Vorwort
Die vorliegende Arbeit hat ihren „Sitz im Leben“ eben im Leben des Autors selbst. Die Erfahrung von Gemeinschaft in der Diaspora, in Pfarrgemeinden der Kirche der DDR in den 60er bis 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, das intensive Gemeinschaftsleben in verschiedenen Fokolar-Wohngemeinschaften über ein viertel Jahrhundert hin und die theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema Gemeinschaft - auch und vielleicht in besonderer Weise angeregt durch Romano Guardini - waren der Hintergrund, diese Dissertation in Angriff zu nehmen. Ein Gedanke, eine Erfahrung sollte zum Ausdruck kommen. Dies in Worte und eine wissenschaftliche Form zu bringen erwies sich als keine geringe Aufgabe. Im Laufe der Zeit wurde mir mehr und mehr bewußt, wie sehr ein solches Unternehmen nicht allein zu bewältigen ist. So darf ich mich zunächst herzlich bei Frau Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz (Dresden) bedanken, die mir Romano Guardini nahe gebracht hat. Mit ihr ist in gemeinsamer Überlegung das Thema der Arbeit gefunden worden, und sie hat die Entstehung der Arbeit auch dann noch begleitet, als durch den Wechsel der Studienrichtung Herr Prof. Michael Gabel (Erfurt) mein Doktorvater wurde. Auch ihm sei an dieser Stelle für alle Mühe und behutsame Begleitung gedankt.
Danken möchte ich aber auch allen, die mir in den letzten Jahrzehnten Heimat und Geleit in der Fokolarbewegung gewährt haben, mit denen ich das erfahren durfte, was ich hier versucht habe in denkerischer Form niederzuschreiben. Viele haben mit Gebet und moralischer Unterstützung zum Gelingen des Vorhabens beigetragen, unter ihnen und stellvertretend möchte ich meine Eltern und Geschwister mit Familie erwähnen.
Korrektur zu einzelnen Teilen der Arbeit haben gelesen: Pfr. Gerhard Röhl, Dr. Markus Scheffer, Ingrid Ehrhardt, Albrecht Voigt, Herbert May (alle Dresden), Simon Kuchlbauer (Bamberg) und Dr. Matthias Müller (Erfurt). Ihnen allen danke ich auch für manch zweckdienlichen Hinweis.
Bei der Auswahl und Meisterung einer geeigneten Software (MiKT E X) zur Erstellung der Arbeit war mir Lic. theol. Philipp Förter (Erfurt) behilflich, dem ich an dieser Stelle ebenfalls danke.
Dresden, im März 2009 Andreas Martin M.A.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 11
I. Das Woher: Hintergründe 17
2. Historischer Hintergrund 19
3. Gemeinschaftserfahrung im Leben Romano Guardinis 25
3.1. Die Familie 25
3.2. Freundschaft 26
3.3. Kirche und Presbyterium 28
3.4. Die Benediktiner und die Liturgie 30
3.5. In der Jugendbewegung 30
3.6. Universität und Seminar 31
3.7. In Gemeinde und Seelsorge 35
Res ümee 37
II. Das Worin: Realisationen 39
4. Vom Geist der Liturgie 43
4.1. Gemeinschaft der Kirche in der Liturgie 44
4.2. Gemeinschaft - keine Summe von Individuen 45
4.3. Gemeinschaft als Lex orandi, Lex credendi, Lex vivendi 46
4.4. Gemeinschaft in „Dramatik“ und Dialog 47
4.5. Gemeinschaft lebt aus Natur und Kultur 48
4.6. Gemeinschaft verlangt Opfer und Leistung 48
4.7. Gemeinschaft und ihr Stil 49
4.8. Gemeinschaft im Symbol 50
4.9. Gemeinschaft - ein wahres Spiel 51
4.10. Gemeinschaft muß die „Machtfrage“ klären 52
4.11. Gemeinschaft als die Gegenwart des Logos 52
5. Kirche - Gemeinschaft par excellence 55
5.1. Kirche - Gemeinschaft nach dem Vorbild der Trinität 58
7
Inhaltsverzeichnis
5.2. „Christus in der Kirche ist die Wahrheit“ 60
5.3. Die Person - ein Gottesgedanke in Freiheit 62
5.4. Vielfältige Gemeinschaft in der einen Kirche 62
5.5. „Kirche zwischen Identität und Differenz“ 65
6. Vom Sinn der Gemeinschaft 67
6.1. In Richtung auf Gemeinschaft hin 68
6.1.1. Gemeinschaft ist frei gewählt, von Freundschaft getragen 69
6.1.2. Gemeinschaft ist ein Bund, vom gemeinsamen Ziel getragen 70
6.1.3. Gemeinschaft verlangt Treue zur selbst gewählten Ordnung 71
6.1.4. Gemeinschaft erweist sich an Haltungen der Einzelnen in ihr 72
6.1.5. Gemeinschaft erweist sich an Haltungen gegenüber dem Anderen 74
6.2. In Gegenrichtung auf Einsamkeit hin 75
6.3. Krisen im Leben von Gemeinschaft 77
6.3.1. Gemeinschaft im Sich-Verstehen 77
6.3.2. Gemeinschaft ist Anerkennen des Anderen 78
6.4. Das Ganze des menschlichen Daseins gewinnen 78
Res ümee 81
III. Das Wodurch: Gesetzmäßigkeiten 83
7. Gegensatz 85
7.1. Einordnung 86
7.2. Der Gegensatz 87
7.3. Das System 88
7.4. „Gemeinschaftsknüpfungen“ 89
7.5. Individuum und Gemeinschaft als Gegensatzbeziehung 90
7.6. Akt und Bau in einer Freundschaft 91
7.7. Fülle und Form in der Ehe 95
7.8. Einzelheit und Ganzheit in der Familie/Verwandtschaft 97
7.9. Produktion und Disposition im Arbeitsteam 99
7.10. Ursprünglichkeit und Regel in einer Glaubensgemeinschaft 102
7.11. Immanenz und Transzendenz in einer Gesellschaft/einem Staat 104
7.12. Ähnlichkeit und Besonderung in einem Staatenverbund/Europa 106
7.13. Zusammenhang und Gliederung in der Weltgemeinschaft 109
7.14. Die Kreuzung in der schulischen Erziehung 110
7.15. Gegensatzreihen und die Nachbarschaft 112
7.16. Maß im Eltern-Kind-Verhältnis 116
7.17. Der Rhythmus im Mannschaftsspiel 121
7.18. Die Offenheit des Systems 124
7.19. Verbindung von Individualsystemen, Gruppengefügen und höheren Einheiten 126
7.20. Zur Struktur der höheren Einheiten 128
8
Inhaltsverzeichnis
7.21. Das Leben als Träger des Gegensatzsystems 130
Res ümee 133
IV. Das Woraus: Quellen 135
8. Hingabe in Liebe und Treue 137
8.1. Das Reich des mitlaufenden Anfangs 138
8.2. Freiheit ist Selbstgehörigkeit 142
8.2.1. Individuum - Staat 144
8.2.2. „Wille zur Freiheit“ 146
8.2.3. „Sittliche Freiheit“ 148
8.2.4. Freiheit und das Heilige 149
8.3. Liebe ist die Gesinnung Gottes 150
8.3.1. Die christliche Liebe ist geoffenbart und hat ihr Maß in Jesus Christus 150
8.3.2. Demut und Liebe in der Politik - die notwendige Gesinnung 153
8.4. Sakramente wandeln das Sein 155
8.4.1. Jesus Christus und seine Kirche 156
8.4.2. Die Einzelsakramente und ihr Beitrag zur Gemeinschaft 156
8.4.3. Taufe - Gemeinschaft wird grundgelegt 157
8.4.4. Firmung - Gemeinschaft wird in Angriff genommen 158
8.4.5. Eucharistie - Gemeinschaft mit Christus und untereinander 160
8.4.6. Ehe - Gemeinschaft mit dem Herrn in ihrer Mitte 160
8.4.7. Priesterweihe - Gemeinschaft von Brüdern in der Hierarchie 161
8.4.8. Bußsakrament - Bekehrung und Neuanfang 163
8.4.9. Krankensalbung - Gemeinschaft gestärkt aus Leiden 164
8.5. Tugenden - Gestalten, wie der Mensch im Guten steht 165
8.5.1. Wahrhaftigkeit als Treue zur Wahrheit 166
8.5.2. Annahme in Geduld und absichtslose Treue 169
8.5.3. Askese und Verstehen 173
8.5.4. „Gerechtigkeit des Seins“ 177
8.5.5. Sammlung und Schweigen 179
8.6. Gott selbst ist Quelle von Gemeinschaft 182
8.7. Gebet geht an Ihn, „an den Dreieinigen“ 184
8.8. Gemeinschaft im Spiegel einer Freundschaft 190
9. Person und Gemeinschaft 203
9.1. Guardini und Gemeinschaftsvorstellungen seiner Zeit 203
9.2. Guardinis trinitarische Gemeinschaftsvorstellung 206
9.2.1. Ungetrennt und Unvermischt - zum Personbegriff Guardinis 210
9.2.2. Perichoresis 211
9.3. Gemeinschaft und ihre Grenzen 215
9.3.1. Gemeinschaft ist alles 216
9
Inhaltsverzeichnis
9.3.2. Der Einzelne ist alles 217
V. Das Wozu: Perspektiven 219
10. Die Fokolarbewegung im Vergleich 221
10.1. Über Romano Guardini hinaus? 221
10.2. Biographischer Bezug 222
10.3. Die Spiritualität Ch. Lubichs - ein Vergleich mit R. Guardini 226
10.3.1. Das Wortgeschehen 230
10.3.2. Mittlerschaft und Jesus in der Mitte 232
10.3.3. Hingabe als Quelle für Gemeinschaft, Jesus der Verlassene 236
10.3.4. Zukunftsmodell Gemeinschaft 238
10.3.5. Gemeinschaft - offen für alle 240
10.3.6. Gemeinschaft - immer und als erster bauen 241
10.3.7. Gemeinschaft - „allen alles werden“ 243
10.3.8. Gemeinschaft - „sich gegenseitig lieben“ 246
10.4. Perspektiven und Früchte gelebter Gemeinschaft 249
10.4.1. In Gott ist alles gemeinsam - die Gütergemeinschaft 250
10.4.2. Gottes Wesen spricht sich aus - das Apostolat 251
10.4.3. Gebet - Einheit mit Gott 253
10.4.4. Im dreifaltigen Gott ist der „mystische Leib“ gesund 254
10.4.5. In Gott sind Harmonie und Schönheit 256
10.4.6. Der dreifaltige Gott ist Sitz der Weisheit 259
10.4.7. Eine offene Trinität und Maria 262
11. Leitlinien gemeinschaftlichen Lebens 265
VI. Textanhang 269
12. Ausgewählte Texte 271
12.1. Bedeutung des Dogmas vom dreieinigen Gott (R. Guardini) 271
12.2. Ein Exkurs: Person (R. Guardini) 276
12.3. Auf alle Blumen schauen (Ch. Lubich) 278
Verzeichnisse I
10
1. Einleitung
Wurde in der sozialistischen Ideologie e i n e Gemeinschaftsform für alle als verbindlich erklärt, weil sie als die einzig wissenschaftlich fundierte anzusehen wäre, gab es nach der Wiedervereinigung im gemeinsamen Deutschland plötzlich einen schier unüberschaubaren Pluralismus an Gemeinschaftsvorstellungen und Modellen, die - gleich aus welcher theoretischen oder praktischen Schule sie stammten - eine „Gleichgültigkeit“ beanspruchten. Auch eine Institution wie die katholische Kirche, die sich über viele Jahrhunderte als geformte Gemeinschaft bewährt hatte und die so auch im Osten Deutschlands weithin von den Diasporachristen akzeptiert worden war, wurde nun in ihrer Bedeutung relativiert und wie fast alle Gemeinschaftsbildungen rein soziologisch beurteilt und in gewissem Sinne pragmatisch bewertet. Für Romano Guardini war es schon sehr früh zur Überzeugung geworden, daß menschliche Gemeinschaft letztlich nur einem Modell folgen sollte und einem Urbild verpflichtet war, das sich ihm schon auf den ersten Seiten der Bibel darbot: dem Menschen als Mann und Frau, den Menschen als Ebenbild/Abbild Gottes des Schöpfers 1 , der sich nach christlichem Verständnis als der Dreieine, als innergöttliche Communio offenbart hat 2 . Hier stellt Gott selbst das Modell auf, hier gibt die Offenbarung die „Meßlatte“ vor, an der sich menschliches Miteinander zu orientieren hat.
Auch die Kirche als die verbindliche Auslegerin der Offenbarung hat viele Jahrhunderte gebraucht, diese göttliche „Vorlage“ wirklich in ihrer Komplexität und ihrer doch ebenso lapidaren Grundstruktur richtig zu erkennen und ins Leben zu übersetzen. Vorstellungen vom „Reich Gottes“, von einem „Gottesstaat“, von der Konkurrenz geistlicher und weltlicher Macht standen in oft krassem und unvermittelbarem Widerspruch zum Haupt- und Doppelgebot der Liebe, zum Neuen Gebot oder zum Testament Jesu 3 , in dem die Gleichförmigkeit menschlichen Miteinanders mit der innergöttlichen Liebesgemeinschaft beschworen wird. Viele, auch denkerische Hürden waren durch die Jahrhunderte zu nehmen: die Ausformulierung des Trinitätsdogmas, die Herausbildung eines Personbegriffs, der auch die Relationen unter Personen als eine konstitutive Größe erkannte und anerkannte.
Im Zweiten Vatikanischen Konzil wird das Bild vom „Volk Gottes“ bestimmend und ergänzt die Vorstellung innerlicher Verbundenheit der Gläubigen als Glieder am „mystischen Leib Christi“ durch eine mehr auf gelebte Gemeinschaft hin orientierte Vorstellung von christlichem Leben. Aufbrüche in der Liturgie zu Beginn des 20. Jh.s und spirituelle Erneuerungsbewegun-
1 Vgl.Gen 1,26f.: „Dann sprach Gott: Laßt uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. [...] Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“
2 z. B. Gal 4,6: „Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater.“
3 Joh 17,21: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast.“
11
KAPITEL 1. EINLEITUNG
gen drängten und drängen in die gleiche Richtung. Romano Guardini steht für erstere, die Fokolarbewegung für letztere.
Guardini verkörpert Gemeinschaft in vieler Hinsicht: als Begegnung von Nationen (er - italienischer Abkunft - lebt und wirkt fast ausschließlich in Deutschland); als in benediktinischer, gemeinschaftlich geprägter Spiritualität Beheimateter; als Erneuerer der Liturgie, die eine Liturgie des ganzen Gottesvolkes sein soll; als Lehrer und Erzieher in der Jugendbewegung; als Denker des von Gegensätzen durchwirkten und bestimmten Konkret-Lebendigen, das immer auch durch gemeinschaftliche Lebensformen bestimmt ist; als Priester, Seelsorger, liebender Mitchrist, der die Quellen gemeinschaftlichen Lebens aufzuzeigen fähig ist. Guardini formuliert, daß die Trinität „Magna Charta“ jeglicher menschlicher Gemeinschaft sei und sein solle; er erfährt aber auch, daß Gemeinschaft zu den gefährdetsten Idealen menschlichen Miteinanders wird. Er muß sehen, wie Nationalsozialismus und - wenn auch aus sicherer Entfernung - Kommunismus Gemeinschaftsideale pervertieren und ad absurdum führen. Zum einen muß sich Guardini auf äußeren Druck hin zurückziehen, zum anderen zieht er sich wohl zurück, weil er für solch einen Kampf nicht geschaffen ist. Doch die Frucht solchen „Rückzugs“ ist eine aufbauende Kritik an Gemeinschaft, an ihrer Rolle dem Einzelnen, der Person gegenüber. Den einzelnen Menschen will er letztlich schützen und zur vollkommenen Begegnung mit dem führen, aus dessen schöpferischer Liebesgemeinschaft jeder und jede kommt.
In Chiara Lubich und der Fokolarbewegung begegnet uns eine moderne Spiritualität, die in wenigen Jahrzehnten zahlenmäßig große Verbreitung erfahren hat, aber auch in ihren Strukturen eine der Kirche insgesamt vergleichbare Breite entfaltete. Das Schlüsselwort ihrer Sendung lautet Einheit, Ausdruck von Gemeinschaft, die aus gegenseitiger Liebe und Hingabe entsteht und lebt. Vor allem Planen und Handeln geht es den Anhängern dieser Spiritualität um die Gegenwart dessen, der diese Einheit verwirklichen und fruchtbar machen kann: Gott soll in der Mitte seines Volkes wohnen (vgl. Ex 29,45f.) und Jesus, als der Mensch gewordene Gottessohn, als der auferstandene Christus, in ihrer Mitte sein (vgl. Mt 18,20). Bis in Formulierungen hinein finden sich bei Chiara Lubich, der Gründerin und langjährigen Präsidentin der Bewegung, Übereinstimmungen mit Einsichten Guardinis, die in dieser Spiritualität auch heute noch weitere Ausformungen und Umsetzungen in Kirche und Welt erfahren. Guardinis Einsichten zur Gefährdung des Einzelnen in einer überwölbenden, vereinnahmenden, gar auflösenden Gemeinschaft können als hilfreiche Korrektive angesehen werden, ist doch die Fokolarbewegung im Prozeß der Reflexion der eigenen Vollzüge noch in einer ersten Phase. Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, das trinitarische Gemeinschaftsmodell „salonfähig“ zu machen, als eine Einladung angenommen zu werden, die Mut macht, einem an sich unerreichbaren Ideal doch mit Zuversicht zu folgen in dem Bewußtsein, in dieser Nachfolge zu wachsen und neue, vertiefte Einsichten über das letztlich in Gott gründende Miteinander aller Menschen zu gewinnen. Romano Guardini kommt vor allem selbst zu Wort. Seine Sprache - ist sie auch die Sprache seiner Zeit - entwickelt eine eigentümliche Kraft, die ihr nicht genommen werden soll, und für die der Autor meist keine besseren Formulierungen finden konnte oder wollte.
Ausgehend von Guardinis Biographie wird gezeigt, wie Gemeinschaft immer schon der eigenen Existenz vorläufig und dem eigenen Personsein gleichursprünglich ist. Guardini hat
12
KAPITEL 1. EINLEITUNG
in seiner Schrift „Vom Geist der Liturgie“ in nuce geradezu eine Vision gemeinschaftlichen Lebens entwickelt, das im liturgischen Miteinander seinen Höhepunkt findet und feiert. Kirche ist das erste Ebenbild trinitarischen Lebens. Doch alles Konkret-Lebendige hat Bezug zur Gemeinschaft. Und jede Gemeinschaftsform ist Ausdruck konkreten Lebens in Gegensatzstruktur. Das Gegensatzdenken Guardinis erweist sich als adäquates Instrument, gemeinschaftliche Strukturen zu beschreiben und ihre Dynamik sichtbar, durchschaubar zu machen. Damit Leben in Gemeinschaft gelingen kann, gilt es diese „Mechanismen“ kennenzulernen. Sie bilden gleichsam das äußere Gerüst, zumindest eine wesentliche Strukturgesetzlichkeit jeglichen Miteinanders. Das Leben, die Verwirklichung von Gemeinschaft aber kommt, strömt aus Quellen, die ihre Energie in diese aufgewiesenen Strukturzusammenhänge einspeisen und darin fortströmen: Liebe zueinander, Hingabe in Treue, das Leben der Tugenden, die Entscheidung jeden Tag, ja jeden Augenblick neu miteinander zu beginnen, das Ziel gelebter Gemeinschaft anzustreben. Auf diesen beiden Säulen (der Gegensatzlehre und den Quellen, aus denen Gemeinschaft lebt) ruht Guardinis Gemeinschaftsverständnis. Hier bewährt es sich, hier findet es aber eben auch Grenzen, die wohl vor allem darin zu suchen sind, daß sich Guardinis Gedanken nicht „inkarniert“ haben in ganz konkreten Strukturen und „irdischen“ Modellen.
Jede göttliche Idee, so sagt es in abgewandelter Form Hans Urs von Balthasar, verlangt nach einer „Fleischwerdung“, muß in einer konkret menschlichen, kirchlichen, spirituellen Verwirklichung sichtbar gelebt werden, ja, sie wird durch ganz konkrete Menschen personifiziert. 4 Nur dann ist sie greifbares, abgreifbares Modell für andere, für viele. In diesem Sinn wird die Fokolarbewegung vorgestellt, weil sie sich als „Inkarnation“ eines göttlichen Wortes, eines Ideals versteht, das schon mit dem Begriff der Einheit beschrieben wurde und hinter dem das oben zitierte Wort aus dem Johannes-Evangelium steht: „Ut omnes unum sint“ (17,21) 5 .
4 So unterscheidet von Balthasar nach den neutestamentlichen Gestalten vier große kirchliche Profile: das marianische, petrinische, johanneische und paulinische. „Für uns aber wird dieser Einheitsgrund der Kirche doch nur an ihren Gliedern konkret, und da gewisse dieser Glieder archetypische Erfahrungen besitzen, die sie zur gemeinsamen Verwendung in den gemeinsamen Schatz der Communio Sanctorum übergeben, steht nichts im Wege, der Kirche selbst eine solche Erfahrung zuzuschreiben.“ In: BALTHASAR, HANS URS VON Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik. Band 1, Einsiedeln: Johannes, 3 1988, 337. Dazu: LEAHY, BREANDÁN The Marian Principle in the Church according to Hans Urs von Balthasar. Frankfurt am Main: Peter Lang, 1996, 98: „Von Balthasar reflects on the Gospel experience. On one hand, in building an ‚extrapolation‘ of the Trinity on earth pro-nobis, our Lord’s life could not be anything other than a recitation ‚on earth‘ of the life ‚as it is in heaven‘. This ‚trinitarian extrapolation‘ was evidenced in the life he led with others. Peter, James, John, the sisters of Bethany, Mary Magdalen all inter-related with Jesus and with on another in ways which are unique. [...] Their experiences have flown into the Church. Von Balthasar writes of a form of perichóresis of personal missions which has been universalised by the Holy Spirit so as to flow into the Church as archetypal principles, experiences, traditions, dimensions and profiles.“
5 So auch der Titel der Ökumene-Enzyklika von Johannes Paul II. aus dem Jahre 1995. Gleichzeitig war es auch der Wahlspruch des Mitbegründers der Fokolarbewegung, von Bischof Dr. Klaus Hemmerle (Aachen), der etwa zum bevorstehenden ersten gemeinsamen deutschen Katholikentag in Dresden schrieb: „Wenn ich nun in das 21. Kapitel des Buches der Offenbarung des Johannes hineinschaue, wo von diesem neuen Jerusalem die Rede ist, wird uns im 3. Vers gesagt, daß diese neue Stadt die Wohnung Gottes unter den Menschen ist, daß er unser Gott ist und daß wir sein Volk sind.
Sein Volk - das erinnert an Dresden 1989. In Dresden den ersten deutschen Katholikentag zu planen, an dem alle Deutschen unmittelbar teilnehmen können, rückt uns, sozusagen schier unausweichlich, den Gedanken des einen Volkes ins Herz und vor die Augen. Hier in Dresden [und in vielen Städten, A. M.] ertönte für
13
KAPITEL 1. EINLEITUNG
Auch ohne ein bewußtes Mitvollziehen und Gestalten kommt es weltweit zur „Ver - Einheitlichung“, die hier aber in Form der Globalisierung nivellierende Tendenzen aufweist und die Gemeinschaft wiederum unter den Macht- und Modellanspruch einer alles kontrollierenden wirtschaftlichen und damit auch politischen Herrschaft bringen will. Guardini wird nicht müde in seinen Schriften darauf hinzuweisen, daß beim Menschen nichts so „natürlich“ funktioniert wie etwa im instinktgeleiteten Tierreich. Gemeinschaft ist eher Kultur und damit der Sorge des Menschen anvertraut. Es gilt ihre Gesetzmäßigkeiten und Ressourcen aufzudecken und für menschliches Miteinander im Kleinen wie im Großen zu nutzen. Ohne ein gültiges Gemeinschaftsmodell wird dies nicht möglich sein, ohne ein Konzept, das der Logik, dem Logos Gottes als trinitarischer Gemeinschaft folgt, kann keine gültige Ethik abgeleitet werden, möge sie für das Verhältnis von Partnern in der Ehe gelten oder als Weltethos Geltung beanspruchen. So gesehen geht es auch hier um eine Weltanschauung, die aber in ihrer Weite Raum gibt für jeden Einzelnen, wie auch für vielfältige Formen gemeinschaftlichen Lebens, seien es private Verbindungen wie die Freundschaft, administrative Einrichtungen wie ein Stadtrat, kulturelle Vereine wie ein Heimatbund, wirtschaftliche Verbände wie ein Konzern, politische Größen wie Europa oder religiöse Gremien, wie sie der Ökumene unter Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und den Dialogen unter den Weltreligionen dienen. Romano Guardini ist bei Weitem nicht der einzige, dem in seiner Zeit Gemeinschaft aufging und wichtig wurde, wohl aber einer, der denkerisch ihre Bedeutung für das Überleben der Kirche und Menschheit erfaßte und durch seine konkrete Arbeit in der aufbrechenden Jugendbewegung auch entscheidende Schritte auf Gemeinschaft hin getan hat. Vielleicht ist es solchen neuen Aufbrüchen wie der Fokolarbewegung vergönnt, das Erbe Guardinis noch stärker im religiösen und weltlichen Leben umzusetzen und alle Kräfte zu bündeln, die hier einen echten, dem Menschen als ens sociale, weil imago Dei unius et trini, entsprechenden Entwurf sehen. 6
Diese Arbeit wird als Promotion im Fach Fundamentaltheologie eingereicht und steht damit auch unter dem Anspruch der Vermittlung zwischen Wissenschaft und Glaube, fides et ratio, die nach Guardini in ihrer Gegensätzlichkeit gerade deshalb zusammengehören, weil sie das Ganze der Wirklichkeit nur in ihrer Einheit erfassen. Das „fides quaerens intellectum“ des hl. Anselm ist ohne das „intellectus quaerens fidem“ nicht denk- und nicht lebbar. Guardini hat das in seinen Überlegungen zur Person, die in Gemeinschaft steht, immer neu thematisiert, im Licht des Glaubens und der Offenbarung betrachtet, mit dem Licht der Vernunft durchdacht.
KAPITEL 1. EINLEITUNG
Der Einzelne muß sein Leben bestehen, kann es aber nur in Gemeinschaft; der Einzelne wird als Einzelner vor Gott treten, geht aber ein in die Gemeinschaft seiner Heiligen.
Hinweise zur Gliederung
Teil I. der Arbeit beleuchtet das Woher, den historischen Hintergrund zu Beginn des 19. Jh.s und dabei besonders die Folgen des Ersten Weltkrieges. Ein neues Gemeinschaftsgefühl ist in der Gesellschaft spürbar, was auch im Leben der Kirche empfunden wird. Die Biographie Romano Guardinis liefert zahlreiche Hinweise, daß Gemeinschaft neu aufbricht und zeigt, wie er selbst sich zu Gemeinschaft stellt, von ihr geprägt wird und auf gemeischaftliches Leben Einfluß nimmt in Freundschaft, Erziehung und Lehre.
Teil II. der Arbeit erläutert, worin Guardinis Gemeinschaftvorstellungen bestehen und stellt drei maßgebliche Werke Guardinis vor, die schon Früchte gemeinschaftlichen Lebens und der Reflexion über die damit gegebenen Zusammenhänge darstellen. Sie geben in gewisser Weise Guardinis Denken und seinen Ansatz so wieder, wie er auch Jahrzehnte später noch in den Grundzügen urteilt und empfindet. Immer wieder aufgelegt können diese Werke den Leser in die Erlebnis- und Gedankenwelt Guardinis einführen und dienen so einer ersten Reflexion zur Thematik.
Teil III. widmet sich Guardinis Gegensatzlehre. In ihr sieht der Autor ein zweckmäßiges und objektives Instrument, wodurch - wie Guardini selbst es gewollt und nachgewiesen hat -Phänomene des Konkret-Lebendigen beschrieben und analysiert werden können. Dabei wird diese Art des Philosophierens an Phänomenen gemeinschaftlichen Lebens dargestellt und aufgezeigt, wie sie von Guardini selbst angeführt oder angedeutet wurden. In anderen Fällen hat der Autor eigene Beispiele dargestellt, um zum einen die Effizienz der Methodik Guardinis aufzuzeigen und zum anderen ein möglichst breites Spektrum von Gemeinschaftsformen auszuleuchten.
Teil IV. handelt von den Quellen, der Kraft, woraus Gemeinschaft letztlich lebt. Stellt Teil Drei die Methodik, das Instrumentarium zur Verfügung nachzuweisen, wie Gemeinschaft „funktioniert“, so will dieser Teil möglichst viele der Kraftquellen für gelingendes gemeinschaftliches Leben anführen. In ihnen zeigt sich der „Wille zur Gemeinschaft“ und wie er im konkreten Lebensvollzug verwirklicht wird und werden kann. Eine Würdigung von Guardinis Denken schließt diesen Teil der Arbeit ab.
Teil V. sucht das Wozu, die Perspektiven anzudeuten, die sich aus Guardinis Ansatz ergebn. Zahlreiche Momente und Elemente erweisen sich einer Fortführung und Überführung in gelebte Gemeinschaft dienlich und stehen in nachweisbarer Übereinstimmung mit den Aussagen des Zweiten Vatikanums, zu dessen Wegbereitern Guardini mit Sicherheit zu zählen ist. Es wird dazu ein Werk und eine geistliche Bewegung der neueren Kirchengeschichte vorgestellt, in welcher der Autor zahlreiche Übereinstimmungen mit und Anknüpfungspunkte zu Guardini zu erkennen glaubt. Guardinis Ansatz enthält aber auch ein kritisches Potential und lässt damit auch Ansätze und Entwicklungen in der Fokolarbewegung auf einem objektivierenden Hintergrund neu und anders verstehen. Die Fokolarbewegung hat in ihrer Geschichte und strukturellen Entfaltung vieles von dem in konkrete Lebensformen überführt, was Romano Guardini begonnen, gedacht und erhofft hat. Dabei wird nicht der Anspruch auf eine irgendwie geartete Nachfolgerschaft in Bezug auf Guardini behauptet, sondern die Kontinuität im Wirken
15
KAPITEL 1. EINLEITUNG
des Geistes Gottes in der Geschichte erkennbar. Gerade aus den Texten Guardinis wird deutlich, daß sich im 20. Jh. eine neue Sicht auf Kirche und Welt abzeichnet, die auf Einheit und Gemeinschaft zielt.
Ein Textanhang soll an zentralen Beispielen Stil und denkerische Tiefe von Romano Guardini und Chiara Lubich verdeutlichen. Es sind frühe Aufzeichnungen, in den beide sozusagen das gesamte Programm ihres Lebens und Denkens dargelegt haben. Das für den Titel der Arbeit gewählte Zitat ist entnommen: GUARDINI, ROMANO Auf dem Wege. Versuche. Mainz: Matthias Grünewald, 1923, 93 7 .
Hinweise zur Lektüre
Guardini hat eine an vielen Stellen eigenwillige Diktion und Rechtschreibung. Sie wurde in allen Zitaten beibehalten Eine Ausnahme bildet „Ue“, das zu „Ü“ normalisiert wurde. Des einheitlichen Schriftbildes wegen wurde der alten Rechtschreibung der Vorzug gegeben. Nicht eigens im Literaturverzeichnis erwähnt werden Standardwerke wie das LThK in der aktuellen Ausgabe, der KKK (Katechismus der Katholischen Kirche) und die Dokumente des Zweiten Vatikanums, die in den geläufigen Abkürzungen zitiert werden. Überall wurden die Angaben der Bibelstellen nach den Loccumer Richtlinien vereinheitlicht.
2. Historisch-soziologischer
Hintergrund zu Beginn des
20. Jahrhunderts
Der Erste Weltkrieg hatte Deutschland in eine schwere Krise gestürzt. Viele Ideale gerade auch die der Jugend waren in den Schützengräben vor Verdun mit begraben worden. Gleichzeitig
- und dies wiederholt sich wohl in vielen geschichtlichen Epochen - verspürt man einen hoffnungsvollen Aufbruch unter eben dieser vom Krieg ge- und enttäuschten Jugend 1 . Auch der deutsche Katholizismus gerät in eine neue Aufbruchsstimmung. 2
[So schreibt Thomas Nipperdey,] daß es der katholischen Kirche [...] gelungen war, sich einstweilen im Zeitalter der modernen Massen- und Industriegesellschaft zu behaupten: Mit dem ultramontan zugespitzten Traditionalismus der Klerus-und Ghettokirche und der Modernität des Vereinskatholizismus und mit intensiver Kirchenzugehörigkeit und einer Mischung von Status-quo-Bindung und latentem Aufbruchspotential trat sie ins 20. Jahrhundert, trat sie 1918 in die Republik ein. 3
Wesentliches Merkmal dieses neuen Aufbruchs war sicher ein neues Gespür für Gemeinschaft. 4 Die erzwungene und doch auch tragende Kameradschaft der Schützengräben lebte in den Kriegsteilnehmern weiter, der Wunsch nach einer neuen Ordnung im zerbrochenen Europa wird wach:
[Geradezu prophetisch verkündet Max Scheler 1921, daß] die Vertreter des Christentums mit den hervorragenden Vertretern anderer Weltanschauungen sich einig wissen. Wir fühlen nämlich alle, daß wir am Beginne eines historischen Weltalters
1 BRÜSKE, GUNDA Anruf der Freiheit. Anthropologie bei Romano Guardini. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 1998, 65: „Die Erlebnisse im Krieg hatten den Soldaten ein bisher ungekanntes Erlebnis von Gemeinschaft vermittelt, die Kameradschaft als ‚Schützengrabengemeinschaft‘, also eine Gleicheit und Einheit gerade angesichts großer äußerer Bedrohung.“
2 KNOLL, ALFONS Glaube und Kultur bei Romano Guardini. Paderborn; München; Wien; Zürich: Ferdinand Schöningh, 1994, 29, Fn. 3: Knoll macht auf zwei Werke aufmerksam, die - beide 1924 erschienen - dieser gegenläufigen Tendenz in Nachkriegsdeutschland Ausdruck verleihen: Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“, welcher das Sterben einer dekadenten bürgerlichen Klasse thematisiert, und Gertrud von le Forts „Hymnen an die Kirche“, die Guardinis Ausruf vom Erwachen eben dieser Kirche in den Seelen unterstreichen.
3 NIPPERDEY, THOMAS Deutsche Geschichte 1866-1918. München, 1994, 468
4 Wesentliches zu dieser Thematik in: Gerl-Falkovitz, Hanna-Barbara, „Edith Steins wenig bekannte Seite: Sozialphilosophie aus dem Geist der Phänomenologie“, in: BECKMANN-ZÖLLER, BEATE/GERL-FALKOVITZ, HANNA-BARBARA (Hrsg.) Die unbekannte Edith Stein: Phänomenologie und Sozialphilosophie. Frankfurt a. M., 2006, 25-40
19
KAPITEL 2. HISTORISCHER HINTERGRUND
Eine Vielzahl von Erneuerungsbewegungen kennzeichnen den „katholischen Frühling“ jener Jahre und betonen Gemeinschaft, besonders auch die der Kirche als des corpus mysticum. Neben den oben erwähnten Vereinen sind es vor allem die Aufbrüche in der Jugendbewegung, die durch Krieg und Nachkrieg sich neu beleben und neu gründen:
Der Weltkrieg raffte ein Fünftel dieser Jugend auf den Schlachtfeldern dahin, „aber die ausgesprochenen Wünsche und neugefundenen Lebensformen büßten ihre Wirksamkeit nicht ein.“ 7 Max Scheler, der die positiven wie auch bedenklichen Aspekte der deutschen Jugendbewegung scharfsinnig analysiert, kommt am Beginn der 20er Jahren im Ganzen zu einer zuversichtlichen Einschätzung der Lage:
KAPITEL 2. HISTORISCHER HINTERGRUND
Speziell auf die Rolle der Religion bezogen schätzt Scheler ein:
Die bloßen Formeln der Religion sollen wieder mit anschaulich-lebendigem Gehalt erfüllt werden, und die Religion soll als wahrhaft führende Lebensmacht von allen Abhängigkeiten, Dienstschaften, Legierungen an überlebte Kultur- und Gesellschaftsformen, vor allem an politische und ökonomische Interessengruppen freigesetzt, ihre gemeinschaftsbildenden und echtes Solidaritätsbewußtsein entbindenden Kräfte aber neu entfaltet werden. 9
Wie stark die Frage nach Gemeinschaft die Zeit bestimmte, beweisen neben Max Scheler viele Denker jener Zeit, die von verschiedenen Erfahrungshorizonten herkommend für eine Aufwertung des Gemeinschaftsgedankens plädieren und seine zunehmende Realisierung konstatieren. Da ist S. L. Frank (1877-1950), ein zum Christentum konvertierter jüdischer Philosoph aus Rußland, der mit anderen Intellektuellen 1922 aus der Sowjetunion ausgewiesen wurde. Er kommt aus der Tradition der All-Einheitsphilosophie eines W. S. Solowjów und der zerstörerischen Erfahrung einer pervertierten Gemeinschaftsideologie des Marxismus-Leninismus. Er legt seiner Lehre von der Gesellschaft eine Wir-Philosophie zugrunde, die dem Ich und dem Wir eine Gleichursprünglichkeit zuspricht: „Der Mensch lebe nicht deshalb in der Gesellschaft, weil ‚viele‘ einzelne Menschen sich vereinten, sondern weil der Mensch von seinem Wesen her nur als Glied einer Gesellschaft denkbar sei.“ 10 Der Gedanke M. Bubers vom Ich, das erst am Du sich bildet 11 , wird in dieser Wir-Philosophie ausgearbeitet und zum Gegensatzpaar Ich-Wir aufgespannt:
Wir behaupten nur, daß das Wir nicht mehr und nicht weniger, sondern ebenso primär ist wie das Ich. [...] Es ist eine ebenso unmittelbare und unzerlegbare Einheit wie das Ich. In der Korrelation zwischen dem Ich und dem Du erschöpft sich das hier betrachtete Verhältnis nicht; es findet ebenso in der Korrelation des Ich und des Wir Ausdruck. [...] Das Ich ist anders denn als Glied des Wir undenkbar, ebenso wie das Wir nur als Einheit des Ich und Du denkbar ist. 12
Franks Ansatz erlaubt damit auch eine philosophische Wesenbegründung von Gemeinschaft und Gesellschaft, in der Gesellschaft nicht in Gegensatz zu Gemeinschaft gesetzt werden muß (Tönnies 13 ), sondern aus ihr erklärt werden kann und auf sie bezogen bleibt. Edith Stein, zum Christentum konvertierte Jüdin und Phänomenologin aus der Husserlschule, betont ebenfalls den engen Zusammenhang zwischen Individuum und Gemeinschaft: „Wenn und soweit Gemeinsamkeit des Lebens erzielt sei, handle nicht mehr der Einzelne, sondern die Gemeinschaft in ihm und durch ihn. [...] Die Gemeinschaft verfüge wie das Individuum über Lebenskraft.“ 14 Stein verlagert den Akzent stärker auf das Individuum:
9 Ebd. 395
10 Wolfgang Rieß: „Die sozialphilosophische Letztbegründung von Individuum und Gesellschaft bei Simon L. Frank und Edith Stein“, in: SOZIALPHILOSOPHIE, 149
11 BUBER, MARTIN Ich und Du. Stuttgart: Reclam, 1999, 12: „Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“
12 FRANK, SIMON LUDWIGOWITSCH Die geistigen Grundlagen der Gesellschaft. Einführung in die Sozialphilosophie. Freiburg/München: Alber, 2002, 137
13 TÖNNIES, FERDINAND Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 3 1991, 1. Aufl. 1887(!)
14 SOZIALPHILOSOPHIE, 152
21
KAPITEL 2. HISTORISCHER HINTERGRUND
Helmut Plessner konstatiert in „Grenzen der Gemeinschaft“ (1924): „Unnötig an dieser Stelle auf die Faktoren einzugehen, welche die vorwärtsdrängenden Kräfte der Jugend ausschließlich mit dem Gemeinschaftsgedanken sympathisieren lassen [... und diesen so] über die gesellschaftliche Lebensordnung triumphieren lassen will.“ 16 Plessner weist, ebenso wie Theodor Litt schon 1919 17 , im Gefolge von Tönnies auf den Unterschied von Gemeinschaft und Gesellschaft hin, unterstreicht aber gerade darin auch das starke Interesse an Gemeinschaft. Unabhängig davon, ob Gemeinschaft auf allen Ebenen personalen Zusammenlebens als tragendes Prinzip angesehen wird, oder ob gemeinschaftliche Erscheinungsformen wie Gesellschaft und Staat unter anderen Prämissen einem davon losgelösten „Überbau“ zugeordnet werden, der Mensch wird in seiner sozialen Dimension sehr ernst genommen und die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gemeinschaft als konstitutiv betrachtet. Von den Gemeinschaftskonzeptionen, die im Begriffsumfeld Romano Guardinis stehen, mögen noch die folgenden erwähnt werden: Gerda Walther (1897-1977), ebenfalls eine Husserlschülerin, nimmt eine sehr gründliche Analyse gemeinschaftlichen Dasein vor. Sie stellt dabei fest: „Der oberste, eigentlichste und wichtigste Einsatzpunkt für die Realität der Gemeinschaften[!] ist zweifellos das soziale Selbst [...] der Mitglieder.“ 18 Jedoch: „Ein eigenes Willens- und Selbstmacht-Ichzentrum hat die Gemeinschaft allerdings nicht, hier ist Walther mit Stein d’accord, sondern jede Gemeinschaft ist auf das Sein der Einzelpersonen angewiesen.“ 19 Walther sieht eine Gefährdung darin, „wenn das Subjekt nicht mehr aus sich selbst und nicht mehr als es selbst lebt, sondern nur noch als ‚Vertreter‘ der Gemeinschaft, in ihrem Namen.“ 20 Diesen letzten Punkt arbeitet auch der Philosoph Dietrich von Hildebrand (1889-1977) heraus, weil er ihn als eine der Ursachen für die Entwicklung des Nationalsozialismus erkennt. In seiner „Methaphysik der Gemeinschaft“ (1930) betont er den Eigenstand des Individuums:
KAPITEL 2. HISTORISCHER HINTERGRUND
Aus diesen knappen Belegen von Autoren aus der Zeit und dem Umfeld Romano Guardinis erhellt, daß Gemeinschaft ein zentrales Thema der Epoche war und sozusagen „in der Luft lag“. Was Guardinis Herangehen von dem der meisten anderen Theoretiker unterschied, war sein konkretes Engagement in der Jugendbewegung und als Jugendseelsorger seines Bistums. Dadurch war er im Stande, Theorie und Praxis in engen Bezug zu setzen, und er sah dies als wichtige, auch die Erkenntnis fördernde Bedingung an. Guardinis Biographie läßt an vielen Stellen erkennen, wie stark Impulse ihn prägten, die aus Gemeinschaftserfahrungen kamen. 22
22 Dies erhält eine indirekte Bestätigung durch RATZINGER, JOSEPH Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927-1977). München: Wilhelm Heyne, 2000, 159: „Der Gedanke daran, daß Romano Guardini seine große Wirksamkeit in den zwanziger und dreißiger Jahren niemals von der Universität allein hätte entfalten können, sondern daß er durch die freie Gemeinschaft junger Menschen auf der Burg Rothenfels ein geistiges Zentrum geschaffen hatte, das dann auch sein universitäres Wirken aus dem bloß Akademischen heraushob, ging mir nach. Etwas Ähnliches mußte versucht werden, wenn auch gemäß der veränderten geistesgeschichtlichen Situation in sehr viel bescheidenerer Form.“ Indirekt bestätigt Ratzinger hier auch, daß es vielleicht für Guardini selbst nach dem Krieg in der neuen „veränderten geistesgeschichtlichen Situation“ nicht ohne weiteres den Faden zu Gemeinschaftsformen wie der Jugendbewegung aufnehmen konnte.
23
3. Gemeinschaftserfahrung im Leben
Romano Guardinis
Auch das Leben Romano Guardinis ist von Gegensätzen gekennzeichnet, die immer neu auf konkret-lebendige Vermittlung angewiesen waren. Dabei zeichnen sich auch die Konturen eines wachsenden Gemeinschaftssinns und -verständnisses entlang des eigenen Lebensweges deutlich ab. Herkunft, Kindheit, Jugend, Studium, Tätigsein in Lehre und Praxis, ja, zuletzt Alter und Beschluß des Lebens werfen ihr je eigenes Licht auf das, was Guardini unter Gemeinschaft versteht, was ihn darin verortet und was er anderen an Weisung vermittelt, um diesen tragenden Grund des Lebens zu sehen und immer neu zu legen.
Aus der Biographie Guardinis sollen Aspekte und Bereiche aufgezeigt werden, an denen deutlich wird, wo und wie stark Gemeinschaft im Leben eines Menschen wirksam wird. Gibt es doch nicht den abstrakten Menschen, sondern im lebendigen, konkreten Einzelnen begegnen uns die - dann auch für alle - gültigen Phänomene.
3.1. Die Familie
Als alter Mann berichtet Romano Guardini von einem Traum, dem er das Folgende entnahm:
Wenn der Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben, ... nicht nur eine Veranlagung, sondern ein Wort. Das wird hineingesprochen in sein Wesen, und es ist wie das Paßwort zu allem, was dann geschieht. Es ist Kraft und Schwäche zugleich. Es ist Auftrag und Verheißung. Es ist Schutz und Gefährdung. Alles, was dann im Gang der Jahre geschieht, ist Auswirkung dieses Wortes, ist Erläuterung und Erfüllung. Und es kommt alles darauf an, daß der, dem es zugesprochen wird, - jeder Mensch, denn jedem wird eins zugesprochen - es versteht und mit ihm ins Einvernehmen kommt. Und vielleicht wird dieses Wort die Unterlage sein zu dem, was der Richter einmal zu ihm sprechen wird. 1
Welches Wort ihm zugesprochen wurde, verrät uns Guardini nicht. 2 Vielleicht sucht er selbst noch danach, und doch scheint es schon in seiner Kindheit aufzuleuchten: „Über Verona führt
1 GUARDINI, ROMANO Berichte aus meinem Leben. Düsseldorf: Patmos, 1984, 20.
2 GUARDINI, ROMANO Vorschule des Betens. Einsiedeln: Benziger, 4 1954, 251f. Hier findet sich eine Parallele zu Guardinis Traum, das persönliche Angesprochensein jedes Menschen durch Gott: „Die Menschen stehen vor Gott nicht im Dutzend, sondern jeder ist für Ihn so da, als ob er der einzige wäre. Seinen letzten Ausdruck findet das Verhälnis in dem wunderbaren Wort der Apokalypse: ‚Dem Sieger will Ich geben vom verborgenen Manna, und will ihm geben einen weißen Stein, und darauf geschrieben einen neuen Namen, der niemandem kund ist als dem allein, der ihn empfängt.‘ (Offb 2,17)“
25
KAPITEL 3. GEMEINSCHAFTSERFAHRUNG IM LEBEN ROMANO GUARDINIS
die alte Straße vom Norden nach Italien herein, und Straßen sind Bahnen des Lebens, auf denen man hergehen kann, aber auch hin.“ 3 Guardini sieht in der Tatsache seiner Geburt in Verona, dem altdeutschen (Wälsch-)Bern, aus dem der Sagenheld Dietrich stammte, sowie in seinem Familiennamen, der auf das deutsche Wort „Wardein“= Wächter, Hüter 4 ) gewisse Vorzeichen 5 für sein Leben. So, wie offensichtlich deutsche Vorfahren seiner Familie nach Italien gekommen waren, kam er nun 1886 - gerade ein Jahr alt - nach Deutschland zurück, und zwar nach Mainz, wo der Vater als Kaufmann und später politischer Vertreter Italiens tätig war.
Familie ist sicher die Gemeinschaftsform par excellence. Guardini hat in seiner natürlichen Familie Geborgenheit erfahren, auch Gemeinschaft mit seinen drei jüngeren Brüdern, die jedoch seine einzigen Spielkameraden blieben, da die Eltern in ihrer Liebe und Fürsorge ein sehr geschlossenes, ja abgeschlossene Familienidyll aus ihrer Heimat und aus einer vergangenen Zeit mitbrachten. 6 So bleibt Guardini die eigene Kindheit in seiner Familie doch stets mit einem gewissen faden Beigeschmack in Erinnerung: „In meiner Kindheit und Jugend muß ich eine Art Traumleben geführt haben, aus dem mir nur sehr wenig in Erinnerung geblieben ist. [...] Das Gefühl der glücklichen Kindheit und den Wunsch, in sie zurückzukehren, habe ich nie gehabt.“ 7
3.2. Freundschaft
Vielleicht als ein Ausgleichen, vielleicht als ein Angleichen in Bezug auf sein verborgenes Lebenswort (s. o.) wird Romano Guardini Freundschaft zu einem Schlüssel für sein Leben und darin die Entdeckung von Gemeinschaft:
KAPITEL 3. GEMEINSCHAFTSERFAHRUNG IM LEBEN ROMANO GUARDINIS
Gottes lebendiges Reich. Nun sieh, das ist eine herrliche Sendung: Wir sollen dem Gott der Wahrheit Wohnung schaffen in der Menschenwelt. 8
So formuliert Guardini in seinen berühmt gewordenen Briefen über Selbstbildung, in denen er jungen Menschen Maßstäbe setzt für sich selbst und Ratschläge gibt für ein gelingendes Leben in Gemeinschaft mit Gott, sowie untereinander.
Wer sind seine persönlichen Freunde, welche Freundschaften begleiten ihn durch das Leben? Da ist zunächst Karl Neundörfer (1885-1926), der als Altersgenosse mit Guardini das gleiche Mainzer Gymnasium besuchte. Neundörfer war „zum alter ego Guardinis geworden [...], oder genauer gesagt, zu dem ihn ergänzenden Pol, der die in Guardinis Anlage vorhandenen Einseitigkeiten hilfreich zur Gänze rundete“ 9 . Dieser Freund studierte zunächst Rechtswissenschaften und promovierte in diesem Fach, entschloß sich aber dann wie Guardini zum Theologiestudium. Am 28. Mai 1910 wurden sie gemeinsam im Mainzer Dom zu Priestern geweiht. In Zusammenarbeit mit Neundörfer hat Guardini seine Gegensatzlehre entwickelt, eine philosophische, erkenntnistheoretische Methode, die ihren „Sitz im Leben“ eingestandenermaßen 10 in der von Gegenpoligkeit geprägten Freundschaft der beiden hatte 11 . Ein weiterer langjähriger Freund ist Josef Weiger (1883-1966). Sechzig Jahre darf diese Freundschaft währen; zwei Jahre (1943-45) wohnt Guardini nach seiner Flucht aus Berlin sogar bei Weiger im Pfarrhaus von Mooshausen. 12 Im Unterschied zu Neundörfer gleichen sich die Naturen der Freunde sehr. Beide sind sie empfindsam und von großer seelischer Tiefe, beide aber leiden auch an der Schwermut, die sie von Zeit zu Zeit überfällt und niederdrückt. Weiger war im Noviziat der Benediktiner von Beuron, konnte aber aus gesundheitlichen Gründen nicht Mönch werden. Auch eine ständige Anfälligkeit für Krankheiten war beiden eigen. In einem Brief schreibt Guardini: „Vieles, von dem, was Du mir sagtest, könnte ich Dir zurückgeben. Du hast ja alles so reich, was mir fehlt. Ich kann Dir nicht sagen, wie arm ich mir neben Dir vorkomme, mit all meinem Begriffskram und der taschenspielerhaften Leichtigkeit des Denkens und Lebens. Findest Du das für so gut, daß man so rasch die Lösung von allem hat, und mit allem so bald fertig ist?“ 13 Weiger aber anerkennt Guardini als den größeren: „Gott hat Dir, wie dem Apostel, eine Türe aufgetan, wie keinem anderen Theologen. Ohne die Liebe zur theoretischen Wahrheit auch nur eine Sekunde preizugeben, öffnet deine kundige Hand leise den Zugang zur Christuswirklichkeit Tausenden.“ 14 Weiger, der selbst - und oft auf Drängen
8
GUARDINI, ROMANO Briefe über Selbstbildung. Mainz: Matthias Grünewald, 1930, 14f.
9 GERL, 70.
10 GUARDINI, ROMANO Der Gegensatz. Versuche zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten. Mainz: Der Werkkreis bei Matthias Grünewald, 3 1985, 10. Als „Der Gegensatz“ 1925 erscheint, schreibt Guardini im Vorwort: „Das Buch ist Karl Neundörfer zu eigen gegeben. Ginge es nach voller Gerechtigkeit, so müßte sein Name mit unter dem Titel stehen. Er weiß, wie diese Gedanken entstanden sind. Sie gehören auch ihm, und nicht nur dadurch, daß so mancher aus ihnen, und so manches an allen von ihm stammt.“ Im August des nächsten Jahres verunglückt Neundörfer tödlich in den Bergen.
11 Vgl. 7
12 In Mooshausen war Weiger über vierzig Jahre lang Pfarrer und hier ist er auch auf dem Kirchhof begraben. Heute beherbergt das Pfarrhaus eine Gedenk- und Begegnungstätte des „Freundeskreis Mooshausen e. V.“, der sich für den Erhalt der Räumlichkeiten einsetzt und durch zahlreiche Veranstaltungen das Gedenken an die berühmten Bewohner wahrt.
13 GUARDINI Weiger, 68 (Mainz, 25.06.1912).
14 WEIGER, JOSEF Briefe an Romano Guardini. München: Staatsbibliothek, Ana 342, 6.9.1958
27
KAPITEL 3. GEMEINSCHAFTSERFAHRUNG IM LEBEN ROMANO GUARDINIS
von Guardini - zahlreiche geistliche Schriften verfaßt und ein großes bibeltheologisches und patristisches Wissen besitzt, wird später Ehrendoktor der Theologie. Was Guardini seine leiblichen Eltern und sein Elternhaus nicht geben konnten, erhielt er in hohem Maße vom Ehepaar Wilhelm und Josefine Schleußner . Über zehn Jahre von 1903 bis zum Tod von Josefine Schleußner besuchten Guardini, sein Freund Karl Neundörfer und andere junge Leute einen wöchentlichen 5-Uhr-Tee im Hause dieser humanistisch gebildeten und zutiefst religiösen Eheleute. Besonders zu Josefine Schleußner (1861-1913) entwickelte Romano Guardini ein inniges Vertrauensverhältnis: „Sie war liebenswürdig und lebendig, und man freute sich, bei ihr sein zu dürfen. [... Hinzu kam,] daß sie nicht nur ein intensives religiöses Leben führte, sondern wahrscheinlich wirklich mystische Erfahrung hatte. In ihrer Nähe fühlte man etwas Ungewöhnliches, aber in der Form einer Güte und Zurückhaltung, die nie verwirrte oder bedrückte, sondern immer half. [... Es war am schönsten,] wenn ich sie allein traf, und ihr erzählen konnte, was ich auf dem Herzen hatte.“ 15 Wilhelm Schleußner, der nach dem Tod seiner Frau Priester wurde, und Josefine Schleußner waren „so etwas wie geistige Eltern“ 16 für Guardini.
Viele andere Freunde wären noch zu erwähnen, Guardini war ein Mensch der Freundschaft, doch mögen die erwähnten als Beispiele genügen.
3.3. Kirche und Presbyterium
Dem großen Satz Guardinis vom Erwachen der Kirche in den Seelen 17 geht die eigene Erfahrung voraus und begleitet ihn. Das Verhältnis von Einzelnem und Gemeinschaft wird zur entscheidenden Frage: „Der Einzelne lebte für sich. ‚Ich und mein Schöpfer‘ war für Viele die ausschließliche Formel. Die Gemeinschaft war nichts Ursprüngliches, sondern stand erst in der zweiten Linie.“ 18
Guardini erfährt schon als Kind, wie Religion, wie Kirchlichkeit in eine private Sphäre eingeschlossen wird. Man geht zur Kirche, man betet, aber man spricht nicht vom eigenen Glauben, macht die Gemeinschaft der Glaubenden nicht nach außen sichtbar und erlebbar. 19 Im Rückblick muß Guardini auch sein eigenes religöses Leben als junger Mensch kritisch einschätzen: „Ich war immer ängstlich und lange Jahre hindurch sehr skrupulös. Das ist für
KAPITEL 3. GEMEINSCHAFTSERFAHRUNG IM LEBEN ROMANO GUARDINIS
einen jungen Menschen im Grunde schlimmer als Leichtsinn; denn Leichtsinn ist wenigstens Leben, die Selbstquälerei des ängstlichen Gewissens aber zerstört. Helfen kann hier eigentlich nur ein anderer, der sieht, worum es geht; einen solchen traf ich aber nicht.“ 20 Wohl gab es Karl Neundörfer, mit dem ein reger Austausch auch über Glaubensdinge bestand. Aber auch dieser kam durch die Lektüre Kants in eine Glaubenskrise, aus der aber beidebegleitet vom eigenen Gebet und dem der Schleußners - eines Tages herausfanden. Es handelt sich um eine Schlüsselerfahrung im Leben Guardinis. Es ist im Jahr 1905 oder kurz danach. Neundörfer und Guardini treffen sich in Guardinis „Dachkämmerchen“ im elterlichen Haus. Nach einem längeren Gespräch ziehen sich beide zurück und gehen dem Gedanken nach, der sich auf Mt 10,39 bezieht: wer sich selbst, Gott und die Wahrheit gewinnen will, der muss sich weggeben, die „Seele verlieren“. Guardini geht diesem Gedanken nach:
Meine Seele hergeben - aber an wen? Wer ist im Stande, sie mir abzufordern? So abzufordern, daß darin nicht doch wieder ich es bin, der sie in die Hand nimmt? Nicht einfachhin „Gott“, denn wenn der Mensch es nur mit Gott zu tun haben will, dann sagt er „Gott“ und meint sich selbst. Es muß also eine objektive Instanz sein, die meine Antwort aus jeglichem Schlupfwinkel der Selbstbehauptung herausziehen kann. Das aber ist nur eine einzige: die katholische Kirche in ihrer Autorität und Präzision. Die Frage des Behaltens oder Hergebens der Seele entscheidet sich letztlich nicht vor Gott, sondern vor der Kirche. 21
Eine Gemeinschaft also ist es, die das eigene Ich vor Egoismus und „Selbstbehauptung“ bewahrt. Diese Gemeinschaft kann sogar „Gott“ geben, weil sie eine „objektive Instanz“ ist, weil sie „Autorität“ hat, „von oben“ legitimiert ist; weil sie „Präzision“ besitzt, das wegräumt („vorn abschneidet“), was der Wahrheitserkenntnis im Weg steht. Beide Freunde, Guardini und Neundörfer, gehören zu dieser Gemeinschaft, bilden selbst eine ihrer Zellen. Doch verlangt diese Erkenntnis einen Schritt, der ein Schritt von sich weg in die Glaubensgemeinschaft hinein ist: „Ich kann meine Seele hergeben, oder sie behalten.“ 22 Das Geschenk dieser Stunde ist, daß auch Karl Neundörfer für sich den gleichen Schritt geht:
In ihm selbst aber muß etwas Ähnliches vor sich gegangen sein. Bei ihm hatte das führende Wort schon lange gelautet: „Die größte Chance der Wahrheit ist dort, wo die größte Möglichkeit der Liebe ist.“ Darin hatte sich bei ihm schon lange eine Überwindung seiner klaren, gerechten, aber auch sehr selbstsicheren und selbstbewußten Natur vorbereitet. Er hatte erkannt, daß ihm die Welt der Liebe fehle, und die Fülle der Existenz daran hänge, sie zu gewinnen. So war für ihn die Frage gewesen, wo der Weg zur Liebe führe, und die Antwort hatte auch für ihn gelautet: durch die Kirche. 23
Ein gegenläufiges Geschehen spielt sich hier zwischen den Freunden ab. Guardini erkennt in der Kirche mehr deren „Funktion“, eine Denkbewegung, die sonst eher zu Neundörfer paßt.
20 GUARDINI Berichte, 61
21 GUARDINI Berichte, 72
22 Ebd.
23 Ebd.
29
KAPITEL 3. GEMEINSCHAFTSERFAHRUNG IM LEBEN ROMANO GUARDINIS
Neundörfer entdeckt in der Kirche die „Quelle“, eben die Liebe, etwas, das sonst eher Guardini (und Weiger) verkörpern. Die wesentlichen Elemente für gemeinschaftliches Leben sind in dieser kleine Episode gegeben: Die Entdeckung, wie Gemeinschaft „funktioniert“, das Wissen um ihre Quellen und der Wille, diese Gemeinschaft aufzubauen.
3.4. Die Benediktiner und die Liturgie
Es war der Freund Josef Weiger, welcher Guardini in den Geist und die Spiritualität der Benediktinerabtei Beuron unweit von Tübingen einführte. Weiger hatte dort ein Noviziat als Frater Martin begonnen, dann aber abgebrochen (s. o.). Nun machte er Guardini mit dem Bibliothekar, Pater Anselm Manser, einem Freund Heideggers, bekannt. Pater Anselm machte ihn auch auf Max Scheler aufmerksam. Pater Odilo Wolff sprach mit den jungen Theologen über Plato und dessen Lehre von der lebendigen Gestalt. Des weiteren gab es dort den „Seelenkenner“ Pater Placidus Pflumm, der als geistlicher Berater einen wohltuenden Einfluß auf Guardini ausübte. Der bekannteste Name ist der von Abt Ildefons Herwegen, der in Guardini den Geist für die Liturgie entzündete und ihn zu dem späteren, überaus geschätzten kleinen Buch „Vom Geist der Liturgie“ 24 anregte und zu dem Herwegen dann auch das Vorwort verfaßte. In einem eigenen Kapitel („Liturgische Gemeinschaft“) formuliert Guardini schon wesentliche Grundsätze seines Gemeinschaftsverständnisses überhaupt, wobei ihm die Liturgie geradezu Modellcharakter zu haben scheint:
1908 der Anwartschaft auf die Gemeinschaft der Benediktineroblaten bei (Oblate 26 dann seit 1909 bis zu seinem Lebensende).
3.5. In der Jugendbewegung
Am 15. August 1915 überträgt der Mainzer Bischof Kirstein dem damaligen Kaplan Guardini die Leitung des Schülerbundes Juventus. Dies war eine Gruppe junger Gymnasiasten, die 1890
KAPITEL 3. GEMEINSCHAFTSERFAHRUNG IM LEBEN ROMANO GUARDINIS
als Ersatz für die im Kulturkampf verbotene Marianische Kongregation gegründet wurde. 27 Kennzeichen dieser Vereinigung waren Freiwilligkeit, gemeinsames Wandern und Spielen. Beten und Nachdenken über den Glauben gehörten ebenso zu den Säulen des Zusammensein an den Wochenenden. Guardini selbst wählte viele Themen aus, die sowohl die Lehre, als auch das praktische Miteinander-Umgehen betrafen. In Mainz existierte noch der Quickborn als Jugendbewegung und es kam zur Gründung des Wandervogels. Der Quickborn war es auch, dem sich Guardini später verbunden fühlen sollte, nachdem man ihn auf Burg Rothenfels am Main eingeladen hatte. 1920 verbrachte er einige Tage in diesem Zentrum des Quick-born, der selbst in Schlesien noch vor dem Ersten Weltkrieg gegründet worden war. Guardini „verfällt“ der Burg 28 . Seine Aufenthalte auf Rothenfels werden häufiger, man lädt ihn ein, er wird 1924 Mitherausgeber der Zeitschrift „Schildgenossen“ und man überträgt ihm schließlich 1927 die Leitung der Burg, die er bis zu deren gewaltsamer Schließung 1939 innehat. Rothenfels und Quickborn war ein neues Gemeinschaftserleben, in dem aber der Einzelne seinen unverzichtbaren, ja konstitutiven Platz hatte:
Die eigentliche Gemeinschaft besteht darin, daß ich den Anderen anerkenne, nicht nur in seinem Eigensein, sondern auch in seiner Fremdheit ... Hinüber (zum Anderen) führt - eigentlich - nichts. Und doch wieder - offenbar - etwas. Dieses „Nein und Dennoch“ ist der personale Akt. 29
Rothenfels bot alles, was ein junger, kritischer Geist in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh.s suchte: Freiraum zu künstlerischer Gestaltung (Architektur und Innengestaltung, inspiriert durch das Bauhaus), liturgische Erneuerung (Feier der Hl. Messe „versus populum“), lauteres und ungezwungenes Miteinander von Jungen und Mädchen (was zur damaligen Zeit durchaus unüblich war in der katholischen Jugendarbeit) und viele Formen geistiger Aufgeschlossenheit (freie Diskussion und eigene Beschäftigung mit den verschiedensten Themen aus Kirche und Gesellschaft).
Es gehört zu den offenen Fragen, warum Guardini nach dem Zweiten Weltkrieg diese Verbindung nicht mehr gepflegt und auch keine ähnliche Form von Gemeinschaft gesucht hat. Eine Ursache liegt sicher in Guardinis Erschrecken, daß die an sich positiven Ansätze unter der deutschen Jugend mit verbrecherischer Absicht von der nationalsozialistischen Ideologie umgedeutet und mißbraucht wurden. Guardini widmet sich deshalb später - als gewisses Gegengewicht - der Stärkung der Einzelperson gegenüber zu starker Vereinnahmung durch die u. U. auch „verführerische“ Gemeinschaft.
3.6. Universität und Seminar
In Ausbildung und Studium waren es wiederum persönliche Freundschaft und auch die Hochachtung und das Vertrauen einzelnen akademischen Lehrern gegenüber, die Guardini für
27 Vgl. GERL, 96. Guardini war als Kind und Jugendlicher selbst in der Juventus.
28 „So bin ich denn 1920 zu Ostern selbst hinauf gegangen, und das hat für mich Folgen gehabt wie wenige Dinge sonst; denn damals ist in mein Leben eine starke Welle von dem eingeströmt, was Jugendbewegung heißt.“ Rede am Pfingstmontag 1949, in: Burgbrief 1949, zitiert nach: GERL, 153
29 Mögliche Gemeinschaft, in: Schildgenossen 8 (1928), 384ff., zitiert nach: GERL, 233
31
KAPITEL 3. GEMEINSCHAFTSERFAHRUNG IM LEBEN ROMANO GUARDINIS
gemeinschaftliche Erfahrungen öffneten. So beeindruckte ihn und seine Freunde in Tübingen in den Jahren 1908-1909 besonders der DogmatikerWilhelm Koch 30 , der auch Guardinis Beichtvater wurde:
Das Priesterseminar hatte große Bedeutung für Guardinis Gemeinschaftsverständnis, weil er auf der einen Seite die großen Chancen sah, die mit diesem geordneten Leben verbunden waren, auf der anderen Seite aber auch erfahren mußte, wie verpaßte, mißlungene Gemeinschaft nicht nur im übertragenen Sinne „auf den Magen schlägt“. Meisterlich schildert Guardini in der folgenden Reflexion das Zusammenspiel von Institution und der in ihr wirkenden Personen:
KAPITEL 3. GEMEINSCHAFTSERFAHRUNG IM LEBEN ROMANO GUARDINIS
ist kleiner, bildet aber dafür eine lebendige Einheit, eine „Welt“. Wissenschaft, religiöses Leben, sittliche Erziehung, menschliche Gemeinschaft verbinden sich, und es erwächst, was zu den stärksten bildenden Mächten gehört: eine traditionsverwurzelte, formende Gesamtgestalt. Die Seminaristen sind junge Menschen; in der Regel mit sich selbst darüber klar, was sie wollen und bereit, sich der höchsten Aufgabe zu widmen. Im Seminar ist der Spiritual: ein Priester, der sie lehrt, an sich zu arbeiten, zu beten, Gott näher zu kommen. Die alte Tradition der Kirche bietet ihm Weisheit; sein Gefühl für das, was die christliche Persönlichkeit ist, lehrt ihn, sie zu sittlicher Selbständigkeit, echter religiöser Erfahrung, mit einem Wort, zur christlichen Freiheit zu führen. Eine Zahl von Männern, ihre Lehrer, lehren sie philosophieren, das heißt nach dem Wesen der Dinge zu fragen und jene alles übrige tragende Ur=Macht zu erfahren, welche Wahrheit heißt. Sie lehren ihren Geist jene entscheidende Wendung zu vollziehen, in welcher dieser von der Offenbarung her zu denken lernt und fähig wird, in ihrer Klarheit die Dinge der Welt und des Lebens richtig zu sehen, so daß christliches Bewußtsein entsteht. Die Professoren zeigen ihnen, wie man arbeitet, führen sie zu den Problemen, befähigen sie zum eigenen Urteil und lehren sie zugleich, was nur der Glaube kann, nämlich Fragen, die man selbst nicht lösen kann, ruhig zu tragen. Schließlich ist da das Haupt des Ganzen, der Regens, der dieses ganze Reich jungen Lebens in der Ordnung hält, nicht um etwas zu ersticken, sondern um alles zur besseren Entfaltung zu führen. Er kennt jeden Einzelnen, verfolgt seine Entwicklung und ist bereit, einzugreifen, wenn es nötig ist. Sein Helfer ist der Subregens: jünger, so daß er zu den Studenten noch lebendige Beziehung hat; andererseits über sie hinausgewachsen, so daß er eine Vermittlung zwischen ihnen und dem Regens bilden kann. Hinter dem Ganzen schließlich steht der Bischof, der das Seminar als die „Pflanzschule“ des Priestertums liebt, öfter hineinkommt, mit den Einzelnen spricht und ihnen das Gefühl gibt, daß sie in die lebendige Einheit der Kirche hineinwachsen. 32
Guardini entwirft hier geradezu ein ideales Gemeinschaftsmodell. Er bestimmt die Aufgaben der Einzelnen und verweist auf die Wirkungen, die ein gelingendes Ineinanderwirken aller Faktoren und Handelnen als Gemeinschafts-Gefüge hervorrufen soll und kann. Wichtige Schlüsselworte für sein Verständnis von gemeinschaftlichem Zusammenleben fallen. So fährt er fort:
In allem ist eine klare und entschiedene Ordnung; eine Autorität, die Gehorsam verlangt und verdient, weil sie aus der Vollmacht der Kirche her redet. Sie ist aber selbst darauf bedacht, die jungen Menschen zu Persönlichkeiten zu machen, sie zur Selbständigkeit des Urteils und der Sicherheit des Handelns zu führen. Die Ordnung des kleinen Gemeinwesens ist an vielen Stellen ihnen selbst in die Hand gegeben, damit sie fähig werden, Verantwortung zu tragen und mit Menschen umzugehen. Wohl müssen von den jungen Theologen immer wieder Opfer verlangt werden, denn sie sollen ja zu Priestern werden, und der Priester ist
32 GUARDINI Berichte, 89ff.
33
KAPITEL 3. GEMEINSCHAFTSERFAHRUNG IM LEBEN ROMANO GUARDINIS
Die beiden längeren Zitate zeigen, wie intensiv sich Guardini in jeder Phase seiner Ausbildung schon dem Gemeinschaftsphänomen gegenüber sah und wie sehr es ihn geradezu existenziell betraf. Da ist die Sexualität, die zu einer einengenden, den Einzelnen blockierenden Gemeinschaft führen kann, wenn nicht ihre Gesetzmäßigkeiten und Funktionen bekannt sind, und sie
KAPITEL 3. GEMEINSCHAFTSERFAHRUNG IM LEBEN ROMANO GUARDINIS
nicht als Quelle für Gemeinschaft aufgedeckt und genutzt wird. Die Seminarerfahrung ist eine komplexe Schilderung, wie Gemeinschaft strukturiert sein sollte und woher sie die Kraft zu ihrer nutzbringenden Wirkung für jedes ihrer Glieder bezieht.
3.7. In Gemeinde und Seelsorge
Wie verstand Romano Guardini sein Priestersein? In einem Brief zur Priesterweihe eines Freundes aus der Juventus, Alfred Schüler, wird dazu einiges deutlich:
Es [das Priesterleben, A. M.] möge so sein, daß Du um das ganz besondere Amt wissest mit seiner Gewalt und Kraft von Gott zu den Menschen; von den Menschen zu Gott. Aber zugleich ganz gelöst und selbstverständlich als Bruder neben die Geschwister tretest. 35
Im Rückblick auf sein Leben beschreibt Guardini neben dem Ordenspriester zwei Grundtypen priesterlichen Dienstes: den väterlichen und den brüderlichen Priester.
[Letzterer ist es,] der nicht vom Amt ausgeht, sondern es als Kraft in sich trägt; nicht als Träger der Autorität den Gläubigen gegenübersteht, sondern neben sie tritt. Er scheut sich, feste Ergebnisse und Weisungen an sie heranzutragen, sondern stellt sich mit ihnen zusammen in das Suchen und Fragen hinein, um mit ihnen gemeinsam hinauszufinden. [...] Von hier aus bekommt auch das ganze Problem Priester und Laie einen verschiedenen Charakter, und ich habe oft gedacht, eine ganze Anzahl von Schwierigkeiten würden verschwinden, wenn es mehr in der brüderlichen Haltung stehende Priester gäbe. 36
Guardini litt in seinen Kaplansjahren sehr darunter, daß ihm, wie vielen anderen Kaplänen, keine eigentliche Seelsorge anvertraut wurde. Selbst bei Ordensschwestern, in deren Haus er wohnte, war nur sein Meßdienst erwünscht. Erst als er die Berliner Dozentur im Jahre 1923 annahm fand er die Möglichkeit in einer Kapelle der sozialen Frauenschule neben der Messe zumindest eine kleine Ansprache zu halten: „Das habe ich durch einige Jahre hindurch gern getan, denn die Zuhörerschaft war aufmerksam und empfänglich.“ 37 Eine zweite Möglichkeit eröffnete sich im wöchentlichen Gottesdienst für die Studentengemeinde, wo - auch aus baulich gerechtfertigten Gründen - der Priester die Messe meist mit dem Gesicht zum Volk (versus populum) las. Ein Eindruck Guardinis hierzu verrät viel über seine Sicht auf das Verhältnis Individuum und Gemeinschaft:
Ich habe mich dagegen gesträubt, da ich den Gedanken, mir so beim Gebet und der heiligen Handlung ins Gesicht sehen zu lassen, als unerträglich empfand, habe aber dann nachgegeben und bereut, es nicht früher getan zu haben. Besonders in
35 Brief an Alfred Schüler vom 9.3.1925 (Besitzt Änny Schüler), zitiert nach: GERL, 79.
36 Wobei Guardini sofort im folgendne Satz relativierend hinzusetzt: „Im übrigen ist wohl klar, daß ich damit keinerlei Wertung aussprechen will. Ja ich bin sogar bereit, zuzugeben, daß in der Ökonomie des christlich=kirchlichen Lebensganzen der erste Typus führen wird.“ GUARDINI Berichte, 99f.
37 GUARDINI Berichte, 106.
35
KAPITEL 3. GEMEINSCHAFTSERFAHRUNG IM LEBEN ROMANO GUARDINIS
der Zweisamkeit intensiv gepflegt und war ein beliebter Seelsorger und Gesprächspartner:
Gemeinde und Seelsorgsarbeit brachten auch negative Erfahrungen mit sich. Guardini verabscheute vor allem jede Vereinsmeierei. Studentische Verbindungen hatten in der katholischen Studentenschaft eine große Bedeutung. Das bereitete dem Naturell Guardinis Schwierigkeiten:
Guardini hielt sich auch von einem politisch orientierten Katholizismus fern, wie ihn der damalige Berliner Studenten-Seelsorger Dr. Carl Sonnenschein vertrat, den Guardini noch aus seiner Tübinger Zeit kannte. 41
Das aktive Wirken in der Kirche als einer vielfältig strukturierten Gemeinschaft läßt Guardini zum einen erkennen, daß sowohl der brüderliche Priester, als auch der väterliche Priestertyp gebraucht werden, zum anderen, daß Leben in Gemeinschaft auf Begegnung hin offen sein muß: Liturgie ist mehr als Messe-Lesen, zu ihr gehört die Verkündigung und zu ihr gehören angemessene Gestaltungsformen. Das außerliturgische, kirchliche Leben darf nicht zu stark auf die Seite des gesellig-organisatorischen ausschlagen. Ohne eine stets gesuchte Innerlichkeit ist auf Dauer auch keine politische Wirksamkeit mit Erfolg durchzuhalten.
Resümee
Die beiden ersten Kapitel umreißen die Problemstellung von zwei Richtungen her. Das gestellte Thema wird in gewisser Weise schon einmal von der Polseite Gemeinschaft her gesehen, wenn in der Darstellung des historischen Hintergrundes die Gesellschaft, soziale Kräfte, kulturellen Gegebenheiten und überhaupt gemeinschaftlich geprägte Strukturen angesprochen werden. Gemeinschaft war immer da, aber sie kommt neu ins gesellschaftliche, und damit auch religiöse Bewusstsein. Vieles, wie etwa der Einfluss stärkerer wirtschaftlicher Vernetzung unter den Nationen, konnte dabei nicht angesprochen werden. Das Ausgeführte macht aber doch deutlich, in welchen Zusammenhängen und in welcher Atmosphäre der Einzelne am Anfang des 20. Jahrhunderts (zumindest in Europa) steht und wie er auf Gemeinschaft verwiesen ist. Die Biographie dieses Einzelnen, nun beleuchtet in ihrem reichen Beziehungsgeflecht zu anderen Menschen und Gruppen, bildet den der Gemeinschaft gegenüberstehenden Pol. Auch hier kommt es zu der Entdeckung, dass der Einzelne immer schon in gemeinschaftlichen Strukturen steht. Guardini gehört zu denjenigen, die dieses Stehen in Gemeinschaft wahrnehmen und reflektieren. Mehr noch: Guardini stellt sich bewusst in enge Gemeinschaftsknüpfungen, wie er sie nennt. Er pflegt Freundschaft, ist gerne Seelsorger und akademischer Lehrer, erzieht mit Engagement junge Menschen zu gemeinschaftsfähigen Gliedern in Kirche und Gesellschaft. Und: Gurardini entwickelt Modellvorstellungen, „Utopien“, die Gemeinschaft attraktiv darzustellen vermögen und Ausrichtung auf reale Ziele ermöglichen. Nicht alle Facetten seiner Biographie konnten unter diesem Blickwinkel ausgeleuchtet werden. Es gab auch den Guardini, der bestimmte schwierige Mitmenschen mied, der aus einem Interessenkonflikt mit seiner Lehrtätigkeit heraus auf Gemeinschaft verzichtete und der für sich selbst Formen von Gemeinschaft bevorzugte, die seiner Person und Persönlichkeit Raum zu Entfaltung und Schöpfertum gaben. Im zweiten Teil der Arbeit werden erste Früchte dieser von Guardini gelebten und reflektierten Gemeinschaftserfahrung vorgestellt und es wird damit auch weiteres Material geboten, das den im dritten Teil systematischen Überlegungen Vorlauf und Grundlage bietet.
37
Arbeit zitieren:
Andreas Martin, 2009, Spurbild der dreieinigen Gottesgemeinschaft, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
"Actus purus principii caritative diligentis" - Trinitarisch...
Theologie - Systematische Theologie
Doktorarbeit / Dissertation, 549 Seiten
In den Tiefen des Fegefeuers - Zur Vorstellung eines Fegefeuers
Theologie - Systematische Theologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Erkenntnis und Mystik bei Nikolaus von Kues
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Das Leben und Wirken Mechthilds von Magdeburg
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 23 Seiten
Maria Magdalena - Aspekte der Interpretation einer biblischen Gestalt ...
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Examensarbeit, 105 Seiten
Zur Person Teresa von Avila - Biographie und Werk
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Studienarbeit, 18 Seiten
Zu Mechthilds von Magdeburg 'Das fließende Licht der Gottheit'
Aspekte des Dialogs
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 15 Seiten
Wissenschaft & Spiritualität - Eine Abgrenzung
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Doktorarbeit / Dissertation, 177 Seiten
Der Begriff der Aufmerksamkeit bei Simone Weil
Theologie - Religion als Schulfach
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
Freundschaft mit Christus leben
Eine Hinführung zum kontemplat...
Theologie - Biblische Theologie
Essay, 27 Seiten
Hugo von Sankt Viktor - Grenzgänger zwischen Monastischer Theologie un...
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Seminararbeit, 15 Seiten
Die radikale Reformation - Täufer des 16. Jahrhunderts in Augsburg und...
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Magisterarbeit, 119 Seiten
Die gesellschaftliche Kohärenz der Mystik
Eine Darstellung D. Sölles Wer...
Theologie - Systematische Theologie
Seminararbeit, 29 Seiten
"Der Funken im Urgrund der Seele" - Zum 750. Geburtstag von ...
Wissenschaftliche Studie, 17 Seiten
Mittelalterliche Jenseitsvorstellungen im Hinblick auf Abrahams Schoß
Hausarbeit, 20 Seiten
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 21 Seiten
Spanien 1492 - 1808: Aufstieg und Untergang einer Großmacht
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Studienarbeit, 39 Seiten
Andreas Martin hat einen neuen Text hochgeladen
Romano Guardini: Reform from the Source
Hans Von Balthasar, Albert K. Wimmer, D. C. Schindler
Alte Kirche 3. Gottes Dreiheit - des Menschen Freiheit
Trinitätslehre. Anfänge des Mö...
Susanne Hausammann
0 Kommentare