Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis II
Abk ürzungsverzeichnis. II
1 Einleitung 1
2 Analyse von Korruption: Der Stand der Forschung. 3
2.1 Definition und Arten von Korruption. 3
2.2 Modellierung anhand der erweiterten Prinzipal-Agent-Theorie 5
2.2.1 Das Prinzipal-Agent-Klient-Modell. 5
2.2.2 Entstehung von Korruption - Agenten als Angebotsseite 6
2.2.3 Entstehung von Korruption - Klienten als Nachfrageseite. 9
2.3 Warum Korruption bekämpfen? - Ökonomische Konsequenzen von Korruption 11
2.3.1 Hintergrund: Besonderheiten in der empirischen Korruptionsforschung 11
2.3.2 Auswirkungen auf den öffentlichen Sektor. 13
2.3.3 Auswirkungen auf den privaten Sektor. 15
2.3.4 Auswirkungen auf die Gesellschaft. 18
2.3.5 Die ökonomischen Folgen der Korruption: Zusammenfassung. 19
3 Kooperation unter Korrupten: Mechanismen zur Vertragsdurchsetzung 20
3.1 Das Dilemma von Agent und Klient bei Vertragsdurchsetzung 20
3.2 Wiederholte Interaktion. 22
3.2.1 Wiederholung als Vertragsdurchsetzungsmechanismus 22
3.2.2 Anwendung auf den Korruptionskontext 23
3.2.3 Implikationen für die Anti-Korruption. 26
3.3 Reputation 28
3.3.1 Reputation als Vertragsdurchsetzungsmechanismus 28
3.3.2 Umsetzung im Korruptionskontext und die Rolle von Mittelsmännern 30
3.3.3 Implikationen für die Anti-Korruption. 32
3.4 Geiseln und Pfand 33
3.5 Vertikale Integration 35
3.6 Durchsetzung durch private Organisationen 36
3.7 Anti-Korruption: Destabilisierung von Korruption durch asymmetrische Strafen. 38
4 Zusammenfassung und Fazit. 41
Literaturverzeichnis. III
I
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Vertragsbeziehungen zwischen den Akteuren, angelehnt an Pies/Sass (2006): 4 ........ 6 Abb. 2: Entscheidungskalkül des Agenten, angelehnt an Klitgaard (1988): 71 ........................ 7 Abb. 3: Entscheidungskalkül des Klienten mit Risiko durch Anzeige und Entdeckung ........... 9 Abb. 4: Zusammenhang zwischen Regulierungsausmaß und Korruptionsniveau,
Kaufmann (1998): 69 ....................................................................................................... 14 Abb. 5: Zusammenhang zw. Korruption und Größe der Schattenwirtschaft,
Johnson et al. (1998): 391 ................................................................................................ 17 Abb. 6: Korruption als Gefangenendilemma, angelehnt an Pies/Sass (2006): 11 ................... 20 Abb. 7: Dreiecksbeziehung mit Handlungskette von Opportunismus durch A bis Sanktion .. 26
Abkürzungsverzeichnis
A Agent, siehe 2.2 BIP Bruttoinlandsprodukt CPI Corruption Perceptions Index, siehe TI (2009) EU expected utility, Erwartungsnutzen FCPA Foreign Corrupt Practices Act, ein US-Bundesgesetz von 1977, das u.a. die Bestechung ausländischer Amtsträger unter Strafe stellt FDI foreign direct investment, ausländische Direktinvestitionen IPD iterated prisoner’s dilemma, wiederholtes Gefangenendilemma K Klient, siehe 2.2 KPMG Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen P Prinzipal, siehe 2.2 PD prisoner’s dilemma, Gefangenendilemma PwC PricewaterhouseCoopers, Verbund von Prüfungs- und Beratungsgesellschaften TI Transparency International, Nichtregierungsorganisation, die sich gegen Korruption engagiert (http://transparency.org) WK Wahrscheinlichkeit (0 WK 1)
II
Korruption ist ein unsicheres Geschäft. Korrupte Mitarbeiter hintergehen ihre Arbeitgeber und warum sollten sie davon Abstand nehmen, auch ihre Korruptionspartner zu betrügen? Schwieriger noch, denn wer betrogen wird, kann sich nicht bei den staatlichen Autoritäten beschweren, ohne sich selbst zu verraten. Was also unterscheidet Korruption mit ruhigem Schlaf von der mit schlaflosen Nächten? Und wie können Korruptionspartner sichergehen, dass die Vereinbarung auch tatsächlich umgesetzt wird? Das sind zentrale Fragen, die diese Arbeit analysieren wird. Zunächst sollte aber beantwortet werden, warum diese Fragen überhaupt eine Untersuchung verdienen. Weshalb sollten wir wissen wollen, wie man am besten Korruption praktiziert und den Partner zum Halten illegaler Abmachungen induziert? Die Korruptionsforschung ist vorrangig eine Hellfeldbetrachtung, d.h. nur die aufgedeckte und folglich gescheiterte Korruption ist im Detail bekannt. Über das Dunkelfeld, in dem erfolgreiche Korruption stattfindet, weiß man dagegen weit weniger. Das ist ohne Zweifel nicht zufriedenstellend, zielt doch Anti-Korruption genau darauf ab, die erfolgreiche Korruption zu unterbinden - und dafür ist es wichtig zu wissen, was den Erfolg ausmacht. Aus diesem Grund soll in dieser Arbeit untersucht werden, wie die Korrupten ihre Beziehung erfolgreich gestalten können, also ohne entdeckt zu werden und ohne sich gegenseitig zu betrügen. Die Arbeit wird sich daher stellenweise vielleicht wie ein „Corruption - How to?“-Guide lesen, aber insbesondere aus der Perspektive potentieller Korruptionspartner wird für die An-ti-Korruption deutlich, wo diese Akteure Schwierigkeiten antreffen und welche Gegenstrategien sich ihnen daraus empfehlen. Mit anderen Worten: Die Diagnose ist wichtig für die Therapie und genau deswegen lohnt es sich herauszufinden, wie Korruption funktionieren kann. Einen ähnliche Begründung deutet folgendes Zitat an:
Man kann also durchaus unterstellen, dass es bei Anti-Korruption gegen Korruption ein „Arms Race“ gibt. Maßnahmen, die heute Korruption erfolgreich unterbinden, sind morgen vielleicht schon unterlaufen. Beide Seiten müssen Schritt halten. Und nur mit dem Wissen, wie erfolgreich Korruption praktiziert wird, kann sie verhindert werden.
1 Zitiert nach Lambsdorff (2002a): 227.
2 Zitiert nach Bray (2005): 112.
1
1 Einleitung
Ein Nachteil dieser Herangehensweise liegt allerdings darin, dass der Analyse des Dunkelfelds kaum quantitative Daten zur Verfügung stehen und stattdessen oft nur auf anekdotische Evidenz zur Plausibilisierung von Hypothesen zurückgegriffen werden kann. Die Betrachtungen dieser Arbeit werden daher bisweilen etwas spekulativ wirken, denn die empirischen Daten fehlen schlicht, um Argumente zu untermauern. Der Anspruch dieser Arbeit liegt allerdings auch nicht darin, das Dunkelfeld deskriptiv akkurat wiederzugeben. Vielmehr soll aus theoretischer Perspektive aufgezeigt werden, wie Korruption funktionieren und Op-portunismus ausgeschaltet werden kann. Anhand von Beispielen soll zudem belegt werden, dass die Maßnahmen aus der Theorie durchaus auch erfolgreich eingesetzt werden können. Bei der Analyse der Korruption aus Perspektive der Korrupten bietet es sich wie erwähnt an, aus den deutlich werdenden Problemen Konsequenzen für die Anti-Korruption abzuleiten. Die Beschäftigung mit diesen Konsequenzen ist zwar nicht Hauptziel dieser Arbeit, dennoch soll an passender Stelle exemplarisch gezeigt werden, wie sich aus den Abstimmungsproblemen der Korruptionspartner Schwachpunkte ergeben, an denen Staatsanwaltschaft und Anti-Korruption ansetzen können. Die Behandlung von Anti-Korruptionsmaßnahmen wird mithin nicht erschöpfend ausfallen und der interessierte Leser
sei für ausführlichere Übersichten auf andere Quellen verwiesen. 3 Der Aufbau dieser Arbeit gliedert sich wie folgt. Kapitel 2 widmet sich dem Stand der Korruptionsforschung, um die Basis für die Analyse der Korruptionsbeziehung zu setzen. Dazu sollen zunächst Korruption definiert und einige, für die Untersuchung relevante Korruptionsarten unterschieden werden (2.1). Um das Verständnis von Korruption zu vertiefen, werden das Entstehen von Korruption auf der Mikroebene, also aus Perspektive des Subjekts, erklärt und einige hauptsächliche Einflussfaktoren identifiziert (2.2). Im letzten Teil des Kapitels (2.3) wird eine Bewertung der ökonomischen Folgen der Korruption vorgenommen. Diese Bewertung findet insbesondere anhand von empirischen Daten statt. Doch bevor diese präsentiert werden soll ein Abschnitt die Besonderheiten in der empirischen Korruptionsforschung diskutieren (2.3.1), denn die Datengrundlage unterscheidet sich von der üblichen empirischen Forschung und ist somit relevant für die Interpretation und Bewertung der Daten. Das anschließende Kapitel 3 stellt den Hauptteil dar, der sich mit der angesprochenen Beziehung zwischen den Korruptionspartnern beschäftigt. Zunächst soll die Ursache der Unsicherheit in der Korruptionsbeziehung theoretisch rekonstruiert und erklärt werden (3.1). So wird deutlich, warum sich Korruptionspartner oftmals betrügen, d.h. opportunistisch handeln, und warum Korruption nicht viel häufiger stattfindet als es ohnehin schon der Fall ist. Es wird
3 Vgl. Praktikerliteratur: TI (2004) oder KPMG (2006); Wissenschaft: Klitgaard (1988) oder Pies et al. (2005).
2
außerdem erklärt, was grundsätzlich nötig ist, um dieses Dilemma in der Korruptionsbeziehung zu lösen bzw. zu umgehen. Die darauf folgenden Abschnitte (3.2 bis 3.6) stellen mehrere Mechanismen vor, die Korruption stabilisieren können. Wenn vorhanden werden zunächst theoretische Grundlagen aufgearbeitet, die oft nicht aus der Korruptionsforschung stammen, und anschließend auf den Korruptionskontext angewendet. Es folgt jeweils eine Untersuchung, wie diese theoretischen Erkenntnisse konkret umgesetzt werden können. Schließlich werden an passender Stelle einige, kurze Anmerkungen gemacht, wie die Anti-Korruption Schwierigkeiten ausnutzen könnte. Im Zuge des 3. Kapitels wird unter anderem die Rolle von Mittelsmännern bei Korruption beleuchtet und die Bedeutung von legalen Geschäfts- und Freundschaftsbeziehungen für Korruption untersucht. Mögliche Maßnahmen, um das Korruptionsverhältnis zu stabilisieren, werden gefunden in wiederholter Interaktion, in Reputationsaufbau, in dem Austausch von Pfand (bzw. Geiseln), durch vertikale Integration der Korruptionspartner und in Vertragsdurchsetzung durch private Organisationen wie der Mafia. Der letzte Abschnitt des Kapitels diskutiert einen Reformvorschlag, der die Unsicherheit unter den Korrupten ausbeuten soll. Kapitel 4 fasst die Erkenntnisse schließlich zusammen.
In einer ersten Annäherung kann bei dem Begriff „Korruption“ eine passive und eine aktive Bedeutung unterschieden werden. In der passiven Variante, welche hier aber nicht weiter von Interesse sein wird, bezeichnet Korruption körperlichen oder sittlichen Verfall - und wird etwa im Kontext von Wertedebatten verwendet. Stattdessen soll es in dieser Arbeit um Korruption in seiner aktiven Bedeutung gehen, also um den Missbrauch einer Vertrauensposition (d.h. Korruption in der administrativen Sphäre oder im juristischen Sinne). Als Definition folge ich dem Vorschlag von Transparency International: “Corruption is operationally defined as the misuse of entrusted power for private gain”. 4 Dies ist eine recht weit gefasste Definition und beinhaltet Korruption sowohl im öffentlichen als auch privaten Sektor, nach Form beinhaltet sie u.a. Bestechung, Veruntreuung und Nepotismus. Für manche mag sie
nicht weit genug gefasst sein, da etwa noble cause corruption 5 nicht eingeschlossen ist. Andere könnten sie schon für zu weit gefasst halten, denn z.B. auch Shirking könnte darunter fallen. Allerdings wird keine Definition von Korruption kritiklos bleiben können, nicht zuletzt,
4 TI (2010).
5 Beispiel: Ein Bürokrat eines Entwicklungslandes lässt ausländische Hilfsgüter bei einer Katastrophe entgegen der Weisung seiner Vorgesetzten in das Land, um seinen Landsleuten zu helfen. Die Motivation ist damit nicht
persönliche Bereicherung, wodurch noble cause corruption per Definition nicht unter Korruption fällt.
3
2.1 Definition und Arten von Korruption
weil das Phänomen so breit gefächert ist und ihr Verständnis regional divergiert, 6 daher soll es bei dieser, der Aufgabe angemessenen Verbaldefinition bleiben. Unser Verständnis der Korruption wird in Sektion 2.2 durch ökonomische Modellierung weiter präzisiert werden. Zunächst aber werden einige Formen von Korruption unterschieden und erläutert, so dass die vielen Facetten von Korruption deutlicher werden. Erstens wird häufig nach betrof-
fener Ebene in petty corruption und grand corruption unterschieden. 7 Während bei erstgenanntem Korruption unter Bürokraten gemeint ist, beschreibt Letzteres Korruption auf höherer Entscheidungsebene, also bei hochrangigen Politikern oder der Regierung. Zweitens kann es sinnvoll sein, zwischen Belastungskorruption und Entlastungskorruption zu unterscheiden. 8 In korruptiven Beziehungen zwischen Unternehmen und Bürokraten ergibt sich der Name aus der Wirkung von Korruption auf die Unternehmen: Müssen diese im Vergleich zum Fall ohne Korruption mehr als den offiziellen Preis zahlen, so werden sie belastet. Wenn sie dagegen weniger als den offiziellen Preis für die Leistung zahlen müssen, so werden sie entlastet, wobei die Gelder in diesem Fall nicht an den Staat weitergeleitet werden, sondern komplett vom korrupten Bürokraten einbehalten werden. Das ist nützlich zur Korruptionsbekämpfung, denn bei Belastungskorruption haben Unternehmen ein starkes Interesse, Korruption anzuzeigen, was sie zu potentiellen Partnern macht; bei Entlastung hingegen sind sie an Geheimhaltung interessiert, was sie zu Gegnern der Anti-Korruption macht. Eine dritte Unterscheidung gliedert nach Art der Beziehung in situative Korruption und strukturelle Korruption. 9 Ersteres beschreibt spontane Bestechungsversuche aus der Situation bzw. aus aktuellem Anlass heraus. Situative Korruption ist damit durch mangelnde Vorbereitung und sehr kurze Dauer charakterisiert. Beispielhaft hierfür ist der alkoholisierte Fahrer, der in einer Verkehrskontrolle den Polizisten zu bestechen versucht, um seinen Führerschein zu retten. Strukturelle Korruption dagegen ist durch eine auf längere Zeit angelegte Beziehung und Organisation gekennzeichnet. Ein Beispiel ist ein mit der Auftragsvergabe betrauter Bürokrat, welcher der Firma eines Bekannten regelmäßig Aufträge zuspielt. Die Unterscheidung ist für Anti-Korruption relevant, da situative Korruption oft aus unüberlegtem Handeln entsteht und Abschreckung somit ineffektiver sein könnte als bei ihrem Gegenstück.
6 Die Schwierigkeit, eine trennscharfe Definition von Korruption zu finden, hat manche Autoren dazu veranlasst, gänzlich auf eine Definition zu verzichten, vgl. Lambsdorff (2007): 16. Andere dagegen widmen der Diskussion ganze Kapitel. Für ausführlichere Diskussionen vgl. Lambsdorff (2007): 15ff. und Johnston (2005).
7 Vgl. u.a. Lambsdorff (2007): 20 und Rohwer (2009): 42f.
8 Vgl. Pies et al. (2005): 88f. Die gleiche Unterscheidung findet sich schon bei Shleifer/Vishny (1993): 601-4.
9 Vgl. u.a. Höffling (2002): 32ff.
4
Schließlich kann nach der Verbreitung zwischen market corruption und parochial corruption unterschieden werden. 10 Market corruption wird öffentlich und transparent getätigt, also vor allem dort, wo Korruption geduldet und daher stark verbreitet ist. In diesen Extremfällen gibt es kaum Unterschiede zu legalen Märkten für Dienstleistungen; die Korruptionspartner sind austauschbar. Parochial corruption findet dagegen in Heimlichkeit statt und ist kaum marktähnlich. Die Anzahl der potentiellen Partner ist daher beschränkt.
Für eine systematische Analyse von Korruption wird in der ökonomischen Literatur in den
meisten Fällen auf eine Erweiterung der Prinzipal-Agent-Theorie zurückgegriffen. 11 Im klassischen Modell 12 gibt es einen Prinzipal (P), welcher einen Agenten (A) unter den von ihm aufgestellten Regeln für sich arbeiten lässt. Dieses Verhältnis wird als Vertragsverhältnis interpretiert, wobei der Vertrag sowohl explizit (etwa als Arbeitsvertrag) oder implizit („Abmachung“) vorliegen kann.
Die Annahmen des Modells sind 1) egoistische, nutzenmaximierende Akteure, 2) transaktionskostenverursachende Interaktion und 3) imperfekte Information und damit eine Informationsasymmetrie zwischen P und A, d.h. P muss Zeit oder Ressourcen aufwenden, um in Erfahrung zu bringen, ob sein Agent in seinem Sinne handelt. Aus 1) folgt, dass nur Vertragsbindungen zustande kommen, wenn sie für beide von Vorteil sind. Aus 1) und 2) folgt, dass Verträge im Modell unvollständig sind, denn das Antizipieren und Festhalten aller später eintretenden Eventualitäten ist mit prohibitiv hohen Transaktionskosten verbunden. Aus 1) und 3) folgt, dass P seinen Agenten nur soweit überwacht, dass die Kosten der Überwachung geringer sind als der Nutzen aus der Überwachung. Folglich wird sich eine Komplettüberwa-chung von A durch P nicht lohnen. 13 Dies gibt A den nötigen Spielraum für Opportunismus, indem er gegen die Regeln von P zum eigenen Vorteil handelt.
10 Vgl. Husted (1994): 20f. und Lambsdorff (2002a): 222.
11 Alternativ kommt die Rent-Seeking Theorie zum Einsatz. Eine Beschreibung und Kritik dieser Perspektive findet sich bei Lambsdorff (2002c).
12 Vgl. Ross (1973) und insbesondere Jensen/Meckling (1976): 308ff.
13 Kosten und Grenzkosten steigen bei stärkerer Überwachung, während der Grenznutzen abnimmt. Der Nutzen der Überwachung besteht in verhindertem Schaden (z.B. durch Abschreckung korrupter Aktivität). Im Optimum müssen Grenzkosten gleich dem Grenznutzen der Überwachung sein, vgl. u.a. Banfield (1975): 590. Das ökonomisch optimale Ausmaß an Korruption ist damit positiv und nicht null. Diese Einsicht stammt vor allem von Becker (1968), der das optimale Niveau von Kriminalität aus ökonomischer Perspektive herleitete.
5
2.2.2 Entstehung von Korruption - Agenten als Angebotsseite
Hier setzt die Erweiterung des Prinzipal-Agent-Modells an, indem ein dritter Akteur,
der Klient (K), eingeführt wird. 14 A und K können nun zulasten von P ein weiteres Vertragsverhältnis (Korruption) untereinander aufbauen, indem A seine durch P eingeräumten Privile-
gien missbraucht, um K zu begünstigen. K entschädigt A gegebenenfalls für diese Gunst, 15 x x x x x x x womit beide profitieren, während P durch die Verletzung seiner Regeln Schaden nimmt. A verletzt also den ersten Vertrag (z.B. Arbeitsvertrag) und missbraucht seine anvertraute Macht, um den zweiten Vertrag (Korruption) zu erfüllen (siehe Abb. 1). x x x x x x x
Abb. 1: Vertragsbeziehungen zwischen den Akteuren, angelehnt an Pies/Sass (2006): 4 Durch unvollständige Kontrolle wird P - so die Hoffnung der Korrupten - nichts von dem
Vertragsbruch erfahren. 16 Bei Entdeckung der Korruption wird P das Vertragsverhältnis mit A beenden, womit dieser seine direkten Vorteile aus diesem Vertragsverhältnis sowie die Privilegien verlieren wird, mit denen er Nutzen aus Korruption ziehen kann. Darüber hinaus muss er Sanktionen fürchten, von sozialer Herabstufung bis Freiheitsentzug. Damit wird deutlich, dass Heimlichkeit der Korruption im starken Interesse des Agenten liegt - und je nach Land
und Delikt auch im Interesse von K. 17
2.2.2 Entstehung von Korruption - Agenten als Angebotsseite
Die Entstehung von Korruption soll nun auf der Mikroebene, also aus Perspektive des Subjekts (A), erklärt werden. Bei einer binären Entscheidung zwischen Korruption und Ehrlichkeit wird ein Agent gemäß Annahme 1) die Option wählen, die seinen erwarteten Nettonutzen (EU) maximiert. Eine analytisch genauere Definition des Modells wird helfen, einzelne Fak-toren und deren Einfluss auf die Entscheidung für oder gegen Korruption deutlich zu machen. Folgende Variablen aus der Perspektive von A werden verwendet: U H sei der Nettonutzen einer Handlungsoption H; G der Nutzen aus dem Vertragsverhältnis zwischen P und A
14 Die Erweiterung geht auf Banfield (1975): 587 zurück, auch wenn dieser noch von „third parties“ und nicht explizit von Klienten spricht. Weitere Anwendungen z.B. durch Klitgaard (1988): 69ff. und Pies/Sass (2006).
15 Bestechungsleistungen sind natürlich nicht nur auf Geldtransfers beschränkt, sondern können genauso andere Dienstleistungen oder Güter umfassen.
16 Zwischen A und K herrschen ebenso Informationsasymmetrien. Das erschwert Korruption, da der eine nie genau weiß, ob der andere seinen Teil leistet. Damit wird sich Kapitel 3 genauer befassen.
17 Nicht jede Art von Korruption ist für den Klienten illegal, was natürlich auch vom Ort abhängig ist. In Deutschland war bis 1999 Bestechung ausländischer Amtsträger nicht nur legal, sondern die Bestechungsgelder sogar von der Steuer absetzbar, vgl. u.a. Moroff (2005): 454.
6
(z.B. Gehalt); x der Nutzen der Bestechungsleistung von K an A; M(x) die „moralischen Kosten“ der Korruption; M(0) der Nutzen aus Zufriedenheit durch Korruptionsverzicht; S die Kosten der Strafe bei Entdeckung (Geldstrafe, Gefängnisaufenthalt, Reputationsverlust etc.)
und p (0p1) die wahrgenommene Entdeckungswahrscheinlichkeit 18 der Korruption. Abbildung 2 verdeutlicht das Kalkül des Agenten schematisch. 19
Abb. 2: Entscheidungskalkül des Agenten, angelehnt an Klitgaard (1988): 71
Damit A Korruption wählt, muss der erwartete Nettonutzen aus Korruption höher sein als der durch Ehrlichkeit, es muss also gelten [1] p·U C|E + (1íp)·U C|~E > U H , oder explizit: [2] x í M(x) í p·S + (1íp)·G > G + M(0).
Daraus lässt sich die für Korruption notwendige Höhe der Bestechungsleistung x bestimmen: [3] x > M(0) + M(x) + p·S + p·G.
Ungleichung [3] besagt, dass die Bestechungsleistung A kompensieren muss für moralische Kosten der Korruption (die er ja bei Annahme erleidet), moralische Zufriedenheit bei Ehrlichkeit (die A bei Annahme aufgegeben muss), erwartete Kosten der Strafe und für entgangenen Nutzen aus seinem ersten Vertrag (erwartete Opportunitätskosten). Durch Variierung der enthaltenen Variablen können analytisch Maßnahmen zu Anti-Korruption abgeleitet werden. Die Erhöhung der Werte der fünf Variablen auf der rechten Seite führt jeweils zu einer höheren benötigten Bestechungsleistung und verringert somit ceteris paribus das Korruptionsniveau, oder genauer gesagt, macht Korruption teurer. Umgekehrt lässt sich leicht ablesen, welche Faktoren Korruption begünstigen.
M(0) und M(x) sind schwer zu beeinflussen. 20 In Organisationen werden die Werte jeweils gering sein (und somit Korruption fördern), wenn Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl unter den Mitarbeitern schlecht ist. Des Weiteren hat das kulturelle und soziale Umfeld
18 Aufgrund von unvollkommener Information geht nur die von A wahrgenommene Entdeckungswahrscheinlichkeit in das Kalkül ein. Seine Schätzung kann durchaus von der tatsächlichen Wahrscheinlichkeit divergieren.
19 Das Modell ist einfach gehalten, zeigt aber die wesentlichen Faktoren. Es ließe sich noch erweitern mit z.B. Unsicherheit darüber, ob P tatsächlich A bestraft (bzw. ob Korruption vor Gericht nachgewiesen werden kann).
20 “[O]nce [bribery and corruption] become embedded in the firm’s culture, they are not easily reversed” (Hess/ Ford 2008: 331) und “Culture, including the culture of corruption, changes slowly, if at all” (Uslaner 2005: 89).
7
Arbeit zitieren:
Christoph Siemroth, 2010, Contract Enforcement im Schatten des Gesetzes, München, GRIN Verlag GmbH
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