Inhaltsverzeichnis
Exposition - Petrarca und die Modernität S.1
Geburt des Individualismus in Italien S.2
R ückwirkung auf den Geist der Nation
Der moderne Ruhm - Petrarca als Vorreiter eines goldenen Zeitalters S.3
Petrarcas klassische Studien und seine besondere Affinität zu Cicero
Die Wiedererweckung des Altertums S.3
Urspr ünge des Renaissance-Humanismus
Die Renaissance und ihre toskanischen Wurzeln
Wiedergeburt einer Nation
Petrarca und die Abgeschiedenheit S.6
Petrarcas Flucht an seinen locus amoenus im Vaucluse-Refugium
Petrarca und der Aufstieg vom Mittelalter in die Neuzeit S.7
Die Bedeutung der Mont Ventoux-Epistel
Petrarcas Glaubensaufstieg (Von der Besteigung zur Bekehrung)
Introspektion und christlicher Diskurs
Flucht in die Antike S.11
Dichtung und Wahrheit 12
Petrarcas Landschaften S.12
Petrarcas Landschaftserfahrung in der Einsamkeit (anhand von “Solo et pensoso”)
Antike Vorbilder und Landschaft im Canzoniere S.14
Horaz, Ovid, Properz, Seneca und Vergil in “Per mezz'i boschi”
Der Canzoniere als Moment der dichterischen Selbststilisierung S.16
Laura und die melancholische Schmerzliebe
Petrarcas Weltverständnis in seinem Secretum S.17
Die Hauptsünde der acedia im Secretum
Schlussbetrachtung S.20
Bibliographie S. 21
Der Aufstieg Petrarcas in die Moderne unter der Wiedererweckung des Altertums
Exposition - Petrarca und die Modernität
Als Francesco Petrarca mit der Arbeit an seinem „Canzoniere“ begann, ahnte er wohl kaum, dass dieses Werk ihn bis zu seinem Lebensende beschäftigen und auch noch Jahrhunderte nach seinem Tode ganze Generationen von Dichtern und Literaten beeinflussen sollte:
Vielleicht hörst Du einmal etwas über mich, obwohl ein so kleiner und dunkler Name durch die vielen Jahre und Länder kaum zu Dir gelangen mag. Und dann wünschst Du vielleicht zu wissen, was für ein Mensch ich war, und wie es meinen Werken ergangen ist, besonders jenen, von denen ein Gerücht zu Dir drang oder deren armen Namen Du gehört hast. 1
Es hätte ihn wohl sehr verwundert, hätte er gewusst, dass ausgerechnet dieses volkssprachliche Werk, das er gerade nicht in klassischer lateinischer Sprache verfasste, ihm den größten Ruhm verschaffen sollte. Doch eben weil es in italienischer Volkssprache geschrieben war - und so dem breiten Publikum sprachlich zugänglich war, übte es eine überwältigende Wirkung auf die Nachwelt aus. Petrarca selbst bezeichnete seinen Canzoniere abfällig als Rerum vulgarium fragmenta bzw. als rime sparse, also eine lose Ansammlung von Gedichten, und doch wissen wir, dass der Canzoniere eine elaborierte Ordnung besitzt, der Petrarca sehr viel Mühe widmete. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird noch häufig von den Absichten Petrarcas die Rede sein -vor allem in Verbindung mit seiner Suche nach Anerkennung, die auch wenn ich es vorwegnehme, ganz offensichtlich in eine Selbstliebe mündete, die eine unvergleichliche Ruhmsucht hervorbrachte. Dass sich bei Petrarca Dichtung und Wahrheit in Synthese miteinander verbinden, liegt schon in diesem ihm spezifischen Charakter begründet, ein teils widersprüchlicher Charakter, der uns als ein Teil seines Selbst in seinen Werken stets wiederkehrt und uns zu der Frage führt, wie lässt sich der Mensch „Francesco Petrarca“ definieren, bzw. was macht ihn so anders als z.B. Dante Alighieri, der noch eine Generation vor Petrarca das Weltverständnis wiedergab. Möchte man Petrarcas Weltauffassung näher fassen, muss man ihn wohl an seinem wichtigsten autobiographischen Werk greifen, dem Secretum, das eng verbunden mit dem Brief über den Aufstieg Petrarcas auf den Mont Ventoux zu behandeln sein wird. Daraus ergibt sich zudem eine nähere Betrachtung der Landschaftsinszenierung bei Petrarca, vor allem im Kontext des Canzoniere, denn jenes galt als dasjenige Werk, das vollkommen und urbildhaft, die Situationen und Formen der je denkbaren Liebeslyrik darbot, einer Lyrik, die allgemein und vorwiegend aus einer Selbstbespiegelung eines Dichters lebt. Aus dieser Vollkommenheit des Canzoniere heraus resultierte der Drang nach Nachahmung des petrarkischen Systems, das als Modell der italienischen Dichtersprache im frühen 15.Jahrhundert mit dem Petrarkismus seinen Beginn fand - und somit dem angestrebten Nachruhm Petrarcas den vollen Tribut zoll.
1 Francesco Petrarca: Brief an die Nachwelt (Epistola posteritati).
1
Um das Thema der „Modernität“ in dieser Arbeit einzuführen, werden wir uns zuerst in aller Kürze mit den Prozessen - im Besonderen mit Bezug auf Italien - beschäftigen, die es erst ermöglichten, dass der noch mittelalterlich denkende Mensch sich selbst entdeckte, und sich damit verwirklichen konnte - ehe dann mit Petrarca die Antike wieder ihren Einzug in Literatur und Kultur fand.
Geburt des Individualismus in Italien
Im 14. und 15. Jahrhundert waren die politischen Verhältnisse in Italien allgemein sehr unsicher, so dass sich bei den edleren Gemütern ein patriotischer Unwillen und Widerstand auftat. Schon Dante aber auch Petrarca proklamierten laut ein Gesamt-Italien, auf welches sich alle höchsten Bestrebungen zu beziehen hätten. Diese politische Beschaffenheit hat den stärksten Anteil an dem Prozess der frühzeitigen Ausbildung des Italieners zum modernen Menschen, der sich mehr und mehr seiner Individualität bewusst wird:
„Im Mittelalter lagen die beiden Seiten des Bewusstseins - nach der Welt hin und nach dem Innern des Menschen selbst - wie unter einem gemeinsamen Schleier träumend oder halbwach. Der Schleier war gewoben aus Glauben, Kindesbefangenheit und Wahn; durch ihn hindurch gesehen erschienen Welt und Geschichte wundersam gefärbt, der Mensch aber erkannte sich nur als Rasse, Volk, Partei, Korporation, Familie oder sonst in irgend einer Form des Allgemeinen. In Italien zuerst verweht dieser Schleier in die Lüfte; es erwacht eine objektive Betrachtung und Behandlung des Staates und der sämtlichen Dinge dieser Welt überhaupt; daneben aber erhebt sich mit voller Macht das Subjektive; der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches.“ 2 Rückwirkung auf den Geist der Nation
Mit der Geburt des Individualismus folgte auch ein Drang zur Freiheit und Selbstverwirklichung des einzelnen. Ein Kosmopolitismus, welcher sich in den geistvollsten Verbannten entwickelte, ist die höchste Stufe des Individualismus. Petrarcas Familie musste ebenso wie Alighieri Dante 1302 aus Florenz auswandern, und Petrarca schreibt dazu, er sei in der Verbannung gezeugt und in der Verbannung geboren worden. In der Literatur wird häufig hier drin schon ein Grund für Petrarcas unruhiges Umherwandern gesehen. Petrarca lieferte selber eine Eigendiagnose seiner Unstetigkeit, die sich auch in seinen vielfach Fragment gebliebenen Werken spiegelt: er tue es, „um nach Art der Kranken durch Ortsveränderung den Lebensüberdruss zu heilen“ 3 . Dieser Überdruss (Petrarca spricht von einer „Krankheit“) wird später den Hintergrund seines Secretums bilden, in welchem er den Kirchenvater Augustinus um Lebenshilfe bittet. Nach einer toskanischen Irrfahrt kam Petrarcas Familie 1311 nach Frankreich, wo der Vater in den Dienst des päpstlichen Hofs in Avignon eintrat. Die Familie wohnte in Carpentras, nahe dem Mont Ventoux gelegen, den Petrarca später als Prägestätte seiner Jugend und als Ort seines spirituellen Aufstiegs bezeichnete, der in ihm ein neues Weltverständnis aufkommen ließ.
2 Burckhardt, Jacob: Die Kultur der Renaissance in Italien, S.95.
3 Eppelsheimer, Hanns-Wilhelm: Petrarca, Dichtungen, Briefe, Schriften, 1956, S.34.
2
Der moderne Ruhm - Petrarca als Vorreiter eines goldenen Zeitalters
Petrarcas klassische Studien und seine besondere Affinität zu Cicero
In Italien zeigen sich bereits Anfänge einer allgemeinen Gesellschaft, die ihren Anteil an der italienischen und lateinischen Literatur hat; dieses Bodens bedurfte es, um jenes neue Element - den Ruhm - im Leben zum Keimen zu bringen. Man begann emsig die römischen Autoren zu studieren, deren Sachinhalt, das Bild der römischen Weltherrschaft, sich dem italienischen Dasein als Parallele aufdrängte - so kam der Begriff des Ruhmes zu Erfüllung.
Petrarca begann in der Provence die ersten klassischen Studien; sein Durst nach klassischer Bildung war unerschöpflich. Er erzählt, wie er auf seinen Reisen nach immer neuen Büchern von Schriftstellern der Antike gefahndet habe. So entdeckte er 1333 auf einer Reise durch Flandern das Manuskript von Ciceros Rede Pro Archia und 1345 entdeckte er in der Bibliothek der Kathedrale von Verona die Briefe Ciceros Ad Atticum, ad Quintum und ad Brutum. Die Lektüre dieses Fundes hat ihn wohl letztendlich dazu bewegt, eine eigene Korrespondenzsammlung, geführt nach seinem großen Vorbild Cicero anzulegen. In diese Zeit fällt aber unter anderem auch die Bekanntschaft mit Boccaccio und Cola di Rienzo. Letzterer wollte Rom wieder zu alter Macht und Stärke führen, wie einst im antiken römischen Reich. Es besteht kein Zweifel, dass Petrarca alles unternommen hat, seine Werke als Zeugnisse seines Lebens, ja als unauflösliche Einheit von Leben und Werk auszugeben. Man könnte sagen, er habe seine Bücher zu seinem Leben, sein Leben zum Buch bzw. zum Roman gemacht. Er hat bewusst sein Leben zu einem Kunstwerk geformt. Literarisch behandelte Petrarca die traditionellen Themen der Sizilianischen Schule und des dolce stil novo (überwiegend höfische Liebeslyrik), den er u. a. bei seinen Studien in Bologna kennen gelernt hatte. Cino da Pistoia und Dante waren ihm bekannt, wenn er auch den Vorwurf einer Nähe seiner Werke zu denen Dantes energisch zurückwies. Bei seinen Zeitgenossen kam Petrarcas Ruhm in weit höherem Grade davon her,
„dass er das Altertum gleichsam in seiner Person repräsentierte, alle Gattungen der lateinischen Poesie nachahmte und Briefe schrieb, welche als Abhandlungen über einzelne Gegenstände des Altertums einen für jene Zeit einen sehr erklärlichen Wert hatten.“ 4
Die Wiedererweckung des Altertums
Als Gelehrter hatte sich Petrarca die Aufgabe gestellt, die antike Welt zu erforschen, um sich zu bilden und seine eigene Zeit aus der Perspektive der Alten besser einschätzen zu können. Sein Lebensprojekt hieß darum die Versöhnung der antiken Weisheit mit dem christlichen Glauben in der Synthese eines christlichen Humanismus. Insgesamt war jedoch Dante derjenige, der zuerst das Altertum nachdrücklich in den Vordergrund des Kulturlebens hereinschob, denn in der Divina Commedia behandelt er die antike und die christliche Welt zwar als nicht gleichberechtigt, doch in beständiger Parallele.
4 Burckhardt, Jacob: Die Kultur der Renaissance in Italien, S.145.
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Arbeit zitieren:
Sascha Nendza, 2005, Der Aufstieg Petrarcas in die Moderne unter der Wiedererweckung des Altertums, München, GRIN Verlag GmbH
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