Geschichtlicher Abriss
Bereits früh setzten Menschen chemische Substanzen ein, um den Gegner zu schwächen, zu verletzen und sogar außer Gefecht zu setzen. Der Beginn der Verwendung chemischer Kampfstoffe kann sehr wahrscheinlich auf den 22. April 1915 angesetzt werden. [1] Damals wurde im 1. Weltkrieg durch deutsche Truppen im größeren Maßstab Chlorgas beim Angriff auf Ypern eingesetzt, welches 5000 Todesopfer forderte. [2]
Nach Ende des 1. Weltkriegs drehte sich die Rüstungsspirale unaufhörlich weiter. International setzte eine intensive Suche nach dem optimalen chemischen Kampfstoff ein. Dabei war nicht nur die Toxizität ausschlaggebend, sondern auch ökonomische Gesichtspunkte wie Verfügbarkeit der erforderlichen Ausgangssubstanzen, geeignete Anlagen für eine Massenproduktion, ein etabliertes Herstellungsverfahren und eine ausreichende Anzahl an Arbeitskräften. Allein in Deutschland wurden unzählige Verbindungen auf ihre mögliche Eignung als Kampfstoff untersucht und das, obwohl es der Vertrag von Versailles verbot. [3]
Der Aufstieg des dritten Reiches ermöglichte ein rasches Voranschreiten der Entwicklung solcher chemischer Waffen in Deutschland. Hitlers Politik richtete sich auf den totalen Krieg aus, was die Forschung massiv voran trieb. Mit dem durch Plünderungen und Unterwerfungen erwirtschafteten Geld wurde die Entwicklung von Kriegswaffen, aber auch die von biologischen und chemischen Waffen gestützt.
[4]
Fehlende Arbeitskräfte wurden durch die radikale Rassenpolitik ersetzt und mehr oder weniger kostenlos zur Massenherstellung solcher Waffen gezwungen. Die „minderwertigen“ Bevölkerungsgruppen wurden jedoch nicht nur als günstige Arbeitskräfte genutzt, sondern dienten selbst auch als Versuchsobjekte. Die Medizin und auch das Verständnis für chemischen Waffen wurden
während Konzentrationslager dienten als „geheime Forschungslabore am Menschen.“ Hier wurden die verschiedenen Kampfgase wie Nervengifte, Lungengifte, Hautgifte, Reizgifte und psychotoxische Gifte getestet und die verschiedenen Wirkungen am Menschen dokumentiert. Der wohl bekannteste Gaskammer in Dachau [22] Einsatz von chemischen Kampfstoffen am Menschen,
der gleichzeitig makaber ausgedrückt „zur Entsorgung nicht menschenwürdiger Rassen“ diente, wurde in den Gaskammern von Auschwitz, Birkenau und weiteren Vernichtungslagern durchgeführt. [6]
Chemische Kampfstoffe und deren Wirkung
Die bis heute entwickelten chemischen Kampfstoffe können zur besseren Überschaubarkeit in Klassen eingeteilt werden, welche Aussagen über die chemische Stoffklasse, die Wirkungsweise und den Wirkungsgrad zulassen.
Eine grobe Einteilung findet auf Grund der verschiedenen Anwendungsgebiete statt. Man unterscheidet zwischen Brandstoffen, Nebelstoffen, pflanzenschädigenden chemischen Stoffen und den chemischen Kampfstoffen, zu welchen auch die Reizstoffe zählen. [8]
Im Folgenden werden jedoch nur die chemischen Kampfstoffe und deren Vielfalt, Aufbau und Wirkungsweise genauer betrachtet. Dabei reicht die Spannweite vom harmlosen Tränengas, bis hin zum tödlichen Nervengas, das in wenigen Minuten die betroffene Bevölkerung dahinraffen kann. Augenreizstoffe (0. Ordnung) Weißkreuz:
Diese Reizstoffe greifen die Augen an und können sowohl eine vorrübergehende Schädigung der Augen hervorrufen, als auch zum völligen Erblinden führen.
Zu dieser „schwächsten“ Kampfstoffklasse, die schon seit dem 19. Jahrhundert bekannt ist, zählen Bromaceton, Brom-Methyl-Ethylketon, Chlormethyl-Chloroformiat und
Chloracetophenon. Sie alle haben eine ätzende Wirkung auf die Schleimhäute, führen zu verstärktem Tränenfluss und haben oftmals eine Entzündung der Atemwege zur Folge. [9]
Der heutige Einsatz von Tränengas für polizeiliche Zwecke findet mit o-Chlorbenzyliden- malodinitrilstatt, welches eine „ausreichende“ Wirkung hat und normalerweise keine Langzeitschäden verursacht. [10]
Br
Bromaceton Brom-Methyl-Ethylketon Chlormethyl-Chlorof ormiat Chloracetophenon
Lugenkampfstoffe (1.Ordnung) Grünkreuz:
Sie wirken als Gase oder Dämpfe auf die Lunge ein und führen langanhaltende Vergiftungen oder den Tod herbei.
Darunter fallen z.B. Chlorgas, Phosgen und Diphosgen, welche zu Hustenreiz und Erbrechen führt, aber auch Schwächegefühl und Lungenödeme hervorrufen kann. [8]
Chlorpikrin führt durch seine oxidierende Wirkung zu Verätzungen. Ebenfalls hat seine Aufnahme über die Atmung eine Methylierung von Hämoglobin zur Folge und es kommt zu Gefäßverstopfungen und Organschäden. [11] Auch Blausäureverbindungen, unter anderem das in den Internierungslagern verwendete Zyklon B, können zum Erstickungstod führen. Cyanide sind Inhibitoren der Cytochrom c Oxidase, sie blockieren reversibel die Bindungsstellen für Sauerstoff im aktiven Zentrum, wodurch die Zellatmung zum Erliegen kommt. [12]
Das besonders tückische an diesen Gasen ist die höhere Dichte als Luft, welches ein Ausräuchern der Schützengräben und Bunker ermöglichte.
Cl 2
Chlorgas Chlorpikrin Bromcyan Phosgen Diphosgen Blausäure
Hautkampfstoffe (2.Ordnung) Gelbkreuz:
Es ist schwer sich vor diesen Stoffen zu schützen, da eine einfache Gasmaske nicht vor der Kontamination bewahrt. Das Gift schädigte die Haut massiv und dringt über diese indirekt in den Körper ein um dort eine ebenfalls schädigende Wirkung zu erzielen. Diese aggressive Kampfstoffgruppe hinterlässt Langzeitschäden, wenn sie nicht sogar in kürzester Zeit tödlich ist.
Arbeit zitieren:
Franziska Hofmann, 2007, Chemische Kriegsführung, München, GRIN Verlag GmbH
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