Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1. 2
Die Bedeutung und Funktion des Körpers im Leben und im Tod 2. 3
2.1 Genese des Menschen als Entstehung seines Körpers 4
2.2 Einheit von Körper und Seele im Islam 6
2.3 Der Tod - das Ende der leiblichen Integrität? 7
2.4 Körpervorstellung im Jenseits 9
Restriktiver Umgang mit dem Körper im Islam 3. 11
Schlussbemerkung 4. 15
Quellen - und Literaturverzeichnis 5. 17
5.1 Quellen 17
5.2 Literatur 17
1
1. Einleitung
„The body in the Arab world. A source of sin and shame” 1 ist die These mit der Ahmed El Attar seinen Artikel in der Zeitschrift „Ballettanz“ überschreibt und die auch dieser Arbeit in leicht abgewandelter Form, als Titel dient. Mit ihr soll die Behauptung des ägyptischen Regisseurs Attar, der den Grundgedanken der Sündhaftigkeit und Schambehaftung des Körpers in arabisch-islamischen Ländern auf die Tabuisierung insbesondere des Frauenkörpers in der Öffentlichkeit, der Kunst, des Films und des Tanzes postuliert, grundsätzlich hinterfragt werden. Weil es jedoch eine Vielzahl an unterschiedlichen Zugängen zum Körper innerhalb der islamischen Welt gibt und eine Annäherung an ein homogenes Körperbild, ganz abgesehen von einer einheitlichen Körperkonzeption unmöglich wäre, wird die Bedeutung und Funktion des Körpers im Islam anhand weniger elementarer Glaubensartikel über die in der Mehrheit der islamischen Welt Konsens herrscht, herausgearbeitet. Die Arbeit zielt mit Hilfe dieser ausgesuchten, elementaren Glaubensartikel des Islams darauf ab, die Ausweisung des Körpers als Ursprung von Sünde zu widerlegen. Stattdessen soll die positive Konnotation des Körpers im muslimischen Glauben zum Ausdruck kommen. Die Darstellung islamischer Grundannahmen, sowohl in der Anthropologie, als auch in der Eschatologie, ist dazu unerlässlich, denn Aspekte der Menschwerdung, des Todes und der Jenseitsvorstellungen legen die Grundlagen zum islamischen Körperverständnis (Kapitel 2). Anschließend soll im dritten Kapitel gezeigt werden, dass der restriktive Umgang mit dem Körper im diesseitigen Leben nicht etwa ein Indiz für seine Sündhaftigkeit oder Schambehaftung ist. Vielmehr ist er durch Passivität gekennzeichnet, da er lediglich als Aushandlungsort der jenseitigen Existenz instrumentalisiert wird.
Die spärliche Berücksichtigung des Körperbegriffs im islamischen Schrifttum könnte eine Ursache für das fehlende allgemeingültig-islamische Körperkonzept sein. So wird der Körper in den wichtigsten islamischen Quellen dem Koran (arab. qur¸Q, der sunna und der ãDU·D lediglich innerhalb anderer, ihn betreffender Themenbereiche berücksichtigt. Die Quellen geben beispielsweise Auskunft über Vorschriften bezüglich des Essens, Trinkens, Waschens, der Körpergestaltung und Schönheitspflege, sowie zum Umgang mit Toten und der Festlegung von Körperstrafen durch
1 El Attar, Ahmed: The body in the Arab world. A source of sin and shame, in: Ballettanz, 3 (2004), S. 34.
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das islamische Strafrecht. Den Körper selbst erklärt jedoch keine als eigenständigen Gegenstandsbereich oder in geschlossener Darstellung allgemeiner Natur. Insgesamt basieren die Einstellungen zum Körper nicht nur auf den Glaubensinhalten der jeweiligen islamischen Ausrichtung und Rechtsschule, sondern auch auf der Kultur, sowie auf den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in denen sich eine Gesellschaft oder ein Individuum befindet. Demzufolge sind die Zugänge zum Verständnis und zur Bewertung des Körpers aus islamischer Sicht derart vielschichtig, dass es zu dieser Thematik folglich kein Standardwerk oder eine, der Größe des Themenkreises würdige Veröffentlichung geben kann. So werden in dieser Arbeit häufig die wichtigsten Schriften des Islams, der Koran und die sunna verwendet, darüber hinaus jedoch kann keine Überblicksdarstellung benannt werden. Die Beschäftigung mit der Bewertung des Körpers und seiner Bedeutung im Islam ist in vielerlei Hinsicht relevant, zurzeit besonders in den Bereichen Medizin und Bioethik. So benutzen nach Moosa „zeitgenössische muslimische Rechtspraktiken im Bereich der Bioethik vormoderne Episteme“ 2 des Islams. Denn die Grenzen der Be-handlung im Zeitalter der modernen Intensivmedizin sind nicht nach deren Möglichkeiten gesetzt, sondern werden im Islam durch bestehende Ver- und Gebote festgelegt, sowie durch neue Rechtsgutachten - so genannten Fatwas - bestimmt. 3 Auch der Bereich der Bekleidung, beziehungsweise Verhüllung, vor allem der Frau, steht immer wieder im Mittelpunkt des Interesses, besonders im Fachgebiet der Gender Studies.
2. Die Bedeutung und Funktion des Körpers im Leben und im Tod Anders als bei Themen der Eschatologie, gibt es im Koran und in der sunna keine längere Passage, die als Grundlage einer islamischen Anthropologie dienen könnte. Wie beim Themenkreis des Körpers werden lediglich Teilaspekte berücksichtigt, aus denen wiederum die Lehre des Menschen konstruiert werden kann. Selbst die Sure 76, die mit „Der Mensch“ überschrieben ist, gibt kein umfassendes Bild einer islamischen Anthropologie. Tatsächlich beschäftigt sich jedoch der überwiegende Teil dieser Sure mit der Eschatologie, also beispielsweise mit der Beschreibung des Jenseits
2 Moosa, Ebahim: Die Nahtstelle von Naturwissenschaft und Jurisprudenz: Unterschiedliche Blick winkel auf den Körper in der modernen muslimischen Ethik, in: Ghadban, Ralph u.a. (Hrsg.): Moderne Medizin und Islamische Ethik. Biowissenschaften in der muslimischen Rechtstradition, Freiburg i. B. 2008, S. 201.
3 Krawietz, Birgit: Gesundheit, Krankheit, in: Klöckner, Michael und Tworuschka, Udo (Hrsg.): Ethik der Weltreligionen. Ein Handbuch, Darmstadt 2005, S. 130.
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oder der Warnung vor den Folgen des diesseitigen Handelns beim Jüngsten Gericht (vgl. Sure 76, 4-31). Bei dem Themenkreis der Einheit von Leib und Seele verhält es sich, was die Quellenlage betrifft, wie im Bereich der Anthropologie. So wird beispielsweise in der sunna, den Überlieferungen der Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed, die die Medizin betreffen, auf den besonderen Stellenwert der Einheit von Leib und Seele und das daraus resultierende Sündenpotential des Menschen aufmerksam gemacht. 4
2.1 Genese des Menschen als Entstehung seines Körpers
Im Islam gelten das Leben und der Tod als von Gott gegeben. Bevor Gott jedoch dem Menschen seinen Geist und damit das Leben einhaucht und so gleichzeitig seinen Tod und seine Auferstehung festgelegt, schafft er den Träger seines Geistes, den menschlichen Körper. 5 Im Koran heißt es dazu: „12 Wir haben doch den Menschen (ursprünglich) aus einer Portion (?) Lehm (oder: aus einem Extrakt (?) aus Lehm) geschaffen. 13 Hierauf machten wir ihn zu einem Tropfen (Sperma) in einem festen Behälter (d.h. im Mutterleib). 14 Hierauf schufen wir den Tropfen zu einem Embryo, diesen zu einem Fötus und diesen zu Knochen. Und wir bekleideten die Knochen mit Fleisch. Hierauf ließen wir ihn als neues (w. anderes) Geschöpf entstehen. […] 15 Hierauf, nachdem dies (alles) vor sich gegangen ist (und ihr ins Leben gerufen worden seid), habt ihr zu sterben. 16 Hierauf, am Tag der Auferstehung, werdet ihr (vom Tod) erweckt werden.“ (Sure 23, 12-16) 6
Die Schaffung des Menschen aus Erde (vgl. Sure 18,37; 22,5), Lehm (vgl. Sure 23,12) oder feuchter Tonmasse (vgl. Sure 15, 26) wird in zahlreichen weiteren Suren in unterschiedlicher Ausführlichkeit beschrieben. Gott habe den Körper des Menschen in bester Form (vgl. Sure 95, 4), ebenmäßig (vgl. Sure 82,7) und mit einer schönen Gestalt (vgl. Sure 64,3) geschaffen und ihn mit Gehör, Gesicht (Sehvermögen) und Verstand (vgl. Sure 32,9; 67,23 usw.), sowie mit zwei Augen, zwei Lippen und einer Zunge (vgl. Sure 90, 8-9) angemessen ausgestattet. 7
4 Bürgel, Johann Christoph: Leiblichkeit, Krankheit, Heilung im Islam, (Krankheit und Heilung in den Religionen. Islam - Hinduismus - Christentum, Bd. 67) Bad Herrenalb 1990, S. 15.
5 Dimler-Wittleder, Petra: Der Umgang mit dem Tod in Deutschland. Ein Vergleich des jüdischen, christlichen und moslemischen Glaubens, Münster 2005, S. 63.
6 Übersetzt von Paret, Rudi: Der Koran, 10. Auflage, Stuttgart 2007, S. 238.
7 Khoury, Adel Theodor: Mensch, in Hagemann, Ludwig u.a. (Hrsg.): Islam-Lexikon. Geschichte -
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In der islamischen Mystik erhält der menschliche Körper als Zeichen oder ganzheitliche Konstellation von Zeichen Gottes eine herausragende Stellung, die wie folgt beschrieben wird:
„In its outward dimensions, Sufis praised the human body as the epitome of beauty in the physical world. In its inward dimensions, Sufis maintained that the body is the locus of the manifestation of God’s names and attributes - a theophany of the highest order. It is a universal characteristic of religions that the sacred lodges in physical places […]. Sufis pushed this logic to an iconoclastic extreme and claimed that the divine fully manifests only in human beauty; in this way they understood the Prophet’s teaching that ‘God created Adam in his image’, that is, in God’s own image.” 8
Auch wenn über die Verehrung des Körpers als Gottesgabe in der islamischen Orthodoxie und der Mystik Konsens herrscht, ist der Orthodoxie die Huldigung der menschlichen Gestalt in diesem Ausmaß, als „epitome of beauty“ oder „theophany of the highest order“ fremd. Die Mystik unterscheidet sich in vielen Gebieten der Praxis und Lehre von der Orthodoxie, doch ist ihnen der Koran als wichtigster Bezug ihres Glaubens gemein. Wenn also am Ende des Zitats die Gottebenbildlichkeit des Menschen impliziert wird, so ist diese als „Funktions- und Relationsaussage“ 9 des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch zu verstehen, welche dem Koran zugrunde liegt. Denn sie bezieht sich auf die Überlieferung der göttlichen Auszeichnung Adams vor den anderen Geschöpfen der Erde und sogar vor den Engeln, als ¦DOfa (arab. Pl. ¦XODI, ¦DO¸LI also Stellvertreter Gottes auf Erden (vgl. Sure 2, 30-34). Dazu lehrte Gott ihn alles mit Namen zu benennen und erhob ihn so über die Engel, die er nicht in der Namensgebung unterwies und die nach dem Koran eigenständig diese Fähigkeit nicht erlangen können (vgl. Sure 2,32). Die Erhebung des Menschen über die Engel ist zudem durch Gottes Aufforderung sich vor Adam zu verneigen, impliziert. Nur ibls, der Teufel, verneigt sich nicht und wird als Strafe für die Ablehnung der Souveränität und Schöpfungsbefugnis Gottes, die sich im göttlichen Beschluss der Ausstattung Adams mit seiner besonderen Würde und seinem übergeord-
Ideen- Gestalten, Freiburg i. B. 1991, S. 515.
8 Kugle, Scott: Sufis & Saints’ Bodies. Mysticism, Corporeality, & Sacred Power in Islam, Chapel Hill 2007, S. 29-30.
9 Renz, Andreas: Der Mensch unter dem An-Spruch Gottes. Offenbarungsverständnis und Menschenbild des Islam im Urteil gegenwärtiger christlicher Theologie, in: Heimbach-Steins, Marianne und Wielandt, Rotraud (Hrsg.): Christentum und Islam. Anthropologische Grundlagen und Entwicklungen, Würzburg 2002, S. 376.
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Arbeit zitieren:
Katharina Fülle, 2009, Body in Islam – A Source of Sin and Shame?, München, GRIN Verlag GmbH
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