Die Deutsche Nation und die Katastrophe - Zu den Grundlagen der bundesrepublikanischen Deutschen Nation
1. Einleitung 2
2. Hauptteil
2.1 Die Deutsche Nation 2.1.1 Nation 4
2.1.2 Deutsche Nationalentwicklung 6
2.2 Die Deutsche Nation und die Katastrophe
2.2.1 Katastrophe oder Befreiung? - Das Kriegsende 2.2.2 Die „Opfernation“
2.2.3 Die Auseinandersetzung mit der „Kollektivschuld“ 12
2.2.4 Rückbesinnung auf das christliche Abendland und das Christentum 14
2.2.5 Angst vor „dem Russen“ als identitätsstiftendes Moment 16
2.3 Die Deutsche Nation und die Alliierten
2.3.1 Die Teilungspläne der Anti - Hitler - Koalition 17 2.3.2 Die totale Besatzung 21
2.3.3 BiZone und der Weg zum West-Staat 22
2.3.4 West-Alliierte Vorstellungen der westdeutschen Nachkriegsordnung
3. Schlußbetrachtung 28
4. Literaturverzeichnis 32
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1. Einleitung
Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ging auch die deutsche Nation zu Grunde, erst mit der Gründung der Bundesrepublik bzw. DDR wurde die (geteilte) deutsche Nation wieder hergestellt - so zumindest die populäre Annahme, da man gewöhnlich davon ausgeht, dass eine Nation staatliche Grenzen benötigt. Doch ist das Konzept einer Nation nicht viel mehr und vor allem abstrakter und komplexer, als es eine durch Staatsgrenzen umschlossene Bevölkerung wäre? Diese Arbeit geht davon aus, dass auch unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eine deutsche Nation bestand, dass eine staatliche Organisation und Gliederung nicht vorhanden waren, bzw. von den alliierten Besatzern abhingen. Die Teilung war durchaus zu erkennen - gesellschaftlich und auch auf alliierter Seite. Da es dieser Arbeit nicht um die Analyse der deutschen Nationen in ihren jeweiligen alliiert orientierten Staaten geht, sondern um den Zustand der vorstaatlichen Nation, ist der Analysezeitraum eng und begrenzt sich auf die Zeit bis Anfang 1948. Denn mit der Währungsreform, der Berlinkrise und der anschließenden Staatsgründungen hat sich auch die geteilte deutsche Nation verändert.
Im Zentrum dieser Arbeit steht aber nun die Frage nach den Determinanten der (west-) deutschen Nation in der unmittelbaren Nachkriegszeit, inwiefern hier die Grundlagen der Bundesrepublik Deutschland zu finden sind oder ob mit der Gründung der Bundesrepublik eventuelle Abweichungen von den Impulsen der Nachkriegszeit verzeichnet werden können. Dementsprechend liegt der Schwerpunkt der Analyse auf West-Deutschland bzw. den Besatzungszonen der West-Alliierten. Es wird zunächst betrachtet werden müssen, was eine Nation ist und wie sie sich in Deutschland entwickelt hat, bevor eine Bestandsaufnahme der
(west-) deutschen Nation 1 in der unmittelbaren Nachkriegszeit vorgenommen werden kann. Die Frage nach dem Zustand der (west-) deutschen Nation unmittelbar nach dem Zweiten
Weltkrieg kann zunächst nicht ohne die Ausmaße des „Weltbürgerkrieges,“ 2 wie er von Roosevelt einmal genannt wurde, für die deutsche Bevölkerung gedacht werden. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden dann zunächst die verschiedenen nationalrelevanten Determinanten innerhalb der deutschen Bevölkerung analysiert. Da die Souveränität der (west-) deutschen Nation mit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft zunächst auch ihr Ende fand, soll anschließend der Einfluss der Alliierten auf die Form der (west-) deutschen Nation beschrieben werden. Hierzu ist zunächst zu betrachten, welche Teilungspläne die Alliierten vor und nach dem Krieg hatten und welche Nachkriegskonzeptionen erstellt wurden.
1 Die westdeutsche Publizistik neigte stets dazu, den westdeutschen Teil der Bevölkerung als die eigentliche deutsche Nation zu betrachten. Dies ist wissenschaftlich nicht haltbar und deswegen wird in dieser Arbeit fortlaufend diese Schreibweise benutzt, um schließlich das Selbstverständnis Westdeutschlands zu reflektieren.
2 Zitiert nach: Hermann Graml, Vom Kriegsende bis zur doppelten Staatsgründung 1945-1949, S. 38.
3
Der Prozess der Entnazifizierung und die Diskussion über deren Sinn und Zweck sind nicht Teil der Arbeit. Zum einen sprengt dieses Thema den gegebenen Rahmen, zum anderen ist m. E. die Dialektik von Schuld und Wiedergutmachung keine nationaldefinierende Determinante, der in dieser Arbeit Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, sondern vielmehr der Motor für die tatsächliche Umorientierung und Neugestaltung der Bundesrepublik. Nationalgefühl und Nationalismus waren in der unmittelbaren Nachkriegszeit ungebrochen, wie Jörg Echternkamp in seinem Aufsatz „Verwirrung im Vaterländischen?“ 3 aufzeigt. Anknüpfend an diesen Aufsatz soll diese Arbeit nun den zeithistorischen Umständen der Konstruktion politischer westdeutscher Nationsvorstellungen nachgehen. Methodisch ist neben der bereits angeführten Gliederung zu erwähnen, dass ein vermittelnder Ansatz verfolgt werden soll, also der Versuch den vermeintlichen Gegensatz von
Akteuren und Strukturen zu überwinden. 4
Die Literaturlage für diese Arbeit ist ausgezeichnet. Das Thema Nation ist mehrfach untersucht worden und theoretisch sehr gut erfasst. Zu nennen sind an dieser Stelle die Studien von Bernhard Giesen, die für diese Arbeit essentiell sind. Über die Entwicklung der Deutschen Nation bis heute gibt es eine schier unübersehbare Zahl von Darstellungen, Meinungen und Studien. Diese Arbeit bezieht sich diesbezüglich vor allem auf die Werke von Otto Dann 5 und Dieter Langewiesche, 6 ebenso auf die Studie von Ernst-Wolfgang Böckenförde. 7 Die Literatur zur Nachkriegszeit ist ebenfalls zahlreich, man kann sich hier vor allem auf die Arbeit von Jörg Echternkamp berufen, der in zahlreichen Artikeln und Büchern die Nachkriegszeit bis zur
Gründung der Bundesrepublik analysiert hat. 8
Die Literaturlage bezüglich der Alliierten und der Deutschen Nation gestaltet sich ungleich schwieriger. Die alliierten Vorstellungen der Nachkriegsordnung und die Teilungspläne waren zu diffus, um eine klare Linie erkennen zu lassen, ihre Wirkung muss aber in die Betrachtung miteinbezogen werden. Dennoch ist die Literaturlage an dieser Stelle nicht befriedigend. Ein weiteres Problem ist in diesem Zusammenhang, dass sich viele Informationen in Übersichtsdarstellungen finden, die wiederum selbst eigene Akzente und Schwerpunkte setzen. Gerade im Bereich Anti-Kommunismus, Demokratisierung und Marktwirtschaft gibt es so gut wie keine ideologiefreie Darstellung, die den Effekt der Besatzung wissenschaftlich
3 Jörg Echternkamp, Verwirrung im Vaterländischen? Nationalismus in der deutschen Nachkriegsgesellschaft 1945-1960, in: Oliver Müller u.a. (Hrsg.), Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg und Krisen 1760-1960, München 2002, S. 219-246.
4 Vgl. Jörg Echternkamp, Von Opfern, Helden und Verbrechern, S. 302.
5 Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, München 1993.
6 Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, München 2000.
7 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat - Nation - Europa. Studien zur Staatslehre, Verfassungstheorie und Rechtsphilosophie, Frankfurt 1999.
8 z.B. Jörg Echternkamp, Nach dem Krieg. Alltagsnot, Neuorientierung und die Last der Vergangenheit 1945-1949, Zürich 2003.
4
untersucht. Ausnahme ist hier zum Beispiel die Arbeit von Gesine Schwan „Antikommunismus
und Antiamerikanismus in Deutschland.“ 9
2. Hauptteil
2.1 Die Deutsche Nation
Seit ich auf deutsche Erde trat, Durchströmen mich Zaubersäfte -Der Riese hat wieder die Mutter berührt, Und es wuchsen ihm neu die Kräfte. 10
2.1.1 Nation
Seit der französischen Revolution ist die Nation ein Grundbegriff unserer politischen Sprache. 11 Trotz einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Begriff Nation in der Öffentlichkeit 12 als auch in der Wissenschaft gibt es keinen Konsens über seine Bedeutung. 13 Die Forschung geht davon aus, dass Nationen nichts naturwüchsiges, 14 sondern das Produkt menschlicher Konstruktion sind 15 bzw. nach Anderson „imaginierte Gemeinschaften.“ 16 Eine Nation ist vielmehr „geistiges Prinzip“ 17 , ein „gesellschaftlich umfassender Kommunikationsprozeß“ 18 zur Hervorbringung eines gemeinschaftlichen Ordnungsprinzips und der normativen Idee der
„gerechten Gesellschaftsordnung“ 19 , die den Rahmen für ein Zugehörigkeitsgefühl stellt und stellen soll. 20 Damit einher geht hierbei die Vorstellung der bewussten Vergemeinschaftung, 21 der „politisch orientierten Bewußtseinsgesamtheit,“ 22 so dass eine Nation als „Willens-,
9 Gesine Schwan, Antikommunismus und Antiamerikanismus in Deutschland. Kontinuität und Wandel seit 1945, Baden-Baden 1999.
10 Heinrich Heine, Deutschland, S. 14.
11 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 12.
12 Vgl. Hagen Schulze sieht das Entstehen einer modernen Öffentlichkeit als Folge „der Bevölkerungsexplosion, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts den [europäischen] Kontinent ergriff, [...] der Umwälzung von Wirtschaft und Gesellschaft, [...] der Modernisierung der Verkehrs- und Postverbindungen, [...] der Verbreitung von Lese- und Schreibfähigkeit, der eine ungeheure Ausweitung der Buch- und Zeitschriftenliteratur entsprach.“ Hagen Schulze, Das Europa der Nationen, S. 69. Außerdem Bußhoff, Zu einer Theorie der politischen Identität: „Öffentlichkeit bezeichnet den mehr oder weniger klar bestimmten und institutionalisierten Rahmen, in dem etwas öffentlichen Charakter gewinnt oder annimmt.“ S. 27.
13 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 11; Jörg Echternkamp, Politik der Nation, S. 7.
14 Wolfgang Mommsen, Nation und Geschichte, S. 8.
15 Vgl. Bernhard Giesen, Nationale und kulturelle Identität, S. 13, Klaus von Beyme, Deutsche Identität zwischen Nationalismus und Verfassungspatriotismus, S. 89.
16 Benedict Anderson, Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, London 2002.
17 Ernest Renan, Was ist eine Nation, S. 34.
18 Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 33.
19 Tilman Mayer, Prinzip Nation, S. 17.
20 Über Zugehörigkeit: Vgl. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat - Nation - Europa, S. 38; Bernhard Giesen, nationale und kulturelle Identität, S. 14; Jörg Echternkamp, Verwirrung im Vaterländischen?, S. 245; Bernd Estel, Das Prinzip Nation in modernen Gesellschaften, S. 15.
21 Vgl. Tilman Mayer, Prinzip Nation, S. 23.
22 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat - Nation - Europa, S. 38.
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Bekenntnisgemeinschaft“ 23 aber auch als „Emotionsgemeinschaft“ 24 verstanden wird 25 und werden soll. Angeknüpft an diese Voranstellungen ergibt sich konsequenterweise die Notwendigkeit des Konsenses als Basis einer Nation. So bezeichnet Ursula Besser eine Nation als einen „Willensakt, keine Verordnung und keine eigenständige Institution, sondern ein[en]
ständige[n] Bekenntnisvorgang“ 26 und greift dabei Renans Idee der Nation als ständiges Plebiszit auf. Auch Ernest Gellner schließt sich dieser Idee an, 27 ebenso wie Otto Dann 28 und Ernst-Wolfgang Böckenförde. 29 Die Nation muss also von der Masse getragen werden und verliert dadurch ihren rein konstruierten, abstrakten Charakter. Denn obwohl es sich bei der Nation um
eine „imaginierte, auf gemeinsamen Vorstellungen beruhende Einheit“ 30 handelt, ist sie dennoch real und wirkmächtig. 31
So liegt das Erkenntnisinteresse der Forschung nicht mehr im Beweis einer unveränderlichen Nation, orientiert an wechselnd zugeschriebenen Merkmalen wie Sprache, Geschichte und Religion, sondern im Verstehen der Prozesse, die zur Zuschreibung von diesen
Merkmalen führen. 32 Als „wichtigster konzeptioneller Rahmen“ 33 der modernen Nationenbildung dient, wie die Begrifflichkeit es schon andeutet, die Moderne. An dieser Stelle offenbart sich auch eine gewisse Uneinigkeit in der Forschung. Während die Nation als
„historisches Subjekt“ 34 und historisches Faktum nur im Kontext der Moderne verstanden werden kann und somit ein „Phänomen der Moderne“ 35 ist, weisen verschiedene Wissenschaftler darauf hin, dass es sich bei der Nation nicht nur um ein Produkt der Moderne handelt, sondern
um ein gesellschaftliches Ordnungsprinzip, 36 dem durch die Moderne seine spezifischen Parameter zugewiesen wird, denn „das menschliche Gattungsleben zeugt im Laufe der
Jahrtausende aus seinem Schoße die mannigfaltigsten Formen der Gemeinschaft.“ 37
23 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat - Nation - Europa, S. 34.
24 Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 33.
25 Vgl. ähnliche Ansätze bei Werner Conze, Die Deutsche Nation, S. 9; Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland, S. 36; Shmuel Noah Eisenstadt, Theorie und Moderne, S. 207; Bernhard Giesen, Nationale und kulturelle Identität, S. 13; Jörg Echternkamp, Die Politik der Nation, S. 6, Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat -Nation - Europa, S. 37.
26 Ursula Besser, Die Rolle der Nation in der deutschen Gegenwart, S. 233.
27 Vgl. Ernest Gellner, Nationalismus und Moderne, S. 84.
28 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 13.
29 Vgl. Ernst-Woflgang Böckenförde, Staat - Nation - Europa, S. 43.
30 Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland, S. 47.
31 Vgl. Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland, S. 48.
32 Vgl. Jörg Echternkamp, Perspektiven einer politik- und kulturgeschichtlichen Nationalismusforschung, S. 6.
33 Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland, S. 46.
34 Tilman Mayer, Prinzip Nation, S. 144.
35 Shmuel Eisenstadt, Moderne und Theorie, S. 207.
36 Vgl. Tilman Mayer, Prinzip Nation, S. 44.
37 Karl Renner, Die Nation, S. 17.
6
Was nun die Nation, diese moderne Form der Gemeinschaft, zu Beginn des
19. Jahrhunderts auszeichnet, ist zunächst ein emanzipatorisch-freiheitliches, ja anti-feudales 38 Moment. Die Idee zur „Kampfansage an die überlieferte Ständegesellschaft mit ihrem dichten
Geflecht an Privilegien und Ausgrenzungen.“ 39 Das Konzept der Nation war somit ein Gegenentwurf zum Gottesgnadentum. 40 Anstelle des Monarchen trat nun die Idee der Volkssouveränität, und damit einhergehend die Idee der Menschen- und Bürgerrechte, was sich auch im Krieg als „Waffe“ bewährte, wie die Napoleonischen Kriege deutlich zeigten. 41 Auch fällt der Aufstieg der nationalen Idee mit dem Machtzerfall der Kirche 42 zusammen, wie unter anderem in der These von Dieter Langewiesche deutlich wird; nämlich dass es sich bei der
modernen Nation um einen Religionsersatz bzw. eine Säkularreligion handelt. 43 So wird dem oben bereits angeführten Phänomen der Bindungslosigkeit in der Moderne das übergreifende Konzept der Nation - freilich unbewusst - entgegengestellt, unter deren Dach sich die
verschiedensten sozialen Differenzen einebnen lassen. 44
Ein weiteres Indiz, das die These von der Nation als Gottesersatz stützt, ist das ihr inhärent immanente Erlösungsmotiv. 45 Dem Diesseits wird eine ideelle Ordnungsebene übergestülpt, 46 die Nation wird zur Utopie. Einen konkreten Inhalt hat das Konzept der Nation nicht, denn erst durch den hohen Abstraktionsgrad wird das Konzept der Nation für die Masse zugänglich. Ähnlich dem Gottesbegriff hat das Nationenkonzept einen subjektiv-flexiblen Charakter: Dem Einzelnen bleibt es überlassen, das Konzept mit seinen subjektiven
Vorstellungen zu füllen. 47
2.1.2 Deutsche Nationalentwicklung
Trotz des Versuchs, eine allgemeine Formel für die Begriffe Nation zu finden, steht das Gebot
Böckenfördes, dass Nationen individuell historisch untersucht werden müssen, 48 denn „es sind jeweils die konkreten Entstehungsbedingungen nationaler Selbstfindung und kollektiver Bewusstseinsbildung, die zur Verschiedenheit der Nationbegriffe und der nationalen Identitäten führen und geführt haben.“ 49 So unterscheidet die Wissenschaft grundlegend zwischen subjektiv-
38 Vgl.Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland, S. 145.
39 Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 192.
40 Vgl. Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland, S. 47.
41 Vgl. Hagen Schulze, Das Europa der Nationen, S. 70.
42 Vgl. Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 33.
43 Vgl. Ebd., S. 34.
44 Vgl. Bernhard Giesen, Vom Patriotismus zum Nationalismus, S. 260.
45 Vgl. Ebd., S. 303.
46 Vgl. Ebd., S. 259.
47 Vgl. Jörg Echternkamp, Perspektiven einer politik- und kulturgeschichtlichen Nationalismusforschung, S. 8.
48 Vgl. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat - Nation - Europa, S. 42.
49 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat - Nation - Europa, S. 44.
7
politischer Nation und objektiv-kultureller Nation. 50 Während die französische Nation sich im Rahmen eines vorgegebenen, auf subjektiven Merkmalen basierendes, Staatsgebilde herauskristallisierte und somit eine subjektiv-politische bzw. politisch voluntative Nation par excellence ist, ist die Deutsche Nation eine auf vermeintlich objektiven und kulturellen Merkmalen basierende Nation. So sehen die Franzosen bspw. ihren Staat als Grundlage für die
Nation, während die Deutschen die Nation als Grundlage für den Staat betrachten. 51 Obwohl schon im Mittelalter Hinweise auf eine „deutsche Nation“ zu finden sind, 52 gelten doch die Napoleonischen Kriege als Katalysator für die Entstehung einer deutschen
Nationalbewegung. 53 Nicht zuletzt durch den napoleonischen Reformdruck war das Heilige Römische Reich Deutscher Nation 1806 zerfallen 54 und eine Besinnung auf das deutsche Volkstum induziert worden. 55 Hierbei formte sich die Deutsche Nation zunächst in der Auseinandersetzung mit Frankreich aus, so dass Winkler vom Deutschen Nationalismus auch als
„Abwehrideologie“ 56 zunächst gegen die Franzosen ausgeht. Die Fremdbestimmung durch die Franzosen war ein einschneidendes Erlebnis für die Deutschen und veränderte ihre nationale Wahrnehmung grundlegend. 57 Die im 18. Jahrhundert entstandene bürgerliche Bildungsgesellschaft verstand sich als Kulturnation, die sich dem Oktroi der französischen
Kultur entziehen wollte. 58
Die „Erwecker der Nation [knüpften] an Kriterien an, die für die Kulturnation als die Eigenart des Volkes ausmachend hervorgehoben und bewußt gemacht worden waren, an
Sprache, Geschichte und Kultur,“ 59 denn es stand kein staatliches Gebilde zur Verfügung und so wurden die, die Kulturnation definierenden, Merkmale „ins Politische gewendet, d.h. sie wurden - der politischen Zielrichtung entsprechend - zu bestimmenden Merkmalen einer potentiellen Staatsnation gemacht, die auf eine eigene staatlich-politische Ordnung als Form der Freiheit
orientiert war.“ 60
Die Hauptakteure der deutschen Nationalbewegung waren zunächst vor allem Schriftsteller, Journalisten, Theologen und Lehrer, wie z. B. Turnvater Jahn, Ernst Moritz Arndt oder Johann Gottlieb Fichte, die predigten, dass die Liebe zum Vaterland die größte Religion sei
50 Vgl. Hagen Schulze, Das Europa der Nationen, S. 73; Böckenförde nennt diese beiden Pole „politisch-voluntativ“ und „ethnisch-kulturell“, S. 34, Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus, S. 12.
51 Vgl. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat - Nation - Europa, S. 56.
52 Vgl. Tilmann Mayer, Prinzip Nation, S. 42; Werner Conze, „Deutschland“ und „deutsche Nation“ als historische Begriffe, S. 22.
53 Vgl. Walter Hofer, Die Frage der deutschen Einheit in ausländischer Sicht, S. 68.
54 Vgl. Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 192.
55 Vgl. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat - Nation - Europa, S. 40.
56 Heinrich August Winkler, Nationalismus und nationale Frage in Deutschland seit 1945, S. 12.
57 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 302.
58 Vgl. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat - Nation - Europa, S. 47.
59 Ebd., S. 49.
60 Ebd.
8
und dass die Deutschen edle, reine Geister seien. Sie stifteten so ein Bild des deutschen Volkes, das nur wenig mit der echten Geschichte zu tun hatte. Dieses Bild der deutschen Nation war „ein konstruiertes Weltbild, zusammengesetzt aus Geschichtslegenden, Erwähltheitsglauben und der
Vorstellung einer deutschen Mission.“ 61 Die Zeit des so genannten Vormärzes war der „Durchbruch einer gesamtdeutschen Nationalbewegung.“ 62
Die „nationalpolitische Aufbruchstimmung“ 63 machte sich überall bemerkbar, auch in Form öffentlicher Feste und so kam es schließlich in Kombination mit zunehmenden politischen
und sozialen Problemen zur „gescheiterten Revolution“ 64 von 1848/1849. 65 Doch auch wenn die Nationalbewegung ihre Bewährungsprobe nicht bestehen konnte, wie Dieter Langewiesche es
ausdrückt, 66 da die staatlichen Ziele nicht verwirklicht werden konnten, wurde dennoch ein Demokratisierungsprozess eingeleitet 67 und schließlich die Basis für die Staatsgründung 1871 gelegt, denn erst mit der gescheiterten Revolution wurden die „Deutschen in den Staaten des
Deutschen Bundes endgültig zu einer Nation.“ 68 Diese Nation stieß nun sozusagen auf die machtpolitischen Überlegungen Bismarcks, denn „aus der Nation, die die Nationalbewegung getragen hatte, [war] eine Staatsnation geworden.“ 69
Diese Staatsnation war ein Kompromiss. Bismarck, überzeugter Preuße, betrachtete die Nationalbewegungen mit Skepsis, aber auch als Mittel zum Zweck seiner machtpolitischen
Überlegungen zur Erweiterung Preußens. 70 Obwohl er die „vollkommen freistehende[n], souveräne[n] süddeutsche[n] Staaten“ 71 Hessen-Darmstadt, Baden, Bayern und Württemberg in die Reichsgründung mit einbezog, gestand er ihnen viele Freiheiten zu. 72 So ging er auf den Wunsch der Nationalbewegungen nach einem „Gesamtdeutschland“ ein, verhinderte aber deren
Ziel, „Deutschland zur führenden und herrschenden Macht Europas zu machen.“ 73 Der Preis für die nationalstaatliche Einheit war die Aufgabe der revolutionären Ziele. 74 Außerdem blieben die alten Strukturen erhalten, was dazu führte, dass die „Nation ihren neuen Staat nicht politisch
gestalten konnte.“ 75 Zunehmend verlagerte sich der Nationalstolz auf den Nationalstaat und nicht
61 Klaus Wiegrefe, Die Erfindung der Deutschen, S. 17/18.
62 Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 102.
63 Ebd., S. 126.
64 Ebd., S. 302.
65 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 112.
66 Vgl. Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 200.
67 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 129.
68 Ebd., S. 130. Dann betont, dass es niemals eine zentrale Bewegung gab. Die Nationalbewegung hatte in jeder Region ein anderes Gesicht.
69 Ebd., S. 165.
70 Vgl. Klaus von Beyme, Die deutsche Identität zwischen Nationalismus und Verfassungspatriotismus, S. 83.
71 Sebastian Haffner, Von Bismarck zu Hitler, S. 40.
72 Vgl. Ebd., S. 46.
73 Ebd., S. 47.
74 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 174.
75 Ebd., S. 157.
9
mehr auf die vorherigen Ideale der Nationalbewegung. 76 Die Erörterung von Gründen für diese Veränderung des Begriffs Nation führt an dieser Stelle zu weit, und so soll nur festgehalten werden, dass, was bisher „national“ sein bedeutet hatte, also das Eintreten für Freiheit und
Fortschritt, „fortan in erster Linie antiinternational und sehr häufig auch bereits antisemitisch“ 77 bedeutete.
An der Phase des so genannten Hochimperialismus kann die fundamentale Veränderung der Bedeutung des Begriffs „national“ aufgezeigt werden. So verband sich die Idee des Nationalismus mit der Idee des Imperialismus, obwohl beide Ideen eigentlich Antagonismen sind, wie Sebastian Haffner passend bemerkt: „Nein, der wahre Gegensatz zu Nationalismus heißt Imperialismus. Die Alternative zu einer Welt der souveränen Nationen ist das universale Imperium.“ 78 Die Gleichheit der Nationen, bisher dem Nationalprinzip inhärent, wich einem überzogenen „entliberalisierten, militarisierten, antisemitisch und somit entbürgerlichtem
Radikalnationalismus,“ 79 auch integraler Nationalismus genannt, mit rassistischem Ansatz, so dass der Erste Weltkrieg ein Krieg der „nationalen Konkurrenz [... war], ein großes Kräftemessen zwischen den führenden Staaten, das die kleinen in Mitleidenschaft zog.“ 80 Waren die Deutschen noch mit Begeisterung in den Ersten Weltkrieg gezogen, so war die Ernüchterung über den Versailler Vertrag in den Zwischenkriegsjahren prägend für die deutsche Nation. Doch kann dem Vertrag von Versailles nicht die Schuld für das Scheitern der Weimarer Republik gegeben werden, denn wesentlich für den nationalsozialistischen Aufstieg war im Endeffekt die Tatsache, dass „sowohl die deutsche Verantwortung für die Auslösung des Krieges, als auch die Politik Deutschlands während des Krieges nicht kritisch aufgearbeitet, sondern aus dem Bewußtsein verdrängt wurde. Diese kollektive Verdrängung bildete den Nährboden für das rasche Erstarken einer militanten Revanchestimmung.“ 81
Und so entwickelte sich der Nationalismus entgegen seinem ursprünglichen Anspruch zu
einem „Kampfmittel gegen die Weimarer Republik.“ 82 Außerdem hatte Hitler mit der Aufwertung der Nation „zugleich einen Beitrag zur Hebung des kollektiven Selbstgefühls“ 83 geleistet und konnte so die von Statusängsten geprägte Mittelschicht für sein „germanischdeutsches“ Reich gewinnen, das mit den nationalstaatlichen Hoffnungen des 19. Jahrhunderts
nichts mehr gemeinsam hatte. 84
76 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 166.
77 Heinrich August Winkler, Nationalismus, Nationalstaat und nationale Frage in Deutschland seit 1945, S. 13.
78 Sebastian Haffner, Nationalismus ist auch anders, S. 169.
79 Dieter Langewieschen, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 211.
80 Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 208.
81 Heinrich August Winkler, Nationalismus, Nationalstaat und nationale Frage in Deutschland seit 1945, S. 14.
82 Dieter Langewieschen, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 213.
83 Heinrich August Winkler, Nationalismus, Nationalstaat und nationale Frage in Deutschland seit 1945, S. 14.
84 Vgl. Dieter Langewieschen, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 215.
10
Während der zwölf nationalsozialistischen Jahre stand die Nation im Mittelpunkt aller Politik ebenso wie in der Lebenswirklichkeit der Menschen. Die Vaterlandsliebe wurde zur obersten Pflicht erhoben, wurde aber spätestens 1944/1945 ad absurdum geführt, denn „wo ein Kind im Volkssturm verheizt, die eigene Stadt bombardiert und schließlich das Ende des deutschen Nationalstaates besiegelt wurde, war schmerzlich spürbar, wie das zerstörerische Potential der nationalistischen Vorstellung bei Kriegsende auf die Deutschen in ihrem Namen zurückschlug.“ 85
2.2 Die Deutsche Nation und die Katastrophe
Die Befreiung ist eine grausame und harte Enttäuschung. Wenn nicht ein Wunder geschieht, geht das deutsche Volk zugrunde, langsam, aber sicher! 86
2.2.1 Katastrophe oder Befreiung? - Das Kriegsende
Mit dem 8. Mai 1945 wurde die Niederlage des Deutschen Reiches endgültig besiegelt, nach
dem eine dezentrale Kapitulation schon längst begonnen hatte. 87 Die Niederlage war schon seit der Eroberung der Westfront durch die Amerikaner am 21. Oktober 1944 überdeutlich, 88 an den Endsieg glaubte zu diesem Zeitpunkt in der Bevölkerung kaum jemand mehr. 89 Jörg Echternkamp spricht an dieser Stelle von einem „Kriegsende auf Raten.“ 90 Auch wenn das offizielle Kriegsende auf den 8. Mai 1945 datiert wird, 91 ist das persönliche Kriegsende der subjektiven Lebenssituation zu entnehmen. 92 Während für KZ-Häftlinge in Auschwitz das Kriegsende mit der Befreiung des Lagers im Januar 1945 eintrat, 93 endete der Krieg für deutsche Kriegsgefangene erst lange Zeit später. 94 Noch am 8. Mai 1945 wurden deutsche Verwundetenabzeichen an Soldaten in Lazaretten verliehen. 95
85 Jörg Echternkamp, Verwirrung im Vaterländischen?, S. 219.
86 Konrad Adenauer, Briefe 1945-1947, S. 419, zitiert nach: Henning Köhler, Deutschland auf dem Weg zu sich selbst, S. 455.
87 Vgl. Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 13.
88 Vgl. Jörg Echternkamp, Nach dem Krieg, S. 7.
89 Vgl. Klaus Bölling, Die zweite Republik, S. 16.
90 Jörg Echternkamp, Nach dem Krieg, S. 7.
91 Symptomatisch für dieses „Kriegsende auf Raten“ ist, dass das offizielle Kriegsende zwar auf den 8. Mai datiert wird, aber die Kapitulationsunterzeichnungen von Jodl und Keitel eigentlich am 7. und 9. Mai unterzeichnet wurden. Vgl. Theodor Eschenburg, Jahre der Besatzung, S. 21.
92 Vgl. Peter Hurrelbrink, Der 8. Mai 1945, S. 39; Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung, S. 37.
93 An dieser Stelle muß allerdings daraufhingewiesen werden, dass die Befreiung der Konzentrationslager nicht automatisch die Befreiung der Insassen bedeutete, da viele auf den so genannten Todesmärschen ums Leben kamen oder an den Folgen der Haft unmittelbar nach ihrer Befreiung starben. Vgl. Michael Brenner, Nach dem Holocaust, S. 13/14.
94 Vgl. Matthias Reiß, Keine Gäste mehr, sondern die Besiegten, S. 157.
95 Besitzzeugnis über das Verwundetenabzeichen in Schwarz vom 8. Mai 1945, vergeben an Josef Knoche. Archiviert in: Haus der Geschichte, EB-Nr. 2009/03/0140. Nach Angaben des Empfängers fand die Verleihung nicht unter dem Eindruck der Kapitulation statt.
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Doch wird das Kriegsende und der Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ seit der Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 weitestgehend als Befreiung empfunden, 96 so war die „Stimmung unter den Geschlagenen“ 97 im Mai 1945 zunächst vor allem von „dumpfer, tiefer Erstarrung“ 98 geprägt, auch wenn sich Erleichterung darüber, „noch mal davongekommen zu sein“, 99 breit machte. 100 Nur eine Minderheit dieser deutschen „Zusammenbruchgesellschaft“ 101 empfand die absolute Niederlage als Befreiung. Schließlich offenbarte das Ende des Krieges eine gesellschaftliche Katastrophe: obwohl die unmittelbaren Kriegshandlungen beendet waren und der Mai des Jahres 1945 ein besonders schöner und
warmer Frühling war, 102 wurden die Folgen des 1943 ausgerufenen totalen Krieges nun schmerzhaft spürbar. 103 So schreibt Hannah Lippold am 8. Mai 1945 in ihr Tagebuch: „Kriegsende. Was für finstre [sic!] Mächte sind am Werk, die zulassen, dass so viele Opfer umsonst gewesen sind, dass ein so anständiges und fleissiges [sic!] und tapferes Volk so
geschlagen wird.“ 104 Dieser Eintrag einer unbekannten Zivilistin beleuchtet nicht nur die Verzweiflung über die von Not gezeichnete Situation, sondern verdeutlicht auch, dass sich die deutsche Bevölkerung vielfach als Opfer wahrnahm.
2.2.2 Die Opfernation
Während das Ausland die bedingungslose Kapitulation nicht nur feierte, 105 sondern auch als die notwendige Reaktion auf die Aggression des Deutschen Reiches betrachtete, verstanden die
meisten Deutschen sich als Opfer höherer Umstände. 106 Diese Opfermentalität findet sich bereits am Vorabend des Ersten Weltkriegs, welcher als Verteidigungskrieg empfunden wurde. 107 Auch die Bedingungen des Versailler Friedens stärkten häufig den Eindruck, unverhältnismäßig leiden zu müssen. Auch beim Angriffskrieg auf Polen ist, wie Henning Köhler herausstellt, kein klares
Schuldbewusstsein zu erkennen gewesen. 108
96 Hans Maier, Niederlage und Befreiung. Der 8. Mai 1945 und die Deutschen, S. 13.
97 Ebd., S. 8.
98 Ebd.
99 Hermann Glaser, 1945, S. 112.
100 Vgl. Hans Maier, Niederlage und Befreiung. Der 8. Mai 1945 und die Deutschen, S. 8.
101 Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung, S. 39.
102 Vgl. Hermann Glaser, 1945, S. 60.
103 Vgl. Hans Maier, Niederlage und Befreiung. Der 8. Mai 1945 und die Deutschen, S. 8; Jörg Echternkamp, Nach dem Krieg, S. 15-74. Echternkamp beschreibt sehr detailliert und ausführlich die deutschen Kriegsfolgen; Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung, S. 39-53.
104 Hannah Lippold in ihrem Tagebuch am 08.05.1945. Archiviert in: Haus der Geschichte, EB-Nr. 2008/10/0073.
105 Vgl. Mieczyslaw Rakowski, Die „Stunde Null“ aus der Sicht eines Polen, S. 23.
106 Vgl. Elizabeth Heinemann, Die Stunde der Frauen, S. 154.
107 Vgl. Werner Conze, Die Deutsche Nation, S. 102; Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus, S. 56.
108 Vgl. Henning Köhler, Deutschland auf dem Weg zu sich selbst, S. 437.
12
Nach dem Zweiten Weltkrieg nun stilisierte sich die deutsche Bevölkerung in großen
Teilen zum Opfer Hitlers. 109 Da der Sturz des Hitler-Regimes eher als Katastrophe denn als Befreiung wahrgenommen wurde, blieb die deutsche Opferrolle auch unter alliierter Besatzung
bestimmendes Moment in der Selbstwahrnehmung. 110 Genährt wurde diese Wahrnehmung durch die Erfahrungen der deutschen Bevölkerung in den letzten Kriegswochen und der unmittelbaren Zeit nach der Kapitulation. Das Leid des Bombenkrieges, der sich zunächst gegen die deutsche Zivilbevölkerung gerichtet 111 und die meisten deutschen Städte in Trümmerlandschaften verwandelt hatte, kumulierte mit der enormen Zahl der Vertriebenen bzw. generell den
„riesenhaften Fluchtbewegungen,“ 112 der Versorgungsnot, den persönlichen Verlusten von Angehörigen, dem Zerfall jeglicher staatlichen Sicherheit bzw. der allumfassenden Existenzunsicherheit und den Gräueltaten vor allem der Roten Armee zu einer großen, umfassenden Erfahrung von Leid und Not. Zeugen dieser Leiden sind zahlreiche (Bild-) Ikonen
der Zerstörung Deutschlands. Ein „nationales Ethos“ 113 war auch nach dem verlorenen Krieg vorhanden und entzündete sich immer „wieder an den Zeiten nationalen Leidens.“ 114 In der Umgebung dieses „nationalen Viktimisierungsdiskurs,“ 115 der nicht zuletzt dem Zweck diente, „den eigenen Anspruch auf materielle Restitution und symbolische Rehabilitation
historisch zu fundieren,“ 116 verblassten die Leiden der Angehörigen anderer Nationen. 117 So trägt Michael Brenner in seinem Buch auf erschreckende Weise zusammen, wie Juden in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland weiterhin verfolgt und gedemütigt wurden. Brenner schildert verstörende Szenen aus Nachkriegsdeutschland, die dem öffentlichen
„Philosemitismus“ 118 diametral entgegenstanden. 119
2.2.3 Die Auseinandersetzung mit der „Kollektivschuld“
Während die deutsche Bevölkerung unterschwellig weiterhin mit antisemitischen Ressentiments
durchzogen war, 120 konnten diese in der Öffentlichkeit nicht mehr artikuliert werden; ganz im Gegenteil wurden jüdische Freunde und Bekanntschaften nun zum „Reinwaschen“ der eigenen
109 Vgl. Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen, S. 109.
110 Vgl. Elizabeth Heinemann, Die Stunde der Frauen, S. 157; Robert G. Moeller, Deutsche Opfer, Opfer der Deutschen, S. 33; Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 46; Jörg Echternkamp, Verwirrung im Vaterländischen?, S. 228.
111 Vgl. Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung, S. 45.
112 Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung, S. 39.
113 Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus, S. 15.
114 Ebd.
115 Jörg Echternkamp, Von Opfern, Helden und Verbrechern, S. 306.
116 Ebd.
117 Vgl. Ebd.
118 Michael Brenner, Nach dem Holocaust, S. 77.
119 So berichtet Brenner von einem Pfändungsbefehl aus dem Jahr 1946, der einer wieder gegründeten jüdischen Gemeinde, auf Grund von Säumniszahlungen, für die Jahre 1938-1945 ausgestellt wurde: Michael Brenner, Nach dem Holocaust, S. 82/83.
120 Vgl. Michael Brenner, Nach dem Holocaust, S. 79.
13
Verwicklungen in den Nationalsozialismus benutzt. 121 Antisemitismus war nicht mehr „salonfähig“ 122 und die westlichen Alliierten waren sehr darauf bedacht, die deutsche Bevölkerung mit den Verbrechen, die nicht zuletzt in den Konzentrationslagern begangen worden waren, zu konfrontieren. Konnte sich die deutsche Bevölkerung mit der Formel „Wir
haben nichts gewusst!“ 123 von einer unmittelbaren Schuld vermeintlich distanzieren, beherrschte der Terminus „Kollektivschuld“ bald die öffentliche Debatte. Auf der einen Seite war die Bevölkerung zwar zunächst mit den Kriegsschäden und dem täglichen Überleben beschäftigt, auf der anderen Seite aber fand eine breite öffentliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus statt, auch wenn es sich hierbei „in erster
Linie um ein publizistisches Ereignis“ 124 handelte. Zahlreiche Publikationen behandelten das Thema Schuld und Verantwortung ausführlich. 125 Man gewinnt den Eindruck, dass die deutsche Öffentlichkeit in der unmittelbaren Nachkriegszeit von der Schuldfrage „manisch besessen“ 126 war und es sich in dieser Zeit noch keine Verdrängung einsetzte, 127 auch wenn die meisten Deutschen ihre persönliche Schuld ablehnten und sich im Privaten weitestgehend nicht mit der Schuldfrage auseinandersetzten. 128
Der zentrale Streitpunkt in dieser „Schuld-Debatte“ war die Frage nach einer Kollektivschuld der Deutschen am Holocaust und den anderen Verbrechen, die im Namen des Nationalsozialismus begangen wurden. Grundlegende Problematik hierbei war in erster Linie, dass mit einer Kollektivschuld sowohl die Betonung der Schwere der nationalsozialistischen
Verbrechen als auch die Relativierung der individuellen Schuld bewirkt wurde. 129 Eine weitere Problematik ergab sich im Zuge der Kollektivschuld-Debatte, die ja vor allem moralischer Natur
war, 130 in philosophischer Form. Um eine Kollektivschuld denken zu können, muss man das Kollektiv als Grundlage ansetzen, denn „Kollektivschuld impliziert immer auch ein vorhandenes
Kollektiv.“ 131 Teilweise wurde dies auch vertreten, so äußerte sich Roosevelt vor Kriegsende gegenüber Morgenthau wie folgt: „Wir müssen Deutschland gegenüber hart sein, und ich meine das gesamte deutsche Volk, nicht nur Nazis. Man muß entweder alle Deutschen kastrieren oder sie so behandeln, daß sie sich nicht einfach fortpflanzen können und Menschen hervorbringen,
121 Vgl. Michael Brenner, Nach dem Holocaust, S. 77.
122 Jörg Echternkamp, Verwirrung im Vaterländischen?, S. 245.
123 Klaus Naumann, Zwischen Tabu und Skandal, S. 41.
124 Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus, S. 26.
125 Vgl. Klaus Naumann, Zwischen Tabu und Skandal, S. 43.
126 Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus, S. 85.
127 Vgl. Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus, S. 85. Unterstützt wurde diese Auseinandersetzung von den aufwändigen Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg, über die ausführlich in den Medien berichtet wurde: Jörg Echternkamp, Von Opfer, Helden und Verbrechern, S. 304.
128 Vgl. Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus, S. 43.
129 Vgl. Ebd., S. 89/90.
130 Vgl. Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus, S. 72.
131 Ebd., S. 70.
14
die so weitermachen wollen, wie sie es in der Vergangenheit getan haben.“ 132 Doch schnell stellte es sich als wenig sinnvoll heraus, das gesamte deutsche Volk als Verbrecher anzuklagen. So verzichtete die Anklage in den Nürnberger Prozessen auf eine kollektive Anklage und bemühte sich um die Verurteilung der eigentlichen Verbrecher. Dies wiederum wies die Schuld
einer verbrecherischen Clique zu, denen die Deutschen glaubten zum Opfer gefallen zu sein. 133 Darüber hinaus ließen sich Gruppen wie Widerstandskämpfer, deutsche KZ-Insassen wie z. B. Kurt Schumacher, und Remigranten nicht in das Konzept der Kollektivschuld einbinden,
wogegen sie sich auch aussprachen. 134 Schließlich sollte auf diesen Teilen der deutschen Gesellschaft der Neuanfang begründet werden. So kristallisierte sich eine Trennung der deutschen Nation heraus: Auf der einen stand das „gute“ bzw. das „andere“ Deutschland, auf der anderen Seite das Deutschland Hitlers.
Außerdem wurde die Abwehr einer Kollektivschuld eine vermeintlich nationale Notwendigkeit, aus der sich ein Nationalbewusstsein bildete. Viele Deutsche begannen sich „in einem elementareren Maße als Deutscher zu fühlen, als dies vielleicht jemals zuvor der Fall gewesen war.“ 135
2.2.4 Rückbesinnung auf das Abendland und das Christentum
Mit dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ zerfiel auch der Nationalstaat als Projektionsfläche für nationale Gefühle, die auch nach der Kapitulation in der Bevölkerung noch
vorhanden waren. 136 Mehr noch war der deutsche Nationalismus in der Öffentlichkeit vollkommen diskreditiert 137 und die bisherigen Geschichtsbilder taugten nicht länger als identitätsstiftende Elemente. 138 So knüpfte man an Ideen aus der vor-nationalsozialistischen Zeit 139 und an die Idee des christlichen Abendlandes an, in dessen Mitte man sich immer noch einen Platz erhoffte bzw. an dessen Tradition man anknüpfen wollte, auch als „Gegenentwurf zum Nationalsozialismus.“ 140 Als Abendland begriff man das Konglomerat aus der römischhellenistischen Antike, dem Christentum und den germanisch-romanischen Völkern, in dessen Tradition sich auch die Deutschen wieder sehen wollten, zumindest die deutsche
Intelligenzija. 141
132 Zitiert nach: Warren F. Kimball, Aus der Sicht Washingtons, S. 67.
133 Vgl. Jörg Echternkamp, Nach dem Krieg, S. 206.
134 Vgl. Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus, S. 44.
135 Ebd., S. 78.
136 Vgl. Klaus von Beyme, Deutsche Identität zwischen Nationalismus und Verfassungspatriotismus, S. 87.
137 Vgl. Jörg Echternkamp, Verwirrung im Vaterländischen?, S. 219.
138 Vgl. Rudolf Vierhaus, Geschichtsbewußtsein in Deutschland, S. 89.
139 Vgl. Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus, S. 33.
140 Manfred Overesch, Renaissance und Restauration, S. 41.
141 Vgl. Axel Schildt, Zwischen Abendland und Amerika, S. 24.
15
So wurden zahlreiche publizistische Organe gegründet, so z. B. die Zeitschriften „Neues
Abendland“ im Jahr 1946, 142 und „Merkur - Die Zeitschrift für europäisches Denken“ im Jahre 1947. 143 Ebenso bezeichnend für die Zeit brachte Dolf Sternberger ab 1945 eine Zeitschrift mit dem Namen „Die Wandlung“ heraus. Auch die Altphilologie erlebte eine Renaissance, 144 ebenso wie die Bezugnahme auf Goethe und der Aufbau altsprachlicher Gymnasien. 145 Man wollte sich von den Folgen der Säkularisierung distanzieren, an deren Ende der Nationalsozialismus angesiedelt wurde, 146 und so erfüllte das etwas schwammige Konzept des Abendlandes, welches nicht wirklich definiert werden konnte und kann, 147 „in geradezu idealer Weise politischkulturelle Anforderungen der Nachkriegsjahre: In dieser Gedankenwelt hatten nationalistische
Ressentiments keinen legitimen Platz, sie wurden in eine Randexistenz gedrängt.“ 148 Als Chronist und Motor dieser „Wiederentdeckung“ des Abendlandes kann Friedrich Meinecke gesehen werden, der in seinem Werk „Die deutsche Katastrophe“ postuliert, dass die Deutschen „keiner radikalen Umschulung“ bedürfen, um „wieder als Glied in der abendländischen Kulturgemeinschaft [...] wirksam zu werden,“ denn „der deutsche Geist, so dürfen wir hoffen und glauben, hat noch, nachdem er zu sich selbst zurückgefunden hat, seine besondere und
unersetzliche Mission innerhalb der abendländischen Gemeinschaft zu erfüllen.“ 149 Dieser Ansatz wurde im Wesentlichen vom Bildungsbürgertum verinnerlicht 150 und meist auch nur dort, denn die abendländischen Renaissanceversuche erwiesen sich nicht als volksnah. 151 Volksnah dagegen agierte die katholische und protestantische Kirche, die nach dem Zusammenbruch vermeintlich als einzige Institution den Nationalsozialismus ohne
Kompromittierung überlebt hatte, 152 obwohl Teile der Kirche tief in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen waren. 153 Auch scheint der religiöse Antisemitismus, der in der Nachkriegszeit weiterhin vertreten wurde, 154 in dieser Zeit kaum negative Beachtung gefunden zu haben. 155 Die Kirchen halfen der Bevölkerung in ihrer täglichen Not 156 was nicht zuletzt auf
142 Vgl. Axel Schildt, Zwischen Abendland und Amerika, S. 23, Bis in die 60er Jahre hinein wurde die Idee eines Abendlandbild konstruiert, siehe z. B.: Peter Rassow, Die geschichtliche Einheit des Abendlandes. Reden und Aufsätze, Köln (u.a.) 1960.
143 Vgl. Theodor Eschenburg, Jahre der Besatzung, S. 280 xii.
144 Vgl. Manfred Overesch, Renaissance und Restauration, S. 45.
145 Vgl. Ebd., S. 45/46.
146 Vgl. Axel Schildt, Zwischen Abendland und Amerika, S. 32.
147 Vgl. Ebd., S. 22.
148 Ebd., S. 197.
149 Friedrich Meinecke, Die deutsche Katastrophe, S. 173.
150 Vgl. Axel Schildt, Zwischen Abendland und Amerika, S. 29.
151 Vgl. Manfred Overesch, Renaissance und Restauration, S. 50.
152 Vgl. Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung, S. 59.
153 Vgl. Herman Glaser, 1945, S. 325.
154 Vgl. Michael Brenner, Nach dem Holocaust, S. 86.
155 Vgl. Ebd., S. 86.
156 Vgl. Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 31.
16
die Freiräume, die ihnen von den Alliierten eingeräumt wurden, zurückzuführen ist. 157 Vor allem die katholische Kirche, bisher Minderheit, erlebte im westdeutschen Teil eine Renaissance, da sich ihr Minderheitenstatus durch den Verlust der protestantisch geprägten Ost-Gebiete
weitestgehend aufgelöst hatte. 158 So etablierte die Kirche ihren Status als ‚Fels in der Brandung’, eine „Neubesinnung des deutschen Volkes aus christlichen Grundsätzen schien sich allenthalben abzuzeichnen, die Gotteshäuser füllten sich“ und mit dem „schönen Mai der deutsche Niederlage [...] erblühte ein >christlicher Frühling<,“ 159 wenn auch erwähnt werden muss, dass die „religiöse Rückbesinnung als Versuch, im Chaos der Nachkriegszeit inneren Halt zu finden,
keineswegs ein generelles, durchgängig nachweisbares Charakteristikum der Zeit“ 160 ist.
2.2.5 Angst vor „dem Russen“ als identitätsstiftendes Moment
In der nationalsozialistischen Propaganda war der Kampf gegen den russisch-jüdischen Bolschewismus ein bestimmendes Moment. Nun, nach dem Ende der nationalsozialistischen
Herrschaft, schienen die Gräueltaten der russischen Armee diese Propaganda zu bestätigen. 161 „Nun brach das Angstgefühl vor der Wildheit des Ostens wieder hervor.“ 162 Außerdem wurden die Vergewaltigungen durch die Rote Armee zum zentralen identitätsstiftenden Schicksal der deutschen Frau und generell der Deutschen Bevölkerung, doch „[...] je mehr solche Opfergeschichten Teil der nationalen Erinnerung wurden, desto weniger taugten sie zur
Beschreibung der Erfahrungen der Frauen,“ 163 was sich auch darin äußerte, dass eine finanzielle Entschädigung ausblieb und den Vergewaltigungsopfern nicht die Hilfe zukam, die man sich vielleicht versprochen hatte. 164 Lebendig wurden die Gräueltaten der Roten Armee für die westdeutsche Bevölkerung durch die Erzählungen der Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten, welche die Propaganda Goebbels sogar noch übertrafen, wie es Adolf Birke
ausdrückt. 165
So konnte sich Dönitz, der Konkursverwalter des Deutschen Reiches und überzeugter Nationalsozialist, in der Nachkriegszeit noch als Retter von fast 2 Millionen Ostdeutschen stilisieren, was auf Grund der herrschenden antirussischen Stimmug kritiklos angenommen
wurde. 166 Die Angst vor dem stalinistischen Russland und dem Kommunismus spiegelte sich auch in verschiedenen Umfragen wider, in denen die Mehrheit der Befragten angab, dass der
157 Vgl. Herman Glaser, 1945, S. 325.
158 Vgl. Axel Schildt, Zwischen Abendland und Amerika, S. 32.
159 Herman Glaser, 1945, S. 331.
160 Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung, S. 62.
161 Vgl. Elizabeth Heinemann, Die Stunde der Frauen, S. 167; Wolfram Wette, Das Rußlandbild in der NS-Propaganda, S. 75.
162 Wolfram Wette, Das Rußlandbild in der NS-Propaganda, S. 75.
163 Elizabeth Heinemann, Die Stunde der Frauen, S. 161.
164 Vgl. Ebd., S. 160.
165 Vgl. Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 25.
166 Vgl. Heinrich Schwendemann, Programm der Regierung Dönitz, S. 10.
17
Kommunismus immer schlimmer gewesen sei als der Nationalsozialismus. 167 Die Deutschen projizierten ihre eigene Schuld, die mit einer ausgeprägten Angst vor der Rache der Russen verknüpft war, „in einem kollektiven Abwehrvorgang auf die Russen.“ 168 Auch die tendenzielle Besinnung hin zum christlichen Abendland und zum Christentum,
zu der sich auch die Vertriebenen weitestgehend bekannten, 169 bestärkte die Ablehnung des säkularisierten Kommunismus. So erklärt sich schließlich die bereitwillige Annahme der „westlichen Prägung“ 170 in einem bereits frühen Stadium der Nachkriegsgeschichte: Man wollte den Kommunisten entgehen. 171
2.3 Die Deutsche Nation und die Alliierten
Ohne Deutschland, das sich selbst erhalten kann und das für sich selbst verantwortlich ist, läßt sich die Stabilität Europas nicht wiederherstellen, und ohne ein stabiles Europa ist ein dauerhafter Frieden unmöglich. 172
2.3.1. Die Teilungspläne der Anti-Hitler-Koalition
Bis zum Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 stand für die West-Alliierten vor allem
der Wunsch nach Restauration bei einem Friedensschluss im Vordergrund. 173 Hierbei sollten vor allem die von Hitler eroberten Gebiete, wie z. B. die besetzten Teile Frankreichs, wieder souveräne Staaten werden. Eine Zerstücklung Deutschlands stand zunächst nicht zur Debatte. Mit dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion orientierte sich die neu formierte Anti-
Hitler-Koalition an einer „totale[n] Verfügungsgewalt über Deutschland,“ 174 da man davon ausging, dass die Aggressivität und der Eroberungsdrang ein Wesensmerkmal deutscher Politik seien. 175
Im Rahmen dieser Konzeption war von einer Zerstückelung Deutschlands zunächst nicht die Rede, ganz im Gegenteil bekräftigte die angelsächsische Allianz in der Atlantik-Charta ihre
Absicht, keine territorialen Veränderungen vorzunehmen. 176 Stalin äußerte dann dem britischen Außenminister Eden gegenüber im Dezember 1941 erstmals die Idee einer Teilung Deutschlands, wobei es ihm primär um die Sicherung des eigenen Einflussbereichs in Europa
167 Vgl. Klaus von Beyme, Deutsche Identität zwischen Nationalismus und Verfassungspatriotismus, S. 88.
168 Wolfram Wette, Das Rußlandbild in der NS-Propaganda, S. 78.
169 Vgl. Axel Schildt, Zwischen Abendland und Amerika, S. 34.
170 Wolfgang Mommsen, Nation und Geschichte, S. 17.
171 Vgl. Ebd.; Bereits 1948 ergab eine Studie, dass 70% der Befragten die provisorische Westbindung befürworten, allerdings ist in der Umfrage kein Monatsdatum angegeben, so dass davon ausgegangen werden muss, dass die Umfrage nach der Währungsreform und der „Luftbrücke“ gestellt wurde. Dies macht die Ergebnisse für eine Aussage zur Einstellung der west-deutschen Bevölkerung in der unmittelbaren Nachkriegszeit unbrauchbar, in: Klaus von Beyme, Deutsche Identität zwischen Nationalismus und Verfassungspatriotismus, S. 87.
172 Lucius D. Clay, Entscheidung in Deutschlands, S. 9.
173 Vgl. Hermann Graml, Die deutsche Frage, S. 283.
174 Ebd., S. 281.
175 Vgl. Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 15; Hermann Graml, Die deutsche Frage, S. 281.
176 Vgl. Hermann Graml, Die deutsche Frage, S. 282.
18
ging. 177 Die USA sträubten sich gegen diesen Ausverkauf der Ostgebiete zunächst, wollten aber die Beziehungen zum neuen Allianz-Partner nicht gefährden. 178 Die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion waren nämlich am Vorabend des deutschen Russlandfeldzuges nicht besonders gut und das Bekenntnis zum Kampf an der Seite der Sowjetunion wurde von Churchill bereits am Abend des 22. Juni 1941 zwar verkündet,
war innerhalb der angelsächsischen Allianz jedoch heftig umstritten. 179 Die bisherige „unübersehbare Zuneigung Moskaus für Berlin“ 180 und „Stalins Versuche, den Krieg mit Deutschland um jeden Preis abzuwenden, weckten im Weißen Haus schwärzesten Argwohn.“ 181 Dennoch erkannten beide Seiten, dass nur unter gemeinsamer Anstrengung das Deutsche Reich zu stoppen sei und die USA begrüßten darüber hinaus die zerrütteten Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion. 182
Im Oktober 1943 wurde auf der Außenministerkonferenz in Moskau dann die Zukunft
Deutschlands, auch eine mögliche Teilung, erörtert 183 und die European Advisory Commission (EAC) einberufen, die im Dezember 1943 das erste Mal tagte. 184 Diese Kommission beschäftigte sich permanent mit der Erarbeitung einer alliierten Deutschlandpolitik, da sich der Sieg der Anti-
Hitler-Koalition abzuzeichnen schien 185 und die „Bedingungen für die Kapitulation, Besatzung und Kontrolle Deutschlands zu erarbeiten [waren].“ 186 Außerdem artikulierte Stalin parallel dazu die Idee, Europa in Einfluss- bzw. Machtsphären einzuteilen, was als Angebot an die West-Alliierten zu verstehen war. 187 Stalin erhoffte sich, so seinen eigenen Einflussbereich mit der Zustimmung der Amerikaner und Briten zu erweitern. Großbritannien dagegen sah in einer Teilung nicht nur den Verstoß gegen die
Atlantik-Charta, sondern auch eine Gefährdung des europäischen Gleichgewichts. 188 Dennoch freundete sich Churchill zusehends mit der Idee einer Teilung Deutschlands an, 189 ebenso wie Roosevelt, dessen eigentlicher Fokus mehr auf einer globalen Organisierung der
Staatengesellschaft lag als auf der Zukunft Mitteleuropas. 190 Daher fand das Thema Aufteilung bzw. Zerstücklung Deutschlands auf der Moskauer Konferenz relativ wenig Beachtung, aber schon auf der Konferenz von Teheran Ende 1943
177 Vgl. Hermann Graml, Die deutsche Frage, S. 283/284.
178 Vgl. Ebd., S. 285.
179 Vgl. Valentin Falin, Zweite Front, S. 175/176.
180 Ebd., S. 172.
181 Ebd., S. 176/177.
182 Vgl. Hermann Graml, Die deutsche Frage, S. 285.
183 Vgl. Brian Bond, Britische Ansichten über die Zukunft Deutschlands 1943-1945, S. 14.
184 Vgl. Wolfgang Benz, Potsdam 1945, S. 21.
185 Vgl. Warren F. Kimball, Aus der Sicht Washingtons, S. 60; Wolfgang Benz, Potsdam 1945, S. 21.
186 Brian Bond, Britische Ansichten über die Zukunft Deutschlands 1943-1945, S. 14.
187 Vgl. Hermann Graml, Die deutsche Frage, S. 285.
188 Vgl. Ebd.
189 Vgl. Ebd.
190 Vgl. Hermann Graml, Die deutsche Frage, S. 286; Hanns Jürgen Küsters, Der Integrationsfriede, S. 161.
19
ergriff nun Roosevelt die Initiative und schlug die Aufteilung Deutschlands vor, da weit weniger
Gefahr von Deutschland ausgegangen sei, als es noch aus kleinen Fürstentümern bestand. 191 Auch Churchill, der die „fixe Idee, daß Preußen die Wurzel des „deutschen Militarismus“ sei“ 192 postulierte, vertrat nun diesen Standpunkt und brachte zusätzlich die Idee der Gründung einer Donau-Föderation an, um den, so Churchill, friedlichen südlichen Teil Deutschlands von
Preußen zu trennen. 193 Obwohl Stalin Churchills Einschätzung Preußens nicht teilte, sprach er sich erneut für die Aufteilung Deutschland aus, so dass zumindest die Staatschefs der Koalition
sich einig waren. 194
Auf der Teheraner Konferenz wurden die Eroberungen der Sowjetunion in den Jahren 1939-1941 endgültig der Sowjetunion zugestanden, wenn auch dieses Zugeständnis nur auf dem Unvermögen der West-Alliierten lag, Stalin in seine Schranken zu verweisen. 195 Zwar musste Stalin eine milde Behandlung Finnlands garantieren, dafür wurde aber die sowjetische „West-Erweiterung“ von Churchill unterstützt, was auch eine Toleranz gegenüber den kommenden
Vertreibungen einschließen sollte. 196 Auch wurde eine Entschädigung Polens auf Kosten des deutschen Territoriums in Aussicht gestellt, was mit dem bereits aufgekommenen
Aufteilungskonzept und der Zementierung der sowjetischen West-Expansion korrespondierte. 197 Stalin stimmte im Gegenzug dem Anliegen Roosevelts zu, die Vereinten Nationen mit
aufzubauen, 198 auch wenn er der Idee, Deutschland unter die Kontrolle der Vereinten Nationen zu stellen, nichts abgewinnen wollte. 199 Beschlüsse zu einer Aufteilung Deutschlands gab es auf der Konferenz nicht, auch wenn die Tendenz zur Zerstückelung Deutschlands ging. 200 Auf der Konferenz von Jalta am 11. April 1945 wurde dann zunächst die Ablehnung des
Aufteilungskonzeptes verkündet. 201 Die Interessenlage hatte sich mit dem kurz bevorstehenden Kriegsende geändert und es war nicht mehr möglich, die wichtigen Fragen die
Nachkriegsordnung betreffend zu umgehen. 202 Bisher hatten die Kriegshandlungen und der unbedingte Wille zum Sieg die Fragen bezüglich der Nachkriegsordnung in den Hintergrund gestellt. Nun formierten die Alliierten sich und ihre Interessen neu und Züge der kommenden bipolaren Ordnung deuteten sich an. 203
191 Vgl. Brian Bond, Britische Ansichten über die Zukunft Deutschlands 1943-1945, S. 15.
192 Ebd.
193 Vgl. Ebd.
194 Vgl. Ebd.
195 Vgl. Hermann Graml, Die deutsche Frage, S. 289.
196 Vgl. Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 17; Hermann Graml, Die deutsche Frage, S. 289.
197 Vgl. Hermann Graml, Die deutsche Frage, S. 290.
198 Vgl. Ebd., S. 289.
199 Vgl. Birgit Peterson, Die amerikanische Reparationspolitik in Deutschland, S. 37.
200 Vgl. Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 18.
201 Vgl. Herman Graml, Strukturen und Motive alliierter Besatzungspolitik in Deutschland, S. 22.
202 Vgl. Ebd., S. 292.
203 Vgl. Ebd.
20
Die Briten strebten ihre traditionelle Gleichgewichtspolitik an, auch als Reaktion auf die
sowjetische Expansion 204 und das Misstrauen gegenüber der Sowjetunion flammte mit dem Ende des Krieges wieder auf, bzw. bekamen die anti-sowjetischen Stimmen in den Reihen der West-Alliierten Auftrieb, und langsam aber sicher bildete sich die Idee heraus, die eine Aufteilung der Staaten vorsah, also eine Teilung der Welt in Einflusssphären. Schon am Vorabend der Konferenz von Jalta merkte George F. Kennan an, dass der Ost-West-Konflikt eskalieren werde, da eine gemeinsame Politik mit der Sowjetunion nicht möglich sei. 205 Die Interessen der Amerikaner in Europa hatte sich insofern verändert, als dass nun ein „prosperierendes, politisch
stabiles und mit Amerika freundschaftlich verbundenes Europa“ 206 angestrebt wurde und Roosevelt erkannte, dass Europa der Schlüssel zu einer neuen Weltordnung sein würde. Das Ziel der West-Alliierten war die „Abwehr der totalen Sowjetisierung,“ 207 denn „die Sowjetunion hatte in der Reaktion auf Hitlers Kriegspolitik eine außenpolitische Dynamik gewonnen, die nicht so
rasch zu bremsen war.“ 208
Im Zuge der konkreten Probleme der Nachkriegszeit stellte sich aber bald heraus, dass eine Teilung aus wirtschaftlichen Gründen nicht sinnvoll sein konnte. Die Reparationsforderungen der Sowjetunion konnte nur ein wirtschaftlich stabiles Deutschland leisten. Von der Idee eines geteilten Deutschlands war Stalin gegen Ende des Jahres 1944
weitestgehend abgerückt. 209 Auch die Briten hatten keine Ressourcen, um Deutschland zu versorgen, was bedeutete, dass die deutsche Bevölkerung sich eigenständig versorgen können
sollte. 210 Finanzielle Gründe bewegten auch die Amerikaner, die aus dem Desaster der Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg gelernt hatten. 211 Die Entscheidung von Jalta kam somit nicht überraschend, sondern war eine notwendige Konsequenz der realen Begebenheiten des unmittelbar bevorstehenden Kriegsendes, wenn auch die Teilungsidee nicht
widerrufen wurde. 212 Die wirtschaftliche Bedeutung Deutschlands wurde den Alliierten wieder deutlich bewusst. 213
204 Vgl. Herman Graml, Strukturen und Motive alliierter Besatzungspolitik in Deutschland, S. 294.
205 Vgl. Hermann Graml, Die deutsche Frage, S. 281.
206 Ebd., S. 295/296.
207 Ebd., S. 297.
208 Ebd., S. 285.
209 Vgl. Ebd., S. 296.
210 Vgl. Ebd., S. 297.
211 Vgl. Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 40.
212 Vgl. Hermann Graml, Die deutsche Frage, S. 302.
213 Vgl. Ebd., S. 298.
21
2.3.2 Die totale Besatzung
Mit der militärischen Kapitulation im Mai 1945 wurde nun die Zusammenarbeit der Anti-Hitler-Koalition durch das fehlende Feindbild erschwert. 214 Das gemeinsame Ziel war erreicht, der Frieden musste nun gestaltet werden und hierbei traten nun die unüberbrückbaren Differenzen deutlich zu Tage. Zunächst jedoch war die Unterwerfung und Besatzung Deutschlands auf unbestimmte Zeit das gemeinsame Ziel der Alliierten. Am 12. Mai 1945 wurde mit der „Declaration Regarding the Defeat of Germany and the Assumption of Supreme Authority with Respect to Germany by the Gouvernments of the United States of America, the Union of Soviet Socialist Republics and the United Kingdom and the Provisional Gouvernment of the French Republic“, welches die EAC vorbereitet hatte, Deutschlands Verlust der Souveränität besiegelt. 215 Schließlich folgte der militärischen Kapitulation am 5. Juni 1945 mit der Berliner Erklärung auch die offizielle politische Kapitulation - die Oberbefehlshaber der Alliierten übernahmen die Befehlsgewalt und das Völkerrechtssubjekt Deutschland hatte aufgehört zu
existieren. 216 Bezeichnend ist, dass an dieser politischen Kapitulation kein deutscher Verantwortungsträger beteiligt war. Roosevelts Forderung nach der „unconditional surrender“ 217 vom Januar 1943 war also Realität geworden.
Doch die Berliner Erklärung täuscht nicht darüber hinweg, dass die Alliierten zunächst
planlos die Kontrolle über Deutschland übernahmen. 218 Zum einen bestand die Erklärung überwiegend aus militärischen Bestimmungen, 219 zum anderen hatten die Kriegsanstrengungen und die Probleme innerhalb der Koalition konkrete Nachkriegskonzeptionen verhindert. 220 Eine Teilung wurde nach Kriegsende von den Alliierten, erweitert durch die Aufnahme der
provisorischen französischen Regierung, 221 nicht offen angestrebt. So verkündete Stalin am 9. Mai: „Die Sowjetunion feiert den Sieg, wenn sie sich auch nicht anschickt, Deutschland zu
zerstückeln oder zu vernichten.“ 222
Zu diesem Zeitpunkt war die provisorische Teilung im Prinzip schon beschlossene Sache, denn die Alliierten hatten im von der EAC erarbeiteten Zusatzprotokoll des Urkundenentwurfs zur bedingungslosen Kapitulation vom 12. September 1944 („Protokoll über die Besatzungszonen in Deutschland und die Verwaltung Groß-Berlins“) festgelegt, Deutschland in
214 Vgl. Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 21.
215 Vgl. Uta Gerhardt, Soziologie der Stunde Null, S. 141.
216 Vgl. Henning Köhler, Deutschland auf dem Weg zu sich selbst, S. 444; Peter Graf Kielmansegg, Nach der Katastrophe, S. 21.
217 Michael Arndt, Völkerrechtliche und staatsrechtliche Bedeutung der Berliner Erklärung, S. 7-10.
218 Vgl. Herman Graml, Strukturen und Motive alliierter Besatzungspolitik in Deutschland, S. 24.
219 Vgl. Michael Arndt, Völkerrechtliche und staatsrechtliche Bedeutung der Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945, S. 24.
220 Vgl. Herman Graml, Strukturen und Motive alliierter Besatzungspolitik in Deutschland, S. 24.
221 Vgl. Michael Arndt, Völkerrechtliche und staatsrechtliche Bedeutung der Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945, S. 25.
222 Zitiert nach: Wolfgang Benz, Potsdam 1945, S. 23.
22
den Grenzen vom 31. Dezember 1937 in drei jeweils durch alliierte Streitkräfte besetzte Zonen
einzuteilen. 223 Auch setzte sich der Vorschlag Stalins durch integrale Besatzungszonen zu schaffen, „d. h. Besatzungszonen, die nur von den Truppen einer Besatzungsmacht besetzt
werden würden.“ 224 In Kombination mit Artikel I des „Abkommen über die Kontrolleinrichtungen in Deutschland“ vom 14. November 1944, in dem, auf Drängen der Amerikaner, der Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte in ihrer jeweiligen Zone die oberste Autorität darstellen sollten, wurde hier die Basis für die spätere Teilung Deutschlands
gelegt. 225
2.3.3 Bizone und der Weg zum West-Staat
Die Potsdamer Konferenz, die vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 stattfand, verdeutlichte die
Konzept- und Ratlosigkeit der Alliierten. 226 Die Tatsache, dass die „anglo-amerikanischen Mächte und Sowjetunion nicht über den eigenen politischen Kurs im Klaren“ 227 waren, beförderte zusätzlich das zögerliche Verhalten und behinderte somit ein konstruktives Erörtern der Deutschlandfrage. 228 Da man zunächst an einer gemeinsamen Deutschlandpolitik interessiert war, wurde auf der Potsdamer Konferenz schließlich auch die Einrichtung einer Zentralbehörde
vereinbart. 229 Neben den berühmten fünf D’s Dezentralisierung, Demilitarisierung, Demokratisierung, Demontage, Denazifizierung, auf die man sich grundsätzlich einigen konnte, wurde die Oder-Neiße Grenze zu Gunsten Polen festgesetzt und die deutschen Grenzen des
Jahres 1937 als Maximalgrenzen festgelegt. 230 Die Frage nach den Reparationen wurde allerdings nicht gelöst und auch die Franzosen sahen ihre Ansprüche nicht erfüllt. 231 Die Konferenz offenbarte die tiefen Spannungen, die sich zwischen den Alliierten angestaut hatten. Darüber hinaus wurde beschlossen, Deutschland trotz der Teilung in Besatzungszonen als (mindestens wirtschaftliche) Einheit zu behandeln. Denn auch wenn die Franzosen konsequente „Veto-Politik“ betrieben und eine einheitliche Behandlung verhindern wollten, mussten sie sich prinzipiell den Haupt-Alliierten unterordnen, denn für diese stand die wirtschaftliche Genesung Deutschlands zunächst im Vordergrund. 232
223 Vgl. Birgit Petersen, Die amerikanische Reparationspolitik in Deutschland, S. 39/40.
224 Ebd., S. 40.
225 Vgl. Ebd., S. 40/41.
226 Vgl. Herman Graml, Strukturen und Motive alliierter Besatzungspolitik in Deutschland, S. 25.
227 Hanns Jürgen Küsters, Der Integrationsfriede, S. 224.
228 Vgl. Ebd.
229 Vgl. Herman Graml, Strukturen und Motive alliierter Besatzungspolitik in Deutschland, S. 25
230 Vgl. Ebd.
231 Vgl. Ebd.
232 Vgl. Herman Graml, Strukturen und Motive alliierter Besatzungspolitik in Deutschland, S. 28. Gerade die Franzosen hatten Interesse an einem wirtschaftlich gesunden Deutschland, was nicht zuletzt auf die geographische Nähe zurückzuführen ist. Die daraus resultierende Politik zwischen Realismus und deutschlandfeindlicher Propaganda untersucht: Dietmar Hüser, Frankreichs doppelte Deutschlandpolitik. Dynamik aus der Defensive -
23
Doch spätestens die französische Blockadepolitik hatte dazu geführt, dass das gemeinsame alliierte Kontrollgremium, der Alliierte Kontrollrat, vollkommen „nutzlos für politische Entscheidungen,“ 233 geworden war, so dass die Politik von den einzelnen Militärgouverneuren in Absprache mit den jeweiligen Landesregierungen gelenkt wurde. 234 Da sich zwischen den Amerikanern und Briten die meisten Gemeinsamkeiten befanden, abgesehen von der historischen Verbundenheit und der Tatsache, dass die amerikanische Besatzungszone wirtschaftlich alleine nicht existieren konnte, 235 gründeten sie zum 1. Januar 1947 die Bizone, 236 die bald zu „Trizonesien“ 237 werden sollte, wie es im Kölner Karneval besungen wurde. Die Differenzen und das Misstrauen zwischen der Sowjetunion und den USA hatten eine konstruktive gemeinsame Deutschlandpolitik unmöglich gemacht und die Alliierten gestalteten ihre Zone entgegen des Geistes von Potsdam eigenständig. 238 Auch sahen die Amerikaner mit Misstrauen den Rückzug der Briten aus der Türkei und Griechenland und befürchteten die
Gefährdung ihrer Interessen im vorderen Orient. 239
Auf der Außenministerkonferenz in Moskau im Frühjahr 1947 kam es dann zum Fiasko und die (gemeinsame) Besatzungspolitik wurde endgültig zur Integrationspolitik der jeweiligen
Teile Deutschlands in das entsprechende System der Besatzer. 240 Noch während der Konferenz formulierte der neue US-Präsident in einer Rede seine berühmte „Truman-Doktrin“, derzufolge
die Welt in zwei Teile geteilt wurde: 241 in einen amerikanischen und einen sowjetischen. Der Marshallplan war dann die politische Ausarbeitung der Truman-Doktrin und stellte „im Ergebnis
[..] die entscheidende Zäsur für den offenen Ausbruch des Kalten Krieges“ 242 dar. Das Jahr 1948 wurde zum Schicksalsjahr für die gemeinsame deutsche Nation. Der Alliierte Kontrollrat war im
März 1948 endgültig gescheitert 243 und mit der Währungsreform und der folgenden Berlin-Krise wurde nicht nur der Ost-West-Gegensatz zementierte, sondern auch die Westdeutschen und Westberlinern endgültig von den Westalliierten überzeugt.
Planen, Entscheiden, Umsetzen in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen innen- und außenpolitischen Krisenzeiten 1944-1950, Berlin 1996.
233 Herman Graml, Strukturen und Motive alliierter Besatzungspolitik in Deutschland, S. 28.
234 Vgl. Ebd.
235 Vgl. Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung, S. 99.
236 Vgl. Herman Graml, Strukturen und Motive alliierter Besatzungspolitik in Deutschland, S. 28.
237 Vgl. Klaus Hildebrand, Integration und Souveränität, S. 5.
238 Vgl. Herman Graml, Strukturen und Motive alliierter Besatzungspolitik in Deutschland, S. 29.
239 Vgl. Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung, S.179.
240 Vgl. Herman Graml, Strukturen und Motive alliierter Besatzungspolitik in Deutschland, S. 31.
241 Vgl. Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung, S. 179/180.
242 Ebd., S. 180.
243 Vgl. Jörg Echternkamp, Nach dem Krieg, S. 84.
24
2.3.4 Westalliierte Vorstellungen der westdeutschen Nachkriegsordnung
2.3.4.1 Demokratisierung
Trotz des völligen Unverständnisses dem Nationalsozialismus gegenüber 244 wurde Deutschland von den USA weiterhin als Teil der westlichen Welt verstanden. In den USA dominierten die verschiedensten Erklärungsmuster für den Nationalsozialismus die Öffentlichkeit. Deutschland,
der „bekannte Feind,“ 245 wurde geachtet für seine zivilisatorischen Errungenschaften, für seine Denker und sein kreatives und humanistisches Potential. 246 Auf der anderen Seite war die Furcht vor einem Angriff Deutschlands vor Kriegsende durchaus gegeben, der Respekt vor dem preußischen Militarismus und dem Aggressionspotential vorhanden. Infolgedessen wurden
bereits vor Kriegsende Umerziehungskonzeptionen für Deutschland erarbeitet. 247 In der Presse wurden die Deutschen oftmals als „evil geniuses“ 248 dargestellt und die Bewunderung für die deutsche Intelligenz ging sogar so weit, dass über die IQ-Werte der
Angeklagten in Nürnberg berichtet wurde. 249 Der Nationalsozialismus wurde als Kontinuität und Folge der deutschen Geschichte betrachtet. Trotzdem wurde eine Kollektivschuld seitens der amerikanischen Öffentlichkeit vermieden, so dass eben aus Sicht der Amerikaner nicht alle
Deutschen Nazis waren. 250
Auch wenn die Amerikaner die Deutschen nicht von der Verantwortung für den Krieg
und seine Gräueltaten entbinden wollten, 251 war der Verlauf der deutschen Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg doch sehr präsent und man wollte die Fehler von Versailles nicht
wiederholen. 252 Gleichzeitig hatte die amerikanische Regierung kein Vorbild für ihre Besatzungspolitik und die Behandlung Deutschlands und der übrigen Achsenmächte stellte einen
Präzedenzfall dar. 253 Die amerikanische Besatzung schwankte daher zwischen Eroberung und Rettung, zwischen dem Anspruch, der Verantwortung gegenüber der Zukunft Deutschlands
gerecht zu werden und strenger Kontrolle. 254 Den Nachkriegsplanern schwebte „ein Modell vor, das aus der amerikanischen Geschichte geschöpft wurde.“ 255 Dieses Modell basierte auf dem in der Atlantik-Charta formulierten Paradigma der amerikanischen Mission, die „Trinität von Freiheit, Sicherheit und Demokratie“ auf die internationale Ebene auszudehnen. 256 Deutschland
244 Vgl. Felicitas Hentschke, Demokratisierung als Ziel der amerikanischen Besatzungspolitik, S. 51.
245 Ebd., S. 41-54.
246 Vgl. Ebd., S. 43.
247 Vgl. Jörg Echternkamp, Verwirrung im Vaterländischen?, S. 230.
248 Felicitas Hentschke, Demokratisierung als Ziel der amerikanischen Besatzungspolitik, S. 46.
249 Vgl. Felicitas Hentschke, Demokratisierung als Ziel der amerikanischen Besatzungspolitik, S. 46.
250 Vgl. Ebd., S. 51.
251 Vgl. Ebd.
252 Vgl. Ebd., S. 52.
253 Vgl. Ebd., S. 139.
254 Vgl. Ebd., S. 139.
255 Ebd.
256 Vgl. Ebd., S. 141.
25
sollte sich nach demokratischen Grundsätzen neu formieren und in die Nationengemeinschaft zurückfinden.
Die Briten, geschwächt von den Kriegsschäden, sahen vor allem Probleme in der
Umerziehung der Deutschen und gingen realistischer an das Unterfangen Deutschland heran. 257 Sie versuchten sich mit dem Anspruch „Germans alone can re-educate their fellow-countrymen,“ 258 d. h. die Besatzungsoffiziere sollten eine neue, demokratische Ideologie in die deutsche Gesellschaft tragen, gleichzeitig sollten aber die Deutschen selbst Träger dieser
liberalen Ideologie werden. 259 Vor allem das militärische Personal vor Ort versuchte eine versöhnliche Stimmung zu schaffen, was zum Beispiel in der „Persönlichen Botschaft“ Montgomerys deutlich wird, in der er Anfang Juli 1945 bekannt gab, „dass die Deutschen ihr Leben bald wieder auf ihre Weise würden gestalten können.“ 260 Trotz einer massiven Anti-Deutschland-Stimmung in Großbritannien, was sich auch in den Differenzen zwischen der Militärregierung vor Ort und den Planern in den Ministerien widerspiegelte, versuchten die Briten den Aufbau Deutschlands, und somit Europas, mit einer „indirect rule“ bzw. „weichen Politik“ 261 zu ermöglichen. 262
Bei den Franzosen gab es ebenfalls Ideen zur Umerziehung der Deutschen, die sich aber
weitestgehend auf Reflexionen und Beobachtung konzentrierten. 263 Im Mittelpunkt stand vielmehr das ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis der Franzosen, das sich mit einer konstruktiven Deutschlandpolitik zunächst schwer vereinbaren ließ. Zwar setzte sich allmählich die vor allem durch französische Germanisten begründete Sichtweise durch, die Deutschland als dauerhaft erkrankt ansah, dennoch wurde der Nationalsozialismus als Produkt des deutschen Wesens
angesehen. 264 Allerdings gelang es Churchill, Frankreich davon zu überzeugen, dass „allein eine deutsch-französische Verständigung und Zusammenarbeit [...] geeignet [sei], dauerhaft die
Spannungen auf dem europäischen Kontinent abzubauen.“ 265 So wurde eine „kontrollierte Demokratisierung“ auch das Ziel der französischen Besatzung. 266 Die Demokratisierungspläne der Alliierten, allen voran der USA, sollten der deutschen Bevölkerung die Chance geben, sich demokratisch neu zu organisieren, wenn auch im Rahmen der alliierten Vorgaben. Der nationalsozialistische Geist sollte vertrieben werden, denn
257 Vgl. Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 83.
258 Falk Pingel, Wissenschaft, Bildung und Demokratie, S. 187.
259 Vgl. Ebd.
260 Ullrich Schneider, Besatzungspolitik und Militärregierung 1945, S. 57.
261 Josef Foschepoth, Großbritannien und die Deutschlandfrage, S. 84.
262 Vgl. Ullrich Schneider, Besatzungspolitik und Militärregierung 1945, S. 63.
263 Vgl. Jacqueline Plum, Französische Kulturpolitik in Deutschland 1945-1955, S. 30.
264 Vgl. Ebd., S. 30/31.
265 Volker Koop, Besetzt, S. 50.
266 Vgl. Jacqueline Plum, Französische Kulturpolitik in Deutschland 1945-1955, S. 280.
26
Deutschland wurde zum wichtigsten Verbündeten der West-Alliierten im Kampf gegen den Kommunismus.
2.3.4.2 Marktwirtschaft
Mit dem Kriegsende und der absoluten Niederlage waren Unternehmertum und Kapitalismus
ebenso diskreditiert wie Nationalismus und Militarismus. 267 „Vielen schwebte - wenn auch meist nur sehr vage - vor, in einem wieder erstehenden deutschen Nationalstaat Demokratie und Sozialismus zu verschmelzen und damit einen Brückenschlag zwischen Ost und West zu
bewerkstelligen.“ 268 Nicht nur die Bevölkerung gab der Wirtschaft eine Mitschuld an den deutschen Gräueltaten, sondern auch die Alliierten, die in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen den Unternehmer Gustav Krupp von Bohlen und Halbach ebenfalls anklagten, sahen die Verstrickung von Wirtschaft und Nationalsozialismus.
Die Alternative zwischen einer Restauration liberaler marktwirtschaftlicher Ordnung und sozialistischer Planwirtschaft und die damit verbundene Frage der Eigentumsstruktur war in den letzten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur in den Besatzungszonen, sondern auch in den europäischen Staaten überhaupt ein durchaus gängiges Thema intensiver politischer Betrachtungen. 269
Auch die sich neu formierenden Parteien setzten eher auf den Sozialismus und distanzierten sich
alle, bis auf die Liberalen, vom liberalen Kapitalismus. 270 Die Briten gingen sogar dazu über, das Ruhrgebiet zu verstaatlichen, 271 was sich im Wesentlichen aus der Idee ergab, dass die deutschen Industriellen die nationalsozialistischen Angriffskriege finanziert hatten und das Ruhrgebiet
neutralisiert werden müsse. 272
Die Sozialisierung des Rhein-Ruhr-Raums war auch ein Angebot an die Franzosen, die das „Herz der deutschen Kriegsindustrie“, aber auch das Herz Europas mit hoher symbolischer Kraft, unter internationale Kontrolle stellen wollten. 273 Allerdings schreckten die britischen Experten an dieser Stelle zurück und warnten vor einer weiteren Belastung für die leeren
britischen Kassen. 274 Während die Briten also zu einer Sozialisierung der Schlüsselindustrien tendierten, versuchten die Amerikaner das unternehmerische Privateigentum weitestgehend zu schützen. 275 Die verschiedenen Wirtschaftskonzepte der West-Alliierten zu erläutern führt an dieser Stelle zu weit, zusammenfassend kann man allerdings sagen, dass die Sozialisierungsideen der West-Alliierten nicht ideologisch, sondern pragmatisch motiviert
267 Vgl. Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus, S. 23.
268 Rudolf Steiniger, Die Sozialisierung fand nicht statt, S. 135.
269 Horst Lademacher, Die britische Sozialisierungspolitik im Rhein-Ruhr-Raum, S. 101.
270 Vgl. Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus, S. 24.
271 Vgl. Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 129.
272 Vgl. Horst Ladermacher, Die britische Sozialisierungspolitik im Rhein-Ruhr-Raum, S. 101.
273 Vgl. Ebd., S. 102.
274 Vgl. Ebd., S. 102/103.
275 Vgl. Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 129.
27
waren. 276 Die Sozialisierung fand nicht statt, wie der gleichnamige Aufsatz Rolf Steiniger deutlich macht. 277 Denn eine umfassende Sozialisierung hätte zum einen einen riesigen Verwaltungsapparat benötigt, der von den Besatzungsmächten hätte bezahlt werden müssen,
zum anderen hätte nur eine sozialistische Regierung diese Pläne mittragen können, 278 was im bereits deutlichen Systemantagonismus des Kalten Krieges eine klare Abgrenzung der Westzonen vom sowjetischen Kommunismus deutlich erschwert hätte. An den Sozialisierungsplänen wurde aber trotzdem so lange festgehalten, bis die Amerikaner die
wirtschaftspolitische Gestaltung der Westzone komplett übernahmen. 279 Mit dieser Übernahme wurde die „antikapitalistische Sehnsucht“ 280 nach dem Krieg enttäuscht, denn die Amerikaner waren „um die Durchsetzung liberalkapitalistischer Wirtschaftsprinzipien bemüht; für sie existierte auch nicht der von anderer Seite betonte Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Demokratiegefährdung; in
Sozialisierungsexperimenten und der Einschränkung privatwirtschaftlicher Initiativen sahen sie eine Gefährdung der Effizienz und damit eine fortdauernde Belastung des amerikanischen Steuerzahlers.“ 281 „Der Siegeszug der neoliberalen Gegenbewegung“ 282 zu den sozialistischen Tendenzen ist indes nicht einzig und allein mit dem Druck der Amerikaner zu erklären. Vielmehr waren die sozialistischen Programme in der unmittelbaren Nachkriegszeit diffus,
unpräzise und unkonkret. 283 Die Idee des Sozialismus war vielmehr eine lose Vorstellung, die in der Nachkriegszeit eine populäre Stellung genoß, aber die konkrete Umsetzung verpasste.
2.3.4.3 Anti-Kommunismus
Während für die Franzosen zunächst die „deutsche Gefahr“ vorrangig war, hatte sich in den britischen und amerikanischen Reihen schon länger die Erkenntnis durchgesetzt, dass der
eigentliche Feind die Sowjetunion sein würde. 284 Das Sicherheitsbedürfnis der Briten verlangte somit die Verhinderung einer sowjetischen Hegemonie auf dem europäischen Kontinent. 285 Deutliche Worte finden sich in einem Kommentar im „Informationsdienst für die Mitglieder des Zonenbeirates“ vom 13. Oktober 1946: „Die Russen betreiben eine Kolonialpolitik alten Stils, gerade die Art von Imperialismus, die nach marxistischer Auffassung eine anglo-amerikanische
276 Vgl. Rudolf Steiniger, Die Sozialisierung fand nicht statt, S. 149.
277 So der Titel eines Aufsatzes von Rudolf Steiniger, in: Josef Foschepoth u.a. (Hrsg.), Britische Deutschland- und Besatzungspolitik 1945-1949, Paderborn 1985, S. 135-150.
278 Vgl. Horst Ladermacher, Die britische Sozialisierungspolitik im Rhein-Ruhr-Raum, S. 102/103.
279 Vgl. Adolf Birke, Nation ohne Haus, S. 129.
280 Rudolf Steiniger, Die Sozialisierung fand nicht statt, S. 137.
281 Ebd., S. 149.
282 Hans Günter Hockerts, Ausblick: Bürgerliche Sozialreform nach 1945, S. 245.
283 Vgl. Hans Günter Hockerts, Ausblick: Bürgerliche Sozialreform nach 1945, S. 246.
284 Vgl. Rudolf Steiniger, Die Sozialisierung fand nicht statt, S. 149.
285 Vgl. Ullrich Schneider, Besatzungspolitik und Militärregierung 1945, S. 62.
28
Erfindung ist. Dieser Imperialismus besteht hauptsächlich darin, daß die deutsche Industrie in
Hörigkeit der Besatzungsmacht gestellt wird.“ 286 Hier findet sich nicht nur eine Ablehnung des sowjetischen Systems, sondern auch eine Gefahrenkonstruktion für die Westzone. Der Anti-Kommunismus wird hier zur Pflicht als Schutz des deutschen Einflussbereichs, letztlich um Europa und somit die USA vor einer (potentiellen) Sowjetisierung zu schützen. Neben dem Zerbrechen der Anglo-amerikanischen-sowjetischen Allianz brachen auch die Franzosen ihr traditionell besseres Verhältnis zur Sowjetunion ab, nachdem diese Hilfslieferungen verweigert hatte, und wandten sich trotz massiver Streitigkeiten mit den Amerikanern dem Westbündnis
zu. 287 Im Zuge dieses Bruchs akzeptierten die Franzosen schließlich auch die Nachkriegskonzeptionen der Anglo-Amerikaner. 288 Dass die Briten gar noch ganz andere Planspiele durchdachten, zeigt die „Operation Unthinkable,“ 289 die die Möglichkeit eines Durchmarschs der West-Alliierten nach Moskau auslotet. Die Sowjetunion war ab diesem Punkt bereits als Feind ausgemacht. Deutschland musste und sollte ein Pufferstaat gegen die sowjetische Bedrohung sein und werden.
Diese anti-kommunistische Haltung vor allem der Anglo-Amerikaner fiel auch bei den Westdeutschen auf fruchtbaren Boden. Nicht nur zwölf Jahre nationalsozialistische Propaganda vom „russischen Untermenschen“ zeigten weiterhin ihre Wirkung, auch die Ereignisse im Zuge der Eroberungen der Roten Armee bestätigten die Westdeutschen in ihrer Antipathie der Sowjetunion gegenüber.
3. Schlussbetrachtung
Mit dem Wegfall der Idee eines omnipotenten Gottes an der Schwelle zur Neuzeit rückte die Nation funktional sukzessive nach. Die Nation steht an der Spitze eines geschlossenen
Denksystems, 290 dessen zerstörerische Auswirkungen im Nationalsozialismus deutlich hervorgetreten sind. Einem geschlossenen Denksystem liegt das metaphysische Bedürfnis zu
Grunde, die eigene Existenz im Bewusstsein einer höheren Ordnung erklären zu können. 291 Die Nation als Gottesersatz wird von verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen, Bewegungen, der Öffentlichkeit und politischen Entscheidungen geprägt. Zwar gab es in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Westdeutschland keine nationale Bewegung, doch das nationale Zugehörigkeitsgefühl war nicht verschwunden. Die (west-) deutsche Nation hatte nur neue
286 Zitiert nach:Volker Koop, Besetzt, S. 52.
287 Vgl. Volker Koop, Besetzt, S. 60.
288 Vgl. Ebd.
289 Vgl. Originaldokumente unter: http://www.history.neu.edu/PRO2/, abgerufen am 03.08.2009, 16:42.
290 Genauere Definition der Begrifflichkeit „Geschlossenes Denksystem“ bei: Hans Buchheim, Totalitäre Herrschaft, S. 90/91.
291 Eric Voegelin, Die politischen Religionen, S. 15.
29
Determinanten, Resultat von Kontinuität und Wandel, welche die Grundlagen der Bundesrepublik Deutschland bilden.
Die Kriegserfahrung ist zweifelsohne die offensichtlichste Determinante der (west-) deutschen Nation in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Nicht nur der Bombenkrieg war
sinnstiftend, 292 sondern auch die Vertreibung - auch wenn die Aufnahme der Ost-Flüchtlinge dem Anspruch der gemeinsamen Nation nicht gerecht wurde - und die Erfahrungen der Vertriebenen auf der Flucht. Nationsdefinierend funktionierte auch das gemeinsame Erleben von Zerstörung, Niederlage und vom Untergangs des „Führers“, inklusive der Enttäuschung der Versprechen, die er der Bevölkerung gemacht hatte. Gemeinsames Erleben schafft gemeinsames Erinnern.
Das Bewusstsein über die Verbrechen der Deutschen im Namen des Nationalsozialismus, welches sich meistens in Scham äußerte, ist eine weitere Determinante für die westdeutsche Nation der unmittelbaren Nachkriegszeit. Erst mit dem Wirtschaftswunder und dem Rückzug ins Private, ins Unpolitische, verschwand die Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld aus der Öffentlichkeit und somit aus dem nationalen Diskurs. Eine aufrichtige Aufarbeitung wich der
selektiven Wahrnehmung und Aufnahme ins kollektive Gedächtnis. 293 In Korrespondenz mit der wiederentdeckten Abendlandidee und dem Erblühen der Kirchen wurde auch die Europäische Integration in Westdeutschland angenommen. Im Kontext des Kalten Krieges wurde eine westdeutsche Nation gefördert, die sich den universalistischen Ansichten der „westlichen Welt“ zuwenden wollte und musste. Der Ost-West-Konflikt determinierte freilich die Entwicklung der (west-) deutschen Nation, denn nur unter dem Banner des Kalten Krieges war es möglich, weil vermeintlich notwendig, der (west-)deutschen Nation die Rückkehr zu einem souveränen Staat zu gestatten und sie zu fördern. Die Westbindung ist in diesem Zusammenhang dann auch Mittel und Zweck zugleich: Zum einen Mittel für die Integration Deutschlands in ein supra-nationales System, als Schutz und Chance; zum anderen als Zweck zur Festigung der westlichen Beziehungen. Möglich war diese Bindung auch vor allem durch die antirussischen Ressentiments, welche die deutsche Bevölkerung ebenso durchzogen wie die Alliierten.
Bezeichnete der Begriff Nation bis ins 19. Jahrhundert hinein jeweils die politisch Verantwortlichen, so ist die (west-) deutsche Nation in der unmittelbaren Nachkriegszeit ohne jegliche politische Verantwortung und kann und wird trotzdem als Nation verstanden und bezeichnet. Die deutsche Nation war in ihrer westlichen Erscheinung direkt nach dem Krieg eine freigesetzte, entstaatlichte Gemeinschaft, die sich in einem Prozess der Reflektion
292 Thomas W. Neuman, Bombenkrieg, S. 321.
293 Vgl. Jörg Echternkamp, Verirrung im Vaterländischen?, S. 316.
30
weiterentwickeln musste und sich sukzessive zum „Klassenbesten im Westen“ entwickelte. Das schloss nicht nur die wirtschaftliche Exzellenz ein, sondern auch die Bemühung um eine ideologiefreie Staatlichkeit. Die zaghafte Rückbesinnung auf die Kulturnation blieb die einzige Möglichkeit, das nationale Zugehörigkeitsgefühl zu katalysieren. Die Rolle der West-Alliierten war in Form der Besatzung deutlich antinational, da ihre Politik auf die Niederschlagung des Deutschen Reiches zielte; andererseits waren sie sehr national eingestellt, denn sie unterstützen den Erhalt der (west-) deutschen Nation zumindest als Kulturnation. So fragte Minister Morgenthau den US-Außenminister Stettinius, ob man
Deutschland tatsächlich als eine Nation zu behandeln beabsichtigte, was dieser bejahte. 294 Die Idee der Nation war auch für die Alliierten, die das Deutsche Reich und die damit verbundene Nation unterwerfen wollten, immer noch wirkmächtig und respektabel, mal abgesehen davon, dass der eigene Ordnungsrahmen selbst vor allem in nationalen Kategorien gedacht wurde. Für die deutsche Nation bedeutete dies eine Chance, aber auch die Anpassung an die westlichen Alliierten, vornehmlich an die USA. In der Vergangenheit hat dies immer wieder auch zu Anti-Amerikanismus geführt, der sich durchaus auf die Angleichung der USA und Deutschland zurückführen lässt. Dass die Nachkriegsordnungskonzeptionen der West-Alliierten sich so erfolgreich durchsetzten, liegt nicht nur daran, dass sie konsequent implementiert wurden, sondern auch daran, dass sie sich bewährt haben. Der Anti-Kommunismus dagegen bewährte sich nicht und verschwand schließlich auch in der Versenkung. Die bundesrepublikanische deutsche Nation wurde somit nicht nur durch die Menschen determiniert, die in ihr lebten, sondern auch durch die äußeren Umstände in Form der Alliierten, die der bundesrepublikanischen deutschen Nation ihr Territorium zuwiesen und sie in das Beziehungssystem des Kalten Krieges einbetteten. Die Nation ist somit nicht nur eine Form der Gemeinschaft, sondern kann auch Instrument und Ordnungsrahmen sein über die eigenen nationalen (Denk-) Grenzen hinweg. Dies korrespondiert nicht zuletzt auch mit der Flexibilität des nationalen deutschen Territoriums - Nation ist mehr als das von staatlichen Grenzen definierte geographische Gebiet.
Bei der Betrachtung dieser Determinanten offenbaren sich auch die Gründungsmythen der Bundesrepublik Deutschland. Der Annahme, das westliche Teilstaatsprovisorium verfüge anders als andere Republiken über keine solchen Mythen, ist damit zu widersprechen: Zum einen ist die nahezu altruistische Leidensbereitschaft als Gründungsmythos zu nennen, die später mit dem Erfolg des Wirtschaftswunders bestätigt wurde. Zum anderen muss der deutliche Anti-Kommunismus genannt werden, der bis mindestens 1968 die west-deutsche Politik bestimmte
294 Zitiert nach: Hermann Graml, Vom Kriegsende bis zur doppelten Staatsgründung 1945-1949, S. 40.
31
und schließlich die West-Bindung bzw. Europäische Integration, die bis heute einen Mythos zum
friedlichen Europa stiftet. 295
Die Grundlagen der bundesrepublikanischen deutschen Nation sind, zwar nicht im Wesentlichen, aber dennoch signifikant, andere als die der sozialistischen deutschen Nation. Deren Grundlagen sind nicht Teil dieser Arbeit und an anderer Stelle zu untersuchen. Doch lässt sich festhalten, dass die Grundlagen der (west-) deutschen Nation unterschiedlich, ihre Mythen anders und letztlich für eine gesamtdeutsche Republik und auch Nation immer noch zu präsent sind. Die Teilung wurde sehr früh akzeptiert, stand sie doch nicht in der Gewalt der Deutschen, gleichzeitig wurde sie aber auch instrumentalisiert, um die notwendige freiheitliche Grundordnung zu schaffen:
„Die Nichtanerkennung der DDR und deren Funktion als Gegenklischee zur „freiheitlichdemokratischen Grundordnung“ hatten zur Folge, daß die als Konstante betrachtete nationale Solidarität der Westdeutschen mit der Bevölkerung der DDR zunehmend ausgehöhlt wurde.“ 296
Die Betrachtung der Grundlagen der Bundesrepublik offenbaren, wie stark die althergebrachten, westdeutschen Determinanten der heutigen Bundesrepublik sind, zeigen aber auch, wo sich Fundamentales geändert hat, betrachtet man z. B. das Verhältnis zu Russland. Die Frage bleibt und kann rein wissenschaftlich wahrscheinlich nicht beantwortet werden: Müssen wir unsere Republik neu gründen?
295 Vgl. Schwan, Gesine, Demokratische politische Identität, S. 356.
296 Hans Mommsen, Auf der Suche, S. 35.
32
4. Literaturverzeichnis
A Quellen und Monographien
- Anderson, Benedict, Imagined Communities. Reflections on the origin and spread of nationalism, London 2002.
- Arndt, Michael, Völkerrechtliche und staatrechtliche Bedeutung der Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945, Diss. Göttingen 1970.
- Bausinger, Hermann, Kulturelle Identität, Tübingen 1982.
- Benz, Wolfgang, Potsdam 1945. Besatzungsherrschaft und Neuaufbau im Vier-Zonen-Deutschland, München 1986.
- Birke, Adolf, Nation ohne Haus. Deutschland 1945 - 1961, Berlin 1994.
- Böckenförde, Ernst-Wolfgang, Staat - Nation - Europa. Studien zur Staatslehre, Verfassungstheorie und Rechtsphilosophie, Frankfurt 1999.
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- Hannah Lippold in ihrem Tagebuch am 08.05.1945. Archiviert in: Haus der Geschichte, EB-Nr. 2008/10/0073.
D Internet
- Dokumente zum britischen Planspiel „Operation Unthinkable", zuletzt abgerufen am 13.08.2009 13:45 unter: http://www.history.neu.edu/PRO2/pages/002.htm
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Julia Schramm, 2009, Die Deutsche Nation und die Katastrophe, München, GRIN Verlag GmbH
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