Inhalt:
1. Einstieg 3
2. Wer ist Max Goldt? 3
3.3. Funktionen und Absichten 12
4. Rezeption und Kritik 14
5. Schluß 18
Literaturverzeichnis 19
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1. Einstieg
Max Goldt – „das soziale Gewissen der Nation“! 1 . Wenn man den Reaktionen der Leser, der Schriftstellerkollegen und des Literaturbetriebs glauben darf, wird er von den akzeptiert, ja sogar geliebt. 2 Die taz schrieb sogar: „Sind Max Goldts Texte etwa demnächst schulbuchtauglich?“ 3 In dieser Arbeit werden der Kolumnist Max Goldt, seine Kolumnen und die Rezeption vorgestellt. Hauptgegenstand meiner Untersuchung sind seine Titanic-Kolumnen aus den Jahren 1989 bis 1998.
Im zweiten Kapitel werde ich die Person Max Goldt kurz vorstellen. Kapitel 3.1. gibt einen Überblick über die Merkmale und Stilelemente seiner Texte, in 3.2. behandele ich die Stellung des Autors und den Gestus des Kolumnisten-Ich. Der Abschnitt 3.3. befaßt sich mit den Absichten Goldts und den Funktionen der Kolumnen. In diesem Teil können wegen der gebotenen Kürze nicht alle wichtigen Aspekte angesprochen werden. In Kapitel 4 werden chronologisch Auszüge aus ausgesuchten Rezensionen und Kritiken u.a. aus Der Spiegel, taz und Die Zeit angeführt, mit einem besonderen Augenmerk auf die Artikel und Aufsätze, die dem Autor einerseits Risikoscheue, andererseits zu harte Urteile vorwerfen.
Ich verzichte auf eine literaturwissenschaftliche oder -geschichtliche Definition der Begriffe Feuilleton, Kleine Form und Kolumne, weil das den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Im Vordergrund stehen der Kolumnist Max Goldt, seine Kolumnen und die Rezeption.
2. Wer ist Max Goldt?
Max Goldt gehört zu der Autorengeneration, die nach dem 2. Weltkrieg und nach dem Wirtschaftswunder aufgewachsen sind. Von einem Berliner Lokalautor in den 1980er Jahren, mit Texten in der Szenezeitschrift Ich und mein Staubsauger und im Kleinstverlag a-verbal herausgegebenen Büchern, wird er vom Literaturbetrieb seit 1990 zum Kultautor, Helden der
1 Max Goldt: Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau. Aus Onkel Max´ Kulturtagebuch. Zürich (Haffmans) 1991, S. 53 (zitiert als Goldt: Quitten). Der von Goldt in einer Gaststätte beobachtete Dialog zweier Tischnachbarn ist zwar erstunken und erlogen, wie er selber zugibt, aber spiegelt nichtsdestoweniger die Meinung vieler wieder.
2 Vgl. Erhard Schütz: Tucholskys Erben oder Wiener Wiederkehr? Versuch einer Terrainerkundung zur Literatur von Leben & Stil: Biller, Droste, Goldt und andere. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik. 27.Jahrgang/Heft1. Bern, Berlin, Frankfurt/Main, New York, Paris, Wien 1995, S.116.
3 Dirk Knipphals: Demnächst schulbuchtauglich? Kammerspiele: Wer ist Max Goldt? In: taz-Hamburg (1996), 22.Januar, S.23.
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Subkultur 4 oder Szeneschriftsteller emporkritisiert und findet Eingang in den Feuilletons und Kulturteilen von FAZ, Die Zeit oder Süddeutsche Zeitung.
Seinen Aufstieg haben viele Faktoren begründet. Zum einen natürlich seine Wohn- und Arbeitsstätte (West-)Berlin, die jedem Künstler einen besonderen Ruf vorausschickt. Zum zweiten ist er vielen als Sänger und Texter für die Gruppe Foyer des Arts seit Anfang der 1980er bekannt. Desweiteren ist Goldt, schon lange bevor seine Werke in Buchform oder in Zeitschriften erschienen sind, ein hervorragender, von fast jedem Publikum geschätzter Rezitator. Wie bei Altenberg oder Scheerbart kommen Goldtsche Texte von der gesprochenen Sprache her. Mitte der Achtziger wird er dann von Robert Gernhardt entdeckt, der ihn schließlich zur Titanic-Das endgültige Satiremagazin 5 und zum Haffmans Verlag bringt. Als Verfasser von „Onkel Max Kulturtagebuch“ findet er seit 1989 immer größere Beachtung. Sein erstes kommerzielles Buch „Die Radiotrinkerin“ wird ein enormer Erfolg.
Max Goldt bewegt sich also auf vielen künstlerischen Ebenen. Schriftstellerisch hat er schon jetzt mit fast 42 Jahren eine beachtliche und sehr vielseitige Produktion von Texten vorzuweisen: Liedtexte, Gedichte, Aufsätze, Prosadichtungen, Szenen, Dialoge, Monologe (die letzen drei nennt Goldt „Dramatische Miniaturen“) und Kolumnen. Nur ein Roman fehlt noch: „Ich hab zwar mal angekündigt, daß ich mit vierzig meinen ersten Roman schreibe“, sagte er schon 1991, „aber ich will erst mal die kleine Form perfekt hinkriegen.“ 6 1993 erscheint der erste Sammelband seiner Titanic-Kolumnen „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“. Bis heute hat Goldt drei weitere Kolumnen-Sammelbände und einen Best-Of-Band im Haffmans Verlag veröffentlicht. 7 In welche literarische Schublade soll man seine Kolumnen nun stecken. Er selbst nennt seine Kolumnen „humoristische Prosadichtungen“ oder einfach nur Aufsätze. 8 Sie seien kein eigenes Genre, „eher eine
4 vgl. Christian Seiler: Spott ohne Rückendeckung. Im Grenzbereich zwischen Pop und Literatur: Der Humorist Max Goldt. In: Die Weltwoche Nr.21 (1991), 23.Mai, S.67. oder Handelsblatt (Autor unbekannt): Zwischen Provokation und Spießertum. Die Textsammlungen von Max Goldt. In: ebd. (1995), 18.Mai, S.41.
5 Erste Kolumne in der Titanic im Februar 1989.
6 Zitiert nach Wolfgang Höbel: Der Humorist Max Goldt. In: Süddeutsche Zeitung (1991), 15./16. Oktober, S.46 7 Max Goldt: Die Kugeln in unseren Köpfen. Kolumnen. Zürich (Haffmans) 1995 (Zitiert als Goldt: Kugeln); Ä. Zürich (Haffmans) 1997 (zitiert als Goldt: Ä); ‚Mind-Boggling‘ - Evening Post. Kolumnen Nr.96-108. Zürich (Haffmans) 1998 (zitiert als Goldt: Mind-boggling); Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine. Beste Kolumnen. Zürich (Haffmans) 1999 (zitiert als Goldt: Okay Mutter).
8 Vgl. Angelika Maisch: Ich fühlte mich wie auf ausgefallene Weise geküßt. Exklusiv-Interview mit Max Goldt. In: www.snafu.de/~whizkid/goldt/, 13. März 2000. Den Versuch einer Einordnung unternimmt Ulf Moldenhauer in seiner Magisterarbeit „Wiederkehr des Feuilletons? Kolumnen als aktuelle literarische
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publizistische Darreichungsform“. 9 Goldt will nicht als Satiriker oder skurriler, bissiger Alltagsbeobachter gelten, 10 mit dem Adjektiv komisch könne er leben. 11 „Ich bin kein Satiriker“, beteuert er, „aber man kann sehr traurige Texte schreiben, und wenn nur eine Pointe drin ist, sagen die Leute gleich: so was von witzig!“ 12
3. Der Kolumnist und seine Kolumnen
Über was und wie schreibt nun Max Goldt? Welche Position nimmt der Autor in den Kolumnen ein, mit welchem Gestus kommentiert und beschreibt das Kolumnisten-Ich? Und was beabsichtigt Goldt mit seinen Texten?
Die erste Frage ist leicht zu beantworten. Er schreibt über alles, was der Alltag und der Zeitgeist hergibt. Über die Befindlichkeiten seiner Generation. Über scheinbar Banales, Unbedeutendes und Nebensächliches aus der Freizeit-, Konsum-, Musik- und Medien-kultur. Seine S prache und sein Schreibstil sind daran angelehnt: temporeich, schlagfertig, wechselhaft. „Es gibt Texte, in denen bombastische Übertreibungen, nützliche Informationen, zartes, lyrisches Sehnen, kesse Leseransprache, nüchterne Gesellschaftskritik, privates, verlorenes Murmeln und trotziges Poltern friedensreich koexistieren.“ 13 Es sind „Epitexte der Popkultur“ „aus dem Hedonismus der achtziger Jahre“ heraus. 14 Und so darf es nicht verwundern, daß sie sich selten mit politischen oder schwierigen Sachverhalten auseinandersetzen.
Um die Frage nach dem Wie seines Schreibens zu beantworten, stelle ich kurz immer wiederkehrende Merkmale bzw. Stilelemente in seinen Kolumnen vor.
Kurzform am Beispiel von Max Goldt.“ (Berlin 1995). „Die in der Satirezeitschrift Titanic veröffentlichten Kolumnen zeichnen sich dadurch aus, daß sie in Form, Struktur, Stilistik und Thematik grundlegend von üblichen Kolumnen abweichen und im gegenwärtigen deutschsprachigen Feuilleton eine Sonderstellung einnehmen.“ S.2.
9 Goldt: Mind-boggling, Nachwort S.149ff. Obwohl er im November 1999 im oben zitierten Interview sagt, das Thema Satire interessiere ihn überhaupt nicht, setzt er sich im Nachwort von Mind-boggling sehr ausführlich damit auseinander. Außerdem behandelt er in diesem Aufsatz seine Rezeption und erläutert den Begriff Kolumne.
10 Ebd. S.150ff. Vgl. Kugeln, Vorwort S.8.
11 vgl. Andreas Lammers: Max Goldt. Manchmal ungeduscht, häufig geduzt, aber nur noch selten ausgebuht. In: coolibri (2/1992), S. 34.
12 Höbel (1991) S.46. Damit läßt sich wohl seine Abneigung gegen Schlußpointen erklären. „Ich mag Pointen sehr gerne. Doch mag ich es lieber, wenn es am Schluß etwas auslabbert und langweilig wird.“ zitiert nach Lammers S.34.
13 Goldt: Quitten, Vorwort S.10 14 Schütz S.103.
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3.1. Merkmale und Stilelemente
Seine Vorgehensweise läßt sich in etwa so zusammenfassen: der Dichter 15 Goldt beschreibt und kommentiert die Banalitäten des Alltags oder analysiert tiefgründig das vordergründig Unwichtige. Er greift ein Thema heraus, rückt es erst – im Schein eines genau beobachtenden Reporters – in ein objektives Licht, verquickt es mit anderen Alltags-erscheinungen, um dann das Resultat plötzlich aus seiner subjektiven Sicht heraus ins Absurde zu brechen. Wer kennt sie nicht: Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter, die Marx Brothers unter den Jahreszeiten? Erst Hyazinthen, dann Wespen, dann Haselnüsse, dann Wasserrohrbrüche. 16 Ein Grund für den Erfolg ist sicherlich, daß seine Kolumnen dem Leser kein Vorwissen abverlangen und dieser keinen hochtrabenden philosophischen Exkursen folgen muß. Goldts Stil und Inhalt sind nah am Puls der Zeit.
Die Kolumnen zeichnen sich auf der einen Seite durch Prägnanz und Kürze aus: „Heute nehmen nicht mehr so viele Leute Musik aus dem Radio auf. Es ist rezessives Brauchtum.“ 17 Auf der anderen Seite durch ausladende und konstruiert wirkende Formulierungen: „Ich bevorzuge es, mich von den Söhnen und Töchtern Indiens und Chinas verköstigen zu lassen.“ 18 Der Autor beherrscht die Kunst der Abschweifung, oder wie er zugibt, die Kunst der Themaverfehlung bzw. Themavermeidung. 19 Aus einer Idee, einer Beobachtung spinnt er abenteuerliche, chaotische Konglomerate aus allerlei Themengebieten, die sich auch vollkommen widersprechen können oder nichts miteinander zu tun haben müssen. Chaos ist eine Methode Goldtscher Texte.
Am besten man reist mit einer geschlechtsneutralen elektronischen Gouvernante. Womit wir wohl bei dem Thema sind, was den meisten Lesern neben den hohen Steuern am meisten unter den Nägeln brennen dürfte: Wo bekommt man heute noch gutes Personal? 20
15 Das Wort Dichter ist hier als eine schmunzelnde Umschreibung seines Berufes gemeint. 16 Goldt: Quitten S.225.
17 Goldt: Mind-boggling S.11.
18 Goldt: Quitten S.271.
19 Goldt: Quitten S.142.
20 Goldt: Ä S.141.
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Wolfram Baier, 2000, Max Goldt - Der Kolumnist und seine Kolumnen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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