Evangelische Fachhochschule Reutlingen - Ludwigsburg
1. Einleitung
Ich habe das Thema matriarchale Gesellschaften gewählt, um die Unterschiede zur patriarchalen Gesellschaft dar zu stellen und zu ergründen, ob es im Matriarchat so etwas wie eine Herrschaft des einen Geschlechts über das andere gibt.
Im zweiten Kapitel werde ich nun versuchen die wichtigsten Strukturen einer matriarchalen Gesellschaft anhand geeigneter Literatur auf zu zeigen, beginnend mit der Definition „Matriarchat“. Diese will ich Anhand eines konkreten noch existierenden Beispiels in Mexiko verdeutlichen. Dabei werde ich die wichtigsten Strukturen und Merkmale in dieser Gesellschaft darstellen und die Stellung von Mann und Frau in einem Matriarchat auf zu zeigen. Nach der Definition werde ich im Kapitel 3.1 etwas zur Geschichte und Geographie des Ortes erzählen, da sie wichtig ist, um die dort herrschenden Bedingungen besser zu verstehen. Danach kommt unter Kapitel 3.2 ein Überblick über den Alltag in Juchitán gefolgt von 3.3 in welchem es um die Geschlechterbeziehung in Juchitán geht. Im Fazit unter Kapitel 4 werde ich meine Frage des Unterschiedes von matriarchalen und patriarchalen Gesellschaften noch einmal aufgreifen.
2. Begriffsdefinition und Aufbau eines Matriarchats
Es gibt bis dato noch keine eindeutige Bedeutung des Begriffs „Matriarchat“. Entgegen der vorherrschenden Meinung, ist der Begriff „Matriarchat“ nicht gleich zu setzen mit dem Begriff „Patriarchat“ (vgl. Heide, Göttner-Abendroth, 1997, S.13). Der Begriff „Matriarchat“ setzt sich zusammen aus den Begriffen „arche“ und „Matri“. „Arche“ heißt im Griechischen sowohl „ Herrschaft“, als auch „Anfang“, welches die ältere ist. Also heißt Matriarchat „Am Anfang die Mütter“.
Im Allgemeinen sind Matriarchate „segmentäre Gesellschaften“. Es gibt keine Zentralinstanz, die durch strukturelle oder aktive Gewalt ihre Herrschaft durchsetzt. Genauso wenig gibt es ein System der Beherrschenden und der Beherrschten. Es gibt demnach auch keine Autorität wie wir sie kennen, sondern eine Art natürliche Autorität die auf dem Verwandtschaftssystem eines Clans und das Vertrauen untereinander im Matriarchat beruht. Auch bei Entscheidungen wird nach dem Gleichheitsprinzip gehandelt, d.h. es wird gemeinschaftlich im Rat über Entscheidungen diskutiert und entschieden. Diese Art der Politik in Matriarchaten beziehungsweise segmentären Gesellschaften wird auch als regulierte Anarchie beschrieben, die Entscheidungen werden aufgrund eines gemeinsamen Konsenses getroffen (vgl. Heide, Göttner-Abendroth, 1997, S.26, f.f). Um von einem Matriarchat zu sprechen bedarf es allerdings noch weiterer Merkmale.
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Diese Merkmale eines Matriarchats beschreibt Heide Göttner-Abendroth auf drei Ebenen: der ökonomischen Ebene, der Ebene der sozialen Muster und der symbolischweltanschaulichen Ebene.
„Auf der ökonomischen Ebene sind matriarchale Gesellschaften meist Ackerbaugesellschaften“ (Heide, Göttner-Abendroth, 1997, S.15). Bei der Verteilung der Güter haben matriarchale Gesellschaften ein System geschaffen, das verhindert, dass Gruppen oder einzelne Clanmitglieder zu großem Reichtum gelangen und so soziale Ungerechtigkeit geschaffen wird. Wohlhabende Mitglieder eines Clans sind zum Beispiel dazu verpflichtet bei großen Festen, diese auszurichten und die Gäste zu verköstigen. Die Ehre verlangt von ihnen ihren Reichtum zu verteilen. Heide Göttner- Abendroth nennt sie deshalb Ausgleichsgesellschaften.
Auf der sozialen Ebene sind matriarchale Gesellschaften in großen Sippenverbänden organisiert. Sie leben in großen Clans zusammen. Die Verwandtschaftslinie bezieht sich ausschließlich auf die Mütter, dies wird Matrilinearität genannt. Die Weitergabe des Namens und der soziale Titel stammen von der Mutterlinie. Die matriarchale Sippe besteht aus mindestens drei Frauengenerationen, der Sippenmutter, ihren Töchtern, ihren Enkelinnen und den direkten verwandten Männern der Sippe: den Brüdern der Mutter, den Söhnen und Enkeln. Diese Clans wohnen in großen Sippenhäusern, welche je nach Bauart zwölf bis achtzig Personen aufnehmen können. Die Frauen der Sippen bleiben im Sippenhaus wohnen und verlassen auch nach der Heirat nie ihr mütterliches Haus, was als Matrilokalität bezeichnet wird. Durch das System der Wechselheirat zwischen zwei Sippen werden Männer im heiratsfähigen Alter mit den Töchtern aus einem anderen Sippenhaus im Dorf vermählt. Diese Wechselheirat ist eine Gruppenheirat, die jungen Männer eines Sippenhauses werden mit den jungen Frauen eines anderen Sippenhauses verheiratet mit anschließender Gemeinschaftsehe. Durch weitere Heiratsregeln sind in jedem Dorf schließlich alle miteinander verwandt, weshalb sie auch als Verwandtschaftsgesellschaften bezeichnet werden (Heide, Göttner-Abendroth, 1997, S.16).
In der Praxis sieht dies folgendermaßen aus: Die jungen Männer, die in einer Heiratsabsicht das Mutterhaus verlassen, müssen lediglich ins benachbarte Haus gehen wo ihre Ehepartner wohnen und kehren bereits im Morgengrauen zurück. Diese auf die Nacht beschränkte Ehe wird „Besuchsehe“ genannt. Die Männer in einem Matriarchat haben kein Wohnrecht im Haus der Ehegattinnen und auch nicht das Recht dort zu essen, denn laut den Regeln wird dort gegessen, wo auch gearbeitet wird. Die Männer wohnen im Haus ihrer Mütter, wo sie mithelfen beim Ackerbau und bei den Entscheidungen der Sippe beteiligt sind, sprich sie haben in ihrem Mutterhaus Rechte und Pflichten. In diesem System werden die Kinder der Gattinnen nicht als die eigenen betrachtet, da sie nicht den Clannamen der Männer haben, sie sind nur verwandt mit der Frau deren Namen sie tragen. Die Männer eines Matri-Clans
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sind am engsten verwandt mit den Kindern ihrer Schwestern, denn diese haben denselben Namen. Die Aufmerksamkeit, Erziehung und Weitergabe von Gütern gilt den Neffen und Nichten. In einem Matriarchat existiert somit keine biologische Vaterschaft, wie es in unserer Gesellschaft der Fall ist, sondern es gibt eine Art soziale Vaterschaft, die Männer eines Clans kümmern sich um die Kinder ihrer Schwestern. (vgl. Heide, Göttner-Abendroth, 1997, S.16-17).
Bei politischen Entscheidungsfindungen wird auch nach der Verwandtschaftslinie vorgegangen. Bei häuslichen Angelegenheiten bilden Männer und Frauen einen Rat, von dem kein Mitglied ausgeschlossen ist. Jede Entscheidung wird dann nach ausführlicher Diskussion im Konsens getroffen. Auf der Dorfebene ist dies nicht anders, denn bei Dorfangelegenheiten treffen sich Delegierte aus jedem Sippenhaus in einem Rat, wobei die Delegierten nur als Berater und nicht als Entscheidungsträger fungieren. Entscheidungen können nur im Konsens aller Sippenhäuser getroffen werden. So wird Politik nicht im Dorfrat, entgegen der Meinung vieler Ethnologen, gemacht, sondern in den Sippenhäusern. Auf der Stammesebene passiert dasselbe, es treffen sich die Delegierten verschiedener Dörfer um als Kommunikationsträger die Entscheidungen ihrer Gemeinschaften aus zu tauschen. In der Regel werden Männer dazu ausgewählt, da die Sippenmütter ihr Clanhaus und ihr Clanland nicht verlassen. Auch diese Männer treffen keine alleinigen Entscheidungen, denn jeder Beschluss im regionalen Bereich muss wieder auf gemeinsamen Konsens mit den Dörfern und Sippenhäusern getroffen werden. Deshalb werden sie auch als Konsensgesellschaften bezeichnet, in der eine einseitige Machtausübung von einer Gruppe durch Anhäufung von politischer Macht unmöglich ist. Deshalb sind sie herrschaftsfrei und kennen keine Unterdrückung, da letzten Endes jeder in die Entscheidungsfindung mit einbezogen ist( vgl. Heide, Göttner-Abendroth, 1997, S.16).
„Im symbolisch-weltanschaulichen Bereich sind matriarchale Gesellschaften nicht gekennzeichnet durch ‚Fruchtbarkeitskulte’ - eine solche vereinfachende Sicht verzerrt die Sachlage und das komplexe Denken dieser Kulturen völlig“ (Heide, Göttner-Abendroth, 1997, S.18). Der zentrale Glauben, der in vielen Ritualen Bildern und Mythen ausgedrückt wird, ist der Glaube an die Wiedergeburt. Allerdings ist es nicht so zu verstehen wie im Hinduismus oder im Buddhismus, vielmehr wird innerhalb matriarchalen Gesellschaften daran geglaubt, dass verstorbene Personen einer Sippe in nicht all zu langer Zeit von den Frauen der eigenen Sippe im eigenen Sippenhaus im selben Dorf wiedergeboren werden können. Dies begründet auch das hohe Ansehen der Frauen in einer matriarchalen Gesellschaft, da sie als Wiedergebärerinnen gelten und so das Leben einer Sippe erneuern und verlängern. Diese Vorstellung hat eine wesentliche Bedeutung in den matriarchalen Gesellschaften. Des Weiteren wird diese durch die sie umgebende Natur, in der der
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Arbeit zitieren:
Andreas Eckert, 2010, Das Leben im Matriarchat - dargestellt am Beispiel Juchitans, München, GRIN Verlag GmbH
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