1. Aufkommen
Die Fibel löste die frühbronzezeitlichen Nadeln ab, welche vereinzelt noch bis in die HaCzeitlichen Nekropolen und den entsprechenden Siedlungsfunden zu finden sind. Das Auftauchen der Fibel hat vermutlich mit kulturellen Einflüssen und mit der Veränderung der Tracht zu tun. Die ersten Fibeln weisen in die mykenische Kultur, und es kann angenommen werden, dass sie über die griechischen Provinzen in Italien, zu den oberitalienischen, schweizerischen und österreichischen Alpenregionen gefunden haben. Es waren anfänglich sehr zierliche Fibeln, die nur ein leichtes Gewand festhalten konnten. Erst später wurden die Fibeln kräftiger und vermochten mehr und schwereren Stoff zu halten. Die Entwicklung der Fibeltypologien zeigt auf, dass diese anfänglich einfache und praktische Sicherheitsnadel, sich zu einem schmucken, modischen Accessoire mauserte, das in späterer Zeit auch als Statussymbol von Mann und Frau stolz getragen wurde.
2. Typologisierung, Verbreitung und Datierung
Die Fibeln tragen zur Typologisierung meist den Namen des ersten Fundortes oder der Region, in der man einer hohen Fundrate desselben Typs begegnet. Die Typologisierung folgt zwar einer Morphologie, die eine gewisse Ordnung in die Fertigungs- und Veredelungsarten bringt. Es bleibt aber meist ungewiss, ob der Fibeltyp in der Fundortregion selbst entwickelt, oder ob nach einer importierten Vorlage gearbeitet wurde; so wie auch ungewiss bleibt, ob die Fibeln in der Fundregion selbst hergestellt worden sind, oder ob es sich um fertige oder halbfertige Importware handelte.
Die Verbreitung der Fibeltypen können Anhaltspunkte geben über Handelswege und Handelsbeziehungen der damaligen Zeit. Sie geben auch Hinweis auf militärische Anwesenheit und Verschiebungen, auf ethnische Populationen, Urbanisationen, Verkehrswege, Tourismus, Reisende, etc..
Diese Annahmen stützen sich jedoch auf eine meist spärliche Fundzahl, die statistisch noch unbefriedigend signifikante Interpretationen zulassen und daher höchstens Tendenzen aufzeigen können.
Einiges Kopfzerbrechen geben die Datierungsversuche. Eine Schwierigkeit ist, dass der Fundkomplex zahlreicher Funde unbekannt geblieben ist, sei es, dass er sich über die Jahrtausende nicht erhalten hat, oder aus einer älteren Grabung stammt, bei welcher diese Zusammenhänge noch zuwenig beachtet wurden.
Auch kommt es häufig vor, dass einige Funde zwar dokumentiert sind, das Artefakt selbst aber verschollen ist und für Nachuntersuchungen nicht mehr zur Verfügung steht.
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Schwierigkeit besteht auch in der unterschiedlichen relativen Datierungsmethode, welche leicht zu gegensätzlichen Aussagen führt.
Zu dem gilt zu bedenken, dass die Datierung der Fibeln auch wegen ihrer langen Haltbarkeit problematisch ist. Man kann oft nicht eruieren, über wie viele Generationen ein Objekt in Gebrauch blieb.
3. Die erste Fibel der „Schweiz“
Nach meinen Recherchen 1 ist die älteste, datierbare Fibel der „Schweiz“ jene von Corcelettes (VD), eine einteilige Drahtbügelfibeln vom Typ
Peschiera/Gardasee. Ein Importprodukt, welches vermutlich vom Peloponnes her über den Golf von Tarent Richtung Oberitalien seinen Weg nach Corcelette
gefunden hat. Die Datierung weist in die spät-mykenische Zeit, also ca. 13. Jh. v. Chr.. Es handelt sich auch um die früheste Form Italiens.
Diese zierliche Fibel wird im SPM III allerdings nicht erwähnt und das Artefakt ist verschollen.
4. Weitere Entwicklung der Fibeln in der Schweiz
Wenn das Aufkommen der Fibel in der Bronzezeit, und bestimmt auch noch während der Eisenzeit, in der Schweiz nur zögerlich sich entwickelte, so kann ab der Latènezeit ein regelrechter Boom nachgezeichnet werden. Dies aufgrund der römischen Besetzung und zahlreicher ethnischer Einflüsse.
Die Fibeln entwickeln sich seit je her in geografisch verschiedenen, zeitlich parallel laufenden Strängen, wobei jeweils technische und dekorative Grundelemente unterschiedlich gefertigt oder betont wurden. Es zeichnen sich im schweizerischen Gebiet dabei Unterschiede zwischen Ost und West ab, ohne dass eine klare Grenze gezogen werden könnte. Die Fibel behält zwar ihren praktischen Aspekt, entwickelt sich vor allem aber zum modischen Accessoire, das sich in rascher Folge auf die zeitlichen und regionalen Stile einstellt, und dadurch einen enormen Variantenreichtum entfaltet.
Speziell die figürlichen Fibeln, und auch die Scheibenfibeln sind ausserordentlich klein, so dass sie zum Zusammenhalten eines Gewandes nicht dienen konnten. Auch bei grösseren Typen ist offensichtlich, dass sie als Schmuckstück getragen wurden.
1 Betzler Paul, 1974 (Betzler bezieht sich auf Tafeln nach R. Forrer, Antiqua 1886, die mir bisher leider nicht zur
Verfügung standen.)
3
An mehreren Bügelfibeln lassen sich apotropäische Zeichen, vor allem in Gestalt von Augen nachweisen, wie z.B. bei der germanischen Augenfibel, oder Fibeln mit Tierköpfen. Diese Motive könnten vermutlich einen abschreckenden, unheilabwehrenden Sinn gehabt haben. Auf magische Vorstellungen könnten auch eine stark abstrahierte Formsymbolik von Flügeln, Spulen oder seitlichen Ärmchen diverser Fibeltypen hinweisen. Auf magischen Vorstellungen basierend mögen auch die merkwürdigen eisernen Zutaten bei gewissen Fibeln eine Rolle gespielt haben. Leicht erkennbarer Zauber spricht aus den Fibeln mit Liebesinschriften. Zahlreiche Fibeln haben Amulettcharakter, wobei Sonnen- und Mondsymbole die häufigsten erkennbaren Zeichen sind. 2
5. Tragweise der Fibeln
Bildliche Darstellungen und Grabfunde geben Auskunft über die Tragweise der Fibeln. Bei Brandbestattungen sind die Fibeln jedoch zerstört oder wurden nachträglich beigegeben, ganz besonders am Alpensüdrand.
Aufgrund von Darstellungen auf norisch-pannonischen 3 Grabsteine, kann angenommen werden, dass bei der nicht römischen Frauentracht auf beiden Schultern je eine Spiral-Fibel zum Zusammenhalten des Obergewandes getragen wurde und, dass oft dazu eine kleinere Scharnierbogen- oder seltener eine Scheibenfibel, in der Mitte des Halsausschnittes des Untergewandes, als reines Schmuckstück angebracht war. Dem entsprechend wird erwartet, dass in der Schweiz die gallische Flügelfibel, alle Sorten von Flügelspiralfibeln, wie auch die Nauheimer Fibel, von Frauen auf den Schultern getragen wurden. Email-Scheibenfibeln dürften als Schmuckstück Verwendung gefunden haben.
Zwiebelkopffibeln gehörten zur Männertracht und wurden nur auf der Schulter zum Fassen des Mantels getragen. Grabfunde weisen darauf hin, dass sie sowohl auf der rechten, wie auf der linken Schulter getragen, obschon zahlreiche Ikonografien eine ausschliessliche Tragweise auf der rechten Schulter zeigen. 4 Interessant auch zu bemerken, dass bildliche Darstellungen der Zwiebelknopffibel die Befestigung mit dem „Kopf“ nach unten oder nach oben zeigt.
2 Ettlinger Elisabeth, 1973, S. 27
3 Noricum war das keltische Königreich des Stammes der Noriker. Ihr Gebiet umfasste einen Grossteil des
Gebietes des heutigen Österreichs sowie angrenzende Gebiete Bayerns und Sloweniens. Das Königreich wurde
später eine Provinz des Römischen Reiches, unter der Bezeichnung Provincia Noricum. Diese Provinz grenzte
im Süden an Italien, im Osten an Pannonien und im Westen an Raetien. Man geht von kulturellen Einflüssen auf
die keltische Bevölkerung der heutigen Schweizergebiete aus.
4 Elfenbein-Dyptichon des Stilicho, u.a..
4
Arbeit zitieren:
Dominique Oppler, 2010, Roemische Fibeln in der Schweiz, München, GRIN Verlag GmbH
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