Inhaltsangabe Seite
1. Die Absicht des Theaters, oder: „primitives Theater“ vs.
„philosophisches Theater“ 3
1.1 Beschaffenheit der Charaktere und der Handlungen 6
2. Die Wirkung des Theaters: Komödie und Tragödie 7
2.1 Die Komödie 7
2.2 Die Tragödie 8
3. Das Wesen des Menschen - ein Epilog 11
4. Bibliographie 12
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1. Die Absicht des Theaters, oder: „primitives Theater“ vs. „philosophisches Theater“
Die Hamburgische Dramaturgie trägt mit ihrer von Lessing in der Aufklärung geprägten Methodik der Wahrheitssuche (Durch das Erkennen des Falschen zur Erkenntnis des Wahren.) und ihrer nationalpädagogischen Ambition, die der Etablierung eines Nationaltheaters in Deutschland, zu einem erzieherischen Gehalt bei. Diese Aspekte der Erziehung bei Lessing sollen im Referat keine Berücksichtigung finden, weil im Rahmen des Seminars „Theater und Erziehung“ nicht das Pädagogische aus einem Buch herausgezogen oder als ein Pädagogisches befunden werden soll, sondern weil es darum geht, die erzieherische Wirkung des Theaters in der konkret gebliebenen Örtlichkeit des Theaters in Hinblick auf Lessing zu untersuchen. Das ist die Zielstellung des Referats, das über die poetologische Problematik lessingscher Diktion hinausweisen will, indem es immer wieder versucht, zwischen den einzelnen Überlegungen zum Theater bei Lessing auf erzieherische Fragen einzugehen, um Denkanstöße auszuloten, die dann während oder nach dem Vortrag diskutiert werden sollten. Deswegen werden neue Erkenntnisse, die sich durch Diskussion ergeben haben, im hier schriftlich ausformulierten Referat unmittelbar kursiv gekennzeichnet.
Im 18. Stück der Hamburgischen Dramaturgie 1 (im folgendem HD genannt) zitiert Lessing einen nicht näher benannten „französischen Kunstrichter“ (HD, S. 101.), der die Tragödie explizit auffasst als Medium, in dem „die großen Handlungen wirklicher Helden zur Bewunderung und Nachahmung vor [ge] stellt [t] [werden] soll.“ (Ebd.) Jene Helden sind aus der Geschichte entnommen, die den Stoff für die Tragödie liefern. Die Tragödie ist dialogisierte Geschichte. Sie führt uns Helden, Heroen, Vorbilder par excellence vor. Und das Publikum lernt von ihnen, ahmt diese nach.
Wollte man die Bühne nun als eine Plattform betrachten, welche uns Heroen mit vorzüglichen Eigenschaften vorführt, die zur kritiklosen und zustimmungslosen Nachahmung reizen sollten, d ann spräche man, hinsichtlich der Begrifflichkeiten „Nachahmung“ und „Bewunderung“, von einer primitiven Erziehung. 2 Diese Auffassung von Erziehung, die zu ihrem Kern eine auf bloße Nachahmung von Vorbildern gerichtete Erziehung hat, stand ganz am Anfang des abendländischen Denkens über Pädagogik. Dieser Ursprung der Pädagogik geht zurück auf die dem griechischen Dichterfürsten Homer zugeschriebenen Epen, die ja
1 Die in den Klammern angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe des Reclam-Verlages: Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie. Herausgegeben und kommentiert von Klaus L. Berghahn. Stuttgart: Reclam jun. 1999
2 Die Argumentation stützt sich auf den Begriff „primitive Erziehung“, den Herr Böhm in seinem Skript „Pädagogik“ zu der im Sommersemester gehaltenen Vorlesung „Idee der Pädagogik“ erläutert.
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überwiegend Helden mit guten Eigenschaften thematisierten, an denen sich die Griechen ein Beispiel, ein Vorbild nehmen konnten. Homers Helden erzogen die Griechen. Nach Lessings „Kunstrichter“ erzieht die Tragödie, in Analogiebildung zu Homer, das Publikum nach denselben Modalitäten von Erziehung, wie sie schon vor etwa 2500 Jahren angewendet wurden und entwirft damit eine Tragödienvorstellung, die man getrost in eine Kategorie des „primitiven Theaters“ 3 stecken könnte.
Keine Frage: dieses das 18. Stück beschließende Zitat muss von Lessing korrigiert werden und Voraussetzung für ein eigenes Postulat über die Absicht und Wirkung des Theaters bilden.
Für Lessing ist die Geschichte lediglich Mittel zum Zweck. Es geht darum, Geschichte zu dramatisieren und nicht darum, die Geschichte um der Geschichte und deren herausragenden Protagonisten willen auf die Bühne zu bringen. Der Dichter benutzt sie nur für seinen zielgerichteten poetischen Zweck. Diese Funktionalisierung der Geschichte durch die Dichtung ebnet den Weg für das eigentliche, aber nicht einzige Ziel des Theaters, das Lessing in folgendem Satz ausdrückt und damit der Behauptung, die Bestimmung des Theaters sei ein „Panegyrikus“ (HD, S. 103.), eine Abfuhr erteilt:
„Auf dem Theater sollen wir nicht lernen, was dieser oder jener einzelne Mensch getan hat, sondern was ein jeder Mensch von einem gewissen Charakter unter gewissen gegebenen Umständen tun werde. Die Absicht der Tragödie ist weit philosophischer, als die Absicht der Geschichte [...]“ (Ebd.)
Diese Aussage Lessings bedarf einer ausführlichen Erörterung. Für ihn liegt demnach die Absicht des T heaters nicht darin, einen historischen Nachahmungsdrang oder gar Nachahmungstrieb beim Publikum auszulösen, das sich ein Individuum („jener einzelne Mensch“) zum Vorbild nimmt und es nachahmt. Ein aufgeklärter Verstand, der sich aus Urteilskraft, vernünftigem und kritischem Denken konstituiert, verlöre damit seine Existenzberechtigung, weil ein auf primitive Erziehung basierendes Theater diese für Lessing notwendigen anthropologischen Voraussetzungen überhaupt nicht notwendig wären. Was Lessing stattdessen fordert und nur wage mit „gewissen Charakter“ und „gewissen gegebenen Umständen“ wiedergibt, ist nur im Kontext der gesamten HD zu erfassen und soll hier kurz verständlich gemacht werden.
Im berühmten Tragödiensatz von Aristoteles wird die Tragödie unter anderem auch dadurch definiert, dass sie Handlungen nachahmt. („Nachahmung einer guten und sich geschlossenen
3 Analogiebildung zu „primitive Erziehung“
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Arbeit zitieren:
Marcus Erben, 2003, Kurzvortrag: Lessing und Theatererziehung, München, GRIN Verlag GmbH
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