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Inhaltsverzeichnis
A) EINLEITUNG 02
Sinn und Ziel der Seminararbeit 02
Quellenlage 02
B) HAUPTTEIL 03
1. Was ist Freiheit bzw. Freiwilligkeit? 03
1.1 Was ist der Mensch? 03
1.2 Was ist eine Handlung? 03
1.3 Was ist Freiwilligkeit? 03
1.4 Tabellarische Zusammenfassung 07
2. Der Wille im Kontext des menschlichen Glücksstrebens 07
2.1 Gibt es ein letztes Ziel? 08
2.2 Was ist das letzte Ziel? 09
2.2.1 Selbstverwirklichung 09
2.2.2 Das vollkommene Gut 10
2.2.3 Die Glückseligkeit 11
2.3 Worin besteht das letzte Ziel? 12
2.3.1 Gegenstand der Glückseligkeit 12
2.3.2 Gott, A und Ω des Menschen 13
2.4 Wie erlangt man das letzte Ziel? 13
2.4.1 Gott erkennen und lieben 14
2.4.2 Die Schau Gottes - Ursache der Glückseligkeit 15
2.4.3 Desiderium naturale 17
2.5 Zusammenfassung 18
3. Ist der Mensch frei? 19
3.1 Ist der Mensch an sich frei? 19
3.1.1 Naturnotwendigkeit und Determination 20
3.1.2 Willensfreiheit und Auto-Determination 21
3.2 Ist der Mensch nur relativ frei? 22
3.2.1 Determination der Mittel zum letzten Ziel 22
3.3 Ist der Mensch wirklich absolut frei? 22
3.3.1 Allgemeine Determination und konkrete Indetermination 23
)C SCHLUSS 27
I. Fazit 27
II. Philosophisch-Theologische Leistung 27
Literaturverzeichnis 28
Sinn und Ziel der Seminararbeit
„Das letzte Ziel bewegt den Willen mit Notwendigkeit, da es das vollkommene Gut ist.“ „Und da das Fehlen eines beliebigen Gutes etwas nicht Gutes ist, ist nur dasjenige Gut, das vollkommen ist und dem nichts fehlt, ein solches Gut, das der Wille nicht nicht wollen kann, und das ist die
Glückseligkeit.“ 2
In seiner Summa Theologica findet Thomas von Aquin in der „Glückseligkeit“ nicht nur eine klare Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Ziel des Lebens, sondern er behauptet dazu, dass der Mensch sogar „mit Notwendigkeit“ von diesem letztem Ziel bewegt wird, da er es „nicht nicht-wollen kann“.
Auf den ersten Blick könnte es also scheinen, dass der Mensch gar nicht frei, sondern determiniert, d.h. für ein letztes Ziel vorherbestimmt sei. Folglich könnte man fragen: „Ist der Mensch dann noch frei oder nur wie ein Pfeil, der auf die Zielscheibe der Glückseligkeit geschossen wird? Ist er zur Glückseligkeit verdammt?“ Sinn und Ziel dieser Seminararbeit soll also eine Antwort auf die Frage sein, ob der menschliche Wille nach Thomas Konzept an sich frei ist und wenn ja, ob er dann absolut frei ist (und selbst ein letztes Ziel wählen kann), oder ob er nur relativ frei ist und lediglich die Art und Weise (die Mittel zum Zweck) wählen kann, wie er das letzte Ziel erreicht.
Dazu soll zunächst (Kap. 1) gefragt werden, was Thomas genau unter „Freiheit“ bzw. „Freiwilligkeit“ versteht, dann (Kap. 2) soll der Wille im Gesamtkontext des menschlichen Glücksstrebens untersucht werden, um schließlich (Kap. 3) die Ausgangsfrage zu beantworten.
Quellenlage
Als Primärquelle dienen die entsprechenden Questiones aus der Summa Theologica, Prima Secundae (I-II), Questiones 1-10.
1 Augustinus, Bekenntnisse, 1. Buch, I.1
2 Alle Thomas Zitate entspringen - sofern nicht anders vermerkt - einer Arbeitsübersetzung der Summa Theologica, Prima Secundae (I-II), mit der lateinischen Textgrundlage der „Editio Leonina Romae 1888“. Hier: q.10, a.2 ad 3 und q.10, a.2 co.
1. WAS IST FREIHEIT?
Bevor Thomas beantworten kann, was Freiheit bzw. Freiwilligkeit ist und ob der Mensch frei ist, muss er erstmal klären, was der Mensch ist.
1.1 Was ist der Mensch?
Was ist der Mensch, was für ein Wesen hat er und was macht ihn (im Vgl. zu anderen Wesen) spezifisch als Menschen aus?
„Der Mensch unterscheidet sich aber von den anderen, unvernünftigen Geschöpfen darin, dass er der Herr seiner Handlungen ist. […] Der Mensch ist aber Herr seiner Handlungen durch die Vernunft und den Willen, weshalb man auch sagt, die Entscheidungsfreiheit [liberum arbitrium]
sei eine Fähigkeit des Willens und der Vernunft.“ 3 Die zwei anthropologischen Grundkonstanten des menschlichen Wesens sind also nach Thomas „Vernunft und Wille“, die ihm das sog. „liberum arbitrium“ (= Entscheidungsfreiheit) verleihen und ihn dadurch zum „Herrn seiner Handlungen“ machen. Der Mensch ist also ein Vernunftwesen, das Herr seiner Handlungen ist. Was aber ist unter „handeln“ bzw. „Handlung“ genauer zu verstehen?
1.2 Was ist eine Handlung?
Thomas spezifiziert „eigentlich menschliche“ Handlungen genauer:
„Es werden also jene Handlungen als eigentlich menschlich bezeichnet, die aus dem überlegten Willensentschluss hervorgehen. […] Der Gegenstand des Willens ist aber das Ziel und das Gut.
Deshalb müssen alle menschlichen Handlungen wegen eines Zieles geschehen.“ 4 Es ist also wesentlich für eine spezifisch menschliche Handlung, wissentlich und willentlich zu geschehen, nämlich „um eines Zieles willen“, d.h. also Handlungen sind bewusste, gewollte und „zielgerichtete“ Bewegungen. 5 Wenn Handlungen also willentlich sind, was sind dann frei-willige Handlungen?
1.3 Was ist Freiwilligkeit?
Eine freiwillige Handlung muss nach Thomas drei bzw. vier Kriterien erfüllen: (1) Innerer Ursprung a) Widernatürlich
„Wenn nämlich ein Stein aufwärts bewegt wird, ist der Ursprung dieser Bewegung außerhalb des
Steines“ 6
3 q.1, a.1 co.
4 ebd.
5 Im Ggs. zu „den Arm oder Fuß unbewusst zu bewegen“ oder „sich am Bart kratzen“, etc.
6 q.6, a.1 co.
- 4 - EinStein kann nicht durch sich selbst (widernatürlich) aufwärts bewegt werden, sondern nur durch einen äußeren Ursprung. Eine Bewegung, die aber einen äußeren Ursprung hat, kann unmöglich freiwillig sein. Also muss eine freiwillige Bewegung einen inneren (natürlichen) Ursprung haben. b) Natürlich
„wenn er sich aber abwärts bewegt, ist der Ursprung dieser Bewegung im Stein selbst.“ 7 Ein Stein, der sich (natürlich) abwärts bewegt, hat zwar den Ursprung seiner Bewegung in sich selbst (durch die Schwerkraft), aber nicht durch seinen Willen. Deswegen reicht der innere Ursprung allein für Frei-willigkeit nicht aus.
(2) Innerer Ursprung um eines Zieles willen
a) Passiv
„Von den Dingen aber, die von einem inneren Ursprung bewegt werden, bewegen einige sich
selbst, andere aber nicht.“ 8 „Weil nämlich alles Handelnde bzw. Bewegte um eines Zieles willen handelt bzw. bewegt wird […] werden diejenigen Dinge vollkommen von einem inneren Ursprung bewegt, bei denen nicht nur ein innerer Ursprung der Bewegung, sondern einer der
Bewegung auf ein Ziel hin vorliegt.“ 9
Thomas unterscheidet zwei Arten von inneren (natürlichen) Ursprüngen, nämlich einen unvollkommenen, bei dem nur „eine (passive) Bewegung“ vorliegt und einen vollkommenen, bei dem „eine (aktive) Bewegung auf ein Ziel hin“ vorliegt. „Dazu aber, dass etwas wegen eines Zieles geschehen kann, muss es eine irgendwie geartete Erkenntnis dieses Ziels geben. […] Was aber keine Kenntnis des Ziels hat, hat, auch wenn der Ursprung einer Handlung oder Bewegung in ihm selbst liegt, dennoch nicht den Ursprung des Handelns oder Bewegtwerdens um eines Zieles willen in sich selbst, sondern in etwas anderem, von dem ihm die Ursache seiner Bewegung zum Ziel hin eingeprägt wird. Deshalb sagt man von solchen Dingen nicht, dass sie sich selbst bewegen, sondern dass sie von anderem bewegt
werden.“ 10
Auch wenn sich der abwärts rollende Stein um eines Zieles willen bewegt, liegt der Ursprung der Zielsetzung (= der „Einprägung des Ziels“) nicht im Stein, da er keine „Kenntnis vom Ziel“ hat, sondern außerhalb des Steins. Er wird also (passiv) bewegt. b) Aktiv
Das erste Mal, dass Thomas von einer „freiwilligen“ Handlung spricht, ist, wenn der innere Ursprung „vollkommen“ ist, d.h. wenn nicht nur die „Bewegung“, sondern auch die (aktive) „Bewegung um eines Zieles willen“ von innen kommt. „Von denjenigen Dingen aber, die Kenntnis des Zieles besitzen, sagt man, dass sie sich selbst bewegen, weil in ihnen nicht bloß der Ursprung des Handelns, sondern auch der Ursprung des
7 ebd.
8 ebd.
9 ebd.
10 ebd.
- 5 - Handelnsum eines Zieles willen vorliegt. Und daher, da in diesem Fall beides von einem inneren Ursprung kommt, nämlich dass sie handeln und dass sie wegen eines Zieles handeln, nennt man deren Bewegung und Handlung freiwillig; Das Wort ‚freiwillig’ [voluntarii] besagt nämlich, dass
die Bewegung und die Handlung aus eigener Neigung [propria inclinatione] erfolgen.“ 11 Wenn die Handlung also aus einer „eigenen Neigung“ des Willens zum (von der Vernunft) erfassten Ziel hervorgeht, ist sie frei-willig.
„Und daher kommt es, dass ‚freiwillig’ […] nicht einfach das heißt, dessen Ursprung innerlich
ist, sondern dass Wissen [scientiae] hinzugefügt werden muss.“ 12 Aber dennoch bedarf dieses „Wissen“ einer weiteren notwendigen Spezifizierung.
(3) Innerer Ursprung um eines erkannten Zieles willen
a) (Unvollkommene) „Erfassung“ des Zieles
„Unvollkommen ist die Kenntnis [cognitio] des Zieles, welche nur im Erfassen [apprehensione] des Zieles besteht, ohne dass dessen Wesen als Ziel oder das Verhältnis der Handlung zu diesem Ziel erkannt wird. Und solche Erkenntnis des Zieles gibt es bei den unvernünftigen Lebewesen
durch die Sinne und die natürliche Urteilskraft.“ 13
Auch Tiere „erfassen“ durch ihre natürlichen „Sinne“ das Ziel, jedoch ohne sein Wesen und ihren Bezug zu ihm vollkommen zu „erkennen“, was bedeutet, dass sie über ihre Handlungen „nicht überlegen“ und folglich nicht anders handeln können: „Das seinen Begriff nur unvollkommen erfüllende Freiwillige folgt aber aus der unvollkommenen Erkenntnis des Zieles. Hier überlegt man nämlich bei der Erfassung des Ziels nicht, sondern
bewegt sich sogleich darauf zu.“ 14
Daher handeln Tiere nach Thomas nicht vollkommen = nicht wirklich frei-willig. b) (Vollkommene) „Erkenntnis“ des Ziels
„Die vollkommene Erkenntnis des Zieles liegt vor, wenn nicht nur die Sache, die das Ziel ist, erfasst wird, sondern auch das Wesen des Zieles [ratio finis] erkannt wird [cognoscitur] sowie das
Verhältnis dessen, was auf das Ziel hingeordnet ist, zu ihm erkannt wird.“ 15 Der Mensch erkennt also dank seiner Vernunft (und nicht nur durch seine Sinne) das Wesen des Zieles und seinen Bezug zu ihm „vollkommen“, was einen absoluten Unterschied mit sich bringt:
„Das vollkommen seinen Begriff erfüllende Freiwillige folgt also aus der vollkommenen Erkenntnis des Zieles. Hat man nämlich das Ziel (so) erfasst, kann man - aufgrund der Überlegung bezüglich des Zieles und der Mittel zum Ziel - sich nämlich entweder zum Ziel bewegen oder nicht. […] „Deshalb kommt das vollkommen Freiwillige nur der vernünftigen
Natur zu, das unvollkommen Freiwillige aber auch den unvernünftigen Tieren.“ 16
11 ebd.
12 ebd.
13 q.6, a.2 co.
14 ebd.
15 ebd.
16 ebd.
- 6 - Hierliefert Thomas endlich das entscheidende Kriterium für Freiheit: Erst vollkommene Erkenntnis des Ziels ermöglicht vollkommene Freiwilligkeit und Entscheidungsfreiheit, d.h. die Möglichkeit, sich selbst für oder gegen das Ziel entscheiden zu können. (Das meint „Herr“ seiner Handlungen sein.) Ist die mögliche Alternative aber ein zusätzliches Kriterium für Freiwilligkeit?
(4) Das Prinzip der möglichen Alternative
Scheinbar ist das Prinzip der möglichen Alternative für die Willensfreiheit unbedingt notwendig, denn es kann z.B. sein, dass der Mensch, wenn er keine andere Wahl und Möglichkeit hat, etw. tun muss, was er gar nicht (tun) will. 17 Thomas unterscheidet aber zwei Arten von Willensakten, nämlich das „Wollen“ selbst, das vom Willen „hervorgebracht“ [elicitus] wird und den „Akt“ des Willens, d.h. die Handlung, die vom Willen „befohlen“ [imperatus] wird (wie laufen, sprechen, etc.) und teilt das Prinzip der mögl. Alternative in zwei (!) Bereiche: „Soweit es also um vom Willen befohlene Handlungen [actus a voluntate imperatos] geht, kann der Wille insofern Gewalt erleiden als äußere Glieder durch Gewalt gehindert werden können, den Befehl des Willens auszuführen. Aber soweit es sich um den eigentlichen Akt des Willens
selbst [proprium actum voluntatis] handelt, kann ihm keine Gewalt angetan werden.“ 18 Der Mensch kann also gezwungen werden, etw. zu tun, aber nicht, etw. zu wollen, so dass er ohne eine äußere Handlungs-Alternative zwar nicht (mehr) „Herr seiner Handlungen“ ist, aber dennoch „Herr seines Willens“ bleibt, da ihm das „liberum arbitrium“, d.h. die Entscheidungsfreiheit und innere Alternative, „etw. selbst zu wollen oder nicht“, immer wesenhaft gegeben ist. 19 Die Willensfreiheit ist also (im Ggs. zur Handlungsfreiheit) wesenhaft unantastbar und unzerstörbar, d.h. der Mensch hat von Natur aus einen freien Willen. 20
Das führt zum Schlüsselsatz im thomistischen Begriff der Unfreiwilligkeit: „Es ist nämlich dem Freiwilligem und Natürlichem gemeinsam, dass beides einen inneren Ursprung hat; das Gewaltsame aber hat einen äußeren Ursprung. […] Was aber gegen die Natur ist, wird unnatürlich genannt, und ebenso wird, was gegen den Willen ist, unfreiwillig genannt.
Deshalb verursacht Gewalt Unfreiwilliges [involuntarium].“ 21 Wenn man also zu einer Tat gezwungen wird, dann ist die Tat nicht (primär) deswegen unfrei, weil man keine andere (äußere) Wahl und Möglichkeit hat, sondern
17 Wenn z.B. ein mächtiger Tyrann eine schöne Frau bedrohen und zwingen würde, ihn zu heiraten, wäre die Heirat, die von ihr selbst (1) um eines erkannten (3) Zieles willen (2) geschieht, dennoch nicht freiwillig.
18 q.6, a.4 co.
19 Der Tyrann kann die Frau zwingen, ihn zu heiraten, aber nicht, ihn zu lieben. Darin bleibt sie frei.
20 Auch wenn zwei konkurrierende Neigungen (Geist - Fleisch) zugleich im Menschen auftreten, ist das kein Widerspruch zur prinzipiellen Willensfreiheit, „da sich der Wille durch die Begierde dahin neigt, das zu wollen, was [sc. vom Willen selbst] begehrt wird“ (q.6, a.7 co.).
21 q.6, a.5 co.
- 7 - weilsie gegen den Willen und die eigene Neigung [inclinatio] ist und deswegen ihren Ursprung nicht im Inneren des Handelnden (als eigene Neigung) hat, sondern außerhalb - und daher gegen das 1. Kriterium für Freiwilligkeit verstößt. Damit stellt Thomas ganz dezidiert seinen Begriff für Freiheit auf: Willensfreiheit besteht nicht im Prinzip der möglichen Handlungs-Alternative, sondern in der inneren Möglichkeit, etw. selbst wollen zu können oder nicht, so dass unfreiwillig nur das ist, was gegen den eigenen Willen ist.
Also ist nach Thomas das Prinzip der möglichen Alternative nur bedingt ein zusätzliches Kriterium für Freiheit, da es auch Freiwilligkeit ohne mögliche Alternative geben kann, wenn nämlich das einzig mögliche Ziel selbst gewollt ist. Und das ist entscheidend. 22
1.4 Tabellarische Zusammenfassung
Unfreiwilligkeit und Freiwilligkeit nach Thomas von Aquin:
2. DER WILLE IM KONTEXT DES MENSCHLICHEN GLÜCKSSTREBENS
Bisher wurde festgestellt, dass der Mensch einen freien Willen hat. Um aber klären zu können, ob der Mensch in seinem Lebenskontext frei ist, muss erst geklärt werden, warum und wozu der Mensch eigentlich lebt, handelt und überhaupt etw. will, also 1. ob es überhaupt einen Sinn, d.h. ein letztes Ziel, im Leben des Menschen gibt und 2. wenn ja, was es ist, 3. worin es besteht und 4. wie es erlangt wird.
22 Die Tyrannenheirat wäre also nicht unfreiwillig (!), wenn die Frau den Tyrannen - z.B. aus Macht- und Habgier - auch selbst heiraten will (auch wenn sie es müsste und keine andere Wahl hätte).
- 8 -2.1 Gibt es ein letztes Ziel?
Wenn das Leben keinen Sinn und Zweck hätte, wäre es dumm und sinnlos, leben und handeln zu wollen. Es stellt sich also die größte und bedeutendste Frage im Leben: Warum, wozu und wofür lebt der Mensch eigentlich? Gibt es einen Sinn, ein letztes Ziel und einen Endzweck im Leben? - Thomas sagt Ja.
Nach Thomas muss es sogar ein letztes Ziel des Menschen geben. Der Grund lautet: „Alles Tätige ist notwendigerweise wegen eines Zieles tätig.“ 23 Seine Begründung lautet:
A) „Nichts überführt sich selbst von der Möglichkeit in die Wirklichkeit [nihil enim reducit se de potentia in actum].“ 24
Es muss also eine erste Ursache und „ersten Beweger“ (Schöpfer) für alles Bewegte bzw. Tätige (Schöpfung) geben,
„da es sich nur dadurch bewegt, dass es vom ersten Beweger bewegt wird.“ 25 D.h. alles Tätige hat eine erste (Seins-)Ursache (die Gott ist).
B) „Die erste aller Ursachen ist aber die Zielursache [causa finalis].“ 26 Denn: „Das Tätige aber bewegt nur durch die Ausrichtung auf ein Ziel. Wenn nämlich das Tätige nicht auf irgendeine Wirkung gerichtet wäre, so würde es nicht eher dieses tun als jenes. Damit es also eine bestimmte Wirkung [determinatum effectum] hervorbringt, ist es notwendig, dass es auf etwas Eindeutiges
[aliquid certum] bestimmt wird, was das Wesen eines Zieles hat.“ 27 Da die Schöpfung als Wirkung nicht zufällig, sondern gesetzmäßig, ordentlich und zweckmäßig verläuft, hat ihre Ursache also eine „eindeutige Bestimmung“, d.h. ein Ziel.
C) Da alle Bewegung eine erste Ursache hat, die ein bestimmtes Ziel hat, hat also auch alle Bewegung dasselbe Ziel. Folglich „ist alles Tätige (als Wirkung der ersten Zielursache) notwendigerweise wegen eines Zieles tätig“. 28 Es muss also ein letztes Ziel des Menschen geben, da er eine (Teil-)Wirkung der gesamten Schöpfung ist, die um einer „eindeutigen Bestimmung“, d.h. um eines Schöpfungszieles willen geschaffen wurde, auf das sein Leben und Handeln „notwendigerweise“ ausgerichtet ist.
Da also der Ursprung und das Prinzip menschlichen Lebens in der Schöpfungsabsicht Gottes gründet, kann von daher der Lebenssinn des Menschen nur von
23 q.1, a.2 co.
24 ebd.
25 q.1, a.4 co. Ausführlich beweist das Thomas im ersten Buch der Summa: STh, I, q.2, a. 1-3.
26 q.1, a.2 co.
27 ebd.
28 Im Prinzip ist dieser Syllogismus ganz einfach: A) Die Schöpfung hat eine Ursache. B) Die Ursache hat ein Ziel. C) Also hat auch die Schöpfung (als Wirkung der Ursache) ein Ziel.
- 9 - seinemSchöpfungs-zweck her verstanden werden. 29 Dieser Schöpfungszweck ist also die „eindeutige Bestimmung“ und das (letzte) Ziel des Menschen. So zeigt Thomas also, dass der Mensch ein letztes Ziel hat, aber was ist es?
2.2 Was ist das letzte Ziel des Menschen?
Aus der Tatsache, dass der Mensch ein (Schöpfungs-)Ziel hat, folgt - so unmittelbar wie trivial - die Erkenntnis, was sein letztes Ziel ist, denn, wenn der Mensch ein letztes Ziel hat, ist sein Leben und Wesen erst vollkommen, wenn er das Ziel erreicht und seinen Schöpfungszweck erfüllt hat.
„Ein jedes Ding ist aber insofern vollkommen, soweit es verwirklicht ist, denn die Möglichkeit
ohne Verwirklichung ist unvollkommen.“ 30
Also ist das letzte Ziel des Menschen logischerweise identisch mit der Vollendung und Verwirklichung seines Wesens, d.h. v.a. seiner Vernunft & seines Willens (1.1). „Denn die Seele […] wird nämlich [sc. durch die Vollendung der Vernunft] aus einer der Möglichkeit nach wissenden zu einer wirklich wissenden und [sc. durch die Vollendung des
Willens] aus einer der Möglichkeit nach tugendhaften zu einer wirklich tugendhaften.“ 31 Daher muss der Mensch bei seiner Verwirklichung wesentlich selbst mitwirken. „Und daher ist es der vernünftigen Natur eigen, dass sie zum Ziel strebt, indem sie sich selbst zum Ziel bewegt oder hinführt; der unvernünftigen Natur jedoch, dass sie gleichsam von etwas
anderem zum Ziel bewegt oder geführt wird“ 32
„Sich selbst zum Ziel bewegen“ heißt also „sich selbst-verwirklichen“. Also ist das letzte Ziel die Selbstverwirklichung und Vollendung des Menschen. 33
2.2.1 Selbstverwirklichung
Die Tatsache, dass das letzte Ziel des Menschen seine Selbst-verwirklichung ist, hat wiederum eine unmittelbare, aber diesmal sehr bedeutsame Konsequenz:
„Was also das letzte Ziel selbst betrifft, so stimmen alle im Begehren des letzten Ziels überein,
weil alle die Erfüllung ihrer Vollkommenheit begehren, die das letzte Ziel darstellt“ 34 Der Mensch hat nicht nur ein letztes Ziel, sondern er „begehrt“ auch danach. „Diese Bestimmung aber, wie sie in der vernünftigen Natur durch das vernünftige Begehren [rationalem appetitum] geschieht, welches wir Wille nennen, geschieht bei anderen Wesen durch
eine natürliche Neigung, die natürliches Begehren [appetitus naturalis] genannt wird.“ 35
29 Da alles von seiner Ursache her verstanden wird, lautet die Frage nach dem Sinn des Lebens also nicht einfach: „Warum und wozu lebt der Mensch eigentlich?“, sondern exakter: „Warum und wozu hat Gott den Menschen geschaffen?“. Das ist also ein sehr bedeutender Unterschied und quasi eine „kopernikanische Wende“ bei der Sinn-des-Lebens Frage (wie im Folgenden noch ersichtlicher wird)!
30 q.3, a.2, co.
31 q.2, a.7 co.
32 q.1, a.2 co.
33 Anders ausgedrückt: der Schöpfungszweck und die Vollendung des Lebens ist die Vollendung des Wesens. Vgl.: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ (Mt 5,48)
34 q. 1, a.7 co.
35 q.1, a.2 co.
- 10 - Dieses„vernünftige Begehren“ nach dem letzten Ziel ist die Grundmotivation und der „Motor“ menschlichen Wollens und Lebens 36 bzw. - wie es Hermann Kleber ausdrückt - „das Prinzip des natürlichen Wollens ist das Letztziel“ 37 . Solange der Mensch also noch unvollkommen ist, wird sein Wille natürlicherweise nicht ruhen und ihn soz. antreiben und bewegen, bis sein Begehren gestillt, sein Wesen verwirklicht und sein Ziel erreicht ist. Daher ist das letzte Ziel identisch mit der vollkommenen Befriedigung des Willens.
„Der Gegenstand aber des Willens, d.h. des menschlichen Strebens, ist das allgemeine Gut
[bonum universale], so wie der Gegenstand der Vernunft das allgemeine Wahre ist.“ 38 Da also der Gegenstand des Willens das (allgemeine) Gute ist, ist „gut“, was irgendein Begehren des Willens erfüllt und „vollkommen gut“, was sämtliches Begehren erfüllt. Und da die vollkommene Befriedigung des Willens das letzte Ziel ist (da es sonst nicht das letzte wäre), muss es folglich „vollkommen (gut)“ sein. „Da jede Sache nach ihrer Vollendung strebt, erstrebt man als letztes Ziel dasjenige, was man als vollkommenes und durch sich selbst erfüllendes Gut erstrebt. […] Also muss das letzte Ziel das ganze Begehren des Menschen derart erfüllen, dass nichts außerhalb seiner zu begehren übrig
bleibt.“ 39
Das letzte Ziel ist daher „das vollkommene Gut“, das den Willen ganz befriedigt.
2.2.2 Das vollkommene Gut
Wenn der Mensch ein Ziel in irgendeiner Hinsicht für nicht-gut erachtet, kann sich der Mensch für oder gegen das Ziel entscheiden:
„Wenn ihm ein Gegenstand dargeboten wird, der nicht in jedweder Hinsicht gut ist, so richtet sich
der Wille nicht mit Notwendigkeit darauf.“ 40
Wenn aber ein Ziel in jeder Hinsicht gut und vollkommen ist, dann wird der Wille sogar „mit Notwendigkeit“ von diesem Ziel bewegt:
„Deshalb richtet sich der Wille, wenn ihm irgendein Gegenstand dargeboten wird, der allgemein und in jeder Hinsicht gut ist, mit Notwendigkeit darauf, wenn er etwas will, denn das Gegenteil könnte er gar nicht wollen. […] Und da das Fehlen eines beliebigen Gutes etwas nicht Gutes ist, ist nur dasjenige Gut, das vollkommen ist [bonum perfectum] und dem nichts fehlt, ein solches
Gut, das der Wille nicht nicht wollen kann…“ 41
36 Dieses „vernünftige Begehren“ [desiderium naturale] wird noch (in 2.4.3) ausführlich erklärt.
37 Kleber, Glück als Lebensziel, S.178
38 q.2, a.8 co.; Der Mensch strebt nur nach einem Ziel, sofern es irgendwie „gut“ für ihn ist, z.B. hat er Hunger und will essen, damit er satt wird. Also ist das Ziel, zu essen, „gut“, weil dadurch das Streben des Willens nach Sättigung gestillt wird. Also strebt der Mensch von Natur aus nach dem (allgemein) Guten, weil das Gute das Streben des Willens befriedigt.
39 q.1, a.5 co.
40 q.10, a.2 co.
41 ebd.
- 11 - Dasletzte Ziel, das „vollkommene, perfekte Gut“, der Inbegriff alles Guten, ist also so gut und erstrebenswert, dass es der Mensch gar nicht nicht-wollen kann, sondern unbedingt wollen und lieben muss, weil er in ihm alles findet, was er begehrt. Was aber ist so vollkommen, so schön und so gut, dass es alle Bedürfnisse, Wünsche, Sehnsüchte und Träume des Menschen erfüllen kann? „…und das ist die Glückseligkeit.“ 42
2.2.3 Die Glückseligkeit
Die Glückseligkeit. In ihr findet Thomas tatsächlich ein bzw. das Ziel und Gut, das unbestreitbar vollkommen und perfekt ist und um seiner selbst willen von jedem erstrebt wird. Der Mensch kann nicht unglücklich sein wollen. Und genau das ist das thomistische Grundaxiom, auf dem seine Lehre vom Sinn des Lebens gründet: Jeder Mensch will glücklich sein.
Damit fällt die selbstverständliche Ausgangsprämisse (Jeder will vollkommen sein) mit dem selbstverständlichen Grundaxiom (Jeder will glücklich sein) in eins: „Es ist nämlich die Glückseligkeit die äußerste Vollkommenheit des Menschen.“ 43 „Und so betrachtet muss notwendigerweise jeder Mensch die Glückseligkeit wollen. Das allgemeine Wesen der Glückseligkeit aber ist, wie gesagt, dass sie das vollkommene Gut ist. Weil aber das Gut der Gegenstand des Willens ist, ist das vollkommene Gut für jemanden dasjenige, was seinen Willen vollständig befriedigt. Daher ist das Streben nach Glückseligkeit nichts anderes als das
Streben danach, dass der Wille befriedigt werde. Und das will jeder.“ 44 Der Grund, warum der Mensch überhaupt irgendetwas will, ist also dahin zurückzuführen, dass er (nach seiner Schöpfung und Geburt) noch unvollkommen ist und daher sein Wille natürlicherweise nach Selbstverwirklichung als letztem Lebensziel begehrt (2.2.1). Da aber das letzte Ziel den Willen vollkommen befriedigen und daher vollkommen gut sein muss, strebt der Mensch sogar „mit Notwendigkeit“ danach (2.2.2). Und da allein die Glückseligkeit den Willen vollkommen befriedigen kann, ist in ihr das Wesen des letzten Zieles gegeben, nach dem der Mensch „natürlicher-“ und „notwendigerweise“ strebt, da er aus keinem anderen Grund geschaffen wurde.
Also besteht die „eindeutige Bestimmung“, die Vollendung und der Sinn des Lebens in der Glückseligkeit; d.h. in all seinem Wollen und Tun wird der Mensch von der (Sehnsucht nach) 45 Glückseligkeit soz. „angezogen“ und bewegt, weil er letztlich alles tut, um vollkommen glücklich zu werden. Ist er es aber geworden, muss auch
42 ebd.
43 q.3, a.2, co.
44 q.5, a.8 co.
45 Diese urmenschliche Sehnsucht ist identisch mit dem „vernünftigen Begehren“ (vgl. Anm. 36).
- 12 - seinWille befriedigt, sein Wesen verwirklicht und sein Leben vollendet sein. Also ist das letzte Ziel des Menschen die vollkommene 46 Glückseligkeit. Das führt zur großen Frage: Wie aber wird man vollkommen glücklich?
2.3 Worin besteht das letzte Ziel?
Thomas unterscheidet zwei Perspektiven, das letzte Ziel zu betrachten: „Ziel wird zweierlei genannt: nämlich die Sache selbst, die wir erlangen wollen, und der Gebrauch oder der Erwerb oder der Besitz jener Sache. […] Die Sache selbst also, die als Ziel erstrebt wird, ist das, worin Glückseligkeit besteht, und was glücklich macht. Aber das Erlangen
dieser Sache wird Glückseligkeit genannt.“ 47
Absolut gesehen ist mit „Glückseligkeit“ streng genommen nicht das letzte Ziel selbst (an und für sich) gemeint, sondern nur das, worin Glückseligkeit besteht und was (den Menschen) glücklich macht [finis cuius]. 48 Relativ gesehen ist mit „Glückseligkeit“ aber die Erlangung, der Besitz oder der Genuss dieses Ziels gemeint [finis quo]. 49 Daher ist bei Thomas mit „Glückseligkeit“ immer die Erlangung des letzten Ziels gemeint, nicht aber das letzte Ziel an sich, das genaugenommen der „Gegenstand und die Ursache“ der Glückseligkeit ist. Was also ist Gegenstand und Ursache der Glückseligkeit?
2.3.1 Gegenstand der Glückseligkeit
Welche (konkrete) Sache macht den Menschen vollkommen glücklich?
„Es ist nicht möglich, dass die Glückseligkeit des Menschen in einem geschaffenen Gut liegt. Denn die Glückseligkeit ist ein vollkommenes Gut [bonum perfectum], das das Begehren
gänzlich stillt, sonst wäre sie kein letztes Ziel, wenn noch etwas zu begehren übrig bliebe.“ 50 Da das Gute selbst der Gegenstand des Willens ist (2.2.1), kann nichts den Willen ganz befriedigen (= letztes Ziel sein), was nur Anteil am Guten hat, sondern nur, was vollkommen (gut) ist und selbst das Gute ist:
46 Thomas sagt aber, dass es auf Erden keine vollkommene Glückseligkeit geben kann und daher das eigentlich letzte Ziel die vollkommene Glückseligkeit im Himmel ist (vgl. q.5, a.3 co.). Das ist sehr wichtig, weil damit das irdische Glück nicht immer mit dem unbedingt zu begehrendem letzten Ziel übereinstimmt, z.B. wenn man sein Leben aus Liebe oder um der Gerechtigkeit und Wahrheit willen hingibt (und soz. auf das irdische Glück verzichtet). Daher ist auch die Beachtung der Struktur des Glücks absolut entscheidend, denn das letzte Ziel ist nicht einfach die Glückseligkeit, sondern die Verwirklichung des Wesens, die die Befriedigung des natürlichen Strebens nach dem letzten Ziel, d.h. der Erfüllung des Schöpfungszweckes, bewirkt und dadurch (!) die Glückseligkeit verursacht. Wenn die Verwirklichung der Seele also in Weisheit und Tugend besteht, dann stehen diese über dem irdischen Glück. Und das ist entscheidend! Vgl. „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen.“ (Lk 17,33)
47 q.2, a.7 co.
48 So besteht z.B. die Glückseligkeit für den Räuber im Geld, wobei das Geld nicht (an sich) die Glückseligkeit ist, sondern nur das Ziel und Gut, das (den Räuber) glücklich macht.
49 Deswegen wird erst der Besitz des Geldes Glückseligkeit genannt, weil der Räuber erst glücklich ist, wenn er das Geld (für sich) besitzt.
50 q.2, a.8 co.
- 13 - „Darausgeht hervor, dass nichts den Willen des Menschen stillen kann, außer dem allgemeinen Gut [bonum universale]. Und dieses findet man nicht in etwas Geschaffenem […] weil alle
Kreatur eine teilhabende Gutheit besitzt…“ 51
Da also alle „Kreatur“ (alles Geschaffene), nur eine „teilhabende (= unvollkommene) Gutheit“ besitzt, muss das letzte Ziel selbst ungeschaffen und aus sich selbst heraus vollkommen (gut) sein. Und was das ist, ist für Thomas völlig klar:
„Und dieses [sc. allgemeine und perfekte Gut] findet man nicht in etwas Geschaffenem, sondern allein in Gott, weil alle Kreatur eine teilhabende Gutheit besitzt. Daher kann nur Gott den Willen des Menschen erfüllen, gemäß Ps 103 (102),5, ‚der dein Verlangen mit guten Dingen erfüllt’.
Daher besteht die Glückseligkeit des Menschen allein in Gott.“ 52 Der (konkrete) Gegenstand der Glückseligkeit ist also „Gott allein“.
2.3.2 Gott, A und Ω des Menschen
Die Glückseligkeit des Menschen besteht also allein in Gott, weil nur er vollkommen (gut) ist. 53 Gott ist damit sowohl Schöpfungs-Ursache (A), als auch Schöpfungs-Ziel (Ω) des Menschen, für das er geschaffen und bestimmt wurde, 54 d.h. der Mensch findet in Gott sowohl seine Bestimmung und Vollendung, als auch die vollkommene Erfüllung all seiner Begehren, also Leben, Glück und Frieden in Fülle. 55 „Also ist auf die erste [sc. absolute] Weise betrachtet, das letzte Ziel des Menschen ein ungeschaffenes Gut, nämlich Gott, der allein den Willen des Menschen durch seine unendliche Güte vollkommen erfüllen kann. Aber auf die zweite [sc. relative] Weise betrachtet, ist das letzte Ziel des Menschen etwas Geschaffenes, das in ihm existiert, nämlich nichts anderes als das Erlangen oder
der Genuss des letzten Zieles. Das letzte Ziel aber nennt man Glückseligkeit.“ 56 An sich ist das letzte Ziel also Gott, aber ihn zu erlangen, ist Glückseligkeit. Bleibt also nur noch zu fragen, wie man Gott erlangt?
2.4 Wie erlangt man das letzte Ziel?
„Wenn wir aber vom letzten Ziel des Menschen als der Erlangung des Zieles sprechen, so haben die vernunftlosen Kreaturen dieses Ziel des Menschen nicht. Denn der Mensch und die anderen
vernünftigen Kreaturen erreichen das letzte Ziel, indem sie Gott erkennen und lieben“ 57 Was ist der Sinn des Lebens? Das letzte Ziel zu erlangen. Wie erlangt man das letzte Ziel? „Indem man Gott erkennt und liebt.“ Damit ist der Sinn des Lebens also, „Gott
51 ebd.
52 ebd.
53 Vgl. „Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist ‚der Gute’.“ (Mt 19,17)
54 Vgl. „Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende.“ (Offb 21,6)
55 Vgl. „Ich sage zum Herrn: ‚Du bist mein Herr; mein ganzes Glück bist du allein.’“ (Ps 16,2); „Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben.“; „meinen [sc. vollkommenen] Frieden gebe ich euch; nicht einen [sc. unvollkommenen] Frieden, wie die Welt ihn gibt“ (Joh 10,10 + 14,27)
56 q.3, a.1 co.
57 q.1, a.8 co.; Glückseligkeit ist daher also etw. Geistiges und „Göttliches“.
- 14 - zuerkennen und zu lieben“. Der Mensch erfüllt also den Sinn und Schöpfungszweck seines Lebens und erreicht das letzte Ziel, indem er Gott erkennt und liebt. 58
2.4.1 Gott erkennen und lieben
„Erkennen“ ist ein Akt der Vernunft und „Lieben“ ein Akt des Willens. „Wie schon gesagt, gehören zur Glückseligkeit zwei Dinge: Eines, welches das Wesen der Glückseligkeit ausmacht, und ein anderes, welches durch sich selbst ihre Eigenschaft darstellt, nämlich das mit ihr verbundene Vergnügen. […] So besteht das Wesen der Glückseligkeit also in einem Akt der Vernunft, aber auf den Willen bezieht sich das Vergnügen, das der Glückseligkeit
folgt“ 59
Die Glückseligkeit hat sowohl ein „Wesen“, als auch eine „Eigenschaft“. Ihr Wesen, d.h. die Erlangung des letzten Zieles, besteht in einem Akt der Vernunft, aber ihre Eigenschaft und unmittelbare Folge, d.h. die „Freude“, entspringt dem endlich ans Ziel gelangten und ruhenden Willen.
„Es muss also etwas anderes sein als ein Akt des Willens, wodurch das Ziel für den Wollenden gegenwärtig wird. […] Denn am Anfang wollen wir [sc. durch einen Akt des Willens] ein intelligibles Ziel nur erreichen; wir erreichen es aber dadurch, dass es uns durch einen Akt der Vernunft gegenwärtig wird; und dann ruht der Wille voll Freude in dem jetzt erlangten Ziel. […] entsprechend der Aussage Augustins, dass die Glückseligkeit die Freude an der [sc. Erkenntnis
der] Wahrheit ist, weil ja genau diese Freude die Vollendung der Glückseligkeit ist.“ 60 Da man Gott nur erlangen kann, wenn man ihn (durch einen Akt des Willens) überhaupt erlangen will, ist die Liebe zu Gott (als Verlangen und Suchen nach Gott) nach Thomas also die Bedingung der Glückseligkeit:
„Der Rechtheit des Willens bedarf es zur Glückseligkeit sowohl als Voraussetzung, als auch als Begleitumstand. Als Voraussetzung nämlich, weil die Rechtheit des Willens durch die nötige Ausrichtung auf das letzte Ziel besteht. […] Und daher kann keiner zur Glückseligkeit gelangen,
wenn er nicht die Rechtheit des Willens besitzt.“ 61
Da Gott aber ein „intelligibles Ziel“ ist, das Thomas mit der „Wahrheit“ gleichsetzt (was noch zu beweisen ist) und dem Menschen daher nur „gegenwärtig“ wird, wenn er ihn (durch einen Akt der Vernunft) erkennt, ist die Erkenntnis Gottes, die eigentliche Ursache der Glückseligkeit (was auch noch zu beweisen ist). „Liebe überragt die Erkenntnis im Hinblick auf das Bewegen, aber im Hinblick auf das Erlangen
ist die Erkenntnis der Liebe vorgängig; man kann nämlich nur lieben, was man kennt“ 62
58 Vgl. 1. Gebot: „Höre [= erkenne], Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ (Dtn 6,4-5)
59 q.3, a.4 co.
60 ebd.
61 q.4, a.4 co.
62 q.3, a.4, ad 4.; Auf die Glückseligkeit bezogen, bleibt die (suchende) Liebe zwar Bedingung und die Erkenntnis Ursache ihrer Erlangung, aber auf sich gegenseitig bezogen, ist die Erkenntnis Gottes die Bedingung und Ursache für die (wahre) Liebe zu Gott, da „man nur das lieben kann, was man kennt“. Also ist die Liebe zu Gott (= Tugend, Heiligkeit, Vollkommenheit) in Wahrheit eine Folge und Wirkung der Gotteserkenntnis (und nicht der Menschenwerke). (Vgl. q.4, a.4 co. bzw. q.3, a.5 ad 2).
- 15 - Alsoist der Akt des Willens die notwendige Bedingung der Glückseligkeit: nur wer Gott erkennen will (= sucht), kann ihn auch erkennen (= finden) - und der Akt der Vernunft die eigentliche Ursache der Glückseligkeit: wer Gott erkennt, findet ihn, d.h. wer Gott schaut, erlangt die vollkommene Glückseligkeit. 63
„Die äußerste und vollkommene Glückseligkeit kann es allein in der Schau des göttlichen Wesens
[visione divinae essentiae] geben.“ 64
Aber die unvollkommene Glückseligkeit auf Erden geschieht sekundär auch durch die praktische Vernunft (= Liebe, Tugend, Gerechtigkeit):
„Die unvollkommene Glückseligkeit aber, wie man sie hier besitzen kann, besteht zwar zuerst und hauptsächlich in der Betrachtung [contemplatio], in zweiter Linie aber in der Tätigkeit der
praktischen Vernunft, die die menschlichen Handlungen und Leidenschaften ordnet“ 65 Das unvollkommene Glück auf Erden erlangt man also 1. durch Kontemplation (Gott erkennen) und 2. durch Tugend (Gott lieben), aber das vollkommene Glück im Himmel erlangt man allein durch die Schau Gottes [visione dei]. 66
2.4.2 Die Schau Gottes - Ursache der Glückseligkeit
Damit klar wird, dass die Schau Gottes die Erlangung des letzten Ziels ist, muss noch bewiesen werden, dass Gott 1. ein „intelligibles“ = durch die Vernunft erkennbares Ziel, d.h. die Wahrheit ist und 2., dass die Wahrheit „Ursache der Glückseligkeit“ ist.
1. „Gott ist die Wahrheit“
63 Wenn „sich selbst verwirklichen“ also „sich selbst zum Ziel bewegen“ heißt (2.2), dann ist der gottsuchende Mensch selbst notwendige Bedingung für sein eigenes Glück und Heil, aber da „das Ziel erlangen“ = „Gott erkennen“ heißt, ist (der sich offenbarende) Gott allein die Glücks- und Heils- Ursache! Vgl.:„Wenn ihr mich ruft, wenn ihr kommt und zu mir betet, so erhöre ich euch. Sucht ihr mich, so findet ihr mich. Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, lasse ich mich von euch finden“ (Jer 29,12-14) bzw. „Wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“ (Joh 14,21) Die Selbstoffenbarung Gottes ist also die höchste Selbstverwirklichung und Vollendung des Menschen, die der Mensch zwar suchen und wollen muss [Freiheit], die aber Gott allein machen und schenken kann [Gnade], da die Gotteserkenntnis über das Maß der menschlichen Möglichkeiten hinausgeht. So bereitet Thomas den anthropologischen Boden für den Synergismus von Gnade [Heilsursache] und Freiheit/ Glaube [Heilsbedingung] in der kath. Rechtfertigungslehre.
64 q.3, a.8 co.
65 q.3, a.5 co.; Vgl.: „Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“ (Lk 10,42)
66 Thomas sagt zwar, dass das Glück für alle „einheitlich“ hinsichtlich desselben Gegenstandes (Gott) ist, aber „unterschiedlich“ gemäß des jeweiligen „Grades seines Genusses“ (q.5, a.2). Vgl.: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ (Joh 14,2) Auf den Einwand, ob die persönliche Individualität des Menschen denn nicht durch dasselbe (gemeinsame) Ziel aufgehoben wird, kann man also 1. antworten, dass es verschiedene „Grade seines Genusses“ gibt und 2. dass die Glückseligkeit kein absolutes, sondern ein relatives Ziel ist, d.h. dass nicht Gott an sich das letzte Ziel ist, sondern seine Erlangung (2.3.2), d.h. dass - wie bei einer Ehe nicht die Frau bzw. der Mann an sich das letzte Ziel des Partners ist, sondern ihre gemeinsame Einheit und Beziehung - auch die Erlangung Gottes und die Beziehung zu ihm von Seele zu Seele unterschiedlich, unwiederholbar und völlig einzigartig ist, so dass jeder Mensch in Wirklichkeit ein anderes letztes Ziel hat, weil jede Seele eine ganz persönliche und einmalige Beziehung mit Gott eingeht, die ihr ganz individuelles letztes Ziel ist. Vgl.: „Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich.“ (Jes 62,5)
- 16 - [1.Prämisse:] „weil allein Gottes eigenes Sein mit seinem Wesen identisch ist, wie im ersten Buch
gezeigt wurde“ 67 und [2. Prämisse:] „die Stellung der Dinge im Sein und in der Wahrheit dieselbe ist, wie es im 2. Buch der Metaphysik heißt“ 68 ergibt sich [Konklusion:], „dass allein Gott durch sein Wesen die Wahrheit ist“ 69
Da also das Wesen Gottes zugleich sein Sein ist und sich Sein und Wahrheit zu jedem Ding gleich verhalten, ist die Wahrheit (wie das Sein) das Wesen Gottes. Gott ist also die Wahrheit selbst und damit durch die Vernunft erkennbar. 70 (q.e.d.)
2. „Die Erkenntnis der Wahrheit macht vollkommen glücklich“ Dass die Wahrheit den Menschen vollendet und vollkommen glücklich macht, wird mindestens 71 aus zwei Gründen ersichtlich: a) Vollendung der Vernunft
„Der eigentümliche Gegenstand der Vernunft aber ist das Wahre“ 72 Wie gesagt, wird der Mensch durch die Vollendung seiner Vernunft und seines Willens vollkommen (2.2) und da das „Wahre“ bzw. die „Wahrheit“ der Gegenstand der Vernunft ist, wird die Vernunft durch die (Erkenntnis der) Wahrheit verwirklicht und vollendet. Und da „die Glückseligkeit die äußerste Vollkommenheit des Menschen ist“ (2.2.3), macht die Wahrheit den Menschen vollkommen glücklich, weil sie ihn, d.h. seine Vernunft, vollendet. b) Vollendung des Willens
Der Gegenstand des Willens ist „das vollkommene Gut“, das Gott ist (2.3.1). Da Gott aber auch „die Wahrheit ist“, ist die Wahrheit nichts anderes als das vollkommene Gut, das den Willen des Menschen vollständig verwirklicht und befriedigt: „Das beste Vermögen [sc. des Menschen] ist aber die Vernunft, deren bester Gegenstand das
göttliche Gut ist“ 73 „[…] nämlich die Betrachtung der Wahrheit. Und wenn jenes Gut vollkommen ist, wird dadurch der ganze Mensch vervollkommnet und wird gut“ 74
67 q.3, a.7 co.; Gemeinte Stelle ist: STh I, q.44, a.1; aber auch aus dem vorher Gesagten wird das deutlich, denn, wenn Gott ewig und ungeschaffen ist und nicht wie eine Kreatur teilhat an dem Guten, sondern sein Gutsein durch sich selbst in Fülle besitzt, und damit nicht das Gute [bonum universale et perfectum] hat, sondern selbst ist (2.3.1), dann hat er ebenso nicht Anteil an dem Sein, sondern besitzt es - als ewig Seiender - durch sich selbst in Fülle. Damit hat er also nicht Anteil am Sein, sondern ist sein Sein selbst. Also ist sein Wesen mit seinem Sein identisch. Vgl.: „Ich bin der ich bin.“ (Ex 3,14)
68 ebd.; Gemeinte Stelle ist: Aristoteles, Metaphysik Ia,1,5 993b30. Das wird aber auch ganz einfach dadurch klar, dass alles, „was ist“, in selbem Maße „wahr ist“ und alles, „was wahr ist“, in selbem Maße auch „ist“, weil alles, was ist, notwendigerweise in Wahrheit ist. So real existierend eine Sache also ist, so wahr ist sie auch und so wahr eine Sache ist, so real existiert sie auch. Sein und Wahrheit verhalten sich demnach zu jedem Ding gleich.
69 ebd.
70 Vgl. „Ich bin […] die Wahrheit […]“, „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 14,6 + 10,30)
71 Thomas begründet dies (v.a. in q.3, a. 5-8) viel ausführlicher und auf mehrfache Art und Weise.
72 q.3, a.7 co.
73 q.3, a.5 co.
74 q.3, a.5 ad 2. (Vgl. ebenso: q.4, a.4 co.)
- 17 - Dadie (Betrachtung der) Wahrheit also das „göttliche“ Gut ist, das „den ganzen Menschen vervollkommnet“ und ihn, d.h. seinen Willen, „gut macht“, macht die Wahrheit den Menschen vollkommen glücklich. 75 Dadurch wird also klar, wie Thomas behaupten kann,
„dass allein Gott durch sein Wesen die Wahrheit ist, und dass ihn zu betrachten vollkommen
glücklich macht.“ 76
Also ist die Schau (des göttl. Wesens) der Wahrheit Ursache der Glückseligkeit. (q.e.d.) 77
Daher besitzt der Mensch ein „natürliches Verlangen“ nach Wahrheit.
2.4.3 Desiderium naturale
Da die Wahrheit die Vernunft (= den Menschen) verwirklicht und vollendet (2.4.2-2), der Mensch aber von Natur aus nach Selbstverwirklichung begehrt (2.2.1), begehrt der Mensch also auch von Natur aus nach der Wahrheit, „die Gott ist“ (2.4.2-1). Das „natürliche Begehren“ 78 nach dem Guten und Wahren ist also nichts anderes als das menschliche Verlangen nach Gott, das Thomas „desiderium naturale“ nennt. „Der Gegenstand der Vernunft ist das Was, das heißt das Wesen der Sache, wie es im 3. Buch de
anima 79 heißt. Daher schreitet die Vollkommenheit der Vernunft soweit voran, wie sie das Wesen einer Sache erkennt. […] Und deshalb verbleibt dem Menschen von Natur aus das Verlangen, dass er, wenn er eine Wirkung kennt und weiß, dass sie eine Ursache hat, auch von der Ursache wissen will, was sie ist. Und jenes Verlangen gehört zum Staunen und ist Ursache für die Nachforschung,
wie es zu Beginn der Metaphysik 80 heißt. Wenn zum Beispiel jemand eine Sonnenfinsternis zur Kenntnis nimmt, überlegt er, dass sie aus irgendeiner Ursache hervorgeht, über welche er sich, weil er nicht weiß, was sie ist, verwundert und aus Verwunderung nachforscht. Und dieses Nachforschen wird nicht ruhen, bis es zur Erkenntnis des Wesens der Ursache gelangt ist. Wenn also die menschliche Vernunft, die das Wesen einer geschaffenen Wirkung kennt, von Gott nur weiß, dass er existiert, so erreicht ihre Vollkommenheit noch nicht schlechthin die erste Ursache, sondern es verbleibt ihr noch immer das natürliche Verlangen [desiderium naturale], den Grund [sc. das „Was“] zu erforschen. Daher ist sie noch nicht vollkommen glückselig. Zur vollkommenen Glückseligkeit
also muss die Vernunft das Wesen der ersten Ursache selbst erreichen.“ 81 Da der Mensch also ein Vernunftwesen ist, besitzt er ein „natürliches Verlangen“ die Welt und Wirklichkeit, in der er lebt, zu verstehen. Und da alles von der Ursache her
75 Vgl.: „Durch den Glauben wohne Christus in eurem Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.“ (Eph 3,17-19)
76 q.3, a.7 co.
77 Anders ausgedrückt: die Schau der Wahrheit ist die Schau Gottes. Vgl. „Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat.“ (Joh 12,45) bzw. „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus [= „die Wahrheit“], den du gesandt hast.“ (Joh 17,3)
78 Vgl. Anm. 36 + 45.
79 Gemeinte Stelle ist: Aristoteles, De anima III,6 430b27.
80 Gemeinte Stelle ist: Aristoteles, Metaphysik 1,2,8 982b12; 983a12.
81 q.3, a.8 co.
- 18 - verstandenwird, wird er nicht eher ruhen und glücklich sein, bis er den Grund allen Seins, d.h. Gott, erforscht hat. Daher besteht die Vollkommenheit der Vernunft in der Erkenntnis des Wesens Gottes, der die Wahrheit - und damit der Gegenstand der Vernunft - selbst ist. „Was ist Wahrheit?“ (Vgl. Joh 18,38) Das ist die Urfrage aller Vernunft, die den Menschen staunen und nach der ganzen Wahrheit suchen lässt. Durch dieses „desiderium naturale“ wird also die menschliche Natur auf ihre „eindeutige Bestimmung“ und ihr Schöpfungsziel hingeordnet, das Gott allein ist. „Und so wird sie [sc. die Vernunft] ihre Vollkommenheit haben durch die Vereinigung mit Gott
als demjenigen Gegenstand, in dem allein die Glückseligkeit des Menschen besteht“ 82 Die innere Sehnsucht des Menschen nach Leben, Glück und Frieden ist also identisch mit dem „natürlichen Verlangen“ seiner geistigen Natur (= Vernunft/ Seele) nach dem Guten und Wahren, d.h. nach Vollkommenheit. 83 Daher besitzt der Mensch von Natur aus ein „desiderium naturale“ nach Gott, der allein dieses tiefste, innerste und „menschlichste“ Verlangen stillen kann. 84
2.5 Zusammenfassung
Gott hat den Menschen aus einem bestimmten Grund geschaffen. Also strebt dieser von Natur aus „ruhelos“ nach der Verwirklichung seines Schöpfungszweckes, d.h. seines Wesens, um sein „natürliches Begehren“ zu stillen und vollkommen glücklich zu werden. Und da er ein Vernunftwesen ist, besteht seine höchste Vollendung in der Schau der Wahrheit, die Gott selbst ist, so dass der Sinn und das letzte Ziel seines Lebens darin besteht, in der Schau Gottes die vollkommene Glückseligkeit und Ruhe zu finden. Daher hat der Mensch ein „natürliches Verlangen“ nach Gott, das die (be-oder un-bewusste) Grundmotivation seines Wollens, Handelns und Lebens ist, wie es schon Augustinus treffend und prägend formuliert hat:
„denn auf dich hin hast du uns gemacht, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ 85 Bemerkenswert ist dabei, dass der Mensch Gott nicht einfach nur erlangt, wie z.B. der Räuber das Geld, sondern, dass er, indem er ihn erlangt (= erkennt), mit ihm vereint wird (weil die Vernunft mit der Wahrheit bei ihrer Erkenntnis vereint und soz. „erleuchtet“ wird), so dass der Mensch durch die Erkenntnis des göttlichen Wesens
82 ebd.
83 „So liegt es mit Notwendigkeit im geistigen Wesen des Menschen begründet, nach wahrer Erkenntnis zu verlangen und auf das Gute als solches hinzustreben (naturhafte Notwendigkeit als innere Notwendigkeit).“ Welp, Willensfreiheit bei Thomas, S. 204
84 Die Wahrheit verwirklicht die Vernunft, das Gute verwirklicht den Willen, also vollendet der „gute“ und „wahre“ Gott den Menschen. Vgl. „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?“ (Ps 42,3); „Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.“, „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen.“ (Joh 7,37-38; 16,13)
85 Augustinus, Bekenntnisse, 1. Buch, I.1
- 19 - vondiesem so sehr erleuchtet, erfüllt und durchdrungen wird, dass er dadurch sogar teilweise selbst „vergöttlicht“ bzw. „gottähnlich“ wird:
„Gott ist die Glückseligkeit durch sein Wesen; er ist nämlich nicht durch Erlangung oder Teilhabe an irgendetwas anderem glückselig, sondern durch sein Wesen. Die Menschen aber sind glücklich
[…] durch Teilhabe.“ 86 „Denn der Mensch und die anderen vernünftigen Kreaturen erreichen das letzte Ziel, […] insofern sie an einer gewissen Gottähnlichkeit teilhaben werden“ 87 „So werden sie auch ‚Götter’ genannt aufgrund von Teilhabe.“ 88
Fazit:
Aus unsagbarer Liebe heraus hat Gott den Menschen - wie ein Vater - das Leben geschenkt und sie dazu „bestimmt“, an seiner göttlichen Glückseligkeit - wie Kinder und Götter - teilzuhaben, damit ihre Freude vollkommen sei und niemals ende. 89
3. IST DER MENSCH FREI?
Nachdem klar ist, was Thomas unter Willensfreiheit versteht (Kap. 1) und in welchem Lebenskontext der menschliche Wille steht (Kap. 2), kann endlich beantwortet werden, ob der Mensch also an sich frei ist (3.1) und wenn ja, ob er dann nur relativ (3.2) oder wirklich absolut frei ist (3.3)?
3.1 Ist der Mensch an sich frei?
Da der Mensch also mit dem desiderium naturale geschaffen wurde, so dass sich sein Wille „notwendig“ auf seine „eindeutige Bestimmung“ bewegt, stellt sich die Frage, ob 1. Geschöpflichkeit und 2. Determination überhaupt mit Freiheit vereinbar sind?
86 q.3, a.1, ad 1.
87 q.1, a.8, co.
88 q.3, a.1, ad 1.; Diese „Vergöttlichung“ [sog. „participatio dei“] ist nach Thomas aber keine Auflösung des Menschen, sondern seine Vollendung, denn so wie der Leib durch die Vereinigung mit der Seele nicht aufgelöst wird, sondern gerade durch sie belebt, verwirklicht und vollendet wird, so wird auch der Mensch durch die Erkenntnis der Wahrheit (= Vereinigung mit Gott) vollendet, weil seine Vernunft (= Seele) dabei durch das Licht der Wahrheit erleuchtet, verwirklicht und belebt wird, vgl.: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben.“ (Joh 10,10) Da also die Selbstverwirklichung des Menschen v.a. in der Vollendung der Vernunft besteht (2.4.2-2), ist der von der Wahrheit erleuchtete (= mit Gott vereinte) Mensch viel mehr selbstverwirklichter, d.h. geistig sehender und lebender Mensch als der noch unwissende, unerleuchtete und „blinde“ Mensch, vgl.: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12) Das wird auch daraus ersichtlich, dass Gott das A und Ω des Menschen ist (2.3.2) und der Mensch dadurch zur Vollendung seines Selbstbewusstseins und geistigen Lebens (= zum „Ω“) gelangt, je mehr er den tiefsten und innersten Seinsgrund (das „A“) seiner selbst erkennt (der Gott ist). Daher findet also Selbsterkenntnis, Selbstbewusstsein und Selbstverwirklichung in der Gotteserkenntnis/ -vereinigung ihren Höhepunkt und ihre Vollendung (vgl. Anm. 63). Diese gegenseitige („perichoretische“) Durchdringung von (menschlichem) Geist und (göttlicher) Wahrheit spiegelt also kein geringeres Geheimnis wider als das der göttlichen Dreifaltigkeit, in der die wesentliche Einheit und personale Verschiedenheit bzw. Eigenständigkeit vollkommen sind. Vgl.: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein […] ich in ihnen und du in mir.“ (Joh 17,21-23)
89 Vgl.: „Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, daß wir ihm ähnlich sein werden“ (1 Joh 3,2) bzw. „Wer siegt, wird dies als Anteil erhalten: Ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.“ (Offb 21,6)
- 20 -3.1.1 Naturnotwendigkeit und Determination 1. Naturnotwendigkeit
Nach Thomas ist der Mensch eine „Wirkung einer Ursache“ bzw. ein „Geschöpf des Schöpfers“ (2.1), d.h. der Mensch kann (vor seiner Erschaffung) logischerweise nicht selbst entscheiden, ob er überhaupt sein will, bzw. was er eigentlich sein will (z.B. Mensch, Tier, Engel, etc.). Der Mensch ist also hinsichtlich seiner Existenz und seines Wesens absolut determiniert und abhängig vom Willen seines Schöpfers (= seiner Seinsursache), da er seine Natur nicht frei wählen oder verändern kann: er wird, ist und bleibt Mensch, ob er will oder nicht. 90 In diesem Sinn (der Naturnotwendigkeit) ist er also nicht frei. 91
2. Determination
Ferner wird der Mensch auch hinsichtlich seines Lebens-Zieles dreifach determiniert: 1. Da der Schöpfungsakt um des Schöpfungszweckes willen geschieht (2.1), bestimmt Gott allein den Sinn & Zweck des menschlichen Lebens, den der Mensch unmöglich (vor seiner Schaffung) selber bestimmen und festlegen kann. Der Mensch kann also nicht selber sein letztes Ziel bestimmen und festlegen. 2. Da der Mensch natürlicherweise als letztes Ziel die Vollendung seines Wesens begehrt (2.2.1), aber seine Natur nicht selbst wählen und verändern kann (3.1.1-1), kann er auch sein letztes Ziel nicht selbst verändern oder wechseln. 3. Da das letzte Ziel der Inbegriff alles Guten („bonum perfectum“) ist, strebt der Mensch „mit Notwendigkeit“ danach (2.2.2), so dass der Mensch das letzte Ziel nicht ablehnen kann, sondern es wollen muss.
Die menschliche Freiheit ist also hinsichtlich des letzten Zieles determiniert und „eingeschränkt“, da sie es weder selbst bestimmen, noch verändern kann, noch die innere Alternative, sich auch dagegen entscheiden zu können, besitzt, sondern sich nur dafür entscheiden kann und danach streben muss. 92 Der Mensch ist also
90 Da natürlicherweise „alle die Erfüllung ihrer Vollkommenheit begehren“ (q.1, a.7 co.) dürfte nach Thomas eigentlich kein Mensch nicht Mensch sein wollen, sondern alle müssten nach der Vollendung ihres Menschseins begehren, so dass Gottes Schöpfungsordnung und Bestimmung der jew. Kreaturen und Naturen niemandem „ungerecht“ erscheinen und stören sollte. Da es aber z.B. Selbstmörder gibt, die ihr Sein und Wesen faktisch nicht (mehr) ertragen, wird Thomas diesen Punkt (in 3.3.1) noch klären müssen. (Aber selbst wenn es möglich ist, sich das Leben zu nehmen, ist es dennoch unmöglich, sich vollständig das eigene Sein und Wesen bzw. die (unsterbliche) Seele zu nehmen.)
91 Vgl.: „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (Gen 2,7)
92 „Die Einmütigkeit, mit der alle Interpretationen unterstreichen, daß dem naturhaften Streben des menschlichen Willens nach Thomas keine Freiheit im Sinne der eigentlichen „Willensfreiheit“ [sc. „etw. entweder wollen oder nicht-wollen zu können“ (1.3-4)] zugesprochen werde, ist vollkommen.“ Welp, Willensfreiheit bei Thomas, S. 228
- 21 - determiniert,er muss seine Bestimmung empfangen, behalten und wollen (man könnte fast hinzufügen: „ob er will oder nicht.“ 93 )
Ist der Mensch damit also nicht nur wie ein Pfeil, der sich „mit Notwendigkeit“ auf die Zielscheibe der Glückseligkeit bewegen muss? Ist das noch Freiheit?
3.1.2 Willensfreiheit und Auto-Determination 1. Willensfreiheit
Auch wenn der Mensch nicht wählen kann, ob und was er sein will, so kann er doch wählen, was er (tun) will bzw. nicht (tun) will, da er einen freien Willen hat (1.3-4), d.h. in diesem Sinn (der Willens-, Entscheidungs- und Handlungsfreiheit 94 ) ist er also an sich frei. 95
2. Auto-Determination
Hier kommt schließlich die Pointe im Freiheitsverständnis des hl. Thomas schön zu Ausdruck, die nämlich besagt, dass „unfreiwillig nur das ist, was gegen den eigenen Willen ist“, selbst wenn (!) es „keine mögliche Alternative“ gibt (1.3-4). Da aber das letzte Ziel des Menschen nicht nur irgendein Gut ist, sondern das vollkommene Gut, das er gar „nicht nicht-wollen kann“ (2.2.2), liegt hier auf absolut besondere und einmalige Weise keine Determination in der Handlungs-freiheit vor, sondern in der Willens-freiheit, die „wesenhaft unantastbar und unzerstörbar“ ist (1.3-4). So gelingt es Gott also „glücklicherweise“, den Menschen nicht gegen, sondern durch seinen eigenen Willen zu determinieren, d.h. er wird dazu bestimmtquasi im Sinne einer „Selbst-Bestimmung und Auto-Determination“ - das letzte Ziel zwar „notwendig“, aber selbst und „freiwillig“ (!) zu wollen. 96 Alle Menschen müssen also nach Glückseligkeit streben, aber nicht, weil sie es durch äußeren Zwang müssen, sondern weil sie es durch innere Neigung = von sich aus wollen. Sie bleiben also absolut frei, weil sie zwar notwendig, aber freiwillig nach dem letzten Ziel streben. Das ist der entscheidende Unterschied! 97
93 Sicherlich macht das letzte „oder nicht“ Probleme, da dieser Fall gar nicht vorkommen kann (2.2.2), aber es dient rhetorisch dazu, die folgende Antwort klarer herauszuheben.
94 Wie gesagt, besitzt der Mensch an sich immer absolute Willensfreiheit, während die generelle Handlungsfreiheit durch äußere Faktoren auch aufgehoben werden kann (1.3-4).
95 Vgl. „Dann sprach Gott: Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse.“ (Gen 3,22)
96 Selbst wenn das Prinzip der möglichen Alternative auch im Bereich der Willensfreiheit nicht gegeben ist (wie es sonst wesentlich für sie ist), resultiert daraus nicht notwendig Unfreiheit, da das Prinzip, dass „unfreiwillig nur das ist, was gegen den eigenen Willen ist“ (1.3-4) höher steht.
97 „denn die göttliche Weltregierung paßt sich der Beschaffenheit der Dinge an, bewegt die notwendig wirkenden Ursachen so, daß sie notwendig wirken, den freien Willen so, daß er im Besitz der Freiheit bleibt.“ Wittmann, Ethik des Thomas, S. 95
- 22 - Selbstwenn der Mensch also sein letztes Ziel selbst bestimmen oder ändern könnte, würde er trotzdem (!) kein anderes Ziel wollen als eben die vollkommene und „göttliche“ Glückseligkeit, die Gottes Weisheit und Liebe für ihn bestimmt hat. 98
3.2 Ist der Mensch nur relativ frei?
Aber selbst wenn das menschliche Glücksstreben die absolute Freiheit des Menschen - von seiner Ursache her [Wollen des Glücks] - nicht aufhebt, so scheint es sie doch zumindest - von seiner Folge her [Streben nach Glück] - zu relativieren, denn, auch wenn der Mensch freiwillig nach Glückseligkeit strebt, so strebt er dennoch notwendig, d.h. auf jeden Fall, nach ihr, so dass die Freiheit des Menschen letztlich nur in der Art und Weise besteht, wie er sich auf das letzte Ziel bewegt, wie er seiner Bestimmung folgt und wie er den Sinn und Zweck seines Lebens verwirklicht - und nicht, ob er es überhaupt tut. Ist der Mensch also nur hinsichtlich der Wahl der Mittel zum letzten Ziel frei - wie ein Hund, der nicht anders kann, als - mit einer gewissen Selbstständigkeit und Freiheit - sabbernd nach dem „Knochen des Glücks“ zu jagen?
3.2.1 Determination der Mittel zum letzten Ziel
An sich ist der Mensch zwar relativ frei, alle unvollkommenen, d.h. mittleren Ziele frei zu wählen (2.2.2), aber bei den Mitteln zum letzten Ziel verhält es sich anders: „Das letzte Ziel bewegt den Willen mit Notwendigkeit, da es das vollkommene Gut ist. Und genauso verhält es sich mit denjenigen Mitteln zu diesem Ziel, ohne die das Ziel nicht erlangt
werden kann, wie sein und leben und dergleichen.“ 99
Der Wille wird also auch von den Mitteln zum letzten Ziel notwendig bewegt, zwar nicht (absolut) um ihrer selbst willen, aber (relativ) um des letzten Zieles willen. Der Mensch muss also auch - um der vollkommenen Glückseligkeit willen - „notwendig, aber freiwillig“ nach den Mitteln zum letzten Ziel streben. Ist er also auch in der Art und Weise determiniert, wie er das letzte Ziel erlangt?
3.3 Ist der Mensch wirklich absolut frei?
An diesem Punkt erreicht schließlich die Ausgangsfrage ihre Sinnspitze: Wenn der Mensch auch hinsichtlich der Mittel zum letzten Ziel determiniert ist (3.2.1), müssten folglich alle Menschen mit Notwendigkeit nach Kontemplation und Tugend streben,
98 Man kann die Menschenseele also mit einer Prinzessin vergleichen, die bei ihrer Geburt - ohne es selber entscheiden oder ändern zu können - an einen König versprochen wurde. Als sie aber erwachsen wurde und sah, dass es der schönste, reichste und beste Bräutigam war, den man sich nur erträumen kann, verliebte sie sich in ihn und ersehnte nichts mehr, als seine Braut zu werden, wie es von Anfang an für sie bestimmt war. Das widerspricht nach Thomas also nicht der Freiheit.
99 q.10, a.2 ad 3.
- 23 - wiees der Weg zur Glückseligkeit vorschreibt (2.4.1). Dass das aber nicht der Fall ist, ist offensichtlich.
Kann Thomas also diesen Widerspruch noch aufheben und beweisen, dass der Mensch einerseits mit Notwendigkeit nach Glückseligkeit - und den Mitteln, die zu ihr führen - strebt und andererseits dabei wirklich und absolut frei bleibt?
3.3.1 Allgemeine Determination und konkrete Indetermination
Hier gibt Thomas endlich seine große Antwort auf die Ausgangsfrage, denn die unwiderlegbare Tatsache, dass jeder Mensch (auch der Atheist, Sünder oder Selbstmörder) mit Notwendigkeit nach Glückseligkeit - und den Mitteln, mit denen man sie erlangt - strebt, stellt für Thomas überhaupt keinen Widerspruch zur absoluten Freiheit des Menschen dar, da er beim Wesen der Glückseligkeit eine entscheidende Unterscheidung macht:
„Die Glückseligkeit kann auf zweierlei Art betrachtet werden: Einmal dem allgemeinen Wesen der Glückseligkeit nach. Und so betrachtet muss notwendigerweise jeder Mensch die Glückseligkeit wollen. […] Anders betrachtet können wir von der Glückseligkeit gemäß ihrem speziellen/ konkreten Wesen sprechen, insofern es darum geht, worin die Glückseligkeit besteht. Und so betrachtet kennen nicht alle die Glückseligkeit, da sie nicht wissen, welcher Sache das allgemeine Wesen der Glückseligkeit zukommt. Und demnach wollen in diesem Sinne nicht alle
die Glückseligkeit.“ 100
Diese Unterscheidung in Questio 5, a.8 co. ist also „der goldene Schlüssel“, mit dem Thomas die Freiheitsproblematik vollständig lösen kann, denn - wie oben schon gesagt (3.2) - ist die Glückseligkeit nicht einfach „das letzte Ziel“, sondern vielmehr ist sie das „Erlangen des letzten Ziels“, d.h. dass die Glückseligkeit zwar allgemein das letzte Ziel ist, aber nicht alle wissen, wie man sie erlangt, also worin die Glückseligkeit konkret besteht und was den Menschen vollkommen glücklich macht. Genau diesen „Sprung“ vom allgemeinen letzten Ziel [Glückseligkeit] zum konkreten letzten Ziel [Gott] können also faktisch nicht alle nachvollziehen, „da sie nicht wissen, welcher (konkreten) Sache das allgemeine Wesen der Glückseligkeit [= das vollkommene Gutsein] zukommt“:
„denn manche begehren den Reichtum als vollkommenes Gut [= als letztes Ziel], manche aber die
Lust, wieder andere irgendetwas anderes“ 101
Wenn aber das allgemeine Wesen der Glückseligkeit ist, „dass sie das vollkommene Gut ist“ (2.2.3), die konkrete Glückseligkeit aber in einer Sache besteht, „der das
100 q.5, a.8 co.
101 q.1, a.7 co.
- 24 - allgemeineWesen der Glückseligkeit zukommt“, dann muss diese Sache folglich vollkommen gut sein, wie Thomas dargelegt hat (2.3.1). 102 Und genau diese Tatsache, dass „nicht alle die (konkrete) Glückseligkeit kennen“, hat eine praktische Konsequenz von absolut entscheidender Bedeutung (!), nämlich, dass - praktisch gesehen - doch „nicht alle die Glückseligkeit wollen“, weil nämlich die Identifizierung und Zuordnung des allgemeinen Wesens der Glückseligkeit zu ihrem konkreten Wesen aufgrund der unvollkommenen menschlichen Vernunft nicht notwendig richtig geschieht, so dass der Mensch zwar mit Notwendigkeit nach (allgemeiner) Glückseligkeit - und den (allgemeinen) Mitteln, die zu ihr führen -strebt [„allgemeiner Determinismus“], aber praktisch ohne Notwendigkeit nach (konkreter) Glückseligkeit - und den (konkreten) Mitteln, die zu ihr führen - strebt und daher nicht determiniert ist, sondern tatsächlich absolut frei ist, selber ein (konkretes) letztes Ziel zu wählen [„konkreter Indeterminismus“]. Damit ist der Mensch also auch relativ frei, seinen ganz persönlichen und individuellen Weg zum Glück zu gehen oder ihn sogar im Extremfall (z.B. beim Selbstmord) zu verlassen, um das (konkrete) Unglück zu wählen - auch wenn das „paradoxerweise“ wieder um der (höheren) Glückseligkeit willen geschieht: 103 „Die Sünder wenden sich aber von dem, worin wahrhaft das letzte Ziel zu finden ist, nicht aber
vom Streben selbst nach dem letzten Ziel, das sie fälschlich in anderen Dingen suchen.“ 104 Andersherum werden die, die das konkrete Wesen der Glückseligkeit (= Gott), zunehmend erkennen, durch die wachsende Erkenntnis der Vollkommenheit Gottes nach dem Maß ihrer Erkenntnis - quasi durch freie Autodetermination - mehr und mehr dazu bewegt, denselben und einzigen Weg zum konkreten Glück zu gehen. 105 Daher ist es den wahren Weisen also fast unmöglich, Gott nicht zu lieben. 106
102 Außerdem: was vollkommen gut ist, ist das Gute selbst und da es wesentlich für das Gute ist, nicht Anteil am Guten zu haben, sondern selbst das Gute zu sein, besitzt es also nicht seine Gutheit, sondern ist seine Gutheit (= sein Wesen) selbst, so dass das Wesen des Guten mit seinem Sein identisch ist. Also kann nur die „Sache“, deren Wesen zugleich ihr Sein ist, vollkommen gut sein. (Vgl. Anm. 67) Da es aber in der Welt keine andere Sache geben kann, die selbst ihr Sein ist, außer dem (ungeschaffenen) Ursprung allen Seins, ist in Wirklichkeit Gott allein vollkommen gut, weil er die (ewige) Ursache allen Seins ist (2.1). Also kann nur Gott das allgemeine Wesen der Glückseligkeit zukommen, so dass die konkrete Glückseligkeit in ihm allein besteht.
103 Auch der Selbstmord geschieht um der Befriedigung irgendeines Bedürfnisses willen. Da aber „das Streben nach Glückseligkeit nichts anderes als das Streben danach, dass der Wille befriedigt werde“ (q.5, a.8 co) geschieht jede Tat - auch der Selbstmord (!) - immer um der Glückseligkeit willen, denn „alles was der Mensch erstrebt, erstrebt er notwendigerweise wegen des letzten Zieles“ (q.1, a.6 co).
104 q.1, a.7 ad 1.
105 Vgl.: „Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ (Joh 14,6) „Wenn Gott euer Vater wäre, würdet ihr mich lieben“ (Joh 8,42); „Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ (Joh 18,37); „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir.“ (Joh 10,27)
106 Hinsichtlich der konkreten Glückseligkeit ist der Mensch zwar nicht determiniert, aber je mehr er die Übereinstimmung des allgemeinen Wesens der Glückseligkeit mit ihrem konkreten Wesen erkennt (d.h. je mehr er das vollkommene Gutsein Gottes erkennt), desto größer (und „notwendiger“) wird auch das eigene Verlangen sein, danach (freiwillig) zu streben. Da aber die Erkenntnis Gottes auf Erden immer unvollkommen bleibt, bleibt auch das konkrete und tatsächliche Verlangen nach ihm auf
- 25 - Weilsich der Mensch also für oder gegen Gott (das vollkommene Gut und letzte Ziel) entscheiden kann, ist er wirklich und - im wahrsten Sinne des Wortes - absolut frei, weil er das Absolute selbst (= Gott) wollen oder nicht-wollen kann, so dass er sich auch absolut zwischen Gut und Böse bzw. Leben und Tod entscheiden kann, mit der absoluten Konsequenz, dass er damit das (absolute und ewige) Glück wirklich gewinnen oder verlieren kann. So gewaltig ist die Macht der menschlichen Freiheit! Vgl.: „Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. Wenn du auf die Gebote des Herrn, deines Gottes […] hörst, indem du den Herrn, deinen Gott, liebst, auf seinen Wegen gehst und auf seine Gebote, Gesetze und Rechtsvorschriften achtest, dann wirst du leben und zahlreich werden […] Wenn du aber dein Herz abwendest und nicht hörst, wenn du dich verführen läßt, dich vor anderen Göttern niederwirfst und ihnen dienst - heute erkläre ich euch: Dann werdet ihr ausgetilgt werden […] Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme, und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben.“ (Dtn 30,15-19) Der Mensch ist also absolut frei, das (konkrete) letzte Ziel und alle (konkreten) Mittel, die seiner Meinung nach zur vollkommenen Glückseligkeit führen, selbst zu wählen, so dass alle Menschen zwar notwendig nach Glückseligkeit streben, aber nicht nach der konkreten Sache, worin die „wahre Glückseligkeit“ liegt - und sie daher auch nicht notwendig erlangen. 107
Daher ist kein Mensch zur Glückseligkeit „verdammt“, sondern vielmehr dazu „bestimmt“, sich selbst - mit absoluter (d.h. die gegenteilige Möglichkeit miteinschließender) Freiheit - für die (konkrete) Glückseligkeit zu entscheiden, wie es der wahren Verwirklichung seines Wesens und Schöpfungszweckes entspricht. 108
Erden immer unvollkommen, so dass andersherum kein Mensch das konkrete letzte Ziel (Gott), auf Erden mit (absoluter) Notwendigkeit lieben und erlangen kann bzw. muss und dazu determiniert wäre. Daher kann es auch keine subjektive Glücks- und Heilsgarantie geben.
107 „Gott ist der Urheber der Willensbewegung überhaupt, bewegt den Willen zu seinem Gegenstande im allgemeinen, zum Guten als solchem, während sich der Mensch aufgrund seiner Vernunft dazu [sc.
selbst] bestimmt, dieses oder jenes spezielle Objekt zu wollen. Zuweilen jedoch bewegt Gott den Willen auch zu einem speziellen Wollen, dann etwa, wenn er durch die Gnade bewegt wird.“ Wittmann, Ethik des Thomas, S. 95-96; Vgl.: „Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn.“, „Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.“ (Mt 7,13-14; 22,14)
108 „In diesem Zusammenhang ist es nun wichtig, daran zu erinnern, dass nach der Auffassung des hl. Thomas das letzte Ziel, die beatitudo [Glückseligkeit], in ihrer faktischen Realisation in personalem Willensentschluß zu wählen ist, es also keine naturhaft notwendige Willensdetermination auf ein konkretes Einzelgut gibt (wenngleich zu sagen ist, daß die Wahl Gottes, bzw. die Wahl der Liebe zu Gott hier die ‚wahre’ Wahl darstellt, insofern sie allein der Natur des geschöpflichen Geistes seinsentsprechend ist).“ Welp, Willensfreiheit bei Thomas, S. 217; „Aufs Ganze gesehen liegt also die Bedeutung des Thomas, was das Thema der Willensfreiheit anlangt, darin, daß sich diese nicht in einer neutralen Wahlfreiheit erschöpft, sondern in der Modalität von Wahlfreiheit Wesensfreiheit [sc. i.S.v. Selbst-Verwirklichung] (Oeing-Hanhoff) ist, das heißt: die Freiheit, das eigene unendlich offene Wesen in der entschiedenen Selbstbindung an Gott als einzig erfüllendes Gut zu verwirklichen.“ TRE, Artikel: „Wille/ Willensfreiheit“, von „Otto Hermann Pesch“, Kap. III.5.6, S. 86
- 26 - Vgl.:„Denn Gott hat uns nicht für das Gericht seines Zorns bestimmt, sondern dafür, daß wir durch Jesus Christus, unseren Herrn, das Heil erlangen“ (1 Thes 5,9), weil „er will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1 Tim 2,4)
I. Fazit
Einerseits ermöglicht erst die (relative) Vollkommenheit der menschlichen Vernunft (gegenüber der tierischen) Freiwilligkeit (1.3-3) und andererseits verhindert ihre (absolute) Unvollkommenheit die konkrete Determination des Menschen (3.3.1), so dass gerade „das goldene Mittelmaß“ an Vernunft absolute Willensfreiheit garantiert. Ist der Mensch also ein auf die „Zielscheibe des Glücks“ geschossener Pfeil oder ein nach dem „Knochen des Glücks“ jagender Hund? Weder noch! Der Mensch steht vor zwei Zielscheiben bzw. Knochen des Lebens und Glücks und des Todes und Unglücks und hat selbst die Wahl und Macht, sich für oder gegen (den absoluten) Gott, der das (ewige) Leben und Glück des Menschen ist, zu entscheiden. Es liegt also am Menschen selbst. Er ist frei.
Daher ist die Freiheit und Liebe zu Gott sogar notwendige Voraussetzung und Bedingung für die Erlangung der Glückseligkeit (2.4.1), so dass der hl. Thomas auf die Frage, ob der Mensch zur Glückseligkeit verdammt sei, sehr wohl antworten würde: ‚Im Gegenteil! Vielmehr ist der Mensch frei, um glücklich zu sein!’ 109
II. Philosophisch-Theologische Leistung 110
Thomas beweist mit der konkreten Indetermination nicht nur die absolute Willensfreiheit des Menschen, sondern gewinnt auch noch aus der allgemeinen Determination und Naturnotwendigkeit des Menschen zwei positive Bedeutungen: 1. bewahrt er Gottes Souveränität als Schöpfer, Herr und Lenker des Menschen und 2. beweist er logisch, dass das reale Leben wirklich einen Sinn und Zweck hat, dessen Schönheit kein Traum und Märchen beschreiben kann. 111
109 Die Frage ist also nicht, ob Gott den Menschen zur Glückseligkeit verdammt, sondern vielmehr, ob sich der Mensch vor Gott als glückswürdig erweist! Vgl. „Gott ist gekommen, um euch auf die Probe zu stellen.“ (Ex 20,20) „Glücklich der Mann, der in der Versuchung standhält. Denn wenn er sich bewährt, wird er den Kranz des Lebens erhalten, der denen verheißen ist, die Gott lieben.“ (Jak 1,12)
110 Da die Auflistung der Leistung und vielfältiger Ausblicke von Thomas rahmensprengend wäre, wird hier nur ein Punkt, alle weiteren aber in einem eigenen (von der Arbeit getrennten) Anhang ausführlich behandelt.
111 Vgl. „Wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor 2,9) Amen.
Primärliteratur:
- Thomas von Aquin, Summa Theologica (zitiert als: „STh”), - Prima Secundae (I-II), Questiones 1-10, Arbeitsübersetzung der lateinischen Textgrundlage der „Editio Leonina Romae 1888“ - Prima Pars (I), Questio 44 - Aristoteles - De anima, Buch III - Metaphysik, Buch I + II
Sekundärliteratur:
- Augustinus, Bekenntnisse, (Hg.) Kurt Flasch, Stuttgart 1989 - Speer, Andreas, Das Glück des Menschen (S.th. I-II, qq. 1-5), in: Thomas von Aquin: Die Summa theologiae. Werkinterpretationen, (Hg.) Speer, Andreas, Berlin 2005 (Zitiert als: „Speer, Glück des Menschen“.) - Kleber, Hermann, Glück als Lebensziel. Untersuchungen zur Philosophie des Glücks bei Thomas von Aquin, in: Beiträge zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters, (Hg.) Hödl, Ludwig - Kluxen, Wolfgang, Bd. 31, Münster 1988, (Zitiert als: „Kleber, Glück als Lebensziel“.) - Welp, Dorothée, Willensfreiheit bei Thomas von Aquin. Versuch einer Interpretation, Dissertation, in: Studia Friburgensia, (Hg.) Dominikaner-Professoren der Universität Freiburg Schweiz, Neue Folge 58, Freiburg Schweiz 1979 (Zitiert als: „Welp, Willensfreiheit bei Thomas“.) - Wittmann, Michael, Die Ethik des hl. Thomas von Aquin, München 1933, (Zitiert als: „Wittmann, Ethik des Thomas“.)
Lexika / Hilfsmittel:
- Theologische Realenzyklopädie, (Hg.) Müller, Gerhard, Bd. 36, Berlin - New York 2004, (Zitiert als: „TRE“.)
Arbeit zitieren:
Petar Komljenovic, 2010, Zur Glückseligkeit verdammt oder frei, um glücklich zu sein?, München, GRIN Verlag GmbH
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