die Lager und provoziert wiederum eine bekannte Diskussion, die im Kern die Frage aufwirft, inwiefern ein solch reglementiertes Studium, dass eben auch das Lesen und Verinnerlichen von klassischen Lektüren und Theorien beinhaltet, tatsächlich effizient sein kann.
Nun, immerhin handelt es sich hierbei ja um Werke, die mittlerweile ein sehr hohes und betagtes Alter erreicht und eventuell auch schon ihren Zenit überschritten haben. Die Verfasser dieser vermeintlichen Soziologie-Klassiker weilen auch schon lange nicht mehr unter uns und haben zu Lebzeiten sowieso unter absolut anderen Bedingungen gelebt, als wir. Warum sollten wir also Beobachtungen, Theorien oder auch schriftlichten Abhandlungen, die in einer ganz anderen Ära erfasst und entwickelt wurden, in unserer heutigen „Welt“ überhaupt noch irgendeine Form von Gültigkeit zusprechen? Im Endeffekt drehen wir doch dadurch nur der Zukunft, die vor uns liegt und die zum Großteil ganz andere, mitunter viel speziellere Anforderungen an uns stellt, den Rücken zu, oder? Ich bin der Meinung, dass eine solche Flucht in die Vergangenheit uns vom eigentlichen Fortkommen abhält und die ohnehin schon anstrengende Lektüre eines dieser Schmöker, uns schlussendlich kein Stück weiter bringt.
Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht tatsächlich der exakte Wortlaut eines Kanon-Gegners sein könnte? Ich habe versucht, mich in die Gegenposition hineinzuversetzen, um diesen kurzen Monolog inszenieren zu können und um die Argumente, die gegen einen verbindlichen Kanon in der wissenschaftlichen Soziologie sprechen könnten, ebenfalls unterbringen zu können. Dennoch bin ich wie Kaesler davon überzeugt, dass es einer lebhaften Erinnerung an die Vergangenheit bedarf, um überhaupt in der Lage zu sein, die Zukunft konstruktiv gestalten zu können. Die Soziologie, als relativ junge Geisteswissenschaft, kann vor allem in der Anfangszeit, also in der Ära der „klassischen Soziologie“, auf eine äußerst erfolgreiche Zeit zurückblicken und muss sich nun wieder auf alte Stärken besinnen. Wenn man aber die Vergangenheit leugnet, ignoriert oder gar verdrängt, bleibt einem zuletzt nicht einmal mehr die Flucht zurück, wenn der Weg vor einem versperrt ist. Jede Wissenschaft baut auf einem bestimmten Grundwissen auf, das auch erst über einen langen Zeitraum erschlossen werden musste. Auf diese verfügbare Basis zu verzichten, bedeutet im Prinzip nichts anderes, als freiwillig immer wieder von Null anfangen zu wollen. 2
Arbeit zitieren:
Sebastian Taugerbeck, 2010, Klassiker der Soziologie, München, GRIN Verlag GmbH
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