I. Der Friede von Brest-Litovsk: Einleitende Erläuterungen zum Thema
„Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei einerseits und Rußland andererseits erklären, daß der Kriegszustand zwischen ihnen beendet ist. Sie sind entschlossen, fortan in Frieden und Freundschaft miteinander zu leben.“ 1 Dieser erste Artikel des am 3. März 1918 unterzeichneten Friedensvertrags von Brest-Litovsk steht symbolisch für das Ende von mehr als dreieinhalb Jahren Blutvergießen an der Ostfront im Ersten Weltkrieg.
Einhergehend mit der allgemeinen Fokussierung auf die westlichen Kriegsschauplätze unter Vernachlässigung der Kampfhandlungen im Osten 2 wird diesem Friedensschluss heute häufig viel weniger Beachtung geschenkt als etwa dem Versailler Vertrag. Dabei hatte er durchaus eine herausragende Bedeutung für die weitere geschichtliche Entwicklung im Osteuropa des 20. Jahrhunderts. Selbst heute noch sind seine territorialen Bestimmungen zum Teil konstituierend für die politische Landkarte dieser Region. Deshalb ist es ratsam, sich näher mit dem Frieden von Brest-Litovsk und vor allem seinem Zustandekommen zu befassen. Unter welchen Bedingungen kam es zum Friedensschluss? Welche widerstreitenden Interessen spielten dabei eine Rolle und welches hat sich schließlich durchgesetzt? Was für Ergebnisse brachte der Vertrag letztlich und was hatten diese für Folgen?
Zur Beantwortung dieser Fragen ist angesichts des begrenzten Umfangs einer Proseminar-Hausarbeit eine Einschränkung auf die deutsche Perspektive sinnvoll, da das Reich als bedeutendstes Mitglied der Mittelmächte ihre Politik gegenüber Ostmitteleuropa maßgeblich prägte. 3 Dieses Vorgehen schließt kleinere Exkurse auf die russische Sichtweise nicht aus, sofern sie dem umfassenderen Verständnis dienen. Ebenso bietet es sich an, einen inhaltlichen Schwerpunkt auf die verschiedenen Kriegsziel-Konzeptionen bezüglich Osteuropa zu setzen, um Muster deutscher Ostpolitik im Ersten Weltkrieg herauszuarbeiten.
Methodisch erscheint ein dreiteiliger Aufbau angemessen, um zum Schluss zu einer fundierten Beantwortung der Fragestellungen zu kommen: Zunächst wird der Weg zu den Friedensverhandlungen unter besonderer Berücksichtigung der ambivalenten Kriegs-
1Friedensvertrag von Brest-Litovsk, Auszug. In: LINKE, Horst Günther (Hrsg.): Quellen zu den deutsch-sowjetischen Beziehungen. Darmstadt 1998, S. 53-56, hier: S. 53.
2 Vgl. GROß, Gerhard: Die vergessene Front. Der Osten 1914/15. Ereignis, Wirkung, Nachwirkung. Paderborn u.a. 2006, S. 2.
3 Vgl. BIHL, Wolfdieter: Österreich-Ungarn und die Friedensschlüsse von Brest-Litovsk. Wien/Köln/ Graz 1970, S. 18.
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zielvorstellungen innerhalb des Reichs skizziert. Im Anschluss erfolgt eine Analyse der unterschiedlichen deutschen Konzeptionen in Brest-Litovsk sowie des konkreten Ver-handlungsablaufs. Schließlich werden dessen Ergebnisse und die Reaktionen darauf in Abhängigkeit zum zuvor Erarbeiteten vorgestellt.
Die verwendete Literatur basiert zu großen Teilen auf den Monographien der deutschen Geschichtswissenschaft der 1960er Jahre, wo nach einhelliger Meinung „Pionierarbeit“ 4 zum Thema geleistet worden ist. Nichtsdestotrotz wurden auch die Werke neuerer Autoren berücksichtigt. Als Quellen dienten neben dem obligatorischen Vertragstext selbst hauptsächlich Protokolle sowie Denkschriften zeitgenössischer Politiker, Diplomaten und Militärs.
II. Der Weg zu den Friedensverhandlungen: Hoffen auf den Separatfrieden
Die Verhandlungen und Ergebnisse von Brest-Litovsk müssen im Kontext ihrer Vorgeschichte betrachtet werden: Nur unter Kenntnisnahme der außenpolitischen Situation im Winter 1917/18 und der inneren Debatten im Deutschen Reich über die Kriegsziele gegenüber Russland ist ein tiefer gehendes Verständnis möglich.
II.1. Überblick über die politische und militärische Situation in Ostmitteleuropa
zur Jahreswende 1917/18
Nachdem in der Februarrevolution 1917 die innenpolitischen Spannungen Russlands deutlich offenbart wurden, setzte die deutsche Führung gezielt auf eine Stärkung der revolutionären Kräfte beim Kriegsgegner, da dieser nun als „das schwächste Glied in der feindlichen Kette erschien“ 5 und aus der Entente herausgelöst werden sollte, wie Außenminister 6 Kühlmann 7 anmerkte. Daher unterstützte man Lenin 8 bei der Einreise nach Russland finanziell und logistisch.
4 DOERING-MANTEUFFEL, Anselm: Ostmitteleuropa, Brest-Litovsk und die europäische Ordnung nach dem Ersten Weltkrieg. Zur Bedeutung der Historiographie der sechziger Jahre für die Gegenwart. In: ELZ, Wolfgang/NEITZEL, Sönke (Hrsg.): Internationale Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Winfried Baumgart zum 65. Geburtstag. Paderborn u.a. 2003, S. 205-215, hier: S. 205.
5 Vgl. Telegramm Kühlmanns an den Verbindungsoffizier des Auswärtigen Amtes im Großen Hauptquartier, Auszug. In: LINKE (Hrsg.): Quellen deutsch-sowjetische Beziehungen, S. 32.
6 Im damaligen Sprachgebrauch eigentlich „Staatssekretär des Auswärtigen“; entspricht heute dem Außenminster.
7 Richard von Kühlmann (1873-1948): von August 1917 bis Juli 1918 Staatssekretär des Auswärtigen Amtes.
8 Wladimir Iljitsch Uljanow (1870-1924), genannt Lenin: Führer der Bolschewisten und Gründer der Sowjetunion.
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Der Bolschewisten-Führer gewann dort bei den unzufriedenen Massen zunehmend an Einfluss und wurde durch die Parole „Brot und Frieden“, die sich klar von der kriegsbe-fürwortenden Politik der bürgerlichen Kerenski 9 -Regierung abhob, populär. Dies „bereitete der neuen Revolution, für die Lenin unermüdlich agitierte, den Boden.“ 10 Als seine Bolschewisten dann ab dem 7. November in der Oktoberrevolution die Macht übernahmen bemühte er sich in seinem „Dekret über den Frieden“ sofort um eine Beendigung des Krieges - freilich unter der Prämisse, dass dies „ohne Annexionen [...] und Kontributionen“ 11 geschehen solle.
Angesichts der militärischen Lage erschien den Russen ein Friedensschluss unabdingbar: Nachdem die Kampfhandlungen an der Ostfront zunächst durch einen Bewegungskrieg mit größeren wechselseitigen Landgewinnen ohne entscheidenden Vernichtungsschlag geprägt gewesen waren 12 , hatte sich das Blatt im Jahr 1917 nämlich zusehends gewendet: Als die Kerenski-Offensive gegen Galizien im Juli scheiterte und seine Armee durch die „Kriegsmüdigkeit der russischen Soldaten“ 13 im Zerfall begriffen war, gelangen den Mittelmächten immense Vorstöße in das Hinterland des Gegners. Deshalb ersuchte die neue russische Führung um einen Waffenstillstand, der dann am 15. Dezember in Kraft trat. Die Truppen der Mittelmächte waren zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine Linie von Kurland bis nach Bessarabien vorgedrungen. In dieser Situation, die durch den beginnenden russischen Bürgerkrieg noch verschärft wurde 14 , baten die Bolschewisten um Verhandlungen, um zu dem von Deutschland lang erhofften Separatfrieden zu kommen. Sie begannen am 22. Dezember 1917 in der besetzten Stadt Brest-Litovsk in Weißrussland.
9 Alexander Fjodorowitsch Kerenski (1881-1970): Chef der russischen Übergangsregierung zwischen Februar- und Oktoberrevolution .
10 MEYER, Fritjof: „Lenin arbeitet nach Wunsch“. Der Zusammenbruch des Zarenreichs. In: BURGDORFF, Stephan/WIEGREFE, Klaus (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Die Urkatastophe des 20. Jahrhunderts. München 2004, S. 121-126, hier: S. 124.
11 Dekret Lenins über den Frieden, Auszug. In: LINKE (Hrsg.): Quellen deutsch-sowjetische Beziehungen, S. 29-31, hier: S. 29.
12 Vgl. STONE, Norman: Ostfront. In: HIRSCHFELD, Gerhard/KRUMEICH, Gerd/RENZ, Irina (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2009, S. 762-764, hier: S. 762.
13 GLOECKNER, Eduard: Vor 75 Jahren, In: Europäische Sicherheit, 42 (1993), S. 129-131, hier: S. 130.
14 Vgl. VON RAUCH, Georg: Geschichte des bolschewistischen Russland. 3. Aufl. Wiesbaden 1955, S. 126.
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II.2. Kriegsziele im Osten vor der Jahreswende 1917/18: Forderungen von Reichsleitung, Militär, Industrie und gesellschaftlichen Gruppen
Schon lange vor der Kriegswende an der Ostfront gab es deutsche Planspiele, wie im Falle eines Sieges über Russland die Zukunft Ostmitteleuropas aussehen sollte. Diese Kriegsziele waren jedoch kein Konsens in der deutschen Führung und Gesellschaft. Stattdessen gab es verschiedenste Überlegungen und Denkrichtungen der jeweiligen Protagonisten, die je nach persönlichem Schwerpunkt recht unterschiedlich ausfallen konnten.
Reichskanzler Bethmann Hollweg 15 etwa sah als allgemeines Ziel des Krieges die „Sicherung des Deutschen Reiches nach [...] Ost auf erdenkliche Zeit. Zu diesem Zweck muß [...] Rußland von der deutschen Grenze nach Möglichkeit abgedrängt und seine Herrschaft über die nichtrussischen Vasallenvölker gebrochen werden.“ 16 In seinem berühmt gewordenen „Septemberprogramm“ von 1914 konzentrierte er sich jedoch auf die Forderungen im Westen und formulierte lediglich, dass „die Rußland gegenüber zu erreichenden Ziele später geprüft“ 17 werden sollten. Ähnlich wie Bethmann Hollweg blieb die gesamte zivile Führung des Reichs, einschließlich der Diplomaten des Auswärtigen Amtes und der Parteipolitiker des Reichstags, vage in ihrer Ostpolitik: Die Kriegsziele variierten je nach aktueller militärischer Lage zwischen recht umfangreichen Annexionsplänen 18 und einer statusquo-ante-bellum-Verständigung 19 , um zu einem Separatfrieden zu kommen. Die Forderungen des Militärs waren dagegen wesentlich konkreter: Geleitet von strategischen Überlegungen für den Fall eines weiteren Krieges in der Zukunft 20 machte die Oberste Heeresleitung unter anderem in einem Gutachten vom 23. Dezember 1916 unmissverständlich klar, was sie für Vorstellungen hatte. So sollten Teile Polens annektiert und dessen Rest in Abhängigkeit zu Deutschland gehalten werden. Außerdem wurden Gebietserweiterungen im Baltikum angemahnt, um dort Flottenstützpunkte für die uneingeschränkte Beherrschung der Ostsee zu errichten. 21
15 Theobald von Bethmann Hollweg (1856-1921): deutscher Reichskanzler von 1909-1917.
16 FISCHER, Fritz: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Sonderausgabe. Düsseldorf 1967, S. 93.
17 Septemberprogramm Bethmann Hollwegs, Auszug. In: BIHL, Wolfdieter (Hrsg.): Deutsche Quellen zur Geschichte des Ersten Weltkriegs. Darmstadt 1991, S. 61-62, hier: S. 62.
18 Vgl. FISCHER: Griff nach der Weltmacht, S. 167 f.
19 Vgl. Denkschrift von Loebell, Auszug. In: BIHL (Hrsg.): Quellen Erster Weltkrieg, S. 78-85, hier: S. 80 ff.
20 Vgl. DOERING-MANTEUFFEL: Ostmitteleuropa, S. 206.
21 Vgl. FISCHER: Griff nach der Weltmacht, S. 263.
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Ebenso machten sich Vertreter der Industrie Gedanken über die Gestaltung Osteuropas nach dem Krieg und ließen sich dabei von der „Notwendigkeit, das deutsche Rohstoffpotential für die Zukunft sicherzustellen“ 22 leiten. Erzberger 23 etwa forderte 1914 die „Zersplitterung des russsischen Kolosses“ und die „Befreiung der nicht-russischen Völkerschaften ´vom Joch des Moskowitertums` unter deutscher militärischer Oberhoheit“ 24 . Thyssen 25 sprach sich neben Annexionen im Baltikum sogar für Gebietserweiterungen bis in den Kaukasus aus, um die dort vorhandenen reichen Bodenschätze nutzbar zu machen. 26
Eine „führende Stellung in der Formulierung der Kriegsziele“ 27 hatte auch der Alldeutsche Verband inne, der durch „krasse[...] und vielfach utopische[...] Forderungen“ 28 auffiel. Diese waren territorial noch ambitionierter als die der Industrie und „übertraf[en] sie in ihrer Radikalität“ 29 . So sollte etwa „eine ´ethnische Säuberung` in den zu annektierenden Gebieten durch die rücksichtslose Umsiedlung nichtdeutscher Bevölkerung erreicht werden“ 30 . Man betrachtete Osteuropa als potentiellen „agrarischen Siedlungsraum [...], damit eine geburtenfreudige Bauernbevölkerung Deutschlands Volkstum erhalte.“ 31
Dagegen vertrat man auf der anderen Seite des gesellschaftlich-politischen Spektrums, in der Sozialdemokratie, einen ganz anderen Ansatz: Die SPD widersetzte sich von Anfang an jedem Versuch, den Konflikt zu einem Eroberungskrieg zu machen. Sie setzte auf einen Verständigungsfrieden mit den Gegnern und forderte lediglich, dass die terri-toriale Integrität des Deutschen Reichs gewahrt bleiben müsse. 32 Im Übrigen vertrat sie die Meinung, „daß Annexionen volksfremder Gebiete gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker verstoßen“ 33 und lehnte sie deshalb ab.
22 FISCHER: Griff nach der Weltmacht, S. 97.
23 Matthias Erzberger (1875-1921): Politiker, hatte enge Verbindungen zum Thyssen-Konzern.
24 FISCHER: Griff nach der Weltmacht, S. 97.
25 August Thyssen (1842-1926): Industrieller, Leiter einer der größten europäischen Montankonzerne.
26 Vgl. FISCHER: Griff nach der Weltmacht, S. 97.
27 Ebd., S. 141.
28 Ebd., S. 133 f.
29 HERING, Rainer: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890-1939. Hamburg 2003, S. 135.
30 Ebd.
31 FISCHER: Griff nach der Weltmacht, S. 138.
32 Vgl. Beschlüsse von SPD-Reichstagsfraktion und -Parteiausschuß. Leitsätze zur Friedensfrage. In: BIHL (Hrsg.): Quellen Erster Weltkrieg, S. 134-135, hier: S. 135.
33 Ebd.
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Manuel Franz, 2010, Der Friede von Brest-Litovsk im Kontext deutscher Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg, München, GRIN Verlag GmbH
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