Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S.1
2. Die Rolle der Geographie in der Kolonialgeschichte S.2
3. Überblick über den Verlauf der kolonialen Besiedlung im südlichen Afrika S.3
3.1 Frühe Besiedlung S.3
3.2 Die Kapkolonie S.4
3.3 Koloniale Grenzziehung S.6
3.4 Gemeinsamkeiten in der Vorgehensweise der Europäer S.7
4. Die Kolonialgeschichte des südlichen Afrikas am Beispiel
der deutschen Kolonie „Südwestafrika“ S.9
4.1 Interessen und Motive S.9
4.2 Besiedlung S.10
4.2.1 Vor der Ankunft der Deutschen S.10
4.2.2. Missionare S.10
4.2.3 Die Flagge folgt dem Handel S.10
4.2.4 Grenzziehung S.11
4.2.5 Erschließung S.12
4.3 Kriege gegen die Herero und Nama S.13
4.3.1 Gründe für den Aufstand S.13
4.3.2 Kriegsverlauf S.14
4.3.3 Bilanz S.17
5. Versöhnung? S.17
6. Fazit S.18
7. Literaturverzeichnis S.20
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Räumliche Ausweitung der Kapkolonie Quelle: BÄHR (2002) S.5
Abbildung 2: Afrika 1880. Quelle: HAYWOOD (1998) S.6
Abbildung.3 : Das südliche Afrika 1914. Quelle: HAYWOOD (1998) S.7
Abbildung 4: Entstehung der namibischen Grenzen. Quelle: DEMHARDT (2000) S.8
Abbildung 5: Die Weiße Bevölkerung Deutsch-Südwestafrikas 1894-1913.
Quelle : Eigene Darstellung S.13
Abbildung 6: Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika (1904-1908)
Quelle : ZIMMERER (2003) S 16
1. Einleitung
Die koloniale Expansion der europäischen Mächte hatte seit dem 15. Jahrhundert einen großen Einfluss auf den afrikanischen Kontinent. Nicht nur an den wie mit dem Lineal gezogenen Grenzen kann man diesen Einfluss erkennen. Auch an der Sozialstruktur der Staaten, vor allem des südlichen Afrikas, sind die Auswirkungen des Kolonialismus bis heute spürbar. Die großen sozioökonomischen Unterschiede und somit auch die Armut einzelner Bevölkerungsteile wurden durch ihre systematische Diskriminierung während der Herrschaft europäischer Kolonialherren hervorgerufen. Schon alleine wegen dieser Auswirkungen bis in die heutige Zeit haben die europäischen Gesellschaften eine Verantwortung gegenüber den afrikanischen Gesellschaften. Zu dieser Verantwortung sollte auch gehören, sich mit dem Thema des Kolonialismus auseinanderzusetzen. Dies soll im Rahmen der vorliegenden Hausarbeit geschehen.
Zunächst bleibt zu klären, was unter dem Begriff „Kolonialismus“ eigentlich genau zu verstehen ist. Dazu soll hier eine Begriffsdefinition von Jürgen OSTERHAMMEL (2006:21) hinzugezogen werden:
„Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen.“ Nach einem allgemeinen Teil über die Rolle der Geographie im Kolonialismus im 2. Kapitel und einem Überblick über den Verlauf der kolonialen Besiedlung des südlichen Afrikas im 3. Kapitel, soll in dieser Arbeit genauer auf die von Osterhammel angesprochene Herrschaftsbeziehung, in diesem Falle der Deutschen, zur einheimischen Bevölkerung im heutigen Namibia eingegangen werden. Dabei werden im 4. Kapitel sowohl ihre Interessen und Motive betrachtet, die in der Definition von OSTERHAMMEL als „sendungsideologische
Rechtfertigungsdoktrinen“ aufgeführt werden, als auch die Expansion der Deutschen im Raum. Dass diese Herrschaftsbeziehung keineswegs konfliktfrei verlief sondern zum ersten Völkermord in der deutschen Geschichte führte, wird ebenfalls im 4. Kapitel genauer beschrieben werden.
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Abschließend soll die Frage nach den Auswirkungen der deutschen Kolonialherrschaft und nach dem Stand des Versöhnungsprozesses gestellt werden.
2. Die Rolle der Geographie in der Kolonialgeschichte
Die Etablierung der Geographie als Wissenschaft steht in Deutschland in einem engen, wechselseitigen Verhältnis mit dem deutschen Kolonialismus. Eine wichtige Rolle spielen hierbei zunächst einmal die Geographischen Gesellschaften. Die erste Geographische Gesellschaft wurde bereits 1788 in London gegründet. Aus dieser "African Association for Promoting the Discovery of the Interior Parts of Africa" ging 1830 die Royal Geographical Society of London" hervor. GRÜNDER (2004:39) macht die Deutsche Geographische Gesellschaft als „Keimzelle“ der Ende der 1870er Jahre entstehenden Kolonialvereine aus. Sie leisteten die „Pionierarbeit“ mit der Forschung für den „deutschen Kaufmann“ und den „deutschen Aussiedler“ (GRÜNDER 2004:39).
Auch die Geographische Gesellschaft zu Freiburg, die allerdings erst im Jahr 1925 gegründet wurde, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Sie befand sich in einem engen Netzwerk mit Kolonialbefürwortern und veranstaltete Vorträge zu neutral anmutenden länderkundlichen Themen. Diese waren jedoch sowohl in der Themenauswahl, als auch in der Auswahl der Referenten auf ehemalige deutsche Kolonien bzw. einen erneuten Kolonialerwerb bezogen. Dies wird auch aus §1 der Satzung ersichtlich:
„Die Geographische Gesellschaft zu Freiburg i. Br.' ist eine wissenschaftliche Gesellschaft. Sie hat den Zweck und die Aufgabe das erd- und völkerkundliche Wissen unter besonderer Berücksichtigung des Deutschtums im Auslande in weiteren Kreisen zu verbreiten. Die Gesellschaft veranstaltet zu diesem Zweck in jedem Jahre eine Reihe von Vorträgen.“ (In: WEGMANN 2007:5)
Im Folgenden soll geklärt werden, warum die Geographen an dem Erwerb von Kolonien interessiert waren. Schon vor 1884 bescherten koloniale Phantasien der Geographie ein wachsendes gesellschaftliches Ansehen und einen leichteren Zugang zu Forschungsgeldern. In dieser Zeit begann sie sich auch an den Universitäten und Schulen zu institutionalisieren. So stieg die Anzahl der Lehrstühle im Fach Geographie an den Universitäten nach 1871 sprunghaft an. Am Lehrstuhl der Kolonialgeographie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin wurde noch bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs u.a. „Koloniale Bevölkerungslehre“, „Kolonialwirtschaftliche Produktionslehre“ sowie “Koloniale Siedlungs- und Verkehrsgeographie“ gelehrt.
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Nachdem das Deutsche Reich Kolonien erworben hatte, formalisierte sich das Verhältnis der Geographen zur Politik. Sie wurden Mitglieder in politischen Gremien wie dem Kolonialrat und berieten aktiv politische Würdenträger. Aber auch nach dem Ersten Weltkrieg und dem damit einhergehenden Verlust der deutschen Kolonien bestand eine enge Verzahnung zwischen der Geographie und kolonialen Bestrebungen. Sie zeichnete sich auch in der Herkunft der Forschungsgelder für Geographen ab. So wurde Carl Troll 1929 eine Forschungsreise nach Ostafrika finanziert, deren Geldgeber die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, die Kultur- sowie Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, die Preußische Akademie der Wissenschaften, die Deutsche Kolonialgesellschaft, die Abteilung Charlottenburg der Deutschen Kolonialgesellschaft und die Bayerische Akademie der Wissenschaften waren (vgl. ZIMMERER 2004:19). Bestimmt gab es auch unter den Geographen Kritiker am Kolonialismus. Jedoch schlossen sich die meisten Geographen der damaligen Zeit der bürgerlichen Kolonialbegeisterung an.
Ferdinand von Richthofen erstellte z.B. schon Jahre vor der deutschen Kolonie in China eine Karte des bereisten Gebiets, auf dem er Kohlevorkommen und die mögliche Führung einer Eisenbahntrasse einzeichnete. Carl Troll behielt auch nach der Abgabe der deutschen Kolonien seine Kolonialbegeisterung bei, wie folgendes Zitat von 1933 zeigt:
Bei der Umschau, wo eine Ausdehnung oder Vertiefung des deutschen Lebensraumes möglich ist, treten zwei ganz verschiedenen Räume in den Vordergrund: der deutsche Osten und der Überseeraum. In Übersee sind es wiederum zwei Erdteile, die unser besonderes Interesse beanspruchen: Südamerika und Afrika. […] Afrika, weil sich dort Deutschland ein historisches Recht auf eigenen Kolonialbesitz erworben hat, weil wir dort hoffen können, mit deutscher Kraft und deutschen Menschen wieder auf deutschem Boden arbeiten zu können, aber auch, weil in den deutschen Kolonien tropische Rohstoffe erzeugt werden, die der deutsche Markt ganz besonders benötigt. (TROLL:1933)
3. Überblick über den Verlauf der kolonialen Besiedlung im
südlichen Afrika
3.1 Frühe Besiedlung
Die ersten Europäer erreichten das südliche Afrika als sie im 15. Jahrhundert begannen, das Kap der Guten Hoffnung zu umfahren. Hervorzuheben ist an dieser Stelle der Portugiese Bartolomeo Diaz. Er umfuhr das Kap bereits 1488 und errichtete an der heutigen Küste von Namibia so genannte „Diaz-Kreuze“. Zur Zeit
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der Portugiesischen Seefahrer gab es jedoch noch keine größeren Vorstöße in das Landesinnere. Es wurden lediglich Handelsstationen an der Küste eingerichtet. Vor der Kolonisation durch die Europäer existierte der Mwene-Mutapa-Staat im Gebiet des heutigen Mosambik. Im südlichen Afrika lebten Ovambo, Herero, Khoisan, San, Xhosa, Nguni und Sotho in Jäger- und Sammer- bzw. Nomadengesellschaften. (vgl. HAYWOOD 1998)
3.2 Die Kapkolonie
1652 gründete der Niederländer Jan von Riebeck Kapstadt. Die Stadt diente zunächst als Versorgungsstation der Holländisch-Ostindischen Kompanie. Anfangs wollte man die Station der Holländisch-Ostindischen Kompanie nicht als Siedlungskolonie entwickeln. Es kam aber von Beginn an eine größere Anzahl von europäischen Siedlern, so dass sich die Kolonie schnell zur Siedlungskolonie entwickelte.
Die frühen Siedler waren Niederländer, zum Teil auch Deutsche und Franzosen, die sich selbst Buren (vom Niederländischen „Bauer“) nannten. Seit 1688 waren unter ihnen auch viele Hugenotten. Heute werden sie „Afrikaaner“ genannt (vgl. ULRICH 2002).
Die frühen Siedler schickten Expeditionen aus, um Vieh einzutauschen und Vorkommen von Bodenschätzen zu erkunden. Missionare zogen ins Landesinnere und errichteten dort Missionsstationen. Sie bereiteten die Abwanderung der Siedler zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus dem Kernraum der Kolonie ins Binnenland vor. Diese Expansion der Siedler verlief allerdings keineswegs Konfliktfrei. Die halbnomadischen „Trekburen“ konkurrierten etwa mit San bzw. Xhosa um Weidegründe (vgl. BÄHR 2002).
1812 erfolgte die förmliche Annexion der Kapkolonie durch die Briten, zwei Jahre später wurde der Kaufvertrag unterzeichnet. Mit der Anglisierung des öffentlichen Lebens und der Abschaffung der Sklaverei durch die Briten zeigten sich die Buren sehr unzufrieden. Sie zogen ab 1835 zu den „großen Treks“ nach Norden und Nordosten aus, um neue Siedlungsgebiete zu suchen und dort Republiken zu gründen. In den Jahren 1852 und 1854 wurden die Burenrepubliken durch die Briten offiziell anerkannt. Die Gold- und Diamantenfunde in den Burenrepubliken führten allerdings sowohl zu einer starken Zunahme an europäischen Einwanderern in das südliche Afrika, als auch zu Konflikten mit Großbritannien. Diese Konflikte gipfelten in
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den Burenkriegen. Im Jahr 1910 entstand aus der Kapkolonie, dem Oranje-Freistaat, Transvaal und Natal die Commonwealth-Dominion Südafrikanische Union (vgl. BÄHR 2002).
Abb. 1: Räumliche Ausweitung der Kapkolonie . Quelle: Bähr (2002)
3.3 Koloniale Grenzziehung
Zuerst gab es im südlichen Afrika nur „Inseln kolonialer Präsenz“ (SPREITKAMP 2007:196). Die flächenhafte Besiedlung vollzog sich erst, nachdem die Grenzen bereits gezogen waren. Dies erfolgte hauptsächlich mit bilateralen Verträgen, die 1884 auf der Berliner „Afrika-Konferenz“ völkerrechtlich anerkannt wurden (vgl. JOHNSON 2009:6).
Diese Verträge hatten oft den Tausch unterschiedlicher Gebiete zur Grundlage. So zum Beispiel im Falle des Helgoland-Sansibar-Vertrags zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien von 1890 (vgl. DEMHARDT 2000:459). Bis dato war es nicht um den förmlichen Gebietserwerb im Binnenland gegangen. Kaufleute, Diplomaten und Siedler drängten jedoch auf einen Vorstoß ins Landesinnere (vgl. SPREITKAMP 2007:203). Jedes Vordringen einer Macht führte zu einer verstärkten Anstrengung der anderen Konkurrenzmacht und hatte somit einen sich selbst verstärkenden Effekt. Dieser Vorgang wird häufig als „Scramble for Africa“ beschrieben (KOPP 2009:2). Bis 1914 wurde auf diese Weise der gesamte afrikanische Kontinent und damit auch das in dieser Arbeit betrachtete Gebiet unter den europäischen Mächten aufgeteilt (vgl. Abb. 2 und 3).
Abb.2: Afrika 1880. Quelle: Haywood 1998.
Abb.3: Das südliche Afrika 1914. Quelle: Haywood 1998.
Die Inbesitznahme der afrikanischen Territorien erfolgte seit den 1880er Jahren durch eine militärische Eroberung, wobei die europäischen Siedler den Einheimischen meist an Waffentechnik überlegen waren und besonders brutal vorgingen. Des Weiteren wurden fragwürdige Kauf- und Schutzverträge mit einheimischen Chiefs abgeschlossen. Die Chiefs versprachen sich durch die Verträge eine Stärkung ihrer internen Machtposition und schlossen diese somit oft nicht zum Vorteil ihres eigenen Volks ab. Auch waren sie meist nicht mit dem europäischen Rechtssystem vertraut und sich somit der Auswirkungen ihrer abgeschlossenen Verträge nicht bewusst. Beispielsweise war ihnen das Individualeigentumsrecht nicht bekannt, sondern nur Nutzungsrechte an Land (vgl. SPREITKAMP 2007:208).
3.4 Gemeinsamkeiten in der Vorgehensweise der Europäer
Allgemein kann man drei Gemeinsamkeiten im Vorgehen der europäischen Mächte bei der kolonialen Besitzergreifung Südwestafrikas feststellen. Zunächst erschlossen private Unternehmen und Gesellschaften die Küstenregionen als Handelspunkte. Dann erwarben sie Gebiete über zum Teil sehr fragwürdige Verträge, die sie dann diplomatisch absicherten. Zum Schluss erfolgte Stück für Stück eine Durchdringung des gesamten Binnenlandes und die militärische Unterwerfung der einheimischen Bevölkerung (vgl. BÖHLER 2003).
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4. Die Kolonialgeschichte des südlichen Afrikas am
Beispiel der deutschen Kolonie „Südwestafrika“
4.1 Interessen und Motive
Grundlegende Vorraussetzungen für den Kolonialismus boten die Errungenschaften der Industrialisierung wie beispielsweise die Verbesserung von Kommunikation und Infrastruktur. Daneben verkürzte der Einsatz von Dampfschiffen seit 1860 die Reisezeiten erheblich.
Aber auch die gesellschaftliche Debatte über ein etwaiges koloniales Engagement stellte eine wichtige Vorrausetzung für den Kolonialismus dar. Die Argumente in dieser Kolonialdiskussion waren vielfältig.
In den 1890er Jahren war das starke Bevölkerungswachstum und die damit verbundene Auswanderung in „nicht-nationale Gebiete“ das wichtigste Argument in dieser Diskussion. Durch Siedlungskolonien sollte diese Auswanderung aufgefangen werden.
Zwischen 1889 und 1904 wurden wirtschaftspolitische Argumente im Zuge der Transformation von der Agrar- zur Industriegesellschaft immer wichtiger. Handelsunternehmen forderten Handelskolonien, Bergbaukolonien und
Plantagenkolonien zum Zwecke der Ausbeutung von Rohstoffen und der Erschließung von Absatzmärkten.
Zur Zeit des Imperialismus spielten die Weltmachbestrebungen des jungen Deutschen Reichs eine große Rolle. Spätestens seit dem „Scramble for Africa“ ab den 1880er Jahren beanspruchten die Deutschen auch einen „Platz an der Sonne“ (vgl. GRÜNDER 2007).
Nicht zuletzt trug die im 19. Jahrhundert herrschende Ideologie des Sozialdarwinismus zum Wunsch nach Kolonien bei:
„Die Anschauungen vom Überleben des Stärkeren, von der Teilung der Welt in „lebende“ und „sterbende“, in niedergehende und aufrechtstrebende Nationen, von der Alternative „Weltmacht oder Untergang“, Wachsen oder Verkümmern, alle diese Varianten sozialdarwinistischer Axiomatik beherrschten den intellektuellen Naturwissenschaftler ebenso wie den gemeinen Mann.“ (GRÜNDER 2004:32f.) Spreitkamp hebt jedoch hervor, dass auch die afrikanischen Bedingungen zur kolonialen Aufteilung Afrikas beigetragen haben. Die Einheimischen, vor allem die jeweiligen Chiefs, waren keineswegs passive Opfer der Kolonialisierung ihres Landes, sondern Akteure mit eigenen Interessen. Sie nahmen schon vor der kolonialen Aufteilung mit heimischen Rohstoffen wie Elfenbein und Straußenfedern am
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Welthandel teil und standen damit schon zu Beginn der Kolonialisierung in einer relativ engen Beziehung mit den Europäern (vgl. SPREITKAMP 2007:197).
4.2 Besiedlung
4.2.1 Vor der Ankunft der Deutschen
Als die Deutschen im Südwesten Afrikas ankamen, lebten die Einheimischen auf dem Territorium des heutigen Namibias keineswegs friedlich und in ursprünglicher „Jäger- und Sammler-Romantik“ miteinander. Nach KRÜGER (2003:20) existierte eine „Tribut- und Raubpolitk“, die noch 1880 zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Nama und Herero geführt hatte.
4.2.2. Missionare
Um 1840 fand die Entsendung von Missionaren durch die Rheinische Mission statt. Doch sie waren nicht die ersten Missionare. Bereits seit 1805 hatte eine Missionsstation durch eine Londoner Mission in Warmbad bestanden. Die Rheinische Missionsgesellschaft breitete sich im Land angekommen allerdings rasch aus und verfügte bereits in den 1870er Jahren über Missionshäuser in der gesamten Landesmitte Südwestafrikas. Diese hatten sich bis in die 1870er Jahre zu neuen Machtzentren mit unterschiedlichen Funktionen entwickelt: „Sie dienten als Umschlagplatz von Konsumgütern, Waffen, Pferden, Rindern und Jagdprodukten und gleichzeitig als Drehscheibe für Kommunikation.“ (KRÜGER 2003:21). Durch die Weitergabe dieses für die Kolonialherren wertvollen Wissens trugen die Missionare zu einem großen Anteil an der kolonialen Landnahme bei (vgl. KAULICH 2003:50).
Doch nicht nur Missionsgesellschaften, sondern auch Handelsunternehmen ließen sich zur Mitte des 19. Jahrhunderts punktuell in Südwestafrika nieder.
4.2.3 Die Flagge folgt dem Handel
Seit dem 17. Jahrhundert hatte es vereinzelte Europäer für den Fisch- und Walfang, den Guanoabbau und den Tauschhandel mit den Einheimischen nach Südwestafrika verschlagen. Sie waren meistens von der Kapkolonie her eingewandert und hatten sich nicht dauerhaft niedergelassen. Ab dem 18. Jahrhundert überquerten immer mehr Forscher, Händler und Abenteurer den Oranje. Sie brachten den Einheimischen auch schon vor Ankunft der Deutschen Waffen und Alkohol (vgl. KAULICH 2003:55).
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Bismarck sprach sich bis in die 1880er Jahre gegen einen Erwerb von Kolonien aus, da er diesen für zu kostspielig und militärisch nicht zu verteidigen hielt. Allerdings wurde der innenpolitische Druck, geschürt durch eine immer mächtiger werdende deutsche Kolonialbewegung in den 1880er Jahren zu groß. Nachdem Bismarck in den 1880er Jahren den Handelshäusern, Industriekonzernen und Banken die Verantwortung übertrug, Kolonien zu gründen und zu unterhalten, erwarb im Jahr 1883 der Bremer Tabakhändler Lüderitz die Bucht von Angra Pequena vom Oberhaupt des Namavolkes. Später dehnte er seinen Herrschaftsbereich über den gesamten Küstenstreifen bis zum Oranje aus (vgl. BÖHLER 2003: 33). Am 7. August 1884 wurde das Lüderitzsche Südwestafrika offiziell unter deutschen Schutz gestellt. Dieser Schutz für Lüderitz war der Gründstein für das spätere Kolonialreich. Erste Schutzverträge mit einheimischen Stämmen wurden sofort nach der Schutzerklärung durch kaiserliche Gesandte ausgehandelt. Bis 1884 waren auf diese Weise fast alle Stämme Südwestafrikas durch Verträge an das Deutsche Reich gebunden (vgl. BÖHLER 2003: 33).
Das „Lüderitzsche Abenteuer“ nahm jedoch ein rasches Ende. Der Kaufmann hatte sich verkalkuliert. So stieg das Deutsche Reich doch noch in den Kolonialerwerb ein. Eine funktionierende Verwaltung gab es allerdings erst ab 1894, als Bismarck General Leutwein nach Südwest entsandte. Seine gemäßigte „divide et impera“-Politik half, die deutsche Herrschaft in Südwest zu konsolidieren. Auch wenn Leutwein mehrere kleinere Erhebungen der Einheimischen niederschlug, wird er als Vertreter einer eher gemäßigten Strategie angesehen (vgl. BÖHLER 2003:34).
4.2.4 Grenzziehung
Wie bereits erwähnt, wurde auf der „Afrika-Konferenz“ 1884/85 in Berlin eine internationale Anerkennung der vorläufigen Grenzen beschlossen. An der Konferenz nahmen keine Teilnehmer aus Afrika teil, sondern lediglich 12 Vertreter der europäischen Kolonialmächte sowie die USA und das Osmanische Reich (vgl. BÖHLER 2003).
Vorausgegangen waren der Konferenz allerdings schon zahlreiche Verhandlungen und auch mit der Konferenz sollten die Grenzstreitigkeiten noch kein Ende erreicht haben.
Im Falle Südwestafrikas hatte Großbritannien 1884 sein Interessengebiet durch den 20. Grad östlicher Länge hin nach Westen abgegrenzt und das „Betschuanaland“ zum britischen Protektorat erklärt. Wegen den nördlichen Grenzen
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des „Betschuanalandes“ gab es allerdings Grenzschwierigkeiten mit den Deutschen. Sie stritten mit den Briten um einen Zugang zum Sambesi, der damals hinsichtlich seiner Schiffbarkeit deutlich überschätzt wurde.
Diese Grenzstreitigkeiten konnten erst 1890 mit dem Helgoland-Sansibar-Vertrag beigelegt wurden. Die Deutschen erhielten im Zuge dieses „Deutsch-Britischen Kolonialausgleichs“ einen Zugang zum Sambesi. Den so genannten Caprivi-Zipfel. Er erstreckt sich mit ca. 420 km Länge und 40 bis 100 km Breite vom nordöstlichen Namibia aus wie ein Zeigerfinger nach Zentralafrika. Auf Grund der randständigen Lage wurde der Caprivi-Zipel jedoch von der deutschen Verwaltung vernachlässigt. Als Grenzen der deutschen Kolonie diente somit der Oranje als „natürliche Grenze“ im Süden und der 20. bzw. 22° ö.L. im Osten. Sambesi, Chobe und Kunene, sowie eine Line, die ungefähr auf dem 17° w.L. verläuft, bildeten die Grenzen im Norden (DEMHARDT 2000:464).
4.2.5 Erschließung
Erst nach der Grenzziehung erfolgte die territoriale Inbesitznahme des Landes. Dabei drangen die Deutschen von der Küste ausgehend immer weiter ins Landesinnere vor. Zuerst wurden Hafenorte wie Lüderitz und Swakopmund und Handels- und Missionsstationen wie Okahandja und Otjimbingwe gegründet und dann durch Verkehrslinien miteinander verbunden.
Das Land wurde dabei den Einheimischen abgekauft, sie wurden enteignet oder vertrieben. Dann wurde das Land flächenhaft an deutsche Siedler verteilt. Die Besiedlung verlief zunächst sehr schleppend. Im Januar 1891 waren 539 Weiße im Land. Davon war nur knapp die Hälfte deutsch, die anderen waren Briten und Buren.
Bald wurde jedoch eine private Siedlergesellschaft gegründet und die Besiedlung staatlich gefördert. So erhielten Siedlungswillige billiges Land, Saatgut und Baumaterial (vgl. KAULICH 2003:60). Auch die Schutztruppe spielte bei der Besiedlung eine wichtige Rolle. So entwickelten sich z.B. aus den Militärstationen oft Ortschaften. Ebenso war das Militär auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Nach ihrem Dienst entschlossen sich viele Soldaten in Südwest zu bleiben (vgl. KAULICH 2003:61; Abb. Anstieg nach dem Krieg).
Die charakteristischen Siedlungsarten in den ersten 20 Jahren waren Missionssiedlungen, Militärstationen, Handels- und Verkehrssiedlungen, sowie Farmen. Eine relativ hohe Siedlungsdichte wies das Windhuker Hochland auf, da
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dort ausreichend Wasser zur Verfügung stand und somit gutes Weideland vorhanden war. Auch die Gebiete entlang der Flussläufe des Swakop, Omaruru und des Fischflusses wurden besiedelt. Hauptsächlich handelte es sich aber um Einzelfarmen und kleine Ortschaften. Im Jahr 1903 war Windhuk mit 684 Einwohnern die größte Ortschaft in Südwest (vgl. KAULICH 2003:63).
Das Verhältnis von Männern zu Frauen betrug zunächst fünf zu eins. Nach dem Krieg gegen die Herero und Nama wurden allerdings gezielt Frauen angeworben, was zu einem sprunghaften Anstieg der Anzahl von Frauen in Südwest führte.
Abbildung 5: Die Weiße Bevölkerung Deutsch-Südwestafrikas 1894-1913.Quelle: Eigende Darstellung.
14000 12000 10000 8000 6000 4000 2000 0 4.3 Krieg gegen die Herero und Nama
4.3.1 Gründe für den Aufstand
Zwar gab es schon vor 1904 Aufstände seitens der Einheimischen, diese wurden jedoch relativ schnell wieder von den Besatzern niedergeschlagen. Ansonsten lebten die Deutschen zunächst scheinbar friedlich mit den Einheimischen zusammen. Als Grund dafür wird das Bündnissystem Leutnants gesehen. Der Gouverneur hatte die Chiefs in eine Art „feudal-patriarchalisches System“ (SPREITKAMP 2007:217) eingebunden, weshalb die Hererochiefs bis 1904 größtenteils mit den Deutschen zusammenarbeiteten.
In den Jahren 1896 und 1997 fielen die Vieherden der Herero einer Rinderpest zum Opfer, woraufhin sie stark dezimiert wurden. Die Rinder hatten für die Herero nicht nur einen ökonomischen Wert als Basis für ihren Wohlstand. Sie hatten auch einen ideellen Wert als Statussymbole (vgl. SPREITKAMP 2007:217).
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Hinzu kamen Malaria- und Typhusepidemien am Anfang des 20. Jahrhunderts, sowie eine Heuschreckenplage und Dürren. Dies alles führte zu einer Verarmung einer Vielzahl von Herero. Sie sahen sich zunehmend gezwungen, ihr Land an deutsche Siedler zu verkaufen oder sich zu verschulden (vgl. SPREITKAMP 2007:219). Die Kolonialverwaltung förderte einerseits die Landverkäufe und begann andererseits ab 1901 mit der Vorbereitung für Reservate, um den völligen Ausverkauf des Hererolandes zu verhindern. Die 1903 verkündeten Reservatsgebiete wiesen schlechte Böden auf und boten den Herero keine Existenzgrundlage. Dies verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass die Vernichtung der Herero-Rinderherden die Rinderzucht für die Deutschen erst profitabel gemacht hatte. Es bestand also kein Interesse seitens der Deutschen an ihrer Erholung (vgl. GRÜNDER 2004:116). Des Weiteren trat am 1. November 1903 eine neue Kreditverordnung in Kraft. Sie besagte, dass die Schulden nach einem Jahr verjährten. Eigentlich sollte diese Verordnung die Herero entlasten. Sie führte allerdings dazu, dass die Schulden nun rücksichtslos und brutal eingetrieben wurden (vgl. SPREITKAMP 2007:220). Die Verarmung der Herero führte auch dazu, dass diese sich nun immer öfter eine Beschäftigung auf weißen Farmen suchen mussten. Dort kam es zu Misshandlungen und Vergewaltigungen. Doch nicht nur dort, sondern im gesamten gesellschaftlichen Leben wurden die Einheimischen diskriminiert. So blieb zum Beispiel ein Mord an einem oder einer Herero, begangen durch einen Deutschen ohne juristische Folgen, während bei einer umgekehrten Täter-Opfer-Konstellation drakonische Strafen drohten.
Zusammenfassend zu den Kriegsursachen soll an dieser Stelle ein Herero zu Wort kommen:
„Der Krieg ist von ganz kleinen Dingen gekommen, und hätte nicht (zu) kommen brauchen. Einmal waren es die „Stuurmann“ (Kaufleute) mit ihrem schrecklichen Wucher und eigenmächtigen, gewaltsamen Eintreiben. Für 1 sh Schuld wollten sie nach Jahresfrist 5 sh und für 1 L (Pfund) nach 12 Monaten 5 L Zinsen haben, und wer nicht zahlen wollte oder konnte, den verfolgten und plagten sie. Dann ist es der Branntwein gewesen, der die Leute schlecht und gewissenlos gemacht hat. Wenn jemand trinkt, dann ist es ihm gleich, was er tut. Aber das schlimmste Übel ist, was viel böses Blut und Streit hervorgerufen hat, die Vergewaltigung unserer Frauen durch Weiße. Manche Männer sind totgeschossen (worden) wie Hunde, wenn sie sich weigerten, ihre Frauen und Töchter preiszugeben und drohten , sie mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Wären solche Dinge nicht geschehen, wäre kein Krieg gekommen aber er ist bei solchen Vergewaltigungen ausgebrochen. Er war mit einem Male da, und da war kein Halten mehr, jeder rächte sich, und es war, als sei kein Verstand mehr unter den Massen.“ (In: GRÜNDER 2004:119)
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4.3.2 Kriegsverlauf
Der Aufstand der Herero begann in der zweiten Januarwoche 1904 und überraschte die Deutschen. Zunächst wurden die Eisenbahnlinie Windhuk-Swakopmund und Telegraphenverbindungen zerstört, sowie Siedler und Soldaten getötet. Bis zum August 1904 lieferten sich Deutsche und Herero mehrere kleinere und größere Gefechte. Die Deutschen hatten gedacht, dass der Aufstand schnell niedergeschlagen werden könnte. Doch als sich abzeichnete, dass der Kampf nicht so einfach zu gewinnen war, wurde General Leutwein abgesetzt und der berüchtigte General von Trotha nach Südwest entsandt (vgl. GRÜNDER 2004:120). General von Trotha hatte sich durch sein brutales Vorgehen bei Aufständen in anderen Kolonien einen Namen gemacht und sollte auch in Südwest „hart durchgreifen“. So ordnete er im August 1904 die „Schlacht am Waterberg“ an, in deren Folge tausende Herero in die Omaheke-Halbwüste getrieben wurden. Die meisten von ihnen verdursteten dort und fanden einen qualvollen Tod (vgl. ZIMMERER 2003:52). Doch damit war Trotha noch nicht zufrieden. In seinem Schießbefehl vom Oktober 1904 ordnete er an, alle überlebenden Herero zu erschießen:
Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten, und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder, der einen der Kapitäne an eine meiner Stationen als Gefangenen abliefert, erhält tausend Mark, wer Samuel Maharero bringt, erhält fünftausend Mark. Das Volk der Herero muß jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen. (Lothar v. Trotha in: ZIMMERER 2003:51)
Auf Grund dieses Schießbefehls kann davon ausgegangen werden, dass die Herero systematisch vernichtet werden sollten und somit der erste Völkermord der Deutschen vollzogen wurde. Der Schießbefehl wurde zwar nach wenigen Wochen schon wieder vom deutschen Kaiser Wilhelm II. zurückgenommen, doch bis dahin hatte sich bereits ein Großteil der Tragödie ereignet. Auch danach fand das Leiden der Herero kein Ende.
Die überlebenden Herero wurden nach Kriegsende in eigens für sie errichtete „Werften“ (Lager) à ca. 1000 Einwohner gesteckt. Ihr gesamtes Stammesvermögen wurde konfisziert und der Besitz von Vieh und Land war ihnen nur noch in begrenztem Umfang gestattet. Des Weiteren herrschte ein Arbeitszwang für sie. Dieser wurde mit einem Pass, den sie immer bei sich tragen mussten, dokumentiert.
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Alles in allem war ihnen keine selbstständige Existenz mehr möglich, sondern sie waren nun vollständig von ihren deutschen Kolonialherren abhängig (vgl. GRÜNDER 2004:120).
Im Oktober 1904 erhoben sich die Nama im Süden des Landes und lieferten sich mit den Deutschen noch bis in das Jahr 1907 einen Guerillakrieg (vgl. Abb. 6).
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4.3.3 Bilanz
Von den 60-80.000 Herero überlebten 15.130. D.h. 75-80% aller Herero wurden von den Deutschen direkt oder indirekt ermordet. Von den 20.000 Nama überlebten 9781. Auch von ihnen wurde also mehr als jeder zweite umgebracht. Als Grund für den Aufstand der Nama kann der Umgang mit den überlebenden Herero nach dem Ende des Herero-Aufstands angesehen werden. Von den 14.000 deutschen Soldaten, die während des Krieges in Südwest gekämpft hatten, fielen 1500 den Kämpfen und Krankheiten zum Opfer.
5. Versöhnung?
Noch heute sind in der namibischen Gesellschaft die Auswirkungen der deutschen Kolonialherrschaft zu spüren. Es herrscht ein großes Maß an sozioökonomischer Ungleichheit, die laut KÖßLER (2005:36) „im Wesentlichen auf die Verhältnisse des Siedlerkolonialismus zurück[geht].“ Unter den kommerziellen Farmern sind nach wie vor die deutschsprachigen überrepräsentiert (vgl. KÖßLER 2005:37). Im September 2001 wurde durch die eigens dafür gegründete „Herero People´s Reperation Corporation“ in den USA eine Reparationsklage gegen die
Bundesrepublik Deutschland und drei deutsche Firmen eingereicht. Als Entschädigung für die Durchführung eines Rassenkrieges sowie einer Völkermordskampagne gegen die Herero wurden je 2 Milliarden US$ gefordert (vgl. KÖßLER 2005:37).
Problematisch bei der Klage war, dass die Herero auf eine Exklusivposition gegenüber anderen Gruppen in Namibia bestanden. Die beanspruchten Reparationszahlungen sollten also nicht auch beispielsweise für Nama gelten, die jedoch in gleichem Maße von der Vernichtungspolitik der Deutschen betroffen waren. In diesem Zusammenhang wird die Gefahr einer „Opferkonkurrenz“ ersichtlich. Vorausgegangen waren dieser Klage die Besuche von Bundeskanzler Kohl im Jahr 1995 und Bundespräsident Herzog im Jahr 1998, bei denen ein Schuldeingeständnis verweigert wurde. Damals hatten sich die deutschen Staatsmänner mit der namibischen Regierung darauf verständigt, dass die deutschen Verpflichtungen gegenüber Namibia in Form einer besonders umfangreichen
Entwicklungszusammenarbeit abgegolten würden. So ist Namibia bis heute ein Schwerpunktland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.
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Im Jahr 2004 jährte sich der Beginn des Herero-Aufstands zum 100. Mal. In Deutschland wurde dieses Thema nur am Rande behandelt, während es in Namibia eine zentrale Stellung einnahm. Bei einem Auftritt auf der Gedenkveranstaltung in Ohmakari machte die damalige Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul erstmalig ein verbales Schuldeingeständnis an dem Völkermord in Deutsch-Südwestafrika und bat um Vergebung (vgl. KÖßLER 2005:36). KÖßLER (2007:12) bezeichnet dieses Schuldeingeständnis als eine „lange überfällige historische Leistung“. Die von den Herero eingereichte Klage liegt seitdem auf Eis. Allerdings folgte der Rede zunächst einmal nicht ein seitens der Opfer lange erhoffter Dialog, sondern Schweigen. Erst im Jahr 2005 folgte der nächste Schritt der Entwicklungshilfeministerin. Sie kündigte eine Versöhnungsinitiative an, in deren Rahmen 20 Mio. € über 5 Jahre hinweg nach Namibia fließen sollten (vgl. KÖßLER (2007:12). Diese „Special Namibia-German Initiative for Community-Driven Development Projects for some Regions in Namibia“ wurde 2007 unterzeichnet. Zu kritisieren an dieser Initiative ist allerdings, dass sie nicht auf einem Dialog, sondern auf einer einseitigen Ankündigung von Wieczorek-Zeul beruht. Für einen wirklichen Versöhnungsprozess bedarf es laut Kößler (2007:14) einen „offenen Dialog unter Einbeziehung breiter gesellschaftlicher Kreise“ auf beiden Seiten und einer offenen Auseinandersetzung mit klaren Aussagen von institutionell legitimierter Seite in Deutschland.
6. Fazit
Inwieweit Geographen zum „Erfolg“ des kolonialen Projekts „Deutsch-Südwest“ beigetragen haben, kann an dieser Stelle nicht endgültig geklärt werden. Eine systematische Aufarbeitung ihrer Rolle im Kolonialismus ist jedoch längst überfällig. Dazu sollte auch gehören, diesem und anderen dunklen Kapiteln der Geschichte der Geographie eine institutionalisierte Stellung in der Lehre einzuräumen.
Es bleibt schließlich die Frage, was aus dem Engagement der Geographen im deutschen Kolonialismus für Lehren gezogen werden können. Eine Lehre könnte beispielsweise sein, kritisch auf alle Forschungsvorhaben und ihre Geldgeber zu blicken, zumal wenn diese Forschungsvorhaben sich in Gebieten der so genannten „Dritten Welt“ befinden.
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Es bleibt zu hinterfragen, welche der schon zu Zeiten des Kolonialismus angelegten Denkmuster auch heute noch in der Entwicklungshilfe vorzufinden sind. Schwingt nicht alleine bei dem Vorhaben ein bestimmtes Gebiet „zu entwickeln“ ein gewisse Überzeugung der eigenen kulturellen Höherwertigkeit mit, wie sie schon Osterhammel in seiner Kolonialismusdefinition aufgeführt hat? Die Verantwortung der europäischen Gesellschaften gegenüber dem afrikanischen Kontinent, ist nicht durch Entwicklungshilfe „abzubezahlen“. Zumal diese Entwicklungshilfe in vielen Fällen mehr europäischen als afrikanischen Interessen entspricht. Um Verantwortung zu übernehmen, sollte wie KÖßLER (2005:39) anführt, ein Dialog stattfinden, in den vor allem auch die Zivilgesellschaften mit einbezogen werden.
Gerade dieser Dialog wird bis heute von deutscher Seite vermieden. Es kann somit nicht von einer Übernahme an Verantwortung auf deutscher Seite und ebenso wenig von einer Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte gesprochen werden.
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Sabrina Roy, 2010, Kolonialgeschichte des südlichen Afrikas, München, GRIN Verlag GmbH
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