Inhaltverzeichnis
I Einleitung: Lamartines Narzissmus und die literarische Anfänge 1
II Lamartines literarischen Ressourcen - Lyrik und Tod 1
III Begründung der Frühromantik: Méditations poétiques 2
IV Die göttliche Mission der Dichter 7
V Poesie - oder die brotlose Kunst? 8
VI Der Tod seiner Tochter Julia 9
VII Der Schöpfer und die Unsterblichkeit bei Lamartine 10
VIII Lamartines erste politische Orientierung 12
IX Lamartine und das öffentliche Leben in der großen Politik 13
X Lamartines Aufstieg in die historische Geschichtsschreibung 15
XI Lamartines politischer Fortschritt 15
XII Der Tod des Louis XVI in der Histoire des Girondins 17
XIII Der politische Tod gegen Napoleon III. 19
XIV Lamartines Lebensabend in der Abgeschiedenheit
und seine existenziellen Probleme 20
XV Der physische Tod des Alphonse de Lamartine 21
LAMARTINE - Der Abstieg eines Lyrikers und Staatsmannes: aus dem Isolement in den Tod
I Einleitung: Lamartines Narzissmus und die literarischen Anfänge
Um die Beweggründe für Lamartines frühes lyrisches Schaffen verstehen zu können, werden wir in aller Kürze einige wichtige biographische Abschnitte im seinem Leben betrachten. Dazu gehört die streng katholisch geführte Erziehung vor allem durch seine Mutter, die ihn 1803 auf das „Collège de Belley“ schickt. Dort schließt Lamartine vor allem die Fächer Rhetorik und Philosophie mit großem Erfolg ab, und in dieser Zeit verfasst er bereits erste Verse und setzt sich mit den großen Autoren des 18. Jahrhunderts, vor allem mit Jean-Jacques Rousseau auseinander - später dann auch mit Victor Hugo. Vor allem aufgrund seiner Fähigkeiten und seiner ihm wohl bewussten Schönheit besaß Lamartine ein hoch entwickeltes Selbstbewusstsein, dass auch in diversen erotischen Abenteuern gipfelte, so dass ihn seine Eltern im Jahre 1811, um seine Heiratspläne zu vereiteln, auf eine beinahe einjährige Italienreise schickten. In Neapel, wo er am längsten blieb, lernte er Antonia Iacomino kennen, die ihn zu verschiedenen Gedichten, hauptsächlich zu Graziella inspirierte. Wie man unschwer erkennt, sind Lamartines erste lyrischen Versuche geprägt von Liebesschwärmereien und Sehnsüchten, die einem heranwachsenden Mann entsprangen, der sich selbst noch zu finden suchte und sich oft in seiner Einsamkeit wieder fand. Eine immerwährende Klage über Langeweile durchzog ihn; nichts drang völlig in die Sphäre seines innersten geistigen Lebens ein. Und so flüchtete er mit großer Melancholie in seine Gedichte, in die er seine ganze intellektuelle Stärke einbringen konnte, um darin die Gegenwart zu verarbeiten.
II Lamartines literarische Ressourcen - Lyrik und Tod
Mit dem Jahr 1816 beginnt für Lamartine eine schwere Zeit, in der ihm der Tod allgegenwärtig ist - dafür verantwortlich ist nicht allein das Leiden aufgrund der immer noch politisch unsicheren Zustände in Frankreich, sondern vor allem die frühen Tode seiner Jugendlieben Antoniella Iacomino und Julie Charles. Somit beginnt die Beschäftigung mit dem Jenseits bei Lamartine schon zu früher Zeit - dies und seine von Liebesqualen geführte Melancholie evozieren vor allem seine Flucht in die Poesie. Ab den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts widerfahren Lamartine eine ganze Reihe von Schicksalsschlägen, dabei sind vor allem der Verlust seiner beiden geliebten Kinder Alphonse (1821-1822) und Julia (1822-
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1832) zu nennen, aber auch die Tode seiner beiden Schwestern Césarine de Vignet (gestorb. Februar 1824) und Suzanne de Montherot (gestorb. August 1824) nebst dem Tod seiner Mutter (gestorb. 1829) lasten schwer auf ihm und sorgen für eine literarische Auseinandersetzung Lamartines mit dem Dies- und Jenseits. Mit Hilfe dieses Hintergrundwissens erfahren wir mehr über das „besondere“ Verhältnis Lamartines zum Tod und dessen Verarbeitung in seinen Gedichten. So verfasste er im Jahre 1826 das Gedicht Pensée des morts; zuvor hatte er seinen Onkel Abbé de Lamartine verloren und gleichzeitig erinnert die Geburt des Sohnes seines Freundes Aymon de Virieu ihn an den Tod seines kleinen Alphonse. In seinen Versen spricht Lamartine von seiner Einsamkeit - und wenn er sich denen, die er liebt, zuwenden möchte, geht sein Blick hinüber auf die Gräber, dort auf den Wiesen, wo seine Lieben begraben sind:
... C'est alors que ma paupière Vous vit pâlir et mourir, Tendres fruits qu'à la lumière Dieu n'a pas laissé mûrir ! Quoique jeune sur la terre, Je suis déjà solitaire Parmi ceux de ma saison, Et quand je dis en moi-même : Où sont ceux que ton cœur aime ? Je regarde le gazon. Leur tombe est sur la colline, Mon pied la sait; la voilà! 1
III Begründung der Frühromantik: « Méditations poétiques »
Als er 1816 eine Kur in Aix-les-Bains antritt, lernt er dort Julie Charles, die Frau eines berühmten Physikers kennen, in die er sich leidenschaftlich verliebt; ein geplantes Treffen im darauf folgenden Jahr scheitert an der Krankheit Julies, die noch im Dezember 1817 stirbt. Der Schmerz über den Verlust dieser Liebe, sowie der Versuch, im Glauben seinen Seelenfrieden zu erlangen, lassen Lamartine zum Lyriker werden. 1820 wird er nach einer Krankheit fromm und publiziert einen ersten Gedichtband: Méditations poétiques. Dieser rasch zahlreiche Auflagen erlebende und 1823 um Nouvelles méditations erweiterte Band bedeutet den Durchbruch der romantischen Lyrik in Frankreich, d.h. einer Lyrik, die nicht mehr an klassischen Vorbildern orientiert und überwiegend an den gebildeten Intellekt
1 A. de Lamartine: Pensée des morts (dtsch: „Gedanken der Toten“), Verse 51-62, in :Oeuvres poétiques complètes, par M.-F. Guyard, 1963, S. 335. In der weiteren Folge weisen die Seitenzahlen in den Fußnoten zu den Gedichten Lamartines auf dieselbige Werk hin; d.h. alle Gedichte sind diesem Gesamtwerk entnommen.
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gerichtet ist, sondern von Leidenschaften, erotischen und religiösen Sehnsüchten, Träumereien und Natureindrücken beherrscht wird und das Gefühl ansprechen will. Anmutig und leicht melancholisch wirken die eindrucksvollen Beschreibungen ländlicher Szenarien, in denen sich die Stimmungslage des Dichters spiegelt. Für die Literaturgeschichte stellt das Werk Lamartines die Vollendung der elegischen Dichtung des vorangegangenen Jahrhunderts dar. Im Jahre 1830 wird er dann von ihm lange ersehnt in die „Académie Française“ gewählt und publiziert den Gedichtband Harmonies poétiques et religieuses.
Seine jugendliche Lyrik ist sicherlich romantisch, aber vor allem auch sehr melancholisch und manchmal auch sehr düster - dies spiegelt offenbar einen Charakter wieder, der sich von der Welt nicht immer so recht verstanden fühlte, seinem inneren Drang nach einem geordneten Leben und der Weltschmerz drückte ihm oft genug eine Klagestimmung auf. Vor allem aber die Angst Lamartines vor der Einsamkeit ist ein zentrales Thema. Vor allem die Gedichte Le Lac, Le vallon oder auch sein Isolement sind gepriesene Meisterwerke, in denen vor allem die Naturbeschreibungen den Leser bezaubern. Versuchen wir uns dem zuletzt genannten Gedicht einmal zu nähern, das übersetzt die „Abgeschiedenheit“ bedeutet und sich wie ein Leitfaden durch die Biographie Lamartines zieht. Es wurde einige Monate nach dem Tode Julie Charles´ verfasst und der darin beschriebene Anblick des Lac du Bourget bei Aix-les-Bains, wo er „Elvire“ das erste Mal traf, inspirierte ihn bei seinem literarischen Niederschlag. Sein Isolement zerfällt in zwei wenn auch nicht streng geschiedene Teile: 1. Beschreibung der gesehenen Landschaft; 2. Sehnsucht aus ihr hinaus in ein ideales Jenseits 2 .
De colline en colline en vain portant ma vue, Du sud à l'aquilon, de l'aurore au couchant, Je parcours tous les points de l'immense étendue, Et je dis : " Nulle part le bonheur ne m'attend. " Que me font ces vallons, ces palais, ces chaumières, Vains objets dont pour moi le charme est envolé ? Fleuves, rochers, forêts, solitudes si chères, Un seul être vous manque, et tout est dépeuplé. 3
Und zwar schildert der Verfasser in allen Einzelheiten, was er - von seinem Aussichtspunkte aus - angeblich vor sich sieht, ehe er unter Erklärung seiner Unbeteiligtheit am Gesehenen, weil es das Eine nicht enthalte, was er zu sehen sich sehne, seine Augen vom sinnlich
2 Leo, Ulrich: Zwei Einsamkeiten, S. 374.
3 A. de Lamartine: Isolement, Verse 21-28, S. 3.
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Sichtbaren sehnsüchtig ins Unerreichbare wendet - ins Unerreichbare, das ihm nur Ziel der Sehnsucht bleibt.
Nach der Frage, was Lamartine jedoch in seinem Gedicht sieht, können wir als Beispiele nennen, die in einer Reihe von Antithesen auftreten « du sud à l´aquilon, de l´aurore au couchant » 4 , « ces palais, ces chaumières » 5 und « en un ciel sombre ou pur qu´il se couche ou se lève » 6 . Es handelt sich hier um eine Landschaft, deren spezifisches Aussehen von dieser syntaktischen Form zugedeckt erscheint: die antithetische Anordnung will das Aufnahmevermögen des Lesers weglenken von der Landschaft - hin auf dessen formale Zuspitzung, in der die Verwobenheit des Todes und die Naturbeschreibung bei Lamartine in einer Einheit zusammenfallen, aber dennoch ein Oppositionspaar bilden, oder wie Kablitz es formuliert, „dass sich die Raumorganisation metaphorisch in eine zeitliche Struktur löst, weil die Opposition von Leben und Tod möglicherweise mit dem veränderten Verhältnis des Sprechers zu seiner Partnerin zusammen hängt.“ 7
Mais à ces doux tableaux mon âme indifférente N'éprouve devant eux ni charme ni transports, Je contemple la terre ainsi qu'une ombre errante : Le soleil des vivants n'échauffe plus les morts. 8
Ist die Geliebte gestorben, so ist der entscheidende Gegensatz nicht mehr derjenige von Natur und Stadt, sondern derjenige von Diesseits und Jenseits, von Leben und Tod. Wir erleben im Isolement die Wandlung der Raumstruktur: Natur und Stadt, die zu Beginn der Elegie bei Lamartine traditionell in Opposition stehen - werden nun ersetzt durch das Oppositionspaar von Diesseits und Jenseits, und schon stehen wir vor einem christlich-platonischen Kontext, der sich schon allein anhand der folgenden Verse konstatieren lässt:
Mais peut-être au-delà des bornes de sa sphère, Lieux où le vrai soleil éclaire d'autres cieux, Si je pouvais laisser ma dépouille à la terre, Ce que j'ai tant rêvé paraîtrait à mes yeux ! 9
Der Sprecher hofft durch die „vrai soleil“, nämlich Gott, seiner Sonne, nämlich seiner Geliebten im Jenseits wieder näher zu kommen. Somit sehen wir schon in Lamartines
4 Ebenda, Vers 22.
5 Ebenda, Vers 25.
6 Ebenda, Vers 41.
7 Kablitz, Andreas: Lamartines Méditations Poétiques, S. 182.
8 A. de Lamartine: Isolement, Verse 17-20.
9 Ebenda, Verse 37-40.
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frühesten lyrischen Zeugnissen, die gegenwärtige Beschäftigung mit dem Jenseits - vor allem dabei aber in Opposition zum Diesseits.
Julie Charles starb am 18.Dezember 1817 in Paris; eine Woche später zum Feste der Geburt Christi erfährt Alphonse de Lamartine zu Hause in Milly von ihrem Tod. Der Verbleib ihrer sterblichen Hülle, bzw. ihr Bestattungsort gibt einige Rätsel auf - so scheint ihre Grabstätte an vielerlei Orten möglich und dennoch unauffindbar. So gibt es Spekulationen, dass sie in Saint Paterne (ca. 30km nördlich von Tours) beerdigt worden sei, nahe dem Ort wo sie Monsieur Charles einst heiratete - möglich scheint auch Chantenay-sur-Loire (nahe Nantes), wo Julies Vater zu Hause war - aber auch letztendlich scheint es nicht unmöglich, dass Julie Charles in Paris auf dem ehemaligen Friedhof von Vaugirard (geschlossen 1824; 1837 durch den Bau des Boulevard Pasteur zum großen Teil amputiert worden) ihre letzte Ruhestätte fand. Jedoch könnten die sterblichen Überreste Julies eventuell den Pariser Katakomben zugeführt worden seien, aufgrund des Desinteresses der Familie Charles, da der Friedhof von Vaugirard 1856 endgültig beseitigt wurde, und die Angehörigen der Verstorbenen dazu angehalten wurden, ihre Toten auf andere Friedhöfen zu verlegen.
So denken wir an Lamartines Bericht der Wanderung zum Grabe Julie Charles (Elvire) nach Saint-Germain-des-Près. Die Frage, ob es sich bei dieser Schilderung um eine rein poetische Fiktion handelt, können wir letztendlich nicht genau rekonstruieren - und dennoch ist es mehr als unwahrscheinlich, dass Lamartine seine Wanderung zu dem Grabe der Elvire als simplen literarischen Effekt nutzt - denn Julie Charles hatte ihn doch einst zu wahrlich unsterblichen Versen inspiriert - käme es da nun nicht einer Entweihung dieser Erinnerung an eine geliebte Person gleich?
« Cette belle personne mourut… je n´étais pas à Paris. J´y revins deux ans après. Je parvins avec bien de la peine à me faire indiquer sa tombe sans nom dans un cimetière de village, loin de Paris. J´allai seul à pied, inconnu au pays, m´agenouiller sur le gazon qui avait déjà eu le temps d´épaissir et de verdir sur sa dépouille mortelle. [...] J´étendis mes bras en croix sur le gazon... L´éternité me semblait avoir commencé pour nous deux et, quoique mes yeux fussent en larmes, la plénitude de mon amour, désormais éternel comme son repos, était tellement sensible en moi pendant cette demi-journée de prosternation sur une tombe qu´aucune heure de mon existence n´a coulé dans plus d´extase et dans plus de piété. » 10
Fakt ist, Lamartine - der große Romantiker - fand wohl die Pariser Nekropole eher weniger beschaulich als ein kleines Grab in einem idyllischen Dorf, das ganz seinem literarischen Ideal entsprach. Lamartine hatte gewollt, dass seine einst so geliebte Julie an einen Ort ihren
10 Verdier, Abel: « La tombe sans nom », S. 574. (Beschreibung aus A. de Lamartines Souvenirs et portraits)
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Arbeit zitieren:
Sascha Nendza, 2005, Alphonse-Marie Louis Prat de LAMARTINE, München, GRIN Verlag GmbH
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