Fairplay im Schulsport 1 1 Einleitung
Es gab Zeiten in unserer jüngeren Geschichte, da wären Themen wie Fair Play und Fair Play Erziehung im Sportunterricht unnötig gewesen, um sich darüber Gedanken zu machen, oder um darüber zu diskutieren. In den 50er und 60er Jahren galten Fair Play im Sport, für den Sportler als selbstverständlich. Das Sporttreiben stand damals im Vordergrund und so musste man sich über die Realisierung im Sportunterricht keine Gedanken machen. Doch ab den 70er Jahren genügten die sozialerzieherisch orientierten Konzepte des Sportunterrichts nicht mehr aus, um Fairness und faires Verhalten ausreichend sichern zu können. Bis heute ist ein massiver Anstieg von Unfairness im Sport und so auch im Schulsport feststellbar. Dies lässt den Ruf laut werden, sich an bewusster Fairnesserziehung und an der Problemlösung zu beteiligen, denn längst ist die Unfairness im Sport zum Existenzproblem für den Sport geworden. Doch was hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert, dass es zu so einem massiven Anstieg der Unfairness kommen konnte. Über diese Veränderungen im Leben und Umfeld der heutigen Jugend werden wir auf den folgenden Seiten genauso vertieft eingehen, wie auf die Auswirkungen und Folgen für den Schulsport und auch für die Sportlehrer und finden eine Antwort auf die Frage, wie der Unfairness im Schulsport zu entgegnen ist. Es wird geklärt, wie Fairnesserziehung im Schulsport umzusetzen ist und mit welchen Methoden und Spielformen Fairness geschult werden kann.
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2 Kindheit in den 50er und 60er Jahren 2.1 Familiäre Lebenswelt in den 50er und 60er Jahren
Die Familienstruktur in den 50er und 60er Jahren lässt sich wie folgt beschreiben. Sind es heute eher Kleinfamilien, bestehend aus drei bis vier Familienmitgliedern, so waren es damals Großfamilien mit bis zu sieben Personen (Rolff & Zimmermann, 1997). Nicht selten waren mehrere Generationen in einem Haushalt untergebracht, sodass das Familienleben von einem gemeinschaftlichen Miteinander geprägt war. Die Aufgabenverteilung in den Familien würde man heutzutage als traditionell bezeichnen. Hierbei war die Mutter sowohl für die Erziehung der Kinder als auch den alltäglichen Haushalt zuständig und der Vater als Hauptversorger für die Ernährung und den Unterhalt. Die Männer waren die Familienoberhäupter und die Frauen ordneten sich dem allgemeinen Wohl in der Familie unter. Die berufliche Selbstverwirklichung der Frauen hatte damals einen recht geringen Stellenwert, da das gemeinsame Familienleben an erster Stelle stand. Daraus resultierte eine sehr niedrige Scheidungsrate. Nicht zuletzt ergaben sich aus der stark autoritären Rolle des Vaters die damaligen Erziehungsziele und -normen (Schmidt, 1997). Die Kinder sollten sich leise und diszipliniert verhalten, wie es im damaligen Familienleben üblich war, denn dies war aufgrund der einfachen und klar strukturierten Verhältnisse von Ruhe und Gelassenheit geprägt. Selbstverständlich waren dabei auch Autorität, Disziplin, Gehorsam, Ordentlichkeit, Sparsamkeit und Fleiß unerlässliche Verhaltensmerkmale. Um diese Normen durchzusetzen, wurden nicht selten harte Strafen angedroht.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass der Grundstein für die Erziehung der Kinder auf eine einfache, klare und behütete Familienstruktur zurückzuführen ist.
2.2 Bewegungswelt in den 50er und 60er Jahren
Aufgrund der eher kleineren Kinderzimmer und der Tatsache, dass sich die Geschwister oft ein Zimmer teilen mussten, wurde die Freizeitgestaltung häufig ins Freie verlegt. Spielen im Freien bedeutete für die Kinder nichts anderes als auf einem großen, uneingezäunten Spielplatz zu toben, sodass die Straße und das nahe Wohnumfeld einen intensiv genutzten Raum darstellten. Künstlich angelegte Spielplätze oder Sportanlagen waren zu dieser Zeit kaum zu finden. Die Kinder
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nutzten einfach den ihnen gegebenen natürlichen Raum wie beispielsweise Büsche zum Versteckspiel oder auch kleine Plätze zum Ballspielen und wählten somit ihre sportliche Tagesgestaltung frei. So erfolgte der Sportzugang auf natürlichem Wege über das Straßenspielen und den Vereinseintritt in Sportverbände. Anders als heutzutage wurden Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt, was den Kindern zusätzlich unbewusste Bewegungszeit ermöglichte. Laut Rolff und Zimmermann (1997) wurde in dieser Zeit nicht weniger gespielt als heute, jedoch mit weniger vorgefertigten Spielsachen. Die Spielgegenstände wurden von den Kindern nach eigenen Vorstellungen selbst gebaut und genutzt. So veranstaltete man Seifenkistenrennen und nutzte Ruinen zum Versteckspielen, kletterte auf Bäume, baute Baumhäuser oder sprang über Bäche. Die Kinder entdeckten und nutzten ihr unmittelbares Wohnumfeld zum Spielen und regelten ihre Spiele selbst. Zeit zum Spielen war aufgrund der damaligen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation genug vorhanden, spielte der Erfolgsdruck für Schule und Beruf doch damals eine geringere Rolle.
2.3 Konsequenzen und Folgen früher
Durch das häufige Spielen mit den Nachbarskindern erlernten die Kinder bereits früh soziale Kompetenzen. Kommunikation, Rücksichtnahme aber auch
Durchsetzungsvermögen waren nötig, um sich in eine Gruppe von Spielgefährten einzufügen. So wurden die Kinder recht früh selbständig und verstanden es, Eigenverantwortung zu übernehmen. Eigene Interessen wurden häufig hinten angestellt um auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht zu nehmen, was allerdings im nächsten Moment auch umgekehrt der Fall sein konnte - man arrangierte sich eben. Der hohe Eigenanteil an der Freizeitgestaltung ermöglichte somit kreative und spielerische Bewegungserfahrungen, die weit über Springen, Laufen und Werfen hinausgingen. Somit waren körperliche Konsequenzen der Kindheit in den 50er und 60er Jahren die gut ausgeprägten koordinativen, motorischen und konditionellen Fähigkeiten, die bei nahezu allen Kindern gleich gut ausgebildet waren. Der Anteil an Bewegung in der damaligen Zeit war aufgrund der Wohnsituation und den Erziehungsziele enorm hoch, sodass der Einstieg in Sportvereine oderverbände lediglich eine Frage der Zeit war. Durch vielfältige selbst erworbene Vorerfahrungen und der damit verbundenen gut ausgebildeten koordinativen und
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konditionellen Basis konnten die Kinder recht schnell den Zugang zu einer Sportart finden und diese durch spezifisches Training verkörpern.
3 Kindheit heute
In den letzten zwei Jahrzehnten kam es zu einem starken Wandel in der gesellschaftlichen sowie demographischen Entwicklung. Somit liegen andere Umwelt- und Lebensbedingungen als in den 50er und 60er Jahren vor, was einen Vergleich erleichtert und natürlich auch aufgrund der veränderten Verhältnisse interessant macht. Zudem fanden innerhalb der letzten 20 Jahre zahlreiche empirische Untersuchungen zu diesem Thema statt, sodass die Unterschiede zur damaligen Zeit klar beleuchtet werden können.
3.1 Familiäre Lebenswelt
Wie man heute weiß, haben sich die familienstatistischen Trends seit den 60er Jahren stark verändert. Bestand die Mehrzahl aller Familien in den USA 1955 noch aus einem erwerbstätigen Vater, einer Mutter als Hausfrau und mindestens zwei Kindern, so sieht man heute folgendes: „Die Eheschließungszahlen sinken, die Scheidungsrate nimmt zu, die Anzahl kinderloser Ehen ebenfalls, eine statistische Zunahme der unverheiratet zusammenlebenden Paargemeinschaften ist zu verzeichnen, die Anzahl alleinerziehender Eltern wächst, und heutige Kinder wachsen vermehrt ohne Geschwister auf.“ (Rolff & Zimmermann, 1997, S. 16). Auch die Rollenverteilung innerhalb der Familie hat sich verändert. Mehr als 50% der Mütter sind erwerbstätig. Durch das Streben nach Unabhängigkeit und der Selbstverwirklichung der Frauen im Beruf zeigte sich 1992, dass 50% aller Kinder im Vorschul- und Schulalter in Familien aufwachsen, in denen die Eltern tagsüber kaum zu Hause sind. Hierbei lässt sich auch feststellen, dass die Erwerbstätigkeit der Mutter mit der Anzahl ihrer Kinder zusammenhängt, so kann sie doch bei einer geringeren Anzahl eher im Beruf tätig sein, als dann wenn mehrere Kinder im Haus sind. 1992 lebten 51,5% aller Familien mit nur noch einem Kind, was einen klaren Trend zur Ein-Kind-Familie aufzeigt. Mittlerweile gibt es viele verschiedene Formen des Zusammenlebens von Kindern mit Erwachsenen. Die klassische Familie wird heute immer mehr durch Alleinerziehende, Stiefeltern, Unverheiratete, Pflegefamilien oder Scheidungsfamilien ersetzt. Laut Schmidt (1997) werden etwa zwei Millionen Kinder bis zum Alter von zehn Jahren sowohl in der Familie als auch in der Schule
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hauptsächlich von weiblichen Bezugspersonen erzogen, was natürlich auch Folgen bezüglich der autoritären Erziehung hat. Schmidt (1997) stellt außerdem fest, dass private Unterschiede in der Familienstruktur auch durch die Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verstärkt werden. Das Phänomen der Massenarbeitslosigkeit führt dazu, dass eine soziale Ungleichheit zunimmt, die sich vor allem auf die Ein-Elternteil-Familie auswirkt. So spüren gerade Kinder alleinerziehender Mütter eine materielle Benachteiligung in einer auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft. Durch diese Faktoren kommt es zu einer Kindheit, die durch das instabile familiäre Umfeld von Angst, Unsicherheit und Benachteiligung geprägt ist.
Die aus diesen Familienstrukturen resultierenden Erziehungsziele und -normen sind vor allem Selbstständigkeit, mehr Verständnis und Gleichberechtigung, Lernerfolg in der Schule sowie das Erreichen eines möglichst hohen Bildungsniveaus. Viele Eltern sehen weniger das zufriedene Kind, sondern das perfekte Kind als Ziel. Von klein auf ist die Erziehung des Kindes „expertisiert“ (Rolff & Zimmermann, 1997, S. 113), bilden doch Kindergrippen, Hausaufgaben- oder Lerngruppen und organisierte Freizeitangebote den Kinderalltag. In diesen Institutionen werden die Kinder von Experten wie Pädagogen, oder Erziehern betreut, die die Rolle der Eltern übernehmen. In diesem Zusammenhang wird auch oft von einer Karrierekindheit (Brinkhoff, 1997) gesprochen, wird doch die kindliche Entwicklung schon früh nach einem auf Erfolg ausgerichteten Berufsweg gestaltet. Wegen der Berufstätigkeit der Eltern und der damit fehlenden Kontrolle durch diese erfolgt das Handeln der Kinder mehr durch Selbstkontrolle und Selbstständigkeit.
Durch den perfekt organisierten Kinderalltag fehlt den Kindern heutzutage das Spielen auf der Straße, sodass Freundschaften und soziale Kontakte fast ausschließlich in der Schule geknüpft werden. Die wachsende Selbstständigkeit der Kinder führt dazu, dass sie immer mehr als gleichberechtigte Partner der Eltern angesehen werden. Normen wie Gehorsam und Disziplin verlieren somit an Bedeutung, weshalb man eher von einer Beziehung statt Erziehen und einem Verhandeln statt Befehlen sprechen kann (Schmidt, 1997).
Arbeit zitieren:
Florian Schwarze, Ole Röhrenbeck, 2010, Fairplay im Schulsport, München, GRIN Verlag GmbH
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