1. Biografie von Johann Heinrich Pestalozzi
1.1 Kindheit und Jugend in Zürich 1746- 1768
Pestalozzi, starb im Jahre 1751, als Johann Heinrich gerade einmal fünf Jahre alt war. Die Mutter wusste nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollte. Der Vater hatte kein großes Erbe hinterlassen und auch schon zu seinen Lebzeiten hatte die Familie finanzielle Sorgen. Daraufhin zog die Mutter mit ihren drei überlebenden Kindern (vier Kinder starben während den acht Ehejahren des Paares Pestalozzi) zu ihrer Familie nach Richterswil am linken Ufer des Zürichsees. Dort wurde die Familie finanziell unterstützt, dennoch lebten sie in ärmlichen Verhältnissen. Dies und der Verlust der vier verstorbenen Kinder, war womöglich der Grund, weshalb Pestalozzi von seiner Mutter und ihrer Magd überbehütet aufgezogen wurde. So erlebte er eine eher triste Kindheit, was er in seinem Lebensrückblick in einer Zuschrift an Hans Konrad Escher 1804 folgendermaßen schildert: "Meine Jugendjahre versagten mir alles, wodurch der Mensch die ersten Grundlagen einer bürgerlichen Brauchbarkeit legt. Ich war gehütet wie ein Schaf, das nicht außer dem Stall darf. Ich kam nie zu den Knaben meines Alters auf die Gasse, kannte keines ihrer Spiele, keine ihrer Übungen, keines ihrer
1 Quelle: http://www.heinrich-pestalozzi.info/, 11. März 2010, 13.35 Uhr 2 Zürich, Oberer Hirschengraben, Quelle:http://www.heinrich-pestalozzi.info/, 11.März 2010, 13.40Uhr
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Geheimnisse. Natürlich war ich in ihrer Mitte ungeschickt und ihnen selbst lächerlich. Auch gaben sie mir im neunten oder zehnten Jahr schon den Namen 'Heiri Wunderli von Thorlicken'." 3
Hier wird ersichtlich, wie er im Rückblick über seine Kindheit denkt. Er bedauert, dass er so von seiner Mutter behütet wurde und ist der Meinung, dass er dadurch maßgeblich in seiner Entwicklung beeinträchtigt wurde, da ihm nicht dieselben Möglichkeiten offen standen, wie die anderen Kinder in seiner Umgebung. Dennoch besuchte er alle Schulen, die einem jungen intelligenten Stadtbürger zu dieser Zeit offen standen. Nachdem er seine Schullaufbahn beendet hatte, begann er sein Theologiestudium, da er wie sein Großvater Pfarrer werden wollte. Jedoch entschloss er sich schon gleich nach Beginn des Theologiestudiums, dieses Studium abzubrechen und begann daraufhin sein Jurastudium. Dort traf er zum ersten Mal auf einige Studenten, die sich zur so genannten "Helvetische Gesellschaft zur Gerwe" oder kurz "Patrioten" zusammenschlossen und über die Gedanken der alten und neuen Philosophen 4 diskutierten. Sie lernten die Lebensideale und gesellschaftlichen Entwürfe der Philosophen kennen und verglichen diese mit der tatsächlichen Situation der Gesellschaft in Zürich. Daraus entwickelte Pestalozzi Gedanken über Gleichheit, gerechte Herrschaft, Gewaltenteilung und Beendigung der Ausbeutung der ärmeren Bevölkerung in seiner Heimatstadt. Aus dieser Zeit sind die ersten gedruckten Schriften „Agis“ und „Wünsche“ entstanden. Am meisten faszinierten ihn allerdings die Gedanken von Jean- Jacques Rousseaus. Er war von der Idee des Ideals eines natürlichen, tugendhaften und freien Lebens beeindruckt, welche Rousseau in seinen Schriften "Gesellschaftsvertrag" und "Émile" schilderte. Johann Heinrich entwickelte diese Idee weiter und beschloss daraufhin sein Studium zu beenden und eine Lehre als Bauer zu beginnen. Da er der Meinung war, dass er nur als Bauer in engster Verbindung und im Einklang mit der Natur leben konnte. Zudem hatte er den großen Drang, den Armen und Rechtlosen auf dem Land zu helfen.
So begann er 1767/68 eine landwirtschaftliche Lehre bei Johann Rudolf Tschiffeli 5 in Kirchberg Kanton Bern. Zudem hatte er sich in die wohlhabende und gut situierte Anna Schultheß verliebt. Mit der Lehre wollte er ihr schnellstmöglich finanziell etwas bieten können. Vor allem, weil Anna aus einer wohlhabenden Familie stammte und die Familie nicht mit der Ehe der beiden einverstanden war. Dies konnte das ungleiche Paar jedoch nicht
3 Gesamtausgabe Pestalozzis Werke 29, S. 104
4 Platon, Titus, Livius, Sallust, Cicero, Comenius, Macchiavelli, Leibniz, Montesquieu, Sulzer, Hume, Shaftesbury, Lessing und Rousseau
5 Geboren am 16. Dezember 1716 in Bern; † 15. Januar 1780 in Bern, war ein Schweizer Agronom. Er gehörte zur Helvetischen Gesellschaft und 1759 gründete er mit Gleichgesinnten die heute noch bestehende Ökonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern.
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davon abhalten im Jahre 1796 zu heiraten und kurze Zeit später eine Familie zu gründen. Bereits am 13. August 1770 kam ihr erstes und einziges Kind Jakob „Jaqueli“ 6 zur Welt. Dieser sollte nach den Grundgedanken Rousseaus, die er in Émile verfasst hatte, aufgezogen werden. Allerdings entwickelte sich Jakob nicht so, wie es die Eltern erhofft hatten. Er war wenige begabt und litt an epileptischen Anfällen und Verhaltensauffälligkeiten, wofür sich die Anna die Schuld gab. Jakob starb schon früh im Alter von 31 Jahren.
1.2 Neuhofjahre 1769- 1798 7
große Hoffnungen und Erwartungen. Jedoch traten schon früh Schwierigkeiten auf und zudem traten im Jahre 1771 und 1772 Missernten in ganz Europa auf, die auch vor Pestalozzis Felder keinen Halt machten. Daraufhin wuchs sein ohnehin schon vorhandener Schuldenberg erneut und bereits im Jahre 1774 stand er vor dem finanziellen Ruin. Er begann sein Vieh zu verkaufen und den Grund zu vermieten, dennoch konnte er den Schuldenberg nicht tilgen. Somit bat Anna ihre wohlhabenden Verwandten um Hilfe und diese übernahmen dann die Schulden von Johann Heinrich Pestalozzi. Pestalozzi hatte in seinen Briefen immer wieder geschildert, dass er seine Arbeit als Bauer als eine Tätigkeit zum Wohle des Volkes versteht und "dass der Endzweck seiner Unternehmungen das Glück vieler seiner Nebenmenschen zur Absicht hat" 9 .
Das Scheitern als Landwirt tätig zu sein veranlasste Pestalozzi dazu, den Neuhof zur Armenanstalt umzuwandeln. Bereits ab 1773 nahm er die ersten armen Kinder bei sich auf. Er ernährte sie, kleidete sie neu ein, aber vor allem erzog er sie. Es ging ihm darum, die armen Kinder auf das Leben vorzubereiten, so dass sie ihre Armut aus eigener Kraft bewältigen konnten. Dies wollte er erreichen indem er ihnen beibringen wollte, wie man
6 Die Eltern Pestalozzi tauften ihn zu Ehren Rousseaus auf den Namen Jean Jacques, kurz Jaqueli 7 Der Neuhof, Quelle: http://www.heinrich-pestalozzi.info/, 11. März 2010, 13.43 Uhr
8 Heute eine Erziehungs- und Bildungsanstalt
9 Gesamtausgabe Pestalozzis Briefe 1, S. 241
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arbeitet. Deshalb ließ er sie auf dem Hof arbeiten und landwirtschaftliche Tätigkeiten verrichten. Schon im Jahr 1776 lebten 22 Kinder auf dem Neuhof und im Jahre 1777 waren es bereits 37 Kinder. Trotz oder gerade wegen der Vielzahl an Kinder kam es zu einem erneuten Fiasko. Pestalozzi ging davon aus, dass sich die Armenanstalt bald selber tragen und finanzieren konnte, sobald die Kinder gelernt hatten zu arbeiten. Jedoch holten die Eltern ihre Kinder meist schon davor wieder zu sich zurück, sobald diese gut genährt waren. Dies und erneute Hungerjahre 1776 und 1777 brachten Pestalozzi schließlich dazu, die Anstalt zu schließen. In seinem Lebensrückblick im "Schwanengesang" schrieb Pestalozzi über diese Situation:
"Unser Unglück war entschieden. Ich war jetzt arm" 10 . Für Pestalozzi blieb es jedoch weiterhin ein Traum und eine Sehnsucht, armen Kindern zu helfen und sie auf das Leben vorzubereiten.
Dieses Scheitern konnte er nicht so leicht verkraften. Er zog sich deshalb völlig zurück und begann mit dem Schreiben. 1780 bis 1798 gilt als die Schriftstellerepoche Pestalozzis. In dieser Zeit entstanden 60 größere und kleinere Schriften.
1.3 Stans 1798- 1799
leiten. So schrieb er in einem Brief an den Staat: "…für eine wesentliche Verbesserung der Erziehung und der Schulen für das einfache Volk" 12 .
Allerdings zog sich die Eröffnung der neuen Einrichtung hin, da man keinen geeigneten Ort dafür fand.
10 Gesamtausgabe Pestalozzis Werke 28, S. 234 11 Pestalozzi in Stans, Quelle: http://www.heinrich-pestalozzi.info/, 11. März 2010, 13. 45 Uhr
12 Gesamtausgabe Pestalozzis Briefe 4, S. 15
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Schließlich wurde jedoch die Anstalt (ein ehemaliges Frauenkloster in Stans) am 14. Januar 1799 eröffnet und bereits nach sechs Wochen lebten dort schon über 80 Kinder, die von Pestalozzi und einer Magd betreut wurden. Pestalozzi warf sich mit seiner ganzen über Jahre aufgestauten Kraft in seine Erziehungsaufgabe. Er war entschlossen, seine pädagogischen Ideen, die er in den letzten 20 Jahren entwickelt hatte, nun in die Praxis umzusetzen. Voller Begeisterung schreibt er seiner Frau Anna, die sich auf dem Schloss Hallwil bei der Gräfin Franziska Romana von Hallwil aufhielt: "Jetzt kann die Frage, was mein und Euer Schicksal sein werde, nicht mehr lange zweifelhaft sein. Ich unternehme eine der größten Ideen des Zeitpunkts. Hast Du einen Mann, der nicht misskannt worden, sondern der Verachtung und der Wegwerfung wert ist, mit der man ihn allgemein behandelt, so ist für uns keine Rettung; bin
ich aber unrichtig beurteilt und das wert, was ich selber glaube, so hast Du bald Hilfe und Rat von mir zu erwarten." 13
Seine Absicht war, die praktische Arbeit mit dem gedächtnismäßigen Lernen von elementarem Wissen zu verbinden. Leider blieb ihm dazu zu wenig Zeit. Pestalozzi musste auf Drängen des Staates seine Räume verlassen und sie zur Verfügung stellen. Die Anstalt wurde als Militärlazarett genutzt, für erkrankte und verletzte Soldaten genutzt. Somit war auch dieser Versuch eine Anstalt für arme Kinder zu leiten zum Scheitern verurteilt. Am 9. Juli 1799 verlässt Pestalozzi Stans, da er psychisch und physisch überabreitet war und zog sich zur Erholung und Genesung für einige Wochen in das Gurnigelbad im Berner Oberland zurück. Dort nutzte er die Zeit, um seine Erfahrungen und Überlegungen in seinem "Brief an einen Freund über meinen Aufenthalt in Stans" niederzuschreiben. Der sogenannten „Stanser Brief“ gilt als einer der bedeutendsten pädagogischen Texte Pestalozzis und ist häufig interpretiert und zitiert worden. Im Brief beschreibt Pestalozzi zunächst die Ausgangssituation, danach schildert er die Erziehungswirklichkeit in Stans und die aus der Erziehungserfahrung erwachsenen Theorien der sittlichen Erziehung. Danach beschreibt er den Unterricht in Stans und am Ende des Briefes reflektiert er selbstkritisch seine Arbeit und sein Vorgehen in der Stanser Anstalt. Der Brief wurde 1822 ohne eine Überarbeitung veröffentlicht, jedoch liegt er im Original nicht mehr vor, deshalb ist auch nicht eindeutig nachweisbar, an welchen Freund der Stanser Brief adressiert war.
13 Gesamtausgabe Pestalozzis Briefe 4, S. 18
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Arbeit zitieren:
Sina Friedrich, 2010, Johann Heinrich Pestalozzi: Ein Überblick über Biografie, Grundgedanken und Einfluss auf das heutige Bildungssystem, München, GRIN Verlag GmbH
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