1. Evolutionäre Perspektive 1.1 Darwins irrtümliche Annahmen über altruistisches Verhalten
Eine zentrale Frage, die sich Evolutionsbiologen immer wieder gestellt haben, ist die nach Sinn und Zweck altruistischen Verhaltens (Paul & Voland, 1998). Darwin verstand damals noch nicht, warum Evolution nicht konsequent gegen Altruismus vorgeht: nach seiner Theorie ist der Konkurrenzkampf „erbarmungslos amoralisch“ (Paul & Voland, 1998, S. 36), das heißt ausschließlich Durchsetzungsfähige werden innerhalb des Selektionsprozesses bevorzugt. in dem Sinne, dass primär der Reproduktionserfolg des Individuums ins Zentrum
Verwandtschaft und Großelternschaft - 5 -der Aufmerksamkeit rückt, Aspekte von Verwandtschaft hingegen wurden von Darwin nicht berücksichtigt.
Es gibt viele Beispiele für altruistisches Verhalten im Tierreich. Nach Paul und Voland (1998) sind zum Beispiel Warnrufe sehr riskant und sie lenken die Aufmerksamkeit des Raubtiers auf den Rufer Ein weiteres, von Paul und Voland (1998) dargestelltes Beispiel für altruistisches Verhalten ist gemeinsame Jungenfürsorge zum Beispiel unter Vögeln, seltener auch unter Säugetieren. Es beschäftigen sich auch andere Mitglieder der Lebensgemeinschaft mit dem Fortpflanzungsgeschäft, übernehmen Babysitterfunktionen, besorgen Nahrung usw.
Paul und Voland (1998) nennen das Beispiel der gemeinen Vampire (Desmodus rotundus), die in Gruppen von 8-12 erwachsenen Weibchen und ihrem abhängigen Nachwuchs leben - nachts saugen sie an Rindern und Pferden Blut, aber 1/3 der Jüngeren und 7 % der erfahrenen Vampire treten mit leerem Magen zurück und würden verhungern, wenn sie nicht von anderen Artgenossen versorgt würden. Als weitere Beispiele sei die Bildung von Koalitionen und Allianzen erwähnt.
Die Evolutionsbiologie war lange im „Paradigma der Arterhaltung gefangen“ (Paul & Voland, 1998, S. 37), welches vielfach einfach unreflektiert hingenommen wurde: Gemeint ist die „Vorstellung von der Arterhaltung als ultima ratio biologischer Anpassungsprozesse“ (Paul & Voland, 1998, S. 37). Altruistisches Verhalten wurde mit dem biologischen Ziel der Erhaltung der eigenen Art erklärt. Eine Position, die diese Auffassung aufgreift, ist zum Beispiel der Sozialdarwinismus, nach dem altruistisches Verhalten der Erhaltung eines Kollektivs wie Rasse, Art, Volk erklärt wird - diese Position wurde im Nationalsozialismus ideologisiert und zur Entwicklung der Eugenik der Nationalsozialisten herangezogen. Daran erkennt man, welche problematischen politischen und sozialen Konsequenzen bestimmte theoretische Auffassungen haben können. Ausführungen zum Sozialdarwinismus und dessen politischer Entwicklung findet man zum Beispiel bei Zmarzlik (1963).
Die Problematik der Auffassung, dass „sozial Durchsetzungsfähige“ grundsätzlich im Selektionsprozess bevorzugt werden und Altruismus der Erhaltung einer Art dient, liegt in der Vernachlässigung genealogischer Verwandtschaft.
Verwandtschaft und Großelternschaft - 6 - 1.2 Ansichten der modernen Soziobiologie
1.2.1 Ziele der Soziobiologie.
Die moderne Soziobiologe fragt nach Paul und Voland (1998) zum einen nach der Zweckrationalität von Verhalten, nach proximaten Ursachen, und nach dem funktionellen Hintergrund von Kausalzusammenhängen, nach ultimaten Gründen. Bei ersteren handelt es sich um den Warum-Aspekt, zum Beispiel die Frage, warum Menschen überhaupt verwandt sind: Dafür können zum Beispiel physiologische Ursachen herangezogen werden, man kann Verwandtschaft unter anderem durch die Teilung der Keimzellen erklären etc. Hier geht es darum, durch welche Mechanismen z. B. Verhalten konkret entsteht. Von ultimaten Gründen des Verhaltens spricht man hingegen, wenn es um den Wozu-Aspekt geht, zum Beispiel die Frage, warum es diesen Zellteilungsmechanismus überhaupt gibt, warum pflanzen sich Menschen nicht völlig anders fort und ähnliche Fragestellungen.
Nach der Soziobiologie verfolgen Menschen als evolvierte biologische Lebewesen reproduktive Interessen und bestimmte Regulationsmechanismen haben sich als
wirkungsvoll dafür bewährt, um diese Interessen zu vermitteln: welche dies sind, ist eine Frage, die den Wozu-Aspekt des Verhaltens berührt .
1.2.2 Das Prinzip der Verwandtenselektion.
Von Darwin wurde nicht beachtet, dass altruistisches Verhalten systematisch erfolgt, und zwar zugunsten von den am nächsten Verwandten. Paul und Voland (1998) nennen das Beispiel der Pilgerväter im Jahr 1620, die mit der Mayflower den Atlantik überquerten. Von 103 Passagieren überleben nur 50 das erste Jahr, andere starben an Mangelernährung und Klimawechsel, an Tuberkulose, Lungenentzündungen usw.
Nach Paul und Voland (1998) belegen empirische Studien, dass die Verteilung der Solidarität in der Gemeinschaft zugunsten von Verwandten erfolgt, sprich, von 15 Kindern, um deren Wohlergehen sich ein Elternteil kümmerte, starb keines, während von 16 Waisenkindern acht starben. Daran ist zu erkennen, dass die am nächsten Verwandten, nämlich die eigenen Kinder, in Bezug auf Hilfeleistungen bevorzugt wurden. Für diese „Vetternwirtschaft“ (Nepotismus) gibt es zahlreiche empirische Belege. Paul und Voland (1998) nennen zum Beispiel Untersuchungen mit gemeinen Vampiren.
Verwandtschaft und Großelternschaft - 7 -Das Prinzip der Verwandtenselektion wurde theoretisch ausformuliert, und zwar in der Hamilton-Ungleichung aus dem Jahr 1964, die Paul und Voland (1998) wie folgt zusammenfassen: [Die genetische Basis eines Verhaltensmerkmals breitet sich in einer Population aus,]
… wenn die Kosten (K) dieses Verhaltens geringer sind als der Nutzen (N) dieses Verhaltens für den Vorteilsnehmer und K kleiner r mal N, sprich wenn die Kosten (K) des Verhaltens kleiner als dessen Nutzen (N) sind, und zwar gewichtet mit dem Verwandtschaftsquotienten … (S. 38)
Der Verwandtschaftsquotient bezeichnet den Anteil der durch „gemeinsame Abstammung identischen Gene (Allele) zweier Individuen“ (Paul & Voland, 1998, S. 38). Er kann Werte zwischen 1 (eineiige Zwillinge) und 0 (nicht verwandt) annehmen und nimmt mit jeder Generation um die Hälfte ab, zum Beispiel beträgt er bei Eltern und Kindern 0.5, bei Großeltern und Enkeln 0.25, bei Urgroßeltern und Urenkel 0.125. Die Hamilton-Ungleichung drückt entsprechend aus, dass altruistisches Verhalten allein nach einem pragmatischen Kalkül erfolgt und nicht zum Beispiel aufgrund von Empathie mit anderen. Ein Beispiel für dieses Kalkül wäre, dass es sich nach der Hamilton-Ungleichung „lohnt“, mehr als zwei Geschwistern mit einem Verwandtschaftsgrad von 0,5 zu helfen, bei drei Halbgeschwistern hingegen würde sich das Investment nicht lohnen, denn sie sind nur jeweils um 0.25 verwandt.
Natürlich impliziert die Hamilton-Ungleichung keinen Determinismus und es handelt sich lediglich um eine Wahrscheinlichkeit, die für eine bestimmte Population gilt, dennoch ist das Grundprinzip reiner genetischer Eigennutz und Selbstlosigkeit im Sinne zum Beispiel von altruistischen Ethikentwürfen (wie zum Beispiel der Mitleidsethik von Schopenhauer) gibt es nach diesem Prinzip gar nicht.
Ferner ist einzuräumen, dass eng miteinander Verwandte gegenüber einander nicht völlig selbstlos sind. Paul und Voland (1998) räumen ein, dass die Ungleichung nur unter Voraussetzung der sozialen Reziprozitätsnorm gilt, sprich, es gibt Verwandtenbeziehungen, in denen gar keine Hilfeleistungen gezeigt werden und welche, in denen die Hilfe besonders unausgeglichen ist. Insgesamt ist aber davon auszugehen, dass Beziehungen, in denen die Hilfe reziprok ist, am stabilsten sind.
Arbeit zitieren:
Sören Lüdeke, 2009, Verwandtschaft und Großelternschaft - Familienpsychologie, München, GRIN Verlag GmbH
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