Universität Bern: Institut für Sozialanthropologie
Essai zur Vorlesung „Anthropologie der Arbeit“, SS 2007
2. Reduktion der Arbeitszeit
Zu Beginn der industriellen Revolution war eine Wochenarbeitszeit von 70 Stunden die Regel. Seither sinkt die Arbeitszeit kontinuierlich. Rifkin hält es für möglich, dass im Jahre 2050 nur noch 5% der Bevölkerung nötig sein werden, um die Industrie am Laufen halten. 2 Er glaubt daher, dass sich die Wochenarbeitszeit auch weiterhin reduzieren wird. Er schlägt eine Reduktion der Wochenarbeitszeit ohne Lohnsenkung vor. Frankreich war das erste Land, das im Jahre 2000 diese Regelung einführte. Die Wochenarbeitszeit wurde auf 35 Stunden reduziert. Gleichzeitig erhielten die Angestellten weiterhin Lohn für 39 Stunden. Die Regierung subventionierte durch eine Senkung der Sozialversicherungsbeiträge für Unternehmen diese höheren Lohnkosten. Durch höhere Tabak- und Alkoholsteuern konnten sie ein ausgeglichenes Budget wahren. Laut Rifkin wurden dabei 285'000 neue Stellen geschaffen und die Arbeitslosigkeit sank auf den tiefsten Stand seit fast 20 Jahren 3 . Die Zufriedenheit der Beschäftigten ist gestiegen. Die Leute haben mehr Zeit, sich um ihre Familien zu kümmern, auswärts essen oder einkaufen gehen. Es wird mehr Geld ausgegeben. Gemäss Rifkin (2004) hat Frankreich die höchste Produktivität aller Industrienationen. Die Menschen haben auch mehr Zeit, Freiwilligenarbeit zu leisten.
3. Sozialwährung
Neben den privaten profitorientierten Unternehmen und den staatlichen Unternehmen gibt es noch den sogenannten non-profit Sektor, der auch als dritter Sektor bezeichnet wird. Nicht der Gewinn steht im Mittelpunkt, sondern das Erreichen eines bestimmten sozialen Zweckes. Zum non-profit Sektor zählen Organisationen wir Greenpeace, Attac oder Amnesty International. Viele ihrer Mitarbeiter arbeiten freiwillig und unentlöhnt. Der non-profit Sektor schafft Sozialkapital. Das Sozialkapital kann aber nicht ausgetauscht werden. Im Gegensatz dazu ermöglicht das Medium Geld einen Austausch des Marktkapitals. Laut Rifkin „ermöglicht es den Menschen, sich in Raum und Zeit weit zu verteilen und ihre menschliche Zeit und Arbeitskraft auszutauschen, ohne intime Bindungen miteinander eingehen zu müssen“ 4 . Eine Sozialwährung würde diesen Austausch auch beim Sozialkapital ermöglichen. Für freiwillige Arbeit bei non-profit Organisationen erhält man Punkte gutgeschrieben, die man gegen Nahrung, Kleidung und Teilnahme an Weiterbildungsprogrammen austauschen
2 Rifkin, Arbeit, S. 25
3 Rifkin, Arbeit, S. 33
4 Rifkin, Arbeit, S. 45
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kann. Eine Sozialwährung würde auch Erwerbslosen ermöglichen, sich für das Wohl ihrer Mitmenschen einzusetzen.
4. Bedingungsloses Grundeinkommen
In die gleiche Richtung zielt das bedingungslose Grundeinkommen. Die Idee wurde erstmals Ende des 19. Jahrhunderts von Paul Lafargue und Josef Popper-Lynkeus aufgegriffen. Der Grundgedanke ist jedoch wesentlich älter und schon in Thomas Morus’ Utopia zu finden. Das bedingungslose Grundeinkommen sieht vor, dass jeder Mensch, von Geburt an bis zu seinem Tod, ein Einkommen erhält, unabhängig von seinem regulären Einkommen und sozialen Status. Dieses Grundeinkommen soll ausreichen für ein menschenwürdiges Leben, Schätzungen sprechen von ungefähr 3000-4000 Franken pro Person/Monat. Im Gegenzug sollen Sozialwerke wie AHV und IV abgeschafft werden. Die Löhne würden massiv sinken, was das Entstehen neuer innovativer Unternehmen begünstigt. Befürworter erhoffen sich vom bedingungslosen Grundeinkommen die Erfüllung des jahrhundertealten Versprechen der Beendigung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Jeder Mensch erhielte endlich die Möglichkeit der Selbstverwirklichung. Man könnte zum Beispiel ein Studium absolvieren, ohne sich Sorgen um den materiellen Nutzen des Studiums zu machen. Unternehmen könnten mit umweltfreundlichen Technologien forschen, ohne dass der Profitgedanke im Zentrum stünde. Tausende würden sich für soziale Anliegen engagieren. Die Befürworter des Grundeinkommens weisen Befürchtungen, dass die Menschen nicht mehr arbeiten würden, von sich. Bereits heute werden unzählige Stunden Freiwilligenarbeit geleistet. Das bedingungslose Grundeinkommen wird allerdings von vielen Seiten heftig kritisiert. Ökonomen glauben, dass es nicht finanzierbar wäre. Wenn jeder Einwohner der Schweiz 3000 Franken erhalten würde, wären das 21 Milliarden Franken monatlich, 252 Milliarden im Jahr. Selbst wenn man massive Einsparungen im Sozialwesen mit einbezieht, bliebe dass Modell nicht finanzierbar. Bürgerliche Befürworter gehen deshalb von wesentlich kleineren Beträgen aus. Es bleibt die Frage, wozu ein nicht-existenzsicherndes Grundeinkommen dienen würde. Von linker Seite kommt die Kritik, dass alle Menschen, auch Personen mit Millionenlöhnen, vom bedingungslosen Grundeinkommen profitieren würden.
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Die wachsende Zahl der Arbeitslosen und Unterbeschäftigten wird dagegen unweigerlich und auf die Dauer in die Unterschicht abrutschen. [...] Drogenhandel und Prostitution werden weiter zunehmen, wenn Millionen arbeitsfähiger Menschen von einer Gesellschaft, die ihrer Arbeitskraft nicht mehr bedarf, auf die Seite geschoben werden und sich ihren Unterhalt auf anderen Wegen sichern müssen. Ihre Hilferufe werden ungehört verhallen. Der Staat wird seine wenigen Mittel nicht für die Wohlfahrt und für Arbeitsbeschaffungsprogramme, sondern für die Aufrüstung der Polizei und für neue Gefängnisse ausgeben. 6
Vielerorts wurde dieser Weg bereits eingeschlagen. In den Vereinigten Staaten waren im Jahr 2000 fast 2 Millionen Menschen inhaftiert. 1.8% der erwachsenen, arbeitsfähigen Männer saßen in einem Gefängnis. 7 In einigen Staaten übersteigen die Ausgaben des Strafvollzugs bereits die Bildungsausgaben. Der Publizist Nathan Gardels beruft sich im folgenden Zitat auf den Militärhistoriker Martin Van Creveld, welcher eine apokalyptisch anmutende Zukunft prophezeit:
Plündernde Banden von Gesetzlosen, manche mit vagen politischen Zielen, würden durch das globale Dorf ziehen, Autos zerstören, Leute entführen und Massaker anrichten (Van Creveld 1991). In einer solchen Welt wären stehende Armeen und nationale Polizeikräfte nicht mehr in der Lage, das Chaos zu beenden oder wenigstens zu begrenzen, und so bliebe es privaten Sicherheitskräften überlassen, sichere Zonen für die Eliteschichten des globalen Hightech-Dorfes zu schaffen. 8
Diese Zukunft könnte schon bald Wirklichkeit werden. Da abzusehen ist, dass der technologische Fortschritt mehr Arbeitsplätze zerstört als generiert, müssen alternative Beschäftigungsformen für die Millionen Arbeitslosen gefunden werden. Bereits heute werden tausende Stunden Freiwilligenarbeit geleistet, in Organisationen wie Sportvereinen, Theater, sozialen Organisationen oder Umweltverbänden. Diese Arbeit sollte entlöhnt werden. Mit der Einführung einer Sozialwährung, eines bedingungslosen Grundeinkommens oder einer negativen Einkommenssteuer könnten auch Menschen ohne Erwerbseinkommen einen sinnvollen Beitrag zum Erhalt unserer Gesellschaft leisten.
6 Rifkin, Arbeit, S. 192
7 Rifkin, Arbeit, S. 11
8 Gardels, Nathan, Washington Post 11.4.1993:C4 in: Rifkin, Arbeit, S. 176
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Literatur
Rifkin, Jeremy, Das Ende der Arbeit, aktualisierte Neuausgabe, Frankfurt 2005 - Unruh,Ludwig, Nichts ist unmöglich? Die neuen Arbeitsverhältnisse zwischen - Toyotismusund Prekarisierung, Direkte Aktion Nr. 131, Januar/Februar 1999, http://www.arbeitsalltag.de/Texte/Nichts_ist_unmoeglich.htm#4
Internet
www.initiative-grundeinkommen.ch - http://www.travailsuisse.ch/uploads/media/abruf.pdf - Handouts
Handout vom 16.5.2007. Taylorismus, Fordismus und Post-Fordismus -
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Arbeit zitieren:
Gregory Brown, 2007, Perspektiven zur zukünftigen Entwicklung der Arbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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