Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 1
A. Theoretische Grundlagen zu den Themen Tourismus, Partizipation und Macht 8
1. Tourismus. 8
1.1. Kritik am konventionellen Tourismus und touristische Alternativen. 8
1.1.1. Alternativtourismus von ,sanft bis ,sozialverträglich 9
1.1.2. Partizipativer Tourismus: Community-based Tourism als Tourismus
der nativen Bevölkerung. 13
1.2. Tourismus und Ethnologie. 16
2. Partizipation. 19
2.1. Partizipation im Entwicklungskontext. 20
2.1.1. Partizipation in der Entwicklungszusammenarbeit. 20
2.1.2. Partizipation und Entwicklungsethnologie. 24
2.2. Partizipation in den Citizenship Studies. 26
2.2.1. Allgemeine Implikationen zum Begriff citizenship. 26
2.2.2. Citizenship in der brasilianischen Gesellschaft. 27
3. Macht. 29
3.1. Probleme mit dem Machtbegriff. 30
3.2. Vorschläge für eine sinnvolle Definition des Machtbegriffs. 33
3.3. Ressourcen und Modalitäten der Macht. 35
B. Einführung in die Region. 39
1. Die Küstenregion von Ceará. 40
1.1. Geschichte der Küstenregion von Ceará. 40
1.2. Tourismus in der Küstenregion von Ceará. 41
1.3. Das Fischerdorf Prainha do Canto Verde. 43
2. Die lokale Bevölkerung. 45
2.1. Comunidades/populações tradicionais - traditionelle Gemeinschaften/
Bev ölkerungsgruppen. 45
2.2. Die Kultur der povos do mar - Völker des Meeres. 47
C. Methodische Vorgehensweise. 49
1. Feldforschung. 49
1.1. Reflexion des Forschungsprozesses. 49
1.2. Methoden. 57
D. Feldforschung zum Community-based Tourism (CBT) im Fischerdorf Prainha
do Canto Verde. 60
1. Die Entwicklung des CBT-Projekts in Prainha do Canto Verde. 60
2. Tourismus aus der Sicht der lokalen Bevölkerung. 65
2.1. Vorstellungen von konventionellem Tourismus. 65
2.2. Vorstellungen von CBT als touristische Alternative 68
2.3. Veränderungen durch das Tourismusprojekt. 73
2.4. Zwischenfazit. 74
3. Möglichkeiten und Praxis der Partizipation in Prainha do Canto Verde. 75
3.1. Partizipation auf der Makroebene. 75
3.2. Partizipation auf der Mikroebene. 79
3.2.1. Interne und Externe: Partizipation am CBT-Projekt. 79
3.2.2. Partizipation innerhalb des CBT-Projekts. 85
3.3. Zwischenfazit. 88
4. Machtverhältnisse in und um Prainha do Canto Verde. 89
4.1. Machtverhältnisse auf der Makroebene. 89
4.2. Machtverhältnisse auf der Mikroebene. 91
4.2.1. Machtverhältnisse innerhalb des Dorfes. 91
4.2.2. Machtverhältnisse innerhalb des CBT-Projekts. 93
4.3. Kontinuen der Macht - eine vieldimensionale Problemanalyse. 99
4.4. Zwischenfazit. 103
Zusammenfassung und Ausblick. 104
Literaturverzeichnis. 111
Anhang. 124
1. Glossar der verwendeten Abkürzungen und portugiesischen Begriffe. 124
2. Interviewausschnitt. 126
3. Fragebogen zum Thema Tourismus in Prainha do Canto Verde. 129
4. Interviewleitfäden. 130
4.1. Leitfaden zu den Interviews mit Mitgliedern der Tourismuskooperative. 130
4.2. Zusatzfragen an ehemalige und aktuelle Koordinatoren. 131
4.3. Zusatzfragen an Leute, die im Kunsthandwerk arbeiten. 132
4.4. Leitfaden zu den Interviews mit Leuten, die nicht im Tourismus arbeiten 132
4.5. Leitfaden zu den Interviews mit den Lebensmittelläden. 132
4.6. Leitfaden zu den Interviews mit TouristInnen. 132
Originale der zitierten Interviewpassagen 153
Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Partizipation und Machtverhältnissen in einem brasilianischen Community-based Tourism-Projekt. Diese alternative Tourismus-form wird seit den 1990ern als Instrument zur Regionalentwicklung eingesetzt und soll eine direkte Teilnahme der betroffenen Bevölkerungsgruppen in den touristischen Gastländern ermöglichen. Wie die Partizipation tatsächlich vonstatten geht und welche Rolle dabei bestehende Machtverhältnisse spielen, soll am Beispiel des nordost-brasilianischen Fischerdorfs Prainha do Canto Verde gezeigt werden. Innerhalb dieser Einleitung erfolgt zunächst ein Abriss über die Tourismusforschung unter Berücksichtigung der ethnologischen Beiträge. Daraufhin werde ich das Thema meiner Arbeit innerhalb der ethnologischen Tourismusforschung platzieren und erklären, wie ich auf das Thema und den Ort meiner Feldforschung aufmerksam wurde. Anschließend werde ich die Kernfrage dieser Studie erläutern und den Aufbau der Arbeit, inklusive der wichtigsten von mir behandelten AutorInnen, vorstellen. Obwohl das Reisen bereits in der Antike als soziale Praxis zum Zeitvertreib und zur Erholung breiter Bevölkerungsschichten der ägyptischen, griechischen und römischen Gesellschaften betrieben wurde, ist der Tourismus in den Wissenschaften - und vor allem unter den sozialwissenschaftlichen Disziplinen - ein verhältnismäßig junges Thema. In Deutschland erfolgte seit Beginn der 1920er Jahre eine erste, sehr ökonomisch orientierte Beschäftigung mit dem damals noch als Fremdenverkehr bezeichneten Phänomen. Im Jahre 1929 gründete Robert Glückmann das erste Forschungsinstitut für Fremdenverkehr an der Berliner Handelshochschule. Zur wirtschaftswissenschaftlichen Perspektive gesellte sich bald eine geographische Betrachtungsweise hinzu. Was über lange Zeit gänzlich fehlte, war zum einen eine theoriegeleitete Beschäftigung mit dem Thema Tourismus und zum anderen ein Miteinbeziehen der sozio-kulturellen Dimension touristischer Entwicklungen. Ein vom Schweizer Fremdenverkehrsforscher Walter Hunziger im Jahre 1943 unternommener Versuch, die Fremdenverkehrslehre als „empirische Kulturwissenschaft“ (Spode 1998: 16) zu betreiben und den Tourismus dabei als kulturelles Phänomen zu betrachten, erzielte damals keine großen Erfolge. Eine erste kritische Auseinandersetzung mit den ökologischen und sozio-kulturellen Folgen des
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Tourismus lieferte der Schweizer Tourismuskritiker Jost Krippendorf mit seinem 1975 erschienenen Werk „Die Landschaftsfresser“. Im deutschen Raum trieb der Freizeit- und Tourismuswissenschaftler Horst Opaschowski seit Mitte der 1970er die Entwicklung von Tourismustheorien voran. Heute existiert die Tourismusforschung als Teilwissenschaft diverser Fachrichtungen. So wird sie z. B. weiterhin von den Wirtschaftswissenschaften und der Geographie untersucht, ist aber mittlerweile auch Gegenstand der Soziologie, Geschichte, Politikwissenschaft, Psychologie und der Ethnologie. Seit den 1990er Jahren hat die Bezeichnung Tourismuswissenschaft in die akademische Diskussion um das Thema Tourismus Einzug gehalten und beschäftigt sich mit Bereichen wie Tourismusterminologie, -theorie, -kritik, -ethik, -psychologie, -geschichte und -politik. Noch fehlt dieser jungen, interdisziplinären Wissenschaft allerdings die Etablierung im Sinne einer eigenen akademischen Institution mit eigenen Methoden und Ansätzen. Die Rolle der Ethnologie in der Tourismusforschung bezieht sich auf all diejenigen Themengebiete, die mit sozialen und kulturellen Auswirkungen des Tourismus auf die Beteiligten zu tun haben. Typische Forschungsthemen sind die - in den frühen Arbeiten überwiegend als destruktiv bewerteten - Auswirkungen der touristischen Erschließung auf die „Bereisten“, interkulturelle Kontakte zwischen Reisenden und der Bevölkerung in den Gastländern und die Gruppe der Reisenden selbst. Mit dem Aufkommen alternativer Tourismusformen wie dem ,sanften‘, ,sozialverträglichen‘ und ,nachhaltigen‘ Tourismus, die sich aus der in den 1970er Jahren entstehenden Kritik am konventionellen Tourismus entwickelten, eröffnete sich ein neues, heute hochaktuelles Forschungs- und Betätigungsfeld für EthnologInnen. Auch wenn die Fragestellung oft dieselbe wie zuvor ist - schließlich ging und geht es immer noch darum, wie sich Tourismus auf die einheimische Bevölkerung auswirkt und wie diese das Phänomen betrachtet, ob und wie Tourismus etwas zur Regionalentwicklung und Verbesserung der Lebensbedingungen beitragen kann, sowie ob und inwiefern Tourismus die interkulturelle Verständigung fördert -, hat sich durch diese neuen Tourismusformen die Möglichkeit ergeben, positive Aspekte der touristischen Erschließung anzuerkennen. Jetzt muss allerdings untersucht werden, inwieweit die theoretischen Konzepte in der Praxis umgesetzt werden (können) und ob diese neuen Tourismusalternativen sich in Bezug auf sozio-kulturelle Veränderungen und interkulturelle Kommunikation tatsächlich anders ge-
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stalten als die konventionelle touristische Erschließung. Im Kontext der Untersuchung von touristischen Alternativen lässt sich auch diese Arbeit ansiedeln, die sich mit Community-based Tourism - im Folgenden als CBT abgekürzt - als explizit partizipative Form des ,nachhaltigen‘ Tourismus beschäftigt. Den konkreten Anstoß für meine Beschäftigung mit dem Tourismusprojekt im Fischerdorf Prainha do Canto Verde - im Folgenden mit PCV abgekürzt - in Ceará lieferte eine TV-Reportage, die vom Kampf der dortigen EinwohnerInnen gegen Raubfischerei berichtete und dabei das CBT-Projekt erwähnte. Die gesamte Nordostküste Brasiliens ist auf-grund ihrer attraktiven Strände mit Problemen rund um den Massentourismus konfrontiert. Da es kaum möglich ist, solche Entwicklungen rückgängig zu machen, ist es meiner Meinung nach von großer Bedeutung, den Tourismus von Anfang an anders anzupacken und die Bevölkerung bei eigenen Tourismusprojekten zu unterstützen. Mein Vorhaben war es, zu untersuchen, wie das auf Partizipation der einheimischen Bevölkerung basierende CBT-Konzept in der Realität von PCV umgesetzt wird und welche möglichen Erfolge und Probleme sich dabei ergeben.
Um mit der Thematik vertraut zu werden, organisierte ich mir einen Praktikumsplatz beim Instituto Terramar 1 , einer brasilianischen Nichtregierungsorganisation (NRO), die mit Fischerdörfern in Ceará arbeitet und ihren Sitz in Fortaleza, der Hauptstadt des Bundesstaates hat. Diese Organisation hat zusammen mit den Fischerdörfern - darunter auch PCV - ein CBT-Netzwerk mit dem Namen Rede Tucum 2 entwickelt, das mittlerweile zwölf Projekte umfasst. Während meines Praktikums von Anfang Juli bis Ende September 2008 hatte ich die Gelegenheit, MitarbeiterInnen der NRO bei ihrer Arbeit in den CBT-Dörfern zu begleiten und konnte außerdem die institutsinterne Bibliothek zur Recherche nutzen. Im Anschluss an diesen Arbeitsaufenthalt führte ich von Anfang Oktober bis Ende Dezember 2008 eine Feldforschung in PCV durch. Schon zu Beginn meines Feldaufenthalts stellte sich heraus, dass das CBT-Projekt in PCV offensichtlich in einer Krise steckt, die laut Aussagen der lokalen Bevölkerung auf mangelnde (Möglichkeiten zur) Partizipation zurückzuführen sei. Im weiteren Verlauf der Forschung konzentrierte ich mich daher verstärkt auf dieses Thema und stellte fest, dass in diesem
1 Genauere Informationen zur NRO befinden sich unter: www.terramar.org.br.
2 Rede bedeutet Netz oder Netzwerk und tucum ist eine Pflanzenfaser, aus der Hängematten hergestellt werden. Weitere Informationen zum Rede Tucum unter: www.tucum.org.
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Zusammenhang auch die im Dorf bestehenden Machtverhältnisse analysiert werden müssten. Daraus ergab sich schließlich die Kernfrage meiner Forschung, die im Rahmen des CBT-Projekts untersuchen soll, wer partizipiert und wer nicht, wodurch diese Partizipation begünstigt oder unterbunden wird und inwieweit existierende Machtverhältnisse dabei eine Rolle spielen. Auf den drei zentralen Begriffen CBT, Partizipation und Macht basiert auch der Titel dieser Arbeit - „O turismo que nós quer“ -
Community-based Tourism
im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Machtstrukturen. „O turismo que nós quer“ bedeutet übersetzt „der Tourismus, den wir wollen“ und zitiert die Bezeichnung vieler ins CBT-Projekt involvierter EinwohnerInnen für die Art von Tourismus, die in PCV praktiziert wird.
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Der Titel soll verdeutlichen, dass CBT einerseits die von den (meisten) DorfbewohnerInnen präferierte Tourismusform ist, aber andererseits dennoch Probleme in Hinblick auf Partizipation und Machtverhältnisse bestehen. Die Arbeit ist in vier Hauptteile aufgeteilt, wobei Teil A die theoretischen Grundlagen zu den großen Themen Tourismus, Partizipation und Macht liefert, Teil B eine Einführung in die Region darstellt, Teil C das methodische Vorgehen vor, während und nach der Feldforschung erläutert und Teil D schließlich die Analyse meiner empirischen Daten unter Bezugnahme auf die in Teil A genannten theoretischen Aspekte vornimmt. Das erste Kapitel in Teil A beschäftigt sich mit den aus Kritik am konventionellen Tourismus entstandenen touristischen Alternativen, indem zunächst die gängigsten Konzepte behandelt werden (A.1.1.1) und im Anschluss daran CBT als partizipative Tourismus-form genauer erläutert wird (A.1.1.2). Da Tourismus ein interdisziplinäres Thema ist, werden neben Ethnologinnen wie Corinne Neudorfer und Nicole Häusler auch VertreterInnen anderer Fachrichtungen bei der Darstellung der Konzepte miteinbezogen, z. B. Fremdenverkehrsgeographen und -ökonomen, Tourismuswissenschaftler und -ethiker, Dozenten des Studienganges „Nachhaltiger Tourismus“ an der Fachhochschule Eberswalde und natürlich Klassiker der Tourismusforschung und -kritik, wie die zuvor erwähnten Autoren Krippendorf und Opaschowski. Außerdem werden mehr praxisbezogene Organisationen wie das Mountain Institute und REST (Responsible Ecological Social Tours Project) hinzugezogen. Im Anschluss daran erfolgt ein Abschnitt zu Touris-
3Im brasilianischen Hochportugiesich heißt es eigentlich „O
turismo que nós queremos“.
Die EinwohnerInnen von PCV und andere ländliche Bevölkerungsgruppen verwenden nach dem Wort
nós
(wir) jedoch häufig das Verb in der dritten Person Singular anstatt Plural. 4
mus und Ethnologie, der erklärt, warum das Phänomen ein ethnologisches Thema ist und einen Abriss über die Tourismusforschung innerhalb der Disziplin liefert. Darin beziehe ich mich vor allem auf die zum Thema Tourismus aktiven EthnologInnen Dennison Nash, Peter Burns und Amanda Stronza sowie aus dem deutschsprachigen Raum auf Christoph Antweiler, Judith Schlehe und Publikationen von GATE - Netzwerk, Tourismus, Kultur e.V.. Im zweiten Kapitel des A-Teils wird der Begriff der Partizipation zuerst im Entwicklungskontext und dann in Zusammenhang mit den Citizenship Studies behandelt, die sich mit bürgerschaftlichem Engagement und zivilgesellschaftlichen Bewegungen beschäftigen. Der erste Abschnitt (A.2.1.1) untersucht den Begriff hinsichtlich seiner Verwendung in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ), wobei die in den Entwicklungsprojekten und -programmen geläufigsten Partizipationsformen und die damit einhergehenden Probleme vorgestellt werden. Dabei stütze ich mich vorwiegend auf die Pädagogin Eva Kohl und Gabriele Beckmann vom Seminar für ländliche Entwicklung (SLE) in Berlin, die Arbeiten zur Geschichte der Partizipation in der EZ verfasst haben. Der zweite Abschnitt (A.2.2) befasst sich mit dem Partizipationsgedanken im Kontext der Entwicklungsethnologie. Die wichtigsten zitierten Autoren sind in diesem Abschnitt die Entwicklungsethnologen Michael Schönhuth, Uwe Kievelitz und der bereits erwähnte Christoph Antweiler. Im nächsten Abschnitt zu Partizipation in den Citizenship Studies wird der Begriff zuerst auf einer allgemeinen Ebene vorgestellt (A.2.2.1) und anschließend in seiner speziell brasilianischen Ausprägung behandelt. Im ersten Abschnitt werde ich mich vor allem auf die Lateinamerikawissenschaftler Foweraker und Landman berufen, die schwerpunktmäßig soziale Bewegungen und citizenship erforschen, sowie auf das Autorenteam bestehend aus Engin Isin, der als Professor of Citizenship an der britischen Open University arbeitet und dem Soziologen Bryan Turner. Mit bürgerschaftlichem Engagement in der brasilianischen Gesellschaft beschäftigen sich der Ethnologe James Holston und der brasilianische Soziologe und Politikwissenschaftler Francisco Mesquita de Oliveira, deren Ideen ich unter A.2.2.1 vorstellen werde. Portugiesischsprachige Literatur - sowie die Zitate meiner InterviewpartnerInnen in Teil D 4 - werden stets von mir ins Deutsche übersetzt. Das letzte Kapitel in
4 Die Übersetzung der Interviewpassagen sind sehr nahe am Gesprochenen und daher teilweise umgangssprachlich. Die Originale der von mir übersetzen Abschnitte befinden sich als Endnoten im Anhang dieser Arbeit unter Abschnitt 6. Dabei wurden nur längere Zitate wie Satzteile
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Teil A beschäftigt sich mit dem Begriff der Macht. Zuerst werden Probleme beim Definitionsversuch des Phänomens erläutert (A.3.3.1), wobei soziologische Klassiker wie Weber und Foucault sowie ethnologische Beiträge skizziert werden. Der nächste Abschnitt (A.3.3.2) stellt einen Ansatz der Ethnologin Erdmute Alber vor, in dem sie eine Anleitung dazu liefert, wie man eine für ethnologische Arbeiten sinnvolle Definition des Machtbegriffs erarbeiten kann. Da die Autorin Ressourcen und Modalitäten von Macht als zentrale Elemente für das Erarbeiten einer Definition von Macht betrachtet, werden unter A.3.3.3 mit French/Raven und Kenneth Galbraith Autoren vorgestellt, die sich mit Quellen und Formen von Macht beschäftigt haben.
Bevor die genannten theoretischen Grundlagen in Teil D mit meinen empirischen Ergebnissen zusammengeführt werden, erfolgt in Teil B eine Einführung in die Geschichte der Küstenregion des nordost-brasilianischen Bundesstaates Ceará. Im ersten Kapitel (B.1) wird die Region selbst beschrieben, im zweiten (B.2) die einheimische Bevölkerung. Das erste Kapitel ist unterteilt in einen Abschnitt zur allgemeinen Geschichte der Küstenregion von Ceará (B.1.1), einen weiteren zur touristischen Erschließung der Region (B.1.2) und einen dritten über das Fischerdorf PCV. Eine genaue Beschreibung des CBT-Projekts in PCV erfolgt an dieser Stelle noch nicht, sondern wird erst in Teil D vorgenommen. Die ersten beiden Abschnitte basieren auf Werken des brasilianischen Ethnologen Antônio Carlos Diegues, Publikationen des Instituto Terramar und weiteren universitären, veröffentlichten und unveröffentlichten Arbeiten von Mitarbeitern und Unterstützern der NRO. Der Abschnitt über das Dorf PCV beruht auf meinen eigenen Erhebungen in Form von Gesprächen mit VertreterInnen des Instituto Terramar und einheimischen DorfbewohnerInnen. In B.2 wird die lokale Bevölkerung vorgestellt, wozu im ersten Unterkapitel (B.2.1) brasilianische Konzepte über die comunidades/populações tradicionais (traditionelle Gemeinschaften/Bevölkerungsgruppen) vorgestellt werden, die im Wesentlichen wieder auf den Werken des Ethnologen Diegues aufbauen. Im zweiten Abschnitt (B.2.2) wird anhand einer Arbeit des brasilianischen Erziehungswissenschaftlers Henrique Gomes das Konzept der povos do mar (traditionelle KüstenbewohnerInnen; wörtlich: Völker des Meeres) vorgestellt. Sowohl in B.2.1 als auch in B.2.2 werde ich abschließend eine Übertragung der im Zusammenhang mit den comuni-
oderganze Sätze angegeben, jedoch keine einzelnen Worte.
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dades/populações tradicionais bzw. povos do mar festgestellten Charakteristiken auf die von mir beobachteten EinwohnerInnen von PCV vornehmen. Im anschließenden C-Teil wird die methodische Vorgehensweise vor, während und nach der Feldforschung geschildert. Zuerst (C.1.1) erfolgt die Reflexion des Forschungsprozesses, in der dargestellt wird, wie sich der Zugang zum sowie der Einstieg ins Feld gestalteten, welche Probleme auftraten, nach welchen Kriterien die InterviewpartnerInnen ausgewählt wurden, wie die Interaktion mit den DorfbewohnerInnen vonstatten ging, welche Rollenkonflikte sich durch mein Dasein als (europäische) Forscherin ergaben und wie ich selbst meine Rolle als Ethnologin verstehe. Anschließend werden die von mir verwendeten Methoden vorgestellt.
In Teil D werden die in der Feldforschung empirisch erhobenen Daten ausgewertet. Das erste Kapitel liefert eine Beschreibung des CBT-Projekts in PCV und der Geschehnisse, die sich während meines Feldforschungsaufenthalts ereigneten. Einige meiner InterviewpartnerInnen wurden auf Wunsch anonymisiert. Im zweiten Kapitel (D.2) wird das Phänomen Tourismus aus der Sicht der einheimischen Bevölkerung dargestellt. Zunächst werden Vorstellungen der DorfbewohnerInnen von PCV über konventionellen Tourismus (D.2.1) und CBT präsentiert. Daraufhin wird gezeigt, ob und in welcher Form die lokale Bevölkerung Veränderungen durch die touristische Erschließung im eigenen Dorf beobachtet hat. Das dritte Kapitel (D.3) beschäftigt sich mit Möglichkeiten und Praxis der Partizipation in PCV. Dabei soll Partizipation zum einen auf einer Makroebene untersucht werden, auf der das Dorf als Akteur auf einer breiteren politischen, bundesweiten Ebene analysiert wird (D.3.1). Zum anderen soll Partizipation auf einer Mikroebene untersucht werden, die Prozesse innerhalb des Dorfes beschreibt (D.3.2) und dabei in einem zweiten Schritt die noch kleinere Einheit des CBT-Projekts analysiert (D.3.2.2). Konkret bedeutet dies, dass untersucht werden soll, wer überhaupt in das CBT Projekt integriert ist und weiterhin, wer innerhalb des Projekts in welchem Maße partizipiert. Außerdem sollen Faktoren, die Partizipation begünstigen oder verhindern, festgestellt werden. Um eine vollständige Analyse über die Probleme bei der Partizipation zu liefern, müssen auch die bestehenden Machtverhältnisse beachtet werden, was im vierten Kapitel (D.4) geschieht. Auch hierbei wird das Phänomen wiederum auf einer Makroebene (D.4.1) und auf einer Mikroebene (D.4.2) auf externe und interne Macht-
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verhältnisse hin untersucht. Im ersten Fall geht es um Mächte, die von außen auf das Dorf einwirken, sowie um die Macht, die das Dorf auf andere ausüben kann. Im zweiten Fall geht es um gemeindeinterne (D.4.2.1) und schließlich wieder um CBT-Projekt-interne Machtverhältnisse. Dabei wird unter Berufung auf die Ressourcen und Modalitäten von Macht nach Alber, French/Raven und Galbraith untersucht, wer Macht ausübt, auf welchen Quellen diese beruht und in welcher Form sie umgesetzt wird. Im daran anschließenden Abschnitt (D.4.3) werden die behandelten Machtverhältnisse mit Hilfe von Albers Konzept weiter analysiert.
Im abschließenden Kapitel werden die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit kurz zusammengefasst und ein Ausblick auf mögliche Entwicklungen wird gegeben. Dabei soll noch einmal auf die Themen Ethnologie und Tourismus sowie Entwicklungsethnologie Bezug genommen werden.
Durch die Arbeit ziehen sich die folgenden Leitfragen: (1) Inwieweit wird der partizipa-torische Anspruch des CBT-Konzepts im Tourismusprojekt von PCV umgesetzt? (2) Welche Rolle spielen gemeindeinterne Machtverhältnisse dabei? (3) Wie kann die Ethnologie zur Minimierung der durch Partizipationsprobleme und ungleiche Machtverhältnisse entstehenden Spannungen beitragen?
A. Theoretische Grundlagen zu den Themen Tourismus, Partizipation
und Macht
In diesem Teil der Arbeit soll der theoretische Hintergrund für mein empirisch untersuchtes Thema dargestellt werden.
1. Tourismus
1.1. Kritik am konventionellen Tourismus und touristische Alternativen
Der aktuelle Trend zu ökologischen und sozialverträglichen Tourismusalternativen hat seine Ursprünge in den 1980er Jahren mit dem „Aufstand der Bereisten“ (Krippendorf 1988: 21, Opaschowski 2002: 132) und der verstärkt auftretenden Kritik an den (sozio-)ökonomischen, ökologischen sowie sozio-kulturellen Folgen des konventionellen Tourismus. 5 Die damals entstehende Forderung nach umweltverträglichen und sozial
5 Zum Thema Tourismuskritik siehe Enzensberger 1964, Krippendorf 1984/1988, Opaschowski 2002, Friedl 2001, Backes/Goethe 2003, Backes 2009.
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wie auch finanziell gerechteren touristischen Alternativen setzte die Entwicklung neuer Konzepte von einer ,sanften‘, ,sozialverträglichen‘ und ,nachhaltigen‘ touristischen Erschließung in Gange. Im folgenden Abschnitt (1.1.1) werde ich die geläufigsten Formen des Alternativtourismus erläutern, um dann spezieller auf den CBT als partizipative Tourismusform einzugehen (1.1.2).
1.1.1. Alternativtourismus von ,sanft ‘ bis ,sozialverträglich ‘ Den als Gegenkonzept zum konventionellen Tourismus entwickelten alternativen Tourismus beschreiben der Wirtschaftswissenschaftler William Eadington und die Ethnologin Valene Smith als „(...) forms of tourism that are consistent with natural, social, and community values and which allow both hosts and guests to enjoy positive and worthwhile interaction and shared experiences“ (Smith/Eadington 1992: 3) beschreiben. Die Erwähnung verschiedener Tourismusformen verweist auf die Variabilität des Phänomens, sodass es angemessener wäre, nicht von alternativem Tourismus zu sprechen, sondern von touristischen Alternativen, die sich seit den 1970er Jahren entwickelt haben und heute nebeneinander bestehen oder in einander übergehen. Als frühe Idee eines alternativen Tourismuskonzepts gilt das „sanfte Reisen“, das der Publizist und Zukunfts-forscher Robert Jungk in einem GEO-Artikel mit dem Titel „Wieviele Touristen pro Hektar Strand?“ im Jahr 1980 als Alternative zum Massentourismus beschreibt (Jungk 1980 in Fahrenholtz/Lorenz 1986: 60). Durch eine stärkere Betonung der sozio-kulturellen und ökologischen Aspekte sollte sich diese neue Art von Tourismus vom bisherigen, eher destruktiven „harten Reisen“ unterscheiden (ebda). Diese Idee wurde vom Touris-musforscher und -kritiker Jost Krippendorf weiterentwickelt. Dieser versteht unter sanftem Tourismus:
„Formen des Tourismus, die einen möglichst hohen (ökonomischen) Nutzen für alle Beteiligten bringen - den Touristen, den Touristenunternehmungen und der einheimischen Bevölkerung - bei gleichzeitiger Minimierung der Nachteile (Kosten), seien sie ökonomischer und vor allem ökologischer oder sozialer Art“ (Krippendorf 1988: 27).
Damit diese Art von Tourismus möglich ist, bedarf es laut Krippendorf einerseits einer „ganzheitlich-orientierte[n] 6 Tourismuspolitik“ (ebd.: 25) und andererseits eines „neue[n] Tourist[en]“ (ebd.: 66). Da dieser seine Entscheidungen sorgfältig und eigen-
6Den Begriff der Ganzheitlichkeit verwendet auch der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung (www.studienkreis.org/deutsch/wer/main_wer.html).
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verantwortlich trifft - wobei er stets die Folgen seines Handelns auf die natürliche Umwelt und die Realität der Bevölkerung in den Reiseländern bedenkt und auf deren Bedürfnisse eingeht - spricht der Autor weiterhin von einem „bewußte[n] Reisen“ 7 (Krip-pendorf 1984: 206) sowie von einem „menschen-orientierte[n]“ (Krippendorf 1988: 23) und „angepaßte[n]“ (ebd.: 27) Tourismus. Neuere Auseinandersetzungen mit dem Begriff des sanften Tourismus befinden sich in umweltwissenschaftlichen, geographischen und tourismuswirtschaftlichen Werken bei Ingo Mose (1998), Jürgen Hasse (1990) und Torsten Kirstges (1992).
Eine weitere alternative Tourismusform, die seit 1965 im englischsprachigen Raum unter dem Namen ecotourism aufgetaucht war und sich ab 1995 im Deutschen als Ökotourismus etablierte, betont ebenfalls die Umwelt- und Sozialverträglichkeit 8 von Reisen, wobei als Urlaubsziele naturnahe Gebiete und als Urlaubsmotiv der Reisenden das Naturerlebnis im Fokus stehen (Friedl 2001: 50). Der Ökotourismus kann neben anderen naturbezogenen Tourismusarten unter dem Oberbegriff Naturtourismus zusammengefasst werden, wobei letzterer die Natur lediglich als Urlaubskulisse- und Erlebnis betrachtet, währen das erste Konzept auf umweltverträgliches Reisen 9 und den Erhalt von Ökosystemen 10 Wert legt. Die beiden Konzepte unterscheiden sich laut Strasdas daher nur „durch ihre Auswirkungen“ (Strasdas 2001: 113) voneinander. Die häufige Durchmischung der beiden Konzepte und der seit den 1970er Jahren aufflammenden Öko-Trend führten dazu, dass viele vermeintlich ökologisch wertvolle Tourismusangebote ihrem Namen nicht gerecht wurden, sodass häufig Buggy-Fahrten durch die Dünen unter dem Begriff Ökotourismus erfolgreich vermarktet und mit gutem Gewissen konsumiert werden. Doch selbst wenn Ökotourismus im Sinne von tatsächlichem Naturschutz statt- 7Von bewusstem Reisen spricht auch der Schweizer Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung (www.akte.ch).
8 Auch der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung verwendet den Begriff des „umwelt-und sozialverträglichen Tourismus“ (www.studienkreis.org/deutsch/wer/main_wer. html).
9 Ein Streitpunkt ist in diesem Zusammenhang die Verwendung von Flugreisen. Ein Versuch, Fernreisen ökologischer zu gestalten, ist die Idee des Emissionsausgleichs, bei dem als Entschädigung für die verursachten Flugzeugabgase ein finanzieller Beitrag zur Finanzierung von Umweltprojekten entrichtet wird (vgl.: www.atmosfair.de).
10 Das Bundesamt für Naturschutz nennt neben dem Ökotourismus außerdem den „umwelt-verträglichen/umweltfreundlichen Tourismus“ als Vorläufer desselben. Während dieser Tourismus den Umweltschutz primär aus anthropozentrischer Perspektive verstand, kam beim Ökotourismus die Beachtung der Ökosysteme hinzu (www.bfn.de/0323_iyeoeko.html).
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findet, geschieht dies oft nicht völlig reibungslos. Der Tourismusethiker Harald Friedl zeigt dies am Beispiel von Tourismus als Finanzquelle zum Erhalt von Naturparks. Dabei sei es oft dazu gekommen, dass die ansässige Bevölkerung entweder nicht mehr ihrer gewohnten Lebens- und Wirtschaftsweise nachgehen konnte oder sogar von ihrem Land vertrieben wurde (Friedl 2001: 53). Als spezielle Form des Naturtourismus ordnet Friedl neben dem Tourismus als „Konsum einer als unberührt empfundenen Naturlandschaft“ (ebd.: 54) den Ethnotourismus (indigenous tourism) 11 ein, welcher dem Wunsch der - vor allem westlichen und wohlhabenderen - TouristInnen nach einer authentischen Begegnung mit „Ureinwohnern“ oder „Naturvölkern“, die „unverdorben“, naturver-bunden und weit entfernt von der westlichen Zivilisation ihre Indigenität leben, entspringt. Das von Krippendorf und anderen geforderte Interesse an der bereisten Bevölkerung führt auf diese Weise oft dazu, dass indigene Gruppen Teile ihrer Kultur und Traditionen nur für die TouristInnen inszenieren und verkaufen, was man negativ als kulturelle Prostitution und Werteverlust oder im positiven Sinne als intelligente Marketingstrategie bewerten kann. Fest steht jedenfalls, dass es schwierig ist, auf diese Weise einen wirklichen sozialen Kontakt zwischen Reisenden und Bereisten herzustellen, da die erste Gruppe die Indigenen oft primär als ExotInnen und nicht einfach als Menschen sieht, während diese wiederum die TouristInnen häufig vor allem als Einnahmequelle betrachten.
Das neue Trendwort im Tourismus ist der Begriff der Nachhaltigkeit 12 , der mit der UN-Umweltkonferenz in Rio de Janeiro im Jahre 1972 seinen Weg in die Tourismusdebatte fand. Laut dem Freizeit- und Tourismuswissenschaftler Horst Opaschowski wurde der sanfte Tourismus mit der World Conference on Sustainable Tourism im Jahre 1995 end-
11Mit indigenous tourism haben sich u. a. die Sozialanthropologin Claudia Notzke (2006), Chris Ryan und Michelle Aicken (2005) vom Tourismusprogramm der University of Waikato, Neuseeland und die Tourismuswissenschaftler Richard Butler (2007) und Tom Hinch (1996) beschäftigt.
12 Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde zum ersten Mal Im Jahr 1713 innerhalb der Forstwissenschaften im Zusammenhang mit der nachhaltigen Nutzung der Wälder genannt und besagte, dass nicht mehr Bäume gefällt werden sollten, wie im gleichen Zeitraum wieder nachwachsen würden (www.agenda21-treffpunkt.de/info/nachhalt.htm). In die Entwicklungspolitik fand das Konzept erst im Jahr 1983 durch die Arbeit der Brundtlandkommission Eingang und steht seitdem für eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der aktuellen Generationen befriedigt, während sie gleichzeitig darauf bedacht ist, die Bedürfnisse zukünftiger Generationen durch ihr Handeln nicht zu beeinträchtigen (www.nachhaltigkeit.info/artikel/brundtland _report_ 1987 _728.htm).
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gültig durch den nachhaltigen Tourismus mit seinen Forderungen nach langfristiger ökologischer Tragbarkeit, wirtschaftlicher Machbarkeit und ethischer/sozialer Gerechtigkeit für die lokale Bevölkerung abgelöst (Opaschowski 2001: 43). Häufig zitiert wird heute die Definition des Netzwerks „Forum Umwelt und Entwicklung“, 13 die besagt: „Nachhaltiger Tourismus muss soziale, kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Verträglichkeitskriterien erfüllen. Nachhaltiger Tourismus ist langfristig, d.h. in Bezug auf heutige wie auf zukünftige Generationen, ethisch und sozial gerecht und kulturell angepasst, ökologisch tragfähig sowie wirtschaftlich sinnvoll und ergiebig.“ (Forum Umwelt und Entwicklung 1998: 7).
Anders als bei den Vorgängerkonzepten wird der nachhaltige Tourismus nicht nur als eine Aktivität betrachtet, die es umwelt- und sozialverträglich umzusetzen gilt, sondern als gezielt einzusetzendes Instrument für eine nachhaltige Regionalentwicklung der betroffenen Gebiete. Das Konzept des nachhaltigen Tourismus ist weitsichtiger und umfassender als die Vorgängeridee des sanften Tourismus. Der Fremdenverkehrsgeograph Christoph Becker merkt dazu an, dass dem sanften Tourismus der „zeitliche Weitblick, die Berücksichtigung räumlicher Verflechtungen sowie die stringente vernetzte Sicht der drei Dimensionen [Umwelt, Wirtschaft und Kultur]“ (Becker et al. 1996: 9) fehlen. Gemäß Hans Elsasser und weiterer Geographenkollegen Beckers steht nachhaltiger Tourismus im Gegensatz dazu „für umfassende Neukonzeptionen einer ökologisch tragbaren, ökonomisch machbaren und sozio-kulturell akzeptablen touristischen Entwicklung auf Dauer“ (Elsasser et al. 1995: 17, ähnlich bei Beyer 2006: 130). Der Blick in die Zukunft und die Rücksichtnahme auf kommende Generationen haben die bisherigen alternativen Tourismusformen um ein wesentliches Element erweitert. In diesem Sinne kann sanfter Tourismus nachhaltige Elemente enthalten, ist deswegen aber nicht zwangsläufig in seiner Gesamtkonzeption als nachhaltig zu bezeichnen. Vom Ökotourismus ist der nachhaltige Tourismus laut Strasdas insofern abzugrenzen, als dass ersterer sich lediglich auf „naturbezogene Tourismusarten“ beziehe, während der letzte alle Tourismusformen betreffe (Strasdas 2001: 7). Ökotourismus ist als nachhaltige Variante des Naturtourismus somit eine Subkategorie des nachhaltigen Tourismus.
13 Sowohl Wolfgang Strasdas, Professor für das Gebiet „Nachhaltiger Tourismus“ an der Fachhochschule Eberswalde wie auch Matthias Beyer, Gastdozent für Nachhaltiges Destinationsmanagement an der selben FH und selbständiger Berater für nachhaltigen Tourismus und Regionalentwicklung berufen sich darauf.
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1.1.2. Partizipativer Tourismus: Community-based Tourism als Tourismus der nativen Bevölkerung
Als Schlüsselfaktor zur erfolgreichen Umsetzung nachhaltiger Tourismusprojekte gilt heute die Partizipation der lokalen Bevölkerung. Lange Zeit hatte Partizipation in der Tourismusbranche überhaupt nicht stattgefunden. Tourismusprojekte wurden über die Köpfe der lokalen Bewohner hinweg geplant, die entweder gar nicht involviert wurden - nicht einmal als Angestellte, da es ihnen an Qualifikationen fehlte - oder als billige Arbeitskräfte zum Bau von Hotels oder zur Reinigung der Zimmer eingesetzt wurden. In den 1960er und -70er Jahren wurden zwar die ersten touristisch orientierten EZ-Projekte implementiert, jedoch gegen Ende der 1980er Jahre bereits wieder abgesetzt, da man die negativen Auswirkungen des Tourismus in den betroffenen Ländern fürchtete und jede weitere Involviertheit daher inakzeptabel erschien (Beyer 2006: 137). Zu Beginn der 1980er Jahre forderte Krippendorf mit seinem „Konzept einer Tourismusentwicklung im Gleichgewicht“ (Krippendorf 1984: 186) unter anderem „die Kontrolle über Grund und Boden in einheimischen Händen“ (ebd.: 191), das „Einheimische und Landestypische [zu] betonen und kultivieren“ (ebd.: 195) und dass unter verbesserter Qualität der Arbeitsplätze die „Entwicklung auf einheimische Arbeitskräfte“ ausgerichtet werden solle (ebd.: 194). Die Forderung nach Tourismus als einem entwicklungspolitischen Instrument unter aktiver Teilhabe der Menschen in den Zielländern kehrte erst Mitte der 1990er Jahre mit der Forderung nach einem nachhaltigen Tourismus zurück und stützt sich auf diverse Gründe. Einerseits wird Partizipation von den Machern touristischer Projekte genutzt, um deren Erfolg durch eine größere Akzeptanz bei der lokalen Bevölkerung zu sichern. In diesem Fall spielen vor allem ökonomische Aspekte eine Rolle und die Partizipation kommt mehr den TourismusunternehmerInnen zugute als der lokalen Bevölkerung. Andererseits kann die Teilnahme der nativen Bevölkerung Impulse für den Natur- und Ressourcenschutz in ihrer Region liefern, weil die Existenz-grundlage der Bewohner oft auf einer intakten Natur basiert. Schließlich wird eine partizipative Tourismusentwicklung auch aus sozialen, ethischen und politischen Gründen, zur Förderung von selbstbestimmtem Handeln und der Verbreitung demokratischer Strukturen gefordert. Durch die Teilnahme der betroffenen Bevölkerungsgruppen können negative sozio-kulturelle Auswirkungen minimiert und eine selbstbestimmte Ent-
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wicklung der Region gefördert werden, sodass Tourismus nicht mehr zwangsläufig als neo-kolonialistisches, imperialistisches Produkt betrachtet werden muss, sondern als Instrument zur Umsetzung von Community Development 14 eingesetzt werden kann (Palm 2000: 15). Als Subkategorie des nachhaltigen Tourismus, die besonders auf die Partizipation der lokalen Bevölkerung und sozio-kulturelle Nachhaltigkeit bedacht ist, 15 wurde daher das Konzept des CBT entwickelt. Der Begriff Community-based beinhaltet einerseits, dass Planung und Durchführung von der lokalen Gemeinschaft teilweise oder im Idealfall komplett übernommen werden und folglich die durch das Tourismusprojekt erzielten Einnahmen der nativen Bevölkerung zugute kommen und die kommunale Entwicklung fördern. Durch das Schaffen neuer Beschäftigungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze soll eine Abwanderung der (jungen) Bevölkerung in die Städte verhindert werden (Neudorfer 2007: 48). Andererseits impliziert der Begriff auch, dass die community selbst - in den meisten Fällen ein Dorf - mitsamt ihrer spezifischen Lebensweise und Kultur zur touristischen Attraktion wird (ebd: 45). Ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes ist daher auch der Kontakt zwischen den Reisenden und der nativen Bevölkerung, der nicht als einerseits exotisierende, neo-kolonialistische und andererseits primär ökonomisch interessante Begegnung ablaufen soll, sondern als „two-way, interactive relationship in which the hosts are not at the command of the tourists and (…) [the tourists] are not treated as mere instruments of organized consumerism“ (Bartholo et al. 2008: 110). Gegenseitiger Austausch und das Kennenlernen der alltäglichen Lebenswelt der lokalen Bevölkerung sind wichtige Elemente eines CBT-Projekts und tragen zu einer „positiveren Bewertung der eigenen kulturellen Identität“ (Neudorfer 2007: 45) bei. Das Responsible Ecological Social Tours Project (REST) definiert CBT als „managed and owned by the community, for the community, with the purpose of enabling visitors to increase their awareness and learn about the community and local ways of life.“ (REST 1997 unter: www.cbt-i.org/travel.php?&lang=en). Ein Schwachpunkt innerhalb dieser Definition findet sich in der ungenauen Verwendung des Begriffs
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Community Development
bezeichnet eine Art von EZ-Projektarbeit, die die Selbsthilfe als Strategie zur Regionalentwicklung in den Mittelpunkt stellt (Nohlen 2000: 157).
15 Dennoch wird in den CBT-Projekten auch eine ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit angestrebt. Die Ethnologin Corinne Neudorfer merkt an, dass das CBT-Konzept als Reaktion auf diejenigen Ökotourismusprojekte gesehen werden kann, die wie bereits erwähnt keine Rücksicht auf die lokale Bevölkerung nehmen (Neudorfer 2007: 39).
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community. 16 So sind es nämlich häufig die Annahme einer homogenen Interessengemeinschaft und die mangelnde Beachtung von Machtstrukturen innerhalb der lokalen community, an der CBT-Projekte in der Praxis scheitern (Blackstock 2005: 42 f.). Diese führen häufig dazu, dass ohnehin schon mächtige Eliten ihre Interessen durchsetzen, während schwächere Gruppen dabei übersehen werden. Ein erfolgreiches CBT-Projekt sollte daher Subgruppierungen erkennen und marginale Gruppen wie Arme und Frauen aktiv miteinbeziehen. Ein weiterer Definitionsversuch von Nicole Häusler, Ethnologin und selbständige Beraterin für nachhaltigen Tourismus und Regionalentwicklung, und dem bereits genannten Wolfgang Strasdas versucht dieses Problem folgendermaßen zu entschärfen:
„a form of tourism in which a significant number of local people has substantial control over, and involvement in its tourism development and management. The major proportion of the benefits remains within the local economy. Members of the community, even those who are not indirectly [sic] involved in tourism enterprises, gain some form of benefit as well“ (Häusler/ Strasdas 2003 unter: www.cic-wildlife.org/uploads/media/Haeusler_Com-munity_based_tourism_2005_eng.pdf ).
Damit wird verdeutlicht, dass nicht die ganze (Dorf-)Gemeinschaft beteiligt sein muss, dass aber andererseits auch diejenigen Mitglieder einer Gemeinschaft profitieren können, die nicht direkt in touristische Aktivitäten involviert sind. Die Partizipation der Bevölkerung kann laut Häusler und Strasdas verschieden stark ausgeprägt sein, wobei von der Beteiligung der gesamten (Dorf-)Gemeinschaft über eine partielle Partizipation derselben bis hin zu Joint Ventures zwischen (Teilen) der Bevölkerung und anderen Geschäftspartnern alles möglich ist (ebda). 17 Der Definitionsvorschlag des Mountain Institutes vereint die bisher genannten Kriterien ökologische, sozio-kulturelle und wirtschaftliche Nachhaltigkeit, unterschiedlich ausgeprägte Partizipation der community und Beziehung zwischen TouristInnen und lokaler Bevölkerung in der folgenden Aufzählung von CBT-Charakteristiken:
„1. Community-based Tourism must contribute to increasing and/or improving conservation of natural and/or cultural resources, including biological diversity, water, forests, cultural landscapes, monuments, etc;
2. Community-based Tourism must contribute to local economic development through in-
16 Zur genaueren Beschäftigung mit dem Begriff der community siehe Mayo 2000, Tönnies 1979, Bell/ Newby 1978.
17 Unterschiedliche Grade und Formen der Partizipation sind natürlich nicht tourismusspezifisch sondern ein zentrales Thema aller partizipativen privaten oder staatlichen EZ-Projekten. Daher werde ich diesen Punkt unter A.2.1.1 genauer behandeln.
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creasing tourism revenues and other benefits to community participants, and ideally to an increasing number of participants;
3. Community-based Tourism must have a level of participation (…) ideally progressing toward self-mobilization, but not always necessarily so; and
4. Community-based Tourism has a duty to the visitor to provide a socially and environmentally responsible product.“ (The Mountain Institute 2000: 4f.).
Neben den Schwierigkeiten in Zusammenhang mit dem community-Begriff sieht die Ethnologin Corinne Neudorfer ein Problem in der Tatsache, dass für die touristische Arbeit eine hohe Spezialisierung der Bevölkerung erforderlich ist (Neudorfer 2007: 42). Petra Palm sieht dies in ihrer Arbeit zu CBT in kommunalen Gebieten Namibias im Rahmen eines entwicklungspolitischen Begleitprogramms von GTZ und BMZ jedoch als Vorteil, da extern angeleitete CBT-Projekte die Qualifikation der Bevölkerung als integralen Bestandteil betrachten und die lokale Bevölkerung somit durch konkrete Bildungsmaßnahmen gefördert wird (Palm 2000: 18). Neudorfer bemerkt außerdem, dass selbst ein CBT-Projekt kaum alle negativen Effekte einer touristischen Erschließung verhindern könne (Neudorfer 2007: 48). In der Regel entsprechen diese - bis auf das zuletzt genannte - und alle weiteren CBT-typischen Probleme den Schwierigkeiten, die ebenfalls bei partizipativen EZ-Projekten in anderen Bereichen auftreten und von mir in Abschnitt A.2.1.1 behandelt werden. In meiner empirischen Untersuchung des CBT-Projekts in PCV werde ich darauf eingehen, welche Probleme sich in Bezug auf die Partizipation und die touristische Erschließung des von mir untersuchten Dorfes während meines Aufenthalts feststellen ließen.
1.2. Tourismus und Ethnologie
Auch in der ethnologischen Tourismusforschung sind alternative Tourismuskonzepte heute ein beliebtes Thema und es gibt gute Gründe den Tourismus als „legitimate subject for anthropological inquiry“ (Nash 1981: 461) zu betrachten: Erstens, weil es sich dabei stets um einen Kontakt zwischen Kulturen und/oder Subkulturen dreht; zweitens aufgrund der Verbreitung des Phänomens in allen Gesellschaften und auf allen „levels of social complexity“ (ebda) und drittens da Tourismus oft mit der Transformation eines traditionell ethnologischen Territoriums, der Regionen der EL, einhergeht (vgl. auch Stronza 2001: 264, Burns 1999: 81, Nash 1981: 461). Allerdings ist der Tourismus an sich ein relativ junges Thema der Ethnologie, das erst in den letzten 40 Jahren näher be-handelt wurde. Zuvor wurde die sozio-kulturelle Bedeutung des Phänomens unter-
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schätzt, da Tourismus als ein westliches Phänomen betrachtet wurde, das nichts mit den traditionellen Bevölkerungen als genuin ethnologischen Forschungsobjekten zu tun hatte: „Tourism was thought to be about economics and tourists, not about the local economy or host.“ (Burns 2004: 7). Außerdem galt die Beschäftigung mit einem Freizeitvergnügen wie dem touristischen Reisen als unangemessen und als seriösEr WissenschaftlerIn versuchte man, nicht damit in Verbindung gebracht zu werden. Aufgrund der Ähnlichkeit zwischen einer ethnologischen Feldforschung und einer touristischen Reise war es für EthnologInnen besonders wichtig, sich von den reisenden Massen abzugrenzen (ebd.: 6, Wallace 2005: 5, Errington 1989: 37, Crick 1985). Die ersten ethnologischen Arbeiten 18 entsprangen in den 1970er Jahren diesem unvermeidbaren und für letztere lästigen Kontakt zwischen TouristInnen und EthnologInnen, als die touristischen „Horden“ in Bereiche vordrangen, die bisher den EthnologInnen und „ihren“ Indigenen vorbehalten waren. Diese frühen ethnologische Arbeiten zu den sozio-kulturellen Folgen betrachteten die touristische Erschließung der EL überwiegend als negativ und befürchteten, dass Akkulturationsprozesse bei der einheimischen Bevölkerung zu Identitätsverwirrungen führen könnten und dass deren Kultur zu einem käuflichen Objekt (commoditisation) degradiert würde (Selwyn 1992: 358, Burns 2004: 10). Ein weiteres Motiv war die Interpretation von Tourismus als imperialistische, neo-kolonialistische Praxis, welche die wirtschaftspolitische Dominanz des Nordens über den Süden aktiv reproduziere (Nash 1989: 38ff, Crick 1989: 324, Burns 2004: 10). Diese Analysen gelten mittlerweile als zu einseitig, da als Folge des ethnologischen Bewahrungsdranges missachtet wurde, dass Kulturwandel nicht allein durch Tourismus sondern durch weitere Globalisierungstendenzen wie etwa die Verbreitung von Medien, Migrationsbewegungen, Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozesse bewirkt wird und außerdem nicht zwangsläufig und ausschließlich negative Folgen haben muss. Außerdem wurde die Sichtweise der lokalen Bevölkerung - der eine völlig passive Opferrolle zugeteilt wurde - in Hinblick auf Kulturwandel und sozio-kulturelle Veränderun-
18Als erste ethnologische Arbeit zum Thema Tourismus wird allgemein Nuñez’ Studie aus dem Jahr 1963 zu Wochenendtourismus in Mexiko genannt (Nash 1996: 1, Burns 2004: 10). Als Wegbereiterin gilt auch Valene Smith, die 1974 das erste Symposium der American Anthropological Association zum Thema Tourismus organisierte, wozu drei Jahre später der Sammelband „Hosts and Guests. The Anthropology of Tourism“ veröffentlicht wurde (Burns 1999: 80).
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gen nicht berücksichtigt und mögliche Handlungsspielräume ausgeblendet. 19 In den 1980er Jahren verschob sich der Fokus ethnologischer Forschungen, sodass die Reisenden und deren Motivationen und Rollen, verschiedene Touristentypen und die Bedeutung der Reise für diese Individuen in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses rückten. Die Reise wurde in Hinblick auf die frühe Tourismuskritik Hans Magnus Enzensbergers als Flucht aus dem Alltag 20 (vgl. Burns 1999: 82, Stronza 2001: 266) sowie als Ritual und Pilgerreise (Graburn 1983, 1989) gedeutet, die den Charakter einer Suche des entfremdeten, städtischen Menschen nach sich selbst im Authentischen (McCannell 1989) haben kann. Auch diese Forschungen sind als einseitig zu bezeichnen, indem sie lediglich die Reisemotive untersuchen, nicht aber die Motivation der lokalen Bevölkerung, ins touristische Geschäft einzusteigen (Stronza 2001: 262). Die Ethnologin Judith Schlehe fordert in diesem Zusammenhang, dass „Tourismus längst als Bestandteil lokaler Realitäten und als mitkonstituierender Faktor kultureller Identitäten“ gesehen werden muss, denn: „Tourismusindizierter Kulturwandel ist ein komplexer, dynamischer und beidseitiger Prozess!“ (Schlehe 2003: 36). Ein drittes großes Thema der Ethnologie ist der interkulturelle Kontakt zwischen TouristInnen und Einheimischen. Innerhalb dieser Thematik wurde auch die Bedeutung von Guides als VermittlerInnen zwischen den Kulturen untersucht.
Ein junges und momentan sehr bedeutsames Feld ethnologischer Tourismusforschung ist die erwähnte Beschäftigung mit alternativen Tourismusformen 21 (Burns 2004: 12, Stronza 2001: 274 ff.). Nachdem erkannt wurde, dass Tourismus auch positive Effekte haben kann, liegt es nun in der Verantwortung der Ethnologie, diese zu untersuchen und zu fördern: „If tourism can have both positive and negative effects on development, the
19 Gerade in Bezug auf die Vermarktung von Kultur merkt der Tourismusethnologe Tom Selwyn an, dass indigene Gruppen häufig strikt zwischen kulturellen Präsentationen für TouristInnen und tatsächlichen Ritualen, die unter Ausschluss der touristischen Öffentlichkeit stattfinden, trennen und auf diese Weise Traditionen bewahren und gleichzeitig neue Kunstformen schaffen können (Selwyn 1992: 358, Cohen 1988: 382).
20 Claude Lévi-Strauss merkte allerdings in Anbetracht der Zerstörung der ehemals unberührten Regionen unseres Planeten durch eine „wuchernde, überreizte Zivilisation“ bereits in seinem 1955 erschienen Klassiker „Traurige Tropen“ an, dass „die angebliche Flucht einer Reise (..) [nichts] anderes bedeuten [könne], als uns mit den unglücklichsten Formen unserer historischen Existenz zu konfrontieren.“ (Lévi-Strauss 1978: 31).
21 Zu nennen wären hier Corinne Neudorfer (2007) mit ihrer Forschung zu CBT bei den Akha in Laos und Beiträgen zum nachhaltigen Tourismus (2006) sowie Sophie Elixhauser (2006) und Amanda Stronza (2001, 2005, 2008) zum Ökotourismus.
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practical-minded question is how to accentuate the positive.“ (Nash 1981: 466). Der Tourismus avancierte vom Instrument der Zerstörung zu einem Allheilmittel. Weitere aktuelle und zukünftige Forschungsfelder sind eine stärkere Konzentration auf den Binnentourismus (Antweiler 2004: 20, vgl. Schlehe 2004: 43), Lokalisierungsstudien, die „Tourismus als lokalisierten Teil kultureller Globalisierung“ (Antweiler 2004: 23, vgl.: Schlehe 2003: 42) sehen, „Zusammenhänge mit anderen Mobilitäten und Konsumformen“ (Schlehe 2003: 43), Orts- und Landschaftsbezug der touristischen Reise unter dem Aspekt der „De-Territorialisierung“ (Antweiler 2004: 22) und „Körpererfahrungen“ sowie sinnliche Erlebnisse der Reisenden (ebd.: 21). Schlehe betont außerdem die Bedeutung von Gestaltungspotenzialen, Innovationen und neuen „kreolisierten“ Identitäten, die der Tourismus auslöst, aber auch von Machtbeziehungen und Ungleichheiten im globalen Kontext (Schlehe 2003: 42). Auf der praktischen Ebene sind EthnologInnen vor allem für eine vermittelnde und beratende Tätigkeit zwischen Einheimischen, Reisenden und touristischen Unternehmen anhand von Bedürfnisanalysen und der Ermittlung von Schnittstellen zwischen den Interessen der einzelnen Akteure prädestiniert (GATE 2004: 84). Häusler betont in diesem Zusammenhang die Arbeit in CBT-Projekten (Häusler 2004: 53). Bei touristischen Großprojekten können EthnologInnen im Sinne der Advocacy Anthropology die indigene Bevölkerung informieren und im Kampf um ihr oft bedrohtes Land unterstützen (ebd.: 52). Außerdem ist die Aufklärung von TouristInnen ein mögliches Betätigungsfeld. Durch das Erstellen kultursensibler Reiseliteratur sowie entsprechende Fremdenführungen können Reisende sensibilisiert werden.
2. Partizipation
Nachdem im vorherigen Kapitel der Begriff der Partizipation im Zusammenhang mit CBT schon öfters gefallen ist, werde ich ihn in diesem Kapitel genauer erläutern. „Partizipation“ setzt sich aus den lateinischen Worten „pars“ (Teil) und „capere“ (nehmen, ergreifen) zusammen und bedeutet demnach „Teilnahme“ (Kluge 2002: 683). Allerdings wird der Begriff in diversen Kontexten für ganz unterschiedliche Formen und Ausprägungen von Teilnahme angewandt und wurde bereits im Sinne von aktiver Bewusstseinsbildung und Teilnahme an der Gestaltung der eigenen Umwelt, als (Schein-)Integration marginalisierter Gruppen, im Zusammenhang mit Demokratisierungsprozessen, als Umverteilung von Planungs- und Entscheidungskompetenzen und schließlich als
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kosteneffiziente Strategie der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit, um den Einsatz personeller und finanzieller Ressourcen in den Verantwortungsbereich der Betroffenen hinein zu verlagern, definiert (Hanak 1997: 2f.). Dieses Kapitel wird den Partizipationsbegriff zunächst im Entwicklungskontext und anschließend im Rahmen von politischer, bürgerlicher Teilhabe im Sinne von citizenship behandeln. 22
2.1. Partizipation im Entwicklungskontext
2.1.1. Partizipation in der Entwicklungszusammenarbeit
Bis in die 1980er Jahre war im Kontext der Entwicklungshilfe 23 eine wirkliche Partizipation der betroffenen Bevölkerung kaum möglich, da der eurozentristische Glaube an den trickle-through 24 -Effekt (Kohl 1999: 16, Krummacher 2004: 8) sowie die top-down entworfenen Projekte lediglich eine passive Beteiligung der Betroffenen als Arbeitskräfte bei der Implementierung der extern geplanten und beschlossenen Aktionen vorsahen. Zwar etablierte sich ab den 1950ern im Kontext der Kommunalentwicklungsstrategie mit dem Community Development eine neue Art von Projektarbeit, die die Selbsthilfe der lokalen Bevölkerung unter externer Bereitstellung von technischen und finanziellen Diensten in den Mittelpunkt stellte (Nohlen 2000: 157 f., Kohl 1999: 63 ff). Jedoch resultierten diese Projekte aus mangelnder Beachtung der lokalen Machtverhältnisse häufig in der Förderung örtlicher Eliten und verstärkten bestehende soziale Ungleichheiten (Krummacher 2004: 9). Die Auseinandersetzung mit diesen gescheiterten partizipativen Projekten führte in den 1970ern zu der so genannten integrierten Entwicklung, bei der den „Ländern des Südens (…) vermehrt Verantwortung zur Lösung ihrer Probleme übertragen“ (Kohl1999: 21) wurde. Dieser Fokus auf das Mitspracherecht klingt zunächst positiv nach tatsächlicher Partizipation, bedeutete jedoch in Wirklichkeit eine verstärkte Nutzung lokaler Ressourcen und Dienstleistungen sowie die damit einhergehende Entlastung des Staates. Partizipation wurde in diesem Kontext im Interesse des Staates und des Neoliberalismus instrumentalisiert und nicht primär als Zugeständnis
22 Das Thema der Partizipation im Tourismus wird an dieser Stelle nicht mehr behandelt, da es bereits unter A.1.1.2 erläutert wurde.
23 Ich verwende an dieser Stelle den Begriff der Entwicklungshilfe weil die Bezeichnung „Entwicklungszusammenarbeit“ erst in den 1990ern aufkam (Off 2008: 55).
24 Trickle-through steht für „durchsickern“ und bezeichnet die evolutionistisch geprägte Vorstellung, dass die EL durch das Durchsickern von Knowhow und Technologien aus den Industrieländern mit der Zeit eine ebenso hohe Entwicklungsstufe erreichen würden (Kohl 1999: 16).
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von Selbstbestimmung an die lokale Bevölkerung verstanden. Heftige Kritik und neue Lösungen lieferten vor allem BewohnerInnen des Südens selbst, darunter überwiegend Mitglieder von Basisorganisationen (grassroots
organizations)
und lateinamerikanische Vertreter der Dependenztheorie
25
, welche die Beschäftigung mit benachteiligten, von der Partizipation weiterhin ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppen fokussierten (Kohl 1999: 27). Diese Kritiker wollten unter Partizipation nicht den Einsatz von lokalen Ressourcen und Arbeitskräften in extern entwickelten Projekten verstehen, sondern die Teilnahme der Betroffenen unter Beachtung ihres spezifischen Wissens und ihrer Fähigkeiten als aktives, gestaltendes anstatt passives Partizipieren (ebd. 29). Mit dieser Paradigmenverschiebung zum Menschen hin ebneten sie den Ansätzen der partizipativen Entwicklung der 1980er und -90er den Weg, die mit
bottom-up-Ansätzen
und der Idee des „putting people first“ (Cernea
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1985) die Interessen der lokalen Bevölkerung in den Mittelpunkt stellten. Partizipation wurde zur aktiven Teilnahme an Planung und Durchsetzung. Außerdem wurde sie nicht mehr als Mittel für einen bestimmten Zweck (z. B. zur erfolgreichen Durchsetzung eines Projekts), sondern als Prozess der Bewusstseinsbildung und Veränderung von Strukturen gesehen. In diesem Kontext - Kohl bezeichnet diese Art von Beteiligung als „Partizipation als Prozess der Stärkung“ (Kohl 1999: 57)wurden an die Partizipationsidee die Begriffe
empowerment
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und
ownership
geknüpft.
Empowerment
steht als Voraussetzung für erfolgreiche Partizipation und gleichzeitiges Ergebnis derselben für eine Stärkung im Sinne von Ermutigung und Befähigung der Betroffenen, ihre Möglichkeiten zu realisieren und Fähigkeiten zu nutzen, um die von ihnen gewünschten Ziele zu erreichen. Mit dem Begriff wurden oft die NROs in Verbin-
25Diese marxistisch geprägte Theorie stellt sich gegen die Modernisierungstheorien und besagt, dass für die Unterentwicklung von nicht-westlichen Ländern nicht die unzureichende Modernisierung, Industrialisierung und Durchsetzung des Kapitalismus verantwortlich sei, sondern dass sie erst als Folge dieser Faktoren entstünde. Durch Machtausübung gelinge es den Industrieländern, die EL wirtschaftlich abhängig zu machen und weiterhin arm zu halten (Brumann 1999: 76, Friedl 200: 106). 26 Als erster Soziologe bei der Weltbank plädierte Michael Cernea für die Aufnahme soziologischer und ethnologischer Forschungsmethoden in die EZ (vgl.: www.cultureandpublicacti-on.org/pdf/cernealet.pdf).
27 Kohl und Hanak verweisen auf die Bedeutung des brasilianischen Befreiungspädagogen Paulo Freire, der schon um 1960 mit seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ die Bewusstseinsbildung (conscientização) über soziale Ungleichheiten aber auch Potenziale und die Entscheidungsnahme der armen (ländlichen) Bevölkerung betonte und somit als Vorreiter des empowerment-Gedankens betrachtet werden kann (Hanak 1997, Kohl 1999, Freire 1972).
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dung gebracht, welche im Rahmen der partizipativen Methoden ebenfalls an Bedeutung gewannen und denen die „ability to empower individuals and communities“ (Willis 1995: 102) zugestanden wurde. Willis verweist jedoch darauf, dass empowerment von innen kommen muss und nicht von außen gewährt oder zugeteilt werden kann, sodass NROs lediglich die Rahmenbedingungen schaffen können, in denen empowerment stattfindet: „NGOs can provide a context 28 in which a process of empowerment is possible, but only individuals can choose to take and use opportunities, they have to want to participate and to use their skills.“ (ebd.: 103). Es geht also um ein „active taking of power“ (Lagos 1992: 82). Außerdem muss laut Kohl unter empowerment stets eine Kombination aus „Reflexion, Entscheidung und Aktion“ (Kohl 1999: 91) verstanden werden. Ownership bezeichnet die Identifizierung mit den Projekten und somit die Übernahme von Verantwortung. Beide gelten im Zusammenhang mit Partizipation mittlerweile als notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche und nachhaltige Umsetzung von EZ-Projekten.
Während partizipatorische Ansätze zu Beginn von den radikaleren VertreterInnen einer zielgruppenorientierten EZ gefordert wurden, sind sie seit den 1990ern in den Grundsätzen aller großen EZ-Organe (vgl. BMZ 1999, World Bank 1996, www.gtz.de/de/dokumente/de-SVMP-partizipation.pdf) verankert und gehören zum guten Ton. In einer Branche, die aus ethischen Gründen auf Gleichheit, Gleichbehandlung und Gleichberechtigung pocht, kann der Begriff der Partizipation nicht mehr ignoriert werden. Gleichzeitig führte diese zwangsläufige Verwendung dazu, dass „Partizipation“ zu einem inhaltsleeren, beliebigen und dehnbaren Begriff wurde, unter den verschiedenste Vorstellungen von Teilnahme zusammengefasst werden, die von bloßer Information der Beteiligten bis hin zu vollständiger Selbstbestimmung und -verwaltung unter Bereitstellung der nötigen Ressourcen und/oder Rahmenbedingungen reichen. Gabriele Beckmann unterscheidet dabei zwischen unverbindlicher und verbindlicher Partizipation sowie Selbstverwaltung (Beckmann 1997: 7). Die unverbindliche Partizipation lässt sich unterteilen in eine passive, lediglich auf die Transparenz von Entscheidungen und das
28 Der angesprochene Kontext kann die Stärkung demokratische Strukturen und sozialer Bewegungen sowie anderer zivilgesellschaftlicher Elemente bedeuten. Es gibt jedoch auch kritische Stimmen aus dem Lager der Post-Development-Theorien, die Partizipationsförderung in Richtung Demokratieentwicklung als neo-kolonialistischen Akt sehen (Sülberg 1988).
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Informationsrecht der Betroffenen ausgerichtete und eine aktive, auf Meinungsäußerungen basierende Form. Während bei der unverbindlichen Partizipation diese Meinungsäußerung lediglich zur „Erstellung eines Meinungsbildes, der Feststellung der allgemeinen Akzeptanz (…) oder der Gewinnung relevanter Informationen“ (ebda) dient, ist sie bei der verbindlichen Partizipation entscheidungsweisend, d.h. die Betroffenen treffen die Entscheidungen zusammen mit den Projektplanern. Bei der Selbstverwaltung werden Entscheidungen von den Betroffenen eigenständig gefällt. Aufgrund dieser unterschiedlichen Ansätze kann Partizipation weiterhin problemlos zur Manipulation der Betroffenen und der Durchsetzung politischer Ziele verwendet werden. Doch selbst wenn Partizipation im Sinne von Mitentscheidung stattfindet, ist dies nicht die Lösung aller Probleme. Partizipationskritische Stimmen sind der Meinung, dass die Möglichkeit der aktiven Teilnahme mit einer Verstärkung des sozialen Ungleichgewichts einhergehe, bei dem reich über arm - sei es in Bezug auf Eigentum, Zeit oder Bildung - und aktiv über passiv gewinnt 29 (Bachrach 1992: 34, Laverack/ Wallerstein 2001: 180). Die Afrikawissenschaftlerin Irmi Hanak betont, dass Partizipation in Bezug auf Frauen meist nicht bedeutet “daß Frauen gleichberechtigt partizipieren, sondern bestenfalls, daß Frauen in irgendeiner Weise von dem jeweiligen Programm betroffen sind“ (Hanak 1997: 6), jedoch unter der Dominanz der Männer leiden. Oft wird auch vergessen, welch zusätzlichen Zeit- und Energieaufwand die Beteiligung für die Betroffenen bedeutet und dass sich eventuell nicht jedes Individuum beteiligen möchte bzw. wie schwierig es bei einer vollständigen Partizipation der betroffenenkeinesfalls homogenen - Bevölkerung ist, zu einem Konsens zu kommen (Dudley 1993: 160). Außerdem steht fest, dass oktroyierte Partizipation nicht funktionieren kann, da es ihr an Identifizierungsmöglichkeiten im Sinne von ownership mangelt. In Bezug auf die Partizipation als Eigenverantwortung und Selbstbestimmung stellt sich das Problem, dass EZ-Projekte stets an zeitliche Begrenzungen gebunden sind. Wenn Partizipation als Prozess der Bewusstseins- und Strukturbildung gesehen wird, ist es jedoch kaum möglich, einen genauen Zeitrahmen dafür abzustecken (Kohl 1999: 74).
29 Dies gilt auch in Bezug auf den Begriff
empowerment:
Während dieser eigentlich die Neustrukturierung von Machtverhältnissen bezeichnen sollte, wird er in der Realität oft als „konfliktvermeidende Strategie“ zu einer Ermächtigung im Rahmen der bestehenden Machtverhältnisse reduziert, bei der die Privilegien anderer nicht in Frage gestellt werden (Hanak 1997: 3).
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2.1.2. Partizipation und Entwicklungsethnologie
Auch wenn die deutsche Völkerkunde im Vergleich zu anderen ethnologischen Schulen (z. B. in Großbritannien 30 sowie Nord 31 - und Lateinamerika 32 ) traditionell als praxisfern gilt und eine Beschäftigung mit dem Thema Entwicklung bis in die 1980er fast nur als „Ethnologie der Entwicklung“ (Prochnow 1996: 21) in theoretischer Form erfolgte, sehen Vertreter der so genannten Entwicklungsethnologie mittlerweile gewisse Parallelen zwischen partizipativen Ansätzen und den Methoden und Grundsätzen der Ethnologie. Die Entwicklungsethnologie steht für die institutionalisierte Aufnahme ethnologischer Ansätze in die Planung, Durchführung und Evaluierung von EZ-Projekten, welche die noch bestehenden Defizite vor allem durch die verstärkte „Berücksichtigung kultureller Faktoren“ (ebd.: 23) beheben sollen. Einsatz von EthnologInnen in der EZ wird als unerlässlich für eine verbesserte Situation der Bevölkerung vor Ort gesehen. Eine dritte ethnologische Position, die Aktionsanthropologie (Action Anthropology), ist in ihrer Argumentation „explizit politisch“ und geht davon aus, dass die „Beteiligung von Ethnologen in der Entwicklungshilfe (…) der Aufrechterhaltung ausbeuterischer postkolonialer Verhältnisse“ (Schönhuth 1998: 12) diene. Ihre VertreterInnen stellen sich daher aktiv in den Dienst der lokalen Bevölkerung, indem sie sich als neutrale, nicht-manipulierende BeraterInnen „in ständiger Interaktion mit der Gruppe, auf die Ermittlung bzw. Klärung und Verdeutlichung von Wahlmöglichkeiten in Bezug auf das formulierte Problem sowie die Mittel, mit denen es bewältigt werden kann“ (Prochnow 1996: 30) konzentrieren.
Wie also gestaltet sich das bereits erwähnte Verhältnis zwischen partizipativen Ansätzen
30 In Großbritannien erfolgte die Beschäftigung mit dem Thema Entwicklung bereits im Zusammenhang mit der Kolonialethnologie und wurde in den 1950er Jahren durch die Manchester School unter Max Gluckman mit ihren Studien zum Kulturwandel in Afrika etabliert. Seit 1953 ist die Entwicklungsethnologie dort an elf ethnologischen Instituten vertreten (vgl.: Schönhuth 1998, Antweiler 1993).
31 In den USA ist die allgemeine Ethnologie als Teil der Anthropologie sehr praktisch orientiert und als Entwicklungsethnologie ähnlich wie in Großbritannien akademisch etabliert. Dennoch wird sie wenig für konkrete Entwicklungsmaßnahmen genutzt (vgl.: Antweiler 1993).
32 Die lateinamerikanische Entwicklungsethnologie beschäftigt sich sowohl theoretisch als auch praktisch mit Themen rund um den Entwicklungsbegriff, wobei eine explizite Orientierung an einheimischen Themen dominiert und die Grenzen zu anderen Sozialwissenschaften wie z. B. der Entwicklungssoziologie fließend sind. Außerdem werden ähnlich wie bei der europäischen regimekritische Ansätze verfolgt und marginalisierte Gruppen aktiv unterstützt, was vergleichbar ist mit dem Ansatz der europäischen Action Anthropology (vgl.: Schröder 2004).
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der EZ und Entwicklungsethnologie? Der an Entwicklungsthemen interessierte Ethnologe Michael Schönhuth stellt fest, dass VertreterInnen des Fachs durch ihren holistischen und emischen Ansatz bei der Erforschung von Kultur(en) und der damit einhergehenden Wertschätzung des lokalen Wissens einen besonderen Zugang zur lokalen Bevölkerung haben, der sie für die Rolle des „Anwalt[s] der Gruppe“ oder „kulturellen Vermittlers (cultural broker)“ (Schönhuth 2004: 106) befähigt. Dabei kommen ihnen die lernende Herangehensweise sowie die grundsätzliche Relativierung 33 von Werten und Normen zugute, aufgrund derer sie die diversen involvierten Gruppen verstehen und somit an den „Schnittstellen von Entwicklung“ (ebda) - also zwischen den EZ-Organen und der lokalen Bevölkerung - aber auch innerhalb der Zielgruppe den Dialog erleichtern können (Antweiler 1993: 46, Kievelitz 1997: 61). In diesem Sinne können EthnologInnen als ExpertInnen für das Phänomen „Kultur“ im Allgemeinen und bestimmte Kulturen im Speziellen sowie für interkulturelle Kommunikation Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Partizipation schaffen. Mit der Feldforschung und ihrer Königsdisziplin der teilnehmenden Beobachtung praktizieren EthnologInnen seit Malinowskis Aufenthalt bei den Trobriandern außerdem eine partizipative Forschungsmethode, bei der die Teilnahme an Alltagsprozessen wesentlicher Bestandteil ist (Schönhuth 2004: 110). Es lassen sich also gewisse Übereinstimmungen zwischen der ethnologischen Forschungsweise und den partizipativen Methoden der EZ finden: Beide arbeiten mit lokalem Wissen und der „Innenperspektive“ (Schönhuth 2002: 47) der lokalen Bevölkerung, beide legen Wert auf einen „guten, möglichst machtfreien“ (ebda, ähnlich bei Kievelitz 1997: 60) Kontakt mit den Gruppen, beide müssen im Idealfall ein „Stadium der Deprofessionalisierung“ (ebda) durchlaufen, um sich in die Situation von Lernenden zu versetzen und um sich für lokale Werte und Strategien zu öffnen und schließlich verwenden beide ähnliche Methoden wie z. B. Beobachtung, Interviews, „das Nachzeichnen von Dorfgeschichte und Einzelbiographien, und das Arbeiten mit lokalen Klassifikationen und Kategorien“ (ebda). Diese Übereinstimmungen ermöglichten es der Ethnologie bei der Entwicklung von Monitoring- und Evaluierungsverfahren tätig zu sein, die Partizi-
33Seit der Begründung des Kulturrelativismus durch Boas, Herskovits u. a. werden kulturelle Elemente im ethnologischen Verständnis als Phänomene betrachtet, die nur in ihrem eigenen Kontext verstanden und bewertet werden können (Stagl 1999: 226).
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Arbeit zitieren:
Carolin Brugger, 2009, "O turismo que nós quer" - Community-based Tourism im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Machtstrukturen , München, GRIN Verlag GmbH
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