Inhaltsverzeichnis
I. Einführung 3
II. Hauptteil 5
II.1.Simone de Beauvoir 5
II.1.1. Biographie 5
II.1.2. Das andere Geschlecht 6
II.2. Alice Schwarzer 7
II.2.1. Biographie 7
II.2.2. Paris - Zusammenarbeit mit Simone de Beauvoir. 8
II.2.3. Der kleine Unterschied und seine groβen Folgen 9
II.2.4. Die Emma 10
II.3. Vergleich Beauvoir - Schwarzer 12
II.3.1. Abtreibung 12
II.3.2. Frauenerwerbstätigkeit 17
II.3.3. Die Frau in der Gesellschaft 21
II.4. Reputation 25
II.4.1. Simone de Beauvoir und Das andere Geschlecht 25
II.4.2. Alice Schwarzer und die Medien 26
II.4.3. Einordnung in die aktuelle Forschung 28
III. Resumée: Alice Schwarzer als Interpretin Simone de Beauvoirs? 30
IV. Literaturverzeichnis 32
2
I. Einführung
Die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, ungeachtet ihres Geschlechtes, ihrer Rasse, ihrer religiösen oder politischen Anschauung, steht heute in jeder Verfassung eines demokratischen Staates festgeschrieben. 1
Mit der Umsetzung sind alle noch beschäftigt. Besonders die Emanzipation der Frau ist elementar und gilt als Gradmesser für die Entwicklung eines Landes.
Seit der Aufklärung wurde verstärkt die Frage nach dem Machtverhältnis zwischen Mann und Frau gestellt, warum die Frau dem Mann Untertan sein müsse. Durch die Säkularisierung konnte die Bibel nicht mehr als alles regelnde Norm benutzt werden. In Frankreich, wo der Staat sich früher und deutlicher von der Kirche abgegrenzt hatte als in Deutschland, war die Frau dennoch nicht besser gestellt als bei seinem Nachbarn. Die unter Napoleon eingeführten Gesetze bezüglich der Pflichten einer Ehefrau und Empfängnisverhütung wogen schwer.
Frankreich war eines der letzten europäischen Länder, das Frauen das Wahlrecht und somit das Bürgerrecht gewährte, nämlich 1944.
Im Zuge der 68er- Revolten, der Auflehnung einer Generation gegen die Normen, den Lebensstil und die Politik ihrer Elterngeneration, ergriffen Frauen wieder die Gelegenheit, ihre Situation grundsätzlich zu ändern, sich ebenfalls unabhängig zu machen, sich zu emanzipieren. Als soziale Ungerechtigkeiten in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, war der Zeitpunkt gekommen, dass Frauen gemeinsam ihre Rechte einforderten.
1949 veröffentlichte Simone de Beauvoir (1908-1986) Das andere Geschlecht und schrieb darin „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht“ 2 und zeigte auf, wie extrem und absurd der Unterschied der Lebensbedingungen der Geschlechter ist beziehungsweise dazu gemacht wurde. Zu diesem Zeitpunkt verstand sich Simone de Beauvoir selbst als Antifeministin. Sie war gegen einen Aktivismus für die Befreiung der Frau, weil sie an die sozialistische Revolution und der daraus resultierenden automatischen Lösung der Frauenfrage glaubte. Mittels der Gesetze zur rechtlichen Angleichung der Frau an den Mann würde sich im Laufe der Generationen das Denken der Menschen ändern und Frauen tatsächlich dem Manne ideell gleich gestellt sein. 20 Jahre später scheint sich nichts geändert zu haben. Die Frauen müssen aktiv werden, die Darstellungen in Das andere Geschlecht sind noch so aktuell wie zu seiner Veröffentlichung.
1 Vgl. http://www.bundestag.de/dokumente/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01.html, 4.12.09, 12:40h MEZ.
2 Beauvoir: Das andere Geschlecht, S.334.
3
In diesen Jahren lernten sich Alice Schwarzer und Simone de Beauvoir kennen und sie bekamen die Gelegenheit, zusammen zu arbeiten. Schwarzer veröffentlichte ebenfalls mehrere Bücher zum selben Thema, doch eines fand besondere Aufmerksamkeit: Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Wie ihr Vorbild stellt Schwarzer die Situation der Frau dar, wobei Schwarzer besonders die Sexualität als Spiegel der Unterdrückung der Frau betrachtete.
Schwarzers Aktivismus für die Frauenbewegung hatte in Paris seinen Anfang, Simone de Beauvoir selbst zählte seit diesen Jahren als aktive Feministin. Mit Schwarzers Rückkehr nach Deutschland und durch die Adaption der gröβten Aktion der Frauenbewegung Frankreichs auf die Bundesrepublik, der Selbstbezichtigungsaktion, blieb sie Paris und Beauvoir dennoch verbunden. Im Kampf für die Frauenbefreiung waren Das andere Geschlecht und Beauvoirs Thesen wisssenschaftlicher Hintergrund ihrer Arbeit. Viele Jahre arbeiteten sie an verschiedenen Projekten zusammen, Schwarzer interviewte Beauvoir und Sartre mehrere Male, häufig nahm Schwarzer in ihren Schriften direkten Bezug auf Beauvoirs Thesen. Beide Frauen und ihre Arbeiten sind heute umstritten. Beauvoir wird dabei weitaus positiver beurteilt, dennoch wird zum Beispiel ihre rohe Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper kritisiert. Barbara Holland Cunz (1957-) schrieb dazu „... [solche Beschreibungen] sind fast unerträglich für Leserinnen, die, allen patriachalen Zuschreibungen zum Trotz, ein positives weibliches Körpergefühl (...) entwickeln wollen.“ 3 Schwarzer, die sich weniger den Intellektuellen denn der breiten Masse zuwendete, wird selten in der Forschungsliteratur herangezogen. Ihr Medium war zwar auch das Buch, aber ihren Bekanntheitsgrad konnte sie vor allem durch medienwirksame Auftritte vergröβern.
In der folgenden Arbeit möchte ich untersuchen, inwiefern Schwarzer ihren Aktivismus an Simone de Beauvoirs Thesen anlehnte, sie übernahm oder noch erweiterte. Dabei möchte ich vor allem Ansichten beider zu Erwerbstätigkeit, Abtreibung und zur Frau in der Gesellschaft im Allgemeinen gegenüber stellen. In Bezug auf Simone de Beauvoir werde ich das anhand ihres Hauptwerkes Das andere Geschlecht tun, in Bezug auf Alice Schwarzer anhand ihres bekanntesten Werkes Der kleine Unterschied und seine Folgen beziehungsweise anderer Veröffentlichungen wie Artikeln aus der Emma und ähnlichem. Relevant erschien mir hierbei auch der biographische Hintergrund beider Frauen, ebenso wie die unterschiedliche Gesetzeslage in beiden Ländern in den genannten Bereichen. Abschlieβend möchte ich Schwarzer und Beauvoir und ihr Werk in der aktuellen Forschungsliteratur untersuchen.
3 Holland-Cunz, Barbara: Die alte neue Frauenfrage, Frankfurt/Main 2003, S.100.
4
II. Hauptteil
II.1.Simone de Beauvoir
II.1.1. Biographie
Simone de Beauvoir wurde 1908 in Paris als erstes Kind einer gutbürgerlichen Familie geboren. Von einem Kindermädchen erzogen, sagte sie über die Beziehung zu ihren Eltern: „In meine Mutter, die mir ferner und kapriziöser [als das Kindermädchen] vorkam, war ich gewissermaβen verliebt...“ und: „... ich freute mich, wenn er [der Vater] sich mit mir beschäftigte; aber seine Rolle in meinem Leben war nicht sehr deutlich umrissen.“ 4
Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich Jahre später drastisch. Über ihre Adolesenz und dem Empfinden sexuellen Begehrens schrieb Beauvoir: „Niemals brachte ich die Verwirrung meines Inneren mit Sünde in Verbindung (...). Ich fragte mich auch nicht, ob alle kleinen Mädchen das gleiche Martyrium an sich erfahren...“ 5 Ihre Beziehung zu ihren Eltern änderte sich: „Meine wirkliche Rivalin war jedoch meine Mutter. Ich träumte davon, zu meinem Vater eine richtige persönliche Beziehung zu haben.“ 6 Zu dieser Zeit besuchte ihr Cousin ein Collège und konnte dank seiner humanistischen Ausbildung mit ihrem Vater ernsthafte Gespräche führen, was Beauvoirs Neugierde auf höhere Bildung weckte. Ihr Vater kommentierte ihren Wissendurst mit: „Simone hat das Gehirn eines Mannes, Simone ist ein Mann.“ 7
Nach der Schule studierte sie Philosophie an der Université Sorbonne, was in ihren Kreisen ungewöhnlich war. Ernsthafte Studien waren für Frauen nicht angemessen, ihr Vater war deutlich gegen die Frauenbewegung. Er hoffte aber, eine gebildete Tochter besser verheiraten zu können. 8
In ihrem Jahrgang an der Sorbonne waren auch Jean-Paul Sartre (1905-1980) und Claude Lévi-Strauss (1908-2009). In ihrer lebenslangen Verbindung mit Sartre, den sie nie heiratete und mit dem sie keine Kinder hatte, lebte sie eine Liebesbeziehung, die beider Philosphen Vorstellung von Freiheit entsprach.
Beauvoir und Sartre waren ebenfalls Anhänger der marxistischen Lehre, sie kämpften für soziale Gerechtigkeit und träumten von der Verwirklichung des Kommunismus.
4 de Beauvoir, Simone: Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, Hamburg 1960, S.8.
5 Ebd., S.96.
6 Ebd., S.102.
7 Ebd., S.116.
8 Vgl. ebd., S.169-170.
5
II.1.2. Das andere Geschlecht
Nachdem sie bereits zehn Jahre als Philosophielehrerin gearbeitet und Romane veröffentlicht hatte, brachte Simone de Beauvoir 1949 Das andere Geschlecht heraus. In dem sehr umfangreichen Werk schilderte sie mit wissenschaftlicher Genauigkeit die gegenwärtige Situation der Frau, in ihrer historische Entwicklung und die Entwicklung zur Frau selbst. Sie untersuchte den Status der Frau durch ihre eigenen Beobachtungen und Lebenserfahrungen wie auch durch die Darstellung der Frau in der Belletristik, der Mythologie, der Geschichte, der Soziologie und besonders der Psychoanalyse.
In den Kapiteln zur Entwicklung beziehungsweise Prägung eines Kindes zur Frau benutzte sie viele ausführliche Lebensberichte als Beispiele. Sie erläutert eine Situation, in der ein Kind auf ein bestimmtes Verhalten geprägt wird und wie es dabei empfindet. Als Beleg fügt sie Beispiele an, dies kann unter anderem die Kindheitserfahrung einer nicht genauer benannten Person sein oder auch ein Bericht, den sie in einer nicht näher benannten Quelle gelesen hat. 9
Der Titel „Das andere Geschlecht“ zielt auf die Grundannahme ab, dass die Frau im Gegensatz zum Mann, als ‚das Andere‘ angesehen wird. Der Mann ist das Maß aller Dinge, die Frau weicht dem ab und muss sich an die Gegebenheiten -an das, was der Mann ihr lässt- anpassen. Sie ist passiv und abhängig. Die Frau ist das Geschlecht, während der Mann die Norm ist. Beauvoir zeigt auf, in wie vielen Lebensbereichen sich dies äußert, dessen sich weder Mann noch Frau sich bewusst sind.
Um der Abhängigkeit zu entkommen und um sich die Möglichkeit zu geben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, war für Beauvoir die Erwerbstätigkeit essentiell. „...bürgerliche Freiheiten bleiben abstrakt, solange sie nicht mit ökonomischer Freiheit einhergehen.“ 10 Im Zusammenhang mit der Unabhängigkeit durch Erwerbstätigkeit steht auch das Thema Abtreibung. Die Wahl, selbst zu entscheiden, ob und wann eine Frau Kinder bekommen möchte, sollte sie allein bestimmen können. Beauvoirs Werk steht dabei vor dem Hintergrund marxistischer Ideologie und existentialistischer Philosophie. Die Frauenbefreiung allerdings hat einen liberalen Individualismus als Ideal, was vielen linken Feministinnen erst mit der Parole „Mein Bauch gehört mir!“ klar wurde.
Grundsätzlich sei die Unterdrückung der Frau vergleichbar mit der Unterdrückung einer Minderheit, wie beispielsweise Juden, oder auch ‚Negern‘, die nicht einmal in der Minderheit sein müssen, um unterdrückt zu werden. Im Gegensatz zu diesen beiden unterdrückten Gruppen, den
9 Vgl. Beauvoir: Das andere Geschlecht, S.334-516.
10 Ebd., S.841.
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Juden und den Farbigen, die Beauvoir gerne als Vergleich verwendet („... die Frau, den Juden oder den Schwarzen ...“ 11 ), fehle den Frauen nach historischer Analyse eine Gemeinschaft oder ein Gemeinschaftsgefühl. Frauen sind überall unter Männern in das patriachale System eingebunden, sie haben auβer im Proletariat keine Interessensvertretung, die explizit ihre Bedürfnisse vertritt und dabei alle Gesellschaftsschichten erfasst. 12
Es stellt sich also die Frage, woher es überhaupt kommt, dass eine Gesellschaftsschicht eine andere unterdrückt. Inwiefern nimmt die unterdrückte Gruppe die Unterdrückung an oder unterstützt sie sogar? Diese Ideeen sind von Beauvoirs linken Hintergrund geprägt und stehen im Zusammenhang mit der Arbeiterbewegung.
Obwohl das Buch nicht als Streitschrift, sondern ursprünglich als rein intellektuelle und theoretische Arbeit verfasst wurde, waren die Reaktionen gegen Beauvoir und Das andere Geschlecht sehr heftig und feindselig. 13 Erst durch die Veröffentlichung auf dem amerikanischen und dem britischen Markt wurde das Buch als intellektuelle Schrift gewürdigt und erfolgreich verkauft. Der Durchbruch zum Kultbuch kam aber erst 20 Jahre später. Das andere Geschlecht kam in einer Zeit ohne feministische Bewegung heraus, erst in den späten 1960er Jahren war die Gesellschaft bereit zum Aufbruch, bis dahin hatte das Werk aber nicht an Aktualität eingebüβt. Zudem bezeichnen zeitgenössische Interpretationen Das andere Geschlecht sogar als Grund des Feminismus des späten 20. Jahrhunderts. 14
II.2. Alice Schwarzer
II.2.1. Biographie
Im Dezember 1942 in Wuppertal geboren, brachte Alice Schwarzers Umstand der Unehelichkeit rechtliche Konsequenzen: als Vormund musste ihr Groβvater eingesetzt werden. Da es auch er war, der sich hauptsächlich um ihre Erziehung und um den Haushalt kümmerte, während ihre Mutter als Handelsreisende arbeitete, baute sie zu ihm die engste Beziehung auf. Auf ihrer Internetseite schreibt sie, „mit einem sehr führsorglichen Groβvater und einer sehr politischen Groβmutter“ aufgewachsen zu sein. 15 In einem Fernsehinterview sagte Schwarzer, dass gerade der Umstand, dass der erste Mann, den sie in ihrem Leben geliebt habe, so ‚unmännlich‘ gewesen sei, ihr Verhältnis zu
11 Beauvoir: Das andere Geschlecht, S.10.
12 Ebd., S.15.
13 Schwarzer, Alice: Simone de Beauvoir heute. Gespräche aus zehn Jahren, Hamburg 1983, S.69.
14 Jo-Ann Pilardi: Feminists Read The Second Sex, in: Feminist Interpretations of Simone de Beauvoir, hg.v. Margaret A. Simons, Pennsylvania 1995, S.31.
15 http://www.aliceschwarzer.de/biografisches.html, 03.12.09, 10:41h MEZ.
7
Männern im Allgemeinen entspannt hätte. Nach der Mittleren Reife machte Schwarzer eine kaufmännische Ausbildung und war ein paar Jahre in diesem Beurf tätig. 16 Die verbreiteste Biographie über Alice Schwarzer von Bascha Mika (1999) lehnte sie selbst ab. Bascha Mika hatte von der Emma 1994 noch einen journalistischen Preis erhalten, war aber bei Schwarzer in Ungnade gefallen, unter anderem, weil sie ihr weniger sympathische Charakterzüge zugeschrieben hatte. 17
II.2.2. Paris - Zusammenarbeit mit Simone de Beauvoir
Alice Schwarzer kam 1963 nach Paris, als sie Anfang 20 war. Paris war zu dieser Zeit geprägt vom Existentialismus als politischer Weltanschauung. Vordenker dieser Bewegung war Jean-Paul Sartre (1905-1980). In den 1950er erreichte der Existentialimus Deutschland, Frankreich wurde zum Sehnsuchtsland der Linken und Intellektuellen stilisiert, Paris zum Sinnbild von Freiheit.
Nachdem Schwarzer drei Jahre lang in Paris das neue Lebensgefühl genossen und die Sprache gelernt hatte, ging sie zurück nach Deutschland und machte ein Volontariat bei den Düsseldorfer Nachrichten. 18
1970 ging sie zurück nach Paris um dort als freie Korrespondentin zu arbeiten. Sie begann, an der neu gegründeten Université Vincennes Soziologie und Psychologie zu studieren. Es wurden die ersten Frauengruppen gegründet, Alice Schwarzer war Mitgründerin der MLF (Mouvement pour la libération des femmes). Dort lernt sie auch die bekannte Aktivistin Monique Wittig (1935-2003), eine Mitbegründerin der MLF, kennen. Wittig nahm an verschiedenen Aufsehen erregenden Aktionen teil, wie der Ehrung der Frau des unbekannten Soldaten am Arc de Triomphe, die mit einer Verhaftung endete. 19
Die MLF zählte bald hunderte Mitglieder, die alle sehr aktiv waren. Sie demonstrierten gegen den Muttertag, erklärten sich solidarisch mit den streikenden Arbeiterinnen und schrieben Flugblätter für eine Gruppe von Verkäuferinnen, die ihr Kaufhaus besetzt hielten. In diesem wilden Aktionismus stand Schwarzer heraus: sie wurde als laut, charismatisch und willensstark beschrieben. Die MLF führte überdies Kampagnen gegen Pornographie, machte Gewalt gegen Frauen öffentlich, diskutierte über Lohn für Hausarbeit, und erklärte: „Das Private ist politisch!“. Als Symbol wählten sie nach amerikanischem Vorbild den ‚Spiegel der Venus‘, ergänzt durch eine geballte Faust in der
16 http://www.aliceschwarzer.de/biografisches.html, 03.12.09, 10:41h MEZ.
17 http://www.zeit.de/1998/15/schwarzer.txt.19980402.xml, 07.12.09, 2:06 MEZ.
18 http://www.aliceschwarzer.de/biografisches.html, 03.12.09, 10:41h MEZ.
19 Vgl. Schulz: Der lange Atem der Provokation, S.160.
8
Mitte. 1974 übernahm auch die deutsche Frauenbewegung dieses Symbol. 20
Als es zu den Aktionen der MLF gegen das Abtreibungsverbot kommt, arbeitete Simone de Beauvoir auf Anfrage der MLF spontan und erstmalig öffentlich an feministischen Aktionen mit. Im Kampf um die ersatzlose Streichung des Artikels 317 initierten die MLF die Selbstbezichtigungsaktion im Nouvel Observateur. Am 5. April 1971 bekennen darin in aller Öffentlichkeit 343 Französinnen „Wir haben abgetrieben und wir fordern das Recht auf freie Abtreibung für jede Frau!“. 21 Das gemeinschaftliche Bekenntnis zur Abtreibung war eine Solidaritätserklärung an die Frauen. Es war nicht relevant, ob jemand tatsächlich abgetrieben hatte, sondern, dass die Unterzeichnerinnnen ein Risiko auf sich nahmen um gegen ein Gesetz zu demonstrieren, das sich gegen die Bedürfnisse eines Volkes richtete. Zahlreiche prominente Französinnen, darunter auch Simone de Beauvoir, unterschrieben das „Manifest der Schlampen“. Beauvoir wird zur Ikone der Frauenbewegung. Es folgten zahlreiche Demonstrationen von Abtreibungsbefürwortern und deren Gegnern. 22 Später kam es zu einer ähnlichen Aktion, bei der sich Ärzte und medizinisches Personal der Komplizenschaft bekannten. Nach den öffentlichen Selbstanklagen gab es zu einige Razzien in Arztpraxen, in denen mutmaßlich Abtreibungen vorgenommen wurden, doch keine der Frauen wurde strafrechtlich verfolgt.
II.2.3. Der kleine Unterschied und seine groβen Folgen
Durch ihren Beruf als Journalistin und später auch als Herausgeberin, hatte Alice Schwarzer die notwendigen Verbindungen, um ihre Werke zu veröffentlichen. Dennoch wurde es ihr in der ersten Zeit schwer gemacht für ihre Bücher überhaupt einen Verleger zu finden. Der kleine Unterschied startete mit einer Erstauflage von 10.000 Exemplaren, hatte 1976 aber bereits 140.000 Exemplare verkauft. Bis heute wurde das Buch über eine Million Mal verkauft und in 13 Sprachen übersetzt.
Der kleine Unterschied kam in der stärksten Phase des feministischen Aktivismus heraus. Schwarzer hatte allerdings nicht erwartet, dass das Buch eine solch breite Öffentlichkeit erreichte und ausgiebig diskutiert wurde. Der damals extrem provokative Inhalt brachte ihre viel Kritik „von Kastrationsängsten heimgesuchten Männern“ ein. Die Anfeindungen, die sie erleben musste, sind heute kaum noch nachzuvollziehen und nahmen Ausmaße einer Hetzjagd an; oder einer Hexenjagd auf ‚Schwanz-ab-Schwarzer‘. 23
20 Schulz: Der lange Atem der Provokation, S.165.
21 Schwarzer, Alice: „Ich habe abgetrieben!“, in: Schwesternlust - Schwesterfrust. 20 Jahre Frauenbewegung, hg.v. Alice Schwarzer, Köln 1991, S.54.
22 Schwarzer: Der kleine Unterschied, S.298.
23 Ebd., S.298.
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Katharina Hoffmann, 2009, Feminismus in Theorie und Aktivismus, München, GRIN Verlag GmbH
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