Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 3
1 Anthony Giddens 4
1.1 Reflexive Moderne. 4
1.2 Globalisierung. 7
2 Richard Sennett. 9
2.1 Flexibler Kapitalismus. 9
2.2 Charakter 11
3 Vergleichende Analyse. 14
3.1 Gemeinsamkeiten. 14
3.2 Unterschiede 17
4 Schlussbetrachtung. 19
Literaturverzeichnis. 20
2
Einleitung
Wenn die Soziologie sich mit dem inhaltlichen Begriff der Moderne, ihren Ursachen und Konsequenzen beschäftigt, müssen mehrere Fragen gestellt werden, die der Komplexität gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen Rechnung tragen. Bedeutsamer Weise nimmt der Kapitalismus dabei als führende Marktform einen besonderen Platz ein, wenn es darum geht, eine Antwort auf die Lebensführung moderner Gesellschaftlichen zu finden. Es muss gefragt werden, inwiefern kulturelle Lebensgrundlagen zur Etablierung kapitalistischer Grundzüge beigetragen haben und ihre Entstehung bedingten. In rekursivem Zusammenhang damit scheint aber noch viel interessanter zu sein, welche Einflüsse die kapitalistische Wirtschaftsweise auf die gegenwärtigen Lebensformen hat. In welcher Relation prägen die Grundzüge eines weitgreifenden Kapitalismus die kulturellen Elemente einer sich darin bewegenden Gesellschaft? Welche Grade an zwangsläufiger Prägung gegenüber der Kultur muss der kapitalistischen Wirtschaftsweise zugestanden werden? Und an welchen Stellen kann von einer sich unabhängig ereignenden kulturellen Lebensgestaltung gesprochen werden?
Verschiedene Soziologen der Gegenwart haben aus speziellen Positionen heraus sich diesem Fragenkomplex genähert und dabei breit gefächerte Sichtweisen auf die Risiken und Chancen der Moderne geliefert. Ziel der vorliegenden Hausarbeit wird deshalb sein Anthony Giddens und Richard Sennett in ihren Hauptthesen zur Moderne zu beleuchten. In Bezug auf ein Thema des Seminars, inwiefern der Kapitalismus die Kultur unserer heutigen Gesellschaft vorgibt und vereinnahmt, sollen dann ihre Aussagen unter interessierenden Gesichtspunkten vergleichend erörtert werden.
Den Hauptteil bilden die Vorstellung der einzelnen Theorien, ihre Bewertungen der Eingangsfrage und ihre Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede. In der Schlussbetrachtung werden würdigende Kritikpunkte zusammengefasst und dabei auf mögliche Schwachstellen in der Argumentationsstruktur der Theorien angedeutet.
3
1 Anthony Giddens
Anthony Giddens als Vertreter der modernen britischen Soziologie gehört zu den wenigen, international anerkannten Theoretikern, die sich in vielschichtiger Weise mit der Bedeutung der Modernisierung und Globalisierung ausein-ander gesetzt haben 1 . Da für ihn der Beginn der Moderne oft mit dem der Globalisierung einhergeht und beide Prozesse einen bedeutungsvollen Einfluss auf die Identität der Individuen ausüben, sollen sie in diesem Kapitel als Haupttheoreme Giddens' Theorie behandelt werden. Um die gesamtgesellschaftliche Entwicklungstendenz in den letzten Jahrzehnten nachzuvollziehen, wird es zunächst erforderlich sein sich Giddens Begriff der Reflexiven Moderne vor Augen zu führen 2 .
1.1 Reflexive Moderne
Die Reflexive Moderne - auch unter Post-, Spät- oder Hochmoderne bekannt - ist als verschärfte Gesellschaftsentwicklung der Moderne zu verstehen. Hervorgerufen durch eine Radikalisierung der Potentiale der ersten Moderne 3 ist sie durch drei wesentliche Merkmale gekennzeichnet. Die raum-zeitliche Verschiebung, die Entbettung sozialer Systeme sowie Tätigkeiten und die reflexive Beschäftigung des Verhaltens sind jene Elemente, die die überkommenen Verhältnisse auflösen und neu verketten 4 . Die unter makrosoziologischem Gesichtspunkt zu betrachtende Trennung von Raum und Zeit bezeichnet Giddens als „time-space-distantiation“. Sie beinhaltet die im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung wachsende Entfernung sozialer Praktiken von lokalen und temporalen Fixpunkten. Diese Praktiken werden inzwischen über immense Distanzen hinweg reproduziert und bewirken eine unabsehbare Kette von unintendierten Handlungsfolgen 5 . So erweisen sich die hochentwickelten Kommunikationstechnologien, angefangen
1 Vgl. Lamla 2003: 11; Reckwitz 2007: 311
2 Vgl. Giddens, Pierson 1998: 14
3 Vgl. Giddens 1995b: 11
4 Vgl. Weik 1998: 173
5 Vgl. Reckwitz 2007: 325
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bei der Ablösung der Sonnenuhr durch die mechanische Uhr, sowie erweiterte Interaktionsmöglichkeiten als Katalysatoren. Mithilfe dieser werden nun mehr die „leeren“, standardisierten Orte und Plätze trotz unerkennbarer Bedingungen durch entfernt existierende Einflüsse geprägt und mitgestaltet. Nicht weniger wichtig als die weitverbreitete Zeitstrukturierung sind ebenso die entstehenden „symbolische Systeme“ und „Expertensysteme“ als Bedingung für den Prozess der Entbettung sozialer Systeme 6 . Das Herausheben sozialer Beziehungen und die Neustrukturierung über raum-zeitliche Entfernungen hinweg wird durch jene „abstrakten Systeme“ in einer Art begünstigt, die ein tiefgreifendes Vertrauen voraussetzt. Dieses bezieht sich, wenn gleich vom Einzelnen nur partiell abverlangt, vor allem auf technische Grundlegungen der Moderne, die von einer Mehrzahl genutzt werden. Gegensätzlich dazu aber stellen die permanente Reflexion und Beobachtung die Sicherheit bringenden Wissensbereiche in Frage 7 . Die reflexive Aneignung von Wissen verschiebt damit den Stellenwert des praktischen Bewusstseins im Verhältnis zum diskursiven Bewusstsein. Denn ausgehend von der mikrosoziologischen Perspektive wird die Struktur des Akteurs und des Selbst durch sein Streben nach ontologischer Sicherheit beeinflusst. Jedoch durch eine Enttraditionalisierung oder Posttraditionalität, wie Giddens sie beschreibt, entleeren sich Sinnelemente von ihren vorhergehenden Grundlagen 8 . Diese stehen im Zeichen einer „hergestellten“ Unsicherheit. Der Status von Traditionen hat sich auf tiefgreifende Weise gewandelt, ohne dem Traditionenbezug einer Gesellschaft von Grund auf abträglich zu sein. Neue Stellungen in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern, innerhalb einer Familie oder in der örtlichen Gemeinschaft stehen geradezu für ein sogenanntes reembedding sozialer Beziehungen. 9 Diese werden um so nötiger, je mehr sich die heutige Gesellschaft dem Begriff des Risikos bewusst wird. Denn durch die Herausbildung der modernen Industrialisierung ist der Begriff unweigerlich zum Schlagwort von zukunftsorientierten Handeln avanciert. Mit Blick auf die
6 Vgl. Giddens 1995b: 28ff.
7 Vgl. Weik 1998: 173
8 Vgl. Reckwitz 2007: 325ff.
9 Vgl. Beck/Giddens/Lash 1996: 9, 13
5
Zukunft und deren Möglichkeiten, begreift sich die moderne Gesellschaft zu Recht als Risikogesellschaft 10 , in der Kalkulation, logisches Denken, rationales Handeln und abgewägte Entscheidungen als strukturelle Elemente der Selbstbestimmung vorherrschen. Giddens unterscheidet den modernen von dem vormodernen Kapitalismus insofern, als dass erst in der Moderne die Form und der Inhalt eines „hergestellten“ Risikos - in Gegensatz zu einem äußeren Risiko - aufkamen. 11
Was allgemein unter dem Prozess der Moderne verstanden werden kann, wird durch die führenden Merkmale - Kapitalismus, Industrialismus, militärisch stabilisierter Nationalstaat und interne Überwachungskapazitäten - angedeutet. Radikalisiert jedoch kommen diese Ausdrucksformen in der reflexiven Modernisierung zum Ausdruck 12 . Weil der Kapitalismus das dynamischste Moment ist, wird deutlich, in welchem Maße die kapitalistische Mobilisierung der kulturellen Lebensform stattfindet. Sowohl im sozialen Bereich, wenn es um die Gestaltung jeglicher Beziehungen geht, als auch in der kulturellen Dimension (Strukturierung der Freizeit) vollziehen sich die Veränderungen, die anfangs vielleicht nur mit Absichten in Bezug auf die Arbeitswelt und wirtschaftliche Produktionsweisen gedacht wurden. Letztendlich bestätigt Giddens das Bild eines erodierenden Ichs in der Gesamtsituation von Selbstreflexion und Selbstfindung. Der Fakt, dass jeder Einzelne dabei Verantwortung für individuell gewählte Entscheidungen treffen muss, wirkt dabei verstärkend und wurde durch den Risikobegriff bereits angeschnitten 13 .
Die Moderne stellt sich dar als „[...] society - more technically, a complex of institutions - which unlike any preceding culture lives in the future rather than in the 14 . Auf „technischer“ Ebene seien demnach auf die vier institutionellen Di- past“
mensionen der Moderne verwiesen, die die Diskontinuität moderner Gesell-
10Analog dazu betrachten lässt sich der Risikobegriff von Ulrich Beck, wenn gleich Unterscheidungen in
der inhaltlichen Bestimmung gemacht werden müssen. Auch findet sich für Giddens 'Postmoderne' die
ähnliche Formulierung „Zweite Moderne“. Vgl. Beck/Giddens/Lash 1996: 22, 40
11 Vgl. Giddens 2001: 33ff.
12 Auch hier lassen sich entscheidende Ähnlichkeiten zu Beck feststellen. Beck erarbeitet allerdings die
Auswirkungen auf die „individualisierte Form hochmoderner Subjekte“ noch präziser. Vgl. Reckwitz
2007: 333
13 Vgl. Reckwitz 2007: 325ff. 14 Giddens, Pierson 1998: 94
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Arbeit zitieren:
Larissa Voigt, 2010, Kulturelle Werte im Wandel, München, GRIN Verlag GmbH
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