Personalisierung, Präsidentialisierung,
Amerikanisierung?
Zur Entwicklung von Kandidatenorientierungen
Inhalt
Abbildungsverzeichnis. 2
1 Einleitung 3
2 Theoretische Grundlagen 4
2.1 Das sozialpsychologische Modell des Wählerverhaltens 4
2.2 Kandidatenorientierungen und Rationalität - ein Widerspruch? 7
3 Zur Personalisierungsdiskussion 9
3.1 Entwicklung der Personalisierungsdiskussion in Deutschland 9
3.2 Abgrenzung: Personalisierung, Präsidentialisierung, Amerikanisierung 10
4 Kandidatenorientierungen in Deutschland und den USA 12
4.1 Vorüberlegungen und Hypothesenbildung 12
4.1.1 Institutioneller Kontext in Deutschland und den USA 12
4.1.2 Methodik und Datenlage 14
4.1.3 Prämissensetzung und Forschungshypothesen. 16
4.2 Entwicklung der Kandidatenorientierungen von 1972 bis 2000 17
4.2.1 Entwicklung der Parteiidentifikation. 17
4.2.2 Globale Personalisierung 20
4.2.3 Spezifische Personalisierung 25
5 Fazit 29
6 Literatur 32
1
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Der funnel of causality oder Kausalitätstrichter
(Quelle: nach Dalton , 2001)..................................................................... 5 Abbildung 2: Das sozialpsychologische Modell des Wählerverhaltens
(Quelle: nach Asher, 1983) ...................................................................... 6 Abbildung 3: Prozentualer Anteil der Personen, die sich mit einer der beiden Volksparteien stark identifizieren
Abbildung 4: Anteil der Personen mit starker Parteiidentifikation, die jene
Abbildung 5: Die Erklärungskraft der Kandidatenorientierung für das Wählerver-
Abbildung 6: Vorschlag eines Kontinuums zur Erfassung des Kandidatenimages ...... 28
2
1 Einleitung
Die drei letzten Bundestagswahlen - 1994, 1998 und 2002 - scheinen eines eindeutig bewiesen zu haben: die Politik in Deutschland wird zunehmend personalisiert. Die Wahlplakate von 1994, auf denen nur noch Helmut Kohl und kein CDU-Label mehr zu sehen war, die 10 Gründe, die Gerhard Schröder 1998 für eine SPD-Wahl nannte und von denen der letzte schlicht „Helmut Kohl“ lautete, die ersten TV-Duelle der beiden Kanzlerkandidaten in der deutschen Fernsehgeschichte bei der Wahl 2002 - dies alles scheint für viele Beobachter nur einen gültigen Schluss zuzulassen: die letzten zehn Jahre stehen für eine Transformation der Bundestagswahlen zu Kanzlerwahlen. Die Gründe hierfür liegen für viele Analysten auf der Hand: Oft ist von einem Übergreifen der viel diskutierten „Amerikanisierung“ der deutschen Gesellschaft nun auch auf die deutsche Politik zu hören. Ein deutliches Indiz hierfür seien die immer mehr auf die Kanzlerkandidaten zugeschnittenen Wahlkampagnen. Auch der gestiegene Einfluss einer großteils stark personalisierten Fernsehberichterstattung, insbesondere der Privatsender, wird häufig als naheliegende Erklärung herangezogen. Hier würden mehr und mehr oberflächliche und politisch nicht relevante Kriterien wie Äußerlichkeiten und Privatleben betont. Was jedoch bei diesen Analysen häufig vernachlässigt wird: entschieden werden Wahlen noch immer von den Wählern und deren Vorstellungen von politischer Relevanz. Ob sich diese von den Veränderungen beeinflussen lassen, die viele Analysten bei Wahlkampagnen und Medienberichterstattung beobachten, ist eine Frage, die für sich steht und auch für sich geklärt werden muss. Ob die Entwicklungen der letzten Jahre automatisch eine zunehmende Angleichung an das amerikanische Wählerverhalten bedeuten, ist ebenfalls keineswegs selbstverständlich.
Die Politikwissenschaft hat sich folgerichtig in den letzten 20 Jahren immer eingehender mit dem Einfluss von Spitzenkandidaten auf die Wahlentscheidung beschäftigt, nachdem dieser für Jahrzehnte vernachlässigt wurde. Zuerst v.a. in den USA und seit einigen Jahren verstärkt auch in Deutschland versucht man nun, die vorhandene Forschungslücke Stück für Stück zu schließen. Mittlerweile liegt deshalb eine Reihe von Forschungsergebnissen vor, die die Untersuchung folgender Fragen ermöglicht:
3
(1) Wie hat sich der Einfluss von Kanzlerkandidaten und ihren Images auf die Wahlentscheidung in Deutschland entwickelt? (2) Wie ist der Einfluss von Prä-sidentschaftskandidaten und ihren Images auf die Wahlentscheidung in den USA zu beurteilen? (3) Stellen die Veränderungen in Deutschland eine eigene Entwicklung dar oder ist eine Annäherung an amerikanische Verhältnisse zu beobachten, die deshalb auch als „Amerikanisierung“ beschrieben werden kann?
Nach einer Erläuterung der zugrundeliegenden Theorien und einem Überblick über die deutsche Personalisierungsdiskussion mit einigen nötigen Begriffsklärungen werden hierfür kurz die wichtigsten institutionellen Unterschiede beider Länder dargestellt. Im Anschluss an eine Besprechung der wichtigsten Datenquellen werden dann Forschungsprämissen und -hypothesen aufgestellt, um auf dieser Grundlage beide Länder einer eingehenden Analyse zu unterziehen.
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Das sozialpsychologische Modell des Wählerverhaltens
Anders als im ältesten Paradigma der Wählerforschung, den soziologischen Ansätzen von Lazarsfeld 1 und Berelson 2 bzw. Lipset und Rokkan 3 , das Gruppenbindungen als Hauptbestimmungsgrund der Wahlabsicht postuliert, sind im sozialpsychologischen Konzept von Campbell u.a. 4 bereits explizit Kandidaten-orientierungen als einer von drei bestimmenden Faktoren der Wahlentscheidung berücksichtigt. Die Wahlentscheidung wird in diesem - häufig auch als Ann Arbor- oder Michigan-Modell bezeichneten - Ansatz durch das Zusammenwirken eines dominierenden Langzeiteinflusses, der Parteiidentifikation, mit zwei Kurzfristfaktoren, den Themen- und den Kandidatenorientierungen (vgl. Abb. 2), erklärt 5 .
1 Lazarsfeld u.a. (1968)
2 Berelson u.a. (1954)
3 Lipset/Rokkan (1967)
4 Campbell u.a. (1960)
5 Anm. d. Verf.: Da das Ann Arbor-Modell ursprünglich für die USA entwickelt wurde, stellt sich natürlich die Frage nach der Übertragbarkeit auf andere, insbesondere parlamentarische Systeme wie das der BRD. So stellt Gabriel (1997), S. 239 fest: „Mit Problemen bei der Datenerhebung und -interpretation ist vor allem dann zu rechnen, wenn man die verschiedenartigen Bedingungen diesseits und jenseits des Atlantiks ignoriert und das Michigan-Modell unreflektiert auf deutsche Verhältnisse überträgt.“ Er fügt jedoch hinzu: „Die meisten Untersuchungen beja-
4
Abbildung 1: Der funnel of causality oder Kausalitätstrichter (Quelle: nach Dalton , 2001)
Dabei kann der gesamte Verursachungsprozess mit einem Trichter, dem sogenannten „funnel of causality“ 6 verglichen werden (vgl. Abb. 1), an dessen Spitze die Wahlentscheidung und - kausal unmittelbar vorgelagert - die drei oben genannten Einflussfaktoren stehen. Diese befinden sich alle auf der Ebene der subjektiven Wahrnehmung des Wählers. Der Fokus verschiebt sich somit gegenüber dem soziologischen Modell von der Makro- auf die Mikroebene. Explizit untersucht werden nur noch vom Wähler als relevant betrachtete Wahrnehmungen. So wird, nach Falter, die „Identifikation mit einer sozialen Gruppe bedeutsamer als die tatsächliche Gruppenmitgliedschaft“ 7 . Soziologische Be-standteile der Makroebene wie z.B. sozioökonomische Bedingungen und Gruppenbindungen, die im Kausalitätstrichter der Parteiidentifikation vorgelagert
hen die Frage nach der Relevanz des [...] Konzepts für die Erklärung des Wählerverhaltens in der Bundesrepublik Deutschland.“ Für diese Arbeit wird im Folgenden deshalb ebenfalls von der Übertragbarkeit des Modells auf Deutschland ausgegangen.
6 Campbell u.a. (1960), S. 24f
7 Falter u.a. (1990), S. 9
5
sind, werden als gegeben angesehen und nicht weiter untersucht. Dies wird durch die Annahme möglich, dass all diese Einflüsse sich letztlich in der Parteiidentifikation bündeln und so - indirekt - ebenfalls berücksichtigt werden. Die Parteiidentifikation ist als „länger andauernde, gefühlsmäßig tief verankerte Bindung des einzelnen an eine bestimmte Partei“ 8 zu verstehen, was ihre Ein-ordnung als langfristigen Einflussfaktor erklärt. Zur Veranschaulichung ihrer Bedeutung wurde von Converse 9 das Bild der „psychischen Parteimitgliedschaft“ eingeführt, Klingemann/Taylor 10 bezeichneten sie auch als „Sammelkonto“ der individuellen Bewertung der von den politischen Parteien betriebenen Politik. Die Parteiidentifikation wird nach Campbell u.a. im Allgemeinen bereits während der politischen Sozialisation eines Wählers im Elternhaus erworben und ein Leben lang beibehalten. Ihre Wirkung 11 bezieht sich zunächst direkt auf die Bereitschaft zur Wahlbeteiligung und zur Stimmabgabe für eine bestimmte Partei. Zusätzlich erfüllt sie jedoch eine Filterfunktion bei der Wahrnehmung der politischen Wirklichkeit und der Bewertung politischer Objekte, d.h. von Themen und Kandidaten (vgl. Abb. 2).
Themen- und Kandidatenorientierungen wirken ihrerseits auf die Parteiidentifikation ein. Stimmen bei einer Wahl alle drei Faktoren überein, wird die Parteiidentifikation weiter gefestigt. Kommt es hingegen trotz des Wahrnehmungsfil- 8 Falteru.a. (1990), S. 9
9 Converse (1969), S. 144
10 Klingemann/Taylor (1977), S. 340
6
ters wiederholt zu inkonsistenten Themen- und/oder Kandidatenorientierungen, kann die Parteiidentifikation dadurch langfristig verringert und im Extremfall sogar gewechselt werden. Weiterhin bestehen Wechselwirkungen zwischen Themen und Kandidaten, da beide selten für sich stehen (vgl. Abb. 2). Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die meisten Wähler nicht vor einer völlig offenen Entscheidungssituation stehen, sondern längerfristig begründete Vorlieben und Abneigungen gegenüber den zur Wahl stehenden Parteien mitbringen, die gemeinsam mit den jeweils nur für die anstehende Wahl gültigen Kandidaten und Problemorientierungen die individuelle Wahlentscheidung bestimmen.
2.2 Kandidatenorientierungen und rationale Wähler - ein Widerspruch? Wie in der Einleitung bereits erwähnt, ist die Kandidatenorientierung bisher von allen Komponenten des Ann Arbor-Modells am wenigsten erforscht 12 . In parlamentarischen Systemen verwundert diese Tatsache zunächst kaum, wohl aber im stark personenzentrierten präsidentiellen System der USA. Grund dafür sind die normativen demokratietheoretischen Vorstellungen vom rationalen Wähler, die v.a. in den USA durch einen stark dominierenden Teil der politikwissenschaftlichen Forschung vertreten werden. Diesen Vorstellungen liegt die Rational Choice-Theorie von Anthony Downs 13 zu Grunde, die neben dem soziologischen und sozialpsychologischen Modell zu den prägenden Ansätzen der Wäh-lerforschung zählt.
Die Rational Choice-Theorie, oder genauer: die rationalistische Theorie des Wählerverhaltens, geht u.a. von der Annahme aus, dass Wähler und Parteien sich rational verhalten, d.h. durch ihre Wahlentscheidung bzw. die Ausrichtung ihrer Partei ihren (politischen) Nutzen zu maximieren versuchen. Diesen stellt für Parteien der Wahlerfolg, für Wählern die Umsetzung der vom Wähler bevorzugten Maßnahmen durch die Regierung dar. Zudem agieren die Wähler als Kostenminimierer, d.h. sie versuchen, ihre Ressourcen (z.B. Zeit, Geld) möglichst zu schonen. So wird insgesamt, wie in Theorien zur freien Marktwirtschaft
11 vgl. Gabriel (1997), S. 236
12 vgl. Gabriel (1997), S. 234
13 Downs (1957)
7
Arbeit zitieren:
Jan Kercher, 2003, Personalisierung, Präsidentialisierung, Amerikanisierung? Zur Entwicklung von Kandidatenorientierungen und Wählerverhalten in Deutschland im Vergleich zu den USA, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Personalisierung als Mittel der Darstellung politischer Prozesse
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Emotionale Erlebniswerte in der internationalen Werbung
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Diplomarbeit, 118 Seiten
Regulierung, Deregulierung und Privatisierung in marktwirtschaftlich o...
VWL - Makroökonomie, allgemein
Seminararbeit, 26 Seiten
Aspekte sozialer Integration und Desintegration durch Medien am Beispi...
Soziologie - Kinder und Jugend
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Soziale Funktionen von Massenmedien - ein Siegeszug gegen die Einsamke...
Medien / Kommunikation - Forschung und Studien
Hausarbeit, 22 Seiten
Das Priming-Konzept in 'Agenda-Building, Agenda-Setting, Priming, ...
Medien / Kommunikation - Forschung und Studien
Hausarbeit, 16 Seiten
Mediale Kriegsvorbereitung - die USA vor dem 3. Irak-Krieg
Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation
Hausarbeit, 34 Seiten
Die Rolle der öffentlichen Meinung im Krieg am Beispiel des Dritten Go...
Soziologie - Krieg und Frieden, Militär
Referat (Ausarbeitung), 13 Seiten
Parteitage als politische Showbühnen. Ein Beitrag über die Inszenierun...
Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Amerikanisierung bundesdeutscher Wahlkämpfe
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit, 19 Seiten
Politik und Puritanismus in den USA: 17. Jahrhundert und heute
Hausarbeit, 12 Seiten
Die Amerikanisierung der politischen Kommunikation als Megatrend in Bu...
Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation
Seminararbeit, 17 Seiten
Weltbild und Literatur – Motivation für das Interesse an der Welt am B...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche: neuer Titel erschienen: Personalisierung, Präsidentialisierung, Amerikanisierung? Zur Entwicklung von Kandidatenorientierungen und Wählerverhalten in Deutschland im Vergleich zu den USA
Jan Kercher's Text Personalisierung, Präsidentialisierung, Amerikanisierung? Zur Entwicklung von Kandidatenorientierungen und Wählerverhalten in Deutschland im Vergleich zu den USA ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Jan Kercher hat den Text Personalisierung, Präsidentialisierung, Amerikanisierung? Zur Entwicklung von Kandidatenorientierungen und Wählerverhalten in Deutschland im Vergleich zu den USA veröffentlicht
Steuerliche Förderung und Entwicklung (FuE) in Deutschland
Ökonomische Begründung, Handlu...
Christoph Spengel
Die Terminologie des Gerichtswesens der Ukraine und Deutschlands im Ve...
Eine übersetzungswissenschaftl...
Anastasija Grynenko, Claudia Dathe
0 Kommentare