Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Chronologische Einordnung 2
2.1. Das ägyptische Brüdermärchen 2
2.2. Die Josefsnovelle 2
3. Gattungszugehörigkeit 4
3.1. Das ägyptische Brüdermärchen 5
3.1.1. Das Brüdermärchen als Märchen 5
3.1.2. Das Brüdermärchen als Mythos 9
3.2. Die Josefsnovelle 12
4. Schluss 16
5. Literaturverzeichnis 18
1. Einleitung
'LH HLQ]LJH +DQGVFKULIW GHV lJ\SWLVFKHQ %UGHUPlUFKHQV JLOW DOV GDV Ä>«@ älteste, bekannteste, weitesttragende und daher auch [als] das am meisten beachteste und EHKDQGHOWH DOOWlJOLFKH 0lUFKHQ³ 1 Seine Parallelen zur Josefsnovelle im Alten TestamentHLQÄ.OHLQRGKHEUlLVFKHU(U]lKONXQVW³ 2 , sind unverkennbar und wurden deshalb seit der Entdeckung des Brüdermärchens berücksichtigt. 3 Die beiden wichtigsten Parallelen stellen der Bruderzwist bzw. das Verhältnis der Brüder untereinander sowie die unterstellte Vergewaltigung des Protagonisten dar. Beide Motive, vor allem das Potipharmotiv, wurden in den letzten Jahrzehnten des Öfteren analysiert. Daher widmet sich diese Arbeit zwei anderen, aber nicht weniger interessanten, Aspekten der beiden Erzählungen ± der Frage nach ihrer Gattungszugehörigkeit sowie deren chronologischer Einordnung. Zwar wurden beide Themen auch des Öfteren in der Vergangenheit behandelt, konnten aber nie eindeutig geklärt werden.
Die hier vorliegende Arbeit versucht durch Kontrastierung älterer und aktueller Forschungsliteratur einen Einblick in die beiden bis heute diskutierten Problemfelder zu geben. Dem Schwerpunkt dieser Arbeit, der Frage nach der Gattungszugehörigkeit beider Erzählungen, wird eine chronologische Einordnung beider narrativer Texte vorangestellt. Der Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich anhand diverser Definitionen und Ansätze der vergangenen Jahrzehnte mit der Gattungsfrage. Abgerundet wird diese Arbeit durch ein detailliertes Fazit der erarbeiteten Ergebnisse.
Unter den vielen Übersetzungen des Brüdermärchens habe ich mich für die deutsche Übersetzung von Emma Brunner-Traut entschieden. 4 Ferner wird bis zur eindeutigen Klärung der Gattungszugehörigkeit die Josefsgeschichte ± wie im Seminar Lieblings-und Nerverzählungen im Alten Testament besprochen ± als Novelle bezeichnet. Die Erzählung von den beiden Brüdern wird bis zur korrekten Einordnung, dem Großteil der Forschungsliteratur entsprechend, der Gattung Märchen zugeordnet.
1 Brunner-Traut, Emma: Papyrus D´Orbiney. In: Lexikon der Ägyptologie 4 (1982), S. 697.
2 Dietrich, Walter: Joseph/Josephserzählung. In: RGG 4 4 (2001), S. 576.
3 Vgl. Horálek, Karl: Brüdermärchen: Das ägyptische B. In: Enzyklopädie des Märchens 2 (1979), S. 926.
4 Brunner-Traut, Emma: Das Brüdermärchen. In: Altägyptische Märchen (1963).
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2. Chronologische Einordnung
2.1. Das ägyptische Brüdermärchen
Die folgenden beiden Teilkapitel sollen einen Einblick in die Entstehung beider Erzählungen geben. Ferner soll dabei die Frage nach ihrer Abhängigkeit voneinander geklärt werden.
Das ägyptische Brüdermärchen (Papyrus D´Orbiney) ist nach einer Engländerin benannt, die die einzige Handschrift des Brüdermärchens erwarb. 5 Das genaue Jahr des Kaufs bzw. der Erstveröffentlichung schwankt in der gesichteten Literatur um ein Jahr. Während das Lexikon der Ägyptologie das Jahr 1851 angibt, 6 führt die Enzyklopädie des Märchens das Jahr 1852 auf. 7 Die Entstehungszeit wird im Allgemeinen in die 19. Dynastie (ca. 1292-1186 v.Chr.), also in das 13. Jahrhundert v.Chr., datiert. Emma Brunner-Traut engt die Entstehungszeit weiter auf die Regierungszeit von Sethos II. (reg. 1204/1200-1198 v.Chr.) ein, 8 gibt aber zu bedenken, dass es eventuell schon vorher, eventuell in der Armanazeit unter Echnaton/Amenophis IV. (reg. ca. 1353-1336), entstanden sein könnte. 9 Wettengel datiert das Brüdermärchen ebenfalls in die Regierungszeit Sethos´ II. Seine Thesen werden aufgrund ihrer engen Verflechtungen mit mythischen Elementen, der Gattungszugehörigkeit und dem historischen Hintergrund des Märchens in Kapitel 3.1.2 separat behandelt.
Aufgezeichnet wurde das Märchen von dem Schreiber Enene in neuägyptischer Sprache 10 in hieratischer Handschrift. 11 Trotz einiger Schwankungen in der Datierung ist sich die Forschung weitestgehend dahin einig, dass das Brüdermärchen im 13. Jahrhundert v.Chr. aufgezeichnet wurde.
2.2. Die Josefsnovelle
Die Datierung der Josefsnovelle gestaltet sich um einiges schwieriger als die des ägyptischen Brüdermärchens. Für den Entstehungszeitraum des Pentateuchs insgesamt existieren nach Nils-Peter Lemche vier Datierungsmöglichkeiten. Zum einen
5 Vgl. Brunner-Traut: Papyrus D´Orbiney, S. 697.
6 Vgl. ebd.
7 Vgl. Horálek, Karl: Brüdermärchen: Das ägyptische B., S. 926.
8 Vgl. Brunner-Traut, Emma: Papyrus D´Orbiney, S. 697.
9 Vgl. ebd.
10 Vgl. ebd.
11 Vgl. Horálek, Karl: Brüdermärchen: Das ägyptische B., S. 926.
2
das 10. Jahrhundert v. Chr. (Zeit der Vereinigten Monarchie), 12 zum anderen des Ende des 7. Jahrhunderts während der Regierungszeit von König Joschia (reg 639-609 v.Chr.) 13 und die Exilszeit Zeit im 6. Jahrhundert. 14 Aber auch eine Datierung in die Nachexilszeit ist möglich 15 und für Lemche die erste Wahl. 16 Letzgenannter Zeitraum lässt sich nach Gertz bis auf das 4. Jahrhundert v.Chr. ausweiten, die Zeit der persischen Diaspora. 17
Ergo existiert für die Entstehung des Pentateuchs und somit auch der Josefsnovelle ein Zeitraum von ca. 700 Jahren, den es zu konkretisieren gilt. Rainer Albertz 18 datiert die Josefsnovelle, ebenso wie Peter Weimar, 19 in das 8. Jahrhundert v. Chr., also zu keinem der von Lemche genannten Entstehungspunkte, aber in den oben eingegrenzten Zeitraum vom 10. Jahrhundert bis zum ca. 4. Jahrhundert. Walter Dietrich geht einen anderen Weg und teilt die Josefserzählung in eine Grundnovelle, die zeitnah nach der Reichtsteilung 926 v.Chr. (nach Blum) in Nordisrael entstand, und eine Über- und Einarbeitung in den Kontext, die nach dem Untergang des Nordreiches 722 v.Chr. (nach Dietrich) in Juda erfolgte. 20 Gertz legt sich in seinem Werk Grund-information Altes Testament auf keinen Zeitraum fest, sondern führt den Äsalomoni-VFKHQ-µ im 10. Jh. v.Chr. über den nordisraelitischen Königshof des 9. oder 8. Jh. KLQ]XUSHUVLVFKHQ'LDVSRUDGHV-KY&KU³ 21 auf.
Eine Einengung des Entstehungszeitraums kann womöglich über eine Kurzanalyse der Thematik der Josefsnovelle erfolgen. Die Diasporathematik ist aufgrund des Handlungsfeldes im Ausland offensichtlich. Ferner muss der Erzählung ein Zeitraum zugrunde liegen, in der Ägypten im israelitischen Volk ein hohes Ansehen genoss, da in der gesamten Novelle Ägypten nicht negativ beschrieben wird. Die Szene im Haus des Potiphar sei in diesem Zusammenhang ausgeklammert, da sie als späterer Einschub des VGR 1 , des Redaktors der ersten Ausgabe der exilischen Vätergeschichte,
12 Vgl. Lemche, Niels Peter: Die Vorgeschichte Israels. Von den Anfängen bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts v.Chr. (= Biblische Enzyklopädie, Band 1) (1996), S. 213.
13 Vgl. ebd., S. 215.
14 Vgl. ebd., S. 216.
15 Vgl. ebd., S. 217.
16 Vgl. ebd., S. 218.
17 Vgl. Gertz, Jan Chr.: Grundinformation Altes Testament 3 (2009), S. 282.
18 Vgl. Albertz, Rainer: Die Exilszeit. 6. Jahrhundert v.Chr. (= Biblische Enzyklopädie, Band 7) (2001), S. 203.
19 Vgl. Weimar, Peter: Josef, Joseph(us), Iosif 1) Josef der Patriarch, Josefsgeschichte. In: LThK 3 5 (2009), S. 998.
20 Vgl. Dietrich, Walter: Joseph/Josephserzählung, S. 576.
21 Gertz, Jan Chr.: Grundinformation Altes Testament, S. 282.
3
gesehen wird, Ä>«@ um GDV HLQVHLWLJ SRVLWLYH %LOG >«@ YRP lJ\SWLVFKHQ $XVODQG >«@HLQ6WFNZHLW]XNRUULJLHUHQ³ 22 Papyri von der Nilinsel Elephantine legen nahe, dass eine jüdische Siedlung in der Vorperserzeit, also vor 525 v.Chr., stand. 23 Trotz der Fülle an schriftlichen Zeugnissen berichtet keines von ihnen über einen Konflikt mit den ägyptischen Landesherren. Die Hintergründe, die zur Entstehung dieser Kolonie führten, würden den Umfang dieser Arbeit überschreiten. 24 Des Weiteren sind sie für den Kontext dieser Arbeit nicht relevant. Es sei allerdings so YLHO JHVDJW GDVV Ä>]@XP HUVWHQ XQG ELVKHU HLQ]LJHQ 0DO >«@ GDPLW HLQH -DKZH- Glaubensgemeinschaftder persischen Epoche in ihrem Alltags- und Kultleben bekannt geworden [ist], ein religionsgeschichtlich und kulturhistorisch kaum zu über- VFKlW]HQGHV(UHLJQLV³ 25 Für diesen Datierungsvorschlag spricht ebenfalls, dass es Elemente in der Josefsnovelle gibt, die in Ägypten nicht vor der Perserzeit nachzuweisen sind. 26 Bis heute ist die Datierung der Josefsnovelle ungeklärt. Jedoch schlägt der letztgenannte Ansatz einen interessanten Weg ein, den es durch weitere Untersuchungen zu be- bzw. widerlegen gilt.
Festzuhalten ist, dass das ägyptische Brüdermärchen, unabhängig der mannigfachen Datierungsvorschläge der Josefsnovelle, weit vor dieser entstanden ist. Um die Frage der Abhängigkeit beider Erzählungen voneinander zu klären, müssen zunächst noch die Ausführungen Wettengels in Kapitel 3.1.2 berücksichtigt werden. Daher kann eine definitive Aussage zu diesem Aspekt beider Texte erst in Kapitel 3.1.2 erfolgen.
3. Gattungszugehörigkeit
In 3.1 und 3.2 soll die Frage nach der Gattungszugehörigkeit der Josefsnovelle und des Brüdermärchens geklärt werden, da in der Forschung einige Kontroversen zur Bezeichnung beider Erzählungen existieren. Ferner soll diese Analyse anhand einiger Gattungsdefinitionen und Ansätzen hinsichtlich der Wirkungsweise der Erzählung versuchen zu klären, ob überhaupt eine eindeutige Gattungsbezeichnung für beide Texte gefunden werden kann.
22 Vgl. Albertz, Rainer: Die Exilszeit. 6. Jahrhundert v.Chr., S. 203.
23 Vgl. Gertz, Jan Chr.: Grundinformation Altes Testament, S. 284.
24 Vgl. Gerstenberger, Erhard S.: Israel in der Perserzeit. 5. Und 4. Jahrhundert v.Chr. (= Biblische Enzyklopädie, Band 8) (2005), S. 105-107.
25 Ebd., S. 106.
26 Vgl. Lemche, Niels Peter: Die Vorgeschichte Israels, S. 50.
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Florian Fuchs, 2010, Das ägyptische Brüdermärchen und die Josefsnovelle - Gattungsanalyse und chronologische Einordnung, München, GRIN Verlag GmbH
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