Erkenntnisprobleme im Alltag
Schon zu Beginn der Erarbeitung einer umfassenden Analysegrundlage wurden mögliche Erkenntnisprobleme sichtbar.
Zunächst zeigte sich, dass Menschen dazu neigen, Gesehenes möglichst schnell, ohne ein besonderes Hinterfragen, zu zuordnen, um effektiver die tägliche Informationsflut meistern zu können. Das Gehirn ordnet daher wie automatisch die auftretenden Charakteristika nach oberflächlicher Betrachtung zu. So verhindert es eine Reizüberflutung, die sonst schon nach den ersten Eindrücken des Tages den Menschen in die Knie zwingen würde, weil er alle Impressionen immer neu überdenken und prüfen müsste, bevor er bewusst handlungsfähig wäre. Durch bloße Zuordnung schafft das Gehirn Gewissheit, indem es verbucht, dass es weiß, worum es sich handelt, obwohl es sich dabei lediglich um eine hypothetische Annahme handeln kann, da die Fremdreferenz fehlt.
Zudem wird vereinfacht angenommen, dass auch alle anderen Menschen im eigenen Umfeld die gleichen Schlüsse ziehen und somit die gleiche Zuordnung treffen und die eigene Ansicht teilen. Somit besteht eine stillschweigende Übereinkunft über Begriffe des alltäglichen Lebens, die nicht immer wieder neu diskutiert und bestimmt werden müssen. Jedoch entpuppt sich diese oberflächliche Übereinkunft oft als trügerisch, wenn unterschiedliche Zuschreibungen aufgedeckt werden. Allerdings erleichtert diese Annahme den gesellschaftlichen Umgang erheblich. Es herrscht so in gewisser Weise Ignoranz gegenüber möglichen anderen Bedeutungsinhalten einer Sache, die zum wirklichen Verstehen der Handlungen anderer Menschen überwunden werden muss.
Der individuelle Fokus wird ebenfalls durch das geschaffene Selbstbewusstsein ausgerichtet, indem nur den Eigenschaften, die als wesentlich (für die grobe Zuordnung) empfunden werden, Relevanz zugeschrieben wird. Damit wird die Wahrnehmung selektiv.
Mit dem beschriebenen kognitiven Prozessen geht ein spontanes Urteil einher, das den zu-/ und eingeordneten Dingen einen bestimmten Wert beimisst, der Empfindungen von Sympathie und Antipathie hinzusetzen kann. Verankerte Vorstellungen und Ansichten bestimmen im Hintergrund den Bewertungsprozess. Es tritt daher keine Problematisierung des Erfahrenen auf.
Das bewusste Beobachten
Da nun die Szene über die ersten Eindrücke und die Schnellzuordnung und- beurteilung hinaus bewertet werden sollte, musste dem Geschehen im Detail mehr Aufmerksamkeit geschenkt
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werden. Weil Daten zur später geplanten Auswertung nur über eine genaue Beobachtung gewonnen werden können, um möglichst umfassend klären zu können, was hinter der Szene-Tätigkeit steckt, bot sich eine methodische Herangehensweise an. Um eine hochgradig vielfältige und ergebnisreiche Beobachtung gewährleisten zu können, wurde zunächst gefordert, die zuvor aufgedeckten Vorurteile zu vernachlässigen. Die bewusst gewordenen Werte der eigenen Person sollten jetzt fast schon künstlich ausgeklammert werden, um sich einen aufnahmebereiten, offenen Blick anzueignen. Das Gesehene durfte nicht länger interpretiert oder bewertet werden. Stattdessen sollte eine detaillierte Beschreibung dessen, was in einem Videoclip zu sehen und zu hören war, die auf jegliche Vorbegriffe und theoretische Begriffe verzichtete, folgen. Das Erwerben und Verifizieren der empirischen Informationen konnte lediglich auf Basis der fünf Sinne gelingen. Alle relevanten Begriffe mussten ausdifferenziert und genau benannt werden, um ganz klar darzustellen, was aufgenommen worden war, ohne sich auf ein Vorverständnis oder geteiltes Wissen des Gegenüber verlassen zu können. Denn es war anzunehmen, dass unter den beobachteten Ausdrucksformen und Riten andere Bedeutungen und kulturelle Interpretationen als die des Beobachters zum Vorschein kommen könnten. Ähnliche Formen konnten in einem ganz anderen Kontext stehen und Symbole mit anderen Bedeutungsinhalten gefüllt sein. Daher wurde es nötig, das Gesehene so neutral wie möglich darzustellen, um nicht einem Missverständnis aufzusitzen. Weil sich dem Beobachter nicht erschließen konnte, was wesentliche Äußerungen der für die Szene wichtigen Charakteristika waren, mussten auch scheinbar nebensächliche Einzelheiten aufgeschlüsselt werden. Nur so konnte erfolgreich gegen die eigene Schnellorientierung und eine mögliche Abwertung der Details vorgegangen werden. Erst der Blick ins Detail würde eine Generalisierung zulassen können, auf der sich klare Aussagen über die Hardcore- Moshpit-Gruppe treffen lassen würden.
Zudem konnten durch bloße Beobachtung Ursache und Wirkung von Erscheinungen nicht bestimmt werden. Stattdessen war lediglich festzustellen, dass bestimmte Ereignisse zusammen vorkommen konnten.
Schwierigkeiten der Konzentration auf Merkmale
Aber eben diese Anweisung brachte Schwierigkeiten der Methode zum Vorschein. Durch die Flut an Details war ein nahezu endloser Beschreibungskatalog vorprogrammiert. Da zudem alle Begriffe ausdifferenziert und alles auf das Essenzielle der Beschreibung aufgedröselt werden musste, drohte sich der Beobachter in der immer wieder um höchste Neutralität bemühten Seite 3 von 5
Arbeit zitieren:
Kati Neubauer, 2007, Zur Erzeugung einer Analysegrundlage durch Konzentration auf die Merkmale des Gegenstandes, München, GRIN Verlag GmbH
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