Inhaltsverzeichnis II
Inhaltsverzeichnis
Einf ührung 1
1. Teil: Internetsubsysteme 3
1. Die Entstehung des Internets 3
2. Das World Wide Web als spezielles Internetsubsystem 6
2.1. Die Funktionsweise des World Wide Web 8
2.2 Die Entwicklung des WWW - Das Web 2.0 10
2.2.1. Interaktion 11
2.2.2. Partizipation 12
2.2.3. Kooperation 13
2.2.4. Klassifikation 13
2.2.5. Social Web 13
3. Weblogs als spezielles Subsystem des WWW 15
3.1. Begriff 15
3.2. Die technischen Rahmenbedingungen 16
3.3. Die Funktionsweise eines Weblogs 17
3.4. Kommunikationssoziologische Aspekte von Weblogs 20
3.5. Spezielle Weblogarten 22
3.5.1. Watchblogs 23
3.5.2. Experten-Blogs 26
3.5.3. Warblogs 27
3.5.4. Underground-Blogs 30
3.5.5. J-Blogs oder Redaktionsblogs 31
3.5.6. Microblogging-Dienste 32
3.6. Die Wirkweise von Weblogs 34
2. Teil: Potentiale - Medienutopien und deren Relevanz für die Weblogs 35
1. Die Medienevolution nach Merten 37
2. Kommunikationsmodelle nach Flusser 41
2.1. Diskursive Kommunikationsmodelle 42
2.1.1. Pyramidendiskursmodell 43
2.1.2. Baumdiskursmodell 44
2.1.3. Theaterdiskursmodell 46
2.1.4. Amphitheaterdiskursmodell 47
2.2. Dialogisches Kommunikationsmodelle 48
2.2.1. Kreisdialogmodell 49
S. 50
2.2.2. Netzdialogmodell
Inhaltsverzeichnis III
3. Radiotheorie nach Brecht 52
4. Medienkritik nach Enzensberger 55
3. Teil. Das kollektive Gedächtnis als Gesellschaftsprozess 57
1. Das Gedächtnis und seine sozialen Rahmenbedingungen nach Halbwachs 57
1.1. Die Soziogenese des Gedächtnisses 58
1.2. Die Rekonstruktivität des Gedächtnisses 59
1.3. Die Historie des Gedächtnisses 60
2. Das kollektive Gedächtnis nach Assmanns 61
2.1. Das kommunikative Gedächtnis 64
2.2. Das kulturelle Gedächtnis 64
2.3. Das Funktions- und Speicher-Gedächtnis 67
2.3.1. Das Funktions-Gedächtnis und dessen Motive 68
2.3.2. Das Speichergedächtnis und sein Potential 70
3. Die Medienevolution und der Wandel kollektiver Gedächtnisstrukturen 72
3.1. Sprache 72
3.2. Druck 73
3.3. Elektronische Speicher 74
4. Teil. Das Gedächtnispotential von Weblogs -
spezifische Auswirkungen von Weblogs auf das kollektive Gedächtnis 76
1. Auswirkungen im kommunikativen Gedächtnis 77
2. Auswirkungen im Funktionsgedächtnis 78
S. 80
3. Auswirkungen im Speichergedächtnis
Ausblick S. 82
Literaturverzeichnis S 84
Einführung
„Weblogs sind die Klowände des Internets“ 1
Mit dieser sehr provokanten Aussage reizte seiner Zeit Jean-Remy weite Teile der Internetgemeinschaft und tatsächlich, bei so manchem Getwittere und manchem Weblog findet man diese Einschätzung auf den ersten Blick bestätigt. Doch daneben existieren heute eine ganze Reihe verschiedener und vor allem gesellschaftsrelevanter Weblogs, die sich nicht nur mit profanen Themen wie den Essensgewohnheiten irgendwelcher D-Prominenten beschäftigen oder nur Banales zum Besten geben. So gibt es Weblogs aus Krisen- und Kriegsgebieten, Weblogs die sich mit wissenschaftlichen Themen beschäftigen oder jene, die sich mit den traditionellen Medienangeboten der Presse, des Radios oder des Fernsehens auseinandersetzen und deren Berichterstattung kritisch reflektieren. Ließe man also die Aussage Jean-Remy´s unreflektiert so stehen, würde man eventuell all denjenigen Unrecht tun, die über und mit Weblogs gerade andere Ziele verfolgen. Denn insbesondere in nicht-demokratischen Systemen werden die Weblogs genutzt, um der öffentlichen Meinung eine eigene, kritische Sichtweise entgegenzusetzen. So kann Immanuel Kants Ausspruch „sapere aude“ auch als ein für die Weblogs gültiges Extrakt vorangestellt werden. Gleichsam ist mit diesem ersten Eindruck dann aber auch die Frage aufgeworfen, ob und wenn ja, wie Weblogs tatsächlich wirken können und welche Potentiale in ihnen stecken. Um wissenschaftlich fundierte Aussagen darüber treffen zu können und sich nicht gleichfalls dem Vorwurf auszusetzen, ebenfalls nur an eine wie auch immer geartete Klowand geschrieben zu haben, ist die Kommunikationsform der Weblogs aus wissenschaftlicher Perspektive zu betrachten. Die Betrachtung kann dabei unter verschiedenen wissenschaftlichen Aspekten erfolgen und in verschiedenste theoretische Bezugsrahmen gesetzt werden.
Ganz im Sinne der übergeordneten medien- und kommunikationswissenschaftlichen Frage, wie sich Online-Kommunikationssysteme als Internetsubsysteme auf Gesellschaftsprozesse auswirken können, soll dann auch hier der Gang der Untersuchung erfolgen.
Dafür ist in einem ersten Teil zu erörtern, in welcher Weise sich die Weblogs unter den Begriff der Internetsubsysteme subsumieren lassen. Dazu ist es erforderlich, das Medium Internet und dessen spezifische Funktionsweise gegenüber anderen Medien abzugrenzen. Anschließend ist zu beschreiben, wie sich innerhalb dieses Funktionssystems
1 Zum Zitat von Jean-Remy und den dadurch ausgelösten Debatten findet sich ein Artikel vom 20.1.2006 bei Tecchannel.de. Abrufbar unter: http://www.tecchannel.de/news/themen/business/434199/ blogs_klowaende_des_internet/.
die Weblogs als selbständige Subsysteme herausgebildet haben und durch welche spezifischen Funktions- und Wirkweisen sich diese wiederum auszeichnen. Gegenüber anderen Medien spezielle Auswirkungen können Weblogs allerdings nur unter der Bedingung besitzen, dass sie spezifische Potentiale aufweisen. Erste Erkenntnisse darüber lassen sich bereits aus deren besonderer Funktions- und Wirkweise extrahieren, sollen in einem zweiten Teil aber auch unter dem Aspekt kommunikationstheoretischer Modelle gewonnen werden. Eine Einordnung wird hier speziell nach den Kommunikationsmodellen Flussers, als auch unter den Medientheorien von Brecht und Enzensberger vorgenommen werden.
Um abschließend die Potentiale und die damit verbundenen Auswirkungen der Weblogs auf gesellschaftliche Prozessen analysieren zu können, ist es notwendig danach zu fragen, welche gesellschaftlichen Prozesse überhaupt beleuchtet werden sollen. Denn unter den Begriff des Gesellschaftsprozesses lassen sich diverse soziorelevante Bezüge fassen. Um dabei eine Ausuferung der Untersuchungsgegenstände zu vermeiden, soll sich im Rahmen dieser Untersuchung darauf konzentriert werden zu erforschen, wie sich die Weblogs auf einen der bedeutendsten Gesellschaftsprozess auswirken können: Hierunter soll hier das kollektive Gedächtnis verstanden werden; also dasjenige Gedächtnis, das einer Gesellschaft innewohnt. Denn dieses bildet gleichsam das erinnerbare Vergangenheitsregister einer Gesellschaft ab und verbindet die Gesellschaft gleichsam in identitätsstiftender Weise. Dieser Aspekt stellt sich insbesondere unter dem Eindruck als erörterungsbedürftig heraus, als dass das Internet die Welt sprichwörtlich kleiner werden lässt, da über das Internet unendlich viele Informationen raum- und zeitunabhängig kommuniziert werden können. Den theoretischen Bezugsrahmen bilden dafür die Untersuchungen von Assmann zum kollektiven Gedächtnis. Die Darstellung und Erörterung seiner Theorien wird in einem dritten Teil erfolgen. In einem vierten und letzten Teil können dann die Einzelerkenntnisse synoptisch zusammengefasst und aufeinander bezogen werden. Am Ende wird dann, unter den Bedingungen der dieser Untersuchung zugrundegelegten wissenschaftlichen Bezugsrahmen, ein Beitrag zur Beantwortung der Frage geleistet werden können, wie sich Weblogs als Online-Kommunikationssysteme des Internets auf den Gesellschaftsprozess des kollektiven Gedächtnisses auswirken können.
Begriffsbestimmungen
Für diese Untersuchung sollen einige Begriffe zunächst definiert werden, um spätere Wiederholungen zu vermeiden.
So sollen unter dem Begriff der traditionellen Medien alle Medien außer die speziellen Subsysteme des Internets verstanden werden; die neuen Medien bilden demnach spiegelbildlich die Internetsubsysteme hier also insbesondere die Weblogs. Neben anderen Online-Kommunikationssystemen werden unter diese hier nur die Weblogs und die sogenannten Microbloggingdienste wie Twitter gefasst, die ein Subsystem des Internets darstellen.
Als Gesellschaftsprozess wird weiterhin, wie beschrieben, das kollektive Gedächtnis im Sinne eines erinnerbaren Vergangenheitsregisters nach Assmann begriffen.
Unter Öffentlichkeit soll hier ein Kommunikationssystem verstanden werden, in dem Einstellungen zu bestimmten Themen diskursiv bearbeitet werden, zu denen mit Hoffnung auf Anschluss kommuniziert werden kann. Damit verbunden ist dann all das, was für die Allgemeinheit, also für ein nicht näher spezifiziertes Publikum, relevant sein kann. Öffentlichkeit wird durch den Mechanismus des kommunikativen Anschlusses erzeugt, der in und durch Medien stattfindet. Denn nur wenn vorhandene Informationen in anderen Medien wieder aufgegriffen und diskursiv behandelt werden, bleiben sie allgemein im Gedächtnis. Öffentlichkeit ist hiernach also als ein Netzwerk von Kommunikationseinflüssen zu verstehen. 2
1. Teil: Internetsubsysteme
Um die Auswirkungen von Online-Kommunikationssystemen als Internetsubsysteme 3 auf gesellschaftliche Prozesse untersuchen zu können, ist in einem ersten Schritt zu erörtern, welche spezifische Funktionsweisen und Eigenschaften diese Online-Kommunikationssysteme aufweisen, wie sie sich entwickelt haben und wie diese innerhalb des Mediums Internet heute gebraucht werden. Dazu soll zunächst holzschnittartig die Internetentwicklung selbst dargestellt werden, um anschließend die Weblogs als spezielles Online-Kommunikationssystem innerhalb des Internets einordnen zu können.
1. Die Entstehung des Internets, Der ‚Sputnik-Schock‘
Das Medium Internet hat im Vergleich zu anderen Medien - Sprache, Schrift, Radio oder Fernsehen - augenscheinlich die kürzeste Geschichte. Es entstand erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts und setzt als ‚neues‘ Medium die Reihe der bestehenden traditionellen Medien fort. Die Entstehungsgeschichte ist bereits ausführlich deskriptiv dargestellt worden. 4 In diesem Rahmen sollen sich daher die Ausführungen dazu auf diejenigen prominenten Eckpunkte beschränken, die für diese Untersuchung von Relevanz sind.
Seine Geburt verdankt das Medium Internet der Beziehung zwischen der UdSSR und den USA im Kalten Krieg. Um ihre Überlegenheit im All und damit auch ihre kriegsstrategische Überlegenheit gegenüber den technischen Möglichkeiten der USA zum Ausdruck zu bringen, schoss die UdSSR im Jahre 1957 den ersten Satelliten ‚Sputnik I‘ erfolgreich in die Erdumlaufbahn, was auf Seiten der USA einen Schock, den sogenann- 2 DerÖffentlichkeitsbegriff ist dem von Albrecht u.a. entlehnt. Hierzu Albrecht, Steffen / Hertig-Perschke, Rasco / Lübcke, Maren: Wie verändern neue Medien die Öffentlichkeit? Eine Untersuchung am Beispiel von Weblogs im Bundestagswahlkampf 2005, In: Stegbauer, Christian / Jäckel, Michael: Social Software. Formen der Kooperation in computerbasierten Netzwerken, 2008, S. 96 f.
3 Zum Systembegriff unten 1. Teil, 2., S. 6.
4 Umfassend hierzu siehe nur Bunz, Mercedes: Vom Speicher zum Verteiler: die Geschichte des Internet, 2009; Hafner, Katie / Matthew, Lyon: Arpa Kadabra: Die Geschichte des Internets, 1997.
ten ‚Sputnik-Schock‘ auslöste. 5 Damit schien der Wettlauf um die Vorherrschaft im All, die es nun auch möglich machte über große Distanzen einen Angriff auf den Gegner durchzuführen, zugunsten der UdSSR auszugehen 6 und verlagerte die Machtverhältnisse im Kalten Krieg zu ihren Gunsten. 7
Um die technische Überlegenheit und Souveränität der USA wiederherzustellen, gründete die US-Regierung 1958 die ‚Advanced Research Projects Agency‘ (ARPA), die zunächst auch für Raumfahrtangelegenheiten zuständig war. 8 Für eine effizientere Aufgabenerfüllung wurde dann aber schnell die Zuständigkeit für die Raumfahrt- und Raketenprogramme auf eine speziell für diesen Aufgabenbereich eingerichtete Organisation, die NASA übertragen. 9 Der Forschungsschwerpunkt der ARPA wurde daraufhin speziell auf die Grundlagenforschung der Informationsverarbeitung verlagert. Eben die revolutionären Erkenntnisse dieser Organisation in den Folgejahren ebneten schließlich den Weg zur Entstehung des Internets mit. 10
Allerdings war es nicht allein der Erfindergeist der ARPA-Mitarbeiter, sondern es waren auch militärische Gründe, die die Entwicklung vorantrieben. 11 Daran mitbeteiligt war die ‚Research and Development Corporation‘ (RAND), eine usamerikanische staatliche Organisation, die sich im Auftrag des Verteidigungsministeriums um die Überlebensmöglichkeit der Kommunikationsnetze nach einem möglichen atomaren Angriff kümmern sollte. 12 Man ging kriegsstrategisch davon aus, dass bei einem atomaren Angriff zunächst die Kommunikationsleitstellen des Kriegsgegners außer Gefecht gesetzt werden würden, um einen kommunikativ geordneten Rückschlag zu vermeiden 13 . Da das damalige Informationsnetz zentral gestaltet war, hätte dies bei einem direkten Angriff zu einem Totalausfall führen können. Deshalb sollte die RAND ein Kommunikationssystem entwickeln, das selbst nach einem solchen Angriff noch funktionsfähig sein würde. 14 Diese stellte erste theoretische Überlegungen über eine vernetzte und offene Kommunikationsform an und entwickelte so erste computerbasierte Netzwerke. 15
Anfang der 1960er Jahre entwickelte nunmehr u.a. Paul Baran eine Methode, um digitale computerbasierte Netzwerke zu schaffen, die sogenannte Paketschaltung. 16 Die Funktionsweise dieser paketorientierten Datenübertragung ist einer Paketverschickung per
5 Hafner, Katie / Matthew, Lyon: Arpa Kadabra: Die Geschichte des Internets, 1997, S. 15.
6 Teuteberg, Hans-Jürgen / Neutsch, Cornelius: Vom Flügeltelegraphen zum Internet. Geschichte der modernen Telekommunikation, 1998, S. 227.
7 Rheingold, Howard: Virtuelle Welten. Reisen im Cyberspace, 1992, S. 111.
8 Ebd., S. 111.
9 Matis, Herbert: Die Wundermaschine. Die unendliche Geschichte der Datenverarbeitung: Von der Rechenuhr zum Internet, 2002, S. 304.
10 Bolz, Norbert / Kittler, Friedrich, A. / Tholen, Christoph: Computer als Medium, 1999, S. 190.
11 Coy, Wolfgang: Media Control. Wer regiert das Internet?, In: Krämer, Sybille: Medien, Computer, Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und neue Medien, 1997, S. 133.
12 Hafner, Katie / Matthew, Lyon: Arpa Kadabra: Die Geschichte des Internets, 1997, S. 64.
13 Tanenbaum, Andrew S.: Computernetzwerke, 2003, S. 68.
14 Bühl, Achim: Die virtuelle Gemeinschaft des 21. Jahrhunderts. Sozialer Wandel im digitalen Zeitalter, 2000, S. 116.
15 Detaillierte Ausführungen zur Entstehungsgeschichte des Internets bei Hafner, Katie / Matthew, Lyon: Arpa Kadabra: Die Geschichte des Internets, 1997.
16 Hierzu und zum Folgenden Kyas, Othmar: Internet. Zugang, Utilities, Nutzung, 1994, S. 31.
Post sehr ähnlich. Bestimmte Informationen wie Zieladresse, der Inhalt der Information, der Absender oder die Sequenznummer müssen gegeben sein, um das Datenpaket senden zu können. Die einzelnen Datenpakete werden nun durch das Netzwerk gesendet und je nach Möglichkeit auf direktestem Wege zum Zielcomputer geschickt. Treffen die Datensegmente dabei auf zerstörte oder besetzte Leitungen, kann die Information über die noch erhaltenen Leitungen umgeleitet werden. Dieses Verkehrslenkungssystem zielt auf eine schnelle und direkte Weiterleitung der Daten durch einen Verteiler ab. Am Zielcomputer angekommen, werden die Datensegmente dann wieder zusammengesetzt. Fehlt dabei ein Paket, wird der absendende Computer benachrichtigt und der Sendevorgang nochmals durchgeführt. Auch wenn die Reihenfolge der Datenpakete durch die unterschiedliche Navigation durcheinander kommen kann, kann sie am Zielcomputer dennoch anhand der Sequenznummer korrekt zusammengefügt und die Information somit exakt wiederhergestellt werden. Durch die feste Größe der Datenpakete (1024 Bit) wurde eine einfache und universelle Methode geschaffen. Diese hatte zudem den Vorteil, dass sie die Nachrichtenentschlüsselung schwieriger machte, da die Datenpakete zerstückelt waren, was insbesondere für militärische Zwecke wichtig war. Ein weiterer aber nicht minder wichtiger Vorteil war die bessere Ausnutzung der Telefonnetzressourcen. Denn während bei einem Telefongespräch die Leitung besetzt ist, auch wenn nicht gesprochen wird, ist bei einem digitalen Datenstrom nur bei der direkten Informationssendung das Netzwerk belastet. 17
Abbildung 1.1: Das Datenpaket mit den Informationseinheiten 18
Um die Vernetzung von Universitäten und Forschungseinrichtungen zu ermöglichen, entwickelte wiederrum die ARPA im Jahr 1969 das sogenannte ‚ARPANET‘ (Advanced Research Projects Agency Networks) und griff dazu die durch die RAND entwickelte Paketschaltungsmethode auf. Das so entstandene Netzwerk verknüpfte anfangs erfolgreich dezentral vier unterschiedliche US-Universitäten. Die Möglichkeiten dieser Vernetzung sollten nun auch einem größeren Kreis an Nutzern zugänglich gemacht werden, wozu die ARPA - nunmehr umbenannt in DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency) - 1973 das sogenannte ‚Internet-Projekt‘ forcierte. 19 Um zu erreichen, dass zwischen den Großrechnern und den jeweiligen Computern fehlerfrei
17 Hafner, Katie / Matthew, Lyon: Arpa Kadabra: Die Geschichte des Internets, 1997, S. 70 f.
18 Baran, Paul: Memorandum RM-3420-PR, 1964, abrufbar unter: http://www.rand.org/pubs/research _memoranda/2006/RM3420.pdf, S. 22.
19 Rheingold, Howard: Virtuelle Welten. Reisen im Cyberspace, 1992, S. 110.
Daten ausgetauscht werden konnten, was bislang auf Grund ihrer noch verschiedenen Protokolle nicht möglich war, entwickelte die DARPA ein einheitliches Internetprotokoll (TCP/IP) unter eben der Verwendung der Paketschaltungsmethode. Dabei übernimmt das Transmission Control Protocol (TCP) die Aufgabe, anhand der Paketschaltungsmethode die Informationen in kleine Pakete aufzuteilen und sie am Zielort wieder zu einer Informationseinheit zusammen zu setzen. Das Internet Protokoll (IP) wiederrum übernimmt die korrekte Zustellung der Pakete an den Zielort. 20 Die sich im Laufe der Folgejahre durchsetzende Verwendung des TCP/IP als Standardprotokoll für alle Rechner, bildet letztlich auch die Grundlage des modernen Internets. Jeder Rechner, der Zugang zum Internet herstellen will, muss es verstehen. 21 Denn die speziell definierten TCP/IP-Referenzmodelle verbinden heute weltweit agierende unterschiedlichste Netzwerke miteinander und ermöglichen dadurch erst die Kommunikation und den Datenaustausch.
War die Entstehung des Internets zunächst stark an militärische Zwecke gekoppelt, wurden seine Vorteile dann aber auch schnell für zivile Aufgaben wie die Wissenschaft fruchtbar gemacht. Spätestens als das ARPANET im Jahre 1990 abgeschaltet wurde, wurde das Internet auch für den privaten Anwender zugänglich gemacht, da seine Verbreitung nun auch ökonomische Optionen eröffnete. 22 Letztlich entwickelte sich das Internet so bis heute, nicht zuletzt auch durch die stetig voranschreitenden Preissenkungen für Computer und Modems, zu einem weltumspannenden gesellschaftlichen Phänomen.
2. Das World Wide Web als spezielles Internetsubsystem
Innerhalb des so entstandenen weltumspannenden Kommunikationsnetzes Internet bildeten sich schließlich im Laufe der Zeit spezielle Subsysteme aus. 23 Über die Bezeichnung als System wird so augenscheinlich eine Abgrenzung zwischen diesem und anderen Systemgebilden vermittelt. Dies wirft zugleich die Frage danach auf, wie sich das Internet und sich darin unterteilbare sogenannte Subsysteme gegeneinander abgrenzen lassen. Für die hier zu untersuchende Ausgangsfrage, wie sich Weblogs auf gesellschaftliche Prozesse auswirken können, ist also nach einem Klassifizierungsmodell zu forschen, das es vermag, gesellschaftliche beziehungsweise mediale Systemkomplexe zu beschreiben. Eine solche soziologische Systemtheorie entwickelte insbesondere Niklas Luhmann. Danach wird ein System ganz grundsätzlich als eine Art Identität verstan-
20 Gralla,Preston: So funktioniert das Internet. Ein visueller Streifzug durch das Internet, 1999, S. 13 f.
21 Kreuzberger, Thomas: Internet. Geschichte und Begriffe eines neuen Mediums, 1997, S. 12.
22 Ebersbach, Anja / Glaser, Markus / Heigl, Richard: Social Web, 2008, S. 19.
23 Dazu zählen unter anderem die Subsysteme World Wide Web (WWW), die E-Mail-Kommunikation, das Usenet (Newsgroup) und der Internet Relay Chat (IRC). Die exakte Unterscheidung zwischen dem Internet und dem WWW findet im Alltagsgebrauch kaum mehr Beachtung. Wie sich zeigen wird, sind aber beide nicht synonym zu verwenden. Hierzu Strohmeier, Gerd: Politik und Massenmedien. Eine Ein- führung, 2004, S. 51.
den, die sich in einem Umweltkomplex durch eine Verfestigung einer Innen/Außen-Differenzierung am Leben erhält.
„Ein System entsteht durch Grenzziehung und Konstituierung einer Differenz von Außen und Innen, durch die Schaffung von Bereichen unterschiedlicher Komplexität, durch Reduktion von Komplexität.“ 24
Wenn man nun unter Zugrundelegung dieser grundlegenden Konkretisierungskriterien ein bestimmtes Funktionssystem abgrenzen kann, das gerade über die Massenmedien vermittelt wird 25 , lässt sich für die hiesige Untersuchung folgendes festhalten: Die Massenmedien als Kommunikationssysteme ermöglichen es aufgrund für sie geltender Kriterien, die vorhandenen und weltweiten Aktivitäten über eine räumliche und zeitliche Distanz abzubilden und diese selektiv zu senden. Diese Formen der gesendeten Selektionen bilden wiederum das ab, was wir lesen, hören oder sehen. 26 Allerdings bilden diese Selektionen Geschehnisse unterschiedlich ab und so kann man nicht mehr von einem System schlechthin sprechen. Denn die moderne Gesellschaft ist nicht mehr zentral beschreibbar und so entstehen Teilsysteme.
„Eine Folge dieser „multiperspektivischen“, „polykontexturalen“, zentrumlosen Kommunikationsverhältnisse ist der Verlust einer universalen und unangreifbaren Beschreibung der Gesellschaft. Die moderne Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht mehr als Ganzes begreifbar ist.“ 27
Die Entstehung und der Umfang solcher Teilsysteme hängt damit aus systemtheoretischer Sicht von der Verbreitung der Massenmedien ab. Die quasi zerfallene Gesellschaft wird durch die Massenmedien insofern kompensiert, als dass sich durch ihre Informationsselektion und Vermittlung solche Informationsfokusse bilden, welche die entstandene gesellschaftliche Vielfalt überlagern und auf die sich jeder Einzelne als Teil der Gesellschaft wie auf ein gemeinsames Hintergrundwissen beziehen kann. Dieser gemeinsame Wissenspool bezieht sich gleichsam auf alle Gesellschaftsteile und schafft durch die Massenmedien für ein unbestimmtes Publikum ein Informiertsein, trotz des intermediären Zerfalls. Die Medien vermitteln damit Informationen, die wiederum zu Anschlusskommunikationen unter den Rezipienten führen können. 28 Diese schaffen damit einen Prozess, dem sie eine Realität zur Verfügung stellen, auf die sich die Gesellschaftsteile jeweils beziehen können und damit Raum für eine weitere Ausbildung eigensinniger Kommunikationsformen. Die spezielle Funktion der Massenmedien besteht
24 Unter Bezugnahme auf Luhmann bei Hillmann, Karl-Heinz: Wörterbuch der Soziologie, 1994, S. 858.
25 So auch mit umfassender Herleitung und Begründung Wehner, Josef: Wie die Gesellschaft sich als Gesellschaft sieht - elektronische Medien in systemtheoretischer Perspektive, In: Neumann-Braun, Klaus / Müller-Doohm, Stefan: Medien- und Kommunikationssoziologie. 2000, S. 100-105.
26 Ebd., S. 105.
27 Ebd., S. 106.
28 Zu der sich über diese Funktionsweise vermittelten Öffentlichkeit unten 1. Teil, 3.6., S. 34.
so also in einer permanenten Stimulation von Kommunikationsverläufen. Die Massenmedien können so auch als Funktionssystem begriffen werden. 29 Anders als die klassischen Massenmedien, die weitgehend auf einen einseitigen Vermittlungsstrom ausgerichtet sind, vollzieht sich nun innerhalb des Internets ein Aspekt, der sich gegenüber den klassischen Massenmedien wie beispielsweise dem Radio, durch seine Interaktivität auszeichnet. Hier ist über dialogische Prozesse 30 durch eine Vielzahl von Teilnehmern eine aktive Einmischung in die Kommunikationsströme möglich. 31 Über dieses Unterscheidungskriterium kann und soll das Internet und insbesondere das World Wide Web gegenüber den klassischen Massenmedien hier auch als spezielles Funktionssystem, als Subsystem verstanden werden, innerhalb dessen sich die Weblogs, welche sich ihrerseits wieder durch eine besondere Dialogie und Interaktivität auszeichnen, dann auch wieder als Subsystem begriffen und so auch hier verstanden werden können.
Um nunmehr diese besondere Funktionsweise und damit die spezielle Wirkweise von Weblogs herausfiltern zu können, ist zunächst das Funktionssystem des WWW zu analysieren. Hierüber lassen sich dann anschließend die Besonderheiten der Weblogs innerhalb des Systems des WWW herausarbeiten.
2.1. Die Funktionsweise des World Wide Web
Als Erfinder des ‚World Wide Web‘ (WWW) gilt Tim Berners-Lee und seine Arbeitsgruppe. 32 Berners-Lee verfolgte Anfang der 1990er Jahre das Ziel, ein Informationssystem zu entwickeln, das sämtliche Informationen verknüpfen und diese allen Menschen zur Verfügung stellen sollte. Er hatte damit eine
„Vision, die neue Freiheiten eröffnet und schnelleren Fortschritt erlaubt, als es durch die Fesseln jener hierarchischen Klassifikationssysteme möglich wäre, an die wir uns selbst gebunden haben.“ 33
Die Funktionsweise des WWW kann folgendermaßen skizziert werden: Die Informationsverknüpfung sollte durch eine altbekannte Idee ermöglicht werden, durch den ‚Hypertext‘. 34 Dieser enthält im laufenden Text Verweise auf andere Textdokumente, die jederzeit benutzt werden können und als sogenannte ‚Hyperlinks‘ darge-
29 Wehner,Josef: Wie die Gesellschaft sich als Gesellschaft sieht - elektronische Medien in systemtheoretischer Perspektive, In: Neumann-Braun, Klaus / Müller-Doohm, Stefan: Medien- und Kommunikationssoziologie. 2000, S. 106-109.
30 Hierzu speziell unter Betrachtung der Weblogs unten 2. Teil, 2.2.2, S. 49.
31 Wehner, Josef: Wie die Gesellschaft sich als Gesellschaft sieht - elektronische Medien in systemtheoretischer Perspektive, In: Neumann-Braun, Klaus / Müller-Doohm, Stefan: Medien- und Kommunikationssoziologie. 2000, 112.
32 Rosenthal, David: Infopool Internet. Methoden, Tricks und Quellen der Profis zur effizienten Recherche, 1998, S. 20; Strohmeier, Gerd: Politik und Massenmedien. Eine Einführung, 2004, S. 51.
33 Berners-Lee, Tim: Der Web-Report, 1999, S. 11.
34 Ein von Ted Nelson mitgeprägter Begriff: „Well, by „hypertext“ I mean non-sequential writing—text that branches and allows choices to the reader, best read at an interactive screen.”; zitiert nach Eibl, Tho- mas: Hypertext. Geschichten und Formen sowie Einsatz als Lern- und Lehrmedium, 2004, S. 17.
stellt werden. Der Nutzer kann durch aktivieren des hervorgehobenen ‚Hyperlinks‘ die dahinter liegenden Daten lesen, sehen oder hören. Das Prinzip des WWW zielt damit auf ein einheitliches Hypertext-Format ab, das als Standard für jedes Computersystem anwendbar gemacht wird, um so auch auf die Informationen anderer Autoren an anderen Orten verweisen zu können. Das Problem einer bis dato noch nicht vorhandenen Grafik und das Fehlen der Maus als Steuerungselement wurde im Jahr 1993 mit der Software ‚Mosaic‘, dem ersten kostenlosen Web-Browser 35 , behoben. Dabei konnte der Nutzer erstmalig die HTML-Seiten (HyperText Markup Language) auf der Benutzeroberfläche seines Rechners graphisch darstellen lassen und des Weiteren mit der Maus bedienen und steuern. Diese Software war mit den Standardbetriebssystemen ‚MS Windows‘, ‚Unix‘ sowie ‚Macintosh‘ ausführbar; arbeitete für die Textdarstellung mit HTML und für die Übertragung mit dem Protokoll HTTP (HyperText Transfer Protocol). 36 Mit dem HTTP konnten die Computer nun über das Web miteinander kommunizieren.
Die Funktionsweise des WWW basiert weiterhin auf einem Adresssystem, das auf John Postel zurückgeht 37 und sich in Client- und Server -Rechner aufgliedert. Dabei muss der Client, der Kunde der etwas zur Verfügung gestellt bekommt, eine korrekte Adresse im Browser seines Rechners eingeben, um bestimmte Informationen erhalten zu können. Die Zeichenfolge der URL (Uniform Resource Locator) wird dann auf Korrektheit überprüft und verbindet den Client auf die eingegebene Seite (Homepage). 38
„Wie ein URL im World Wide Web auszusehen hat ist genauestens geregelt. Er darf nur aus Kleinbuchstaben und Zahlen des 7-Bit-ASCII-Satzes 39 bestehen, dazu dem Bindestrich, dem Schrägstrich und dem Punkt.“ 40
Diese enthält wiederum die bereits erwähnten Hyperlinks, wobei man zwischen externen und internen Links unterscheiden kann. Dabei zielt der interne Link auf Informationssprünge innerhalb eines Dokumentes ab und der externe Link auf andere Dokumente im Web. Diese Links stellen dann quasi den Kleber für die mannigfachen Verbindungen zwischen den Informationen dar 41 .
Erst diese technischen Voraussetzungen ermöglichten es, dass heute eine beinahe weltumfassende, prompte und unkomplizierte Interaktion jeglicher Art, egal ob durch Text-, Bild- oder Audiodateien, möglich wird. Die damit verbundenen Möglichkeiten des WWW lösten zunächst eine große Euphorie aus, die Berners-Lee wie folgt beschreibt:
35 Der Browser (engl. to browse - stöbern, lesen, schmökern) ist ein Web-Programm, mit dem Menschen Informationen im Web lesen können.
36 Kosfeld, Christian: Eintauchen in mediale Welten. Immersionsstrategien im World Wide Web, 2003, S. 23.
37 Zimmer, Dieter: Die Bibliothek der Zukunft. Text und Schrift in den Zeiten des Internet, 2000, S. 192.
38 Kosfeld, Christian: Eintauchen in mediale Welten. Immersionsstrategien im World Wide Web, 2003, S. 23.
39 Dies ist eine standardisierte Computernorm für das Alphabet, die durch den ‚American Standard Code for Information Interchange‘ herausgearbeitet wurde und im World Wide Web benutzt wird. Vgl. dazu Zimmer, Dieter: Die Bibliothek der Zukunft. Text und Schrift in den Zeiten des Internet, 2000, S. 105 f.
40 Ebd., S. 192.
41 Berners-Lee, Tim: Der Web-Report, 1999, S. 314.
„Die Medien porträtieren das Web als wundervollen, interaktiven Ort, an dem eine unbegrenzte Auswahl besteht, weil kein TV-Produzent bestimmt, was wir als nächstes sehen sollten. Aber meine Definition von Interaktivität beinhaltet nicht nur die Möglichkeit, auszuwählen, sondern auch die, etwas zu erstellen. Wir sollten die verschiedensten Dokumente im Web finden und erstellen können. Wir sollten nicht nur in der Lage sein, jeder Art von Hypertextverknüpfung zu folgen, sondern auch, sie zu erstellen -und zwar zwischen unterschiedlichen Medien. Und wir sollten mit anderen Menschen interagieren und zugleich etwas mit ihnen gemeinsam erstellen können.“ 42
So war die Resonanz auch groß, als das WWW der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Allein im Anfangsjahr (1993 - 1994) stiegen die WWW-Server von 130 auf 11.576 an. 43 In Deutschland verachtfachte sich die Internetnutzung zwischen 1996 bis 2003. 44 Doch nicht nur die Nutzungszahlen stiegen statistisch gesehen an, sondern auch die technischen Voraussetzungen verbesserten sich stetig. So konnten mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts bereits sehr große Datenmengen in kurzer Zeit ausgetauscht werden. Diese Bedingungen
„…veränderte[n] das Wesen des Internets insoweit, als nun das Netz zunehmend als Plattform wahrgenommen wurde, auf der man Inhalte hinterlegen konnte.“ 45
2.2 Die Entwicklung des WWW - Das Web 2.0
Die mit dem neuen Medium verbundenen Möglichkeiten der Informationsspeicherung, -darstellung und des Austausches führten so zunächst auch zu einem großen Siegeszug des WWW. Die damit einhergehende Euphorie ließ dann aber schnell darüber hinwegsehen, welche möglichen Gefahren dieses neue Medium mit sich bringen kann. So wurde anfangs vorschnell all zu positiv und unreflektiert mit diesem Internetsubsystem gearbeitet, ohne zu bedenken, welche Auswirkungen dies auch auf gesellschaftliche Prozesse haben kann.
Einen ersten großen Rückschlag erfuhr das WWW so bereits 2001 mit dem Zusammenbrechen der New Economy beziehungsweise dem Platzen der ‚Dotcom-Blase‘, die zu- 42 Ebd.,S. 246.
43 Ramm, Frederik: Recherchieren und Publizieren im World Wide Web, 1996, S. 9.
44 Strohmeier, Gerd: Politik und Massenmedien. Eine Einführung, 2004, S. 46. Nutzten in Deutschland 1997 lediglich 4,1 Millionen gelegentlich (letzten vier Wochen) das Internet, so stieg diese Zahl bis 2009 auf 43,5 Millionen an. Van Eimeren, Birgit / Frees, Beate: Der Internetnutzer 2009 - multimedial und total vernetzt?, 2009, abrufbar unter: http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications /Eimeren1_7_09.pdf, S. 335.
45 Ebersbach, Anja / Glaser, Markus / Heigl, Richard: Social Web, 2008, S. 22.
gleich die erste Wirtschaftskrise in der bis dahin florierenden neuen Internetbranche auslöste. 46 Dies führte zu einer großen Verunsicherung gegenüber dem neuen Medium. Gleichzeitig war aber der Weg bereits eingeschlagen, dass sich das WWW zu einer Plattform entwickeln konnte, die nicht mehr darauf angelegt war, von nur wenigen Bearbeitern betrieben und von vielen Nutzern verwendet zu werden, sondern die es ermöglichte, partizipatorische Anwendungsformen durchführen zu können. Um diese angestoßenen Entwicklungschancen des WWW nicht zu vereiteln und um das Vertrauen der Nutzer wiederherzustellen, wurde versucht dem WWW ein neues Image zu geben. Hierzu sollte eine Begriffsneubestimmung beitragen - Web 2.0. Gleichzeitig steht der Begriff heute aber auch stellvertretend für eine neue Ära des WWW, die sich durch eine veränderte Nutzung der Möglichkeiten des WWW charakterisieren lässt. Der Begriff Web 2.0 wurde von dem us-amerikanischen Computerbuch-Verleger Tim O’Reilly entscheidend mitgeprägt 47 und hat sich seitdem in der Netzgemeinde durchgesetzt. Was darunter explizit zu verstehen ist, darüber streitet sich nicht nur die Netzgemeinde sondern auch die Wissenschaft. Zumindest wurde die neue Marketingformel von den Internetnutzern mit offenen Armen aufgenommen und konnte so zu einer Neubelebung des WWW beitragen. 48
Neben dem Imageaspekt soll der Begriff hier, trotz aller Definitionsunsicherheiten, mit Niedermaier als Oberbegriff für die Herausarbeitung grundsätzlicher Charakteristika des „neuen“ WWW fruchtbar gemacht werden.
Diese sind nach Niedermaier Interaktion, Partizipation, Kooperation und Klassifikation. 49 Diese Charakteristika sollen als Schlüsselbegriffe des Web 2.0 gegenüber den vorherigen Weboptionen dienen, um die Entwicklung des WWW plastisch nachzeichnen zu können. Diese kennzeichnen das Web 2.0 im Ergebnis als eine Plattform mit vielen Bedienungsmöglichkeiten, woraus sich zunächst Mehrwerte für die Nutzer ergeben. So können zum Beispiel individuelle Terminpläne online erstellt werden. Grafikprogramme dienen der Fotobearbeitung oder Diskussionen in Foren können über bestimmte Themen informieren und selbst erstellt werden.
2.2.1. Interaktion
Das Charakteristikum der Interaktion ist leicht zugänglich. 50 Def. Interaktion nach Niedermaier. Die Wechselwirkungen zwischen dem Nutzer und den Internetanwendungen sind heute facettenreicher und technisch weitaus individueller aufgebaut als noch am Anfang. Waren es früher die hervorgehobenen Verlinkungen, die der Nutzer im Netz anklicken konnte, um sich Informationen einzuholen, so sind nunmehr individuelle In-
46 Ebd.,S. 23.
47 Siehe insbesondere seinen Artikel „What is Web 2.0?“ der dazu beitrug, dass der Begriff auch außerhalb des englischen Sprachraums verbreitet wurde. O´Reilly, Tim: What is Web 2.0?, 2005, abrufbar unter: http://www.oreilly.de/artikel/web20.html.
48 Friebe, Holm / Lobo, Sascha: Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung, 2006, S. 166.
49 Niedermaier, Hubertus: Können interaktive Medien Öffentlichkeit herstellen? Zum Potenzial öffentlicher Kommunikation im Internet, In: Stegbauer, Christian / Jäckel, Michael: Social Software. Formen der Kooperation in computerbasierten Netzwerken, 2008, S. 60.
50 Hierzu ebd., S. 60 f.
formationen und Botschaften im Netz bereits beim Einloggen in ein Nutzerkonto vor-handen. Das WWW interagiert mit seinen Nutzern, tritt in eine Art Dialog. So wird man bereits nach dem Einloggen in sein E-Mail Benutzerkonto beispielsweise mit „Guten Tag Herr Dietze“ begrüßt. Oder es werden Vorschläge gemacht, die sich auf frühere Aktionen des Nutzers im Netz beziehen: „Nutzer die sich dieses Buch gekauft haben, interessierten sich auch für folgende Angebote“. Damit werden einerseits
„[…]Aufzeichnung und Verarbeitung aller verfügbaren Informationen dazu genutzt, dem Besucher einer Website relevante Informationen anzuzeigen und ihn direkt anzusprechen; andererseits wird durch die Technik asynchroner Datenkommunikation (kurz AJAX genannt) die Statik einzelner Seiten aufgebrochen, sodass aktuelle Bewegungen des Mauszeigers Veränderungen der Anzeige zur Folge haben.“ 51
Kurzum, das Netz registriert jede Form der Mausführung und es wartet nicht mehr nur noch auf direkte Anfragen beziehungsweise Eingaben des Nutzers. Das Netz tritt in dialogische Prozesse, die es darüber hinaus für den Nutzer nicht mehr nötig machen Programmierer sein zu müssen, um die neuen Möglichkeiten des WWW verstehen und diese nutzen zu können. Diverse Anwendungen werden zur Verfügung gestellt und können von den Nutzern je nach Ansporn in Anspruch genommen und vor allem weiterentwickelt werden.
2.2.2. Partizipation
Ein weiteres Charakteristikum stellt der Partizipationsgedanke dar. Partizipation beinhaltet vor allem die Möglichkeit der Veröffentlichung von eigenem Inhalt durch den Nutzer im WWW. 52 Die neue Form der allseitigen Publikationsmöglichkeiten zieht eine neue Prägung der Öffentlichkeit nach sich. Ein Beispiel für diese teilhabende Kraft ist die Online-Enzyklopädie ‚wikipedia.org‘. 53
„Mit über zwei Millionen enzyklopädischen Begriffserklärungen in über 100 Sprachen ist Wikipedia das meistgenutzte Nachschlagewerk der Welt. Jeder Nutzer kann hier nicht nur Artikel lesen, sondern selbst auch schreiben und bestehende Artikel bearbeiten, mit seinem Wissen erweitern.“ 54
Dieses Onlineformat ermöglicht es dem Nutzer eine begriffsspezifische und insbesondere schnelle Recherche vorzunehmen. 55 Die teilweise kritisierte fehlende Qualität der jeweiligen Inhalte wird dadurch stetig verbessert, dass immer mehr Nutzer an dieser
51 Ebd., S. 61.
52 Ebd., S. 61.
53 Site aufrufbar unter: http://www.wikipedia.org.
54 Friebe, Holm / Lobo, Sascha: Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung, 2006, S. 168.
55 Ebd., S. 168.
partizipatorischen Plattform teilnehmen und sich dadurch eine Art Selbstkontrolle einstellt. 56
Wikipedia stellt nur eine Form dieser Teilhabeanwendung dar. Andere, ähnlich strukturierte Teilhabeformen sind ‚Facebook‘ oder ‚StudiVZ‘. Sie funktionieren sämtlich über die Knüpfung sozialer Netzwerke zwischen den Nutzern und werden so auch als Social Web-Anwendungen bezeichnet. Diese
„[…] tragenden Säulen des neuen Webs sind Internetanwendungen, die die soziale Vernetzung des Einzelnen unterstützen […]. Charakteristisch für Social Software ist, dass sie den einfachen Austausch von Daten ermöglicht, ohne spezielles Fachwissen vorauszusetzen. Populäre Beispiele für Social Software sind Weblogs, Wikis, […] und virtuelle Kontaktbörsen.“ 57
Das Social Web kann hiernach somit sowohl als Partizipations- als auch als Interaktionselement verstanden werden.
2.2.3. Kooperation
Die Symbiose von beiden führt zugleich zu einer Kooperation des Einzelnen mit Vielen, die ein weiteres Merkmal des Web 2.0 ausmacht.
„Im Web 2.0 findet Kooperation nun im Netz selbst statt. Das koordinierte Zusammenwirken Vieler wird dazu genutzt, etwas entstehen zu lassen, das sonst unmöglich zu realisieren wäre. […] Beim Web 2.0 kennen sich die Leute vorher oftmals nicht und werden durch Social Software zusammengebracht.“ 58
2.2.4. Klassifikation
Als abschließendes Merkmal des Web 2.0 qualifiziert Niedermeyer die sogenannte Klassifikation. Diese kennzeichnet sich dadurch aus, dass die Nutzer eigene Begrifflichkeiten verwenden, um Themen und deren Inhalte dynamisch zu klassifizieren. Dieses ‚Verschlagworten‘ bestimmter Begriffe stellt nunmehr eine weitere Ordnung im Netz her und ermöglicht es den Nutzern eo ipso in Suchmaschinen bestimmte Einträge zu finden. 59
2.2.5 Social Web
Neben den vier genannten Charakteristika gewinnt insbesondere die Funktion des Web 2.0 als soziales Netzwerk immer mehr Bedeutung. Deshalb kann das Social Web
56 Dies bezeichnet man auch als ‚user-generated content‘, also benutzergenerierte Inhalte, die von anderen Nutzern ins Internet gestellt wurden (YouTube, Blogs oder Wikipedia). Hierzu Ebersbach, Anja / Glaser, Markus / Heigl, Richard: Social Web, 2008, S. 256.
57 Fischer, Enrico: Weblog & Co. Eine neue Mediengeneration und ihr Einfluss auf Wirtschaft und Journalismus, 2007, S. 3.
58 Niedermaier, Hubertus: Können interaktive Medien Öffentlichkeit herstellen? Zum Potenzial öffentlicher Kommunikation im Internet, In: Stegbauer, Christian / Jäckel, Michael: Social Software. Formen der Kooperation in computerbasierten Netzwerken, 2008, S. 62.
59 Ebd., S. 62.
bereits als ein Teilaspekt des Web 2.0 qualifiziert werden. 60 Diese neuen sozialen Inter-aktionsformen bieten den Menschen verbesserte Möglichkeiten des weltweiten Kommunizierens. Durch den globalen Austausch von Botschaften können auch globale und neue Informationen entstehen, die wiederum neue Anwendungen oder Applikationen hervorbringen. Diese Netzsymbiose ermöglicht den Anwendern eine personalisierte Kommunikation in Gruppen, die sich über den Austausch innerhalb und durch die Partizipation an der Netzgemeinde formiert. Dieser Austausch wird über sogenannte ‚Rankings‘ bewertet und dient dem Verfasser und dem Rezipienten als Rückkopplungserfahrung. Gleichzeitig wird dadurch die Option für eine öffentliche Kritik geschaffen, die so auch eine automatisierte Qualitätskontrolle schafft. Diese Strukturen des Social Web können nach Ebersbach u.a. zum Entstehen einer kollektiven Intelligenz beitragen. 61 Ob diese kollektive Intelligenz auch zu einem kollektiven Gedächtnis führen kann, wird später explizit zu untersuchen sein. Unbeschadet dessen bilden die partizipatorischen Möglichkeiten des ‚Social Web 2.0‘ zumindest hinreichende Voraussetzungen für weitreichende Interaktionen und Kommunikationen unter den Nutzern. Weiterhin kann mit Ebersbach u.a. zwischen verschiedenen Social-Web-Anwendungen, den ‚Informations- und Textplattformen‘ sowie den ‚Social-Network-Diensten‘ unterschieden werden. 62 Erstere, zu welchen insbesondere die bereits erwähnten ‚Wikis‘ zählen, fokussieren die Bereitstellung von Inhalten. Der Autor beziehungsweise Bereitsteller der Informationen ist dabei eher zweitrangig. Letztere zeichnen sich dagegen durch eine Vernetzung der Nutzer miteinander und untereinander aus. 63 Sie richten sich an bestimmte Gruppen von Individuen, welche sich dann in diesen Netzwerken zusammenschließen. Beispiele für solche Netzwerke, die mittlerweile aus mehreren Millionen Nutzern bestehen, bilden wiederum ‚StudiVZ‘ 64 und ‚Facebook‘ 65 . Das Social Web als neue soziale Integrationsform von vielen für viele kann somit als eine Entwicklung des WWW begriffen werden, die geeignet ist, auch Veränderungen auf gesellschaftliche Prozesse auslösen zu können. Denn
„[e]s greift in die Arbeits- und Lebensweisen von Menschen ein, es gibt klare ökonomische Interessen, politische und rechtliche Implikationen, Auswirkungen auf die Erschließung von Inhalten für Bildung und Wissen-
60 DerBegriff fokussiert auf die Bereiche des Web 2.0, bei denen es nicht um neue Formate oder Programmarchitekturen, sondern um die Unterstützung sozialer Strukturen und Interaktionen über das Netz geht. So Ebersbach, Anja / Glaser, Markus / Heigl, Richard: Social Web, 2008, S. 29.
61 Ebd., S. 31 f.
62 Ebd., S. 33.
63 Ebd., S. 33.
64 Site abrufbar unter: http://www.studivz.net/. Anm.: Der ‚Dachwebverband‘ studiVZ Ltd. ist deutsch-landweit der Marktführer von Netzwerkgesellschaften. Durch studiVZ, meinVZ und schülerVZ sind bei studiVZ Ltd. über neun Millionen Nutzer registriert. Während bei studiVZ fünf Millionen registrierte Nutzer existieren, ist schülerVZ mit über drei Millionen registrierten Nutzern ab 12 Jahren das größte Schüler-Netzwerk. So StudiVZ Ltd: Pressemitteilung vom 23.4.2008, abrufbar unter: http://static.pe. studivz.net/media/de/pm/080423.pdf.
65 Abrufbar unter: http://www.facebook.com/.
schaft. Das Öffentliche und das Private, Fragen des Eigentums müssen neu bestimmt werden.“ 66
Neben den sozialen Netzwerken wie ‚StudiVZ‘ oder ‚Facebook‘ entstand in den letzten Jahren eine weitere Plattform, die ebenfalls die Merkmale dessen aufweist, was das Social Web charakterisiert. Diese Plattform, die den einfachen Austausch von Informationen ermöglicht ohne spezielles technisches Fachwissen vorauszusetzen 67 und über eine spezielle Vernetzungsstruktur eine Gemeinschaft erzeugt, 68 sind die sogenannten ‚Weblogs‘.
Sofern es also mit Ebersbach u.a. zutrifft, dass das Social Web generell geeignet ist, Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse nehmen zu können, 69 stellt sich im Rahmen dieser Untersuchung die Frage, ob und wenn ja, wie sich die spezielle Ausprägung des Social Webs in Form von Weblogs auf das kulturelle Gedächtnis als Form eines gesellschaftlichen Prozesse auswirken kann.
Zur Beantwortung dieser Frage sollen daher im Folgenden sowohl die Kriterien von Ebersbach u.a., als auch von Niedermaier als Untersuchungsgrundlage fruchtbar gemacht werden. In Zusammenschau mit den Kriterien und Voraussetzungen, die das sogenannte kollektive Gedächtnis formen, 70 kann dann abschließend auch die Ausgangsfrage beantwortet werden, wie sich Weblogs auf das kollektive Gedächtnis auswirken.
3. Weblogs als spezielles Subsystem des WWW
Hierzu ist indes zunächst zu klären, wodurch sich Weblogs gegenüber anderen Anwen-dungsformen des Social Webs auszeichnen. Zu untersuchen gilt also deren Funktionsweise, deren verschiedene Ausprägungen sowie deren spezielle Eigenschaften. ‚Weblogs‘ lassen sich definieren als tagebuchähnliche Einträge im Netz, als persönlich gefärbte Journale. Sie können von einer oder mehreren Personen geführt werden und haben häufig, aber nicht stets tagesaktuelle Themen zum Gegenstand. 71
3.1. Begriff
‚Weblog‘ setzt sich aus ‚Web‘ und ‚Log‘ zusammen. 1997 prägte erstmalig Jorn Barger, ein amerikanischer Programmierer, diesen Begriff. Gleichzeitig gilt er auch als Entwickler dieser Onlinekommunikationsform. 72 Ähnlich wie der britische Entdecker und
66 Ebersbach, Anja / Glaser, Markus / Heigl, Richard: Social Web, 2008, S. 13.
67 Fischer, Enrico: Weblog & Co. Eine neue Mediengeneration und ihr Einfluss auf Wirtschaft und Journalismus, 2007, S. 3.
68 Ebersbach, Anja / Glaser, Markus / Heigl, Richard: Social Web, 2008, S. 33.
69 So Ebd., S. 13, 31.
70 Dazu 3. Teil, 2., S. 61.
71 Ähnlich auch Ebersbach, Anja / Glaser, Markus / Heigl, Richard: Social Web, 2008, S. 33.
72 Fischer, Enrico: Weblog & Co. Eine neue Mediengeneration und ihr Einfluss auf Wirtschaft und Jour- nalismus, 2007, S. 7.
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Stephan Dietze, 2009, Internetsubsysteme, München, GRIN Verlag GmbH
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