INHALTSVERZEICHNIS
1. ZIEL DER ARBEIT 5
1.1 Erkenntnisinteresse und Fragestellung 7
1.2 Theoretische Sensibilisierung 8
1.3 Aufbau der Arbeit 12
2. DEFINITORISCHE ABGRENZUNGEN 13
2.1 Abweichendes Verhalten 13
2.2 Gewalt im, durch und im Umfeld von Sport 14
2.3 Kriminalisierung 15
2.4 Stigmatisierung 16
2.5 Aktive Fanszene 17
3. EXPLIKATION DER UNTERSUCHTEN GRUPPEN 18
3.1 Aufteilung der Fußballzuschauer nach Kriterien 18
3.1.1 Polizeiliche Einteilung in Kategorie A, B und C 18
3.1.2 Einteilung nach Motiven für den Stadionbesuch 19
3.1.3 Einteilung nach Gruppen-Zugehörigkeit innerhalb der Szene 21
3.1.3.1 „Normalos“ 21
3.1.3.2 „Kutten“ 21
3.1.3.3 Hooligans 22
3.1.3.4 Ultras 23
3.1.3.5 „Hooltras“ 25
3.2 Bewertung von Zuschauergruppen unter dem Aspekt der Kriminalisierung 26
4. EXKURS FUßBALLFANS, AUSSCHREITUNGEN UND
PROBLEMATISIERUNGEN HISTORISCH 27
5. URSACHEN FÜR GEWALT, RANDALE UND AUSSCHREITUNGEN IN DER
FU ßBALLFANSZENE - FORSCHUNGSDEBATTE 30
5.1 Erklärungen zur Entstehung von Gewalt bei Fußballspielen 30
5.1.1 Sozialräumliche Gründe für Ausschreitungen im Fußball 32
5.1.2 Gesellschaftliche Ursachen für Ausschreitungen im Fußball 34
5.1.3 Sportbezogene Ursachen für Ausschreitungen im Fußball 35
5.1.4 Veranstaltungsbezogene Ursachen für Ausschreitungen im Fußball 38
5.1.5 Medienbezogene Ursachen für Ausschreitungen im Fußball 39
5.2 Bewertung des Stands der Ursachenforschung 41
6. MAßNAHMEN ZUR BEKÄMPFUNG VON AUSSCHREITUNGEN IM
FU ßBALL 43
6.1 Institutionelle Reaktionen auf Zuschauerausschreitungen bis 1989 43
2
6.2 Das Nationale Konzept Sport und Sicherheit (NKSS)
6.2.1 Einrichtung einer Koordinationsstelle für Fanprojekte
6.2.2 Einführung bundesweiter Stadionverbote
6.2.3 Empfehlungen für bauliche Sicherheitsstandards und organisatorisch-betriebliche
Bedingungen im Stadion im NKSS 48
6.3 Zentrale Informationsstelle für Sporteinsätze 49
6.4 Datei „Gewalttäter Sport“ 51
6.5 Polizeiliche Maßnahmen im Kontext von Fußballspielen 53
6.6 Bewertung der ordnungspolitischen Maßnahmen 55
7. UNTERSUCHUNGSFOKUS UND ÜBERGEORDNETE THEORIEKOMPLEXE
59
7.1 Theoretische Grundlagen des Labeling Approachs
7.1.1 Deviante Karrieren
7.1.1.1 Abweichende Laufbahnen nach Howard S. Becker
7.1.1.2 Der Verlauf eines Etikettierungsprozesses nach Stephan Quensel 7.2 Theorie der psychologischen Reaktanz 66
8. METHODISCHES VORGEHEN 70
8.1 Datenmaterial und Erhebungskontext
8.1.1 Teilnehmende Beobachtung an Spieltagen
8.1.2 Inhaltsanalyse von Szenepublikationen
8.1.3 Problemzentrierte Leitfadeninterviews mit Akteuren der aktiven Fanszene 8.2 Auswertungsverfahren und Analyseschritte 75
9. ERGEBNISSE 76
9.1.1 Kriminalisierungs- und Stigmatisierungserfahrungen
9.1.2 Fremdbilder zu Selbstbildern - abweichende Identitäten?
9.1.3 „Aufschaukelnde“ reziproke Feindbilder
9.1.4 Medien als Beschleuniger für abweichendes Verhalten?
9.1.5 Psychologische Reaktanz bei Freiheitseinengungen
9.1.6 Eingriffe in die Selbstregulierung der Fanszene 9.2 Bewertung der Ergebnisse 106
9.3 Modell Kriminalisierung, Stigmatisierung, Reaktanz 109
10. FAZIT EINER ANALYSE ABWEICHENDEN FANVERHALTENS 110
11. LITERATUR 118
11.1 Wissenschaftliche Literatur 118 11.2 Internet-Quellen 124
11.3 Literatur Inhaltsanalyse Zeitschriften 124
11.4 Literatur Inhaltsanalyse Bücher 125
3
11.5 Abbildungen 125
12. ANHANG 127
I Interviewleitfaden (Muster) 127 II Transkripte
a) Transkript 1
b) Transkript 2
c) Transkript 3 III Teilnehmende Beobachtungen
d) Teilnehmende Beobachtung 1 - TeBe - FCE
e) Teilnehmende Beobachtung 2 - FCM - FCE
4
1. Ziel der Arbeit
Was ist „anders“ an Fußballfans, weshalb sind sie „im Visier“ und wie gehen sie damit um, wenn sie nicht nur als „schmutzig“, sondern auch als gewalttätig und störend „eingeordnet“ werden? Anleihen aus dem oben stehenden Zitat eines aktiven Fans geben eine erste Richtung vor, wohin diese Arbeit gehen sollerklärende Einblicke in die Fremdsicht und Selbstsicht auffälliger Fußballfans. Dabei ist die Fußballkultur ohnehin ein Massenphänomen, das innerhalb und außerhalb des Stadions in vielerlei Hinsicht polarisiert, insbesondere bezüglich auffallenden Fanverhaltens.
Fußball ist in Deutschland der Zuschauermagnet unter allen Sportarten. Im Schnitt besuchten in der Saison 2008/09 fast 42.000 Zuschauer pro Spiel die Partien der ersten beiden Ligen. 2 Aufgrund modernisierter Stadien, verbesserter Infrastruktur und vieler namhafter Spieler dürften dabei in Zukunft noch mehr Menschen die Arenen und Stadien deutscher Fußballvereine besuchen. Im Stadion selbst verhält sich ein Großteil der Fußballzuschauer recht alltäglich. Es wird mit dem Nebenmann geplaudert, applaudiert und bei einem schlechten Spiel geflucht. Dessen ungeachtet tragen die starke Emotionalität des Sports, die Identifikation mit einer Stadt und einem Verein sowie ausgeprägte Rivalitäten zu anderen Fans dazu bei, dass sich im Fußballumfeld auch auffälliges Verhalten etablieren konnte. 3 Dabei zählen Pöbeleien, gewalttätiges Verhalten oder der Gebrauch von Feuerwerkskörpern im Stadion zu den Dingen, welche seitens der
1 Interviewauszug aus Pätzug 2008, 26, Titel: „Teutonen, Black Panther, Immerzu. Erinnerungen
an die Fußball-DDR - Dynamo-Fan seit 1971.“.
2 Vgl. Internet-Quelle: http://www.dfl.de/de/dfl/fragen/index.php [Stand: 17.09.2009].
3 Daneben gibt es eine Reihe anderer angenommener Gründe, die in dieser Arbeit expliziert
werden.
5
Verbände, Sicherheitsorgane und der friedlichen Zuschauer am meisten geächtet werden.
Dennoch vergeht kaum ein Wochenende, nach welchem nicht mindestens eine Meldung über Gewalt und randalierende Fans im Fußballumfeld publik wird. Während die Medien und das öffentliche Umfeld der Vereine diese Taten und ihre Täter meist verständnislos und ablehnend betrachten, bewerten eben jene ihr Verhalten als legitime Ausdrucksformen einer expressiven und starken Fan-Szene. Eine Szene, die sich jahrzehntelang bis heute im Sog der Massenveranstaltung Fußball entwickelte, veränderte und in verschiedene subkulturelle Strömungen aufgliederte (Vgl. auch Kapitel 3). Seit Anfang der 1980iger Jahre wird das Phänomen von fußballbezogenen Ausschreitungen in Deutschland gesellschaftlich problematisiert (Vgl. Bruder et al. 1988, 19.) und damit auch jene, die für dieses neu geschaffene Problem verantwortlich sind - Fans und Zuschauer.
Wenngleich in den vergangenen drei Jahrzehnten etliche Maßnahmen gegen Gewalt und Randale von Fußballfans unternommen wurden 4 , konnte das regelmäßige Auftreten dieser Erscheinungen zu keiner Zeit vollends abgewendet werden. Weder Richtlinien zur Stadionsicherheit, noch Videoüberwachung oder Gewalttäterdateien schafften und schaffen es, dieses Problem dauerhaft zu lösen. 5 Zu groß erscheinen die Anreize für erlebnisorientierte junge Menschen, im Fanblock und auf dem Weg zum Stadion ihren modernen Abenteuerspielplatz zu suchen. Zu selbstständig existieren Fankulturen in einer Parallelwelt neben dem eigentlichen Sportgeschehen. Und zu sehr wirkt das Bild einer ständigen Kontrolle und Kriminalisierung auf das Selbstbild der Szene zurück, als dass sie sich vollständig davon emanzipieren könnte. An dieser Stelle setzt die vorliegende Arbeit an. Ihr Ziel ist es zu veranschaulichen, wie eine gesteigerte Kontroll- und Sanktionspolitik konträr zu den intendierten Zwecken wirken kann. Dazu werden die wichtigsten Kriminalisierungstendenzen der vergangenen Jahrzehnte geschildert und in Beziehung zu Annahmen des Labeling Approachs sowie der Theorie der psychologischen Reaktanz gestellt.
4 Nicht zuletzt intensiviert vor Fußball-Großereignissen, wie der WM 2006 in Deutschland, der EM
2008 in Österreich, etc.
5 Wenngleich Restriktionen und Kontrolle, Teile einer gewalttätigen Fußballkultur wie sie in den
1980er und 90er Jahren auftrat, eindämmen bzw. verdrängen konnte.
6
Der weit verbreiteten Ansicht, das Problem der Fandelinquenz sei trotz präventiver, repressiver, baulicher und pädagogischer Gegenschritte nicht lösbar, da aktive Fußballfans per se eine Neigung zur Devianz inne hätten, wird im Rahmen dieser Arbeit das Modell einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gegenübergestellt. Die hypothetischen Mechanismen dieses Konstrukts werden in einer qualitativen Studie analysiert. Diese bildet den Schwerpunkt der Arbeit (Vgl. Kapitel 9).
Die vorliegende Untersuchung richtet sich vor allem an Institutionen, die mit Gruppen von auffälligen Fußballfans in Berührung kommen. Ihr Inhalt soll zum kritischen Reflektieren von Sanktionsmotiven sowie der Verbreitung und Anwendung aversiver Fremdbilder anregen.
1.1 Erkenntnisinteresse und Fragestellung
Vor dem dargestellten Hintergrund zielt das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit auf negative Konsequenzen für das Phänomen abweichenden Fanverhaltens ab, welche erst durch die gesellschaftliche Problematisierung und Sanktionierung hervorgerufen werden.
Dabei werden mit Fokus auf einen Entdeckungszusammenhang folgende Forschungsfragen untersucht:
• Wie stehen Fans der aktiven Fanszene Kriminalisierung und ordnungspolitischen Interventionen gegenüber? • Welche (kontraproduktiven) Effekte im Hinblick auf abweichendes Fanverhalten können diese Maßnahmen auslösen?
Dazu werden zwei Leitthesen verfolgt:
Ordnungspolitische Eingriffe in die Fanszene lösen einen
Stigmatisierungsprozess aus, der aktive Fans generell in eine ungesetzliche Ecke stellt. Darüber hinaus können erhöhte Sicherheitsmaßnahmen auch Widerstand erwecken, da sich Fans in ihren legitimen Freiräumen eingeengt fühlen. Hinsichtlich der hier formulierten Thesen entsteht eine weitere Forschungsfrage:
7
• In welcher Weise stehen Mechanismen und Faktoren für das Phänomen einer institutionell verstärkten Fandevianz in Beziehung?
Um die Forschungsfragen zu beantworten, wurden zunächst Prozesse der Kriminalisierung der letzten Jahrzehnte in Deutschland zusammengefasst und bewertet. Daneben stützt sich der Hauptteil der Arbeit auf eine qualitative Studie, bei der mittels Auswertung von Szenepublikationen, zwei Feldbeobachtungen und vor allem Interviews mit vier Hooligans / Ultras Antworten auf die oben stehenden Fragen gefunden werden sollen (Vgl. auch Kapitel 8 und 9).
1.2 Theoretische Sensibilisierung
Theoretische und empirische Studien, Monographien und Aufsätze, Erklärungen und Empfehlungen sind zum Thema Fanausschreitungen im Fußballkontext in Fülle vorhanden. 6 Seitdem Gewalt, Randale und Extremismus im Stadion gesellschaftlich problematisiert werden, versuchen zahlreiche Ansätze das Phänomen des abweichenden Verhaltens bei Sportgroßveranstaltungen zu beschreiben und zu erklären. Allein die Bezeichnungen des Problems bzw. der Problemverursacher deuten meist schon auf eine dahinter stehende theoretische Grundausrichtung hin. Ob dabei von einer „Subkultur der Hooligans“ 7 gesprochen wird, von „Modernisierungsverlierern“ 8 oder von „Zuschaueraggressionen“ 9 , jeder Terminus impliziert ein eigenes theoretisches Bild der Abweichung und eine Sicht auf den Abweichler oder die abweichende Gruppe. Soweit die Anschauungen über Ursache, Wirkung und Prävention in diesem Thema auch auseinander gehen, so sind sich doch fast alle Experten einig, dass Fußballzuschauer potentiell ein interventionsbedürftiges Sicherheitsproblem darstellen. Was bisher in wenigen Analysen auftaucht ist die Frage nach der Wirkung die solche wissenschaftlich, medial oder institutionell erzeugten Problembilder auf die Gesellschaft und damit letztendlich auf die Abweichler selbst haben. Die
6 für den deutschsprachigen Raum z.B.: Schwind/Baumann 1990; Pilz 1995; Ek 1996;
Gehrmann/Schneider 1998; Lösel et al. 2001; Meier 2001; Weigelt 2004; Pilz 2006; etc.; Vgl.
auch Kapitel 5 der vorliegenden Arbeit.
7 Weigelt 2004.
8 z.B. Pilz in (Internet-Quelle): http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=JJYQBK,
[Stand 13.08. 2009]; Pilz 2005, 7.
9 Gabler et al. 1982.
8
öffentliche Stigmatisierung von Fußballfans als „Störenfriede“, „Randalebrüder“, „Rowdys“, oder schlicht der Fankultur als ein medial inszeniertes Schreckenszenario kann dazu führen, dass randalierendes Verhalten gefördert und verstärkt wird. Diese Ansicht vertreten etikettierungstheoretische Modelle. Die Betrachtung des Gesamtkomplexes Zuschauergewalt im Fußball, unter der Perspektive einer institutionell erzeugten und sich selbst erfüllenden Prophezeiung wurde in der bisherigen Forschungspraxis noch nicht in fruchtbarer Weise dargestellt. Nicht umsonst führt Gunter A. Pilz 10 (1993) auf, dass die Untersuchung von sich selbst verstärkenden Effekten und gewaltspezifischen Rückkoppelungssystemen im Stadion bisher zu den Schwächen auf dem Gebiet der Fanforschung zählt (Vgl. Pilz 1993, 168.). Trotz dieser Anmerkungen sind bisher empirische Studien auf diesem Gebiet kaum vorhanden. Lediglich hypothetische Ansätze mit vagen Rekursen auf Labeling-Theorien, Medienwirkungsforschung und sozialpsychologische Modelle existieren in der Literatur.
In einer theoretischen Arbeit zum Thema ‚Hooliganismus’ präsentiert der Autor Marius Birnbach die These, dass das Bild Außenstehender über junge Fußballfans selbst zum Motor gewalttätigen Verhaltens werden könne (Vgl. Birnbach 2006, 72.). In der Argumentation stellt er die Normsetzung der Verbände und Behörden voran, welche Rechtsverletzungen im Fanbereich definieren und durch die Anwendung des Legalitätsprinzips die Verursacher als gesellschaftsfeindliche Gewalttäter stigmatisieren. Daraufhin werde die Stigmatisierung von den Medien aufgegriffen, verstärkt 11 und wirke auf die öffentliche Meinung zurück, welche sich in den Handlungen der Politik niederschlägt. Diese treibe dabei erneute Etikettierungen voran, auf der Basis eines scheinbar etablierten Gemeinkonsenses (Vgl. Birnbach 2006, 72.). Die Möglichkeiten für junge Fußballfans, sich danach im Rahmen ihrer subkulturellen Räume, auf der Ebene gängiger Gesellschafsnormen konform zu verhalten,
10 Gunter A. Pilz zählt zu den wichtigsten Vertretern der Fanforschung in Deutschland. Zu seinen
Arbeitsschwerpunkten zählen, neben einem Lehrstuhl am Institut für Sportwissenschaften der
Universität Hannover seit 30 Jahren die regelmäßige Erstellung von Gutachten zur Fankultur und
Sportgewalt für die Bundesregierung. Seit 2006 ist er als Fanberater für den DFB tätig. Zudem
publizierte und ko-publizierte er in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Abhandlungen zur
Fandevianz und Medienwirkungen.
11 Dabei rekurriert er auf die Annahme von Gunter Pilz, der die These aufstellt, dass Medien zur
Problemdefinition von Fußballfans beitragen, da sie Gewalt oft dramatisiert, verkürzt und einseitig
darstellt.
9
schwinden. Beispielsweise trägt die flächendeckende Kameraüberwachung in Stadien dazu bei, dass beinahe jede kleinste Wunderkerze im Fanblock einer Person zugeordnet und zur Anzeige gebracht werden kann. Dadurch ist es für Fußballfans schwer, ihre jugendliche Emotionalität, Abenteuerlust und Leidenschaft auszuleben, ohne dabei gegen Regeln zu verstoßen. Der letzt genannte Effekt kann zu Problemen führen, die von den Fans selbst erkannt werden. Deshalb ist der empirische Teil der vorliegenden Arbeit unter anderem auf diesen Punkt fokussiert.
Auch die Stadionarchitektur könne laut Birnbach eine self-fulfilling-prophecy bewirken. Abgrenzung, „Käfighaltung“ und universelle Repression erzeugten Antipathien und Widerstände innerhalb der Fanszene, welche im Sinne des Thomas-Theorems 12 Ausschreitungen zur Folge haben könnten (Vgl. Birnbach 2006, 13f.). Die Wahrnehmung eines Umfeldes, in der Fans als potentielle Gewalttäter eingezäunt und hinter Plexiglas gehalten werden, kann bei einigen Akteuren eben jenes vorgefertigte Bild Realität werden lassen. Auch Teile dieser „Bildnisse“ und deren Wirkungen auf reale Interaktionen, sollen empirisch untersucht werden (Vgl. Kapitel 9).
Schmidt (2007) stellt in einer analytischen Arbeit einen ähnlichen Effekt heraus. Ohne konkrete Wirkweisen zu explizieren behauptet er, dass vor allem die Gruppe der Ultras und Auswärtsfahrer einem Kriminalisierungs- und Stigmatisierungsprozess unterliegt. Dieser rühre aus der Anwendung hooliganspezifischer Maßnahmen auch auf neuere auffällige
Zuschauerbewegungen (Vgl. Schmidt 2007, 86f). Durch Wandlungen im Zuschauerverhalten in den letzten Jahren könnten alte fruchtbare Konzepte im neuen Kontext durchaus kontraproduktiv wirken.
Jürgen Scheidle (2000) bringt die Wirkweise einer solchen ausgrenzenden Etikettierung auf den Punkt, wenn er sagt 13 : „Der Bezug zum Fußball geht verloren. Hooligans werden vom Fußball weggedrängt. Was sowieso schon immer vermutet wurde, - Hooligans hätten keinen Bezug zum Fußball / Verein - ist nun künstlich eingetreten. Integration durch die soziale Gruppe oder den Bundesligaverein in den
12 Thomas Theorem: „If men define situations as real, the are real in their consequences.”
(Thomas / Thomas 1928, 572.).
13 Vor dem Hintergrund der Beurteilung von Stadionverboten.
10
Gesamtzusammenhang Fußball findet nicht mehr statt. […] Die internen Strukturen von Jugendgruppen sorgen für die Einhaltung innerer und äußerer Regeln. Dieser nicht zu unterschätzende Mechanismus in der Szene kann nicht mehr stattfinden, da gerade „die Alten“ aus dem Verkehr gezogen werden sollen" (Scheidle 2000, 150f.)
Ähnlich argumentieren Bruder et al. (1988), indem sie betonen, dass Medien durch ihr „agenda setting“ einen Anteil dazu beitrügen, die vordefinierte Problemlage nicht auf Veränderung zielen zu lassen, sondern auf „Abgrenzung und Eliminierung“ (Vgl. Bruder et al. 1988, 19f.). Die Reaktionen der Fans auf Abweichungen seien meist rein ordnungspolitischer oder baulicher Art. (Vgl. Bruder et al. 1988, 23.). Hinsichtlich eines reaktanten Verhaltens auf polizeiliche Eingriffe konstatieren Bruder et al (1988, 28.): „Diese gewandelten Polizeistrategien, die zu einer zunehmend ordnungspolitischen Besetzung der Fan-Kultur führen und den Handlungsspielraum der Fans zunehmend einengen, tragen mit dazu bei, dass das Problem der Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen zu eskalieren droht, […].“
Die besondere Bedeutung der Medien als beschleunigender Faktor in einem Etikettierungsprozess wird in zahlreichen Publikationen erwähnt 14 . Dabei kommen die Ausführungen meist auf einen gemeinsamen Nenner. Die oft einseitige und negativ geprägte Aufmerksamkeit der Medien erzeugt ein falsches Bild der Fußballfanszene. Von diesem Bild fühlen sich Gewalt affine Personen bestätigt und Gewalt ablehnende Personen abgeschreckt. Es kommt zu einem Vorgang, welcher als sich selbst erfüllende Prophezeiung beschrieben werden kann. Zur Bearbeitung der Forschungsfragen werden oben stehende Thesen mit Grundannahmen der Labeling- und Reaktanztheorie kombiniert (Vgl. auch Kapitel 7).
14 Siehe Kapitel zu Ursachenforschung „medienbezogene Faktoren“.
11
1.3 Aufbau der Arbeit
Die vorangegangen Unterkapitel geben einen Überblick über die Zielstellung der Arbeit und verknüpfen Forschungsfragen mit einer ersten theoretischen Sensibilisierung, wobei Thesen von Autoren vorgestellt werden, die im Erkenntnishorizont des Erkenntnisinteresses liegen. Wichtige begriffliche Abgrenzungen häufig verwendeter Termini sowie eine ausführliche Bestimmung der Fokusgruppen, werden in den Kapiteln 2 und 3 abgehandelt.
In einem Exkurs geht der Verfasser auf historische Problematisierungen von auffälligem Zuschauerverhalten bei Sportveranstaltungen ein (Kapitel 4) und gibt im Anschluss einen Einblick in die Forschungsdebatte zur Fandelinquenz /devianz (Kapitel 5). Hierbei wird in soziale, sportbezogene,
veranstaltungsbezogene und medienbezogene Ursachenforschung unterteilt. Kapitel 6 gibt einen breiten Überblick über Formen, Ausmaße und Entwicklung institutioneller Reaktionen auf abweichendes Fanverhalten und bildet somit die Betrachtungsbasis für Prozesse einer Kriminalisierung von Fußballfans in den vergangenen Jahrzehnten. 15
Labeling-Approach und Reaktanztheorie sind als forschungsleitende Ansätze in Kapitel 7 beschrieben. Neben hypothetischen Annahmen aus der Literatur und praktischen Expertisen, fungieren die oben genannten Theoriekomplexe als Ideengeber für die empirische Forschung.
Nachdem die Methodik der qualitativen Herangehensweise beschrieben wird (Kapitel 8), widmet sich das neunte Kapitel der ausführlichen Auswertung des Basismaterials unter Betrachtung von sechs analytischen Kategorien. Darin stellt ein visualisiertes Modell die kontraproduktiven Wirkungen innerhalb einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung dar.
Die Arbeit gliedert sich im Großen und Ganzen in zwei Hauptkomplexe. Einer bedient dabei theoretische und formale Fragen (Kapitel 3,4,5,7,8), der zweite geht empirisch-analytisch an das Thema heran (Kapitel 6,9). Dennoch bauen beide Komplexe in ihrer Struktur und wissenschaftlichen Zielführung aufeinander auf.
15 Dabei wird sich auf die aktive Fanszene in der BRD bezogen.
12
2. Definitorische Abgrenzungen
Einige Begriffe, die in der vorliegenden Arbeit häufig Verwendung finden und aufgrund ihrer Bedeutung für das Thema zentral sind, sollen zum besseren Verständnis nachstehend definiert werden.
2.1 Abweichendes Verhalten
Eine klare Definition abweichenden Verhaltens kann es nur vor dem Hintergrund einer bestimmten theoretischen Betrachtungsweise geben. So führt Lamnek (1993) eine normorientierte Definition auf, welche von einer juristischen Herangehensweise ausgeht. Gemäß dieser Definition ist abweichendes Verhalten jenes Verhalten, das sich von gesellschaftlich kodifizierten Normen absetzt. Das Problem dieser Definition ist ihre fehlende Weite. Sie lenkt ihr Augenmerk lediglich auf Verhalten, welches gegen bereits verrechtlichte Normen verstößt (Lamnek 1993, 45f.). Eine eher interaktionistische Perspektive definiert abweichendes Verhalten als jene Verhaltensweisen, die den getroffenen Verhaltensanforderungen widersprechen. Problem dieser erwartungsbezogenen Definition ist, dass im konkreten Interaktionsprozess auch abweichendes Verhalten erwartbar sein kann und dass Normenkonflikte nicht beachtet werden (Vgl. Lamnek 1993, 46ff.).
Für die vorliegende Arbeit und ihre theoretische Grundausrichtung bietet sich eine alternative Definition abweichenden Verhaltens an - die sanktionsorientierte Definition. Sie geht davon aus, dass abweichendes Verhalten immer dann vorliegt, wenn Interaktionspartner negativ sanktionierend auf eine
Verhaltensweise reagieren und diese einer Person oder Personengruppe zuschrieben (Vgl. Lamnek 1993, 48.). Dies entspricht am ehesten einem etikettierungstheoretischen Entwurf. Auch wenn sie Probleme mit sich bringt 16 , so kann sie das Phänomen von Stigmatisierung und Kriminalisierung recht gut erfassen. Dennoch muss festgehalten werden, dass diese reaktionsorientierte
16 z.B. das Dunkelfeld-Paradoxon - abweichendes Verhalten wird im Hellfeld sanktioniert, während
das gleiche Verhalten im Dunkelfeld sanktionsfrei bleibt, demnach streng genommen kein
abweichendes Verhalten mehr darstellt (Vgl. Lamnek 1993, 49.).
13
Herangehensweise eher dazu dient, die Entstehung von Abweichungen, Abweichlern und deren gesellschaftliche Sanktionierung zu beleuchten, als weniger die feststehende und kodifizierte Norm in jeder neuen Situation in Frage zu stellen. Eine normative Komponente muss in jedem Fall immer berücksichtigt werden (Vgl. Lamnek 1993, 52f.).
2.2 Gewalt im, durch und im Umfeld von Sport
Das wichtigste, weil von Außenstehenden am meisten sanktionierte abweichende Verhalten von Fußballfans, ist die Gewaltausübung. Unklare Begriffe, wie Ausschreitungen, Randale, Verwüstung oder Rowdytum enthalten im Kern meist Elemente der Gewaltausübung gegen Menschen oder Gegenstände. Deshalb soll dieser Begriff im Folgenden definitorisch erläutert werden. In der Gewaltforschung unterscheidet man nach der Quelle der Gewalt:
1) personale Gewalt: Ist Gewalt von Personen, bezogen auf den Sport, psychisch und physisch und kann auch von Zuschauern ausgehen. 2) strukturelle Gewalt: Meint Gewalt von Institutionen, gesellschaftlichen Strukturen, die bezogen auf den Sport von Vereins- und Verbandsstrukturen ausgehen.
3) kulturelle Gewalt: Umfasst Wertorientierungen, Handlungsleitlinien der Gesellschaft bzw. des Sports und wird in drei Arten unterschieden:
(Vgl. Pilz 2008, 288.)
14
Für das Forschungsanliegen bietet sich eine Mischung aus verschiedenen Gewaltdefinitionen an. Tendenziell ist sämtliche Gewalt personale Gewalt. Diese kann dabei, gemäß theoretischen Ansätzen, Reaktion auf eine erlebte strukturelle Gewalt sein. Die Art der Gewaltausübung im Sport unterscheidet sich zudem nach untersuchter Gruppe. Während Hooligangewalt eher als expressiv zu betrachten ist, versteht sich die Gewaltausübung vieler Ultras als reaktive Form (Vgl. Pilz 2006, 13, 197.).
2.3 Kriminalisierung
Mit Kriminalisierung ist der Prozess gemeint, im Zuge dessen bestimmte Handlungen von einem Rechtsgeber als kriminell gedeutet werden. Dabei vollzieht sich in einem gesellschaftlichen Aushandlungsprozess meist ein Umschwung eines Verhaltensmerkmals zu einer Rechtsnorm, welche bisweilen mit strafrechtlichen Sanktionen belegt sein kann. Unter sozialer Kriminalisierung wird der Strafgesetzgebungsprozess verstanden, unter individueller
Kriminalisierung hingegen das „Kriminellmachen“ einzelner Personen. (Vgl. Schneider 1987, 82.) Auf Letzteres bezieht sich auch der Fokus dieser Untersuchung.
Wie schon in den Ausführungen zu abweichendem Verhalten empfiehlt sich für die vorliegende Arbeit eine interaktionistisch-konstruktivistische
Betrachtungsweise. Kriminalität ist demnach zunächst eine Reaktion der Gesellschaft auf eine Handlung und kein factum sui generis. Die Tat wird nicht verurteilt, weil sie ein Verbrechen ist, sondern weil sie verurteilt wird, ist sie ein Verbrechen (Vgl. Durkheim 1988, 130.). Diese Definition sollte unter dem Anbetracht von Fanstraftaten berücksichtigt werden, wenn in der vorliegenden Arbeit etikettierungstheoretische Ideen aufgegriffen werden. Ein Großteil, der heute mit Sanktionen belegten Handlungen von Fußballfans, galt vor wenigen Jahrzehnten als nicht kriminell.
15
2.4 Stigmatisierung
Stigmatisierung ist ein in der vorliegenden Arbeit häufig benutzter Begriff. Dabei steht er in der Regel im Zusammenhang mit Kriminalisierung, Zuschreibung und Ausgrenzung innerhalb eines etikettierungstheoretischen Kontexts. Um den Begriff der Stigmatisierung nicht in einem Schwebezustand der
Bedeutungsneutralität zu belassen, empfiehlt es sich, ihn zunächst definitorisch abzugrenzen.
Stigmatisierung als Prozess reiht sich in Denkmodelle ein, bei denen Devianz als sozialer Definitionsprozess gedeutet wird, dessen Folgen eine gesellschaftliche Randständigkeit der Definierten auslöst (Vgl. Hohmeier 1975, 6.). Ein Stigma ist ein Merkmal einer Person oder Personengruppe, welches in sozialen Beziehungen einer negativen Definition unterliegt. Dieses beruht auf Typisierungen und Verallgemeinerungen gemachter Erfahrungen und drückt sich im Verhalten der Gesellschaft gegenüber der randständigen Gruppe aus (Vgl. Hohmeier 1975, 6f.). Im Fall von Fußballfans bezieht sich die Stigmatisierung in erster Linie auf das abweichende Verhalten, folglich dem Verstoß gegen kodifizierte und nicht kodifizierte Normen.
Darüber hinaus ist im Stigmatisierungsprozess maßgeblich, dass dem Träger des Stigmas weitere negative Merkmale zugeschrieben werden. Die Zuschreibung zusätzlicher Eigenschaften stellt die Stigmatisierung als generalisiertes Muster einer sozialen Einordnung einer Person dar (Vgl. Hohmeier 1975, 7f.). Hooligans oder abweichenden Fußballfans werden oft Arbeitslosigkeit, häufige Trunkenheit oder psychosoziale Defizite unterstellt, um dieser Gruppe weitere negative Zuschreibungen zuzurechnen. So können machthabende Stigmatisierer ihre Definitionsprozesse effektiver durchsetzen (Vgl. Hohmeier 1975, 9f.). Stigmata haben die gesellschaftliche Funktion der Komplexitätsreduktion. Sie ordnen bisher unbekannte Situationen bzw. Personen einem Schema zu, welches den Umgang mit Ungewohntem erleichtert. Auf der anderen Seite lösen Stigmatisierungen auch Fehleinschätzungen und pauschalierende
Wahrnehmungsverzerrungen aus (Vgl. Hohmeier 1975, 10f.). Anhand der Selektion bei Einlasskontrollen zu Fußballspielen lässt sich eine solche Stigmatisierung aufgrund verschiedener Merkmale anschaulich machen. Dort werden zumeist jugendliche Fans ohne Fankleidung und in so genanntem
16
Casual-Outfit 17 besonders hart kontrolliert, während ältere Fans in Vereinsfarben oft unkontrolliert den Eingangsbereich durchlaufen können. 18 Die Folgen einer Stigmatisierung können sein, dass problematisierte Personen als gesellschaftliche Partner keine Anerkennung mehr finden und dies weitere Ungleichbehandlungen nach sich ziehen kann (Vgl. Hohmeier 1975, 13.). Dies wird in Kapitel 7.1 detailliert beschrieben.
2.5 Aktive Fanszene
Der Begriff ‚aktive Fanszene’ steht hierbei für Personen, die sich entweder allein oder aber meist in Gruppen besonders an der Unterstützung ihrer Mannschaft bei Heim- und Auswärtsspielen beteiligen 19 . Dies kann über die verbale und optische Unterstützung im Stadion, allerdings auch über Zünden von Pyrotechnik, Angriffe auf gegnerische Fans und weiteren abweichenden Verhaltensmustern geschehen. Die Gruppe der aktiven Fans überschneidet sich personell meist mit Ultras, Hooligans oder „Allesfahrern“. Eben jenen extremen und fanatischen Anhänger eines Fußballclubs, wie sie fast jeder größere Verein aufweisen kann. Im folgenden Kapitel soll detaillierter über die verschiedenen Strömungen innerhalb der Fanszene informiert werden.
17 Sportliche, freizeitliche Mode, meist eher schlicht.
18 Bsp. auch Transkript 3, S. 159. (im Anhang).
19 Damit sind eben nicht passive Zuschauer gemeint, die das Fußballspiel als ein Zeitvertreib unter
vielen sehen (Vgl. Kapitel 4.1.2 - ‚konsumorientierte Zuschauer’).
17
3. Explikation der untersuchten Gruppen
Besucher von Fußballspielen bilden keine homogene Masse. Auch wenn medial oft ein einheitliches und klischeebeladenes Bild von Fußballfans gezeichnet wird, unterscheiden sich Stadiongänger untereinander nicht nur nach Geschlecht, Alter oder sozialem Status, sondern auch nach ihrer subkulturellen Zugehörigkeit, ihren Besuchsmotiven oder ihrem Standpunkt zu Gewalt. Dementsprechend gibt es Gruppen, die eher als andere von sanktionierenden Maßnahmen betroffen sind und Kriminalisierungen erfahren. Das folgende Kapitel soll einen Überblick über die strukturelle Zusammensetzung des Fußballpublikums geben und dabie Gruppen herausfiltern, die für den Untersuchungsbereich der Arbeit von Bedeutung sind.
3.1 Aufteilung der Fußballzuschauer nach Kriterien
In den folgenden Unterkapiteln sollen institutionelle, wissenschaftliche und szeneübliche Einteilungen vorgestellt werden, welche Zuschauer im Stadion nach differierenden Merkmalen unterscheiden.
3.1.1 Polizeiliche Einteilung in Kategorie A, B und C
Die Polizei unterteilt Fußballfans je nach Neigung zu Gewalttaten in drei Kategorien, welche seit 1991 20 Bestand haben:
- Kategorie A: der friedliche Fan
- Kategorie B: der gewaltbereite oder gewaltgeneigte Fan
- Kategorie C: der gewaltsuchende Fan (Vgl. ZIS Jahresbericht Fußball 2006/07, 5f.)
Der Kategorie A-Fan ist ausschließlich am Sport interessiert, friedlich und reagiert aversiv gegenüber Gewalt. B-Fans dagegen werden hinsichtlich gewaltsamer Ausschreitungen differenzierter betrachtet. Sie suchen nicht ausdrücklich nach
20 Abschlussbericht der AG „Fußball und Gewalt“ vom 23.07.1991 (Vgl. ZIS Jahresbericht Fußball
2006/07, 5.).
18
Auseinandersetzungen, jedoch wenn diese stattfinden beteiligt sich oft eine Vielzahl von B-Fans daran. Die eigentliche Gewalt forcierenden Gruppen stellen Angehörige der Kategorie C. Diese sind im Rahmen von Fußballspielen primär an der Auseinandersetzung und Gewaltausübung interessiert und suchen diese auch regelmäßig (Vgl. Lösel / Bliesener 2006, 231.).
In der Saison 2006/2007 schätzen die Polizeibehörden in den Bundesligen 1 und 2 zusammengenommen 2308 C-Fans, sowie 6105 B-Fans, für die Regionalligen kamen jeweils noch 2445 (B) und 878 (C) als problematisch erachtete Fans hinzu (Vgl. ZIS Jahresbericht Fußball 2006/07, 7f.). Wenngleich diese Zahl zunächst recht groß klingt, ist die Gruppe Gewalt suchender oder explizit Gewalt geneigter Fans ein verschwindend geringer Teil im Stadionbild. Stadionverbote, Repression und andere Auflagen führen dazu, dass „Problemfans“ systematisch von Fußballspielen ausgeschlossen werden und mittlerweile in den Stadienzumindest der oberen Ligen - fast ausschließlich Zuschauer der Kategorie A zu finden sind. Dies kann allerdings von Verein zu Verein oder in Abhängigkeit der Spielbrisanz schwanken.
Institutionelle Maßnahmen zur Bekämpfung von Fußballgewalt sind vorwiegend auf Angehörige der Kategorien B und C ausgelegt. Dennoch kommen auch friedliche Fans ab und an mit Prävention und Repression im Rahmen von Fußballspielen in Kontakt. Es besteht daher zusätzlich die Gefahr einer Kriminalisierung von Gruppen, die im eigentlichen Sinne nicht dem Gewaltspektrum angehören.
Vor allem die Gruppe der B-Fans wird in der behördlichen Kategorienbildung nicht sehr trennscharf abgegrenzt und hinsichtlich ihrer Gewaltmotivationen nicht untergliedert.
3.1.2 Einteilung nach Motiven für den Stadionbesuch
In der sozialwissenschaftlichen Literatur hat sich eine Dreiteilung der Fußballfans in konsumorientierte, fußballzentrierte und erlebnisorientierte Zuschauer durchgesetzt. Zurückgehend auf eine Studie von Heitmeyer und Peter (1988, 32f.)
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wurden diese Typen, teils in leichter Abwandlung von zahlreichen Autoren übernommen. 21
Der konsumorientierte, kritische, kundenähnliche Besucher möchte zunächst guten und fairen Sport geboten bekommen. Die Angehörigen rekrutieren sich laut Lösel und Bliesener (2001) größtenteils aus der Mittel- und Oberschicht (Vgl. Lösel / Bliesener 2001, 10.). Innerhalb des Stadions findet man diese Zuschauergruppe meist in VIP-Logen oder Sitzplätzen, aber auch in ruhigeren Stehplatzbereichen. Für sie ist der Besuch eines Fußballspiels eine Nachmittagsunterhaltung unter vielen, also zeitweilig auch austauschbar. Etwa 90% der Stadionbesucher sind diesem Typus zuzuordnen (Vgl. Ek 1996, 29.).
Nicht austauschbar hingegen ist das Erlebnis Stadion für die Gruppe der fußballzentrierten Fans. Sie sind von der Alterstruktur her jünger und oft in offiziellen oder inoffiziellen Fanclubs organisiert (Vgl. Aschenbeck 1998, 91.). Ihr vornehmlicher Standpunkt sind die Stehränge der Stadien. Das Hauptgeschehen für die fußballzentrierten Fans liegt beim Spiel oder in der Wechselwirkung zwischen Spiel und Unterstützung im Fanblock. Eine hohe Identifikation und Leidenschaft für den Verein zeichnet diese Gruppe ebenso aus, wie ein hohes Aktivierungspotenzial. Ob dieses Potenzial auch zu Gewalt und Ausschreitungen führen kann, hängt von bestimmten Faktoren ab. Tendenziell ist diese Gruppe zwar aufgrund von fanspezifischer Kleidung und Gebaren auffällig, hingegen als friedlich einzustufen. Kriminalisierungsprozesse betreffen sie, aufgrund ihrer Nähe zum Fan-Geschehen (z.B. auf Auswärtsfahrten), zwangsläufig.
Die dritte Gruppe innerhalb der Fußballzuschauer sind die erlebnisorientierten Fans. Ihr Verhältnis zum Spiel ist eher ambivalent, da sie ihre eigene Anwesenheit als Erlebnis steigerndes Potenzial ansehen (Vgl. Aschenbeck, 91f.). Das Stadion wird als Treffpunkt und Ort sozialen Geschehens, weniger als Spielstätte angesehen. Aus der Gruppe der erlebnisorientierten Fans rekrutieren sich Hooligans und andere, für die Polizei als problematisch geltende Fanklientel. Die meisten Maßnahmen gegen Fangewalt und Ausschreitungen beziehen sich auf diese Gruppe. Diese ist aber, wie auch die Gruppe der fußballzentrierten Fans, in sich noch heterogen und verlangt nach weiteren Differenzierungen, welche in der einschlägigen Literatur nicht getroffen werden.
21 Bsp.: Pilz 1992, Ek 1996, Aschenbeck 1998, Illi 2004, u. a.
20
3.1.3 Einteilung nach Gruppen-Zugehörigkeit innerhalb der Szene
Nahezu jeder größere Verein besitzt innerhalb seiner Fanszene verschiedene Szene-Gruppen, die sich anhand von Merkmalen auch vereinsübergreifend kategorisieren lassen.
Dabei geht es meist um Selbstzuschreibungen, was die Angehörigkeit zu einer Subkultur angeht (Ultras, Hooligans) oder um Fremdzuschreibungen durch andere Gruppen bzw. Szenekenner („Normalos“, „Kutten“, „Hooltras“).
3.1.3.1 „Normalos“
Der Begriff des „Normalo-Fans“ ist ursprünglich eine eher abwertend gemeinte Floskel aktiverer Fangruppen, welche weniger engagierte und leidenschaftliche Stadionbesucher bezeichnet. Im Großen und Ganzen sind „Normalos“ eher zu den konsumorientierten Zuschauern zu zählen, machen also einen Großteil der Besucherklientel aller Altersgruppen aus und befinden sich zumeist in den Sitzplatzbereichen (Vgl. Weigelt 2004, 28f.). Sie verhalten sich im Stadion eher passiv, sind kaum auffällig gekleidet und vornehmlich an sportlich-eventisierten Belangen interessiert. Von „Normalos“ gehen in der Regel keine Randale aus. Dagegen verurteilen sie Gewalt und Ausschreitungen im Fußball wegen der negativen Konsequenzen für die Vereine oder weil sie selbst Sicherheitsbedenken beim Stadionbesuch hegen. Sie besuchen unregelmäßig und stark erfolgs-/attraktivitätsgebunden das Stadion. Die Gruppe der „Normalo-Fans“ stellt keine einheitliche oder gar organisierte Einheit dar, sondern ist eine reine Fremdzuschreibung.
3.1.3.2 „Kutten“
„Kuttenfan“ ist ein etwas veralteter Begriff für diejenigen Zuschauer, welche oft auffällig mit Schals, Hüten, speziellen Jacken oder Westen gekleidet ins Stadion gehen und dort in erster Linie ihre Vereinstreue auffrischen. Ihre Motivation zum Fußballbesuch entspringt also der Fixierung auf ihre Stadt und ihre Mannschaft. „Kutten“ haben häufig feste Stammplätze innerhalb des Fanblocks und sind oft in
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Fanclubs organisiert. Zumeist werden sie als friedliche, fußballzentrierte Besucher angesehen, von denen aber in bestimmten Ausnahmesituationen auch Gewalthandlungen ausgehen können, beispielsweise unter Alkoholeinfluss oder im Zuge von Solidarisierungsaktionen gegen die Polizei. Dadurch, dass Kutten auch oft Auswärtsspiele ihrer Mannschaft besuchen kommen sie in Kontakt mit der Polizei und stehen zudem in deren Fokus.
3.1.3.3 Hooligans
Unter Hooligans werden vorwiegend junge Männer verstanden, die sich im Stadion oder im Umfeld von Sportveranstaltungen zusammenfinden um gewalttätige und randalierende Auseinandersetzungen mit anderen Hooligan-Gruppen zu suchen (Vgl. Bliesener 2006, 289.). Dabei hat sich im Laufe der Jahrzehnte von England ausgehend auch auf dem europäischen Festland eine eigene Hooligan-Kultur etabliert, die vereinsübergreifend in Erscheinung tritt.
Einen besondere Aufmerksamkeit erlebte das Hooliganphänomen erstmals nach den Ausschreitungen im Brüsseler Heysel-Stadion 1985, woraufhin auch international die Bekämpfung von Fußball-Gewalttätern intensiviert wurde. Zyklisch kehrten danach Hooligans in das öffentliche Interesse zurück, in Deutschland Anfang der Neunziger sowie nach den schweren Gewalttaten deutscher Hooligans bei der WM 1998 in Frankreich (Vgl. Lösel / Bliesener 2001, 7.).
Analytische und empirische Arbeiten über Hooliganismus, seine Verbreitung, Ursachen und Bekämpfung sind mittlerweile zahlreich vorhanden. 22 Meist werden Hooligans als Subgruppe von Fußballfans beschrieben, die zwischen 15 und 35 Jahre alt sind, allen sozialen Schichten angehören und auf der Suche nach sozialer Anerkennung, Selbstbehauptung oder nach dem Gewalt-Kick sind (Vgl. Bliesener 2006, 289; Pilz 2009, 188ff.). Hooligans sind dabei weniger sportfixiert als andere Fangruppen. Sie vertreten zwar in der Regel einen Verein oder eine Allianz von befreundeten Vereinen, veranstalten aber ihre Zusammenkünfte und Kämpfe heutzutage weitestgehend außerhalb der Stadien. So kommt der
22 Siehe im deutschsprachigen Raum u.a.: Bohnsack et al. 1995,; Ek 1996; Gehrmann/Schneider
1998; Lösel /Bliesener 2001; Meier 2001; Illi 2004; Weigelt 2004.
22
anfänglich emotionalen und anlassbezogenen Gewalt eine rationalere und berechnendere Komponente hinzu. Die Gewalthandlungen von Hooligans sind in der Regel nicht instrumentell und affektiv, sondern geplant und zum Selbstzweck, was dieser Gruppe ein noch größeres Unverständnis seitens der Öffentlichkeit hervorbrachte, als ohnehin schon herrschte (Vgl. Aschenbeck 1998, 118-121.). Wenn Hooligans in Gruppen im Stadion präsent sind, sondern sie sich meist sichtbar von den restlichen aktiven Fans ab. Entweder dadurch, dass sie den Sitzplatzbereich wieder für sich entdecken, aber auch durch einen meist sportlichmodischen Kleidungsstil, der sie von den Schalträgern und „Normalos“ abhebt.
Hooligans werden oft zwei Identitäten unterstellt. Eine als angepasster Bürger, die andere als Angehöriger einer Subkultur, welche nach Gewalt und Randalen strebt (Vgl. Pilz 2009, 190.). Innerhalb dieser Subkultur gibt es in der Regel auch Statusunterschiede, die zu Hierarchien führen. Meist bestehen diese Gruppen aus einigen wenigen Anführern, einem harten Kern und dessen Dunstkreis. Nach einer Studie von Lösel und Bliesener korrelieren bestimmte Positionen innerhalb der Gruppe mit Intelligenz, biographischer Belastung und Aggressionsneigung (Vgl. Lösel / Bliesener 2006, 237ff.).
Wenngleich die Literatur und auch die institutionellen Maßnahmen meist explizit auf das Hooligan-Phänomen gerichtet sind, hat sich die Fanszene im letzten Jahrzehnt gewandelt und umstrukturiert. Gewalttaten werden heute oft noch unter dem Deckmantel ‚Hooliganismus’ subsumiert, obwohl die Gruppen, von denen heutzutage Ausschreitungen ausgehen, als auch die Form und die Motive der Gewalt sich in vielen Belangen geändert haben (Vgl. Pilz 2006.). Diesem Wandlungsprozess tragen auch die folgenden Kapitel Rechnung.
3.1.3.4 Ultras
Im vergangenen Jahrzehnt behauptete sich der Fantypus Ultra in deutschen Stadien. Die Bezeichnung ‚Ultra’ kommt aus dem Italienischen und steht dort für die besonders extremen und extrovertierten Fangruppen. In deutschen Stadien sind Ultras, in Anlehnung an die südländische Fankultur seit Mitte der 1990iger Jahre präsent und verzeichnen seitdem wachsenden Zuspruch. Grundlegende äußerliche Merkmale sind ihr aktives Auftreten während der Spiele (Gesänge,
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Choreographien, Pyrotechnik) und ihre szeneübliche Kleidung (z.B.: Seidenschals, Kapuzenpullover, Windbreaker, Trainingshosen).
Gunter A. Pilz hat in seiner Studie über die Wandlungen des Zuschauerverhaltens (2006) auch die Ultra-Kultur analysiert. Er kam dabei zu zahlreichen Thesen über das Verhalten, Selbstverständnis und auch über das abweichende Verhalten der Ultras.
Zunächst lässt sich festhalten, dass es die eine deutsche Ultraszene nicht gibt. Wenngleich viele Gruppen bestimmte Ideale, wie eine dauerhafte Unterstützung des Teams, eine konsumkritische Haltung und Erlebnisorientierung teilen, variieren politische Einstellungen oder Einstellungen zu Gewalt unter den Gruppen teilweise (Vgl. Pilz 2006, 12.). Die Ultras begreifen sich als den Inbegriff von Fußballkultur und prangern die Entfremdung des Sports in Richtung Ökonomie an (Pilz 2006, 72ff; 2009, 193.). Dabei übernehmen Ultras viele Zeichen einer Protest- und Demonstrationskultur (Vgl. Pilz 2006, 13.). Eng verbunden mit der Unterstützung der jeweiligen Mannschaft ist auch immer eine selbstdarstellerische Komponente, die dem kreativen Messen mit anderen Ultra-Gruppen vorausgeht (Vgl. Pilz 2006, 12.). Generell sind Kreativität, eine positive Einstellung und Support-Orientierung die Ideale der Ultra-Bewegung, allerdings besitzen sie aufgrund des hohen Selbststatusgefühls und der Gängelung durch verschiedene Institutionen auch ausgeprägte Feindbilder. Vor allem die, ihrer Ansicht nach überhart (re-)agierende Polizei, die Verbände und Vereine und die Medien gelten als besonders unbeliebt in Ultra-Kreisen (Vgl.: Pilz 2006, 14f.). Ultras sind zwar keine Hooligans, werden aber medial öfter in einem Atemzug mit ihnen genannt. Normalerweise definieren sich Ultras aber nicht über gewalttätige Auseinandersetzungen und treten auch weitestgehend fußballorientiert in Erscheinung (Vgl. Pilz 2006, 13f.). Auch regieren Ultras und Hooligans unterschiedlich auf Polizeipräsenz. Während Hools gerade bei Nicht-Erscheinen von Polizei ihre Gewalthandlungen begehen, fühlen sich Ultras oft erst bei verstärkten polizeilichen Vor-Ort-Maßnahmen zu aggressivem und
verteidigendem Verhalten genötigt (Vgl. Pilz 2009, 197.).
Gordon Schmidt (2007) stellt fest, dass die verstärkten Maßnahmen gegen Hooliganismus in den 1990er Jahren nicht nur zu einer Verdrängung der Hooligan-Problematik geführt haben, sondern auch, dass diese Konzepte
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vorschnell gegenüber entstehenden Ultra-Gruppen eingesetzt wurden. Dies beinhaltete einen kriminalisierenden und stigmatisierenden Effekt (Vgl. Schmidt 2007, 86.). Dieser soll im empirischen Teil der Arbeit näher beleuchtet werden (Vgl. Kapitel 9).
3.1.3.5 „Hooltras“
Als neuester Typ innerhalb der Fanszene etablierte sich in den letzten Jahren laut Gunter A. Pilz (2009) ein Hybrid aus Hooligan- und Ultra-Einflüssen. Der Begriff dient der Unterscheidung des gewaltbereiten vom friedlichen Teil der Ultras (Vgl. Pilz 2009, 193.).
Das Problem sieht Pilz darin, dass die gängigen Ultra-Gruppen in Deutschland sich mittlerweile von einem klaren Bekenntnis gegen Gewalt distanzieren und dass viele der erlebnisorientierten Jugendlichen, die sich früher möglicherweise den Hooligans angeschlossen hätten, mit der Ultra-Attitüde sympathisieren (Vgl. Pilz 2009, 193f.). Gewalt und Randale stehen bei vielen jugendlichen Fans heute auf einer Stufe mit Gesängen und Choreographien um die Überlegenheit und Stärke der Gruppe zu untermauern. Dabei wird das eigene Ultra-Dasein häufig auch mit in das Alltagsleben genommen. Man repräsentiert also nicht nur im Stadion seinen Verein, sondern auch an allen anderen Plätzen des öffentlichen Lebens und es können sich dort ebenfalls fußballbezogene ritualisierte Gewalthandlungen etablieren (Vgl. Leistner 2008, 129.). Eine weitere Entwicklung, die zur Entstehung des Hooltra-Typus beiträgt, ist der Gewalttourismus (Vgl. Pilz 2009, 197.). Gerade bei Auswärtsspielen und brisanten Begegnungen locken das Krawall-Image und die durch die Ultras betriebenen Mobilisierungskampagnen viele Jugendliche zum Fußball, die normalerweise aus sportlichem Desinteresse fernbleiben würden. Dies ist in etwa vergleichbar mit der Dynamik von Zwischenfällen zu 1.-Mai-Demonstrationen. So entsteht bei vielen Auswärtsfahrern der Erwartungsdruck, irgendetwas erleben zu müssen. Etwas das provoziert, aufputscht oder aus dem Rahmen fällt. Dass Randale und Gewalt mitunter Teil dieses Komplexes sind, muss nicht verdeutlicht werden.
„Hooltra“ als neue Fantypologie spiegelt die Ambivalenz inszenierter, forcierter Gewalt und der gleichzeitigen Suche nach einer, wie auch immer gearteten
25
größeren subkulturellen Zugehörigkeit mit eigenen Zielen und Idealen wider. Die Mischung der Erlebnis-, Feind- und Darstellungsorientierung führt zu schrankenloser Selbstbehauptung, teils auch mittels Gewalt.
3.2 Bewertung von Zuschauergruppen unter dem Aspekt der
Kriminalisierung
Die in dieser Arbeit untersuchten Kriminalisierungseffekte treffen nicht gleichermaßen auf alle Zuschauergruppen zu. Die Masse der A-Fans, bzw. der konsumorientierten Zuschauer, welche gelegentlich Heimspiele besuchen und in der Fanszene nicht fest verankert sind, werden vermutlich ordnungspolitische Kontrolle, Repression und Prävention nicht ständig und unmittelbar erfahren. So fallen beispielsweise die Einlasskontrollen, die Anzahl der Ordner, aber auch die Höhe der Trennzäune in den Sitzplatzbereichen der gemäßigten Fans geringer aus, als beispielsweise in der Stehplatzkurve oder den Gästeblöcken. Die Merkmalszuweisungen an Erlebnisorientierte, B-Fans, Ultras und sonstigen aktiveren Fangruppen im Stadion bestimmen den Grad ihrer potentiellen Gefährlichkeit und damit einem Interventionsbedürfnis seitens der Institutionen. Diese Gruppen sind es aber auch, die sich oft unrechtmäßig behandelt, ausgegrenzt und kriminalisiert vorkommen. Deshalb liegt das Augenmerk der Analyse dieser Arbeit auf der oben genannten Klientel. Die Subgruppe der Hooligans muss dabei, zumindest teilweise bewusst ausgeklammert werden, da die Anreize für Gewalt für sie unabhängig von behördlichen Einflüssen bestehen und sie innerhalb eines subkulturellen Kontexts, offensiv mit Kontrolle und Kriminalisierung umgehen.
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4. [EXKURS] Fußballfans, Ausschreitungen und
Problematisierungen historisch
Dass Randale und Gewalt mit Fußball nichts zu tun hätten, wie es häufig in und außerhalb von Fußballstadien konstatiert wird, kann mit Blick auf die Historie des Sports bestenfalls als normative Aussage betrachtet werden. Im Gegenteil: „Die Geschichte des Fußballs, dies ist nur den wenigsten bewusst, ist bei genauerer Betrachtung eine Geschichte des Aufruhrs, der
Ausschreitungen, der Unordnung, kurz des abweichenden Verhaltens.“ (Dunning 1983, 124.).
Allgemein scheint Sport in seiner Ausprägung als Zuschauerereignis seit jeher Anziehungspunkt für ausschreitendes Massenverhalten zu sein. Schon in der Antike wurde von betrunkenen und randalierenden Zuschauern bei sportlichen Wettkämpfen berichtet, denen durch Alkoholverbote sowie körperlicher Züchtigung begegnet wurde (Vgl. Pilz 1998, 129.).
Die Neigung zu Devianz und beinahe kriegerischen Auswüchsen wohnt auch dem Fußball seit seiner anfänglichen Phase als Volksfußball inne. In diesen Zeiten konnte dabei noch keine Unterscheidung in Spieler und Zuschauer getroffen werden. Im Mittelalter, als durch Fußballsport in seinen urtümlichen, regellosen Ursprüngen noch ganze Dörfer gegeneinander antraten, waren Gewalt und Unruhen seine ständigen Begleiter. Sogar königliche Anweisungen, das Fußballspiel aufgrund der Gefährdung des inneren Friedens zu verbieten, sind aus Großbritannien Anfang des 13. Jahrhunderts überliefert (Vgl. Aschenbeck 1998, 10.).
Ebenfalls in seiner Entwicklung zum Zuschauersport war der Fußball nie befreit von Ausschreitungen. Wenngleich diese in der Vergangenheit, wie heute, keine Normalität darstellten, war der Sport in regelmäßiger Wiederkehr ein Schauplatz abweichenden Zuschauerverhaltens. Dunning (1983) kommt zu der These, dass das Fußballspiel allgemein und zu jeder Zeit ein „Problem“ war, jedoch erst durch die vermehrte mediale und institutionelle Aufmerksamkeit zu einem sozialen Problem größerer Relevanz anwuchs (Vgl. Dunning 1983, 124ff.).
27
Bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird auch in Deutschland über gewalttätige und pöbelnde Fußballfans berichtet (Vgl. Pilz 1998, 129; Aschenbeck 1998, 119f.). Dennoch wurden gewalttätige Exzesse von Fußballzuschauern Anfang und Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch nicht in der Form bewertet und sanktioniert, wie es heutzutage der Fall ist. Gewalt und Randale waren zwar unschöne, aber durchaus als üblich erachtete Begleiterscheinung eines wilden Proletariersports (Vgl. Aschenbeck 1998, 120.).
Abbildung 1 - Polizeiliche Maßnahme bei Fußballspiel 1908 in Stuttgart
Während demnach abweichendes Verhalten von Fußballanhängern kein modernes Problem darstellt, so haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten die gezeigten Dimensionen und damit auch analytischen Sichtweisen, sowie der mediale und ordnungspolitische Gehalt verändert. Gesellschaftspolitische Relevanz bekamen Fußballausschreitungen in
Deutschland ab Mitte der 1970er Jahre. Dietrich Schulze-Marmeling (1992, 245.) macht dafür nicht eine qualitative Veränderung der Devianz aus, sondern das Ziel, dem Arbeitersport Fußball zu einem kommerziellen, massentauglichen und medialen Ereignis zu verhelfen. Die Formen der Gewalt, wie sie beispielsweise unter dem Begriff Hooliganismus seit dieser Zeit beobachtet werden, seien also „Relikte proletarischer Öffentlichkeit“ (Schulze-Marmeling 1992, 246.). Zudem lassen sich im Hinblick auf die fußballerische Moderne auch Veränderungen in der Art und den Auslösern von Ausschreitungen finden. Während gesamtgesellschaftlich die Gewaltakzeptanz eher rückläufig war, löste sich die Fußballgewalt vom unmittelbaren Spielgeschehen, lief in teilweise organisierten Formen ab und bot der Öffentlichkeit somit ein Bild sinnloser Zerstörungswut (Vgl. Pilz 1998, 129 f.). Endgültig geächtet und institutionell heiß debattiert wurde das Problem der Fangewalt im Zuge der Tragödien im Brüsseler
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Heysel-Stadion (1985), sowie im Sheffielder Hillsborough-Stadion (1989), bei denen zusammen über 100 Menschen ums Leben kamen. Wenngleich in beiden Fällen auch organisatorische sowie architektonische Gründe eine Rolle spielten 23 , wurden doch medial immer wieder Hooligans und gewaltsuchende Fans als Auslöser der Katastrophen benannt. (Vgl. Schulze-Marmeling 1992, 270ff, ders. 1995, 19f.). Dabei wurden Aspekte von Wechselwirkungen zwischen der schlechten und missachtenden Behandlung der Fans und ihrem Verhalten weitestgehend negiert. Unter dem Druck der Öffentlichkeit wandelten sich nicht nur die allgemeine Auffassung von einer unerwünschten aber bis dato tendenziell kontrollierbaren Fangewalt, sondern auch die baulichen, rechtlichen und polizeilichen Maßnahmen zur Bekämpfung des Problems. Umfassende architektonische Modernisierungen gingen in England der frühen 1990er Jahre einher mit einer Verdrängung der ursprünglichen Fan-Klientel (Vgl. Schulze-Marmeling 1995, S. 20.). Hooligans und ihre subversive Kultur gerieten in das Blickfeld von Medien, Politik, Polizei und Verbänden, nicht nur in Großbritannien, sondern auch auf dem europäischen Kontinent. Die Maßnahmen zur Bekämpfung dieses Phänomens brachten allerdings auch für den „normalen“ Fan Einschränkungen, die in Deutschland zwar etwas verzögert einsetzten, jedoch -und so die Leitthese der vorliegenden Arbeit - neue Arten reaktiver Devianz hervorbrachten. Diese resultierten aus einer Kriminalisierung, eines nicht unerheblichen Teils der aktiven Fanszene.
23 Baufälligkeit der Tribüne (Brüssel), ungeregelte Kartenvergabe, fehlende Fluchtwege und
übermäßiger Polizeieinsatz (Sheffield).
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5. Ursachen für Gewalt, Randale und Ausschreitungen in
der Fußballfanszene - Forschungsdebatte
Die öffentliche Aufmerksamkeit für Gewalt, Randale und abweichendes Zuschauerverhalten bei Fußballspielen ist seit Jahrzehnten ungebrochen. Verstärkt wird sie dabei mehr oder weniger regelmäßig durch spektakuläre Fälle von Hooligangewalt, Rechtsextremismus oder ausufernder Pyromanie in deutschen Stadien. Die öffentlich-mediale Suche nach Ursachen verweist meist entweder auf Singularitäten wie Alkoholmissbrauch und Arbeitslosigkeit einzelner Fans oder auf Allgemeinplätze wie einem gesamtgesellschaftlichen Versagen. Dass weder mit normativen Globalaussagen noch mit Einzelmerkmalen ein fruchtbarer Beitrag zur Ursachenforschung geliefert wird, sollte hierbei klar erscheinen.
Die Tatsache, dass der Fußball seit Jahrzehnten auch Schauplatz gewalttätigen Zuschauerverhaltens ist, sich die Krawallszene in einer Art Parallelwelt verselbstständigte und trotz 24 polizeilicher Beobachtung weiterhin besteht, zeigt, dass dieses Phänomen äußerst vielschichtig und analytisch schwer handhabbar auftritt.
In den folgenden Kapiteln wird eine Einsicht in die bisherige Ursachenforschung gegeben. Dazu soll ein Überblick über allgemeine Strömungen in der Fußballfanszene verdeutlichen, dass die Neigung zu Gewalt und Ausschreitungen auch innerhalb der, als problematisch angesehenen Fangruppen, stark variiert.
5.1 Erklärungen zur Entstehung von Gewalt bei Fußballspielen
Ebenso heterogen wie die zu untersuchende Gruppe, fallen auch die Ansätze aus, welche das Aufkommen von Gewalt und Ausschreitungen im Sport untersuchen. Während sich vor allem in der Kleingruppenforschung zu persönlichen Dispositionen von Hooligans entwicklungs-und
sozialpsychologische Annahmen durchgesetzt haben, gehen pragmatischere Ansätze von massenpsychologischen und sportbezogenen Gründen aus. Als
24 Oder gerade wegen?
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gesellschaftlich-strukturell wurde Fußballgewalt vor allem im englischen Raum interpretiert. Dabei fanden neben modernisierungstheoretischen auch marxistische Ideen ihre Anwendung.
Die folgenden Ansätze und Hinweise zur Erklärung von devianter Fankultur und Gewalt im Fußball geben einige Ansätze der wissenschaftlichen Analyse des Themas der letzten zwei Jahrzehnte wieder. Dabei ist auffällig, dass die meisten Ansätze eher dem theoretisch-hypothetischen Spektrum zuzuordnen sind. Empirische Befunde zur Entstehung von Gewalt bei Fußballspielen findet man seltener, wenngleich einige Trends in der Jugendgewaltforschung dem entsprechen, was Beobachter auch im Fußballbereich konstatieren (Vgl. Albrecht 2006, 162, 165.). Zur spezifischen Hooliganproblematik finden sich eine Reihe quantitativer und qualitativer Untersuchungen, welche auf
Persönlichkeitsstrukturen abzielen (Vgl. Ek 1996; Weigelt 2004; Lösel / Bliesener 2006.),
Eine systematische und ausführliche Auflistung zu Ursachen der Gewalt im Stadion findet sich im Endgutachten der Gewaltkommission der Bundesregierung aus dem Jahre 1990 (Vgl. Schwind / Baumann 1990, 96-101.). Auf dieses Gutachten wurde in der Folgezeit nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftlich Rekurs genommen (Pilz 1995, Ders. 1998.). Mit Bezugnahme auf die jeweiligen Erst- und Zwischengutachten von Psychologen (Lösel et al. 1990.), Kriminologen (Kerner et al. 1990.), Psychiatern (Remschmidt et al. 1990.), Polizeipraktikern (Stümper et al. 1990.), Strafrechtspraktikern (Wassermann et al. 1990.) und Strafrechtswissenschaftlern (Otto et al. 1990.), sowie dem Sondergutachten zu „Problemen der Fanausschreitungen“ (Weis et al. 1990.) fasst das Endgutachten die Gründe für Stadiongewalt unter
• sozialräumlichen
• sportbezogenen
• veranstaltungsbezogenen
• gesellschaftsbezogenen und
• medienbezogenen Faktoren zusammen.
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Im Folgenden wird diese Einteilung übernommen, um theoretische Ansätze systematisch zu ordnen. Die vorgestellte Literatur präsentiert nicht das vollständige Spektrum der veröffentlichten Studien zur Gewalt und Ausschreitungen im Fußball. Es wird versucht, die wichtigsten Ansätze zu erwähnen und ferner jene, welche für die Forschungsfrage dieser Arbeit wichtig erscheinen. Dabei ist eine genaue Zuordnung der Ansätze zu den jeweiligen Kategorien nicht immer möglich, da viele Ansätze multikausale Argumentationsketten verfolgen.
5.1.1 Sozialräumliche Gründe für Ausschreitungen im Fußball
Fußballfans bewegen sich in der Regel nicht als isolierte Einzelgänger in und außerhalb des Stadions, sondern sind eingebettet in „subkulturelle, gruppenähnliche Zusammenhänge ohne klare Rollendifferenzierung“ (Schwind et al. 1990, 97.). Diese können von losen regelmäßigen Treffs im Fanblock, über die Zugehörigkeit zu einem organisierten Fanclub, bis hin zu verschworenen und nach außen abgeschotteten Gemeinschaften reichen, bei denen sich mit der Zeit eigene Werte, Normen und Hierarchien ausbilden. 25 Besonders geeignet, um gruppendynamische Prozesse innerhalb der Fußballfanszene zu erfassen, erscheint die Subkulturtheorie. Dieser Zweig, der seine Ursprünge in der Erforschung von Banden hat 26 , geht davon aus, dass es in modernen Gesellschaften mit komplexen Sozialstrukturen subkulturelle Gruppen gibt, welche nicht dem allgemeinen Werte- und Normenkonsens folgen. Innerhalb dieser Subkulturen entstehen eigene Werte und Ordnungssysteme, welche mitunter abweichende oder kriminelle Züge annehmen können (Vgl. Lamnek 1993, 143.). Meist werden Subkulturen mit einer deprivierten oder randständigen Lage assoziiert, ihre Entstehung als eine Antwort auf die etablierte dominante Kultur gesehen. Thrasher (1936) beschreibt erstmals Merkmale einer Subkultur. So sind neben einer spontanen und ungeplanten Entstehung, enge persönliche Kontakte, die Bindung an ein gemeinsames Territorium, die Forcierung von Konflikten, sowie die Herausbildung gemeinsamer Normen, Traditionen und Symbolen für eine Subkultur von Bedeutung (Vgl. Thrasher 1936, 45-58.). Diese
25 Dies ist oft bei Hooligangruppen zu beobachten.
26 Geht zurück auf die „Chicagoer-Schule“ der 1920er Jahre.
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Merkmale treffen auch auf abweichende Gruppen in der Fußballfanszene, beispielsweise Hooligangruppen zu. Die Typen von Subkulturen, die am ehesten auf die Fußballfanszene angewandt werden könnten, sind die „männliche Basis Subkultur“, sowie die „konfliktorientierte Subkultur“. Diese werden als nicht utilitaristisch, bösartig, negativistisch und autonom beschrieben, unterscheiden sich aber nach Größe, Vernetzung und Mobilität voneinander (Vgl. Lamnek 1993, 158.). Ursprünglich werden diese Typen von Subkulturen mit niedrigen sozialen Lagen in Verbindung gebracht. Dieser Punkt kann im Hinblick auf die heterogene Struktur der Fanszene nicht aufrechterhalten werden. Denkbar ist dennoch, dass sich in abweichenden Gruppen Personen zusammenfinden, die in irgendeiner Art und Weise mit Anpassungsproblemen und Statusunsicherheit zu kämpfen haben, um so über alternative Werte Anerkennung finden.
Das Widersprüchliche an der Fußballfanszene, betrachtet aus einer subkulturellen Perspektive ist, dass sie in oft bewusster Abgrenzung zum bestehenden Normensystem der Gesellschaft wiederum ein eigenes, oft streng reglementiertes System von Codes und Regeln aufbaut (Vgl. Aschenbeck 1998, 96.). Mit Blick auf die Entstehung von Ausschreitungen bei Sportveranstaltungen kann argumentiert werden, dass diese von Gruppen getragen werden, welche sich in einem subkulturellen Kontext bewegen. Dieser wiederum ist geprägt von übersteigerten Männlichkeitsnormen, größerer Skepsis gegenüber bewährten gesellschaftlichen Zielen und umfasst einen Personenkreis, welcher Anerkennung und soziale Integration nur über abweichende Aktivitäten erreichen. Die meist jugendlichen Gruppenmitglieder erlangen dabei einerseits Grenzerfahrungen, welche sie im üblichen Alltag nicht ausleben können und andererseits moralische Rechtfertigung durch die weiteren Mitglieder.
Ähnlich der von Sykes und Matza (1968) formulierten Neutralisierungsthese legitimieren die Gruppenmitglieder innerhalb ihres subkulturellen Kontexts ihre individuellen und kollektiven Abweichungen wechselseitig (Vgl. Sykes / Matza 1968, 362ff.). Die im Endgutachten der Gewaltkommission von 1990 aufgeführten Gründe der Identitätssuche, wechselseitigen Bestätigung, der sozialen Deprivation und den mitunter aggressiven Verhaltensnormen (Vgl. Schwind / Baumann 1990, 97.) finden ihre theoretische Fundierung in Subkultur- und Peer-Group-Theorien wieder, welche die gruppendynamischen Prozesse in der Fußballfanszene erklären können. Dabei finden subkulturelle Annahmen oftmals Anknüpfungen zu weiteren Theorien abweichenden Verhaltens.
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5.1.2 Gesellschaftliche Ursachen für Ausschreitungen im Fußball
Die sozialstrukturellen Ursachen für Fangewalt im Sport sind vielschichtig. Gemeinhin wird argumentiert, dass gewisse gesellschaftliche
Rahmenbedingungen das Entstehen von individueller und kollektiver Gewalt begünstigen. Meist verbleiben jedoch diese Ansätze nur in einem theoretischen Kontext. Empirische Untersuchungen über sozialstrukturelle Gründe für Hooliganismus und Fanausschreitungen sind rar.
Marxistische Ansätze, welche vor allem in England rezipiert werden, gehen von einer oppositionellen Fußballkultur der Arbeiterklasse aus, welche den Hooligan als modernen proletarischen Klassenkämpfer im Protest zur Kommerzialisierung sieht (Vgl. Taylor 1971.).
Dagegen betont der zivilisationstheoretische Ansatz die Ventilfunktion, die dem gesellschaftlichen Subsystem Fußball zukommt. Im Laufe des
Zivilisationsprozesses hat sich der moderne Mensch Affektkontrolle und Zivilisierung gegenüber seinen Mitmenschen angewöhnt. Der ritualisierte Ausbruch von Gewalt im Fußballkontext ist eine Möglichkeit, die aggressiven Triebe auszuleben und das Gewalttabu zu umgehen (Vgl. Elias 1978, ders. 1980.). Dabei hat der Fußball seit jeher die Eigenschaft eine Plattform für diese Triebbefriedigung bereitzustellen. Das Problem der Fanausschreitungen sei also nach Meinung der Figurationstheoretiker kein Neues (Vgl. Dunning 1983, 124f.). Gründe werden dabei in den Besonderheiten der Massenveranstaltung Fußball mit seinen symbolhaften Rivalitäten gesehen.
Neben eher makrosoziologischen Theorien, finden auch
sozialisationstheoretische Ansätze Eingang in die Ursachenforschung von Hooligangewalt. Dabei wird zum einen die Loslösung von traditionellen Sozialisationsinstanzen betont, welche einhergeht mit jugendlicher
Vergesellschaftung in Peer-groups (Vgl. Illi 2004, 27f.). Andererseits löse aber auch allgemein fehlgeleitete Sozialisation Lernprozesse aus, welche dann in Zusammenspiel mit situativen Faktoren zu aggressivem Verhalten führen können (Vgl. Lösel / Bliesener 2006, 234.). In Studien wurde bestätigt, dass Hooligangewalt und der Zusammenschluss in delinquente Fußballfangruppen
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Ausdruck einer auffälligen psychosozialen Entwicklung seien. 27 Lösel und Bliesener (2001) weisen in ihrer Studie darauf hin, dass Personen mit aggressiven Tendenzen nur deshalb in der Fußballfanszene landen würden, weil sie in einem fußballbegeisterten Umfeld sozialisiert werden, andernfalls hätten sie sich einer alternativen abweichenden Subkultur angeschlossen bzw. gehören dieser auch parallel an (Vgl. Lösel / Bliesener 2006, 237.). Auch innerhalb der Hooligangruppen gibt es noch Differenzierungen hinsichtlich psychosozialer Belastungen. Während die Anführer der Gruppen meist ökonomisch und gesellschaftlich integriert seien, zeige ein Großteil des harten Kerns und weiterer Kreise gewalttätiger Gruppen Sozialisationsdefizite, niedrige Intelligenz und allgemeine Aggressionsneigungen (Vgl. Lösel / Bliesener 2006, 238f.).
In einer neuren vergleichenden Studie zu gewalttätigen Jugendkulturen von Schäfer-Vogel (2007) bezieht die Autorin die Hinwendung zu Hooligangruppen auf einen gesellschaftlichen Verfall kommunikativer Strukturen. Gewalt fungiere als „universelle Ersatzsprache“, die den Ausdruck einer
Kommunikationsverarmung darstelle. Gleichzeitig werden über Gewaltakte negative Emotionen kommuniziert (Vgl. Schäfer-Vogel 2007, 95f.). Zerrüttete familiäre Verhältnisse, soziale Desintegration, mangelnde Solidarität und Erlebnisarmut führen viele Jugendliche dazu, sich gewalttätigen Subkulturen anzuschließen, um dort durch klar ersichtliche Feindbilder und
Gemeinschaftsrituale gesellschaftliche Artikulation erlangen (Vgl. Schäfer-Vogel 2007, 550-555.).
5.1.3 Sportbezogene Ursachen für Ausschreitungen im Fußball
Sportbezogene Faktoren zu Zuschauergewalt und Ausschreitungen im Fußball unterteilen sich in jene Ansätze, die strukturell den Fußballsport betrachten und solche, die eher die situativen Eigenheiten des passiven Wettkampfs in den Vordergrund stellen. Letztere beschäftigen sich beispielsweise mit einer unterstellten Aggressionsförderung durch das Fußballspiel. Nachdem die so
27 Ein ausführlicher Überblick über diese Studien in Lösel / Bliesener 2006, 235ff.
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Arbeit zitieren:
Konrad Langer, 2009, Kriminalisierung von Fußballfans – Erscheinungsformen, Wirkungen, Probleme, München, GRIN Verlag GmbH
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