1. Einleitung
1.1. Motivation und Ziel der Arbeit
Das eine Kind ist schüchtern und ängstlich, das andere extrovertiert und abenteuerlustig. Ist es nicht verwunderlich, dass Geschwister in ihrem Wesen häufig so unterschiedlich sind, obwohl etwa die Hälfte ihrer Gene identisch ist? Woher kommen diese Unterschiede? Wieso sind leibliche Geschwister, obwohl sie von denselben Eltern erzogen wurden und in derselben Umgebung aufwuchsen, häufig so verschieden? Das Ziel dieser Arbeit ist einerseits die Bedeutsamkeit verschiedener Faktoren hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung von Geschwistern zu diskutieren und aufzeigen, wie dadurch individuelle Charakterzüge geformt und geprägt werden. Andererseits soll versucht werden eine Antwort auf die Frage, wieso leibliche Geschwister, trotz Erziehung durch dieselben Eltern und dem Aufwachsen in derselben Umgebung, häufig so verschieden sind. Anlass für die Wahl dieser Thematik war einerseits die Auseinandersetzung mit dieser und das dadurch steigende Interesse während des Seminars Soziologie und andererseits meine persönliche Situation als Erstgeborenes von drei Geschwistern.
1.2. Aufbau der Arbeit
Zunächst möchte ich einen kurzen Einblick in den Stand der Geschwisterforschung geben und dabei aufzeigen wie diese sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Daraufhin soll auf den Geburtsrangplatz, der in den Anfängen der Geschwisterforschung als wichtigster Faktor für die Persönlichkeitsbildung eines Kindes angesehen wurde, eingegangen werden. Es wird gezeigt, wie sich die Situation des Erstgeborenen, des Einzelkindes, des Zweitgeborenen, des Mittelkindes und des Letztgeborenen gestaltet, sowie welche Charaktereigenschaften diesen Geschwisterpositionen zugeordnet werden. Dem folgend werden weitere Faktoren, wie Al-tersabstand, Geschlecht und Anzahl der Geschwister, Personenverluste etc. beleuchtet, die nach neueren Forschungsansätzen eine sehr wichtige, wenn nicht sogar übergeordnete Rolle bei der individuellen Entwicklung und Lebensgestaltung spielen.
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2. Die Geschwisterforschung
Leibliche Geschwister teilen etwa die Hälfte ihrer Gene und meistens auch eine gemeinsames Elternhaus. Beide Faktoren nehmen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Dementsprechend lässt sich vermuten, dass Geschwister in ihren Eigenschaften, ihrem Verhalten und Empfinden einander sehr ähnlich sind. Entgegen dieser Erwartung und trotz vieler gemeinsamer Einflüsse (Erziehung durch dieselben Eltern, Aufwachsen in derselben Umgebung, Besuchen derselben Schule etc.) zeigt sich jedoch, dass sich leibliche Geschwister in ihren individuellen Eigenschaften unterscheiden. Seit einigen Jahren beschäftigen sich Forscher mit der Frage, wie diese Unterschiede zu erklären sind und führen jene auf nicht geteilte Einflüsse zurück, das heißt auf Faktoren, die zwischen Geschwistern innerhalb der Familie variieren. Obwohl gegenwärtig die Bedeutsamkeit von Geschwistern, im Speziellen von Geschwisterbeziehungen, für die Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation bekannt ist, gibt es bisher nur sehr wenig empirische Daten zu dieser Thematik. Bereits im Jahr 1991 wies der Psychologe Klaus Schneewind auf den erhöhten Forschungsbedarf des Geschwisterthemas hin. Während sich die Individual- und Entwicklungspsychologie mit Geschwistern aus Sicht der Geburtenreihenfolge und im Zusammenhang der damit verbundenen Effekte im Bereich der Kognition, des sozialen Verhaltens und der Persönlichkeitseigenschaften beschäftigt, führt die Geschwisterbeziehung in der Soziologie ein Schattendasein. Zunächst war es der Individualpsychologe Alfred Adler, der in den 1920iger Jahren Geschwistern eine beträchtliche Bedeutung zumaß und dadurch zum Pionier auf diesem Wissensgebiet wurde. Er sah den Geburtsrangplatz, sprich die Position in Rahmen der Familie, in die ein Kind hineingeboren wird, gemeinsam mit dem Altersabstand, dem Geschlecht und der Anzahl der Geschwister, als die bedeutendsten Variablen für die individuelle Entwicklung an. Die Schweizer Psychiater Cecile Ernst und Jules Angst kritisierten in ihrem Buch mit dem Titel „Birth order“ die Geschwisterforschung jedoch dahingehend, dass diesen Variablen eine zu hohe Bedeutung zukommt und das andere Faktoren, wie der Verlust oder die Trennung von Familienmitgliedern, die genetische Veranlagung, die Schichtzugehörigkeit etc. vernachlässigt werden. 1 Damit wurde ein Richtungswechsel in der Geschwisterforschung eingeleitet. Mittlerweile sind sich Forscher bewusst, dass in der heutigen Zeit, in der familiäre Verhältnisse wesentlich vielschichtiger, vielfältiger und veränderlicher sind als früher und möglicherweise in derselben Familie unterschiedliche Wertorientierungen, Einstellungen und
1 Vgl. Onnen-Isemann/Rösch 2005, S. 23f
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Verhaltensmuster vorhanden sind, eine Forschung, welche lediglich Rückschlüsse auf die Persönlichkeit durch die Stellung in der Geschwisterreihe zieht, zu holzschnittartig ist. 2 Neuere Forschungsansätze, wie beispielsweise der vom amerikanischen Soziologen Dalton Conley, sehen den Geburtsrangplatz, den Altersabstand und das Geschlecht der Geschwister lediglich als Einzelfaktoren, welche bei der Persönlichkeitsentwicklung untergeordnete Rollen spielen und stets im Zusammenhang mit den Gesamtrahmenbedingungen der Familie zu betrachten sind. Für Conley ist die Entwicklung eines Kindes von Familie zu Familie sehr unterschiedlich und von zahlreichen komplexen Faktoren abhängig. Zu diesen Faktoren zählen beispielsweise die Position der Familie im sozialen Gefüge, Scheidung oder Trennung der Eltern, Tod eines Familienmitgliedes, Arbeitslosigkeit eines Familienmitgliedes oder auch die Familiengröße bzw. die Anzahl der Kinder. 3 Im Folgenden gilt es nun die einzelnen Faktoren zu beleuchten und aufzuzeigen, inwiefern sie zur Persönlichkeitsentwicklung und Individualität von Kindern und Jugendlichen beitragen.
3. Einflussfaktoren
3.1. Geburtsrangplatz der Geschwister
Die Basis der Geburtsrangplatzforschung bildet die Grundannahme, dass mit einer bestimmten Position in der Geschwisterreihe typische Erziehungs- und Sozialisationseinflüsse ver-bunden sind, welche die Individualität des Kindes entscheidend formen. Dementsprechend durchleben Kinder des gleichen Geburtsrangplatzes vergleichbare Erfahrungen und weisen somit ähnliche Charaktereigenschaften auf. Die Stellung in der Geschwisterreihe ist für jedes Kind eine einmalige Erfahrung, die dazu beiträgt soziale Kompetenzen auszubilden und zu verfeinern. Darüber hinaus beeinflusst die Geschwisterposition ebenfalls Status- und Machtunterschiede in der Geschwisterbeziehung. Die verschiedenen Erlebnisse, welche die Kinder erfahren, prägen nach Ansicht der Forscher deren weiteren Lebensverlauf und nehmen beispielsweise Einfluss auf die spätere Partner- und Berufswahl. Die Situation des erstgeborenen Kindes wird in der Geburtsrangplatzforschung wie folgt dargestellt: Von klein an steht das Erstgeborene im Mittelpunkt der Familie. Dabei erhält es automatisch das Maximum an elterlichen Ressourcen, es bekommt die ungeteilte Liebe, Aufmerksamkeit und Zuwendung der
2 Vgl. Kasten 2004, S. 43
3 Vgl. Conley in Interview in Psychologie heute compact 2005, S. 54f
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Eltern. Alle Lebensstationen des Kindes werden durch Fotos dokumentiert, Ereignisse und Leistungen des Kindes werden zu einer großen, bedeutsamen Angelegenheit gemacht, die durch Lob und Anerkennung gefeiert wird. Die Eltern ermuntern und spornen das Erstgeborene zu weiteren Leistungen an. Daher überrascht es nicht, dass es wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse gibt, welche belegen, dass Erstgeborene eher laufen und sprechen können als spätere Geschwister und einen Hang zum Perfektionismus haben. Eine Studie der Pädagogischen Akademie Feldkirch, bei der 278 Studierende befragt wurden, ergab dass 87% der Erst-geborenen einen starke Tendenz zum Perfektionismus besitzen und 64% es nach eigenen Aussagen „hassen“ Fehler zu machen. Der Umgang und die Erziehung des ersten Kindes stellt für die Eltern eine vollkommen neue Erfahrung dar, bei der sie sich häufig paradox verhalten. Der eine Elternteil ist überbeschützend, zaghaft, ängstlich und unbeständig bei der Erziehung des Kindes, während der andere Teil eher strikte Disziplin fordert, hohe Ansprüche an das Kind stellt und es ständig zu mehr und besseren Leistungen antreibt. Besonders prägend für ein erstgeborenes Kind ist die „Entthronung“ 4 , durch die Geburt eines Geschwisterkindes. Plötzlich steht es nicht mehr im Mittelpunkt und muss die Ressourcen seiner Eltern teilen. Das Erstgeborene reagiert in der Regel eifersüchtig, neidisch, aggressiv und ablehnend dem neuen Geschwisterkind gegenüber. Hat sich das erste Kind an seinen Nebenbuhler gewöhnt, übernimmt es oft die Beschützerrolle und kümmert sich sehr gewissenhaft und zuverlässig um das kleine Geschwisterkind. Hinzu kommt, dass das Erstgeborene plötzlich sehr ehrgeizig ist und sich durch gute Leistungen auszeichnet. Dadurch will es die Eltern beeindrucken, Anerkennung bekommen, in den Mittelpunkt und auf den Thron zurück gelangen. Hier könnte der Grund zu sehen sein, dass sich in der Feldkircher Studie die Mehrzahl der Erstgeborenen als leistungsorientiert eingeschätzt hat. Häufig führt dieses ständige auf Leistung bedacht sein dazu, dass das erste Kind nervös, angespannt und gehetzt wirkt. Mit der Geburt des zweiten Kindes erwarteten die Eltern plötzlich von ihrem Ältesten, dass es sich stets korrekt verhält und dem Geschwisterkind somit ein gutes Vorbild ist. Sie sagen dem Erstgeborenen, dass es doch schon erwachsen sei und sie deshalb von ihm erwarten, dass es sich dementsprechend verhält. Es bekommt die Aufsicht und Verantwortung für das jüngere Kind übertragen und darf sich keinen Fehler leisten. 5 Auch dem Einzelkind werden typische Persönlichkeitsmerkmale zugewiesen: Das einzelne Kind weißt häufig dieselben Charakterzüge wie das Erstgeborene auf, allerdings steigern sich diese hier bis ins Extreme. Es ist sehr
4 Adler zit. nach Schmidt-Denter 2005, S. 53
5 Vgl. Lemann 2009, S. 50f
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Arbeit zitieren:
Kathleen Pickert, 2010, Ungleichheit beginnt in der Familie: Wieso sind leibliche Geschwister - erzogen von denselben Eltern, aufgewachsen in derselben Umgebung - so verschieden?, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
DOI
Die Geschwisterkonstellation und ihr Einfluss auf die Entwicklung und ...
Psychologie - Entwicklungspsychologie
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Kathleen Pickert hat einen neuen Text hochgeladen
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