Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S.1
2. Die Theorie des strukturellen Neorealismus nach
Kenneth N. Waltz S.2
3. Die Arktis S.5
3.1 Auswirkungen des Klimawandels S.5
3.1.1. Rohstoffe S.6
3.1.2 Schifffahrtswege S.6
3.2 Rechtlicher Status S.7
3.3 Die Interessen der Polarstaaten S.8
4. Möglichkeiten und Grenzen der Vereinten Nationen in
der Arktis S.11
4.1 Die Irrelevanz der Vereinten Nationen S.11
4.2 Die Irrelevanz des Neorealismus und die Relevanz
der Vereinten Nationen S.13
5. Ausblick S.15
6. Literaturverzeichnis S 16
1. Einleitung
Der Klimawandel ist da. Überall auf der Welt bekommen die Menschen die Auswirkungen des sich verändernden Klimasystems der Erde zu spüren. Doch selten ist dies so deutlich zu beobachten wie derzeit in der Arktis. Das „ewige Eis“ wird seinem Namen nicht mehr gerecht, denn die globale Erwärmung der Atmosphäre hat bereits zu einem massiven Abschmelzen der Polkappen geführt. Seitdem die Nordwestpassage der Arktis im August 2007 zum ersten Mal seit Jahrhunderten eisfrei und damit befahrbar war, haben diese Entwicklungen auch in den Medien Konjunktur. 1 Dies liegt aber nicht so sehr an den Auswirkungen des Klimawandels auf die Umwelt und der dort lebenden Menschen. In den letzten Jahren geriet vielmehr die Verbindung von Klimawandel und Sicherheitsfragen in das Zentrum des Interesses. Die Arktis-Anrainer Norwegen (Spitzbergen), Russische Föderation, USA (Alaska), Kanada und Dänemark (Grönland) befinden sich seit 2007 in einem verstärkten Wettlauf um Rohstoffvorkommen und mögliche Schifffahrtspassagen. Aus diesem Grund wird für die Zukunft sogar von einem „neuen Kalten Krieg“ gesprochen. 2 Warum die Autoren zu dieser Einschätzung kommen, soll im 3. Kapitel dargestellt werden.
Die dominante Theorie in den Internationalen Beziehungen während des Kalten Kriegs war der Neorealismus. Und auch die neue Konfliktlage scheint ein geradezu klassisches neorealistisches Szenario zu sein.
Die Theorie des Neorealismus soll zuerst in Kapitel 2 dargestellt und schließlich in Kapitel 4 an der arktischen Konfliktlage überprüft werden. 3 Im 4. Kapitel soll schließlich die Rolle der Vereinten Nationen zur Analyse des Konflikts in der Arktis hinzugezogen werden, denn wenn es heute um einen gewaltsamen Konflikt auf der Welt geht, sind die Rufe nach einem Eingreifen der Vereinten Nationen nie sehr weit. Darum soll in Kapitel 4.1 mit Hilfe des Neorealismus geklärt werden, welch schwierige Stellung die Vereinten Nationen im Konflikt um die Arktis eigentlich einnehmen und anschließend in Kapitel 4.2 die Frage beantwortet werden, ob sie vielleicht in der Zukunft nicht doch eine wichtige Rolle im Konflikt um die Arktis spielen könnten.
1 Vgl. die Internetseiten von Spiegel und Welt zur Arktis
2 Vgl. u.a. OSTER (2008) und NEUBER (2008)
3 Mit „Neorealismus“, ist in dieser Arbeit immer der strukturelle Neorealismus nach Kenneth N. Waltz gemeint. Andere neorealistische Strömungen wie zum Beispiel die Münchner Schule oder der ökonomische Neorealismus nach Gilpin werden hier nicht berücksichtigt.
1
2. Die Theorie des strukturellen Neorealismus nach Kenneth N.
Waltz
Der strukturelle Neorealismus nach Kenneth Waltz ist als Weiterentwicklung des klassischen Realismus von Hans J. Morgenthau zu verstehen. Darum sollen an dieser Stelle zunächst in aller Kürze die zentralen Prämissen des Realismus dargestellt werden.
Der Realismus entstand vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs und des Aufstiegs der USA zur Weltmacht. Er wurde explizit als Gegenbewegung zum Idealismus formuliert (vgl. SIEDSCHLAG 1997:45). Im realistischen Menschenbild ist der Mensch sowohl zum Guten als auch zum Bösen fähig (SIEDSCHLAG 1997:52). Dieses Menschenbild wird im Realismus direkt auf den Staat übertragen. Bei der Frage, warum Staaten manchmal friedlich und manchmal kriegerisch handeln, kommt als Erklärung der Faktor Macht zum tragen. Macht gilt im Realismus als allgegenwärtiger Faktor des menschlichen Handelns. Sie konstituiert jedes menschliche Handeln, ist also auch Grundlage jeder politischen Aktion.
In den Internationalen Beziehungen sind aus Sicht des Realismus Macht und Interesse die grundlegenden Motive staatlichen Handelns. Um staatliches Handeln zu verstehen, müssen diese Kategorien erfasst werden (vgl. SIEDSCHLAG 1997:50). Vom klassischen Realismus unterscheidet sich der Neorealismus vor allem durch den Wegfall der anthropologischen Prämissen. Sie lehnt Waltz als empirisch nicht belegbar ab (vgl. SIEDSCHLAG 1997:92). Nicht mehr die menschliche Natur, sondern die internationale Struktur ist im Neorealismus die kausal vorrangige Erklärungsvariable für politisches Handeln. Damit blendet Waltz aber auch die Ebene des moralischen Handelns komplett aus seiner Analyse aus (vgl. ROHDE 2004:317). Beim Neorealismus steht nicht mehr das Streben nach Macht steht im Mittelpunkt, sondern das Streben nach Sicherheit. Macht wird hier nur als ein Mittel zum Erreichen von Sicherheit angesehen (vgl. SIEDSCHLAG 1997:94). Der weltpolitische Hintergrund, vor dem der strukturelle Neorealismus entstand, war die Annäherung zwischen den Hegemonialmächten in den 1970er Jahren und dem relativen Niedergang der USA als Wirtschaftsmacht mit der Ölkrise (vgl. SCHÖRNIG 2006:66).
Im Neorealismus werden die Internationalen Beziehungen von der absoluten Dominanz der Sicherheitsinteressen, also dem Selbsterhaltungstrieb der Staaten
2
geprägt (vgl. SCHÖRNIG 2006:66). Warum sich die Staaten so verhalten wird ersichtlich, wenn man die Struktur des internationalen Systems betrachtet. Laut Waltz besteht das internationale System aus zwei Ebenen; den Akteuren und der Struktur. Die Akteure sind die Einheiten des Systems („units“). Sie sind getrennt von der Struktur zu untersuchen (vgl. SCHÖRNIG 2006:70). Zur Beziehung zwischen Strukturen und Einheiten schreibt ALBERT (1996:52):
Strukturen sind für Waltz keine real existierenden Gebilde. Unter dieser Vorraussetzung ist es ihm möglich, aus der Funktion innerstaatlicher Struktur, für welche der Staat ein geschlossenes System darstellt, auf die Funktion der Struktur des internationalen Systems zu schließen, für welche der Staat eine Einheit darstellt, dessen Attribute auf der systemischen Ebene irrelevant sind.
Die Staaten werden für den Neorealismus allerdings erst dann interessant, wenn sie in regelmäßige Beziehung zueinander treten (vgl. SIEDSCHLAG 1997:89). Dies ist ein weiterer Unterschied zum klassischen Realismus, in dem die Staaten als Akteure betrachtet werden, auch wenn sie zunächst einmal nicht in Beziehung zueinander treten (vgl. SIEDSCHLAG 1997:89). Morgenthaus Realismus war in dieser Hinsicht mehr eine Außenpolitiktheorie, während Waltz den Anspruch hatte, eine Theorie der Internationalen Politik vorzulegen (vgl. SCHÖRNIG 2006:66). Im Neorealismus gibt es keine Instanz jenseits der Staaten. Die Vereinten Nationen oder Nichtregierungsorganisationen werden zum Beispiel nicht als eigenständige Akteure in den Internationalen Beziehungen angesehen. Die Staaten werden als „black boxes“ wahrgenommen. Waltz geht davon aus, dass alle Staaten im Kern identisch sind. Die trennenden Elemente wie unterschiedliche politische Systeme ändern nichts an ihrem Außenverhalten und sind deshalb für die Theorie des Neorealismus irrelevant (vgl. SCHÖRNIG 2006:70). Gemeinsam haben alle Staaten das zentrale Bedürfnis des Überlebens. Sie verfolgen dieses Interesse rational (vgl. SCHÖRNIG 2006:71). Unterschiede zwischen den Staaten bestehen nur in der Fülle ihrer Machtmittel, wobei Machtmittel nicht nur Rüstungsgüter sein können, sondern auch solche wirtschaftlicher und sozialer Natur (vgl. SCHÖRNIG 2006:72).
Die Struktur des internationalen Systems wird unabhängig von den Akteuren und ihren Interaktionen definiert. Sie hat „[…] in einer neorealistischen Perspektive einen eigenständigen kausalen Einfluss auf die Akteure“ und bewirkt deren ähnliches Verhalten (SCHÖRNIG 2006:72). Laut Waltz ist das internationale System anarchisch im Sinne einer Abwesenheit von einer Weltregierung bzw. einer übergeordneten Instanz (vgl. SCHÖRNIG 2006:73). Aus dieser Annahme eines anarchischen Systems
3
Arbeit zitieren:
Sabrina Roy, 2010, Welche Möglichkeiten haben die Vereinten Nationen im Konflikt um die Arktis?, München, GRIN Verlag GmbH
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