Gemeindepädagogik in rußlanddeutschen Freikirchen in der
Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart
aan de Evangelische Theologische Faculteit te Heverlee (Leuven), België
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Vorwort
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Gemeindepädagogik in rußlanddeutschen Freikirchen in der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Anstoß, dieser Thematik im Rahmen einer Dissertation näher nachzugehen, kam von Herrn Prof. Dr. Günter Wieske, der als Referent und Doktorvater diese Arbeit von Anfang an bis Ende in selbstloser Hingabe begleitet hat. Ihm gilt mein besonderer Dank. Mein Dank gilt auch Herrn Prof. Dr. Dr. William L. Wagner für seine Bereitschaft, die Arbeit als Korreferent zu betreuen, und Herrn Prof. Dr. Dr. Hans Kasdorf, der als „externer Reader“ und guter Kenner der Geschichte der rußlanddeutschen Freikirchen die Arbeit gründlich gelesen und mir mit Rat und Hilfe beigestanden hat.
Danken möchte ich auch all denen, die bei der Entstehung dieser Arbeit behilflich waren: Meiner Ehefrau Maria und den Kindern Benjamin, Jenny und Julia, die mich nicht nur viele Tage und Stunden für die Arbeit am Manuskript entbehren mußten, sondern auch beim Korrekturlesen und bei der Erstellung des Literaturverzeichnisses geholfen haben. Frau Dr. Helene Frank, Herrn Dr. Friedhelm Jung, Frau Anna Klippenstein, Frau Dorothea Köhn und Frau Erika Leuchtmann für das Korrekturlesen, Herrn Dr. Cleon L. Rogers, der nützliche Änderungsvorschläge gemacht hatte, und Herrn Markus Wagner für die Übersetzung der Zusammenfassung. Herrn Gary J. Waltner, der als Leiter der Mennonitischen Forschungsstelle mir viele Quellen großzügig zur Verfügung stellte. Herrn Geschäftsführer Viktor Zierat und Herrn Verwaltungsleiter Waldemar Reisich sowie allen anderen Mitarbeitern des Internationalen Centrums für Weltmission und des Bibelseminars Bonn, die mich für das Schreiben des Manuskripts von der Arbeit großzügig freistellten. Den Pastoren des Bundes Taufgesinnter Gemeinden, die mir durch das Ausfüllen des Umfragebogens wertvolles Material zur Verfügung stellten. Von Herzen danke ich Gott durch Jesus Christus, meinen Herrn, der Kraft und Ausdauer zum Gelingen des geplanten Werkes geschenkt hat.
Bonn, im Februar 1998 Heinrich Löwen jun.
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort 2
Inhaltsverzeichnis 3
Abk ürzungsverzeichnis 8
Einleitung 10
Die rußlanddeutschen Freikirchen als Untersuchungs- 1 15
gegenstand
Allgemeiner Überblick: Rußlanddeutsche in Deutschland 1.1 15
1.1.1 Statistische Angaben zu den Aussiedlerzahlen 15
1.1.2 Konfessionszugehörigkeit der Rußlanddeutschen 16
1.1.3 Überregionale Strukturen der rußlanddeutschen 19
Freikirchen
Konkrete Darstellung: Der Bund Taufgesinnter Gemeinden 1.2 27
1.2.1 Geschichte 27
1.2.2 Grundlage 29
1.2.3 Grundsatz 29
1.2.4 Grundziele 30
1.2.5 Gemeinsame Projekte 32
Gemeindeverst ändnis als Voraussetzung der Gemeinde- 2 46
p ädagogik
Begriffsbestimmung 2.1 47
2.1.1 Der biblische Befund 47
2.1.2 Die Bedeutung von „Kirche“ und „Gemeinde“ 49
Der Auftrag der Gemeinde 2.2 51
2.2.1 Der Missionsauftrag der Gemeinde nach Mt 28, 18-20 51
2.2.2 Der Auftrag der Gemeinde nach Eph 1, 3-14 60
4
65 2.3 Die Funktionen der Gemeinde bei den ersten Christen
2.3.1 Die Evangelisation 65
2.3.2 Die Taufe und Aufnahme in die Gemeinde 69
2.3.3 Der Gottesdienst 72
80 2.4 Zusammenfassung
85 3 Gemeindepädagogik
85 3.1 Religions- und gemeindepädagogische Begriffe und ihre Relevanz für rußlanddeutsche Freikirchen
3.1.1 Religionspädagogik 85
3.1.2 Religiöse bzw. christliche Erziehung 90
3.1.3 Religionsunterricht 94
3.1.4 Katechese 98
3.1.5 Gemeindepädagogik 107
3.1.6 Christian Education 113
122 3.2 Lehrdienst in der Bibel und in ihrer Umwelt
3.2.1 Der Lehrdienst im Alten Testament 123
3.2.2 Das griechisch-hellenistische Erziehungswesen 131
3.2.3 Der Lehrdienst im Neuen Testament 134
3.2.4 Konsequenzen für die Gemeindepädagogik 155
162 3.3 Das gemeindepädagogische Konzept
3.3.1 Das Gemeindewachstumskonzept von Paul Beasley-162 Murray
3.3.2 Das Jüngerschaftskonzept von LeRoy Eims 166
3.3.3 Das zielorientierte Gemeindeaufbaukonzept von Rick 167 Warren
3.3.4 Die Darstellung des gemeindepädagogischen Konzeptes 169
5
182 4 Der historische und kulturell-religiöse Hintergrund der rußlanddeutschen Freikirchen
182 4.1 Die Geschichtsperioden
4.1.1 Periode des Aufbaus 182
4.1.2 Periode des Höchststandes 184
4.1.3 Periode der Auslösung 184
4.1.4 Periode der Neuorientieung 187
4.1.5 Periode der Auswanderung 188
190 4.2 Die konfessionellen Gruppierungen
4.2.1 Römisch-katholische Kirche 191
4.2.2 Evangelische Gemeinden 191
4.2.3 Die Mennoniten 192
4.2.4 Der deutsche Baptismus 195
4.2.5 Die Evangeliumschristen 196
4.2.6 Der russische Baptismus 197
199 4.3 Das pädagogische Kultursystem
4.3.1 Die Familie 199
4.3.2 Das Schulwesen 205
220 4.4 Das Gemeindeleben nach dem zweiten Weltkrieg
4.4.1 Die Frauen als Trägerinnen des Gemeindelebens 220
4.4.2 Die Eingliederung in die neue Kirchenlandschaft 222
4.4.3 Die Entstehung der Untergrundkirche 225
228 4.5 Die theologischen Prinzipien
4.5.1 Die Heilige Schrift als Autorität und Maßstab für Lehre 229 und Leben
4.5.2 Selbständigkeit der Ortsgemeinden 231
4.5.3 Das allgemeine Priestertum aller Gläubigen 234
6
4.5.4 Gewissensfreiheit 236
4.5.5 Trennung von Kirche und Staat 237
241 4.6 Das Gemeindeverständnis
4.6.1 Das Wesen der Gemeinde 242
4.6.2 Die Praxis des Gemeindelebens 246
4.6.3 Heiligung und die Erhaltung der „reinen“ Gemeinde 259
4.6.4 Konsequenzen für die Gemeindepädagogik 268
4.6.5 Sozialpsychologische Funktion der Gemeinde 271
277 4.7 Die Gemeindepädagogik in Rußland und in der ehemaligen Sowjetunion
4.7.1 Die evangelistisch-missionarischen Aktivitäten 277
4.7.2 Die Weiterführung von Neubekehrten 288
4.7.3 Die Zurüstung von Gemeindemitgliedern 292
4.7.4 Die Ausbildung von Mitarbeitern und Weiterbildung von 296 Leitern
4.7.5 Die Publikationstätigkeit 305
311 5 Darstellung der Gemeindepädagogik in rußlanddeutschen Freikirchen in Deutschland
313 5.1 Evangelistisch-missionarische Bemühungen der BTG-Gemeinden
5.1.1 Auswertung der Umfrage 313
5.1.2 Die biblische Begründung des missionarischen Handelns 318
5.1.3 Die Förderung des missionarischen Bewußtseins 319
5.1.4 Die Verwirklichung von Evangelisation und Mission 324
5.1.5 Beurteilung der evangelistisch-missionarischen 342 Bemühungen
5.1.6 Abschließende Bemerkungen zu den einzelnen Schritten 354 der Evangelisation
357 5.2 Weiterführung im Glauben
7
5.2.1 Evangelisation als Anfang der Nacharbeit und 358 Weiterführung im Glauben
5.2.2 Auswertung der Umfrage über die Nacharbeit 361
5.2.3 Praktische Bemerkungen zur Nacharbeit und 363 Weiterführung im Glauben
5.2.4 Taufe als Aufnahme in die Gemeinde 371
5.2.5 Kinder- und Jugendarbeit 374
5.2.6 Erwachsenengruppen 392
400 5.3 Zurüstung von Mitgliedern der Gemeinde
5.3.1 Regelmäßige Gottesdienste und Veranstaltungen 401
5.3.2 Schulungen verschiedener Art 404
5.3.3 Andere Möglichkeiten der Zurüstung 406
409 5.4 Theologische Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern und Leitern der Gemeinde
5.4.1 Auswertung der Umfrage 410
5.4.2 Die Gemeindebibelschule 413
5.4.3 Theologische Fernschule 414
5.4.4 Prediger- und Mitarbeiterkonferenzen 416
5.4.5 Fortbildungskurse für Pastoren und Bibelschul-418 absolventen
5.4.6 Ordination als Voraussetzung zum Leitungsdienst 419
5.4.7 Praktische Reflexionen zur theologischen Aus- und 422 Weiterbildung
462 Zusammenfassung
482 Anhang
523 Literaturverzeichnis
595 Englische Zusammenfassung
8
Abkürzungsverzeichnis
Die Abkürzungen der biblischen Bücher richten sich nach dem Abkürzungsverzeichnis der dritten Auflage des „Evangelischen
Kirchenlexikons“. Die allgemeinen Abkürzungen entsprechen dem Duden-Taschenbuch „Wörterbuch der Abkürzungen“. Darüber hinaus haben folgende Abkürzungen Verwendung gefunden:
ACP Arbeitskreis Christlicher Publizisten AEB Arbeitsgemeinschaft der Evangeliumschristen-Baptisten AeG Arbeitsgemeinschaft evangelikaler Gemeinden AGGA Arbeitsgemeinschaft für Gemeindeaufbau
AMG Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland BEB Bruderschaft der Evangeliumschristen-Baptisten BEE Biblical Education by Extension BEFG Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden BFeG Bund Freier evangelischer Gemeinden BFP Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden BSB Bibelseminar Bonn BTG Bund Taufgesinnter Gemeinden BUG Bruderschaft der Umsiedlergemeinden CGV Christlicher Gemeinschaftsverband Mühlheim an der Ruhr CSFR Tschechoslowakei DDR Deutsche Demokratische Republik
EFBU Europäisch-Festländische Brüder-Unität EKD Evangelische Kirche in Deutschland EmK Evangelisch-methodistische Kirche ETF Evangelische Theologische Faculteit FTA Freie Theologische Akademie
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GUS Gemeinschaft Unabhängiger Staaten GZ Gebetszellen HiD Heilsarmee in Deutschland ICW Internationales Centrum für Weltmission JMK Jugendmitarbeiterkreis KBA Konferenz Bibeltreuer Ausbildungsstätten KdN Kirche des Nazareners KMA Konferenz Missionarischer Ausbildungsstätten KSB Kranken- und Seniorenbesuch LER Lebensgestalt-Ethik-Religion MB Mennoniten-Brüder MBBS Mennonite Brethren Biblical Seminary MBG Mennoniten-Brüdergemeinde MBW Missionshaus Bibelschule Wiedenest MCC Mennonite Central Committee MV Mitgliederversammlung NADCE National Association of Directors of Christian Education PACE Professional Association of Christian Educators SELK Selbständig Evangelisch-Lutherische Kirche SOLA Sommerlager STA Siebenten-Tags-Adventisten STH Staatsunabhängige Theologische Hochschule SU Sowjetunion TEE Theological Education by Extension UdSSR Union der Sowjetischen Sozialistischen Republiken UGB Unabhängige Gemeinden baptistischer Prägung UGM Unabhängige Gemeinden mennonitischer Prägung VEB Vereinigung der Evangeliumschristen-Baptisten VEF Vereinigung Evangelischer Freikirchen
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Einleitung
In der Zeit von 1950 bis 1996 sind mehr als 3,5 Millionen Aussiedler nach Deutschland eingewandert, von denen etwa 1,5 Millionen aus der ehemaligen Sowjetunion stammen. Zwischen 250.000 bis 300.000 Rußlanddeutsche, die in den letzten fünfundzwanzig Jahren nach Deutschland umgesiedelt sind, zählen sich zu den Baptisten oder Mennoniten. Auch wenn nur etwa ein Viertel dieser Personengruppe evangelikale Christen sind, so stellen die rußlanddeutschen Gemeinden mit ca. 80.000 Mitgliedern die zweitgrößte freikirchliche Gruppierung des Landes dar. Wenn man das Wachstum der Zahlen der Gemeindemitglieder und Gottesdienstbesucher in den rußlanddeutschen Gemeinden untersucht, so stellt man fest, daß sie zu den am schnellsten wachsenden und größten Gemeinden des Landes gerechnet werden können. Sie tragen dadurch zur Veränderung der freikirchlichen Landschaft in Deutschland bei.
Wesentliche Ursachen für die Überlebensfähigkeit dieser Gemeinden trotz der starken Verfolgungen in Rußland und in der ehemaligen Sowjetunion, aber auch für das schnelle Wachstum in Deutschland können in ihrer Familienerziehung und Gemeindepädagogik gefunden werden. Das Ziel dieser Arbeit ist daher, die Kraftquellen dieser Gemeinden aufzuspüren, indem die Gemeindepädagogik der rußlanddeutschen Freikirchen in der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart dargestellt und beurteilt wird. Abschließend wird unter Berücksichtigung der Vergangenheit und der Gegenwart auf zukünftige Perspektiven hingewiesen, die mir für die rußlanddeutschen Freikirchen wichtig sind. Im Interesse der genannten Zielsetzung wird ein biblisch begründetes und in der Praxis bewährtes gemeindepädagogisches Konzept entwickelt, anhand dessen die gemeindepädagogischen Bemühungen der rußlanddeutschen Freikirchen in der Vergangenheit und Gegenwart beurteilt und Vorschläge für die Zukunft erarbeitet werden können.
Als Gegenstand der Untersuchung, der im ersten Kapitel vorgestellt wird, dient der Bund Taufgesinnter Gemeinden (BTG). Diese Organisation hat sich als ein
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geeignetes Untersuchungsfeld ergeben, weil sie von der konfessionellen Zusammensetzung ihrer Gemeinden, von ihren Bemühungen im Bereich der Gemeindepädagogik, von ihrer Größe und nicht zuletzt auch von der Quellenlage her gesehen einen Verband rußlanddeutscher Freikirchen darstellt, an dem deren Gemeindepädagogik am objektivsten dargestellt und untersucht werden kann.
Die Gemeindepädagogik findet immer in einem bestimmten kulturellreligiösen Kontext statt und ist vom jeweiligen Gemeindeverständnis abhängig. Es werden daher im ersten Kapitel vor der Darstellung des Untersuchungsgegenstandes zuerst allgemeine Informationen zu den Aussiedlerzahlen und der Konfessionszugehörigkeit der Aussiedler gegeben. Zusätzlich werden verschiedene überregionale Strukturen der rußlanddeutschen Freikirchen in Deutschland skizziert. Der BTG selbst wird vorgestellt, indem auf seine Geschichte und Grundlage, seinen Grundsatz und seine Grundziele eingegangen wird. Außerdem werden verschiedene gemeinsame Projekte dargestellt, durch die der BTG seine gemeindepädagogischen Aufgaben wahrnimmt.
Da sich das gemeindepädagogische Konzept primär aus dem Gemeindeverständnis ergibt, wird im zweiten Kapitel der Frage nach dem Begriff, dem Auftrag und den Funktionen der Gemeinde nachgegangen. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, werden andere Aspekte der Ekklesiologie nicht berücksichtigt. Bei der Beschäftigung mit dem Auftrag der Gemeinde wird der Missionsbefehl Jesu Christi in Mt 28, 18-20 und die Aussagen des Apostel Paulus in Eph 1, 3-14 zum Zweck der Gemeinde näher erörtert. Die Funktionen der Gemeinde, die in dieser Arbeit als Ausführung des Auftrages der Gemeinde verstanden werden, ergeben sich aus dem Bericht der Apostelgeschichte über die erste Christenheit. Die Untersuchung der Apostelgeschichte soll zeigen, wie die ersten Nachfolger Jesu Christi den Missionsbefehl verstanden und ausgeführt haben. Die Ergebnisse dieses Kapitels werden als Grundlage für die Entwicklung eines eigenen gemeindepädagogischen Konzeptes dienen.
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Im dritten Kapitel werden zuerst verschiedene gemeindepädagogische Begriffe und ihre Relevanz für die rußlanddeutschen Freikirchen diskutiert. Etwas ausführlicher wird auf die angelsächsischen gemeindepädagogischen Bemühungen eingegangen, die unter dem Begriff „Christian Education“ (CE) bekannt sind. Besonders die amerikanische CE ist in Theorie und Praxis den europäischen Kirchen weit voraus. Zusätzlich wird die Geschichte und die Bedeutung des Begriffes „Gemeindepädagogik“ untersucht, weil dieser Begriff für diese Arbeit zentral ist und gebraucht wird, um die gemeindepädagogischen Bemühungen der rußlanddeutschen Freikirchen zu beschreiben.
Im Anschluß an die Darstellung der gemeindepädagogischen Begriffe wird der Lehrdienst in der Bibel und das Erziehungswesen ihrer Umwelt vorgestellt. Beim Lehrdienst im Neuen Testament stehen die Lehrtätigkeit Jesu und der Urgemeinde im Mittelpunkt. Bevor zum Schluß dieses Kapitels das sich aus der Ekklesiologie ergebende gemeindepädagogische Konzept vorgestellt wird, sollen drei gemeindepädagogische Konzepte aus der Perspektive des
Gemeindewachstums, der Jüngerschaft und des Gemeindeaufbaus besprochen werden. Diese Konzepte sind auf einem biblischen Gemeinde-, Missions- und Jüngerschaftsverständnis aufgebaut und haben sich im Kontext der Gemeinde-und Missionsarbeit weltweit bewährt. Ihr Grundmuster soll auch im eigenen gemeindepädagogischen Konzept Niederschlag finden.
Das auf der Ekklesiologie aufbauende und den Begriff „Gemeindepädagogik“ berücksichtigende gemeindepädagogische Konzept zeige ich zum Schluß dieses Kapitels mit Hilfe einer graphischen Darstellung, einigen Erklärungen und Begründungen. Es bildet das Herzstück der gesamten Arbeit und stellt das Kriterium dar, anhand dessen die gemeindepädagogischen Bemühungen der rußlanddeutschen Freikirchen in der Vergangenheit und Gegenwart untersucht und beurteilt werden.
Im vierten Kapitel geht es um die gemeindepädagogische Praxis der rußlanddeutschen Freikirchen in Rußland und in der ehemaligen Sowjetunion. Die Vergangenheit wird hier aufgearbeitet, indem zuerst der historische und
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konfessionelle Rahmen skizziert und das pädagogische Kultursystem in den deutschen Siedlungsgebieten und Kolonien dargestellt wird. Es folgen die theologischen Prinzipien und das Gemeindeverständnis rußlanddeutscher Freikirchen, die die Gemeindepädagogik geformt und bestimmt haben, was im Verlaufe der Ausführung nachzuweisen sein wird. Der Rückblick in die Vergangenheit ist notwendig, weil das kulturell-religiöse Leben, das von den rußlanddeutschen Freikirchen noch in Deutschland durch ihre Frömmigkeit und ihr Gemeinde- und Missionsverständnis zum Ausdruck gebracht wird, nur von ihrer Vergangenheit zu erklären und verstehen ist.
Die Veröffentlichungen zur Geschichte der Rußlanddeutschen, die mir zur Verfügung stehen, dienen als Quellen für diesen Teil der Arbeit. Dabei darf nicht verschwiegen werden, daß die Quellenlage in diesem Bereich lückenhaft ist, weil aus der Feder der rußlanddeutschen Christen kaum Veröffentlichungen aus den Jahren der Sowjetherrschaft vorliegen. Das lag nicht nur daran, daß jegliche religiöse Publikation in dieser Zeit verboten war, sondern auch an der Tatsache, daß aufgrund der Vernichtung der geistigen und geistlichen Schicht der Rußlanddeutschen und vieler anderer Minderheiten durch Stalin keine Menschen vorhanden waren, die in der Lage gewesen wären, sich publizistisch zu betätigen. Auch deutsche Veröffentlichungen aus der Zeit vor der Sowjetherrschaft gingen in den Verfolgungsjahren zum größten Teil verloren.
Im letzten Kapitel wird anhand des BTG und unter Berücksichtigung des gemeindepädagogischen Konzeptes die Gemeindepädagogik in den rußlanddeutschen Freikirchen in der Gegenwart dargestellt. Dabei wird zuerst erörtert, wie die Gemeinden ihr missionarisches Handeln begründen, das missionarische Bewußtsein fördern und den evangelistisch-missionarischen Einsatz verwirklichen. Zweitens wird untersucht, wie die Gemeinden Neubekehrte im Glauben weiterführen und in die Gemeinde integrieren. Zusätzlich werden hier die Bemühungen der Gemeinden im Bereich der Kinder- bis Jugendarbeit sowie ihre Arbeit mit verschiedenen Erwachsenengruppen dargestellt und kritisch beurteilt. Drittens werden die Anstrengungen der Gemeinden, Mitarbeiter für den Dienst in der Gemeinde
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und Mission zuzurüsten, vorgestellt. Zum Schluß wird das Bestreben des BTG in Zusammenarbeit mit dem Bibelseminar Bonn, ihren Mitarbeitern und Leitern eine theologische Aus- und Weiterbildung anzubieten, untersucht und diskutiert. Bei der Beurteilung wird auf Stärken und Schwächen der Gemeindepädagogik eingegangen sowie Vorschläge für die Zukunft erarbeitet.
Für die hier erstmals zusammengefaßte Beschreibung einer jungen rußlanddeutschen Freikirche und ihrer Gemeindepädagogik benutzte ich zahlreiche Berichte aus der Zeitschrift „Jünger & Meister“, die sich als Gemeindeorgan des BTG versteht. Die größte Materialmenge brachte jedoch eine Umfrage, die von mir anhand des gemeindepädagogischen Konzeptes erstellt wurde und an der sich alle Gemeinden des Bundes beteiligten. Es liegt in der Natur der Sache, daß viele Informationen aus den Gemeinden in einer nicht-akademischen Sprache formuliert wurden. Je nach Bedarf werden zur Verdeutlichung des betreffenden Sachverhaltes auch andere mir zur Verfügung stehende Quellen herangezogen.
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1 Die rußlanddeutschen Freikirchen als Untersuchungs-gegenstand
In dieser Arbeit geht es um die neuen gemeindepädagogischen Bemühungen der rußlanddeutschen Freikirchen in Deutschland, die exemplarisch anhand des Bundes Taufgesinnter Gemeinden dargestellt werden. Da die
Gemeindepädagogik stets in einem bestimmten sozio-kulturellen Rahmen stattfindet, ist es notwendig, diesen zuerst zu skizzieren. Dabei soll es um die statistischen Angaben der Aussiedlerzahlen, 1 der Konfessionszugehörigkeit und der übergemeindlichen Strukturen der rußlanddeutschen Freikirchen gehen.
1.1 Allgemeiner Überblick: Rußlanddeutsche in Deutschland
1.1.1 Statistische Angaben zu den Aussiedlerzahlen
In der Zeit von 1950 bis 1996 sind 3.686.452 Aussiedler nach Deutschland eingewandert: 1.440.782 aus Polen, 1.540.298 aus der ehemaligen Sowjetunion, 425.029 aus Rumänien, 104.998 aus der ehemaligen CSFR und
167.345 aus sonstigen Gebieten. 2
In den letzten Jahren bilden die Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion den größten Anteil der Einwanderer aus dem Osten. Die Zahlen sehen hier wie folgt aus: Im Jahre 1995 sind 217.898 nach Deutschland gekommen: 1.675 aus Polen, 209.409 aus der ehemaligen Sowjetunion, 6.519 aus Rumänien und 293
1 Falls nicht anders angeben, werden die Begriffe „Aussiedler“ und „Rußlanddeutsche“ synonym verwendet.
2 „Zuzug der Aussiedler 1950-1995“ 7 und „Registrierten Personen 1996“ 8.
16
aus sonstigen Gebieten. 3 Im Jahre 1996 haben 177.751 Personen als Aussiedler den deutschen Boden betreten. Das Zahlenverhältnis bezüglich der Herkunftsländer sieht ähnlich wie 1995 aus: 1.175 aus Polen, 172.181 aus der ehemaligen Sowjetunion, 4.284 aus Rumänien und 111 aus sonstigen Gebieten. 4
Der Trend der letzten Jahre scheint anzuhalten. So sahen im März 1997 die Zahlenverhältnisse wie folgt aus: 62 aus Polen, 9.440 aus der ehemaligen
Sowjetunion, 134 aus Rumänien und 6 aus sonstigen Gebieten. 5
Die Statistik und die politisch-wirtschaftliche Situation in den Herkunftsländern der Aussiedler sprechen dafür, daß das zahlenmäßige Verhältnis sich auch in Zukunft kaum ändern wird. Auch wenn die allgemeine Zahl der Aussiedler in Deutschland zurückgeht, muß davon ausgegangen werden, daß in den nächsten Jahren immer noch viele Aussiedler aus der
ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland einwandern werden. 6 Dieser Trend hat Auswirkungen auf die christlichen Gemeinden der rußlanddeutschen Freikirchen. Durch den starken Zuzug von neuen Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion, von denen zunehmend viele keine Christen sind, wachsen die Notwendigkeit und die Möglichkeit des evangelistischmissionarischen Einsatzes der rußlanddeutschen Freikirchen.
1.1.2 Konfessionszugehörigkeit der Rußlanddeutschen
Als Ergänzung zu den Zahlen der Aussiedler soll hier die Konfessionszugehörigkeit der Rußlanddeutschen präsentiert werden. Da es bei dieser Arbeit um rußlanddeutsche Freikirchen geht, sollen diese etwas detaillierter vorgestellt werden.
3 „Zuzug der Aussiedler 1995“ 15.
4 „Registrierte Personen 1996“ 8.
5 „Das Bundesministerium des Innern informiert“ 10.
6 Vgl. Ebd., 10.
17
Allgemeine Informationen
1976, als die Zahl der Einwanderer aus der Sowjetunion noch nicht so hoch war, sah die Konfessionszugehörigkeit der Rußlanddeutschen folgendermaßen aus: 41,3% Evangelische Christen, 30,8 % Katholiken, 16,4% Baptisten, 8,5% Mennoniten, 3% andere konfessionelle Gruppen und Sekten. 7
Mennoniten
Auch 20 Jahre später, im Jahre 1995 hielt dieser Trend an: Etwa 50% der Einwanderer waren evangelisch, 20% katholisch und 30% gehörten anderen Konfessionen an. 8
Rußlanddeutsche Christen mit freikirchlichem Hintergrund
Aufgrund des ununterbrochenen Zuzugs von Aussiedlern und weil die meisten rußlanddeutschen Gemeinden weder eine Statistik führen noch bereit sind, Zahlen herauszugeben, ist es schwierig, genaue Angaben zu den rußlanddeutschen Freikirchen zu machen. Laut den Untersuchungen von John N. Klassen kann von etwa 250.000-300.000 rußlanddeutschen Personen ausgegangen werden, die sich im Jahre 1996 entweder zu den Baptisten oder Mennoniten zählten. Doch nur etwa ein Viertel von ihnen bekennt sich zu
Jesus Christus. 9 „Die übrigen sind [laut Klassen] ethnische Mennoniten oder ethnische Baptisten (einschließlich Kinder und Erwachsene, die an den
7 Schnurr, „Aussiedler“ 29.
8 Vgl. Reinhardt, Telefonisches Interview mit dem Autor, 13. September 1995 und Spinger, Telefonisches Interview mit dem Autor, 13. September 1995.
9 Coggins, „Aussiedler“ 2.
18
Versammlungen teilnehmen, aber nicht selbst Mitglieder sind)“. 10 Die Ergebnisse der Recherchen bezüglich der Konfessionszugehörigkeit im Jahre 1995 ergaben bei den rußlanddeutschen freikirchlichen Gruppen folgendes Bild: 34.118 Personen sehen sich als Baptisten, 18.318 zählen zu den Mennonitenbrüdern, 7.000 gehören zur Gruppe der rußlanddeutschen
Pfingstgemeinden, 11 4.500 können zu den kirchlichen Mennoniten gerechnet werden, 12 2.500 sind Mitglieder in der Gemeinde Gottes 13 und ca. 1.000 haben sich den einheimischen Gemeinden angeschlossen. 14 Insgesamt zählten die rußlanddeutschen Freikirchen im Jahre 1995 66.436 getaufte
Gemeindemitglieder. Das prozentuale Verhältnis sah 1995 wie folgt aus: 15
G e m e in d e G o tt e s
P f in g s tle r
Bis Mitte 1997 ist die Zahl der rußlanddeutschen Christen in den Freikirchen auf 79.450 angestiegen. 16 Wenn man diese Zahl mit den Mitgliedskirchen der
10 Ebd., 2.
11 Wiebe, Telefonisches Interview mit dem Autor, 15. September 1995.
12 Rempel, Telefonisches Interview mit dem Autor, 14. September 1995. Siehe auch Mennonitisches Jahrbuch, 1996, 172. Bei den 4.500 Mitgliedern geht es um den Anteil der rußlanddeutschen getauften Christen in der AGUM.
13 Schüler, Telefonisches Interview mit dem Autor, 15. September 1995.
14 Diese Zahlen ergeben sich aus meinen statistischen Erhebungen im September 1995.
15 Wenn ab hier von den Mennoniten die Rede ist, so sind damit - wenn nicht anders angegeben - sowohl die kirchlichen Mennoniten als auch die Mennonitenbrüder gemeint. Auf die Unterschiede zwischen diesen zwei Gruppen wurde im dritten Kapitel dieser Arbeit schon ausführlich hingewiesen.
16 Dieses sind die Zahlen, die sich aus meinen statistischen Erhebungen im Juni 1997 ergeben haben. Zu dieser Gruppe kommen noch 3.800 Baptisten, die sich den Gemeinden des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) angeschlossen haben.
19
Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) vergleicht, so ergibt sich hier
folgendes Bild: 17
1.1.3 Überregionale Strukturen der rußlanddeutschen Freikirchen
Da es in dieser Arbeit um die Freikirchen täuferischer Prägung geht, beschränke ich mich auf die baptistisch-mennonitischen Gruppierungen. Die Glaubenstaufe wird außerdem bei den Pfingstlern, den Adventisten und der Gemeinde Gottes praktiziert, die jedoch nicht Gegenstand der Untersuchung sind. Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Klassifizierung der rußlanddeutschen Freikirchen. Man kann sie nach ihren Verbänden oder nach ihrer Zugehörigkeit zur mennonitischen oder baptistischen Richtung einteilen.
17 Die Zahlen der VEF sind folgenden Quellen entnommen: Tibusek, Ein Glaube 216, 223, 232, 335, 379, 423, 452; Mennonitisches Jahrbuch, 1997, 134-161; „Bundeskonferenz“ 1997, 6; „50 Jahre“, 1997, 6; „Freikirchen“, 1997, 7. Zu den schon erwähnten Abkürzungen kommen folgende dazu: BFP = Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden; EFBU = Europäisch-Festländische Brüder-Unität; CGV = Christlicher
Gemeinschaftsverband Mühlheim an der Ruhr; HiD = Heilsarmee in Deutschland; KdN = Kirche des Nazareners.
20
1.1.3.1 Der mennonitische Flügel
Arbeitsgemeinschaft zur geistlichen Unterstützung in Mennoniten-gemeinden (AGUM) 18
Diese Arbeitsgemeinschaft stellt einen Dachverband der sogenannten kirchlichen Mennonitengemeinden dar. Zusammen mit einigen einheimischen Gemeinden zählte diese Arbeitsgemeinschaft im Juni 1997 6.500 Mitglieder in 27 Gemeinden. 19 Etwa 5.500 Mitglieder der AGUM kommen ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Zielsetzung dieser Gruppe war anfänglich die Betreuung neu angekommener Aussiedler. Nach und nach hat sich diese Arbeitsgemeinschaft mehr zu einem festen Dachverband entwickelt, der einen Verlag, ein Missionswerk, eine Zeitschrift und eine Gemeindebibelschule
unterhält. 20 Weder zu den Baptisten noch zu den Mennonitenbrüdern bestehen seitens dieser Gruppe enge Kontakte. 21
Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Brüdergemeinden in Deutschland (AMBD)
Dieser Verband entstand im Jahre 1960, als sich Vertreter der Mennonitenbrüder in Nordamerika um mennonitische Flüchtlinge nach dem
zweiten Weltkrieg kümmerten. 22 Im Juni 1997 betrug die Zahl der Mitglieder ca. 1.350 in 14 Gemeinden. 23 Ungefähr 600 von ihnen sind Aussiedler aus der Sowjetunion, deren Wurzeln in der Erweckungsbewegung im Jahre 1860 in Rußland zu finden sind. 24 Die Gemeinden der AMBD setzen sich aus einheimischen, süd- und nordamerikanischen und rußlanddeutschen Christen
18 Die Abkürzungen für die einzelnen Verbände werden nicht in jedem Fall von den Verbänden selbst geführt. Sie sollen hier lediglich als Hilfe dienen.
19 Rempel, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997.
20 Siehe MonatsBlatt (Januar-Juni 1997); Christliche Missions-Verlags-Buchandlung; Gemeindebibelschule der Mennonitengemeinde Bielefeld.
21 Zur AGUM siehe Klassen, „200 Jahre“ 6.
22 Vgl. Klassen, „200 Jahre“ 8; siehe auch Tibusek, Ein Glaube 273.
23 Neufeld, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997.
24 Vgl. Klassen, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997.
21
zusammen. Der Verband arbeitet eng mit einigen rußlanddeutschen Gemeinden
und Verbänden zusammen, 25 sieht sich aber nicht als ein Teil der rußlanddeutschen Freikirchen. Die Theologie und das Glaubensbekenntnis der
AMBD sind in beidem den nordamerikanischen Mennonitenbrüdern ähnlich. 26
Unabhängige Gemeinden mennonitischer Prägung (UGM)
Diese Gemeinden sind statistisch schwer zu erfassen, weil immer wieder neue Gemeinden ins Leben gerufen werden. Nach den Recherchen von John N. Klassen kann man davon ausgehen, daß diese Gruppe im Juni 1997 etwa 10.000 Mitglieder zählte. Trotz ihrer Unabhängigkeit haben diese Gemeinden einen engen Kontakt entweder zur Bruderschaft der Umsiedlergemeinden oder zum Bund Taufgesinnter Gemeinden. 27
1.1.3.2 Der baptistische Flügel
Vereinigung der Evangeliumschristen-Baptisten (VEB)
Dieser Verband wurde im Jahre 1976 ins Leben gerufen, nachdem mehrere Christen aus den Reihen der Evangeliumschristen-Baptisten nach Deutschland
gekommen waren. 28 Von Anbeginn sah sich diese Gruppe sehr eng mit der Untergrundkirche in der ehemaligen Sowjetunion verbunden. 29 Diese Verbindung, die bis heute noch besteht, wurde insbesondere durch das Missionswerk „Friedensstimme“ repräsentiert. Dieses Werk sah sich als Vertreter der leidenden Evangeliumschristen-Baptisten in der Zeit der Verfolgung. 30 Die BEB-Gemeinden sind in der Regel sehr konservativ und pflegen nur wenig Kontakte zu anderen Gemeindeverbänden und
25 Vgl. Mennonitisches Jahrbuch, 1996, 173.
26 Vgl. Glaubensbekenntnis, 1991 und Loewen, One Lord 175-178.
27 Siehe hierzu Klassen, „200 Jahre“ 6.
28 Vgl. Tibusek, Ein Glaube 282.
29 Vgl. Klassen, „200 Jahre“ 9.
30 Das Missionswerk „Friedensstimme“ bringt seine Beziehung zu den verfolgten Christen in seiner Selbstdarstellung „Missionswerk Friedensstimme: Im Auftrag der Verfolgten Christen in der UdSSR“ sehr deutlich zum Ausdruck. Vgl. Missionswerk Friedensstimme.
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einheimischen Christen. 31 In den letzten Jahren hat die VEB mehrere Teilungen erlebt, die sie 1995 auf etwa 38 Gemeinden und 5.000 Gemeindemitglieder schrumpfen ließ. 32 In der Zwischenzeit ist diese Gruppe auf 6.000 Mitglieder in 45 Gemeinden und Gemeindefilialen angewachsen. 33 Zu den kirchlichen Mennoniten und teilweise auch Mennonitenbrüdern hat man allgemein wenig Kontakt.
Bruderschaft der Evangeliumschristen-Baptisten (BEB)
Die Bruderschaft der Evangeliumschristen-Baptisten formierte sich im Januar 1993. Der Kern dieser Gruppe kommt ursprünglich aus der VEB. Die Bruderschaft trennte sich von der Vereinigung, weil diese für die Bruderschaft zu offen wurde und in ihren Augen nicht konservativ genug war. Zusätzlich hatte man Mühe mit der straffen Leitungsform der VEB. Von ihrer Theologie und ihrem Gemeindeverständnis her gesehen kann die BEB zum baptistischen Flügel der rußlanddeutschen Freikirchen gerechnet werden. Die Bruderschaft möchte jedoch noch konservativer als die VEB sein und legt großen Wert auf
die Selbständigkeit der Gemeinden. 34 Im Juni 1997 zählte die BEB etwa 5.000 Mitglieder in 39 Gemeinden. 35
Arbeitsgemeinschaft evangelikaler Gemeinden (AeG)
Dieser Kreis entstand im September 1993 unter dem Namen „Arbeitsgemeinschaft unabhängiger und bibeltreuer Gemeinden“ und zählte Mitte 1997 etwa 1.500 Gemeindemitglieder in 7 Gemeinden. 36 Die Vertreter
31 Mit „konservativ“ ist nicht die theologische Einstellung der Gemeinden oder Gemeinderichtungen gemeint, sondern eine konservative Haltung bezüglich bestimmter Traditionen, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gebracht wurden.
32 Statistische Erhebungen des Autors. Vgl. Tibusek, Ein Glaube 282.
33 Schulze, Telefonisches Interview mit dem Autor, 26. Juni 1997.
34 Vgl. Tibusek, Ein Glaube 282.
35 Schmidt, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997.
36 Derksen, Telefonisches Interview mit dem Autor, 25. Juni 1997 und Siemens, Telefonisches Interview mit dem Autor, 25. Juni 1997.
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der AeG stellten ursprünglich den progressiven Flügel der VEB dar. 37 Nachdem sie es nicht geschafft hatten, das Ruder der Vereinigung in eine offenere Richtung umzuschlagen, haben sie sich von ihr getrennt. Genauer gesagt, sie wurden aus der Vereinigung ausgeschlossen, weil sie für die konservativen Christen zu unbequem wurden. Bezüglich ihrer Theologie und ihrem Gemeindeverständnis können sie als progressive Baptisten gesehen werden. Im November 1996 wurde der Name „Arbeitsgemeinschaft evangelikaler Gemeinden“ angenommen.
Unabhängige Gemeinden baptistischer Prägung (UGB)
Die unabhängigen Gemeinden in diesem Flügel bildeten im Jahre 1995 eine Gruppe von ca. 8.000 Gemeindemitgliedern. Mitte 1997 zählten sie Gemeinden
etwa 10.000 Mitglieder. 38 Sie pflegen in der Regel einen guten Kontakt zur Bruderschaft der Umsiedlergemeinden oder zum Bund Taufgesinnter
Gemeinden. 39
1.1.3.3 Der gemischte Flügel
Ein Teil der rußlanddeutschen Freikirchen kann sowohl dem baptistischen als auch dem mennonitischen Flügel zugeordnet werden. Diese Gemeinden werden in dieser Arbeit als „gemischter“ Flügel bezeichnet.
Bruderschaft der Umsiedlergemeinden (BUG)
Diese Gemeinden haben sich im Sommer/Herbst 1989 zum Dachverband vieler Aussiedlergemeinden formiert, die in Rußland zu den registrierten Gemeinden gehörten. Sowohl in ihrer Theologie als auch in der Zusammensetzung der Leitung und ihrer Gemeindemitglieder können sie als baptistische
37 Mit dem Begriff „progressiv“ werden Gemeinden beschrieben, die bemüht sind, sich in Deutschland effektiv zu integrieren, und die gelernt haben, zwischen ethischen Normen der rußlanddeutschen Tradition und der Bibel zu unterscheiden. Zusätzlich sind es Gemeinden, die großen Wert auf Mission und theologische Zurüstung ihrer Mitarbeiter legen.
38 Statistische Erhebungen von John N. Klassen.
39 Klassen, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997.
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Mennonitenbrüder gesehen werden. Etwa die Hälfte der Mitglieder der Gemeinden sehen sich als Vertreter der Mennonitenbrüder. Die andere Hälfte der Mitglieder fühlt sich zum baptistischen Flügel hingezogen. Bis zum Juni 1997 ist die Zahl der getauften Mitglieder auf 18.000 angestiegen, die sich auf 54 Mitgliedsgemeinden und zwölf Gastgemeinden aufteilt. 40 Dabei entfallen auf die zwölf Gastgemeinden etwa 2.000 Mitglieder. Auch dieser Verband unterhält kaum Kontakte zu anderen Verbänden und einheimischen Christen. Theologisch vertreten sie die Linie des Allunionsrates der
Evangeliumschristen-Baptisten in Rußland. Die ersten Vertreter dieser Gruppe hatten sich im Jahre 1976 von der Vereinigung der Evangeliumschristen-Baptisten getrennt, weil diese von den ehemals in der Sowjetunion registrierten Christen Reue und Buße für ihre loyale Haltung zur Regierung forderten. Dies trennt diese Verbände immer noch, obwohl sie sich in vielen ethischen Fragen einig sind. Beide legen großen Wert auf Gemeindezucht und eine straffe Bundes- und Gemeindeleitung.
Bund Taufgesinnter Gemeinden (BTG)
Der BTG bildet eine Arbeitsgemeinschaft von Gemeinden, die entweder einen baptistischen oder mennonitischen Hintergrund haben. Diese Gemeinden, die im Juni 1997 etwa 5.000 Gemeindemitglieder zählten, können auch zum progressiven Flügel der rußlanddeutschen Freikirchen gerechnet werden. Ihr Schwerpunkt liegt nicht in der Einhaltung festgeschriebener Gemeinderegeln, sondern in der Mission und in der theologischen und praktischen Zurüstung von Gemeindemitarbeitern. Die Zurüstung geschieht durch das Bibelseminar Bonn, in dem zur Zeit mehr als 200 Personen eingeschrieben sind. Die Programme werden mit Hilfe einer Tagesschule, einer Fern- und Abendbibelschule und durch Fortbildungskurse angeboten. 41
40 Fast, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997; Berg, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997; Töws, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997; Ens, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997.
41 Dieser Verband wird noch ausführlicher vorgestellt werden, weil er die Gruppe von Aussieldern darstellt, deren Gemeindepädagogik in dieser Arbeit untersucht werden soll.
25
1.1.3.4 Der integrierte Flügel: Arbeitsgemeinschaft der Evangeliumschristen-Baptisten
Die Arbeitsgemeinschaft der Evangeliumschristen-Baptisten (AEB) ist eine Organisation, die unter dem Dach des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten- und Brüdergemeinden) eine aktive Betreuung von
Aussiedlergemeinden betreibt. 42 Die Anfänge dieser Arbeitsgemeinschaft, die sich im Jahre 1990 formierte, sind in den siebziger Jahren zu suchen. 43 Der Initiator seitens der Baptisten war Günter Wieske, der wie kein anderer Christ im Westen sich unermüdlich um die Integration von Aussiedlern bemühte. Die Arbeitsgemeinschaft ist in den letzten zwei Jahren so stark gewachsen, daß sie im Juni 1997 etwa 6.200 Mitglieder in 40 Gemeinden und kleineren Gruppen
zählte. 44 Außerdem haben seit Beginn der Rückwanderung 3.800 Personen in den bestehenden Gemeinden des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher
Gemeinden eine geistliche Heimat gefunden. 45
Mit Hilfe einer Tabelle lassen sich die Zahlen von 1995 und 1997 wie folgt darstellen:
Gruppe 1995 1997 Wachstum Wachstum in
AGUM 4.500 5.500 1.000 22% AMBD 500 600 100 20% UGM 8.000 10.000 2.000 25% VEB 5.000 6.000 1.000 25% BEB 4.400 5.000 600 13,6% AeG 2.500 1.500 -1.000 -40% UGB 8.000 10.000 2.000 25% BUG 15.000 18.000 3.000 20% BTG 4.636 5.000 364 7,8%
42 Vgl. Tibusek, Ein Glaube 310f.
43 Vgl. „Arbeitsgemeinschaft der Evangeliums-Christen-Baptisten“.
44 Krell, Telefonisches Interview mit dem Autor, 26. Juni 1997.
45 Krell, Telefonisches Interview mit dem Autor, 1. Juli 1997 und Rust, Telefonisches Interview mit dem Autor, 1. Juli 1997. Vgl. auch Wieske, „Spätaussiedlergemeinden“ 1875.
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AEB 4.400 6.200 1.800 40% Im BEFG 1.000 3.800 2.800 280%
Pfingstler 46 7.000 8.750 1.750 25%
Diese Übersicht über das Gemeindewachstum in den einzelnen rußlanddeutschen Verbänden weist darauf hin, daß die konservativen Verbände häufig schneller als die progressiven wachsen. Der Grund liegt vor allem darin, daß die Neuankömmlinge aus der GUS sich in der Regel den konservativen Gemeinden anschließen oder selbständige Gemeinden ins Leben rufen. Den progressiven Verbänden wie der AeG und dem BTG schließen sie sich nur selten an, weil diese Verbände sich bei dem Bemühen um ein dem Evangelium gemäßes Leben und Dienen in der völlig veränderten Situation von den traditionellen Stilelementen entfernt haben. Die AeG ist in den letzten Jahren geschrumpft, weil einige konservative Gemeinden mit dem progressiven Kurs dieser Gruppe nicht einverstanden waren. Die Mitgliedsgemeinden der AeG haben sonst vor Ort wie auch die anderen rußlanddeutschen Freikirchen Gemeindewachstum erlebt. Ähnlich verhält es sich mit den Gemeinden des BTG. In den Jahren 1995-1997 haben zwei Gemeinden den Verband verlassen, was zum geringeren Wachstum des Verbandes, aber nicht ihrer örtlichen Gemeinden beigetragen hat. Die Mitgliederzahlen in den örtlichen Gemeinden sind in den Jahren 1994-1996 um 18,8% gewachsen. 48 Die Entwicklung innerhalb der AEB ist außergewöhnlich und kann als Frucht der langjährigen Bemühungen des BEFG, Aussiedler innerhalb des Bundes zu integrieren,
gesehen werden. 49
46 Diese Zahlen entsprechen den Angaben von Jakob Wiebe, der die Verantwortung für die Pfingstgemeinden in Deutschland trägt. Wiebe, Telefonisches Interview mit dem Autor, 15. September 1995; ders., Telefonisches Interview mit dem Autor, 1. Juli 1997.
47 Schüler, Telefonisches Interview mit dem Autor, 15. September 1995; ders., Telefonisches Interview mit dem Autor, 1. Juli 1997.
48 Statistische Erhebung von John N. Klassen.
49 Krell, Telefonisches Interview mit dem Autor, 1. Juli 1997.
27
Mit Hilfe eines Diagramms läßt sich die Zusammensetzung der rußlanddeutschen Freikirchen im Jahre 1997 wie folgt darstellen:
Der Überblick zeigt, daß die kirchliche und besonders freikirchliche Landschaft sich in Deutschland in den letzten Jahren wesentlich verändert hat. Die im 16. Jahrhundert fast ausgerottete evangelische Täuferbewegung ist im Lande der Reformation in einem nie dagewesenen Ausmaß vorhanden. Es ist zu hoffen, daß es in den nächsten Jahrzehnten zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den rußlanddeutschen und einheimischen Freikirchen kommt, in der täuferische Prinzipien neu entdeckt und in die Praxis umgesetzt werden.
1.2 Konkrete Darstellung: Der Bund Taufgesinnter Gemeinden
1.2.1 Geschichte
Am 18. September 1989 trafen sich in Lemgo Vertreter aus sieben rußlanddeutschen Freikirchen, um sich gemeinsam im Lichte der Bibel, der Geschichte und der gegenwärtigen Situation in Deutschland Gedanken über eine
mögliche Zusammenarbeit von Gemeinden zu machen. 50 Nach langem Austausch und intensiver Gebetsgemeinschaft waren sich alle Teilnehmer einig, Schritte in Richtung einer Zusammenarbeit zu unternehmen. Was ursprünglich nur als ein unverbindliches Treffen gedacht war, wurde zur Geburtsstunde des Bundes Taufgesinnter Gemeinden. Noch am gleichen Abend wurden gewählt sieben
50 Vgl. Löwen, „Konzept“.
28
Personen, die sich mit der Gründung des Bundes intensiver beschäftigen sollten. Schon am 14. Oktober des gleichen Jahres fand die erste Mitgliederversammlung statt, die sich aus den Vertretern der Mitgliedsgemeinden zusammensetzte. 51 Hier wurde der Bund Taufgesinnter Gemeinden offiziell ins Leben gerufen, der im Herbst 1989 sieben Gemeinden mit insgesamt ca. 2.500 Mitgliedern zählte. 52 Bis Mitte 1997 ist der Bund auf zwanzig Gemeinden angewachsen und zählt ca. 5.000 Mitglieder. 53 Mit Hilfe eines Diagramms läßt sich das Wachstum der Mitglieder im BTG wie folgt darstellen:
5000
4500 4000 3500 3000 2500 2000 1500 1000 500 0
1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997
Der Bund setzt sich aus Gemeinden zusammen, deren Mitglieder in den letzten 25 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind. Die Bezeichnung „taufgesinnt“ bringt zum Ausdruck, daß der BTG ein Verband von täuferischen Gemeinden ist. Diese haben sowohl einen mennonitischen als auch baptistischen Hintergrund. Bei den mennonitischen Gemeinden des BTG geht es um die Mennonitenbrüder.
51 Vgl. Protokoll der MV des BTG vom 14.Oktober 1989.
52 „Neu: Bund Taufgesinnter Gemeinden“ 28. Vgl. auch Loewen, „Churches“; ders., „New association“.
53 Statistische Erhebung von John N. Klassen.
29
1.2.2 Grundlage
Die Grundlage der Zusammenarbeit der BTG-Gemeinden bilden das revidierte Glaubensbekenntnis der Vereinigten Christlichen Taufgesinnten Mennonitischen
Brüdergemeinden in Rußland von 1902 und die Chicagoerklärung zur Bibel. 54 Obwohl das Glaubensbekenntnis von 1902 die Handschrift der Mennonitenbrüder trägt, war es in seiner ursprünglichen Fassung eine Kopie des Glaubensbekenntnisses der deutschen Baptisten mit mennonitischen
Ergänzungen wie Wehrlosigkeit, Eidesverweigerung und Fußwaschung. 55 Die revidierte Fassung, an der noch gearbeitet wird, soll ein täuferisches Glaubensbekenntnis darstellen, das sowohl baptistische als auch mennonitische Züge aufweist. 56
1.2.3 Grundsatz
Obwohl der BTG den Namen „Bund“ führt, sieht er sich eher als eine Arbeitsgemeinschaft von selbständigen Gemeinden. Der wichtigste organisatorische Grundsatz des BTG ist daher auch die Selbständigkeit der Mitgliedsgemeinden. Die Zusammenarbeit der Gemeinden wird nur in den Bereichen angestrebt, in denen man die Aufgaben gemeinsam besser erledigen kann. Um jegliche Einmischung des Bundes in die inneren Angelegenheiten der Gemeinden zu verhindern, wurde auf der Mitgliederversammlung des Bundes folgender Beschluß gefaßt: „In der Regelung ihrer inneren Angelegenheiten und im sonstigen Gemeindeleben ist jede Gemeinde unabhängig und selbständig. Die Ausgestaltung der Gemeindestruktur und der Gemeinderichtlinien ist Sache der betreffenden Mitgliedsgemeinde“. 57 Weiter heißt es: „Bei Streitfragen innerhalb einer Gemeinde und beim Auftreten von Lehrunterschieden oder anderen
54 Vgl. Glaubensbekenntnis, 1902 und Schirrmacher, Bibeltreue in der Offensive.
55 Zur Geschichte des Glaubensbekenntnisses der Mennonitenbrüder siehe Löwen, Beziehungen 38-40.
56 An der revidierten Fassung des Glaubensbekenntnisses arbeitet zur Zeit das dem BTG angeschlossene Bibelseminar Bonn. Die vorläufige Fassung ist im Anhang dieser Arbeit zu finden.
57 Satzung des BTG § 3.2-3.3.
30
Differenzen darf der Bund einigen Brüdern einen Schlichtungsauftrag erteilen, [nur] wenn die Gemeinde dies mit einer 2/3 Mehrheit so beschließt und beantragt“. 58 Diese starke Betonung der Selbständigkeit der Gemeinden liegt in den schlechten Erfahrungen begründet, die man in Verbänden mit zentralistischer Führung in der ehemaligen Sowjetunion und in Deutschland gemacht hat. Die siebenjährige Geschichte des BTG hat gezeigt, daß man diesem Prinzip treu geblieben ist. Zur Zeit besteht eher die Gefahr, daß die Gemeinden immer individualistischer werden, was einer effektiven Zusammenarbeit zum Teil im Wege steht.
1.2.4 Grundziele
Der Bund hat sich zum Ziel gesetzt, den Gemeinden in der Verwirklichung ihres dreifachen Auftrages behilflich zu sein: (1) Gott zu verherrlichen (Eph 1, 3-14); (2) Christen zuzurüsten (Eph 4, 11-16); (3) Verlorene für Christus zu gewinnen
(Mt 28, 18-20). 59 Um dies zu erreichen, werden vom Bund laut der Satzung folgende Aufgaben wahrgenommen:
Förderung der Gemeinschaft zwischen einzelnen Gemeinden; Schulung und Weiterbildung aller Gemeindemitarbeiter; Förderung der Innen- und Außenmission einschließlich sozialer, jugenderzieherischer und
seniorenausgerichteter Dienste in praktischer Betätigung christlicher Nächstenliebe im Sinne der Diakonie, insbesondere in Entwicklungsländern; Herausgabe einer gemeindebezogenen Zeitschrift und anderer christlicher Schriften sowie deren Verbreitung; Durchführung von Tagungen und Glaubenskonferenzen; Aus- und Umsiedlerbetreuung einschließlich Hilfestellungen zur geistlichen und sozialen Integration; Hilfestellungen zur Gründung neuer Gemeinden. 60
An einer anderen Stelle werden die Aufgaben noch konkreter formuliert:
1. Betreuung von rußlanddeutschen Aussiedlern; 2. Schulung und Zurüstung von Gemeindemitarbeitern; 3. Förderung der Jugend- und Kinderarbeit in den Gemeinden; 4. Gemeinsame Missions- und Evangelisationsprojekte; 5. Förderung der Zusammenarbeit von Gemeinden durch Kanzeltausch, gegenseitige Besuche von Gemeinden und anderen gemeinsamen
58 Ebd., § 3.4.
59 Löwen, „Bund Taufgesinnter Gemeinden“ 123.
60 Satzung des BTG § 2.2.
31
Aktivitäten; 6. Förderung des Gesanges und der Musik in den Gemeinden; 7. Förderung von Publikationen. 61
Um diese Aufgaben verwirklichen zu können, wurden schon in den ersten Sitzungen folgende Ausschüsse konzipiert: (1) Komitee für Aussiedlerbetreuung; (2) Komitee für Schulung und Zurüstung der Gemeindemitarbeiter; (3) Komitee für Jugend- und Kinderarbeit; (4) Komitee für Missions- und Evangelisationsarbeit; (5) Komitee für Zusammenarbeit von Gemeinden; (6) Komitee für Musik und Gesang; (7) Komitee für Publikationen und Veröffentlichungen. 62
In den letzten siebeneinhalb Jahren ist es den BTG-Gemeinden gelungen, einen Teil der Ziele in Form von gemeinsamen Projekten zu verwirklichen. Den anderen Zielen, die nicht auf Bundesebene verfolgt werden konnten, wurde in der Regel von den örtlichen BTG-Gemeinden erfolgreich nachgegangen. Als Beispiel kann hierfür die Betreuung der Aussiedler erwähnt werden.
Die Betreuung von Aussiedlern hat sich nicht als ein gemeinsames Projekt des BTG entwickelt, obwohl es eines der Ziele des BTG war. Diese Aufgabe wurde vielmehr von den einzelnen Gemeinden je nach Bedarf wahrgenommen. Neben den Gemeinden bemühen sich auch einzelne Personen in Zusammenarbeit mit den Behörden, den sozialen Einrichtungen und den Institutionen, die sich mit der Integration von Aussiedlern beschäftigen, um die Aussiedler aus Rußland. So betrieb ich als Leiter des BTG in den Jahren 1990-1991 rege Vortragstätigkeit in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld und der Heimvolkshochschule in Oerlinghausen, um Personen, die mit Aussiedlern aus Rußland arbeiten, über die Geschichte und Kultur der Rußlanddeutschen zu informieren. Eine bemerkenswerte Arbeit wird seit vielen Jahren von Otto Hertel aus der Gemeinde Detmold in Zusammenarbeit mit den Behörden der Stadt Detmold und im
Rahmen der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland getan. 63 Die soziale und kirchliche Betreuung der Aussiedler mußte vom BTG nicht übergemeindlich
61 Löwen, „Bund Taufgesinnter Gemeinden“ 123.
62 Protokoll der Vorstandssitzung des BTG vom 15. Januar 1990.
63 Hertel, Telefonisches Interview mit dem Autor, 28. Juni 1997.
32
organisiert und durchgeführt werden, weil sie von den einzelnen Gemeinden und Personen als eine selbstverständliche Aufgabe nach Bedarf wahrgenommen wurde.
1.2.5 Gemeinsame Projekte
Das Bibelseminar Bonn
Vor der Entstehung des Bibelseminars Bonn fand die Schulung und Zurüstung von Gemeindemitarbeitern der BTG-Gemeinden primär durch das Missionswerk
„Logos“ statt. 64 Dieses Werk wurde im Jahre 1976 ins Leben gerufen, um den Gemeinden in der Sowjetunion mit Hilfe einer Fernschule (BEE) 65 eine biblischtheologische Ausbildung anzubieten. Aufgrund der Nachfrage in den Kreisen der Aussiedler nach einer theologischen Ausbildung entstand im Rahmen des
Missionswerkes „Das Seminar für biblisch-theologische Ausbildung“. 66 Diese Ausbildung wurde als Alternative zur Tagesbibelschule gesehen. Im Prospekt des Seminars, das 1989 herausgegeben wurde, heißt es:
Logos ist ein gemeindeorientiertes Seminar, das ehrenamtlichen und vollzeitigen Gemeindemitarbeitern eine biblisch-theologische Ausbildung vor Ort (in der Gemeinde) anbietet. Die Notwendigkeit einer alternativen Ausbildungsmethode ergibt sich aus der Tatsache, daß viele aktive Gemeindemitglieder aus familiären, zeitlichen, finanziellen und anderen Gründen nicht in der Lage sind, eine ortsgetrennte Ausbildung an einer Tagesbibelschule in Anspruch zu nehmen. Als Grundlage für diese Art von Ausbildung dient ein Fernstudienprogramm (TEE = Theological Education by Extension), das das Ziel verfolgt, die Mitarbeiter am Ort auszubilden. Das Konzept für dieses Programm wurde 1960 in Lateinamerika entwickelt und hat sich bereits in vielen Ländern der Welt bewährt. 67
Bis 1995 wurden durch dieses Programm sehr viele Mitarbeiter der rußlanddeutschen Gemeinden mit Hilfe von Intensivkursen und Studiengruppen in den Gemeinden geschult. Neben der theologischen Zurüstung wurden auch
64 Siehe zur Geschichte von Logos Friesen, „Logos International feiert das 10jährige Jubiläum“ 18f. Vgl. auch Penner, „Logos und wir“ 25f.
65 BEE für Biblical Education by Extension.
66 Vgl. „Theological Education for the Umsiedler Churches“; Logos Jahresbericht des Vorsitzenden vom 31. Oktober 1990; Logos Jahresprogramm 1990; Das Logos Programm.
67 Das Logos Programm 3.
33
Schulungen für Kinder- und Jugendmitarbeiter angeboten. 68 Einen wichtigen Zweig der Arbeit bildete die musikalische Ausbildung. 69 Als Gastlehrer dienten Theologen aus Deutschland, den USA, der Schweiz und Kanada. 70 Aufgrund der Öffnung in der ehemaligen Sowjetunion hat sich dieses Missionswerk in der ersten Hälfte der 90er Jahre im Osten engagiert. Aus dieser Arbeit ist auch die
Christliche Universität St. Petersburg entstanden. 71 Die Verlagerung der Aktivitäten von Deutschland in die GUS führte dazu, daß die Schulungsarbeit in Deutschland aufgegeben wurde. Nicht zuletzt trug auch die Entstehung des Bibelseminars Bonn, das die Schulungsaufgaben der BTG-Gemeinden übernommen hatte, zur Einstellung der theologischen Ausbildung bei.
Das Bibelseminar Bonn (BSB) kann als das erste und größte gemeinsame Projekt der BTG-Gemeinden angesehen werden. Sofort nach der Gründung des BTG war man sich einig, eine eigene theologische Ausbildungsstätte ins Leben zu rufen, um den Mitarbeitern in den Gemeinden die Möglichkeit der theologischen Ausbildung anzubieten. Schon am 16. März 1990 wurde auf der Mitgliederversammlung die Frage nach der Gründung einer Bibelschule angesprochen. 72 Diese Angelegenheit wurde an den Vorstand weitergeleitet, der am 1. Oktober 1990 darüber beriet und einige Brüder bat, ein Konzept auszuarbeiten. 73 Dieses wurde am 12. April 1991 der Bundesleitung, die sich aus den Pastoren der Gemeinden und dem juristischen Vorstand zusammensetzte, vorgelegt. 74 Die Argumente für die Gründung einer eigenen Schule wurden in diesem Konzept wie folgt formuliert:
Obwohl in Deutschland gute theologische Ausbildungsstätten, die wir grundsätzlich anerkennen, vorhanden sind, ist die Notwendigkeit für eine „eigene“ Schule nicht zu übersehen. (1) Jede Gemeinde (Gemeindegruppe), die ihr besonderes Schriftverständnis, ihre eigene Identität hat, braucht auch
68 Ebd., 9.
69 Ebd., 9.
70 Ebd., 12.
71 Vgl. Logos International und Nach 70 Jahren.
72 Protokoll der BTG-MV vom 16. März 1990.
73 Protokoll der BTG-Vorstandssitzung vom 1. Oktober 1990.
74 Vgl. Löwen und Heidebrecht, „Konzept des Schulungsausschusses“.
34
ihre Schulungsstätte (-möglichkeit). (2) In der Vergangenheit sind viele junge Leute, die auf bestehende Bibelschulen gingen, nicht in ihre Gemeinden und Aufgaben zurückgekommen. Wir hoffen, daß mehr zurückkommen werden, wenn sie auf eine Schule gehen, die den „Heimatgemeinden“ näher steht. (3) Die Schule sollte Schülern, Studenten und Gemeinden helfen, „ihre Identität“ zu finden, zu bewahren und zu fördern. (4) Deutschland braucht eine Schule mit einem baptistischmennonitischen gemeindeintegrierten Missions- und Theologieverständnis. (5) Unsere Gemeinden brauchen viele zugerüstete, nebenberufliche und hauptamtliche Mitarbeiter in den Gemeinden, in der Gemeindegründung im In- und Ausland. 75
Das Selbstverständnis dieser Ausbildungsstätte sollte nach dem Konzept wie folgt aussehen:
Täuferisches Schriftverständnis: Betonung auf Jesu Christi Einzigartigkeit, auf Bibel, Nachfolge (Ethik), Gemeinde (einschließlich Gemeindegründung), Mission und Friedenszeugnis ... Es ist eine Schule, die gemeindebezogen arbeitet, ein täuferisches Schriftverständnis hat, verbindliche Mitarbeit aller Gläubigen lehrt und fördert, die Heilige Schrift als einzige und verbindliche Grundlage für Glauben und Lehre anerkennt, von Gemeinden und Gemeindeverbänden getragen wird. 76
Die Bundesleitung und auch später die Mitgliederversammlung stimmten dem Konzept zu und trafen die Entscheidung, sich dem Aufbau der Schule zu widmen. Es folgte eine intensive Zeit der Vorbereitung. Die Vorbereitungsarbeit wurde im Sommer 1993 abgeschlossen, und am 5. September des gleichen Jahres konnte das Bibelseminar Bonn seinen Schulbetrieb mit 16 Schülern aufnehmen. 77 Am 4. September 1994 wurden die ersten Absolventen des einjährigen Programms feierlich in den Dienst entlassen. 78 Zwei Jahre später konnten im Zusammenhang mit der Einweihung der neuen Räumlichkeiten die ersten Schüler des dreijährigen Programms verabschiedet werden. 79 Das neue Schuljahr zählte im Oktober 1996 59 Schüler. 80
75 Ebd.; vgl. auch Löwen, „Vorschlag für den Aufbau eines Schulungszentrums“ 1.
76 Löwen und Heidebrecht, „Konzept des Schulungsausschusses“ und Löwen, „Vorschlag für den Aufbau eines Schulungszentrums“ 1.
77 Vgl. Löwen, „Eröffnungsfeier des BSB“ 13.
78 Vgl. Löwen, „Ein vager Traum wurde Wirklichkeit“ 23.
79 Vgl. Krause, „Soli Deo Gloria“ 16f.
80 Vgl. Ebd., 17.
35
Um Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Gemeinden eine nebenberufliche theologische Ausbildung anzubieten, wurde im Jahre 1994 zusätzlich der theologische Fernunterricht am Bibelseminar Bonn eingerichtet, der im Herbst
1997 120 eingeschriebene Schüler zählte. 81 Im Rahmen dieser Fernschule wird in Zusammenarbeit mit der ICI University ein einjähriges College-Programm angeboten, das man zu einem dreijährigen College-Programm ausbauen möchte. 82 Die Vorbereitungen in dieser Hinsicht sind schon voll im Gange. 83 Die Fernschüler haben die Möglichkeit, neben dem Fernunterricht auch an Wochenkursen teilzunehmen, die im Rahmen des Fernunterrichts anerkannt werden.
Zusätzlich zum Fernprogramm wurde im Herbst 1997 der Schulbetrieb der Abendbibelschule in den Räumlichkeiten des Bibelseminars Bonn aufgenommen. Sie soll Gemeindemitarbeitern in der Umgebung von Bonn die Möglichkeit bieten, an Kursen in den Räumlichkeiten des Bibelseminars Bonn teilzunehmen. 84 Solche Programme sollen in der Zukunft auch in anderen Gemeinden aufgebaut werden.
Schon in den ersten Jahren seines Bestehens wurde das Bibelseminar Bonn mit der Notwendigkeit der Weiterbildung von Pastoren und Bibelschulabsolventen konfrontiert. Daher wurde 1994 das Fortbildungsprogramm eingeführt, das jährlich mehrere Wochenkurse mit Professoren und Theologen aus Deutschland, den USA, der Schweiz und Kanada anbietet. 85 Die Teilnehmerzahl dieser Wochenkurse lag in den letzten Jahren im Durchschnitt bei 100 Personen. 86 Im
81 Vgl. Löwen, „Fernstudium am BSB“ 23; Krause, „Soli Deo Gloria“ 17 und Bibelseminar Bonn: Theologische Fernschule.
82 ICI steht hier für International Correspondence Institute. Die Ergänzung University wird seit einigen Jahren geführt, weil ICI den Status einer Universität in den USA bekommen hat.
83 Derksen, Persönliches Interview mit dem Autor, 1. Juli 1997.
84 Vgl. Bibelseminar Bonn: Abendbibelschule.
85 Vgl. Löwen, „Vorlesungen ‘94“ 21 und Löwen, „Vorlesungen“ 16.
86 Vgl. Krause, „Soli Deo Gloria“ 17.
36
Anschluß an die Wochenkurse werden vom BTG und BSB Prediger- und
Mitarbeiterkonferenzen angeboten, die an Wochenenden stattfinden. 87
Die Absicht des BSB ist, das Programm mit den Fortbildungskursen zu einem zweijährigen Magisterprogramm in Zusammenarbeit mit einem akkreditierten Seminar in den USA auszubauen. 88 Die Gespräche diesbezüglich werden seit Dezember 1995 mit einigen mennonitischen und baptistischen Seminaren in den USA geführt.
Zusätzlich zu den schon erwähnten Programmen werden vom BSB Schulungen für verschiedene Zweige der Gemeindearbeit angeboten: „Kinder-, Jungschar-, Teenager-, Jugend-, Jungerwachsenen-, Frauen- und Seniorenarbeit, Seelsorge, Predigtlehre und Dirigentenkurse“. 89 Auch die Gemeindebibelschule soll vom BSB noch mehr ausgebaut werden. Hierzu steht im Prospekt des Bibelseminars:
Sie ist für Christen gedacht, die das Wort Gottes besser kennenlernen möchten und eine Zurüstung für ihren Dienst in der Gemeinde oder Mission benötigen. Der Unterricht wird in der Ortsgemeinde erteilt. Das Bibelseminar sieht hier die Aufgabe, Gemeindemitarbeitern mit Hilfe von Programmen, Schulungen und Beratungen zur Seite zu stehen. 90
Die Zahl der Lehrer und Mitarbeiter am BSB ist von 1993-1997 gestiegen. Der Schulbetrieb wurde im Herbst 1993 mit drei ständigen Lehrern aufgenommen, die zum Teil von Verbänden und Gemeinden finanziell getragen wurden. Bis zum Herbst 1997 ist die Zahl der Lehrer und Mitarbeiter auf 16 Personen angewachsen, die zum größten Teil vom Internationalen Centrum für Weltmission (ICW) und den BTG-Gemeinden finanziell getragen werden. Zusätzlich werden regelmäßig mehr als zwanzig Theologen aus Deutschland, den USA, Kanada und der Schweiz als Gastdozenten eingeladen.
87 Vgl. Löwen, „Prediger- und Mitarbeiterkonferenzen 1994“ 22; ders., „Prediger und Mitarbeiterkonferenz mit Dr. James Borror“ 15.
88 Vgl. Bibelseminar Bonn und Löwen, „Vorschlag für den Aufbau eines Schulungszentrums“ 4.
89 Bibelseminar Bonn.
90 Ebd.
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Auch bezüglich der Räumlichkeiten hat das Bibelseminar eine positive Entwicklung durchgemacht. Im ersten Semester diente der Jugendraum der Evangelischen Freikirche (Baptisten) in Bonn, der sich im Kellergeschoß befand, als Unterrichtsraum für die Schule. Zum zweiten Semester durfte das BSB in die neuen Räumlichkeiten einziehen, die von der Gemeinde für den Schulbetrieb und den eigenen Bedarf erstellt wurden. Aufgrund des schnellen Wachstums mußte das BSB im Herbst 1995 in größere Räumlichkeiten umziehen, die für ein Jahr angemietet wurden. Nach langer Suche und vielen Verhandlungen konnte das BSB im Herbst 1996 mit dem ICW in den ehemaligen Sitz der Bundesgeschäftsstelle der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ einziehen. Hier stehen ihr mehrere Gebäude in einem Park auf einem Grundstück von 5,2 Hektar Land zur Verfügung.
Seit der Gründung im Jahre 1993 war das Bibelseminar Bonn juristisch gesehen kein Verein und arbeitete unter dem BTG e.V. Um die Arbeit effektiver vorantreiben zu können, wurde am 22. August 1995 der Verein „Bibelseminar
Bonn“ ins Leben gerufen. 91 Die Beziehung zwischen dem BTG und dem BSB wird in der Satzung wie folgt zum Ausdruck gebracht: „Das BSB ist eine konfessionelle theologische Ausbildungsstätte des Bundes Taufgesinnter Gemeinden e.V. (BTG)“. 92 Weiter heißt es: „Der Leiter und Geschäftsführer des BSB müssen Mitglieder einer BTG-Gemeinde sein und gehören aufgrund ihres Amtes dem Vorstand als Beisitzer an, soweit sie nicht in andere Funktionen des
Vorstandes gewählt werden“. 93 Bezüglich der Zusammensetzung der Mitgliederversammlung lautet der Beschluß: „Bei der Zusammensetzung der Mitgliederversammlung ist darauf zu achten, daß der BTG e.V. mit einer Stimme
Mehrheit vertreten ist“. 94
Parallel zur Gründung des Vereins für das Bibelseminar Bonn entwickelte sich der Aufbau des Internationalen Centrums für Weltmission. Dieses Werk entstand
91 Gründungsprotokoll des Vereins „Bibelseminar Bonn“.
92 Satzung des Vereins Bibelseminar Bonn (BSB) § 1.1.
93 Ebd., § 6.3.
94 Ebd., § 8.4.
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aus der missionarischen Tätigkeit der Evangelischen Freikirche (Baptisten) in Bonn. Als die missionarische Arbeit immer größer wurde und die Gemeinde nicht mehr in der Lage war, sie mit ihren Kräften zu tragen und zu verwalten, wurde
das ICW am 20. Juli 1995 als Verein ins Leben gerufen. 95 Dieses Werk besteht aus vier Abteilungen: Innenmission, Außenmission, Verwaltung und
Ausbildung. 96 Die Ziele der Innenmission sind: (1) „Durch Schulung, Beratung und praktischen Einsatz den bestehenden Gemeinden sowie auch den von Gott berufenen Menschen zu helfen, neue Gemeinden und Missionsstützpunkte in Deutschland zu gründen“. 97 (2) Weiter soll das Jüngerschafts-Training mit Hilfe von Kursen wie „Das Leben meistern“, „Gott erleben“ und „Am Anfang des Weges“ in Deutschland, Europa und weltweit ausgebaut werden. In Deutschland, in der GUS und in Afrika erreicht das ICW zur Zeit Hunderte von Menschen mit dem Kurs „Das Leben meistern“. 98 (3) In Zusammenarbeit mit dem BSB plant das ICW Weiterbildung in folgenden Bereichen: Leiterschaft,
Gemeindegründung, Gemeindewachstum, Gemeindeleitung und Persönliche
Evangelisation. 99 (4) Praktische Missions-Kurzeinsätze in Deutschland, Europa, Asien, Afrika und Südamerika. In Zusammenarbeit mit dem BTG und einer kanadischen Missionsgesellschaft wurden 1997 Einsätze in folgenden Ländern angeboten: Deutschland, Ukraine, Spanien, Israel, Peru, Indien, Zaire, Nicaragua
und Argentinien. 100
Das vierte Ziel der Innenmission greift in den Bereich der Außenmission hinein, wenn von den praktischen Missions-Kurzeinsätzen in Deutschland und weltweit die Rede ist. Die Außenmission beschäftigte 1997 ca. 100 Missionare in der
Ukraine, Lettland, Rußland, Brasilien, Malawi und Mosambik. 101 Die Missionare
95 Gründungsprotokoll des Vereins „Internationales Centrum für Weltmission“.
96 Vgl. Internationales Centrum für Weltmission 2.
97 Ebd., 3.
98 Daiker, Persönliches Interview mit dem Autor, Juni 1997; Wagner, Persönliches Interview mit dem Autor, Juni 1997.
99 Vgl. Internationales Centrum für Weltmission 3.
100 Vgl. Mehr als ein Urlaub: Missionarische Einsätze ’97.
101 Vgl. Internationales Centrum für Weltmission 5-7. Zur Arbeit in Malawi, Brasilien und Ukraine siehe Malawi in Afrika, Ukraine und Brasilien in Teixeira Soares - Paraná.
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sind in den jeweiligen Ländern in folgenden Bereichen tätig: (1) „Missionarische Arbeit. Es handelt sich hierbei um evangelistische Tätigkeit in Verbindung mit humanitärer Hilfe“. 102 (2) „Gemeindegründungsarbeit. Alle missionarischen Aktionen haben zum Ziel, daß neue Gemeinden entstehen. Das Endziel der evangelistischen Arbeit ist erst dann erreicht, wenn die Menschen zu aktiven
Mitarbeitern der Gemeinde werden“. 103 (3) Schulung. Hierzu heißt es: „Damit die Arbeit in den einzelnen Ländern effektiv weitergeht, werden viele gute Mitarbeiter benötigt. Das bedeutet, daß man Christen für die Missions- und Gemeindearbeit vorbereiten und schulen muß“. 104 Um dieses Ziel zu erreichen, wurden in der Ukraine und in Afrika theologische Ausbildungsstätten eingerichtet. Als Lehrer dienen Gastdozenten des BSB. Nicht selten werden nordamerikanische Theologen eingeladen, um zuerst am BSB und anschließend in der Ukraine und in Afrika zu unterrichten.
Zur Arbeit der Außenmission gehören: „Gemeindehausbau, Kindertagesstätten, Berufsschulen, Gemeindegründungsarbeit, Unterstützung von Missionaren und Pastoren, Evangelisationen und Einsätzen, bis hin zum Aufbau von Schulungszentren“. 105
Die Verbindung zwischen dem BSB und ICW kommt durch die Abteilungen „Ausbildung“ und „Verwaltung“ zum Tragen: Das BSB ist strukturell gesehen die Ausbildungsabteilung des ICW. Zusätzlich werden von der Verwaltung des ICW die verwaltungstechnischen Aufgaben des BSB wahrgenommen. Auch personell sind beide Vereine eng miteinander verbunden: Der Geschäftsführer des ICW ist zugleich Geschäftsführer vom BSB. Das gleiche trifft für den Verwaltungsleiter zu. Der Schulleiter des BSB ist gleichzeitig beim ICW als Abteilungsleiter zuständig für die Abteilung „Ausbildung“. Auch der juristische Vorstand und die Mitgliederversammlung besteht fast ausschließlich aus den gleichen Personen.
102 Internationales Centrum für Weltmission 6.
103 Ebd., 6.
104 Ebd., 6.
105 Ebd., 7.
Arbeit zitieren:
Dr. Heinrich Löwen Jr., 1998, Gemeindepädagogik in russlanddeutschen Freikirchen in der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, München, GRIN Verlag GmbH
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