Irrlehren vertrat. Häufig wurde Ketzern vorgeworfen in teuflische Machenschaften verwickelt zu sein, was auch zum Feindbild dieser „Anderen“ gehörte. Häretische Gruppierungen waren der Überzeugung selbst den „wahren“ Glauben zu vertreten. Sie bildeten selbst eine Wir-Gruppe, die versuchte ihre eigenen Vorstellungen zu verbreiten, wodurch sie die römische Kirche indirekt oder direkt kritisierten. Im „Handbuch der Inquisitionspraxis“ schreibt der südfranzösische Dominikaner Bernhard Gui um 1323 über häretische Beginen in Narbonne, die in „Häusern der Armut“ lebten und in ihren Häuschen „heimlich“ in der Volkssprache religiöse Inhalte verkündeten. Zudem unterschieden die Beginen laut seinen Ausführungen zwischen zwei Kirchen, nämlich der fleischlichen römischen Kirche, der die Menge der „Verworfenen“ angehört und der geistlichen Kirche, welcher jene folgen, die das Leben Christi und der Apostel führen. Diese Darstellung verdeutlicht, dass die ketzerischen Beginen die christliche Lebensweise und ihre Lehren als weibliche Vertreter einer anderen Kirche lebten und im kleinen Kreis in der Volkssprache verbreiteten. In der Bezeichnung der römischen Kirche als fleischliche Kirche der „Verworfenen“ klingt die von vielen Ketzerbewegungen vorgebrachte Kritik an, dass die römische Kirche verweltlicht geworden ist, und in den Augen der Ketzer entsprach deren Reichtum und deren erstarrte hierarische Strukturen nicht dem Bild von Kirche und Religion, welches sie mit dem christlichen Glauben verbanden.
Die Beschreibung dieser „Anderen“ am Beispiel der Beginen verdeutlicht im Umkehrschluss, was in der mittelalterlichen Gesellschaft in Bezug auf Religion und Religionsausübung die Norm war: So folgten die meisten Zeitgenossen der römischen Kirche, in der es Tradition war, dass nur ausgebildete, männliche Vertreter des katholischen Glaubens predigen durften, und dies in lateinischer Sprache und in öffentlicher Form taten. Ein religiöses Leben nach dem Vorbild Christi wurde zudem nur den Mönchen zugestanden, die in abgesonderten Gemeinschaften ein geistliches Leben führten. Aus Sicht der Mönche durfte es keine Laienprediger geben, die unter dem Volk sogenannte Irrlehren verbreiteten und die Menschen so vom „rechten“ (katholischen) Glauben und so auch dem Einflussbereich der Kirche fernhielten. Ein bedeutender Eckpfeiler des mittelalterlichen Identitätsempfindens war also die Zugehörigkeit und Auslebung des christlichen Glaubens nach den Dogmen der römischen Kirche. Die Bekennung zu religiösen Inhalten, die offiziell von der vertretenen Glaubenslehre abwichen, schloss den Bekennenden direkt von der Wir-Gruppe aus und machte ihn oder sie zu einem „Anderen“, der verfolgt und eventuell sogar inhaftiert und getötet wurde. Doch wieso schlossen sich trotzdem viele Menschen Ketzergruppen an? Dies hat laut BORST mit der Zeitstimmung im 12. und 13. Jahrhundert zu tun. In der Mentalität mittelalterlicher
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Arbeit zitieren:
Christina Gieseler, 2009, Die Ketzer als die Anderen – Mittelalterliche Identitätsfindung durch Abgrenzung, München, GRIN Verlag GmbH
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