Inhaltsverzeichnis
I. Theoretische Grundlagen zu Frankophonie / Kolonialismus. 3
1. Die Bedeutung der Frankophonie 3
1.1. Allgemeines und Geschichtliches 3
1.2. Die Schreibweise(n) 4
2. Die französische Kolonialpolitik. 5
2.1. Motivation, Methoden und Auswirkungen. 5
2.2. Die Kolonisation Algeriens. 6
2.3. Die französische Sprache im heutigen Algerien 7
2.4. Algeriens Konfliktpunkt: Ressourcen(management) 8
3. Kennzeichen kollektiver und individueller Sozialisation. 9
3.1. Gruppenidentität 9
3.2. Einzelperson. 10
II. Analytische Auswertung von La Grande Maison 11
4. Vorstellung des Romans 11
4.1. Allgemeines und Autobiographisches. 11
4.2. Der Inhalt und sein historischer Kontext 12
5. „un Francophone parle d´un pays francophone“ 14
5.1. Globale Analyse bezüglich der zwiespältigen Lage des Protagonisten 14
5.2. Detailanalyse des Sprachkonflikts 17
5.3. Fehlende Ressource: Brot. 19
5.4. Darstellung zweier Kultursysteme 20
6. Résumé. 22
7. Bibliographie. 23
2
I. Theoretische Grundlagen zu Frankophonie / Kolonialismus
1. Die Bedeutung der «Frankophonie»
1.1. Allgemeines und Geschichtliches
Die Bezeichnungen «francophone» und «la francophonie» 1 stammen von dem französischen Kolonialgeographen Onésime Reclus (1837-1916) und bezeichnen - kurz gefasst - den französischen Sprachraum, zu dem jede Bevölkerung zählt, die Französisch als offizielle Sprache ihres einsprachigen Territoriums anerkennt. Es gehören auch Staaten dazu, die dem Französischen den Status einer kooffiziellen, einer Amts- oder Arbeitssprache zugestehen und jene, in denen das Französische als Sprache der Bildung (Schulsprache) angesehen wird oder wo Eliten den französischen Ton bevorzugen. Dass Französisch als offizielle Sprache gilt, bringt nur wenig Aufschluss über ihre tatsächliche Verbreitung oder eben Nicht-Verbreitung. Um den Verbreitungsgrad zu ermitteln, muss die Funktion der Sprache innerhalb des sozialen Raumes untersucht werden, nicht aber der staatliche Status allein als Quelle dienen.
Es gibt also viele Möglichkeiten, Teil des frankophonen Raumes zu sein. Aus der detaillierten Auflistung frankophoner Mitglieder wird ersichtlich, dass auch ehemalige französische Kolonien und andere Länder integriert sind, in denen das Französische ausschließlich gesellschaftliche Relevanz hat. Es werden sogar Länder aufgenommen, die nicht eigens frankophon sind, aber definitiv eine starke Beziehung zu solchen Ländern pflegen. Der Beobachterstatus bedeutet, dass die Affinität nicht sprachlich begründet ist, sondern ein politisches Interesse vorliegt. Denn nicht nur aus kultureller, sondern auch aus politischer Motivation heraus (mit der Gründung der Agence de coopération culturelle et technique - ACCT 2 ), kümmert sich die Internationale Organisation der Frankophonie (OIF = l´Organisation internationale de la Francophonie) um die Bündelung der Mitglieder. 3 Ihren ersten großen Erfolg verzeichnete die Vereinigung mit dem UNO-Generalsekretär Boutros-Ghali
1 Den Begriffen ähnlich ist das Wort «francité», das allerdings auf den senegalesischen Präsidenten
und Dichter Léopold Sédar Senghor zurückgeht. Es wird als „Französischsein“ übersetzt und ist
vielmehr mit kulturellem Verhalten konnotiert.
2 Der ACCT nachfolgend, entstand die AIF (= Agence intergouvernementale de la Francophonie)
3 Auf der offiziellen Homepage der OIF befindet sich eine vollständige Aufstellung der Mitglieder:
www.francophonie.org/oif/membres.cfm
3
1997-2002. Auch sie kämpft, wie die schon 1635 gegründete Académie francaise, gegen die Dominanz des Englischen (Anglophonie). Mit der Einladung politischer Würdenträger durch den französischen Präsidenten F. Mitterrands (1916-1996), fand
im Jahre 1986 erstmals ein Gipfeltreffen 4 zur Frankophonie statt. Damit setzte die bis heute andauernde Phase ihrer Verstaatlichung ein. Inzwischen hat sich die Frankophonie zu einem inter- bzw. transdisziplinären Phänomen ausgeweitet, das nicht nur in der Romanistik des deutschsprachigen Raumes seit den 70er Jahren des 20. Jhdts. auftritt, sondern soziologische, politikwissenschaftliche, ökonomische, demographische, ethnologische und anthropologische Bereiche der akademischen Forschung betrifft.
Die Verbreitung des Französischen über seine eigenen Grenzen hinaus, bewirkt aufgrund der Existenz weiterer Weltsprachen und vor allem der regional vorhandenen Dialekte (Soziolekte), so genannte Sprachkonflikte. Das Konfliktfeld besteht aus Spannungen, die sich bei einer Konfrontation als Ungerechtigkeiten, Abwertungen oder Diskriminierungen entladen können. Die Konkurrenz zwischen den frankophonen und anglophonen Vertretern ist ein gravierendes Beispiel für einen langwierigen Sprachkonflikt, in dem sich das Französische als „bedrohte“ Sprache fühlt. Für eine Verteidigungsstrategie verbündeln sich die politische Führungsmacht und kulturelle Vertreter, um dem weltweiten Trend zu Anglizismen in der eigenen Sprache Einhalt zu gebieten. Die Mitgliederstaaten der Frankophonie kämpfen gegen das Hegemoniestreben der USA und den Einfluss des englischsprachigen Commonwealth, einer kolonialen Bindung an Großbritannien. Das zwieträchtige Verhältnis zwischen dem Englischen und dem Französischen geht auf deren kolonialistisches Gedankengut zurück, wer welche Gebiete erobern konnte. Dadurch ist die Französischsprachigkeit nicht nur für die soziale und kulturelle Etablierung, dem Prestige, von Bedeutung, sondern auch eine regelrechte Staatsangelegenheit.
1.2. Die Schreibweise(n)
Für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem frankophonen Phänomen ist die Unterscheidung dreier Schreibweisen von Bedeutung: Der erste Ausdruck, «Frankophonie» in der deutschen Sprache, betrifft im Allgemeinen die Französischsprachigkeit als Gegenstand der Forschung. Sie
4 Das Gipfeltreffen findet seither alle zwei Jahre statt, unter der Devise „Le sommet des chefs d´État et
de Gouvernement ayant le francais en partage“.
4
beschäftigt sich mit der weltweiten Verbreitung des Französischen (zumeist im Vergleich mit anderen Sprachen wie dem Englischen). Die beiden französischen Wörter unterscheiden sich durch den Anfangsbuchstaben entweder in der Form eines Minuskels oder eines Majuskels. So bezeichnet «francophonie» die sozialen und kulturellen Räume, während «Francophonie» für die institutionalisierte politische Vereinigung und ihre internationale Organisation verwendet wird.
2. Die französische Kolonialpolitik
2.1. Motivation, Methoden und Auswirkungen
Frankreichs Kolonialpolitik gliedert sich in drei große Abschnitte, nämlich in das erste und das zweite Kolonialreich und den Postkolonialismus. In jeder Phase sind Territorien auf dem ganzen Erdball betroffen. Jules Ferry fasst die Kolonialpolitik Frankreichs am 28. Juli 1885 bei den „Débats parlementaires“ in drei Stichwörtern zusammen: „économique, humanitaire, et politique“. 5 Das erste Argument, warum die Kolonisation für Frankreich wichtig ist, betrifft den ökonomischen Bereich. Der wirtschaftliche Gewinn liegt einmal in der Migration, weiters in einer Ausbeutung von Ressourcen, vor allem von Luxusgütern, wie Kakao- oder Kaffeebohnen, sind dort billiger zu erwerben. Die Gründung einer Kolonie bietet einem industriell fortschrittlichen und an Kapital reichen Land wie Frankreich die lukrative Erschließung neuer Absatzmärkte. Das zweite Argument der Humanität baut auf dem ersten auf, nämlich dass die Herrschaft über eine fremde Kultur auch deren Unterdrückung bedeutet, was zur Rebellion führen kann. Deshalb sei es wichtig, die Kolonisierten zu zivilisieren. Einerseits käme eine Lektion im guten Benehmen der „races inférieures“ gegenüber den „races supérieures“ den Einheimischen (aus der Sicht der Kolonisatoren) selbst zu Gute, andererseits bliebe eine Revolte aus, wenn Folgsamkeit gewährleistet ist. Die Methoden der Zivilisierung sind aber alles andere als „sanft“, so der verständliche Vorwurf Ferrys an die Kolonialpolitiker: „vous les [ces populations de race inférieure] violentez, mais vous ne les civilisez pas.“ Zuletzt nennt er die Gründe, internationales Prestige erlangen zu wollen und in einer politischen Hierarchie Europas aufzusteigen.
5 Guy Pervillé: De l´Empire francais à la décolonisation. Paris: Hachette (1991). S. 47-48.
5
2.2. Die Kolonisation Algeriens
Für die Analyse der Identitätsproblematik in Mohammed Dibs La Grande Maison ist die algerische Kolonialgeschichte von Bedeutung. Die Ära des zweiten Kolonialreiches begann 1830 mit der Besetzung Algeriens durch die französische Armee. Algerien war als erstes der drei Länder des «Maghreb» 6 vom Kolonialsystem Frankreichs betroffen. Dieses legte größten wert auf die Vermittlung der französischen Sprache in den eroberten Gebieten, um eine dauerhafte Bindung an sich zu garantieren. Der Kolonisator benutzte seine Muttersprache Mittel seiner Macht, einmal gegenüber den Eingeborenen, sowie gegenüber anderen Kolonialmächten, vordergründig der englischen.
Die politisch legitimierte Devise lautete „La mission civilisatrice“ und war ein optimistisches Konzept, das sich am besten mit den patriotischen Worten Victor Hugos zur Kolonisation Algeriens veranschaulichen lässt:
Ich glaube, dass unsere neue Eroberung ein glückliches und ruhmreiches Unternehmen ist.
Es ist die Zivilisation, die über die Barbarei siegt. Ein von (der Vernunft) erleuchtetes Volk
trifft auf eines im Dunkeln. Wir sind heute die Griechen des Erdkreises; unsere Aufgabe ist
7 es, die Welt zu erleuchten. Unsere Mission geht in Erfüllung. Ich singe Hosanna.
V. Hugo vertritt die koloniale Sprachpolitik indem er die Erreichung von Gleichheit aller Menschen mittels einer gemeinsamen Sprache, sowie der Zivilisierung der Menschheit dadurch, als Frankreichs Bestimmung nennt. Dass ein solches Bestreben aber auch Schattenseiten bringt, nämlich die gewalttätige Unterdrückung und Zerstörung fremder Kulturen, wurde von der Kolonialmacht ignoriert bzw. verschönert oder im schlimmsten Fall verleugnet. Die Praxis von „La mission civilisatrice“ sah anders aus: Assimilation und „l´administration directe“. Letztere sollte die Idee eines Souveränitätstransfers und die Selbstverwaltung der Kolonie unterbinden. Die Assimilation geschah durch die Institutionen der kolonialen Sprachpolitik zu denen Verwaltung, Militär, Schule und Kirche zählten. Da die Kolonialverwaltung nur das Französische tolerierte, mussten es algerische Kolonisten, besonders jene, die mit administrativen Aufgaben betreut wurden (eine geringe Anzahl), erlernen. Ebenso war die Kenntnis des Französischen für die Soldaten von Vorteil, die vom Militär rekrutiert wurden, um auf der Seite Frankreichs in internationale Kriege zu ziehen. Neben der territorialen Expansion mittels neuer
6 Die Bezeichnung «Maghreb» heißt aus dem Arabischen übersetzt „Sonnenuntergang“ und meint den
Westen der arabisch-islamischen Welt, zu dem folgenden Länder zählen: Marokko, Algerien und
Tunesien.
7 János Riesz: Französisch in Afrika. Sprache durch Herrschaft. Frankfurt/M.: IKO - Verlag für
Interkulturelle Kommunikation (1998), S. 114-115.
6
Arbeit zitieren:
Monika Slunsky, 2008, Das Problem der Identität des Kolonisierten in "La Grande Maison" von Mohammed Dib , München, GRIN Verlag GmbH
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