1. Einleitung
Als der Wittenberger Mönch und Theologe Martin Luther 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel der katholischen Kirche an das Hauptportal der Wittenberger Schlosskirche schlug, ahnte noch niemand, dass hier der Grundstein für eine folgenreiche und geschichtsträchtige Entwicklung gelegt werden würde. Viele Historiker gehen sogar soweit, den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit an diesem Ereignis festzumachen. Die einsetzende Reformation führte zur Entstehung einer vielfältigen protestantischen (Lutheraner, Anglikaner, Reformierte) Bewegung, welche sich alsbald von der katholischen Kirche abspaltete. Da im ausgehenden Mittelalter die Bildungsaufgabe überwiegend von der katholischen Kirche und den Klöstern ausgeübt wurde, bestand für die reformatorische Gegenbewegung die Notwendigkeit der Formulierung und Etablierung einer eigenen Pädagogik zur Unterrichtung und Unterweisung des Kirchenvolkes im „neuen“ protestantischen Glauben. Dabei tat sich der Reformator höchstpersönlich mit vielen Schriften hervor, in denen er Eltern und die weltliche Obrigkeit, also die protestantischen Ratsherren und Landesfürsten, aufforderte, sich um die gute Erziehung der Kinder zu kümmern und Schulen zu errichten. Vor allem stand hier das Bedürfnis im Mittelpunkt, neue Prediger und Pfarrer für die reformatorische Bewegung zu gewinnen um damit ihr weiteres Bestehen zu sichern sowie ihre Verbreitung zu gewährleisten.
Das Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, welche Beiträge die lutherische Glaubensbewegung zur Pädagogik und zur Entwicklung des Schulwesens im Allgemeinen geleistet hat. Dabei stehen signifikant ihre beiden Hauptvertreter Martin Luther und Philipp Melanchthon im Blickpunkt der Ausarbeitung. Im Anfangsteil der Hausarbeit steht ein kurzer geschichtlicher Rückblick, welcher verdeutlichen soll, inwieweit die Reformation in den vorangegangenen Geschichtsentwicklungen verwurzelt ist. Darauf folgend wird ausführlicher die Pädagogik Luthers behandelt. Seine Schriften, bildungspolitischen Vorstellungen und pädagogischen Forderungen sollen dabei genauer abgehandelt werden. An Luther schließt sich das pädagogische Wirken Philipp Melanchthons an, welches im vierten Punkt schriftlich abgefasst ist. Im Schlussteil wird letztendlich der Versuch unternommen die Auswirkungen der reformatorischen Pädagogik auf die weitere Entwicklung des Schulwesens zu beurteilen.
Da der Rahmen für diese Facharbeit begrenzt ist, legt sich das Augenmerk der Arbeit vor allem auf die Ansichten Luthers und Melanchthons zur Erziehung in der Schule. Auf die Erziehung durch die Eltern kann lediglich sporadisch eingegangen werden und die umfassenden pädagogischen Vorstellungen anderer Bewegungen der Reformation, z.B. der Calvinisten, finden hier keine Berücksichtigung.
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2. Renaissance und Humanismus - Fundament und Zündfunken der
Reformation
Dass die Reformation nicht aus eigener Kraft, quasi als „Selbstläufer“, entstehen konnte, zeigt der Rückblick auf die Renaissance und der in ihr zugrunde liegenden Philosophie des Humanismus. Denn bereits die Renaissance verstand sich als Beginn einer neuen Zeit und Entwicklung und hat sich stets scharf vom Mittelalter abgrenzen wollen. 1 In dieser Epoche verzeichnet sich ein Prozess der alle Lebensbereiche betrifft, eben „ein tief greifender Strukturwandel der abendländischen Kultur.“ 2 Dies äußert sich an den Veränderungen der politischen und geistigen Welt ebenso wie an den neuen bahnbrechenden Entwicklungen und Erfindungen, dem Niedergang traditioneller Wirtschaftsorganisationen (z.B. den Zünften) und dem Beginn sozialer Kämpfe (Bauernkrieg). So wie sich die Säkularisierung - also die Trennung von Kirche und Staat - abzeichnet, so emanzipiert sich der Mensch vom bisherigen Stufenbau des Mittelalters, in welchen er zuvor politisch wie sozial fest eingefügt war. Die durch den Humanismus hervorgerufene Entdeckung der Individualität und die Erkenntnis der Autonomie des persönlichen Ich werden zur Grundfeste dieser Entwicklung. 3 Dies gilt natürlich auch im Hinblick auf die Pädagogik.
In Anlehnung an die alten griechischen Philosophen erscheint der Renaissance das „Ideal eines durch den Geist geformten, literarisch und künstlerisch durchgeformten, weltgewandten Menschen.“ 4 Nicht umsonst setzt mit der Renaissance auch ein Boom der Universitätsgründungen ein. Die von Wissbegier durchdrungenen Humanisten blickten denn auch mit Verachtung auf das im Mittelalter maßgebende Begriffsinstrumentarium der Scholastik 5 . In Abgrenzung zu mittelalterlichen Praktiken der harten Züchtigung und Autorität während der Unterrichtung, „[…] traten die Humanisten für pädagogische Auflockerung, für frohes spielendes Lernen und verständnisvolle Berücksichtigung der kindlichen Seele ein.“ 6 Eine Forderung die bei Luther, welcher selbst Opfer ungezügelter Prügel war, wiederholt werden sollte. In ihrer Bewunderung für die Autoren der klassischen Antike gelangen den Humanisten gar die Verdrängung des mittelalterlichen Lateins und die Wiedereinführung des klassischen Lateins.
So wie im Humanismus der Mensch in den Mittelpunkt tritt, setzt sich nun auch durch die Reformation in geistig-religiösem Gebiet eine Individualisierung durch. Neu erschaffene
1 Vgl. Reble, Albert: Geschichte der Pädagogik, Stuttgart 2004, S. 67.
2 Ebenda, S. 67.
3 Vgl. ebenda, S. 68.
4 Vgl. ebenda, S. 77.
5 Vgl. ebenda, S. 75.
6 Ebenda, S. 80.
4
Verantwortung durch die von Luther in Deutsch proklamierte „Freiheit eines Christenmenschen“: „Mochte der an der Antike gebildeten gelehrten Elite, den Humanisten […] die Entdeckung des Ich schon vordem aufgegangen sein. Der gemeine Mann vernahm nun in der Muttersprache von seiner Würde.“ 7
Durch die Renaissance und den Humanismus wurden die Grundlagen gelegt, die für Luthers Wirken und die Reformation von unerlässlicher Wichtigkeit waren. So ist Albert REBLE durchaus zuzustimmen wenn er festhält, dass Luther „[…] sein Werk nur vollbringen [konnte], weil die allgemeinen Tendenzen der Zeit in diese Richtung drängten und er die entsprechende Resonanz fand.“ 8 Wie sich jedoch zeigen wird, definiert sich die Reformation nicht nur als Gegenstück zum Mittelalter, wie es die Renaissance tat, sondern beschreitet vielmehr einen dritten Weg der Auseinandersetzung mit dem Geist des Mittelalters UND der Renaissance nebst Humanismus. Vor allem im Hinblick auf das Konzept von Erziehung und Unterrichtung. Erforderlich waren deswegen eine kritische Reflexion des Überkommenen und die Anreicherung der Erziehung mit zeit- und zukunftswirksamen Bildungsinhalten. 9
3. Die Pädagogik Martin Luthers
3.1. Notwendigkeit einer Pädagogik
Die erste Phase der Reformation in pädagogischen Fragen muss als bildungsfeindlich angesehen werden. Sie verteufelte die im Bildungsbereich bisher herrschende Macht, also die römische Papstkirche, welche die Schulen inhaltlich geprägt und materiell garantiert hatte. So proklamierte ein Anhänger Luthers gar die Überflüssigkeit aller Bildung und forderte dazu auf die Kinder aus der Schule zu nehmen, da Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht und damit das Evangelium den Unmündigen offenbart habe. 10 Besonders bekannt ist in diesem Bezug die Aussage des bedeutenden Humanisten Erasmus von Rotterdam, der in einem Brief an Willibald Pirckheimer klagte, dass überall dort der „Untergang der Wissenschaften drohe“, wo „der Lutheranismus herrscht“ 11 . Tatsächlich wurden vor allem die Klöster zum Opfer der reformatorischen Bewegung. Sie wurden von den protestantischen Landesfürsten geschlossen, wenn ihre Insassen nicht schon vorher aus Angst vor konfessionell motivierten Rachefeldzügen flüchteten. Damit fanden die traditionellen Bildungseinrichtungen ihr abruptes Ende.
7 Hofmann, Franz: Pädagogik und Reformation - Von Luther bis Paracelsus, Berlin 1986, S. 30.
8 Reble, A.: Geschichte der Pädagogik, a.a.O., S. 81.
9 so auch Hofmann, F.: Pädagogik und Reformation, a.a.O., S. 18.
10 Vgl. Mertz, Georg: Das Schulwesen der deutschen Reformation im 16.Jahrhundert, Heidelberg 1902, S. 7.
11 Ebenda, S. 7.
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Arbeit zitieren:
Christian Knape, 2006, Die Pädagogik der Reformation, München, GRIN Verlag GmbH
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