Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
1. Die Wurzeln der Skinheadbewegung und der Spirit Of ´69
1.1. Die Vorläufer der Skinheads 4
1.1.1. Teddy Boys / Teds 4
1.1.2. Rude Boys / Rudies 4
1.1.2. Mods Hard Mods 5
1.2. Skinheads der ersten Generation 6
1.2.1. The Spirit Of ’69 - Die Lebenswelt der Skinheads 6
1.2.2. Musikalische Wegbereiter der Skinheadbewegung 8
1.2.2.1. Northern Soul Ska 8
1.2.2.2. Rocksteady Early Reggae 9
2. Der Wandel der Skinheadbewegung - Die Skinheads der zweiten Generation
2.1. Politisierung und Kommerzialisierung der Skinheadszene 10
2.2. Rechtsgerichtete Skins 12
2.2.1. White-Power-Skins / Hammerskins 12
2.2.2. Die “Blood Honour - Bewegung 13
2.3. Sonstige Skinhead - Gruppierungen 14
3. Die Eignung von Musik als Träger von Ideologie
3.1. Zielgruppe Zensur 16
3.1.1. Jugend als Zielgruppe 16
3.1.2. Rechte Musik und die Problematik der Zensur 17
3.2. Die genreübergreifende Verbreitung rechter Propaganda 18
Fazit / Zusammenfassung 19
Quellennachweis
Vorwort
Betrachtet man das Bild, dass in unseren modernen Medien von der Skinheadbewegung gezeichnet wird, so entsteht meist der Eindruck, dass es sich bei den Anhängern dieser Szene überwiegend um nationalistische, rassistische und vor allem gewaltbereite Ewig-Gestrige handelt, die in Springerstiefeln und mit kahl geschorenem Kopf Jagd auf Ausländer, Linksalternative und sonstige als andersartig empfundene Menschen machen. Dieses Image ist jedoch das Produkt einer einseitigen Berichterstattung, das durch die Sensationsgier der Konsumenten dieser Medien - ganz gleich ob in Printmedien, Rundfunk und Fernsehen oder im Internet - regelrecht gefordert wird. Analysiert man unvoreingenommen die Anfänge der Skinheadbewegung in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, offenbart sich dem Betrachter eine Szene, die keinesfalls rassistisch, gewalttätig oder politisch motiviert war - im Gegenteil: die Skinheadbewegung fußt auf jamaikanischen Wurzeln und entstand im Ursprungsland der Punk-Bewegung, in England.
Wie konnte es also zu einer Entwicklung dieser Bewegung kommen, die sich derart gegen ihre Wurzeln richtet? Die Antwort mag stark vereinfacht erscheinen, sie wird jedoch oft unterschätzt. Es handelt sich schlicht um die Macht der Musik.
Musik dient bereits seit Anbeginn menschlich-kulturellen Schaffens dem Ausdruck von Lebensgefühl, von Gedanken und Empfindungen. Sie ist ein Mittel der Identitätsfindung, Ideologieträger und somit vielfach die Basis zur Entstehung von Bewegungen, Subkulturen und Szenen. Die musikalisch prägendste Phase im Leben eines Menschen ist seine Jugend. Dort erworbene Kenntnisse und Erfahrungen prägen die Denk- und Handlungsweise des Hörenden grundlegend. Diese Prägung kann sogar bidirektional vonstatten gehen, d.h. sowohl die Musik kann das Bewusstsein des Jugendlichen verändern als auch umgekehrt. So ist dem Medium Musik also eine nicht unerhebliche Bedeutung bei der Entstehung und Entwicklung von Jugendbewegungen zuzugestehen. Das führt uns zu der Frage, um die es in der folgenden Abhandlung gehen soll:
Welche Rolle spielt Musik bei Entstehungs- und Veränderungsprozessen von Jugendbewegungen, hier repräsentiert durch die Skinheadbewegung?
Werfen wir dazu zunächst einen Blick auf die Entstehung, genauer die Vorläufer, der Skinheads.
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1. Die Wurzeln der Skinheadbewegung und der Spirit Of ´69
1.1. Die Vorläufer der Skinheads
1.1.1. Teddy Boys / Teds
In den 1950er Jahren entstand in England erstmals eine jugendliche Protestbewegung, die sich bewusst der Unterordnung unter die vorherrschende Gesellschaft, z.B. als so genannte Subkultur, verweigerte: die
Teds, Teddy Boys
oder auch
Cosh Boys.
Sie zeichneten sich durch eine vornehme bis affektierte Verhaltensweise und einen bis dato außergewöhnlichen Dresscode aus, was darauf abzielte, den etablierten Mittelstand dieser Zeit als Proletariat zu betiteln. Knielange Anzugjacken („drapes“) gaben der Bewegung ihren Namen, da „Ted“ die Koseform für „Edward“ war und auf den Kleidungsstil zu Zeiten König Edwards II abzielte. Sie wurden in Kombination mit verhältnismäßig engen Hosen („drainpipe
trousers“),
hochsohligen Schuhen („creepers“) und
der in den 50er Jahren beliebten Schmalztolle (Elvis-Frisur) zum Markenzeichen der Teds. Ihre Affektiertheit betrachteten sie als Spiel mit den Normen der Gesellschaft. Sie setzten auf gesellschaftlichen Protest anstelle politischem und bestärkten diesen vor allem auch durch ihre Musik, den Rock’n’Roll. Da dieser sowohl von der Eltern- als
auch der Großelterngeneration als ‚Hottentotten-’ und ‚Negermusik’ abgelehnt wurde, bildete er das ultimative Mittel zur Rebellion. Die Ablehnung durch die Gesellschaft wurde nicht zuletzt auch durch die an Tanzveranstaltung und Filmvorführungen der Szene anschließenden Krawalle und Massenschlägereien bekräftigt. In den 1960er Jahren kam es zunehmend zu einer Ablösung der Teds durch andere Jugendbewegungen, vor allem durch die Mods und die Rude Boys.
1.1.2. Rude Boys / Rudies
Die Rude Boys oder Rudies bildeten sich zu Beginn der 1960er Jahre in den Ghettos von Kingston, der Hauptstadt Jamaikas. Die Bezeichnung für diese Subkultur kommt vom jamaikanischen Slangwort für cool oder hip und basiert auf den, trotz des geringen sozialen Status der Ghettobewohner, auch im Alltag getragenen modischen Anzügen und Pork-Pie-Hüten der
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Rudies. Musikalisch bedeutsam war die Gründung so genannter Sound Systems: Gruppierungen von DJs, Tontechnikern und MCs, die auf Tanzveranstaltungen vorwiegend Ska, Rocksteady und Reggae spielten. Außerhalb dieser, mit heutigen Dancehall-Diskos vergleichbaren, Veranstaltungen kämpften viele Rude Boy Gangs auf zum Teil sehr blutige Art und Weise in den Straßen Jamaikas um die Vorherrschaft der damals agierenden politischen Parteien, der People’s National Party oder der Jamaica Labour Party. Ende der 60er Jahre übernahmen viele Kinder schwarzer Einwanderer den elegant-lockeren Stil der Rude Boys, so auch weiße englische Arbeiterkinder, die Mods.
1.1.3. Mods & Hard Mods
Die
Mods
entstanden Mitte der 60er Jahre in der englischen Arbei-
terjugend. Der Name der Bewegung stellt eine Kurzform des Wortes modernists dar. Das Bestreben der Mods war es, ihre eigene Herkunft aus der Arbeiterklasse zu cachieren, indem man sich dem Dresscode höherer Gesellschaftsschichten annäherte. Maßgeschneiderte Anzüge, Markenkleidung und der ursprünglich von der Army genutzte Parka wurden zur Mode der Mods. Motoroller der
Marke ‚Lambretta’, so genannte scooter, wurden zum Prestige-Objekt der Mods und wurden dementsprechend gepflegt und getunt. Der Parka hatte ursprünglich die Funktion, die sündhaft teure Kleidung auf den groß angelegten Rollerausfahrten (scooter runs) zu schützen. Später wurde er mit Bandaufnähern und Buttons verziert und avancierte zum Kultobjekt der Modszene. Musikalisch orientierten sich die Mods am Stil der jamaikanischen Rude Boys, deren Kleidungsstil und Musik sie faszinierte. Ska, Reggae, Modern Jazz, Rhythm’n’Blues und später auch der Einfluss amerikanischer Soul- und Jazz-Singles ließen die Jugendlichen am
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Tagsüber führten sie ein normales Arbeiterleben in der konservativen englischen Gesellschaft, in ihrer Freizeit entflohen sie in eine Welt, die durch exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum (Amphetamine und Speed, später auch Haschisch und Marihuana), rauschende Tanzveranstaltungen, Randale und Prügeleien geprägt war. Die Mods verstanden sich als Gegenströmung zu den Rockern (organisierte Motorradgangs), was zu häufigen Prügeleien und regelrechten Bandenkriegen zwischen den verfeindeten Gruppen führte. Nach und nach zeichnete sich jedoch eine zunehmende Spaltung der Szene ab, da bei den „upper class“ - orientierten Mods immer mehr Wert auf teure Markenware gelegt wurde, was einige Szenemitglieder aus Authentizitätsgründen ablehnten. Wer sich die zunehmenden „all- nighter“ (nächtelangeTanz- und Drogenparties, siehe auch 1.2.2.1), teure Maßanzüge und aufwendige Tunings der Scooter nicht mehr leisten konnte oder wollte, polierte sich seine Arbeitsschuhe - vorwiegend der Marke Doc Martens - auf, krempelte die Jeans ein wenig hoch und hielt sich an Hemden der Marken Ben Sherman oder Fred Perry, die aufgrund ihrer Gründer als repräsentative Beispiele für gesellschaftlichen Erfolg trotz einer Herkunft aus der Arbeiterklasse galten. Es kam zur Teilung der Szene in Mods und die bodenständigeren, betont maskulinen und auf die Arbeiterschicht zurückbesinnenden Hard Mods. Diese können als direkte Vorläufer der Skinheads betrachtet werden! Gegen Ende der 60er Jahre etablierte sich nach und nach eine strukturierte Skinheadbewegung, was zur Assimilation der meisten Hard Mods führte. Die übrig gebliebenen Mods vermischten sich mehr und mehr mit der Glam-Rock-Szene
1.2. Skinheads der ersten Generation
1.2.1. The Spirit Of ’69 - Die Lebenswelt der Skinheads
Der gesellschaftliche Zustand im England des Jahres 1969 war geprägt durch eine hohe Arbeitslosigkeit, vielfach sehr einfache Wohnverhältnisse in den Arbeiterfamilien, eine zähe Langeweile unter den Jugendlichen (es gab keinerlei kulturelle Angebote zur Strukturierung von Freizeit) und vor allem keine Aussicht auf eine Besserung dieser Situation. Diese Aussichtslosigkeit ließ sie schließlich am Sinn von Politik und der Möglichkeit der Einflussnahme auf gesellschaftskonformen Wegen zweifeln, was letzten Endes in einer kompletten Ablehnung jeglicher politischer Aktivität - gleich welcher Richtung - gipfelte. Als sich gegen Ende der 60er Jahre Hard Mods und Rude Boys trafen, fühlten sie sich aufgrund der gemeinsamen Liebe zur Musik und dem ähnlichen sozialen Background verbunden. Es kam zunächst zu einer wechselseitigen Beeinflussung beider Szenen und später zur Entstehung einer komplett neuen Bewegung, der Skinhead - Bewegung.
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Fußballspiele, Ska-Parties, Trinkgelage und Schlägereien wurden zu willkommenen Abwechslungen. Da England 1966 die Fußball-Weltmeisterschaft gewann, keimte in vielen Skins der Wunsch, sich nicht mehr für die eigene Herkunft verstecken zu müssen, sondern seine Identität mit einem gewissen Stolz und mit Würde zu tragen. Sie unterstützten ihre favorisierten Fußball-Clubs, begleiteten sie sogar auf Auswärtsspielen. Die szeneintern „Dritte Halbzeit“ genannte Phase der handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen den Fans der spielenden Vereine wurde eingeführt. Die zunehmende Aufmerksamkeit durch die Presse, welche 1969 erstmals skandalisierend die Bezeichnung Skinhead nutzten, bestärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl der bislang als Hooligans bezeichneten fußballfanatischen Skins. Um möglichst smart zu wirken bildete sich in der Szene ein relativ fester Dresscode, der unter anderem schwere Arbeitsstiefel (v.a. Doctor Martens), enge Jeans (v.a. Levi’s oder Lee), Button Down - Hemden (v.a. von Ben Sherman, Fred Perry und Jay Tex), Hosenträger und den nahezu obligatorischen Kurzhaarschnitt (Schergerät auf Stufe No.1-4), der vermutlich bei Schlägereien sehr praktisch war, da man nicht an den Haaren gezogen werden konnte. Er könnte allerdings auch einfach der Provokation gedient haben. Trotz der teils sehr gewaltsamen Auseinandersetzungen in der 3. Halbzeit waren die Schlägereien bis zu diesem Zeitpunkt jedoch nie politisch motiviert gewesen. Selbst das 1969 aufkeimende paki-bashing, also verbale bis handgreifliche Angriffe gegen südasiatische Immigranten ging mehr auf ter-ritoriale Ansprüche der Skinheads in ihren eigenen Stadtvierteln zurück als auf einen übersteigerten Patriotismus oder Nationalismus.
Die Crews trugen untereinander gewalttätige Kämpfe um Gebietsansprüche aus. Die als ‚paki-
bashing’ zu unrühmlicher Bekanntheit gelangenden Übergriffe […] waren weniger Ausdruck
einer rechtsextremen Gesinnung als die Fortführung von Gebietsansprüchen. Auch Rude Boys
hassten die ‚pakis’, sie verstanden genauso wie die Skinheads nicht, wieso die Kinder der asia-
tischen Einwanderer sich keiner der bestehenden Jugendbewegungen anschlossen. Inder und
Pakistanis besetzten eigene Territorien, in denen sie eigene Läden, Cafés usw. einrichteten,
und vermischten sich nicht mit der traditionellen Arbeiterklasse - sie wurden als Bedrohung
empfunden. 1
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Dennoch führte die Abgrenzung der Skinhead-Gangs in ihrem jeweils eigenen verteidigten Territorium zum Aufbau von Aggressionen und Frustrationen. Die Ablehnung der Skinheads durch die Pakistani und andere Immigranten ließ in der Szene Unverständnis, Frustration und Unzufriedenheit auftreten, was zum Ausleben dieser Aggressionen gegen noch schwächere Minderheiten, vor allem Homosexuelle, Studenten und Hippies führte, die dann als Sündenböcke herhalten mussten. Ein verstärkt…
…kollektiv männliche[s] Selbstbild dieser Skinheads, […] gekoppelt mit der Vorstellung von
physischer Härte und fehlender Bereitschaft, in Konfliktsituationen zurückzustecken…, 2
prägte seitdem die Lebenswelt in der Szene. Dieses unnachgiebige…
…Verhalten machte die Skins [später] anfällig für rechtsradikale Parolen und neonazistische
Organisationen, wie z.B. die Nationale Front. 2
Doch bleiben wir zunächst noch im Jahr 1969 und betrachten die musikalischen Wegbereiter dieser ersten Skinheadgeneration etwas genauer.
1.2.2. Musikalische Wegbereiter der Skinheadbewegung
1.2.2.1. Northern Soul & Ska
sikrichtung, deren Wurzeln bereits in der Kultur der Mods, also zu Beginn der 60er Jahre, lagen. Die Hauptelemente der Modkultur waren damals Mode, Musik und Tanzen. Aufgrund dessen fand die Beatmusik, der Modern Jazz, jamaikanischer Ska und Rocksteady, amerikanischer Rhythm’n’Blues und natürlich der Soul mit Künstlern wie Marvin Gaye oder Otis Redding gehörigen Anklang in der Szene. Um 1970 besannen sich nun viele Clubbesitzer erneut auf das rare Soul-Material aus den 60ern, was von den Skinheads mit Freude angenommen
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wurde, da sich der kommerziell gewordene Soul sowieso nach und nach zum langsameren Modern Soul bzw. zum gitarrenbasierenden Funk hin entwickelte, was die Skins mit Sorge beobachteten. Die Northern Soul Clubs wurden zur Hauptanlaufstelle für Skinheads, die dort ihre - an die Modszene angelehnten - „allnighter“ bzw. „weekender“ feierten (ausgedehnte Parties, die die ganze Nacht bzw. das ganze Wochenende dauerten). Als auf diesen Veranstaltungen bald auch Platten, Buttons, Aufnäher etc. an die Teilnehmer verkauft wurden, gewann die Szene einen unwahrscheinlichen Zulauf. Die beliebtesten Northern Soul - Interpreten dieser Zeit waren Künstler wie
Major Lance,
die
Funk Brothers, Archie Bell and The Drells
oder auch
Jimmy Radcliffe.
Neben dem Northern Soul gelangte zu dieser Zeit auch der im Boogie wurzelnde Ska zu immer größerer Beliebtheit bei den Skinheads. Er kann als eine der
betrachtet werden. Prägende Ska-Formationen der spätem 60er und beginnenden 70er Jahre sind u.a. Laurel Aitken, The Skatalites , Desmond Dekker, Madness, Bad Manners oder The Specials.
Damals hörten die Skinheads […] Ska. Der hatte sich aus einer Kombination des Sounds, den
die billigen Arbeitskräfte aus der Karibik mitgebracht hatten, mit Bläsern und elektrischen Gi-
tarren entwickelt, und war reiner Party-Sound. Ska-Bands bestanden eigentlich immer aus
Schwarzen und Weißen, die zusammen die Sau rauslassen wollten. 3
1.2.2.2. Rocksteady & Early Reggae
Der Rocksteady entwickelte sich zwischen 1966 und 1968 als Reaktion auf die verstärkte Gewalt der
Rude Boys
in den Dancehalls Jamaikas. Der Rocksteady war gewissermaßen eine langsamere Spielart des Ska, zu der es sich auch bei der anhaltenden Hitzewelle in dieser Zeit noch gut tanzen ließ, was die erhitzen Gemüter der
Rudies
etwas abkühlen sollte. 1968 entwickelte sich diese langsamere Spielart schließlich zum
Early Reggae
weiter, welcher viel-
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Bedeutende Early Reggae - Bands und -Künstler waren z.B. Derrick Morgan oderThe Upsetters. Wichtige britische Formationen waren u.a. UB40 und Judge Dread. Allerdings währte diese erneute Einheit englischer Skinheads mit den Einflüssen der jamaikanischen Kultur nicht sehr lange. Bereits Mitte der 70er Jahre veränderte sich die Situation mit der Ausdehnung der Rastafari-Bewegung:
In den Tanzhallen verdrängte […] schwer tanzbarer Dub Reggae mit religiös beeinflussten
Texten den von Skinheads geschätzten Ska und Skinhead Reggae. Rastafari brachte auch den
Genuss von Marihuana mit, einer von Skinheads nicht akzeptierten, neuen Droge. Das Bündnis
zwischen den farbigen Rude Boys und weißen Skinheads zerbrach.
Die folgenden Schlägereien und Schlachten zwischen den Gruppierungen verschiedener Haut-
farben ließen die Boulevard-Presse aufschreien. Mit großem Erfolg wurden Skinheads als hirn-lose und gewalttätige Verbrecher dargestellt. […] Einige [Skinheads] verließen deswegen die
Subkultur, andere strömten gerade wegen der Gewalttätigkeit hinein. 4
2. Der Wandel der Skinheadbewegung -
DieSkinheads der zweiten Generation
2.1. Politisierung und Kommerzialisierung der Skinheadszene
In ihren Anfängen war die Bewegung nicht rassistisch. Auch wenn es immer wieder Gewalt
gab: politisch war sie noch ungerichtet. Heute gelten alle Skinheads als Neonazis. Doch in der
englischen Szene der 70er Jahre sind keine rechtsextremen Skins auszumachen. Erst gegen
Ende der 70er Jahre, mit der Krise und der Entstehung der Punk-Bewegung, radikalisieren sich
die Street-Kids. Angezogen vom Rebellischen, vom Provozierenden, [bildete sich] eine neue
Generation von Skinheads. 5
Als gegen Ende der 70er Jahre die gerade entstandene Punk-Bewegung zu immer größerer Bedeutung gelangte, beeinflusste diese auch die Skinheadszene. Gerade das hohe Provokationspotential des Lebens- und Musikstils der Punks und deren „No Future“ - Mentalität spiegelte die Innenwelt so mancher Jugendlicher dieser Zeit wieder. Es kam nicht selten zu Um-orientierungsprozessen: Skinheads wurden Punks, Punks wurden zu Skinheads. Einige Skins übernahmen die provozierenden Nazi-Gebärden des Punk-Sängers Sid Vicious, der auf seinen Konzerten oft ein T-Shirt mit aufgedrucktem Hakenkreuz trug. Da viele der eigenen Großväter und Väter im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekämpft hatten und nicht wenige von ihnen darin ihr Leben ließen, stellten gerade provokante Nazi-Gebärden die ultimative Rebellion gegen alle Vorgängergenerationen dar.
Zu dieser Zeit entstand der harte, aber einfache, Oi!-Punk, der musikalisch und ideologisch großen Einfluss auf die Skinhead-Bands dieser Zeit hatte (siehe 2.3):
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Es war wirklich eine Jugendbewegung. Wir kamen alle aus der Punk-Szene, mit gefärbten
Haaren, wollten unseren Spaß, uns auslassen. Nach einer Weile ist es uns auf die Nerven ge-gangen, immer für Clowns gehalten zu werden. Also mussten wir etwas finden, das kulturell
zum Punk passt, aber viel diskreter ist und vor allem kämpferischer. […] Einige von ihnen, vor
allem in England, haben dem Ganzen einen patriotischen Touch gegeben. Das beste Beispiel:
die Hooligans beim Fußball. Vom Patriotismus zum Fremdenhass dauert es dann ein kleines
bisschen länger. Paradoxerweise hatte [die] Skinhead[bewegung] außer Ska keine Musik. Sie
haben weiterhin Punk gehört. Punk besingt die Anarchie. […] Es gab alte Musik, neu aufge-legt, aber keine neue. Dann tauchten einige Gruppen auf, Oi! ist entstanden. Und das ist die
Musik der Skinheads. Endlich gab es eine Musik mit passenden Liedtexten.
Als eine Band wie Skrewdriver diese Musik dann großartig gespielt hat, sind alle Skinheads ge-
folgt. Es war keine politische Band, aber sie machten ein tolles Album. Dann haben sie ange-
fangen, mit ihren Liedtexten auf intelligente Weise die Leute zu beeinflussen. Nichts Konkre-tes, nichts Antisemitisches, keine Gewaltverherrlichung, nichts Patriotisches. Kleine Seitenhie-be gegen die Justiz, wie z.B. ‚Wenn wir uns 1940 geirrt hätten…’. Und das unterstützt von ei-
ner hammerharten Musik, da geht man weiter, da folgt man. […] Einige versuchten, da heraus
zu kommen, andere machten weiter, es läuft ja gut. 6
FRED RUDE, Sänger der Ska-Band Skarface
Skrewdriver
war eine, aus dem Punk stammende, Band um den radikal nationalistischen und rassistischen Sänger
Ian Stuart Donaldson,
der seit seinem Unfalltod im Jahre 1993 in rechten Kreisen zum Mittelpunkt eines regelrechten Personenkultes wurde. Die Spaltung der Skinheadszene geht auf sein Wirken zurück. Er propagierte die herausragende Bedeutung von Musik als nazistisches Propagandamedium und gründete aus dieser Intention heraus das rechtsextreme Netzwerk
Blood & Honour.
Donaldson pries die Attraktivität von Musik als wesentlich attraktiveres Mittel zur Bindung von
Jugendlichen an politische Bewegungen und stellte diese Erkenntnis in Konfrontation zu den bis dato bedeutend ‚langweiligeren’ Parteiversammlungen. 1991 kommt durch Aufruf Donaldsons zum Überfall aus ein Cottbuser Asylbewerberheim und zur Demolierung eines Jugendclubs. Diese Zeit war die Geburt der nationalistisch-rassistisch motivierten Nazi- bzw. „White Power“ Skins, die dem heutigen Image der Neonazis entsprechen.
Es war die Musik. Hunderte von Skinheads kamen zusammen, um zu feiern. Es hatte eine po-
litische Seite, da viele Texte politisch waren. Die Texte handelten davon, weiß zu sein, der Ar-
beiterklasse anzugehören und unterdrückt zu sein. Es waren all diese unausgesprochenen Ge-
danken, die herauskamen. Als ich Ian Stuart das erste Mal traf, saß ich in der U-Bahn und wir
kamen ins Gespräch. Wir trafen uns erst viele Jahre später wieder, aber ich habe mich immer
an diese Begegnung erinnert, weil er sehr charismatisch war. Seine Persönlichkeit war so
stark, dass sie dich wirklich packen konnte. Auch wenn er nur kurz mit dir sprach, konntest du
diese Begegnung nie vergessen. Er weckte in einem das Gefühl, etwas tun zu wollen. 7
Zunehmend erkannten nun auch die Parteien der extremen Rechten das Potential der Skinhead-Musik für ihre Zwecke. Fortan gaben die British National Party und die National Front Donaldson und seiner Band Skrewdriver aktive Unterstützung auf Konzerten und anderen Projekten. Da sich die ihn bislang unterstützende Musikindustrie, die durch die Boulevard-Presse zunehmend in Verruf geraten war, von Ian Stuart distanzierte, gründete er die Bewegung Blood and Honour, die sich durch den Verkauf von Schallplatten, CDs und T-Shirts finanzierte und die Koordination neonazistischer Bands zum Ziel hatte (siehe 2.2.2). Da die Skinheads aus der Gesellschaft zunehmend Ablehnung erfuhren und der einzige Zuspruch von Seiten nationaler Politgruppierungen kam, wandelte sich ihr ursprüngliches Klassenbewusstseins zum National- und Rassenbewusstsein.
2.2. Rechtsgerichtete Skins
2.2.1. White-Power-Skins / Hammerskins
nalen neonazistischen Skinheadbewegung verstanden. Ihr Ziel war die Vereinigung aller Skinheads der weißen Rasse in einer symbolischen Hammerskin Nation. Bald standen sowohl White Power - Skins als auch die Hammerskins in engem wechselseitigen Kontakt mit neonazistischen Organisationen und Parteien, in vor allem die FAP (Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei) und die NF (Nationale Front), später auch NPD, DVU, REP sowie Blood & Honour. Sie etikettierten sich als Kämpfer gegen Kapitalismus, Kommunismus und die unarischen
Rassen, wuchsen jedoch selten über einen unreflektierten vorgefertigten Hass auf alles Fremde hinaus. Musikalisch wurden sie von entsprechenden Gewalt verherrlichenden Rechtsrock-Bands unterstützt, die in Anlehnung an ihre Ursprünge vielfach auch als
White Power Rock
oder
White Noise
bezeichnet wurde und wird (siehe 3.2).
2.2.2. Die “Blood & Honour” - Bewegung
Ian Stuart Donaldsons Organisation
Blood & Honour
entwickelte sich seit den 80er Jahren zu einem weltweiten rechtsextremen Netzwerk mit dem
Hintergrund der Koordination von Neonazi-Bands und dem Vertrieb rechter Musik zur Verbreitung, Festigung und Integration der nationalsozialistischen Ideologie in der Skinheadbewegung. Das geschieht mittels organisierter Konzerte und Parties, Lesungen, Gruppentreffen und -camps sowie dem Aufbau von Organisationsablegern, so genannten Divisionen, was zu einem rasanten Anwachsen des Netzwerkes führte.
Die Bezeichnung wählte Donaldson unter dem Eindruck eines NS-Filmes über die Hitlerjugend mit dem Titel Blut und Ehre. Die deutsche Division wurde im Jahr 2000 nach mindestens 5-jährigem Bestehen vom Bundesministerium des Innern verboten. Viele damalige Mitglieder sind jedoch auch heute noch in der Organisation tätig, allerdings unter dem Namen Division 28. Diese Untergrundorganisation verfügt seit Mitte der 80er Jahre sogar über eine eigene Jugendgruppierung namens White Youth . Zur Verbreitung seiner Tonträger nutzt das Netzwerk die eigenen Labels NS-Records, ISD Records und NS88 . Weiterhin wird auf der Screwdriver-Website ein mitschneidbarer Radiostream angeboten. Division 28 hat allein europaweit schätzungsweise ca. 10.000 Kunden. Bis zum Jahr 2000 existierte ein eigenes Fanzine (szeneinternes Magazin), das zur politischen Agitation der Mitglieder gedacht war. Dazu dienten unter anderem kostenlos beigelegte CDs oder Poster.
Dass zur Tarnung und zum Ausbau der Vertriebsstrukturen mittlerweile sogar auf linksalternative Strukturen und Symboliken zurückgegriffen wird, bezeugt die psychologisch und taktisch brillante Organisation des Netzwerks:
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2.3. Sonstige Skinhead - Gruppierungen
S.H.A.R.P. - Skinheads Against Racial Prejudice
das einzige Verbindungsglied zwischen den sonst weltanschaulich breit gefächerten Meinungsspektren darstellt. 1989 wurde erstmals die S.H.A.R.P.-eigene Zeitschrift Skintonic herausgegeben, die die erste und populärste Zeitschrift der Szene darstellte und in den 90er Jahren mit dem Magazin Oi!reka zum Fanzine Skin Up fusionierte. 1998 wurde dieses Projekt jedoch eingestellt.
Wenn du ein Rassist bist, kannst du kein Skinhead sein. Denn Skins würde es ohne Jamaica
gar nicht geben. Diese Kultur abzustreiten [ist unsinnig]. Deshalb nannten wir sie Boneheads,
denn sie sind keine Skinheads. Nachdem ich in New York das S.H.A.R.P.-Flugblatt sah und
nach England zurück kam, beschloss ich, meine Berühmtheit zu nutzen. Auf der ganzen Welt
gab es Skinheads, die mich kannten. Ich schickte Badges und Flyer an alle möglichen Leute,
verteilte sie auf Konzerten. Schließlich fingen die Leute an, mich anzuschreiben. Ich schrieb
zurück: ‚Verwendet das SHARP-Logo! Macht jedes Konzert zu einem SHARP-Konzert, macht
jede Disko zu einer SHARP-Disko!’, damit jeder auf dem Plakat lesen kann: ‚Skinheads gegen
Rassenvorurteile’. 11
RODDY MORENO, Sänger der S.H.A.R.P.-Band The Opressed
R.A.S.H. - Red & Anarchist Skinheads
1993 gründete
kommunistischer und anarchistischer, Skinheads, die sich fortan R.A.S.H. titulierte. Die Vereinigung ist die weltweit größte ihrer Art und zählt eine Vielzahl an Landesgruppen und Ortsverbänden. Ihre
Ziele, hier die des deutschen Ablegers, sind teils traditionell orientiert, teils extremistisch:
1. aktiv gegen Rassismus eintreten
2. gegen die landläufige Auffassung, dass Skinheads rechtsextr. Schläger seien, vorgehen
3. Konzerte, Nighter und ähnliche Veranstaltungen organisieren
4. Öffentlichkeitsarbeit, das Erstellen von Flugblättern, Demoteilnahme und -organisation
5. einen Raum für linke Ideen innerhalb der Skinheadszene zu schaffen
6. für ein respektvolles Miteinander zwischen Skinheads eintreten
7. Kampf dem Faschismus
8. Kampf dem Kapitalismus 12
Musikalisch legt sich die Szene kaum fest. Großen Anklang finden die im Spirit of ´69 herausgetretenen Stile, vor allem Ska, früher Reggae und auch der später entstandene Punk.
Oi! - Skins
vereinigen. Der Ursprung des Wortes Oi! liegt zum Teil in einem englischen Dialekt, in dem es so viel wie Hi! bedeutet. Die Klangverwandtschaft zu joy (Freude) mag eine weitere Deutung darstellen. Richtungweisend für die Entwicklung der Oi!-Szene war die Veröffentlichung des Samplers Strength Thru Oi! durch das britische Musikmagazin Sounds. Anliegen der ihr zugehörigen Skinheads ist es, Spaß zu haben, und das in einem weitgehend gewaltfreien und unpolitischen Rahmen. Klassische Skinhead-Themen wie die Herkunft aus der Arbeiterklasse und die Ablehnung von Autoritäten blieben erhalten, wurden zugunsten der ‚Völkerverständigung’ aber nicht ‚so eng genommen’.
Oi! hatte Einfluss auf die sich zur Mitte der 80er Jahre aufspaltenden Stilrichtungen des Hardcore, vor allem auf den Hardcore Punk. Die mit der Hardcore-Szene verbundene Good Night White Pride - Kampagne bezogklar Stellung gegen eine Duldung oder Vermarktung rechter Musik oder Ideologie. Bedeutende Oi!-Bands waren/sind Cock Sparrer, The Business, Sham 69, Broilers, Loikaemie und zu ihren Anfängen auch die Böhsen Onkelz.
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3. Die Eignung von Musik als Träger von Ideologie
3.1. Zielgruppe & Zensur
3.1.1. Jugend als Zielgruppe
Jugendliche befinden sich in einer Phase des Auslotens, was möglich
ist und was nicht. Außerdem erfordert die zunehmende Loslösung von den Eltern Aktionen der Rebellion. Dennoch suchen Heranwachsende nach Orientierung, Zuwendung und Vorbildern, was sich wiederum auf die Persönlichkeitsbildung und die Identitätssuche auswirkt. In dieser Phase der der Instabilität ist es wichtig, sinnvolle Freizeitgestaltung und persönliche Kompetenzen zu fördern. Die Skinheadbewegung entstand in einer gesellschaftlichen Situation, in der Arbeitslosigkeit und politische Verfahrenheit das Vertrauen in eine Besserung der Situation verhinderten; im Übrigen eine Situation, die in den Neuen Bundesländern Deutschlands heute wieder aktueller denn je ist. Aktive Angebote zur Strukturierung von Freizeit waren kaum bis nicht existent. Den Skinheads blieben aufgrund mangelnder kultureller Orientierungsangebote nur der Fußball, die damit verbundene ‚3. Halbzeit’ und die Solidarisierung mit sich, der eigenen Peer-Group also, was denkbar einseitig verlief.
Kann das alles sein, was junge Menschen zwischen 14-18 Jahren bei Ihrer Identitätssuche an
Angeboten vorfinden? Hitler hatte die Parole ausgegeben: ‚Wer die Jugend hat der hat die Zu-
kunft’. Er meinte in Wirklichkeit ‚…der hat Soldaten’. 13
Aufgrund eingangs genannter Bedürfnisse und der Altersstruktur der Gruppe ist es also nachvollziehbar, dass jugendkulturelle Verhaltensweisen und Denkmuster vorherrschen. Dass Jugendliche in dieser Phase besonders beeinflussbar sind, ist weithin unumstritten. Politisch extreme Parteien gestalten, historisch wie aktuell, ihren Wahlkampf daher besonders ansprechend für diese Gruppe - man denke hier nur einmal an die ‚Schulhof-CDs’ der NPD. Erfolg versprechen derartige Strategien aufgrund des geringen Antriebs der Zielgruppe, sich mit komplexen Problemen differenziert und multiperspektivisch auseinanderzusetzen. Das macht sie vor allem für vorgefertigte einfache Lösungen anfällig und damit zu der Zielgruppe für (nicht nur) politische Gruppierungen schlechthin.
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3.1.2. Rechte Musik und die Problematik der Zensur
Trotz hoher Aktivität des Verfassungsschutzes bzw. der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) ist es der Bundesregierung nur in verhältnismäßig geringem Umfang möglich, die Verbreitung fremdenfeindlicher bzw. rechtsextremistischer Musik zu unterbinden. Gerade das Internet als nicht an Landesgrenzen gebundenes Medium bietet rechtem Gedanken- und Liedgut eine gute Basis. Ursachen dafür sind beispielsweise rechtliche Gewährleistungen, die durch das Wirkungsprinzip demokratischer Staaten entstehen, so etwa das Grundrecht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung. Da in Demokratien der Ruf nach Informationskontrolle immer ein schlechter für die Gesundheit derselbigen ist, bedarf einer Kontrolle eine wohlüberlegte Abwägung, in welche Grundrechte zum Schutz welcher Gruppe eingegriffen werden darf und in welchem Umfang ein solcher Eingriff vertretbar bleibt. Weiterhin existiert in Bezug auf die gewährleistete Presse- und Informationsfreiheit die Regelung, dass die Verwendung von Ausschnitten indizierter Werke zum Zwecke der Berichterstattung nicht rechtswidrig ist. Diese Regelung ist natürlich sinnvoll, da sie vor allem der geschichtlichen Aufklärung dienlich ist und so eine dokumentierte Verarbeitung der eigenen Landesgeschichte ermöglicht; eine Verzerrung dieser historischen Dokumente ermöglicht jedoch auch eine Verwendung in extremen Zusammenhängen.
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu
verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.
Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden ge-
währleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den
gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet
nicht von der Treue zur Verfassung. 14
Studien zeigen, dass das Internet als nahezu uneingeschränkt weitweit erreichbares Medium enorm an Attraktivität für rechte Vertriebsstrukturen wie Blood & Honour gewonnen hat. Hauptgründe dafür sind einerseits die nahezu kostenlosen und schnellen Versandmöglichkeiten für Mediendateien sowie andererseits die zunehmende Anonymität durch Datenschutztechnologien wie z.B. verschlüsselten Daten- und Geldtransfer, die fragmenthafte Aufsplittung brisanter Mediendateien über so genannte Peer-to-Peer-Filesharing-Netzwerke und die zwischennationale Uneinigkeit über die Verfolgungswürdigkeit extremistischer Inhalte. Die Beschlagnahmung indizierter Tonträger im Rahmen von Hausdurchsuchungen oder Aushebelung lokaler Neonazi-Kameradschaften erscheint in diesem Zusammenhang wie ein Tropfen auf den heißen Stein.
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3.2. Die genreübergreifende Verbreitung rechter Propaganda
Um in einer Zeit interkultureller Vernetzung Jugendliche von
Ideologien zu überzeugen, die in der Vergangenheit bereits durch Grausamkeit, Unmenschlichkeit und Machtgier negative Bewertung fanden, bedarf es einer Modifikation der Strategien. Musik als Ideologie-Träger wird schnell unbedeutsam, sobald sie als eintönig oder ‚angestaubt’ empfunden wird, was dazu führt, dass sie bei der Jugend keinen Anklang mehr findet. Daher setzen rechte Strukturen immer offensiver auf die Verwurzelung ihrer Weltanschauung in bereits kommerziell und populär erfolgreichen Musikstilen. Das Ergebnis bezeichnet man heute in seiner gesamten Bandbreite rechter Veröffentlichungen als Rechtsrock. Er stellt durch den Vertrieb von Tonträgern und den Erlös von Konzerten die Haupteinnahmequelle zur Finanzierung von Szeneaktionen, Treffen, etc. dar und reicht vom balladenhaften Chanson (z.B. Frank Rennicke, Annett) über harten White Power Rock (z.B. Sleipnir, Chaos88, Störkraft) und Oi!-Musik (z.B. Böhse Onkelz, Noie Werte) bis hin zu Nationalsozialistischem Black Metal (z.B. Burzum, Absurd) und düsterem Gothic/Neofolk (z.B. Death in June, Von Thronstahl). Seit kurzem gelingt sogar der Vorstoß in die Techno- (z.B. DJ Adolf) und Abb. 3.2.c Hiphop/Rap-Szene (z.B. Wotan Clan).
Albumcover von Burzum
Viele Rechtsrock-Bands bewegen sich textlich gewollt haarscharf am Rande der Legalität und entgehen dadurch einer Indizierung durch die Bundesministerium für jugendgefährdende Medien. Szenemagazine wie Sigill und Zinnober verpacken die zu transportierende Ideologie in ästhetisch ansprechender Verpackung.
Um mit dem breiten Spektrum an Musikstilen adäquat eine Vielzahl jugendlicher Szenen anzusprechen, setzen immer mehr rechte Organisationen auf die Werbung durch CD-Sampler,
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spielen Resistance Records und die von Ian Stuart Donaldson ins Leben gerufenen Labels NS-Records und ISD Records eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Die genannten Firmen sind neben ihrer Haupttätigkeit als Vertriebe auch Herausgeber diverser Fanzines, so z.B. Rock Nord und Unsere Welt.
Fazit / Zusammenfassung
Blicken wir nun zusammenfassend auf die Geschichte der Skinheads zurück, erkennen wir eine anfangs unpolitische, rassengemischte Jugendbewegung, die sich als Reaktion auf die gesellschaftlichen Bedingungen im England der 60er Jahre und die für die Jugend der Arbeiterklasse unauthentisch gewordene Mod-Bewegung formierte. Die jamaikanischen Wurzeln der Bewegung sind unauslöschlicher Bestandteil dieser Geschichte, was sich bis heute in der Musik der traditionell orientierten Szene, dem Ska und dem Early Reggae, niederschlägt. Die Kombination des neu gewonnenen Bewusstseins der Arbeiterjugend mit der No-future- Mentalitätgegen Ende der 60er Jahre führte zu einer brisanten Mischung aus jugendlicher Rebellion, zunächst lokalem Patriotismus und zur Hochstilisierung eines überzogen männlich geprägten Selbstbildes. Das zunehmende Ausleben von Aggressionen nach den Spielen englischer Fußballclubs diente damals mehr oder weniger der Ausflucht aus dem harten Arbeitsalltag dieser Zeit und war noch politisch ungerichtet; erst durch den fehlgeschlagenen Dialog mit den südasiatischen Einwanderern keimten Anzeichen eines unterschwelligen Fremdenhasses auf. Auf die immer extremeren Schlägereien der Hooligans reagierte die Boulevard-Presse dieser Zeit mit Ablehnung, was zu einer fortschreitenden gesellschaftlichen Ausgrenzung der Skinheads führte. Auf musikalischer Ebene sorgte die Weiterentwicklung des Reggae und die damit verbundene Ausbreitung der Rastafari-Bewegung für den Bruch vieler Skins mit der jamaikanischen Kultur. Die fortwährende Suche nach einer eigenen Musik führte zum aus der Punkbewegung stammenden Oi!, der einen einfachen und harten Sound mit Texten aus der Lebenswelt der Skins kombinierte. Der Einfluss der Oi!-Band Skrewdriver und
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der nationalistisch-rassistischen Orientierung ihres Sänger Ian Stuart kann als Hauptauslöser zur Entstehung einer zunehmend rechts orientierten Skinheadszene verstanden werden. Die durch den charismatischen Frontmann und die erfolgreiche neue Oi!-Musik verblendeten Skins wurden nun zunehmend Zielgruppe der Förderung durch rechte Parteien und Organisationen, was demnach zur Politisierung eines nicht unerheblichen Teils der Szene führte. Durch das Engagement Ian Stuarts, die nationalsozialistische Ideologie mittels der Macht der Musik zu verbreiten, kam es zum Aufbau des rechtsextremistischen Netzwerks Blood & Honour, das heute das weltweit größte dieser Art ist. Die Organisation expandierte über die Jahre und entwickelte eigene funktionale Splitterorganisationen, wie z.B. die terroristische Vereinigung Combat 18, die Jugendorganisation White Youth oder die überaus bedeutsamen Platten-Labels ISD Records und NS88.
Das Fortbestehen nationalsozialistischen Gedankenguts durch Übertragung auf die Jugend zu sichern wurde zum Haupthandlungsschwerpunkt rechter Organisationen und Parteien. Durch gezielte psychologische Beeinflussung der Zielgruppe ‚Jugend’ werben diese Institutionen bis heute für Sympathisanten. Durch die charakteristische Suche nach Identität und den noch ungefestigten politischen Standpunkt der Zielgruppe finden Rechtsextreme fortwährend eine Basis für ihre Propaganda. Ein Mix aus vielseitiger genreübergreifender Musik mit rebellischauflehnenden Texten, kombiniert mit ästhetischer Vermarktung durch Fanzines u.ä., ist bis heute ein wirksames Konzept zur Beeinflussung Jugendlicher.
Die Nutzung des staatenübergreifenden und schwer von außen zu steuernden Internets begünstigt die Verbreitung extremistischer Medien enorm und gewinnt daher für rechte Strukturen zunehmend an Bedeutung.
Trotz der engagierten Aktivität antirassistischer und/oder unpolitischer Skinhead-Gruppierungen wie den S.H.A.R.P.- oder Oi!-Skins führt noch immer eine vorwiegend einseitige sensationsorientierte Berichterstattung in weiten Teilen der Presselandschaft zur Forcierung des rechtsextremistischen Images der Szene im öffentlichen Bewusstsein.
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Quellennachweis
Quellen-Typ Index Autor/Abb. Werk bzw. Adresse
1.1.1. Teddy Boys / Teds
Literatur: Internetquellen: Grafiken:
1.1.2. Rude Boys / Rudies
Literatur: Internetquellen:
1.1.3. Mods / Hard Mods
Literatur: Internetquellen: Grafiken:
1.2.1. The Spirit Of ’69 - Die Lebenswelt der Skinheads
Internetquellen:
Grafiken:
Zitate:
1.2.2.1. Northern Soul & Ska
Grafiken:
Zitate:
1.2.2.2. Rocksteady & Early Reggae
Grafiken:
Zitate: 2.1. Politisierung und Kommerzialisierung der Skinheadszene
Grafiken:
Zitate:
2.2.1. White-Power-Skins / Hammerskins
Grafiken:
Abb. 2.2.1.b http://cdl.niedersachsen.de/blob/images/C10436995_L20.jpg 2.2.2. Die „Blood & Honour“ - Bewegung
Grafiken:
Zitate:
2.3. Sonstige Skinhead - Gruppierungen
Grafiken:
3.1.1. Jugend als Zielgruppe
Grafiken:
Zitate:
3.1.2. Rechte Musik und die Problematik der Zensur
Internetquellen:
Zitate:
3.2. Die genreübergreifende Verbreitung rechter Propaganda
Internetquellen:
Grafiken: :
Sonstige Verwendung fand folgende Literatur:
Arbeit zitieren:
B.A. Patrick Hentschke, 2008, Der Einfluss von Musik auf Jugendbewegungen am Beispiel der Skinhead-Bewegung, München, GRIN Verlag GmbH
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