Der Amerikanische Bürgerkrieg 1861 - 1865 1
Die Südstaaten waren von der amerikanischen Union schon getrennt, als sie im April 1861 die Feindseligkeiten gegen den Norden am 13. April 1861 mit der Eroberung des Forts Sumter im Hafen von Charleston eröffneten. Damit begann ein Kampf, der sich zum ersten modernen Krieg der Weltgeschichte im Sinne totaler Anwendung allen bisher gegebenen Gewaltmittels steigerte. Es handelte sich um das schwerste, längste und blutigste Ringen des 19. Jahrhunderts, man kann sagen um den Vorläufer des ersten Weltkrieges. Die Militärs in Europa verfolgten die Geschehnisse mit Interesse. Der Charakter eines irrationalen Bürgerkrieges verwirrte allerdings ihr Denken und ließ sie daran zweifeln „was man aus ihm und ob man für die europäischen Verhältnisse überhaupt etwas aus ihm lernen könne“ 2 . Nicht so in England, wo der Einsatz der amerikanischen Marine zu effektiver Blockadevor langer Küste und auf weiten Flussstrecken naturgemäß viel stärkere Beachtung fand.
Die Kriegsursachen waren mit den Auswirkungen der industriellen Revolution aufs engste verknüpft, ebenso mit den unterschiedlichen kulturellen, ökonomisch-sozialen Bedingungen in Nord und Süd. Das Teilproblem der Sklavenhaltung in der Baumwollplantagen-Besitzer-Gesellschaft rückte schnell in den politischen Brennpunkt der Streitigkeiten. Dahinter stand die grundsätzliche Frage nach der „wahren“ amerikanischen Lebensform. Auch musste sich entscheiden, ob föderative Eigenstaatlichkeiten gelten, ob die Vielheit vor der Einheit rangieren konnte.
Nord-Union und Süd-Konföderation waren keineswegs ebenbürtig. Einem Bevölkerungsanteil von 20 Millionen fast ausschließlich weißer Einwohner standen 10,5 Millionen einschließlich vier Millionen Schwarzen gegenüber. Das Zahlenverhältnis ändert sich, wenn es in Bezug zu den wehrfähigen Bürgern im Alter von 18 bis 45 Jahren gebracht wird. Im Jahr 1861 folgten 640000 Männer der Nordstaaten freiwillig dem Ruf ihrer Bundesregierung zur Armee (26%), in den Südstaaten 337500 (49%). Die Union besaß die weit größeren materiellen Machtmittel, die Konföderierten die höhere militärische Qualität. Letzteres lag daran, dass in den Südstaaten, die militärisch erfahrenere und geübtere, zum Kampf zwischen Sieg oder Untergang fest entschlossene Landbevölkerung angesiedelt war und die Offiziere fähiger waren. Vom kleinen stehenden Heer (1861 noch rund 16000 Mann) trat ein großer Teil der Offiziere (286), darunter viele der besten Absolventen aus West Point, in den Dienst der Rebellen. Dieser Vorteil schlug trotz mangelnder Zentralgewalt zu Buche. Beiden Seiten mussten jedoch ihre Streitkräfte während des Krieges erst aufbauen. Es war eine Um- und Neubildung aus Teilen des kleinen stehenden Heeres und der nur auf dem Papier stehenden Miliz. Der Süden hatte gleich zu Beginn die stärkere Kampfmoral auf seiner Seite. Bei den vielen, dem Militärdienst zugeneigten Gutsbesitzern 3 , der größeren Zahl aktiver Soldaten und der kriegerischen Jungmannschaft
1 Literatur: H.Fhr. v. Freytag-Loringhoven: Studien über Kriegführung auf Grundlage des Nordamerikanischen Sezessionskrieges, 2. Bde., Berlin 1901/03; G. Franz-Willing: Der weltgeschichtliche Aufstieg der Vereinigten Staaten von Amerika durch Entscheidung des Bürgerkrieges von 1861-1865 (Studien zur Militärgeschichte, Militärwissenschaft und Konfliktforschung, Bd. 229, Osnabrück 1979; Seemacht, eine Kriegsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, S. 191-226; P.J. Parish: The American Civil War, New York 1975; J.F.C. Fuller: Grant and Lee a study in personality and generalship, London 1933; B.H. Liddell Hart: Sherman soldier realist and American, New York, 1929; E.M. Thomas: Bold Dragoon. The Life of J.E.b. Stuart, New York 1986. Stenzel: Die Flotte der Nordstaaten im Sezessionskriege, u.v. Gosler: Die Schlacht bei Gettysburg am 2. und 3. Juli 1863, in: BMWBl (1894), S. 83ff. und (1913) S. 197ff.; Deutelmoser, Das amerikanische Landheer im Sezessionskrieg, Zimmermann: Die Freiwilligen-Armeen im nordamerikansischen Sezessionskriege, in: Vierteljahreshefte für Truppenführung und Heereskunde (1908), S. 484ff., (1909), S. 512ff. und (1913), S. 86ff. 2 V. Regling: Grundsätze der Landkriegführung zur Zeit des Absolutismus und im 19. Jahrhundert, S. 369. 3 Deren Söhne hatten meistens die Militärakademie in West Point besucht, vgl.: Stephen E. Ambrose, Duty, Honor, Country - A History of West Point, Baltimore 1999.
rekrutierte es sich unter günstigeren Voraussetzungen. Im Mai führte der Süden 1862 die allgemeine Wehrpflicht für alle Weißen ein. Der Norden litt anfangs weit mehr unter dem Übel frühzeitig ins Feld geschickter, noch schlagfertiger Truppen. Die erste blamable Schlappe in der Schlacht am Bull Run (21. Juli 1861) veranlasste Präsident Lincoln zu gewaltigen Rüstungsanstrengungen. Die Union ergänzte die Freiwilligkeit durch Zwangsaushebung. Ihre maximale Heeresstärke betrug eine Million, die Gesamtzahl ihrer im Verlauf des Krieges eingezogenen Leute 2900000 Mann. Bei den Konföderierten lag die erste Summe bei 600000, die zweite zwischen 1,2 und 1,4 Millionen 4 .
Der wirtschaftliche Reichtum der Südstaaten bestand überwiegend in der Baumwollausfuhr gegenüber viel geringerem Anbau von Brotgetreide. Die industriellen Erzeugnisse fielen nicht schwer ins Gewicht, nur die Eisenwerke in der Hauptstadt Richmond stellten in beschränktem Umfang Geschütze her. Die empfindliche Abhängigkeit vom Auslandshandel bildete einen krassen Gegensatz zur Lage des Nordens. Seine Ackerbau- und Viehwirtschaft versorgte die Bevölkerung in überreichem Maße, seine aufblühende Maschinenindustrie produzierte massenweise Waffen und Bekleidung, die Geldmittel flossen unerschöpflich, die Kriegs- und Handelsflotte beherrschte das Meer wie die Binnengewässer.
Auf diesen ökonomischen Prämissen beruhten die strategischen Konzepte der Kontrahenten. Die Konföderierten bauten auf die Verbindungen mit Europa, insbesondere auf die für England lebenswichtigen Baumwollexporte. Sie hofften vergebens darauf, dass sich die Westmächte offen auf ihre Seite schlagen würden. Zwar bedrängte Kaiser Napoleon die Londoner Regierung, doch sie dachte weiter als die Fabrikanten, nämlich an die indische Baumwolle wie an Ägypten, das sich ebenfalls auf deren Herstellung verstand. In der Hauptsache musste sich der Süden auf seine kampftüchtigere Armee verlassen. Im Rahmen taktisch-offensiver Ermattungsstrategie sollte sie den Gegner zum Nachgeben zwingen. Ab 1862 führte der genial veranlagte General Robert E. Lee den Oberbefehl, der die humanste und kultivierteste Führungspersönlichkeit im Bürgerkrieg war. 5
angestiegen, bis Ende 1864 auf 671, darunter 71 neue Panzerschiffe mit ersten drehbaren Geschütztürmen. Der Südbund konnte nur angekaufte, zu Kriegszwecken armierte Küstenschlepp- und Mississippi-Flussdampfer, sowie wenige Neubauten aus improvisierten Werften dagegenstellen. Doch der Süden verstärkte überall die Küstenbefestigungen, legte neue Werke an, bestückte sie mit erbeuteten Schiffgeschützen und sperrte die Flussläufe unter
4 Nach J.F.C. Fuller: Die entartete Kunst Krieg zu führen, Köln 1964, S. 112.
5 Vgl. Thomas L. Connelly: The Marble Man. Robert E. Lee and his Image in American History, New York 1977. 6 Seemacht, S. 192.
umfangreicher Verwendung von Seeminen 7 . Nach dem »Anakonda-Plan« 8 musste die Flotte an beiden Seefronten zunächst allein operieren, bis Landungstruppen zur Verfügung standen, um die wichtigsten Küstenplätze zu erobern. An der Nordgrenze, wo schiffbare Flüsse fehlten, kämpfte nur die Armee. Im Nordosten standen sich die Hauptheere einander gegenüber; die Kriegführung der Union aber war von vornherein im Vorteil durch den Besitz der Seeherrschaft.
Karikatur auf General Scotts Plan von 1861. Urheber: J.B. Elliot, Quelle: The Library of Congress/American Memory (Digital ID: g3701s cw0011000)
Die Strategie des Landkrieges aus Sicht des Nordens bestimmte der Lauf des Mississippi mit seinen Nebenflüssen. Ostwärts lag das Reservoir für Menschen und Lebensmittel, wovon der Süden allein alle weitere Kraftzufuhr erhielt. Wer die Wasserstraßen beherrschte, kontrollierte nicht nur die zuverlässigste Nachschublinie, sondern blockierte auch alle flussüberquerenden Eisenbahnen und Hauptstraßen. Da die Landwege im Allgemeinen schlecht unterhalten waren und sich daher bei längerem Regenwetter wie in der Winterzeit für Truppenbewegungen kaum eigneten, kam dem Transportverkehr per Bahn und Schiff entscheidende Bedeutung zu. Den Sieg im Mississippi-Flusskrieg erzwang nach hartnäckigem wechselseitigen Vormarsch- und Rückzugskämpfen der Nordstaaten-General Ulysses Simpson Grant. Erster bahnbrechender Schritt war die Zerschlagung der Nordwestbarriere der Konföderierten in der blutigen Drei-Tage-Schlacht bei Shiloh vom 6. bis 8. April 1862. Ein strategischer Erfolg, der wenig später dem
7 Stenzel: Die Flotte der Nordstaaten im Sezessionskriege, in: BMWBl (1984), S. 88f. und 108. Viele Seeoffiziere der Bundesflotte waren in konföderierte Dienste getreten, doch kein einziges Schiff. 8 The War of the Rebellion, Serie I, Band LI, Teil I, S. 369f, Washington 1897. Der »Anakonda-Plan« wurde von Generalleutnant Winfield Scott als strategischer Ansatz, den Bürgerkrieg zu beenden, 1861 vorgeschlagen. Dazu: Charles Winslow Elliott, Winfield Scott: The Soldier and the Man, Macmillan, 1937.
Arbeit zitieren:
Harry Horstmann, 2010, Der Amerikanische Bürgerkrieg 1861 - 1865, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Harry Horstmann hat einen neuen Text hochgeladen
Personal Recollections of President Abraham Lincoln, General Ulysses S...
Major-General Grenville M. Dodge
Abraham Lincoln: The Gettysburg Speech and Other Papers
Carl Schurz, James Russell Lowell, Ralph Waldo Emerson
Abraham Lincoln und der amerikanische Bürgerkrieg
Mit Biographie von Abraham Lin...
Karl Marx, Friedrich Engels
Kurze Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs
Der Einbruch der Industrie in ...
Giampiero Carocci, Friederike Hausmann
0 Kommentare