1. Bedeutung und Gebrauchsgeschichte des Begriffs „arisch/Arier“
1.1 Herkunft und ursprüngliche Bedeutung des Begriffes
In der Literatur 1 existiert eine Vielzahl umfangreicher und weniger umfangreicher Definitionen zum Begriff „Arier“. Eine relativ umfangreiche Definition, die Aspekte verschiedener anderer Definitionen mit einschließt, findet sich im Meyers Lexikon online, weshalb diese Definition Ausgangspunkt der Arbeit sein soll:
Ari|er [altindisch arya »der Edle«], die Völker, die eine der arischen Sprachen
(indogermanische Sprachfamilie) sprechen. Arier nannten sich ursprünglich indogermanische Adelsgruppen in Vorderasien und Indien. Von der europäischen Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts wurden die zunächst rein
sprachwissenschaftlichen Begriffe »Arier« und »arisch« zeitweise den Begriffen »Indogermanen, indogermanisch« gleichgesetzt; in Anthropologie und Rassenkunde nahmen sie allmählich die Bedeutung »Angehörige der nordischen Rasse«, schließlich im Nationalsozialismus in willkürlicher und falscher Einengung die Bedeutung »Nichtjuden« an. 2
Im folgenden Kapitel soll auf diese Definition näher eingegangen werden und es sollen einige historische und z.T. auch politische Zusammenhänge, die sich aus dem Begriff ergeben, aufgezeigt werden.
Zuerst taucht das Wort „Arier“ in Verbindung mit prähistorischen Nomaden auf. Diese beginnen sich im 3. Jtd. v. Chr. von ihrer Urheimat in den Steppen westlich des Urals in die zentralasiatische Steppe, nördlich des kaspischen Meers und des Aralsees, auszubreiten. Während dieser Ausbreitung spalten sie sich in einen indischen und einen iranischen Zweig. 3 Die Mitglieder der ersten Gruppe werden Indo-Arier genannt, während die der zweiten Gruppe als Irano-Arier bezeichnet werden. 4 Im 2. Jtd. v. Chr. wanderte der indische Zweig der Arier weiter über den Hindukusch nach Nordwestindien, wo er schließlich auf die Harappa-Kultur traf. 5 Dieser Zweig sprach Vedisch. Für die iranischen Arier wird die Einwanderung hingegen auf das 11. -
1 Vgl.Duden, Brockhaus: Lemma: Arier.
2 Meyers Lexikon Online: Lemma: Arier am 07.11.08, 13:23 Uhr.
3 Vgl. Duden, Lemma: Arier.
4 Vgl. Ebd., Lemma: Arier.
5 Vgl. Kulke, Rothermund, S.44.
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10. Jh. v. Chr. datiert. 6 Die iranischen Arier gelten als die Vorfahren der heutigen Perser, Paschtunen, Kurden und Belutschen.
Die Migration konnte für den indischen Zweig der altindischen heiligen Schrift der Veden entnommen und bestätigt werden und für den iranischen Zweig waren die altpersischen heiligen Schriften des „Avesta“ prüfende Quellen der Migration. 7 Damit bezeichnete der Begriff „Arier“ zunächst allein die Angehörigen der Völker des indo-iranischen Zweiges der indogermanischen Sprachfamilie. Es handelte sich um eine Selbstbezeichnung, die aus dem Sanskrit (arya = Edler) übernommen wurde. 8 Bis heute werden mit den „arischen Sprachen“ die iranische und die indische Sprache bezeichnet. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Selbstbezeichnung als ethnographischer Fachterminus entlehnt. 9 Bereits 1819 nutzte Schlegel das Adjektiv „arisch“ um die arische Sprache, die Zendsprache, zu bezeichnen. Durch die Annahme, dass das Sanskrit als Ursprache von entscheidender Bedeutung ist, wurden die Bezeichnungen „arisch“ und die „arische Sprache“ auf das „Indogermanische“ ausgedehnt. 10
1.2 Rassentheorien des 19. Jahrhunderts
In der Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet Friedrich Max Müller den Begriff „Arier“ erstmals als Bezeichnung für eine indo-europäische Sprachgruppe. 11 Entsprechend nennt er die Angehörigen dieser Sprachgruppe „arische Rasse“. Diese Bezeichnung wird von Wissenschaftlern und Schriftstellern aufgegriffen und vergröbert. In Folge dessen entstehen Rassentheorien, welche die Grundlage für das im Nationalsozialismus konstruierte, pseudowissenschaftliche Konstrukt „Arier“ darstellen. 12 Zu den wichtigen intellektuellen Wegbereitern gehören der französische Diplomat und Schriftsteller Arthur de Gobineau, der in seinem Werk „Theorie der Ungleichheit der Menschenrassen“ von 1855 eine Kategorisierung in sogenannte „höhere“ und „niedere“ Rassen vornimmt: Den „Arier“, zu welchem hellhäutige Menschen nordischer Abstammung gehören, ordnet er der höheren Rasse zu und sieht in ihm den
6 Vgl. ebd., S, 44.
7 Vgl. ebd, S. 45.
8 Vgl. Meyer, Lemma: Arier.
9 Vgl. Schmitz-Berning, S. 54.
10 Vgl. ebd, S. 54.
11 Vgl. Schmitz-Berning, S. 54.
12 Vgl. ebd., S. 54.
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Kulturträger, der Moral und Anstand verkörpert. Niedere, dunkelhäutige Rassen, zu denen er damals noch nicht die Juden zählt, sind zur Knechtschaft bestimmt. 13 Gobineau sieht in der fortschreitenden Rassenmischung eine Gefahr für die Überlegenheit der arischen, weißen Rasse. Aus der Bezeichnung einer Sprachgruppe wird damit das pseudowissenschaftliche Konzept einer völkischen Urrasse konstruiert, das den Nationalsozialisten später als Grundlage für ihre rassekundlichen Theorien dient. 14 Der britische Publizist Houston Stewart Chamberlain greift in seinem Werk „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ Gobineaus Grundsätze auf und ergänzt sie um sozialdarwinistische 15 Vorstellungen vom Überleben der Stärkeren, in welchem sich die höheren und die niederen Rassen, dem Prinzip einer natürlichen Auslese folgend, in einem ständigen Überlebenskampf gegenüberstehen. 16 Weder Gobineaus noch Chamberlains Theorien des „arischen“ Menschen sind naturwissenschaftlich fundiert, sondern vielmehr geisteswissenschaftliche Konstrukte, wie Klemperer es später auch in der LTI betont: „Die Konstruktion des arischen Menschen wurzelt in der Philologie und nicht in der Naturwissenschaft.“ 17
Die Vorstellung von einer völkischen Urrasse wird zu dieser Zeit mythisch und religiös überhöht und sorgt dadurch für eine intensive Rezeption der völkischen Bewegung. So stellt Theodor Fritsch 1888 im „Centralorgan der deutschen Antisemiten“ Christi als arischen Abkommen dar, was die Dichotomien christlich /arisch und jüdisch/nichtarisch etabliert. Die christliche Lehre wird hier als Protest gegen das vernunft- und sittenlose Semitentum gesehen. 18
Die 1918 gegründete ‚Thule-Gesellschaft’, eine Vorläuferorganisation der NSDAP, verbreitet die falsche Vorstellung einer legendären Geburtsstätte der „arischen Rasse“ein Mythos der bis heute in rechtsextremen Kreisen gegenwärtig ist. 19
13 Vgl. ebd., S. 55.
14 Vgl. ebd., S. 55.
15 Im „Sozialdarwinismus“ werden fälschlicherweise einseitige Beobachtungen aus dem Tierreich auf die menschliche Gesellschaft übertragen, d.h. deren Entwicklung wird als Folge natürlicher Selektion gesehen, in welcher der Stärkere überlebt (abgeleitet von der Evolutionstheorie Charles Darwins).
16 El-Tayeb, S. 22.
17 Klemperer, Victor: „LTI“, Reclam, Taschenbuch. Stuttgart, 1997, S. 187.
18 Vgl. Polenz: S. 55.
19 Historisches Lexikon Bayerns: „Thule Gesellschaft“. [http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44318], am 02.03.09, 12:09 Uhr.
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1.3 Gebrauch des Begriffs im Dritten Reich
Der Begriff „Arier“ entwickelt sich im Dritten Reich zu einem Ideologiewort, dass in erster Linie durch Hitlers Ausführungen in „Mein Kampf“ bestimmt ist. 20 Die völkisch antisemitische Tradition sowie die Rassentheorien des 19. Jahrhunderts - vor allem der Sozialdarwinismus Chamberlains -, dienen Hitler als Grundlage für seine Erschaffung des Juden als Feindbild schlechthin:
Menschliche Kultur und Zivilisation sind auf diesem Erdteil unzertrennlich gebunden an das Vorhandensein des Ariers. [...] Wer die Hand an das höchste Ebenbild des Herrn zu legen wagt, frevelt am gütigen Schöpfer dieses Wunders und hilft mit an der Vertreibung aus dem Paradies. Damit entspricht die völkische Weltanschauung dem innersten Wollen der Natur, da sie jenes freie Spiel der Kräfte wiederherstellt, das zu einer dauernden gegenseitigen Höherzüchtung führen muß, bis endlich dem besten Menschentum dem erwobenen Besitz dieser Erde freie Bahn gegeben wird zur Betätigung auf Gebieten, die teils über, teils außer ihr liegen werden. Wir alle ahnen, dass in ferner Zukunft Probleme an den Menschen herantreten können, zu deren Bewältigung nur eine höchste Rasse als Herrenvolk, gestützt auf die Mittel und Möglichkeiten eines ganzen Erdballs berufen sein wird. 21
Die Schlüsseldichotomie deutsch/arisch, jüdisch/nichtarisch ist somit geschaffen und bestimmt den Begriff „Arier“ und dessen Gebrauch im Alltag. In der „Erste(n) Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, vom 11. April 1933, nach welchem jüdische Beamte pensioniert werden sollen, werden Deutsche explizit als Arier, Juden explizit als Nichtarier bezeichnet:
Als nicht arisch gilt, wer von nicht arischen, insbesondere jüdischen Eltern oder Großeltern abstammt. Es genügt, wenn ein Elternteil oder ein Großelternteil nicht arisch ist. Dies ist insbesondere dann anzunehmen, wenn ein Elternteil oder ein Großelternteil der jüdischen Religion angehört hat. 22
20 Vgl. ebd.
21 Hitler, Adolf: „Mein Kampf“, S. 421 f., zitiert nach Polenz (1999), S. 56.
22 DocumentArchiv.de: „Erste Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Vom 11. April 1933“.
[http://www.documentarchiv.de/ns/1933/berufsbeamtentum_vo01.html], am 01.03.09, 13:05 Uhr.
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Arbeit zitieren:
Anica Petrovic-Wriedt, 2009, Zur Bedeutungs- und Gebrauchsgeschichte des Begriffs „Arier/arisch“ und zur Stellung des Begriffspaares „Arier/arisch“ in der LTI, München, GRIN Verlag GmbH
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